Frango & Fado
Die CD steht schon seit Jahren in meinem Regal. Ein kleines Souvenir von meinem ersten Aufenthalt in Portugal. Ich hatte fast schon vergessen, dass ich sie noch habe. Meine damalige Begegnung mit Fado hat einen nicht wirklich tiefen Eindruck hinterlassen.
Es ist mir ein bisschen peinlich, was ich von António zu hören bekomme: »Ach, wie schön«, strahlt er begeistert, als er in meiner Wohnung in Deutschland ein wenig in meiner Musiksammlung stöbert, »du hast ja sogar Fado.«
»Hm – habe ich?«
»Ja klar, und sogar von Amália, der größten fadista überhaupt!«
Es gelingt mir mit Mühe und Not, nicht rot zu werden. Ich schaffe es ohne größere Probleme, den Eindruck zu erwecken, dass die CD der »Königin des Fado«, wie António Amália Rodrigues nennt, in meine Sammlung internationaler Musik gehört. António wäre, glaube ich, nicht so begeistert, wenn er wüsste, wie es damals bei meinem ersten Fado-Abend in Lissabon zugegangen ist …
Es hat sich am letzten Abend unserer journalistischen Portugal-Tour zugetragen.
Unser Gastgeber möchte uns verwöhnen und lädt zu einem Abend mit typischer portugiesischer Musik in eine casa do fado ein. Wir haben hervorragend gegessen und ein wenig vinho verde getrunken. Das ist natürlich gelogen: Es war eine ganze Menge vinho verde.
Immerhin ist es unser letzter Abend nach einer schönen gemeinsamen Tour durch Portugal, ein Land, das viele von uns vorher nicht kannten. Wir haben eine ganze Menge gesehen, uns alle bestens verstanden und gemeinsam viel Spaß gehabt. Das haben wir begossen und gefeiert. Sind jetzt bester Laune und guter Dinge. Bedauerlicherweise sind wir allerdings nicht sehr ernsthaft gestimmt: Meine Journalistenkollegen und ich sind an diesem Abend ein wenig schräg drauf.
Keiner von uns spricht ein Wort Portugiesisch, deshalb werden wir »vorgewarnt«: Fado sei, so sagt man uns, eine oftmals sehr traurige Musik. Es gehe in den Texten oft um Liebesschmerz. Oder um die saudade, die unstillbare Sehnsucht der portugiesischen Seele. Oder das Schicksal, das jeder trägt und zu meistern versucht. Alles eher ernste Themen. Man sagt uns auch, dass Fado für Portugiesen beinahe heilig sei, dass man also den Auftritt eines fadistas nicht stören dürfe und vor allem, dass man keinesfalls – falls wider Erwarten eine fröhliche Melodie erschallen würde – im Rhythmus der Musik mitklatschen solle.
Nun gibt es ja oft Situationen im Leben, in denen man, selbst wenn sie noch so viel Zurückhaltung erfordern, einen Lachkrampf bekommt. Das geschieht manchmal bei den seriösen Nachrichtensprechern im Fernsehen, aber auch in der Kirche und auf Beerdigungen. Es kommt auch in Konferenzen, Seminaren und Meetings vor.
Uns geht es an diesem Abend so.
Zwei fadistas treten auf, und zu meiner Schande muss ich gestehen: Wir hören nur ein paar Minuten scheinbar andächtig zu, dann überkommt uns ein unwiderstehlicher Zwang zu kichern. Wir kriegen uns nicht mehr ein, die ersten Gäste an den Nebentischen zischen bereits und blicken strafend zu uns hinüber. Wenigstens zeigen wir gerade noch so viel gutes Benehmen, dass wir diesen Unwillen bemerken und beinahe fluchtartig das Lokal verlassen, weil der nächste Lachanfall droht. Genau da kaufe ich vor dem Hinausgehen noch schnell die CD, die António viele Jahre später bei mir findet.
Ich habe sie, glaube ich, höchstens einmal angehört. Eher ein halbes Mal. Ich fand: Fado ist fade. Mit dieser Musik konnte ich absolut nichts anfangen.
António ist jedenfalls sehr angetan vom Beweis meines Musikgeschmacks. Meint er doch, ich hätte die CD gekauft, weil ich Fado gut finde. Ich kläre ihn lieber nicht auf. Meine Notlüge dient einem harmonischen Abend, und weil ich guten Willens bin, höre ich mir die Musik und vor allem den Gesang von Amália mit ihm gemeinsam an.
