Kapitel 17

Tote Tauben, rote Rosen, weiße Kerzen

Natürlich sind die Römer schuld daran. Sie haben in Portugal nicht nur gegen Kelten und Lusitanier gekämpft. Sie haben der Serra da Sintra auch den alten Namen Monte da Lua – Mondberg – hinterlassen. Dass der Mond etwas Mystisches, manchmal Unheimliches an sich hat, das weiß ja wohl jeder.

Es dürfte mich also im Grunde nicht wundern, dass sich auf den Straßen und Pfaden im Naturschutzgebiet des Sintra-Gebirges, unweit von Lissabon, Merkwürdiges abspielt. Aber nicht nur dort, wie sich herausstellt.

Ich bin mit den Hunden an der langen Leine in der Serra da Sintra unterwegs, nicht auf der Teerstraße, sondern abseits davon. Macht den Hunden mehr Spaß, und mir auch. Plötzlich sehe ich an einer Stelle, wo sich zwei breite Fußwege kreuzen, einen zerbrochenen Teller, ein paar Blüten, ein oder zwei Handvoll Körner.

Ein ungewöhnlicher Platz für ein Picknick. Auch ungewöhnliche »Zutaten«. Die Hunde laufen weiter, ich vergesse das Ganze.

Ein paar Hundert Meter weiter wieder eine Kreuzung. Diesmal steht eine fast volle Flasche bagaço, Tresterschnaps, auf dem Boden. Daneben zwei Zigarren und eine Schachtel Streichhölzer. Sie ist leicht aufgeschoben, und etwa fünfundzwanzig Zündhölzchen sind ordentlich so aus der Schachtel gezogen, dass sie eine exakte Reihe bilden. Daneben ein Kaffeebecher, halb mit Schnaps gefüllt.

Diesmal kann ich es nicht einfach übersehen oder vergessen. Schließlich haben wir Hochsommer, und Zündhölzer im Wald sind nicht unbedingt optimal. Ich schaue mich um, sehe aber niemanden. Hält sich der vermeintliche Brandstifter im Gebüsch auf? Geht er vielleicht gerade einem dringenden menschlichen Bedürfnis nach?

Langsam, im Schritttempo, fährt auf der Teerstraße unterhalb der Fundstelle ein Auto der GNR vorbei. Die Polizei fährt offensichtlich Streife; sicher wegen der ständigen Waldbrandgefahr.

Also nichts wie hin! Ich winke, halte mühsam die Hunde fest (Uniform-Träger werden stets energisch verbellt). Der Wagen hält an, der Beamte steigt aus und fragt mich – als ich die Hunde endlich zur Ruhe gebracht habe – nach meinem Anliegen.

»Ich wollte Ihnen Bescheid sagen: Da oben liegen Zündholzer und Alkohol – nicht dass hier jemand ein Feuer anzünden will!«

Der GNR-Mann zeigt sich überhaupt nicht überrascht. Das wiederum überrascht mich. Er geht mit mir die paar Meter zu meinem Fund. Schaut sich alles an, grinst und klärt mich auf: »Machen Sie sich keine Sorgen, Senhora. Hier kreuzen sich zwei Wege.«

»Ja, das ist mir schon klar. Aber warum liegen diese Sachen hier?«

»Das ist ein Geschenk«, erklärt er. »Sozusagen eine Opfergabe, um die Waldgeister freundlich zu stimmen. Manchmal finden wir auch tote Hühner. Immer an Kreuzwegen.«

Dann kümmert sich der GNR-Beamte um die Schnapsflasche, die Zigarren, den Becher und die Zündholzer und setzt sich wieder in sein Auto.

Allerdings fällt mir auf: Er schüttet lediglich den Alkohol aus dem Becher. Die Flasche verstaut er sorgfältig im Wagen. Zu seinen Gunsten nehme ich an, dass er sie mit aufs Revier nimmt. Und sich nicht als Waldgeist betrachtet, dem diese Opfergabe dargebracht wurde.

Kleine Notiz am Rande:

Noch ist keine Badesaison, noch kann ich die Hunde morgens am Strand toben lassen. Wir haben Ebbe. An der Flutlinie fängt Giò an wie wild zu buddeln. Er findet zwei tote Tauben, ohne Köpfe. Daneben liegen ein paar rote Rosen und abgebrannte Stümpfe von weißen Kerzen. Die dazugehörigen Vogelköpfe findet mein Hund nicht.

