Coruche & Corrida
Ribatejo – das ist der nordöstlich von Portugals Hauptstadt gelegene »Garten Lissabons«. Kleine Bauern gibt es ebenso wie reiche Großgrundbesitzer, in der Gegend gedeihen Reis und Weizen, Gemüse, Obst und Wein, Feigen und Oliven. Der Name bedeutet etwa »oberhalb des Tejo«, und hier liegt das kleine Städtchen Coruche, an einem Nebenfluss des großen Stroms, am Rio Sorraia.
Hier ist das Land, in dem man besonders viele aficionados findet. So heißen die Enthusiasten der tourada, des portugiesischen Stierkampfs. Ganz in der Nähe liegt die Distrikthauptstadt Santarém, wo die größte praça de touros in Portugal zu finden ist: eine Arena mit mehr als 13000 Plätzen. Selbst das kleine Coruche kann noch mit knapp 7000 Sitzplätzen aufwarten. Mit anderen Worten: Um den Stierkampf kommt man hier nicht herum. Die Menschen leben von klein auf mit dieser Tradition.
Aus dieser Gegend stammt mein António. Wie für fast alle hier ist auch für ihn eine tourada eine völlig normale Angelegenheit, die zu Portugal gehört wie Fado und saudade, wie Wein und bacalhau, wie Fußball und der Atlantik.
Kleine Notiz am Rande:
Ich bin skeptisch. »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust«: Darin bin ich mir sozusagen mit Goethes »Faust« einig. Einerseits sind da der Tierschutz und die Ansicht: »Wie kann man nur den armen Stier so quälen?« Andererseits ist der Stierkampf eine jahrhundertelange Tradition. Außerdem wird der Stier in Portugal nicht wie in Spanien in der Arena getötet. Er darf durchaus überleben und wird dann für die Zucht verwendet. Und darüber hinaus möchte ich nicht einfach etwas ablehnen und verurteilen, ohne es selbst erlebt zu haben. Darum habe ich beschlossen: »Ich schau mir das mal an!« Noch dazu, wo ich mit António einen echten Fachmann an meiner Seite habe: Er war knapp fünfzigmal selbst als forcado in der Arena – und er kennt natürlich jeden in Coruche, der mit Stieren und Stierkampf zu tun hat. Er erklärt mir mit Freuden, was da eigentlich passiert. Zum Beispiel, dass der Bulle nicht ernsthaft verletzt wird, denn der Stich in die Fettschicht am Nacken entspricht einem Nadelstich auf eine unempfindliche Hautstelle eines Menschen.
Im Ribatejo findet man in fast jeder Gemeinde eine Stierkampfarena. Corridas finden aber auch im Alentejo statt oder in der Beira litoral – also zum Beispiel im Küstenort Nazaré – und sogar an der Algarve. Insgesamt gibt es knapp achtzig praças de touros in Portugal, und sie sind alle gut besucht.
Antónios Mutter hat uns eingeladen: Im August gibt es in Coruche die festas-da-vila, das Stadtfest. Weil ihr Sohn seit vielen Jahren keine Gelegenheit mehr hatte, hier mit Freunden und Bekannten zu feiern, nehmen wir die Einladung von Dona Deolinda bereitwillig an. António hat sich extra einen Tag freigenommen. Nicht ganz uneigennützig: Einerseits möchte er mir gern seine Heimat zeigen. Andererseits freut er sich darauf, bei den festas-da-vila alte Erinnerungen aufzufrischen. Ein Grund mehr, heute gemeinsam nach Coruche zu fahren.
Ein brütend heißer Sommertag. Dona Deolinda lädt uns natürlich zum Mittagessen ein. Ich bin zum ersten Mal bei der Mutter meines Liebsten, weiß aber zumindest schon aus dem Sprachunterricht: immer höflich sein, nicht gleich duzen, Respekt und Ehrerbietung zeigen. Nicht weil Dona Deolinda das verlangt, sondern weil das der normale Umgangston zwischen Portugiesen ist, insbesondere zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern. Ein bisschen Bammel habe ich, aber ich denke auch: »Wird schon alles gut gehen!«
António kurvt rasant-portugiesisch durch enge Gässchen und dann in die Seitenstraße neben einer Kirche. Die Häuser hier sehen fast aus wie die Nebengebäude eines Klosters. Hier also wohnt seine Mutter? Da sind doch nur winzige Häuschen? Auf einer Straßenseite eine Reihe von vier, fünf Eingängen, alles ebenerdig, keine Fenster zur Straße hin. Ein paar Katzen schleichen zwischen den geparkten Autos umher. António parkt ein, hupt kurz. Stellt den Motor ab, und wir steigen aus. Schon kommt eine kleine, schwarz gekleidete Frau mit ausgebreiteten Armen aus einem der Häuser geeilt: Endlich, Dona Deolinda hat ihren António wieder. Ihren einzigen Sohn, den sie lange nicht gesehen hat.
