Kapitel 16

Auf den Hund gekommen

Meine erste Nacht in Portugal, also in unserer Wohnung in São Domingos de Rana hatte mich ziemlich verblüfft. Vorher, bei meinen Urlaubsaufenthalten, war es mir nie so aufgefallen. Die ganze Nacht lang: Hundegebell. Es kommt eindeutig von draußen. Sind das alles Straßenhunde?

Unentwegtes Gekläff in hohen Tonlagen. Ausdauernd und absolut nicht schlaffördernd. Sonores tiefes Gebell, mit langen Pausen, dafür aber immer wieder. Winseln, Jaulen, wildes Knurren. Ein wahres Konzert da draußen. Nacht für Nacht. Bis in die frühen Morgenstunden. Und das mitten in der Stadt. Merkwürdig. António scheint es nicht zu hören. Mich als Neu-Portugiesin dagegen stört es.

Nach und nach stelle ich fest: In den Nebenwohnungen leben viele Hunde. Zwar sind die Apartments nicht gerade klein. Aber hundegerecht sind sie nicht unbedingt. Vor allem, wenn die Besitzer ihre Vierbeiner gerade mal morgens und abends maximal je ein Viertelstündchen auf dem spärlichen Grasstück zwischen den Häusern Gassi führen. Den Rest des Tages sind die Hunde allein, immer in der Wohnung.

Es sind große Rassen dabei: Boxer, Schäferhunde, Golden Retriever, sogar Huskys. Keine kleinen »Wohnungshunde«, sondern Tiere, die richtig Auslauf brauchen. Nicht nur eine halbe Stunde am Tag an der kurz gehaltenen Leine. Und was bitte sollen Schlittenhunde im sonnigen Portugal? Das verstehe ich nicht. Sie scheinen aber gerade in Mode zu sein, denn allein in unserem kleinen Viertel gibt es drei oder vier Huskys.

So gern ich einen Hund hätte – in einer Wohnung keinesfalls. Wenn wir uns einen Hund zulegen, dann nur, wenn wir endlich ein Haus mit Garten haben. Mit einem großen Garten, wohlgemerkt. Da dies aber bekanntlich ein Traum ist, wird wohl nichts daraus werden. Schade.

»Wenn ich euch ein schönes Haus besorge«, fragt ein paar Monate später meine Freundin Petra, »tust du dann ein gutes Werk und nimmst einen Hund aus dem Tierheim?«

Ich grinse. António und ich wohnen jetzt seit einem knappen halben Jahr in der »Schlafstadt« in São Domingos de Rana. Wer würde nicht ein schönes Haus mit Garten haben wollen?

»Okay, liebe Petra«, sage ich, »wenn du das wirklich schaffst, dann steht unser Deal. Du weißt: Hund in der Wohnung finde ich nicht optimal. Aber Haus mit Garten und Hund ist perfekt.«

So kommen wir zu Giò.

Kleine Notiz am Rande:

Wer schon einmal in einem Tierheim in Portugal war (oder einem anderen südlichen Land), vor allem wenn es sich um städtisches canil handelt, weiß, dass die Zustände dort meist furchtbar sind.

In den »offiziellen« Heimen werden die Tiere oft nach einem kurzen Aufenthalt getötet, weil man einfach keinen Platz hat. In den privaten Institutionen sieht es ein wenig besser aus. Aber auch hier: zu viele Tiere auf zu wenig Raum. Aber wenigstens werden sie nicht getötet, man versucht eifrig, sie weiterzuvermitteln.

Der Tierschutz steht in Portugal nicht hoch im Kurs. Tiere werden nicht als Lebewesen betrachtet, sondern als »Dinge«, die man wegwirft, entsorgt, tötet, wenn man sie nicht mehr braucht. Tausende Hunde werden in engen Zwingern gehalten, liegen tagaus tagein in der prallen Sonne, an einer viel zu kurzen Kette, ohne jeglichen Auslauf, gerade dass man ihnen einen Napf Wasser hinstellt. Als Futter gibt es Essensreste, Knochen, Abfall.

Viele Residenten engagieren sich deshalb für Tiere, eröffnen private Heime, vermitteln Straßenhunde zu neuen Besitzern nach Deutschland, kümmern sich um die medizinische Versorgung von Streunerkatzen. Manche portugiesischen Tierärzte und Gemeinden bieten kostenlos Kastration und Impfung an. Und selbstverständlich werden auch in Portugal bei vielen Menschen Hunde oder Katzen als Familienmitglieder betrachtet.