Tote Tiere als Opfergabe, und dann noch ohne Kopf? Ein Blick zum Himmel verrät mir: Wir müssten Vollmond haben. Ob das damit zusammenhängt? Ist ja schon ein bisschen unheimlich. Ob Hexerei im Spiel ist? Schwarze Magie? Voodoo-Zauber?

Dass es hier so etwas gibt – und nicht in einer ländlichen Gegend, wo man vielleicht noch eher Aberglauben vermutet! Nein, ich finde das alles unweit des Touristenorts Cascais, ganz in der Nähe der modernen Hauptstadt Portugals. In einem Waldgebiet, in dem es an jedem Wochenende und vor allem zur Urlaubszeit von Besuchern und Touristen nur so wimmelt. An einem Strand, der viel besucht ist. Merkwürdig.

Ana ruft mich an. Sie hat Liebeskummer. Schlimmen Liebeskummer.

»Ich glaube ja«, sagt sie, »dass ein Fluch auf mir liegt. Den muss ich schnell loswerden.«

Ah ja.»Und wie willst du das machen?« Noch nehme ich das Ganze eher auf die leichte Schulter.

»Ich habe mich schon erkundigt – es gibt in Caldas da Rainha eine sehr erfahrene bruxa, die hilft mir!«

»Eine was?«

»Eine Hexe. Die hat tolle Referenzen, und ich muss sie auch erst bezahlen, wenn sich Erfolg einstellt.«

Wir leben im 21. Jahrhundert. In einem modernen Land, in dem man technisch und wissenschaftlich auf dem neuesten Stand ist. Portugal liegt nicht hinter dem Mond (selbst wenn es hier einen Mondberg gibt), sondern lediglich am westlichsten Ende Europas. Ganz normale Menschen gehen zu einer Hexe? Glauben an Waldgeister, denen man Opfergaben darbringen muss? Sind überzeugt davon, dass sie verflucht sind?

Jetzt will ich es aber wirklich wissen: »Und was macht diese bruxa

»Keine Ahnung«, sagt Ana. »Aber ich bin ganz sicher, sie kann mir helfen. Fährst du mit nach Caldas?«

Es sind immerhin knapp hundert Kilometer, aber ich bin einverstanden. Ich weigere mich allerdings, mit ihr die Hexenpraxis zu betreten, Ana besteht glücklicherweise nicht darauf. Ich warte lieber im Café an der Straße. Nach ungefähr einer halben Stunde taucht Ana dort auf.

»Und?«

»Sie hat mir ein Fläschchen mit Tropfen mitgegeben. Da muss ich ein paar Haare von Armindo hineintun, und dann muss ich das heute Nacht unter eine Eiche eingraben.«

Aha.»Heute Nacht?«

»Ja, es muss heute Nacht sein, weil heute Neumond ist.«

Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Ana macht das tatsächlich. Armindo ist glücklicherweise nicht im Lande, er ist momentan in Deutschland. Also braucht Ana nicht zu erklären, wieso sie nachts in den Park gehen muss. Sie klaut ein paar Haare aus seiner Bürste, gibt sie in die kleine Flasche und zieht kurz vor Mitternacht los, nachdem sie vorher bei Tageslicht schon mal im Stadtpark nach einer Eiche gesucht hat. Da gab es leider keine.

Palmen funktionieren nicht, meint Ana. Aber Pinien schon, und deshalb – erfahre ich am nächsten Morgen – hat sie das Fläschchen in Strandnähe unter eine Pinie verbuddelt.

Ich zweifle an meinem Verstand (an dem von Ana sowieso). Ist das vielleicht eine typische Verhaltensweise von Portugiesinnen? Andererseits war der GNR-Beamte ja ein Mann …

Oder liegt es am Alter? Ana ist Mitte zwanzig. Vielleicht hat sie zu viele TV-Serien über Vampire und Hexen gesehen? Aber auch damit liege ich falsch.

Senhor Filipe fragt, ob ich mit ihm nach Lissabon fahre. Wir könnten, so meint er, zum bekannten schwedischen Möbelhaus shoppen gehen. Vorher aber muss er, das sagt er gleich, zum Campo dos Mártires da Pátria.

»Was willst du denn in der deutschen Botschaft?«, will ich wissen.

Er muss nicht in die Botschaft. Aber außer der Botschaft, dem Goethe-Institut und einem kleinen Park ist nichts an diesem Platz.