Das Häuschen selbst ist ein Schock für mich. Selbst wenn ich weiß, dass Dona Deolinda sich hier wohlfühlt, dass sie im Monat nur 30 Euro Miete bezahlt, dass sie seit Jahrzehnten hier lebt und mit ihrem Mann hier glücklich war: Ich kann mir nicht vorstellen, hier auch nur ein paar Tage zu verbringen. Alles so klein, so dunkel, so ungewohnt.
Dona Deolinda geht voran: ein schmaler dunkler und langer Korridor. Links liegen aneinandergereiht alle drei Räume. Gleich am Eingang ihr Schlafzimmer. Ein wuchtiges Doppelbett, dunkle Möbel, Licht kommt nur durch ein winziges Fensterchen in der Haustür. Selbstverständlich ist alles perfekt aufgeräumt. Viel Nippes. Eine Menge Familienfotos, Andenken an Antónios Schulzeit und die Auftritte in der Arena, Souvenirs von seinen Reisen. Erinnerungen an die »guten alten Zeiten«. Aber auch an die schlechten: Antónios Vater ist schon lange tot; er war Kommunist und während der Diktatur Salazars nicht nur einmal im Gefängnis. Er wurde genau einen Tag nach der Nelkenrevolution, am 26. April 1974, entlassen, hat die Freiheit aber nicht lange erleben dürfen, sondern starb nach wenigen Jahren an den Folgen von Haft und Misshandlungen im Kerker.
Das Wohnzimmer ist der nächste Raum. Ebenfalls ohne Fenster. Auch hier: kein Stäubchen, alles wohlgeordnet, voll mit Möbeln und Truhen, in denen Dona Deolinda die Aussteuer für Antónios Tochter sammelt und aufbewahrt: wunderschön gestickte Decken, geklöppelte Spitzen, Glas, Porzellan. Sogar noch ungeöffnete Flaschen bagaço aus der Bar, die Antónios Vater einst hatte und die sie weitergeführt hat, wenn er wieder mal wegen kommunistischer Umtriebe verhaftet wurde. Alles hat sie aufgehoben, nichts weggeworfen, man könnte es ja noch brauchen.
»Darf es ein Schlückchen Schnaps nach dem Essen sein?« Vielleicht möchten António und ich ja auch einen café com cheirinho, da kommt der bagaço dann endlich zu Ehren …
Direkt daneben: Antónios ehemaliges Kinderzimmer, hier übernachtet seine Tocher hin und wieder, wenn sie die avó besucht. Hier gibt es endlich ein Fenster, aber es öffnet sich nicht nach draußen, sondern auf den nächsten Raum, die Küche. Zudem kommt ein bisschen frische Luft herein, denn es gibt eine Tür, die in den winzigen Patio führt.
Die Küche ist, das merkt man sofort, der Lebensmittelpunkt von Dona Deolinda. Fernseher und ein einigermaßen bequemer Sessel, mit Fußbank. Ein Gasöfchen für kalte Wintertage – es kann nämlich sehr kalt werden im Landesinnern, in Coruche. Hier steht der bereits für unser almoço gedeckte Tisch. Es gibt keinen Wein, sondern süßen, künstlich nach Erdbeere schmeckenden Saft, den Dona Deolinda aus einem Tütchen im Wasserkrug anrührt. Eine geblümte Plastiktischdecke, einfachstes Geschirr und Besteck, dünne Papierservietten. Nichts passt richtig zusammen – aber sie ist trotzdem stolz darauf.
Der Gasherd ist unter einem offenen Kaminabzug, Dona Deolinda kommt nur dann an die Töpfe und Pfannen, wenn sie auf einen Schemel steigt. Nicht nur weil sie sehr klein ist, sondern weil der Herd einfach ein Notbehelf ist: Früher gab es hier eine offene Feuerstelle, über der man das Essen zubereitet hat. António kennt das noch aus seiner Kindheit und Jugendzeit.