»Ich habe Amália selbst erlebt«, erzählt er bewegt. »Sie ist damals auf der Expo 1998 aufgetreten. Es war ihr letzter Auftritt. Ein Jahr später ist sie gestorben. Es gab drei Tage Staatstrauer, Hunderttausende haben ihr die letzte Ehre erwiesen. Sie ist die einzige Frau, die im panteão nacional in Lissabon beigesetzt wurde.«
Ich entschließe mich, ehrlich zu sein.
»Ich kann mit dieser Musik nicht viel anfangen«, gebe ich zu. »Fado und Portugal gehören zusammen, das ist mir schon klar. Aber wenn man die Texte nicht versteht …«
»Weißt du«, sagt António, »hier in Deutschland bedeuten diese Melodien für mich einfach Heimat. Bei uns kennen alle Fado, selbst junge Leute singen die Lieder. Du wirst sehen, querida, eines Tages fühlst du den Fado!«
Es trifft sich gut, dass António ein paar Wochen später Geburtstag hat, und ich ihn mit einem Geschenk aus seiner Heimat überraschen kann: In der Alten Oper in Frankfurt findet nämlich ein Fado-Abend statt. Ehrensache, dass ich heimlich Eintrittskarten besorge und wir hinfahren.
Es ist ein Auftritt von Mariza und Carlos do Carmo – beide Namen sagen mir nichts. Noch nicht.
»Mariza«, klärt António mich auf, »ist eine ganz junge fadista – sie gilt als Nachfolgerin Amálias. Und sie hat von der BBC den Preis als beste Künstlerin der Weltmusik bekommen. Aber so richtig gehört habe ich sie auch noch nicht.«
»Und Carlos do Carmo?«
»Das ist einer der fadistas, die sich nicht mit dem Regime Salazars arrangiert haben«, erklärt António. »Er wurde deshalb verhaftet – und ist auch wegen seines Widerstands gegen die Diktatur beim Volk sehr beliebt. Er muss um die siebzig sein – und immer noch ein großer Star, auch international!«
Ich staune über das Publikum in der Alten Oper.
So viele Deutsche sind hier versammelt. Kennen und mögen die alle Fado? Dann merke ich, dass Portugiesen im Publikum in der Überzahl sind. Überall portugiesische Satzfetzen, selbst an der Kleidung merkt man: Das ist ein festlicher Abend für die emigrantes, für die portugiesische Gemeinde in Deutschland. António ist glücklich, Portugiesisch sprechen zu können, sich mit Landsleuten zu unterhalten. Kurz vor dem Konzert bekommen wir mit, dass selbst der Botschafter Portugals, João Diogo Nunes Barata, für diesen Abend aus Berlin angereist ist. Er sitzt in der ersten Reihe.
Eine junge Frau kommt auf die Bühne: hochgewachsen, extrem kurzes blondes Haar; ein prachtvolles Abendkleid, ein filigranes schwarzes Fransentuch. Begleitet wird sie von drei Musikern. Der eine spielt die guitarra portuguesa, der andere die klassische Gitarre, der dritte Bassgitarre. Sie spielen die erste Melodie an. Es wird totenstill im Saal. Man könnte die berühmte Stecknadel fallen hören.
Mariza beginnt zu singen.
Ich habe nicht geahnt, dass Fado so beeindruckend sein kann. António hat recht: Ich muss die Worte nicht verstehen. Diese Musik geht mir direkt ins Herz. Ich fühle sie.
Ich weiß nicht, was passiert ist. Ob es an der Umgebung liegt, an den Menschen, an den vielen Portugiesen, die hingerissen lauschen. Oder an António, der mit Tränen in den Augen – und zwar nicht als Einziger – neben mir sitzt. Ich weiß nur: Fado ist nicht fade. Fado ist – Portugal. Die Seele der Portugiesen. Jetzt verstehe ich.
Kleine Notiz am Rande:
Zwei Jahre später leben António und ich bereits in Portugal.
Mitte August gibt es im Anfiteatro Keil de Amaral im Rahmen der sommerlichen Veranstaltungsreihe Lisboa em festa ein Konzert von Mariza – eines von nur zweien, die sie in diesem Jahr in ihrer Heimat gibt. Das Amphitheater liegt im Monsanto, dem größten Park Lissabons. Die Bühne ist mit einer »durchsichtigen« Kuppel überdacht. Dahinter beziehungsweise darunter liegt Lissabon: heute vor einem klaren Nachthimmel. Wir haben einen grandiosen Ausblick auf die beleuchtete Ponte de 25 Abril und den Cristo Rei, die Christusstatue am südlichen Ufer des Tejo.
