Kapitel 14

Feste & Freunde

Sie feiern schon gerne, die Portugiesen. Und die residentes auch. Es gibt ja auch genug zum Feiern: Jedes Dorf, jede Gemeinde hat einen eigenen Heiligen. Dazu kommen die vielen feirias und romárias (Märkte und Wallfahrten). Und nicht zu vergessen: die santos populares – die Volksheiligen.

Santo António und São João – das sind die großen Festtage – in Lissabon am 13. Juni und in Porto am 24. Juni. São Pedro und São Paulo zählen ebenfalls zu den Volksheiligen – sie haben ihren gemeinsamen Ehrentag am 29. Juni.

Kein Wunder also, dass ab spätestens Juni und bis weit in den September hinein Festsaison ist in Portugal. Jetzt, in der Krise, wurden zwar vier nationale Feiertage gestrichen – zwei staatliche und zwei kirchliche. Aber es bleiben dennoch viele übrig. Selbstverständlich kann man sich auch so am Leben erfreuen. Anstandshalber aber sollte ein Grund fürs Feiern vorhanden sein. Auch bei den residentes.

Gott sei Dank sind die Schweine bereits geschlachtet! Ich glaube nämlich nicht, dass ich das sonst durchgestanden hätte. So gern ich Fleisch esse und natürlich hausgemachte chouriços: Beim Schlachten zuschauen – ach nein. Lieber nicht. Selbst wenn das jetzt feige klingen sollte.

Vor ein paar Tagen hat mich Katharina angerufen. Sie lebt seit einigen Jahren im Alentejo, der großen Region zwischen Lissabon und der Algarve. Katharinas Haus steht auf einem Berg beim kleinen Ort Odemira. Sehr ländlich und einsam. In der Nähe – und das heißt hier: etwa drei Kilometer Luftlinie, mit dem Auto über Stock und Stein und Schotterstraßen ist es sicher die doppelte Strecke – gibt es eine alte Mühle, einen kleinen Bauernhof und sonst – nichts. Vor vierzig oder fünfzig Jahren stand hier ein ganzes Dorf. Mit Schule, Brunnen, Kneipe. Heute ist alles verlassen, die Menschen sind in die Stadt gezogen. Nur ein paar Ruinen stehen noch, die werden nach und nach von estrangeiros aufgekauft und wieder aufgebaut. Da man den alentejanos aber nachsagt, dass sie eher nicht die schnellsten seien, wird das wohl noch eine ganze Weile dauern …

Von Katharinas Terrasse aus hat man einen weiten Blick auf die nördliche Serra de Monchique, den Gebirgszug, der den Alentejo von der Algarve abgrenzt. Hier gibt es keinen Stress, nicht einmal eine richtige Internetverbindung. Selbst telefonieren ist manchmal eher schwierig. Ich komme gern hierher – hier ist man ungestört von der Alltagshektik, lässt die Seele baumeln. Diesmal aber haben wir etwas vor.

»Unsere Nachbarn werden schlachten«, sagt Katharina. »Wir sind eingeladen. Ich kann und möchte das nicht ablehnen. Du weißt ja: Hier wird Gastfreundschaft groß geschrieben, da kann man sich nicht ausschließen.«

Möchte ich auch gar nicht. Schließlich bin ich neugierig – zumindest, wenn ich nicht direkt zuschauen muss, wie die Schweine umgebracht werden.

»Keine Sorge«, meint Katharina, »die sind bestimmt schon tot, wenn wir kommen. Aber es kann sein, dass wir ein bisschen helfen müssen.«

»Helfen? Wobei?«

»Das Schweinefleisch wird ja gleich verarbeitet. Und da ist wohl eine ganze Menge zu tun.«

Katharinas Mann beschließt daraufhin, sich ein gar furchtbares Leiden zuzulegen, am besten Rückenschmerzen, damit er nicht dabeisein muss. Henrique verspricht aber wenigstens, uns bei der Rückkehr mit selbst gebranntem medronho zu versorgen.

»Sag mal«, wende ich mich an Katharina, »mir graust es jetzt doch ein bisschen. Wobei bitte soll ich helfen?«

Soll ich mich etwa beim Wursten nützlich machen?