Spülbecken? Fehlanzeige. Heißes Wasser in der Küche? Ebenfalls Fehlanzeige. Irgendwelche Geräte, wie wir sie in unserer Wohnung und aus Deutschland kennen? Nur ein paar wenige. Ein Kühlschrank, klar. Im Patio, aber erst seit Kurzem, eine elektrische Waschmaschine. Das war’s.
Ein Bad gibt es mittlerweile auch, wie António mir zeigt, und da kommt zum Glück heißes Wasser aus dem Durchlauferhitzer. Und glücklicherweise gibt es eine Toilette.
Ein paar Pflanzen stehen im Patio, Koriander natürlich, und das eine oder andere Vorratsregal. Vollgestopft mit allem Möglichen: Reis und Gewürzen, Knoblauchzöpfen und Zwiebeln, ein Fässchen selbst marinierter Oliven. Piri-Piri legt Dona Deolinda ebenfalls selbst in Öl ein.
In diesem kleinen Innenhof wäscht sie auch: Das Geschirr spült sie mit kaltem Wasser ab; für ihre Kleidung, für Handtücher und Bettwäsche hat sie zwar seit ein paar Jahren eine Waschmaschine, aber eigentlich geht sie lieber ins Waschhaus, denn da trifft sie Nachbarinnen und Bekannte, da tauscht man sich aus über den neuesten Klatsch im Städtchen.
Alles ist sauber. Peinlichst sauber. Kein Stäubchen, kein Fitzelchen Schmutz. Aber: Alles kommt mir sehr ärmlich vor.
Ich weiß, ich bin verwöhnt vom reichen Leben in Deutschland. Ich kannte noch das Haus meiner Großeltern: Da gab es keinen Luxus, anfangs kein Bad, auch wir Kinder wuschen uns in der Zinkwanne. Es gab keine Zentralheizung, wir halfen Opa, die Kohlen aus dem Keller zu holen und die Öfen jeden Morgen anzuheizen. Wenn Oma abspülte, musste sie erst Wasser aufkochen, und wenn großer Waschtag war, stand sie stundenlang in der Waschküche und leistete körperliche Schwerstarbeit, bis man sich endlich eine Waschmaschine leisten konnte. Aber das ist Jahrzehnte her. Heute kann ich mir so etwas beim besten Willen nicht mehr vorstellen.
Es liegt auch nicht an Portugal. Denn António und ich leben hier gut, wir können uns vieles leisten. Wir sind nicht reich – aber so wie seine Mutter leben? Ich könnte es nicht.
Ich bewundere die alte Frau, die genügsam ist, sich sichtlich wohlfühlt und unbändig freut, dass ihr Sohn zu Besuch gekommen ist. Sie hat seine Lieblingsspeise gekocht und nimmt mich mit offenen Armen auf. Sie bemüht sich, mich mit einzubeziehen, spricht extrem langsam, damit ich etwas verstehe.
Ich bin herzlich aufgenommen, und ihre Gastfreundschaft kennt keine Grenzen: Als Nachtisch holt sie schnell von der Nachbarin ein paar Orangen, die hat nämlich einen kleinen Garten vor der Stadt. In der pastelaria hat sie extra ein paar Kleinigkeiten eingekauft. Den Kaffee trinken wir eh da, und sie lässt es sich nicht nehmen, uns auf eine bica einzuladen.
António schreibt seiner Mutter unsere neue Telefonnummer auf. In überdeutlich großen und klaren Ziffern. Ich verstehe nicht, warum er ihr die Zahlenfolge immer und immer wieder erklärt, warum er genau nachfragt, wo er den Zettel hinlegen soll, damit sie ihn keinesfalls verliert. Damit sie weiß, wessen Nummer das ist. Warum schreibt er nicht einfach unseren Namen und unsere Adresse dazu?
Sie ist doch geistig völlig fit, oder? Ist sie auch. Aber: »Sie kann nicht lesen und schreiben«, sagt er. »Zahlen sind kein Problem. Aber weil sie unseren Namen und unsere Adresse nicht lesen kann, müssen wir uns anders behelfen.«
Ich bin fassungslos. Ich weiß wohl, dass es in Portugal und selbst in Deutschland viele Analphabeten gibt. Aber kennengelernt habe ich noch niemanden, der weder lesen noch schreiben kann. Wie kommt man im Alltagsleben zurecht?