Helfen kann man immer nur in Einzelfällen. Vielleicht setzt sich auf lange Sicht in Portugal der Gedanke eines besseren Tierschutzes durch. Aber noch ist die Situation schlimm.

Giò kommt genau am 1. April in unser Haus, aber er ist ganz bestimmt kein Aprilscherz. Ein verschüchterter Mischling, ein knappes halbes Jahr alt, im Tierheim geboren. António und ich sind spontan zur Fundação São Francisco de Assis gefahren, zur Stiftung des heiligen Franz von Assisi, einem privaten Tierheim in Murches, in der Nähe von Cascais, in dem Petra sich engagiert. Leider ist sie heute nicht da, aber wir können uns umschauen. Es tut uns beiden in der Seele weh, wenn wir all die Tiere sehen.

Sie sind zwar in großen Zwingern untergebracht – auf vierzig oder fünfzig Quadratmetern, aber da tummeln sich dann fünfundzwanzig oder dreißig Hunde. Sie haben kaum Auslauf, keine Wiese, nur Betonboden. Ein Teil des Zwingers ist überdacht, so sind sie wenigstens vor Regen und Sonne geschützt. Und das in einem privaten Heim, das sich wirklich bemüht, die Tiere pfleglich zu behandeln, möglichst schnell neue Besitzer zu finden! Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, wie es im öffentlichen canil aussieht …

Ein Hundemädchen soll es sein, finde ich. António möchte lieber einen kleinen Rüden. In Deutschland habe ich beides schon einmal gehabt, und für mich ist klar: Hundemädels sind einfacher zu handhaben. Rüden dagegen wollen immer wieder, jeden Tag aufs Neue, austesten: Wer ist der Boss im Haus? Hundemädchen hingegen – so meine Erfahrung – haben das nicht nötig. Sie geben ohnehin den Ton an, müssen das aber nicht dauernd unter Beweis stellen, sondern schmusen ihr Frauchen (und das Herrchen) einfach nieder.

Durchs Gitter draußen vor dem Zwinger haben wir uns zwar ein Mädchen ausgesucht. Aber als wir dann in die Innenräume kommen, hat uns der Pfleger doch einen kleinen Rüden herausgeholt. Völlig verängstigt, mit großen braunen, treuen Augen. Sehr flehentlich und damit überzeugend blickenden Augen. Wir können nicht widerstehen. Ist ja wohl klar, dass man den Kleinen nicht einfach wieder zurückschickt!

Die Formalitäten sind schnell erledigt. Wir bekommen den Impfpass ausgehändigt, gechipt ist unser neuer Hausgefährte schon. Nach den Dokumenten war die Mutter ein lobo de alscácia – so nennt man in Portugal den deutschen Schäferhund. Vater: unbekannt. Der Kleine hat im Impfpass auch schon einen Namen eingetragen: Er heißt »Vui« – hm, klingt fast wie »Pfui«, und das passt überhaupt nicht zu dem Süßen. Auch wenn er wie ein schmutziges Schweinchen stinkt. Im Zwinger war es nicht sehr sauber, da wird ein- oder zweimal am Tag mit dem Wasserschlauch durchgespritzt, mehr nicht.

Weil sein »Duft« so intensiv ist wie das Eau de Toilette, das António gerade bevorzugt, nennen wir das Hundchen nach langem Überlegen – Giò. Immerhin: Giorgio Armani als Taufpate, das ist doch edel, oder?

Giò ist Hund Nummer eins. Der chefe, selbst wenn man das anfangs wirklich nicht vermuten kann. Im Gegenteil.

Die ersten Tage, mit neuem Halsband versehen, sitzt er ausschließlich ängstlich-misstrauisch unter einem Strauch in der Nähe unserer Terrasse. Nur wenn wir ins Haus gehen, lugt er ein bisschen hervor.

Fressen oder trinken? Keine Spur. Hin und wieder ein Stückchen Trockenfutter. Erst als António kocht und dabei ein bisschen Brühe mit Reis abfällt, lässt sich unser kleiner Vierbeiner zum Essen herab. Zunächst skeptisch, dann überzeugt verfressen.

Es dauert lange, bis Giò Vertrauen fasst. Wochen, eigentlich Monate. Selbst als er schon seit Langem bei mir lebt, bleibt ein gewisses Misstrauen: Er nimmt zum Beispiel nie ein Leckerli aus meiner Hand, ohne es vorher genau zu beriechen – könnte ja sein, dass ich ihn reinlege.