Aber weigern – das erklärt mir Katharina sofort – geht absolut nicht. In Portugal gibt es ein Sprichwort, das man niemals vergessen darf, meint sie: »Na terra onde fores viver, faz como veres fazer. Das heißt in etwa: Wo du leben willst, mach es so wie die anderen.

»Du kannst dich nicht ausschließen«, sagt Katharina. »Beim Schweineschlachten direkt vielleicht schon, das versteht man, dass ein Städter oder ein estrangeiro da nicht zuschauen mag. Aber wenn das Schwein bereits tot ist? Nein, da musst du einfach durch! Zieh dich bloß noch um – am besten alte Klamotten. Oder wenigstens Jeans und T-Shirt!«

Insgeheim entdecke ich soeben, dass ich vielleicht doch besser ab sofort vegetarisch lebe – das könnte jetzt eine Menge Vorteile haben.

Kleine Notiz am Rande:

Es mag Vorteile haben, Vegetarier zu sein. Aber in Portugal ist das etwas schwierig. Zwar gibt es da auch vegetarische Restaurants und Lebensmittel. Aber auf dem Land hat man kein so rechtes Verständnis für diese Lebensweise. Katharina erzählt mir, was sie mal gemeinsam mit Henrique an einem Nebentisch in der Dorfkneipe erlebt hat: Deutsche Feriengäste kommen in die Dorfkneipe, wollen essen und fragen nach vegetarischen Gerichten. Weder der Wirt noch seine Frau, die in der Küche steht, können das begreifen.

»Mag die senhora ein bisschen carne de porco

»Nein danke – kein Schweinefleisch!«

»Gar kein Fleisch?«

»Nein danke – nur Gemüse.«

»Wir hätten da einen leckeren bacalhau

»Nein – Fisch bitte auch nicht!«

»Oder doch besser gebratene chouriço

»Nein, bloß nicht! Haben Sie keinen Salat?«

Großes Rätselraten zwischen Wirt und Köchin.

»Jetzt habe ich es: Die senhora isst am besten ein leckeres frango

Gebratenes Hühnchen gilt nicht als »richtiges Fleisch« – aber die Gäste wollten es trotzdem nicht. Sie haben dann mit einem tosta com queijo (den es »eigentlich« gar nicht gab, denn normalerweise isst man hier tosta mista – also Schinken-Käse-Toast) endlich ihren Hunger gestillt.

Es gibt noch eine andere Redensart in Portugal: Barriga cheia, cara alegre – Voller Bauch, fröhliches Gesicht.

Beim Schlachten muss man sich den vollen Bauch zwar »verdienen«, wie ich gleich merken werde, aber trotzdem machen alle fröhliche Gesichter. Dona Augustas Mann und die Söhne haben gleich zwei porcos pretos (schwarze Schweine) geschlachtet: genügend Fleisch und vor allem Würste für die nächsten Monate. Die ganze Familie – einschließlich der Kinder aus Odemira mit ihren Ehepartnern und Enkeln – ist zusammengekommen, dazu etliche Nachbarn.

Die Männer haben schwer gearbeitet heute Morgen: Die beiden Schweine sind bereits zerlegt. Katharina und ich werden sehnsüchtig erwartet, denn: Ohne uns gibt es nichts zu essen. Von den Vorbereitungen in der Küche fürs Schlachtmahl abgesehen ist noch nichts zu tun.

Erst nach dem Essen, und das steht schon bereit: Dona Augusta, die Hausherrin, Dona Rosa, ihre Tochter und Dona Vitória, die Tante, werkeln seit Stunden in der winzigen Küche fürs Mittagessen. Die Herren stehen derweil draußen und fachsimpeln. Genießen dazu das eine oder andere Glas. Matar o bicho – »das Tier töten« sagen die Portugiesen dazu, und dieses vormittägliche Schnäpschen finde ich durchaus lecker: Es schmeckt eher wie Likör und ist, wie Katharina mir gleich erzählt, medronho – Schnaps vom Erdbeerstrauch. Natürlich illegal gebrannt, aber das schmeckt man ja glücklicherweise nicht. Dona Augustas medronho com mel ist, sie lässt mich natürlich gleich probieren, mit Honig und Kirschen verfeinert.