»Beim Unterschreiben ist es leicht«, erklärt mir António. »Da reicht ein Fingerabdruck, das ist üblich. Denn es gibt gerade auf dem Land sehr viele ältere Leute, die nicht lesen und schreiben können.«
»Ja, aber warum? Es gibt doch überall Schulen? Auch früher schon?«
»Früher eben nicht«, sagt António. »Für die einfache Bevölkerung waren maximal vier Jahre Grundschule vorgesehen. Salazar war der Überzeugung: Das Volk muss dumm gehalten werden, sonst kommt es auf unsinnige Ideen, lässt sich vielleicht von den ›Roten‹, den Kommunisten, verführen. Deshalb waren nach der Revolution, also vor nicht mal vierzig Jahren, mehr als ein Drittel aller Portugiesen Analphabeten.«
Kein Wunder, denke ich, dass Portugal als das »Armenhaus« der EU galt. Vielleicht auch ein Grund, warum es heute wieder in der Krise steckt.
Kleine Notiz am Rande:
Meine Freundin Katharina im Alentejo behilft sich bei ihren Nachbarn, von denen ebenfalls so mancher nicht einmal die vier Jahre Grundschule absolviert hat, auf ganz besondere Art und Weise. Ihre Nachbarin und Putzhilfe Augusta war zum Beispiel telefonisch nicht erreichbar. Katharina fuhr an deren Haus vorbei, um Bescheid zu sagen. Leider ebenfalls vergeblich: Niemand war zu Hause. Sie musste ihren »Putztermin« aber absagen. Und sie wollte natürlich nicht, dass Augusta umsonst zu Fuß den langen Weg zurücklegte. Was also tun?
Katharina hatte eine geniale Idee: Sie zeichnete einen Putzeimer mit Besen und strich das Ganze durch. Sah aus wie ein echtes Piktogramm, sehr professionell. Und es klappte! Dona Augusta wusste Bescheid und kam nicht vergeblich zu ihrer Putzstelle.
Auf den Straßen im kleinen Coruche ist bereits kurz nach unserem Mittagessen die Hölle los. Keine Siesta, keine Ruhepause.
Da gibt es die alten Männer, in Schwarz gekleidet, die auf dem einen oder anderen Mäuerchen sitzen und alles ganz genau beobachten. Und kommentieren. Selbst die alten Damen lassen es sich heute nicht nehmen, in der Nachmittagshitze unterwegs zu sein. Viele haben einen Fächer dabei; die eine oder andere schützt sich mit einem schwarzen Regenschirm vor den sengenden Sonnenstrahlen.
Dona Deolinda allerdings verweigert sich: »Ich habe so oft Angst ausgestanden um meinen António«, meint sie. »In die Arena gehe ich sicher nicht mit. Schaut ihr beide lieber nachher noch mal bei mir vorbei!«
Die jungen Mädchen haben sich schick gemacht, schließlich ist heute ein freier Tag, und man muss weder in die Schule noch zur Arbeit gehen. Die Jungs führen ihre neuesten Sonnenbrillen vor, cool müssen sie aussehen, ständig Eindruck machen auf die Mädels. Der Höhepunkt kommt erst noch: wenn sie beweisen müssen (und wollen), wie viel Mut sie wirklich haben.
Heute ist nicht nur festlicher Trubel angesagt. Es gibt nicht nur Musik und Tanz, Flirt und Liebelei. Heute ist corrida!
Neben dem Markt parken Autos wild durcheinander. Alle Stellplätze sind bereits belegt, und die Hauptstraße ist gesperrt. Nicht nur ist die Durchfahrt für Fahrzeuge verboten, sondern sie ist sogar mit einer Art Bauzaun abgeriegelt. Lediglich über einige Seitenstraßen hat man direkten Zugang, aber auch da sorgen Holztore dafür, dass kein Unbefugter auf die Straße geht. Nach und nach wird es voll. Alt und Jung sammelt sich an beiden Seiten des Zauns. Alle sind gespannt, aufgeregt. Voller Erwartung.
»Wieso ist das hier abgesperrt?«, will ich von António wissen. »Und was soll der Sand auf der Straße?«
»Weil hier nachher ein Stier durch die Straße getrieben wird – und jeder kann versuchen, mit ihm zu spielen.«
»Wie bitte – spielen? Ist das denn nicht gefährlich?«
António zuckt mit den Schultern. »Wenn man nicht aufpasst, schon. Aber es passen schon alle auf!«
»Ja, aber …?«
»Mach dir keine Sorgen, hier ist noch nie was passiert. Freu dich lieber: Wir beide gehen nachher in die praça de toiros – dein erster Stierkampf, querida!«
Schon beim Kauf der Eintrittskarten steigt die Spannung. Und die Stimmung. Direkt an der praça de toiros, neben der bilheteira, ist die Bar der Forcados Amadores de Coruche, der Gruppe, der einst auch António angehörte. Großes Hallo, denn man kennt sich. Immer noch, nach den vielen Jahren. Man lädt uns gleich ein, sorgt für einen Sitzplatz und dann – bin ich erst mal abgemeldet.