Nach der ersten Woche in der quinta ist er immerhin so weit, dass er sich freut, wenn wir im großen Garten spazieren gehen. Wie ein kleiner Ziegenbock hopst er – mit allen vieren gleichzeitig in der Luft – durchs hohe Gras. Aber: Er kann nicht spielen, versteckt sich immer wieder unterm Strauch, kennt weder Ball- noch Zerrspiele. Selbst ganz normales Gras betrachtet er anfangs mit Misstrauen.

Stubenrein? Keine Spur. Immerhin ist er so rücksichtsvoll, wenn er sein Geschäft erledigen geht, dies auf der Nachbarterrasse (das ist die mit den schönen azulejos) zu tun. Ob er das für edle WC-Keramik hält?

In den Garten geht er die ersten drei Wochen freiwillig nie. Nicht mal zum Pinkeln. Das geht auf dem Teppich im Haus viel besser, da rutscht man nämlich nicht wie auf der gefliesten Terrasse aus, wenn man versucht, das Bein zu heben …

Dona Isabelas Katzen trifft Giò gleich am ersten Tag. Da zeigt er dann doch Interesse, verliert seine Schüchternheit und traut sich neugierig unterm Strauch hervor, obwohl ihn beide – Katze Boneca und Kater Oscar – zunächst mit Missachtung strafen. Boneca stolziert arrogant direkt vor seiner Nase zum Fressnapf, der neben unserem Kücheneingang steht. Frisst seelenruhig und wendet ihm dabei den Rücken zu. Selbst wenn Giò meint, er müsse zeigen, dass er knurren kann, oder wenn er ein leicht verunglücktes fiependes Bellen versucht: Das interessiert Boneca nicht.

Oscar hingegen – ich sage nur: Kerle! – bekommt einen Flaschenbürstenschwanz und faucht. Verspeist aber seinen Mittags-bacalhau dennoch sehr zufrieden in Giòs Sichtweite und schert sich ebenfalls wenig um den neuen Hausgenossen. Zumindest solange er ihm nicht unvermutet begegnet. Bis heute, Jahre später, hat Giò Kater Oscar übrigens nicht vergessen: Wenn ich ihn auffordere »busca Oscar! – such Oscar!«, rast er laut bellend los und schaut nach oben Richtung Dach. Denn genau da sitzt Oscar in der quinta nämlich immer, grinst sozusagen hinunter auf den Hund und weiß: Hier bin ich sicher!

Warum ich mit Giò Portugiesisch spreche? Ganz einfach: Demnächst wird der Kleine in die Schule gehen. Und nachdem wir in Portugal leben, wird es eine portugiesische Hundeschule sein.

Es ist ein langer Kampf, bis Hund und Frauchen endlich zueinanderfinden. Ich habe das Glück, in der Hundeschule nicht nur einen hervorragenden Lehrer für Tier und Mensch zu finden, sondern auch an einem Seminar mit der bekannten norwegischen Hundetrainerin Turid Rugaas teilzunehmen. Eine wirklich beeindruckende Frau. Sie erzählt uns, wie Hunde »ticken«; dass wir auf die kleinen Signale der Körpersprache achten sollen, dass wir mit denselben Signalen auch mit unseren Tieren kommunizieren können und nicht zu viel verlangen sollen. Und sie weist uns auf ein Wort hin, das ich eigentlich dank meiner Portugalerfahrungen schon lange kennen müsste: »Haben Sie Geduld!« Auf Portugiesisch heißt das paciência, und es ist die Basis des gesamten portugiesischen Alltagslebens: Paciência braucht man, wenn man an der Fisch- oder Fleischtheke und an der Supermarktkasse wartet, wenn man mit dem Auto im Stau steht, wenn man – wieder einmal – auf irgendeiner Behörde um Dokumente nachsuchen muss.

Paciência ist nicht nur Geduld, sondern eben auch Gelassenheit. Das Leben mit all seinen Facetten und Rückschlägen nicht aufgeregt zu meistern versuchen, sondern gelassen zu bleiben. Auf Neudeutsch: relaxed.

»É a vida – so ist das Leben eben«, sagen die Portugiesen, ein wenig schicksalsergeben. Wenn es heute nicht geht, dann geht es eben morgen. Wenn man es nicht auf dem üblichen Weg schafft, sucht man sich einen unüblichen. Ohne Hektik, ohne Stress.