Ah – deshalb der likörigsüße Geschmack. Lecker.

Endlich geht es zu Tisch.

»Es gibt Leber«, flüstert Katharina mir zu. »Du brauchst nichts davon zu essen, wenn du nicht magst. Aber greif bei allem anderen zu.«

Ich habe kein Problem mit Innereien – im Gegenteil. Iscas – in Rotwein mit Knoblauch und Lorbeer geschmorte Leber – gehört in Portugal zu meinen Lieblingsgerichten. Ob vom Kalb oder vom frisch geschlachteten Schwein – Hauptsache, es schmeckt.

Gekochtes Huhn steht auf dem Tisch – wahre Berge. Reis mit Bohnen. Ein riesiger Topf. Natürlich selbst geräucherte rote und fast schwarze chouriços. Eingelegte Oliven – ohne die gibt es keinen gedeckten Tisch in Portugal. Dicke duftende Scheiben von frisch gebackenem Brot.

Dona Augusta backt selbst, und sie lässt es sich nie nehmen, Katharina und Henrique und glücklicherweise auch mich, wenn ich zu Besuch bin, mit mindestens einem riesigen und knusprigen Brotlaib zu bedenken.

Es gibt vinho tinto, alle sitzen gemütlich zusammen und unterhalten sich blendend. Für den Verdauungsschnaps ist ebenfalls gesorgt, denn Dona Augusta hat auch »richtigen« Selbstgebrannten (sie bekommt selbstverständlich ihren Ernteanteil an medronho-Früchten von Senhor Henrique als Schnaps zurück). Das Schnäpschen ist ein Muss vor der Arbeit, die Katharina und mich gleich erwartet.

Unser Job ist es nämlich, das frische Schweinefett in kleine Würfel zu schneiden. Die braucht man zur Herstellung der Wurst. Hausgemachte chouriços sind etwas Feines. Sie werden im Küchenkamin geräuchert, und der Hausherr, Senhor António, sitzt bereits parat: Er ist für Feuer und Rauch zuständig.

Katharina und ich hocken uns auf niedrigen Stühlen gegenüber, balancieren zwischen uns ein großes Hackbrett auf den Knien und schnibbeln und schnibbeln. Kleine Würfel. Nicht zu klein, aber auch nicht zu groß. Der eine oder andere medronho com mel zwischendurch hilft bei der Arbeit. Dona Augusta ist nämlich der Meinung: »Nur wer etwas trinkt, kann auch gut arbeiten!«

Anfangs graust mir ein bisschen – ich gebe es zu. Dann aber stelle ich fest: Das frische Fett riecht überhaupt nicht unangenehm. Und später merke ich: Es macht eine babypopo-zarte Haut …

Leider bringt Dona Augusta nicht nur etliche Gläschen medronho, sondern immer wieder Schweinefett-Nachschub. Fast drei Stunden sitzen wir da und würfeln. Ich kann gut nachvollziehen, warum Henrique schon allein beim Gedanken daran Rückenschmerzen bekam. Wobei er sicher eher bei den Männern wäre und am Expertengespräch teilnehmen würde. Schweinefett zu würfeln ist nämlich Frauenarbeit. Ebenso wie das Waschen der Därme. Das wird von Dona Rosa und Dona Vitória erledigt: Immer wieder müssen die Eingeweide mit Wasser, Zitrone und Essig ausgespült werden. Schließlich werden daraus dann die chouriços caseiros, die hausgemachten Würste, gemacht.

Neugierig bin ich ja schon, wie Dona Augusta und Senhor António auf ihrem kleinen Bauernhof leben. Sie führt mich stolz herum, zeigt mir alle Räume. Wie damals, in Coruche, bei Dona Deolinda, bin ich geschockt. Ich kann es mir nicht vorstellen, so zu leben. Ich war schon beim Besuch bei Antónios Mutter entsetzt. Aber Dona Deolinda wohnt luxuriös im Vergleich zu dem, was ich heute sehe: kein Bad, keine Toilette, kaum Fenster im Haus, alles eng und dunkel. Es gibt zwar Strom und Telefon. Aber Wasseranschluss?