Es ist für einen perfekt Portugiesisch sprechenden Menschen schon schwer, mit einem Ur-Portugiesen durch eine fremde Stadt zu laufen, wenn der andere alle fünf Meter entweder einen alten Schulfreund oder eine Cousine oder sonst wen trifft.
Es ist bekannt, dass Portugiesen ein gewisses Sprachtempo haben. Schlimmer noch verhält es sich mit dem Portugiesen, der nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder die festas »seiner« Stadt mitmacht. Er redet wie ein Schnellfeuergewehr.
Wenn man, wie ich, gerade nur in diese Sprache hineingeschnuppert hat, versteht man absolut nichts. Okay – vielleicht jedes zwanzigste Wort. Das aber reicht nicht aus, um auch nur irgendetwas mitzubekommen. Zum Glück treffen wir an der Bar einen Cousin Antónios, zweiten oder dritten Grades, der in München lebt und Deutsch spricht. Nicht Bayerisch. Aber das will ich auch nicht verlangen. Hauptsache, Alfredo bleibt in meiner Nähe.
Es ist faszinierend, dem bunten Treiben zuzuschauen. Da stehen alte und junge campinos. Sie wirken gar nicht wie echte Kerle, sondern eher ein bisschen lächerlich und damit irritierend auf mich: Sie haben ein grünes Mützchen auf, es sieht ein bisschen aus wie eine umgekippte Gartenzwerg-Zipfelmütze, mit einem ebenfalls grünen Bommel dran. Dazu rote Westen, weißes Hemd, schwarze Kniehose, schwarze Jacke. Prächtig mit Mustern verzierte weiße gestrickte Strümpfe, schwarze Schuhe mit Sporen.
»Das sind«, so klärt mich Antónios Cousin Alfredo auf, »Hirten zu Pferd. Heute tragen sie ihre Festtracht, im Arbeitsalltag sehen sie nicht so schick aus!«
»Und was tun die?«
»Sie sorgen dafür, dass der Stier in die Arena geht, und sie holen ihn am Ende der corrida auch wieder heraus.«
Mittlerweile drängt sich eine große Menschenmenge am »Bauzaun«, an der abgesperrten Hauptstraße von Coruche. Auch campinos sind zu sehen, hoch zu Ross – sie sind ganz und gar nicht so edel angezogen wie die, die sich an der Tertúlia, so heißt die Bar der forcados in Coruche, versammelt haben. Sie sind ja auch zum Arbeiten da!
Lässig sitzen sie im Sattel, ich fühle mich ein wenig an Cowboys aus einem Wildwestfilm erinnert. Allerdings tragen sie keine Revolver und keinen breitkrempigen Stetson. Sondern halten einen langen Stab in der Hand und tragen eine ganz normale Kappe auf dem Kopf. Keine Jeans, sondern graue Stoffhosen und Hosenträger. Aber wenigstens Stiefel. »Echte botas ribatejanas«, wie António mir versichert. Er kennt sich aus, er hat auch welche zu Hause, und die sind sein Heiligtum. Obwohl sie schon ein wenig abgetreten und fleckig sind. (»Das ist ja gerade das Gute und Echte daran!«)
Ich habe ja keine Ahnung von so etwas.
Die Hauptstraße in Coruche ist ein paar Hundert Meter lang. Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge, vom anderen Ende hört man Gekreische und Gelächter, dumpfes Gestampfe: Der erste Stier jagt die Straße entlang, hält immer wieder mal an und schnaubt. Beugt den Kopf und sucht den Angriff – aber vergeblich: Die jungen Männer, die sich vor ihn wagen, laufen schnell – und sie springen flugs wieder über den Zaun, in Sicherheit, wenn ihnen das Tier zu nahe kommt.
Zwei campinos reiten gemütlich hinter dem Bullen her, treiben ihn langsam die Straße entlang. Am anderen Ende wartet ein weiterer »Cowboy«, öffnet das Gatter, und der Stier darf wieder in den Wagen und auf die Weide.