Das Konzert beginnt um zehn Uhr abends. Das ist normal in Portugal. Schon zwei Stunden vorher kommen die ersten Zuschauer. Am Ende werden es, lese ich am nächsten Tag in der Zeitung, etwa 25000 sein. Der Eintritt ist frei, Lissabon lädt – wie bei vielen sommerlichen Veranstaltungen – seine Bürger und die Besucher der Hauptstadt zu dieser Abendveranstaltung ein.
Mariza betritt die Bühne; sie erzählt, dass sie heute seit Langem wieder einmal in Lissabon auftritt und sich freut, ihre Heimat zu sehen und ihr Publikum zu spüren. Ihr Konzert dauert gut eineinhalb Stunden – danach geht sie von der Bühne hinunter ins Publikum, singt dort weiter.
25000 Menschen singen mit, weil Mariza darum gebeten hat: »Ich habe für euch gesungen, singt ihr jetzt für mich.«
Es sind kaum Touristen da, dafür Portugiesen jeden Alters, vom Kleinkind bis zur Uroma. Und alle, alle singen mit.
Der ganze Abend, das Konzert, die Stimme von Mariza, der Fado und die einmalige Atmosphäre – ein Erlebnis, das ich in diesem Leben nicht missen möchte und nicht vergessen werde.
Bauernmarkt. Hier gibt es wirklich alles.
Ein kleines Mädchen springt auf einen Verkaufstisch: »Sou cigana – compra! Só cinco euro p‘ra cada casaco!« – »Ich bin Zigeunerin – kaufen Sie! Nur fünf Euro für jede Jacke!«
Die Leute lachen, kaufen, handeln mit der Kleinen. Sie macht mit wie eine Erwachsene. Freut sich über jedes verkaufte Stück.
Frisches Brot und frischer Fisch. Torten und süße Leckereien. Käse in allen Variationen und Sorten, Schinken vom normalen Schwein, aber auch vom besonders leckeren porco preto, dem iberischen schwarzen Schwein. Hausgemachte chouriços und natürlich: bacalhau. Feigen, Erdbeeren, Ananas, Mangos, Äpfel und Birnen, Pfirsiche und Nektarinen. Karotten und Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch, Okra und Auberginen, Avocados und Süßkartoffeln, Bohnen, Zucchini, Paprika, Spinat, Lauch, alle möglichen Salatköpfe. Kurzum: alle Früchte- und Gemüsesorten, die man sich nur vorstellen kann.
Lebende Tiere wie Kaninchen, Hühner, Gänse, Enten. Geschnatter und Gegacker, Fiepen und Rascheln. Geschrei und Verkaufsgespräche, Rufen und Lachen. Gebote und Angebote, Handeln und Handschlag, mit dem der Verkauf besiegelt wird. Tausende von Eiern, gestapelt in wahren Kartonage-Bergen.
Eine ganze Zeltstadt nur für Haushaltswaren: Töpfe, Pfannen, Grills, Besteck und Geschirr, Küchenutensilien aus Holz, Metall oder Plastik. Tischdecken und Servietten, Bettwäsche, Decken und Kissen, ja sogar Teppiche.
Pflanzen und Blumen, Kräuter und Gewürze, Bäumchen und Samen. Alles, was das Gärtnerherz begehrt.
Viele Stände gehören ciganos. Zigeuner? Dieses Wort ist in Portugal nicht negativ besetzt. Im Gegenteil: Die Portugiesen, auch die ciganos selbst, würden sich wundern, wenn man sie Sinti oder Roma nennt. Schreiend preisen sie ihre Waren an: Schuhe und Strümpfe, T-Shirts und Pullover, Hüte und Mützen, sogar komplette Anzüge und Kostüme kann man kaufen. Dazu Taschen und Koffer, Haarschmuck und Parfüms, Tücher, Krawatten und Schals. CDs und DVDs, Batterien und Rasierklingen, Wecker und Radios.
Bauernmarkt. Hier gibt es wirklich alles. Hier treffen sich Touristen und Portugiesen. Hier deckt sich jeder ein mit allem, was er braucht.
Mitten im Marktgetümmel duftet es verführerisch nach gebratenen Hähnchen. Sehr appetitanregend, und genau deshalb bin ich heute in diesem »Freiluftrestaurant« mit Freunden verabredet. Doris und Ingolf haben mir einen Stuhl freigehalten. Hier kann ich nie widerstehen. Nicht nur deshalb, weil ein Brathähnchen nur etwa drei Euro kostet. Sondern weil frango in Portugal wirklich ein Genuss ist. Kein Vergleich mit den Brathendln, die man etwa vom Oktoberfest oder einem anderen Jahrmarkt in Deutschland kennt.