Genauso muss ich es machen, um bei Giò weiterzukommen. Ich kann nichts erzwingen, ich muss berücksichtigen, dass er einerseits einen unbändigen Freiheitsdrang hat, andererseits aber genau weiß, wo er hingehört. Gemeinsam schaffen wir es.

Nach etwa einem Jahr ist Giò überhaupt nicht mehr scheu oder schüchtern. Er verteidigt mich – mit gefährlichem Knurren und hochgesträubtem Rückenhaar –, wenn ein Fremder das Grundstück betritt. Er gewöhnt sich aber rasch daran, dass Fremde zu Freunden werden – und dann begrüßt er sie freudig. Vor allem, wenn sie zum Grillen kommen. Er klaut frisch gegrillte Sardinen vom Grill, er liebt gekochten bacalhau, sogar rohe carapaus.

Hunde mögen Fisch? Das wusste ich nicht. Giò ist eben ein echter Portugiese.

Er ist ein richtig toller Gefährte, wie ich es mir immer gewünscht habe. Ein vierbeiniger Freund, mit dem ich am Strand toben kann – und er kommt anstandslos zu mir, wenn ich ihn rufe. Er geht mit mir in der Serra da Sintra spazieren – und er büxt nicht aus.

Genau der richtige Zeitpunkt für einen Umzug. Diesmal geht es richtig aufs Land.

Knapp tausend Quadratmeter ganz allein für Frauchen und Hund. Keine Nachbarn oder Feriengäste, die den Hundefrieden stören.

Das ist, so denkt sich Giò, zwar ganz nett. Aber es wäre ja schon schick, wenn man hier nicht allein herumtoben müsste.

»Kein Problem«, sagt Frauchen, »es gibt ja Max.«

Max wohnt nebenan, beim Hausherrn und Vermieter. Max ist ein mittelgroßer Podengo-Mischling. Rotzfrech, ein großer Weiberheld und bewährter Jäger von Schafen und Eseln. Zumindest behaupten das die Nachbarn, die mit Max so gar nicht klarkommen. Nicht nur weil er seine Aktivitäten bei Tag und bei Nacht in allen umliegenden Gärten und Weiden ausübt; sondern weil er das gerne sehr lautstark tut. Das Gekläffe von Max ist ansteckend: Giò findet es angebracht, sich seinem neuen Freund anzuschließen. Ebenfalls lautstark. Aber wenigstens gellt sein Bellen nicht so in den Ohren wie das hohe ausdauernde Gekläffe von Max.

Giò treibt ebenfalls mit Lust Nachbars Esel und Schafe vor sich her und jagt bei der Gelegenheit noch dem einen oder anderen Huhn nach. Zumindest so lange, bis ich beschließe, diesem wilden Treiben Einhalt zu gebieten. Wenigstens für meinen Hund. Ein Zaun muss her. Ich will keinen ständigen Ärger mit den Nachbarn.

Max hingegen muss in den »Knast«.

Ich kann ja nachvollziehen, dass es Senhor Filipe, meinen Vermieter und chefe von Max, einfach nervt, wenn er dauernd Beschwerden bekommt. Aber ist das ein Grund, dem armen Max die Freiheit zu entziehen? Muss er deshalb wirklich tagsüber in die Hundehütte?

Senhor Filipe sagt: »Es geht nicht anders. Ich bin in meinem Job mindestens drei oder vier Tage in der Woche nicht da. Für Futter ist gesorgt, und Wasser bekommt Max auch. Aber er darf erst dann raus, wenn Esel und Schafe in den Stall kommen. Also frühestens um siebzehn Uhr. Wenn ich aber nicht da bin, kann ich ihn nicht hinauslassen.«

Ich überlege. »Und wie wäre es, wenn ich diesen Job übernehme? Mir macht das wirklich nichts aus. Dann wäre es aber besser, wenn die Hundehütte von Max in meinem Garten steht. Platz ist genug da, ich füttere Max und Giò gemeinsam. Und Punkt fünf Uhr nachmittags kann Max auf die Piste.«

Gesagt, getan.

Max – dessen eigentlicher und vollständiger Name Maximista Tosta Mista ist, also so viel wie »der größte gemischte Toast« – zieht um.