»War das jetzt alles?«
»Ja«, sagt António. »Ein, zwei weitere werden schon noch kommen, aber lass uns mal lieber in die Arena gehen.«
Schon neben der praça de touros hat sich mittlerweile eine Menge getan. Die cavalheiros, die Reiter und Stierkämpfer zu Pferd, sind eingetroffen. In riesigen Lkws haben sie ihre Pferde mitgebracht. Die Tiere werden schon hergerichtet: Man knüpft schmucke Bänder in die Mähne, der Schweif wird kunstvoll geflochten. Sattel und Zaumzeug sind prächtig verziert.
»Haben die denn nicht nur ein Pferd dabei?« Ich weiß, es ist eine dumme Frage. Aber ich bin doch keine Expertin.
»Nein, natürlich nicht«, meint António. »Jeder hat mehrere Pferde, und je nach Phase der corrida werden sie gewechselt. Am Anfang reitet man vielleicht eines, das den Stier müde macht, also sehr schnell ist.«
Klingt logisch.
»Und wenn es dann ans Setzen der bandarilhas – der Pfeile mit Widerhaken – geht, muss der Reiter näher an den Stier heran«, erklärt António. »Da braucht er ein mutiges Pferd, eines, das extrem wendig ist und ausweichen kann.«
»Den Pferden stößt aber nichts zu, oder?«, hoffe ich.
»Ausschließen kann man das nie«, meint António. »Aber wie du gesehen hast, sind die Hörner des Stiers mit Lederkappen bedeckt. Nicht nur auf der Straße, auch in der Arena. Das dient dem Schutz der Pferde – und natürlich der Menschen.«
Nachdem ich weiß, wie spitz so manches Horn eines Stiers auf der Weide ist – schließlich sind wir auf dem Weg nach Coruche an etlichen vorbeigefahren –, leuchtet mir das ein. Es wird wohl also nicht zu solch grausigen Szenen kommen, wie ich sie aus dem spanischen Stierkampf (und zum Glück nur aus Filmen) kenne …
Nun weiß ich auch, warum die Pferde nicht gepanzert sind (wie in Spanien). Sie kommen zwar nah an den Stier heran. Aber sie tragen keinen spanischen picador, sondern einen Reiter, der sein Tier mit leisestem Schenkeldruck, mit minimaler Gewichtsverlagerung zur gewünschten schnellen Reaktion bringt. Und ich lerne: »Für den portugiesischen Stierkampf gibt es ganz spezielle Pferde, die Lusitanos. Sie sind eine der ältesten Pferderassen auf der Iberischen Halbinsel. Berühmt für ihren Mut und weil sie wegen ihrer Schnelligkeit und Wendigkeit perfekt für Arbeit mit Stieren sind. Nicht nur in der Arena, auch auf der Weide.«
Langsam strömen die Menschen in die Arena. António hat nicht nur Plätze im Schatten besorgt (das sind, wie ich erfahre, die teureren), sondern auch direkt über der Stelle, an der die Stiere in die Arena gelassen werden. Ich sehe – durch die breiten Ritzen des Holzbodens – ein bisschen mehr als andere Zuschauer. Zum Beispiel kann ich genau erkennen, dass jedes Tier sofort nach dem Kampf vor Ort von einem Tierarzt behandelt wird, der die bandarilhas herauszieht und die Wunden versorgt.
Die Zuschauer bei der corrida in Coruche sind zum Teil festlich gekleidet. Nicht einfach nur Jeans oder gar Shorts und T-Shirt – daran erkennt man die (wenigen) Touristen. Sondern man sieht viele Männer im Anzug, Frauen in schicken Kleidern. Kinder sind dabei, viele Jugendliche. Das Ganze scheint ein Spektakel für Jung und Alt zu werden.
»Coruche zählt zu den Orten in Portugal«, meint António stolz, »bei denen sich alle gut mit Stierkampf auskennen. Hier gibt es etliche Züchter von Kampfstieren. Logisch also, dass sich zu unserem Stadtfest jedes Jahr die besten cavalheiros versammeln!«
»Hier kann es sich also keiner leisten, einen schlechten Kampf zu liefern?«
»Genau! Und es gibt heute auch nur eine einzige Gruppe von forcados«, sagt António stolz. »Anderswo gibt es manchmal zwei, die sozusagen miteinander konkurrieren. Heute sind ausschließlich meine Exkollegen da!«
Praktischerweise stehen ein paar dieser Exkollegen ganz in der Nähe. Sie erzählen die eine oder andere Anekdote über den einen oder anderen cavalheiro. Da ist der eine weniger beliebt, weil er seine Leute nicht gut behandelt. Und weil er gerne einen über den Durst trinkt und dann in der Arena eher schlechte Arbeit leistet (eine Promillegrenze für cavalheiros gibt es also anscheinend nicht!). Über den anderen lästert man, weil er angeblich wenig Mut hat und nie nah genug an den Stier herangeht. Große Komplimente werden an die eine oder andere Reiterin gerichtet, die hier genauso scharf beobachtet wird wie die Männer, der man aber auch dasselbe großzügige Lob gönnt, wenn sie eine gute tourada hinlegt.