Ich weiß nicht genau, wie die Portugiesen es anstellen. Aber für ihre frangos lasse ich beinahe alles andere liegen und stehen. Es geht schon damit los, dass die Brathähnchen nicht alle hintereinander auf einem Spieß stecken und dann elektrisch gegrillt werden.
Der Portugiese klappt die Tiere nämlich auf. Sie werden am Rücken geöffnet und ein wenig flach geklopft. Damit das Fleisch überall gleichmäßig gart, schneidet man sie an den dicksten Stellen ein. Dann wird eine Marinade darübergegossen, und nun werden sie – in einer Art Gitter – über dem Holzkohlenfeuer langsam von beiden Seiten gegrillt.
Die Zutaten für die Marinade sind selbstverständlich geheim. Als erfahrener Koch kann man ein paar Vermutungen anstellen und wird sicher herausschmecken, was in etwa zusammengemischt wird. Man kann natürlich experimentieren und ausprobieren. Aber genau den Geschmack wie ein portugiesisches frango assado bekommt man bestimmt nicht hin. Allein schon deshalb, weil die Atmosphäre fehlt.
Kleine Notiz am Rande:
Es gibt zum Beispiel in Lissabon, aber auch an der Algarve, Lokale, die sich Rei dos frangos nennen. Solch ein »König der Brathähnchen« ist immer einen Besuch wert, »reinfallen« kann man in Bezug auf Qualität und Geschmack so gut wie nie.
In der Baixa von Lissabon lande ich regelmäßig mit António beim »Hühnerkönig« – im Restaurant »Bonjardim«.
»Hier war ich schon mit meinem Vater«, schwärmt er, «und die frangos sind einfach ein Gedicht.«
Das Lokal ist sehr gut besucht. Immer. Wir bekommen trotzdem einen Platz, denn wir sind sozusagen Stammgäste. Selbst wenn wir uns – wie stets – nur ein Hähnchen teilen.
Auf dem Tisch steht ein Schälchen, darin ein Pinsel. Das ist Piri-Piri – ein Teufelszeug, scharf aber köstlich, das beim frango assado nicht fehlen darf. Vorsichtig tupfe ich ein bisschen von dem mit Chili versetzten Öl aufs Hähnchenfleisch – hm, lecker!
»Sogar meine Mutter macht das nicht besser!«, meint António. »Es gehört zu meinen Kindheitserinnerungen, dass wir immer auswärts zum Hähnchenessen gegangen sind. Das machen wir noch heute – nur lade mittlerweile ich sie ein!«
Wichtig ist in jedem Fall, dass man das Hähnchen – ob im Restaurant oder auf dem Markt – mit einer gewissen Schärfe genießt. Reis oder nur Brot dazu, ein frisch gezapftes Bier: Mehr brauche ich nicht, um das Leben zu genießen.
»Lass uns ein frango teilen«, meint Doris. »Wir haben nämlich noch was vor mit dir, und da bekommen wir sicher auch etwas zu essen!« Selbst wenn ich gespannt bin – glücklicherweise muss ich nicht ganz auf mein Hähnchen verzichten.
Seit fast einer Stunde kurven wir durch die Gegend. Doris und Ingolf halten leider dicht. Sie wollen mir nicht verraten, welche Überraschung sie für mich haben. Ich weiß nur: Es ist etwas ganz Besonderes. Denn wir sind nicht allein. Seit dem kleinen Örtchen São Francisco da Serra fahren hinter uns einige Autos in der Schlange, und auch vor uns müssen schon etliche unterwegs gewesen sein. Der Staub in der Luft verrät es.
Es geht über sandige Straßen durch Wälder, Wiesen und Felder. Dann endlich ein Hügel mit steil hinaufführendem Schotterweg. Wir beschließen: »Da fahren wir nicht rauf, das packt unser Auto nicht!«
Wir steigen aus, sofort stoppt der Jeep, der hinter uns fährt. Wir steigen um. Ein weiser Entschluss, wie sich während des weiteren Straßenverlaufs herausstellt.
Endlich kommen wir oben auf dem Hügel an. Autos über Autos parken hier. Direkt vor der Ruine einer ehemaligen Kirche, der Ermida da Sra. do Livramento, die inmitten zahlloser Korkeichen steht.
