Der magische Moment: Südamerika
Der von vielen verehrte »Meister der Reportage«, der Pole Ryszard Kapuscinski1, bemerkte einmal: »Die Reise als Versuch, alles zu erfahren – das Leben, die Welt, sich selbst.« Höher kann man den Anspruch ans Herumkommen nicht schrauben, mehr als alles kann es nicht liefern. Doch das Wort »Versuch« beruhigt, es tönt weniger aufdringlich. Keiner wird je alles erfahren, auch jener nicht, der ein Leben lang 24 Stunden pro Tag unterwegs ist. »The world is always bigger than you«, den Satz las ich bei Mickey Mouse in Orlando. Der stimmt, der stutzt jeden, den muss keiner retuschieren. Der hält eine Ewigkeit.
Die vorletzte Geschichte aus der Sammlung »Magische Momente« geschah in Mexiko. Obwohl das Land geografisch als Teil Nordamerikas gilt, gehört es – bedenkt man die Sprache, die Kultur, die Gesichtszüge, die Konquista – zum Süden des Kontinents, zu Lateinamerika. Natürlich habe ich auch bei dieser Gelegenheit nicht alles erfahren. Aber ich habe – inniger als zuvor – etwas erkannt, das zu den markantesten Spurenelementen eines Menschenlebens gehört. Auf witzige, hitzige, ja brutale Art erkannt.
Diesmal geht es nicht um einen Blick auf eine Landschaft, sondern um die Sicht, die Einsicht, in ein Menschenherz. Ich weiß von keinem Teil im Kosmos, das mich (uns) mehr beschäftigte. Und das sich widersprüchlicher und unfassbarer, grausamer und gütiger aufführte als etwas, das – wenn wir es als Zentrum unserer Empfindungen verstehen – gar nicht existiert. Nicht physisch, nicht sichtbar, nie genau da, wo wir es vermuten. Denn in keinem Röntgenapparat taucht es auf. Es ist etwas vollkommen Unsichtbares, das uns in Atem hält. Wenn das nicht magisch klingt.
Ich recherchierte über La lucha libre, die mexikanische Version von Catch-as-Catch-Can. Mehr kann ein »Sport« dem Macho nicht bieten: Sieger und Besiegte, Noble und Böse, die Pose prall zuckender Muskeln, die viril fluoreszierenden Pseudonyme, die spitzen Schreie der weiblichen Anhängerinnen, die knallglitzernde Garderobe, ihre geheimnisumflorten Masken, die Show, das Blendwerk, der Mann als kraftspeiender und potenznärrischer Gockel und: eine Sprache, die bei jedem Wort aus den Nähten platzt, so gefräßig und donnernd, so monumental und bombig kommt sie daher.
Dass alles Lug und Trug war, dass jeder Sieg und jede Niederlage vorher – zwischen Bierkanistern in der Garderobe – abgesprochen worden waren, das störte (und wusste) das Volk nicht. So wie es zur Jungfrau von Guadalupe betete, so betete es zu den »luchadores«. Doch die irdischen Götter waren immerhin lustig, pfiffig, draufgängerisch und heldenhaft bereit, sich preiszugeben. Bis aufs Blut aus allen Poren. Die Show war getürkt – aber meisterhaft. Die als »tödlich verfeindete Bestien« angekündigten Preiscatcher – sie trällerten gerade noch ein Lied unter der Männerdusche – waren famos ehrliche Betrüger. Glaube, Liebe, Beschiss. Aber sie rauften, als ginge es um ihr Leben. Und um etwas – in ihren Augen – noch viel Wichtigeres. Das ich erst zuletzt verstand.
Die Geschichte dieser Erfahrung fand während eines Kampfabends in León statt, genau 400 Kilometer nordwestlich von Mexico City. Die Gladiatoren fuhren wie eine Horde heimatloser Barbaren durch die Arena Isabel, wurden von knapp Tausend frenetisch bejubelt: fürs Haareraufen, fürs Nasenplätten, fürs Ohrenzerren, fürs Fingerreißen, für Halsquetschen, für Hechtsprünge vom Ringpfosten – mit dem Kopf voraus – mitten in die Magengrube des Widersachers, für Saltos – mit den Füßen voraus – in die gegnerische Visage, fürs Einklemmen – grausam lang – des lästigen Schiedsrichters in den Schwitzkasten, fürs – aufeinander – Stühlezertrümmern, fürs gegenseitige – eimerweise – Überschütten von Spülwasser, fürs – gemeinsam – In-die-Zuschauerreihen-Krachen und zuletzt fürs – den johlenden Fans – Stinkefinger-Zeigen. Für alles das.
Die Besten der Barbaren hatten das, was sie hier einen »hombre con angel« nennen, einen Mann mit Charisma. Das ist einer, der funkelt, der die Massen verführt, sie anbrüllt, sie erniedrigt, sie besänftigt und – das Entscheidende – sie in einen Zustand hochgradiger Erregung peitscht.