Das Raunen im Publikum wird leiser. Verstummt. Endlich geht es los.
Eine Kapelle beginnt zu spielen. Richtig schmissige Musik, finde ich.
»Die spielen nicht nur am Anfang und am Ende, sondern das sind wirkliche Stierkampfexperten«, erklärt António. »Denn mit ihrer Musik geben sie den Stierkämpfern in der Arena Hinweise. Darauf, wie der Stier sich verhält. Oder sie versuchen, einen lahmen Bullen ein wenig anzutreiben und aufzustacheln.«
Ich finde das ziemlich spannend.
Nach der Eröffnungsmusik kommt die cortesía – eine Art »Vorstellung« aller Mitwirkenden: die campinos, die cavalheiros, die matadores, die forcados. Die Reiter sind prächtig gekleidet, in reich mit Gold oder Silber bestickte Samtröcke, und tragen einen Dreispitz. Sie sehen aus, als seien sie soeben vom Hofe des Königs oder aus der Truppe der drei Musketiere gekommen. Die matadores tragen knallenge Hosen. Ich frage mich immer, wie sie da reinkommen! Die Jacken sind prachtvoll gearbeitet, und die Kopfbedeckung – na ja, sieht ein bisschen aus wie die Ohren von Micky Maus, aber das sage ich nicht laut.
Auch die forcados haben reich bestickte Jacken, aber »normale« Kniehosen und grüne Zipfelmützchen. Nun erfahre ich endlich, was die beim Stierkampf eigentlich tun:
»Sie kämpfen nach dem cavalheiro einzeln, Mann gegen Stier, und das zu Fuß«, begeistert sich António. »Es ist eine Mutprobe – und zwar eine große. Denn du stehst allein da unten vor einem wütenden Brocken mit 500 oder 600 Kilo Gewicht!«
»Der hat dann keine Waffe?«, frage ich entsetzt. »Aber wie um Himmels willen stoppt er den Stier?«
»Das wirst du gleich sehen – mit den Händen und dem Körper. Wir heißen forcados, weil der Mann an der Spitze vom Stier zwischen die Hörner genommen wird. Wie mit einer Heugabel – deshalb nennen wir uns so!«
António ist in seinem Element. Man merkt: Hier ist seine Heimat. Er erinnert sich wehmütig an den Ruhm und Beifall, den er als junger Bursche geerntet hat.
Ich erinnere mich eher daran, dass er mir erzählt hat, wie er sich heimlich bei den forcados von Coruche angemeldet hat, weil seine Mutter – natürlich! – dagegen war. Und dass er aufgehört hat, weil ihm der Stier beim letzten Kampf den halben Oberschenkel aufgeschlitzt hat. Hoffentlich passiert so etwas heute nicht!
Die Corrida beginnt erst auf ein Zeichen des presidente. An diesem Tag und zu dieser Stunde ist er der wichtigste Mann in der Arena. Auf ihn richten sich alle Augen, er gibt das Zeichen zum Beginn und fürs Ende der corrida. Er wird stets auch um Erlaubnis gebeten, wenn der cavalheiro beispielsweise mehr als vier Pfeile setzen will oder wenn er den Kampf jemand Bestimmtem widmen möchte (vielleicht sollte ich mal laut »hier« rufen, denn so langsam beginnt mich die Sache zu faszinieren!).
Nach der cortesía verlassen alle Mitwirkenden die Arena – und dann kommt der »Protagonist« des Geschehens: Das Holztor unter uns wird geöffnet, und der Stier rast herein. 557 Kilo wiegt er, liest man auf der Anzeigetafel.
Der Reiter hinter der Bande an der gegenüberliegenden Seite der Arena beobachtet ihn genau. Wie bewegt sich der touro? Ist er angriffslustig oder eher müde? In welche Richtung schwenkt er öfter – nach rechts oder links?