»Na?«, strahlt Doris. »Überraschung geglückt?«
Ich bin ein wenig verwirrt.
»Ein Picknick?«
»Auch«, meint Ingolf. »Aber im Grunde etwas viel Besseres. Denn wir werden nachher Fado hören.«
»Hier?«, staune ich.
Doris erzählt, dass es in São Francisco da Serra einen – »Na ja, wie soll ich es nennen?« – Clube de Fado, also einen Fado-Verein, gibt. Mit wirklich guten Künstlern. Normalerweise trifft man sich zum Singen daheim im Dorf, im trauten Kreis.
»Nämlich in der Garage«, wirft Ingolf ein.
»Diesmal aber haben sie beschlossen«, sagt Doris, »einen Fado-Nachmittag mitten in der Pampa zu machen: Fado no campo. Mitbringen sollten wir nur was zu trinken, für Essen ist gesorgt.«
Ah, deshalb hatten Doris und Ingolf eine Kiste Wein im Auto, die dann noch schnell in den Jeep umgeladen werden musste …
Innerhalb der Ruine der ermida, den Restmauern der Kapelle, sind lange Tische aufgebaut. Große Korbflaschen selbst gekelterten Weins stehen da, Krüge mit Saft und Wasser. Teller, Besteck, Gläser. Sardinen duften bereits verführerisch vom Grill, eine Riesenschüssel Salat und zwei große Töpfe mit dampfender Suppe stehen auf dem Tisch, in Körben frisch gebackenes Alentejo-Brot in dicken Scheiben. Rundherum sitzen etliche Portugiesen, die schnabulieren, was das Zeug hält.
»Setzt euch, setzt euch!«, heißt es. »Esst mit, die Sardinen sind schon so weit!«
Kaum ist der »Hauptgang« vorbei, werden hausgemachter Käse, Melonen und Birnen ausgepackt und selbst gebackene Kuchen angeboten, sogar Torten. Nach dem Essen gibt es erst einmal das eine oder andere Schwätzchen unter Männern, auch die Damen sind eifrig am Diskutieren. Dazu gibt es ein selbst gebranntes Schnäpschen – das muss sein. Der herrliche Rundblick vom Hügel aus macht den Nachmittag perfekt.
Und der Fado?
Man geht alles langsam an – schließlich sind wir im Alentejo. Gefaulenzt wird jedoch nicht lange! Keine Siesta heute!
Vor der malerischen Kulisse packt der erste Musikant seine guitarra portuguesa aus: Paulo Parreira spielt sich schon mal ein bisschen ein. Er stand – wie mir Doris verrät – schon auf vielen großen Bühnen und war während der Expo 98 in Lissabon der guitarrista principal, der wichtigste Gitarrist, auf der Fadobühne.
Der zweite kommt hinzu: Carlos Soares da Silva spielt die klassische Gitarre, fängt an, sein Instrument zu stimmen. Er begleitet viele bekannte fadistas, ist bekannt von Bühnen- und Fernsehauftritten.
Der dritte Musiker ist ein alter Herr, ebenfalls mit der guitarra portuguesa – mestre António, der Vater von Paulo, ebenfalls ein bekannter Virtuose auf seinem Instrument, der als Gitarrenlehrer auch im berühmten Fadomuseum in Lissabon gearbeitet hat. Keine Laien, alles Profis, die sich heute mit uns einen musikalischen Nachmittag gönnen werden. Aus Liebe zur Musik, aus Liebe zum Fado.
Es ist eine wunderschöne Stimmung. Es gibt keine Bühne. Jeder, der singen kann und will, tritt nach vorne zu den Musikern. Spricht sich kurz ab – und legt los.
Manch einer lässt sich ein wenig bitten. Umso größer ist der Applaus, wenn er seine Darbietung abgeschlossen hat. Einige kenne ich, habe sie schon bei anderen Auftritten im Alentejo erlebt: Francisco »Xico« Malafaia etwa oder Fernando Espada.
Nach der Pause ziehen die Musiker um. Es ist zu heiß und sonnig innerhalb des alten Gemäuers, und vor allem tummeln sich zu viele Wespen in der Nähe des Sardinengrills. Aber unter den Korkeichen, im Schatten der Bäume, lässt es sich ebenfalls bestens musizieren und singen. Nicht nur »Alte« treten auf – auch ganz junge Burschen singen Fado. Junge Mädchen ebenso. Alle mit echter Hingabe.
Gemeinsam mit allen anderen lausche ich. Genieße und fühle Fado. Ganz anders als im Konzertsaal. Aber genauso emotional.