Er wird aber nicht zum Hund Nummer zwei, denn er gehört mir nur zur Hälfte. Die andere Hälfte beansprucht nach wie vor Senhor Filipe. Und er zahlt auch alle Kosten – Futter und Tierarzt, und was Max sonst noch so braucht.

Max ist also mein Hund Nummer eineinhalb.

Selbst wenn es sich bei Max’ »Kerker« um eine wunderschöne Holzhütte mit eigenem Sonnendeck handelt – Max ist eingesperrt, und das erträgt er nicht. Das tut er in voller Lautstärke kund, und er sucht und findet immer eine Chance beziehungsweise ein Schlupfloch für seine altbewährten Kontrollgänge durchs Dorf.

Es ist Freitagmittag, ich war eben mit Giò am Strand spazieren, und weil das Wochenende naht, Esel und Schaf bereits im Stall sind, hat Max heute etwas früher Freigang. Giò nutzt die Gelegenheit, als ich einen Moment nicht aufpasse, und haut ebenfalls ab.

Gemeinsam erkunden die beiden Herren die Gegend. Ich kenne das schon: Nach einer Stunde, manchmal dauert es auch etwas länger, sind beide wieder erschöpft, aber glücklich zurück.

Diesmal nicht.

Es wird später Nachmittag, es wird Abend: nichts. Weder Max noch Giò lassen sich blicken. Ich bin mittlerweile ziemlich unruhig. Nicht wegen Max, der ist ja bekanntlich nur hin und wieder und gezwungenermaßen häuslich, im Grunde aber ein Streuner. Der beißt sich durch, der lässt sich nichts gefallen. Um Giò aber mache ich mir Sorgen.

Senhor Filipe versucht mich zu beruhigen: »Reg dich nicht auf. Max ist ein echter Straßenhund, und Giò läuft ihm hinterher. Das weißt du doch!«

»Ja, aber diesmal ist es so lange …«

»Die kommen schon wieder!«

Erkundungsfahrten, auch auf den Seitenwegen im Dorf und außerhalb, bleiben vergeblich. Es liegt nirgends ein verletzter Hund auf der Straße, im Café am Dorfplatz hat niemand die beiden gesehen.

Es wird dunkel, es wird Nacht. Ich bin mittlerweile heiser vom Rufen und nicht mehr nur ängstlich, sondern allmählich stocksauer.

Mein »verlorener Sohn« Giò kommt kurz vor Mitternacht, nach mehr als neun Stunden, wieder angekrochen. Mit sichtbar schlechtem Gewissen. Verzieht sich sofort ins Haus, in seinen Korb. Weiß genau: Heut habe ich Mist gebaut!

Von Max keine Spur. Er kommt die ganze Nacht nicht heim.

Gemeinsam mit Senhor Filipe fahre ich Samstag und Sonntag die Gegend ab. Senhor Filipe hängt überall Suchfotos von Max auf.

Nichts.

Das ganze Dorf weiß Bescheid, denn Max kennt wirklich jeder. Obwohl sich alle hin und wieder über Maximista Tosta Mista aufgeregt haben, wenn er wieder mal was klaute, zu laut und lange gekläfft hat oder eine Hundedame unerwünschterweise beglückte: Irgendwie vermissen sie ihn doch.

So lange war Max noch nie weg. Senhor Filipe macht sich Sorgen, denn seit knapp drei Monaten muss Max jeden Tag Herztabletten bekommen, immer zur selben Tageszeit. Das geht natürlich jetzt nicht. Dazu kommt: Es ist wirklich heiß, der August zeigt sich von seiner schönsten Seite. Tag für Tag haben wir mehr als 30 Grad. Kein Wölkchen am Himmel, kein Regen in Sicht.

Eine Woche geht ins Land. Immer wieder fahren wir los, fragen in Cafés und Kneipen. Nichts.

Ein paarmal gibt es Fehlalarm, wenn der eine oder andere glaubt, er habe Max gesehen. Stets stellt sich heraus: Max ist nirgends gesichtet worden. Auch im Tierheim wurde er nicht abgegeben.

Nach zehn Tagen geben wir die Suche auf. Bleibt uns nur zu hoffen, dass Max einen Herzschlag erlitten hat und nicht lange leiden musste. Vielleicht hat er auch ein neues Herrchen gefunden.

Giò vermisst seinen Gefährten. Er hat niemanden mehr zum Spielen, Toben, Unsinn machen. Wenigstens ihm kann ich helfen.