Es ist der Job der matadores, die eng mit dem cavalheiro zusammenarbeiten, all diese Informationen noch deutlicher zu machen. Mit einem großen Cape, in grellbunten Farben wie Pink oder Gelb (nein: kein rotes Tuch!) gehen sie auf den Stier zu – und weichen wieder zurück. Sie zeigen dadurch an, wie der Stier »tickt« – auch wenn es trotzdem zu Überraschungen kommen kann. Das führt dann dazu, dass man so manch einen trotz engster Beinkleider einen uneleganten Satz über die Brüstung machen und sich dadurch in Sicherheit bringen sieht …
Jetzt tritt der cavalheiro auf. Die Reitkunst und die Wendigkeit des Pferds sind ein wunderbares Schauspiel. Reiter und Pferd wissen genau, was sie tun, wie weit sie gehen können und dürfen.
Schmetternder Trompetenklang – der touro scharrt mit den Hufen, senkt den Kopf, greift an. Der Reiter galoppiert ihm entgegen. Sekundenbruchteile vor den attackierenden Hörnern dreht sich der lusitano wie im Tanz zur Seite. Er scheint Spaß daran zu haben, den wilden Stier zu reizen, ihm immer wieder genau vor der Nase herumzutanzen. Der cavalheiro lockt den Stier ein zweites Mal, bringt ihn dazu, ganz nah am Pferd zu laufen, ihm zu folgen. Und wieder eine Drehung, ein Stopp – der Reiter beugt sich weit nach vorne und setzt mit einer eleganten Drehung seiner Handgelenke einen bandarilha in den Nacken des Tieres. Ein paarmal wiederholen Reiter und Pferd dieses aufregende und wagemutige Spiel. Dann ist die corrida zwischen Stier und Reiter zu Ende.
Die Kapelle spielt auf zur pega und gibt damit den forcados das Zeichen. Aus acht Mann besteht die Truppe. Einer wird vom capo zum Anführer für diesen Kampf bestimmt. Das Publikum ist totenstill. Alle schauen gebannt in die Arena. Auf diesen Kampf zwischen Mensch und Tier.
Ich umklammere Antónios Hand, der merkt das gar nicht, er lebt mit.
Der forcado steht dem Bullen allein gegenüber. Die Füße fest auf dem Boden, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Schritt für Schritt geht er auf das Tier zu, erhebt sich auf die Zehenspitzen und ruft ihn: »toiro!«
Er ist unbewaffnet – nur seine sieben Kameraden hinter ihm helfen ihm. Aber erst, wenn er den Bullen allein angegangen ist. Immer wieder ruft er: »toiro! toiro!«
Und dann setzen sich gut 550 Kilo wuchtige Fleischmasse in Bewegung. Rasend schnell.
Ein Stöhnen geht durch die Menge.
Der forcado lässt sich zwischen die Hörner nehmen, hält den Stier fest. Der schüttelt sein mächtiges Haupt; wie eine Puppe wird der forcado hin und her geschüttelt. Aber er lässt nicht locker.
Erst jetzt kommen die anderen zu Hilfe. Mit ihren Körpern überwältigen sie den Bullen. Ganz am Schluss kommt der repuxador: Er hängt sich mit seinem ganzen Gewicht an den Schwanz des Stiers und schränkt ihn so in seiner Raserei und Beweglichkeit ein.
Das Publikum tobt.
Mir läuft es kalt den Rücken herunter.
Danach steht das Tier ganz ruhig. Die tourada ist zu Ende, sein Kampf vorbei. Er wird aus der Arena geholt. Die campinos wollen ihn hinausgeleiten. Aber er will nicht. Da greifen sie zu einem fiesen Trick: Sie schicken eine Herde zahmer Jungtiere hinein – und denen folgt der Bulle dann willig.
Und das Publikum? Klatscht und jubelt. Geht mit. Hat die Aktionen des Stiers genauso mit Beifall und Zurufen begleitet wie Reiter und Pferd. Wie den forcado.
Ganz am Ende holen sich cavalheiro und forcado ihren Lohn: Sie nicken grüßend in Richtung presidente, gehen gemeinsam zu Fuß das Rund der Arena ab. Genießen den Applaus. Es regnet Rosen und kleine Blumenbuketts; Käppis, selbst Jacken werden ihnen zugeworfen (die werfen sie aber mit Schwung wieder zurück).
Die Stimmung ist eine Wucht. Ich bin aficionada. Eindeutig.