»Doch«, sagt Senhor Filipe. »Da ist die Statue von José Tomás de Sousa Martins.«

Interessant. »Wer ist das? Und vor allem: Was willst du da machen?«

Senhor Filipe ist es ein bisschen peinlich, aber dann erzählt er die Story: »Ich habe da in der Gegend mal gewohnt«, sagt er. »Meine Exfrau hatte starke Rückenschmerzen und sollte operiert werden. Da habe ich wie alle bei Sousa Martins eine Kerze angezündet – und sie war geheilt!«

Wie alle anderen?

»Ja«, erklärt Senhor Filipe. »José Tomás de Sousa Martins war ein berühmter Arzt und beim Volk sehr beliebt, weil er half, ohne Geld dafür zu verlangen. Deshalb hat man ihn mit einer Statue geehrt. Und seitdem wirkt er Wunder – wenn man dort eine Kerze anzündet, hilft das gegen Krankheiten. Er wird als Heiliger verehrt, sein Kult wird aber von der katholischen Kirche nicht anerkannt.«

Bisher war mir Senhor Filipe weder durch besonders große Frömmigkeit noch durch seinen Glauben an Wunder aufgefallen. Okay – er spielt in der Lotterie Euromilhões mit, aber das ist ja kein echter Wunderglaube. Bisher dachte ich, er sei ein rationaler Mensch, seriös in seinen Ansichten und seinem Auftreten.

Ich erinnere mich allerdings jetzt, dass mir bei meinem letzten Botschaftsbesuch diese Statue aufgefallen ist. Unzählige weiße Marmortäfelchen lagen um sie herum, auf denen nicht nur Namen geschrieben standen, sondern auch Daten und immer wieder: obridago.

»Genau«, sagt Senhor Filipe, »von den Menschen, denen Sousa Martins eben geholfen hat. Eine liebe Freundin von mir ist sehr krank.«

Aha. Na ja, wenn er meint …

Je mehr Portugiesen ich kennenlerne, desto klarer wird mir: Es gibt kaum einen, der nicht an so etwas glaubt. Flüche und Segnungen, Zauber für Liebe und gegen Krankheiten, Hexerei und macumba – all das gehört in Portugal zum Alltagsleben.

Überhaupt – macumba. Dieses Wort raunt jeder geheimnisvoll vor sich hin.

Ich treffe reife Männer, die fragen: »Kannst du macumba?« Ich begegne tollen, starken Frauen, die sagen: »Das ist macumba!« – immer dann, wenn etwas schiefläuft. Im Job. In der Ehe. In der Familie. In finanziellen Angelegenheiten.

Nur: Was ist macumba? Irgendetwas Brasilianisches, höre ich. Wikipedia klärt auf: Es ist so etwas Ähnliches wie Voodoo. Auf jeden Fall: schwarze Magie.

All das begegnet mir bei Menschen, die nicht irgendwo in der Pampa wohnen, sondern in der Großstadt. Nicht ungebildete Portugiesen, die es vielleicht einfach nicht besser wissen. Sondern Lehrer, Journalisten, Physiotherapeuten, TAP-Piloten. Apotheker und Stewardessen, Kellner und Geschäftsleute. Ich habe absolut nicht den Eindruck, dass die mich alle auf den Arm nehmen. Und wenn doch, dann handelt es sich um eine landesweite Verschwörung.

Außerdem dachte ich immer, die Portugiesen sind alle gläubige Katholiken.

Kleine Notiz am Rande:

In Portugal ist Fátima einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche: Fátima hat einen größeren Kirchenvorplatz als der Petersdom in Rom. Die neue Kirche Igreja da Santissima Trindade ist mit 9000 Plätzen die viertgrößte Kirche der Welt. Hier wird gewallfahrtet, was das Zeug hält. Immer ab 13. Mai, jeden Monat bis 13.Oktober. An den Daten also, an denen vor knapp hundert Jahren die Erscheinung der Jungfrau Maria und ein »Sonnenwunder« stattgefunden haben sollen. Hier geben sich die Päpste die Klinke in die Hand: Johannes Paul II. war gleich dreimal hier, Benedikt XVI. schon einmal.

Oder liegt es vielleicht gerade daran? Hier glaubt man eben noch an Wunder. Und wenn sie nicht in Fátima oder in Lissabon, in Porto oder in Braga (der Stadt, in der einem portugiesischen Sprichwort zufolge am meisten gebetet wird) geschehen, muss man eben auf andere Art und Weise nachhelfen. Im Improvisieren sind die Portugiesen bekanntlich große Meister. Bei Wundern und im Glauben eben auch.