Schon vor ein paar Monaten hatte mir meine »Perle«, die jede Woche zum Putzen kommt, einen Welpen angeboten.

»Sie wissen ja, Dona Cristina«, meinte sie damals, »ich arbeite auch für ein paar andere Haushalte. Senhor Nuno hat eine Hündin, und die hat eben geworfen. Neun Junge sind es, er weiß gar nicht, wie er die alle unterbringen soll. Wollen Sie nicht einen zweiten Hund? Sie haben doch einen schönen großen Garten!«

Ich hatte dankend abgelehnt – eineinhalb Hunde-Rabauken reichten mir wirklich.

»Vielleicht kennen Sie jemanden, der einen Hund möchte?«

Leider kannte ich niemanden, der infrage kam.

Aber ich erinnere mich an dieses Gespräch. Ich rufe Ludmila an. Sie ist morgen ohnehin im Haus von Senhor Nuno. Vielleicht kann sie da nachfragen?

Ludmila fragt nach: Von den ursprünglich neun Welpen sind jetzt, fünf Monate später, noch zwei Hundemädchen da.

So kommt Jenny ins Haus. Offizieller Hund Nummer zwei. Sie ist wirklich eine süße, verschmuste kleine Hundedame. Giò ist erst misstrauisch: Was ist das für ein weißes Fellknäuel, das fiept und tapsig durch den Garten wackelt? Es dauert aber keine Viertelstunde, da hat Jenny Giò bereits um den Finger beziehungsweise um die Pfoten gewickelt.

Jenny hat die erste Nacht in ihrem neuen Zuhause gut überstanden. Ich habe für sie und Giò eben draußen die Futternäpfe hingestellt.

Plötzlich: wildes Gebell, dazwischen hohes Fiepen und Knurren von Jenny. Die beiden werden sich doch nicht ums Fressen raufen?

Ich stürze nach draußen – und was sehe ich? Giò ist völlig außer Rand und Band. Wedelt sich fast die Seele aus dem Leib. Jenny knurrt und zeigt aufgestelltes Rückenhaar. Wedelt nur sehr vorsichtig.

Ein nasser Max. Leicht abgemagert, aber gesund und munter. Er ist völlig verdreckt, lässt sich aber nicht anfassen, geschweige denn ins Bad stecken. Ich schaffe es gerade mal, ihn mit einem alten Handtuch ein bisschen abzurubbeln.

Nun ist er hinübergelaufen zu seinem chefe, zu Senhor Filipe.

Hat sich gerade noch Zeit genommen, bei Jenny kurz zurückzuknurren und sicherheitshalber überall sein Revier zu markieren. Und natürlich die Hundenäpfe völlig leerzufressen.

Jetzt lässt er sich bei Senhor Filipe verwöhnen und hofft sicher auf ein geschlachtetes Kalb, wie es dem »verlorenen Sohn« zusteht. Kann man ja schon in der Bibel nachlesen.

Zwölf Tage war er verschwunden. Wir haben niemals herausgefunden, was passiert ist.

Senhor Filipe übrigens hat beschlossen: »Max muss nie wieder in den ›Knast‹. Jetzt darf er raus, wann immer er will!«

Ich habe jetzt zweieinhalb Hunde.

Was ich bis heute nicht herausgefunden habe, ist, aus welchen Gründen die Hunde in Portugal zu welchem Zeitpunkt nachts bellen. Es gibt Nächte, die verlaufen völlig ruhig. Man hört lediglich hin und wieder ein Kläffen in der Ferne. In anderen Nächten fängt plötzlich ein Hund in der Nachbarschaft an, Alarm zu schlagen. Und nacheinander schließen sich alle in der näheren und weiteren Umgebung an – und das Ganze dauert zehn oder fünfzehn Minuten. Dann herrscht wieder tiefe nächtliche Ruhe.

Manchmal bellen meine zweieinhalb Hunde mit. Manchmal bellt nur einer; meist ist es Max. Manchmal meldet Giò sicherheitshalber nochmals im Haus, mit Vorliebe direkt neben meinem Schlafzimmer, dass draußen Großalarm herrscht. Nicht dass ich das verschlafe und nicht mitbekomme. Ginge ja gar nicht.

Manchmal verschlafen alle drei den Lärm ihrer vierbeinigen Nachbarn und wachen nicht eine Sekunde auf. Das sind mir natürlich die liebsten Nächte. Ganz ohne Hundegebell jedoch – solche Nächte gibt es in Portugal nicht.