Nach dem tobenden Finale, in dem jeder jedem Rache schwor, gingen »El guerrero de las galaxias«, sein Amigo »Super Máquina« und ich essen. Ins Los Faroleros auf der anderen Straßenseite: »Die Angeber« hieß die Spelunke und einen besseren Namen hätte es nicht geben können. Riesige Hühnerkeulen mit Pommes frites und die erste Kiste Bier wurden schon auf dem Weg zum Tisch bestellt. Die beiden delirierten noch im Adrenalinrausch der letzten Stunden. Für umgerechnet 45 Euro hatten sie sich ihre Leiber demolieren lassen. Wie glorreiche Halbstarke deuteten sie auf ihre Wundmale, manche noch blutverkrustet: die Kratzspuren, die Stirnbeulen, die ramponierten Knie, die Narben, die fehlenden Zähne, ihre mit blauen und blaugrünen Flecken geschmückte Haut. Und der Schweiß, der noch aus ihren Körpern dampfte.
Die zwei redeten sich ins Paradies: ihre wegen Überfüllung gesperrten Konten. Das Jetten von Metropole zu Metropole. Die Dinners in Nobelrestaurants. Der gerade unterzeichnete Vertrag für eine Japantournee. Wunderbar sprudelnde Maulhelden, die auch nicht mehr wussten, wohin mit dem vielfach verfügbaren und überall lauernden Mädchenfleisch. Letzte, echte Männer, die nun ihre Stiernacken und Schultern freilegten, um auf die Andenken ihrer muskelsüchtigen, leidenschaftlich beißenden Verehrerinnen zu deuten. Damen, die sich – habe ich alles richtig verstanden – an jeder Ecke querlegten, um sofort und ausdauernd von schneidiger Manneskraft betäubt zu werden.
Um 1.30 Uhr – drei Stunden, fünf Hähnchen, zwei Kilo Pommes und insgesamt 37 (siebenunddreißig) Bierflaschen später – brachen wir auf. Ein Taxi kam, auf meine schmalen Schultern gestützt torkelten die Titanen hinaus. Ich war so frei, für die zwei »campeones panamericanos« (in Mexiko kann man vieles kaufen, auch Titel) die Zeche zu zahlen. Wie so oft waren sie pleite. Wir fuhren zum Busbahnhof, ich besorgte die Tickets, eines für die Supermaschine nach Guadalajara, zwei – für den Krieger der Galaxien und mich – zurück in die Hauptstadt.
Das war ein guter Abend. Ich hatte so vieles verstanden, auch ihre Räuberpistolen, ihre Lust auf Schönsein, ihre Bereitschaft zum schweißjagenden Bodybuilding, ihren Wahn nach Machosprüchen und Siegerpose. Irgendwann hatte ich die beiden – im Brotberuf lausig bezahlte Beamte – gefragt, warum sie das alles aushalten: die Prügel, die verbeulten Gesichter, das bisschen Geld, die geschundenen Knochen, die miserable medizinische Versorgung. Und der Sternenkrieger, dieser Bierkastensäufer und Unverwüstliche, hatte geantwortet: „¿Por qué? ¡Porque hay un deseo en mi, un deseo de ser alguien!« Warum? Weil es da eine Sehnsucht in mir gibt, eine Sehnsucht, jemand zu sein! Das war ein wunderschöner Satz, wohl der bestimmendste im Leben dieses 28-Jährigen. Ganz tief klang er, ganz wahr und wirklich.
Wie nah ich mich den beiden fühlte, ihrer Sehnsucht nach Glanz im Leben, nach »angel«, nach Wert und Begehrtsein. Seit dem Anfang der Welt ist es da, dieses Sehnen. Und hat seither nicht aufgehört, uns, jeden von uns, zu befeuern: jemand zu sein, jemand, der leuchtet im Meer einer alles auslöschenden Anonymität.
Lange Fahrt. Salvador, so der bürgerliche Name des Kriegers, schlief. Zutraulich an meine linke Seite gelehnt. Als der Bus im Morgengrauen die Ausläufer des Zwanzig-Millionen-Molochs erreichte, strahlten die ersten roten Strahlen über die Baracken der Stadt. Ich vibrierte, vor Glück wohl.
1Seit die Biografie »Kapuscinski/Non-Fiction« erschienen ist, nach dem Tod des »Jahrhundertreporters« 2007, verehren wir ihn vielleicht ein bisschen weniger. Der »große Wahrheitssucher« hat, ziemlich häufig, die Wahrheit nicht gefunden und als Märchenonkel fungiert, ja, kam beim Buchschreiben oft ins Trudeln und Fabulieren. Die von seinem Biografen Artur Domoslawski vorgelegten Fakten waren nicht zu widerlegen, wurden – trotz heftigen Aufschreis in Kapuscinskis Heimatland – von einem polnischen (!) Gericht als korrekt anerkannt. Dass der Vielgepriesene lange Jahre mit dem »SB«, dem kommunistischen Geheimdienst, flirtete, lässt ahnen, dass der Titel »Moralist« – auch der schmückte unseren Mann in Warschau – nicht immer mit Moral zu tun haben muss.
Ich notiere das alles ohne größere Erregung, will uns nur sacht daran erinnern, dass Schreiben ein zwiespältiges Geschäft ist und wohl am besten funktioniert, wenn wir Schriftsteller es stramm ablehnen, uns als moralische Anstalt aufzuführen. Wir würden uns nur verheben. Und penetrant langweilen.