»Gibt es nicht«, sagt Katharina. »Dona Augusta geht ins Tal und holt sich Wasser von der Quelle. Das schleppt sie dann nach oben zum Haus!«

»Ja aber«, ich bin entsetzt, »wie wäscht sie, wie spült sie ab?«

»Mit dem kalten Quellwasser«, sagt Katharina, »warmes Wasser gibt es nur, wenn sie es kocht. Alles andere erledigt sie mit kaltem Wasser – auch das Geschirrspülen.«

Mittlerweile ist Dona Augusta schon über achtzig und ihr Mann António ebenfalls. Deswegen füllt Henrique jetzt meist Wasser vom eigenen Brunnen in Fünfliterflaschen und bringt es den Nachbarn im Jeep vorbei, damit sie es ein bisschen einfacher haben.

»Das ist ja furchtbar! «, ich kann es nicht fassen. »Wie im Mittelalter! Dusche und Toilette gibt es dann auch nicht?«, frage ich nach.

»Natürlich nicht! Und sie waren sehr erstaunt«, erzählt Katharina, »als wir vor einigen Jahren hierhergezogen sind und das Haus gebaut haben. Natürlich haben wir Wasseranschluss, Badezimmer und Toilette. Hier gibt es ›Wasser aus der Wand‹ haben sie der Müllerin erzählt und konnten es nicht fassen, dass man im Haus auf die Toilette geht. Nach und nach haben dann alle Nachbarn uns besucht und dieses Wunder bestaunt.«

Ich bin fassungslos: »Und wohin gehen sie, wenn sie mal müssen?«

»Sie haben eine Art Plumpsklo«, berichtet Katharina, »das war früher überall auf dem Land so – auch bei uns in Deutschland. Heute erlebst du ›Portugal von innen‹ – so wie es Touristen nie und kaum ein residente jemals kennenlernen.«

»Natürlich interessiert es mich, wie man hier lebt«, meine ich. Aber so völlig ohne Anschluss an moderne Zeiten?

Was ich ebenfalls furchtbar finde: »Die Leute auf dem Land sind wirklich arm. Ich kenne das ja von meiner Beinahe-Schwiegermutter in Coruche.«

»Täusch dich nicht«, meint Katharina, »Dona Augusta hat zwar keinen Wasseranschluss, und sicher kann sie nicht lesen und schreiben, aber sie gilt als reiche Frau. Neben dem Land gehören ihr zwanzig cabeças – zwanzig Köpfe, das ist der Zahl der Kühe, die sie ihr Eigen nennt.«

»Portugal von innen« – hier denkt man wirklich anders.

»Auch mit ihrem Besitz an Land ist Dona Augusta nicht arm«, sagt Katharina, »ganz im Gegenteil. Sie kennt ja das ›bessere‹ Leben: Ihre Tochter und zwei Söhne wohnen in modernen Häusern in Odemira. Aber sie will das nicht. Viele der alten Nachbarn hier im Umkreis denken genauso – die würden das gewohnte Leben auf ihren Höfen vermissen und sich nicht wohlfühlen!«

Mich beeindruckt, wie herzlich und gastfreundlich ich aufgenommen werde. Wie selbstverständlich es ist, einen weiteren Esser am Tisch zu haben. Nicht nur heute, ich habe das viele Male erlebt.

Dona Augusta weiß sicher, dass wir bei der Verarbeitung des toten Schweins keine große Hilfe sind. Aber Katharina und Henrique sind Nachbarn, sogar Freunde. Ganz klar, dass die beiden eingeladen werden. Auch zu vielen Festen im engen Familienkreis. Und wenn die beiden Gäste haben, werden sie selbstverständlich dazugeholt.

Wie weit sich die Gastfreundschaft erstreckt, merke ich am übernächsten Tag, als ich wieder abreise. Dona Augusta ist extra morgens, schon vor dem Frühstück, zum Haus von Katharina und Henrique den Berg hochgelaufen. Über Stock und Stein, mal eben ein paar Kilometer. In der Hand einen Beutel mit Brot und dazu drei große Bauern-chouriços. Als Andenken an das Schweinewochenende im Alentejo, sagt sie. Und ich werde herzlichst eingeladen, bald wieder mal vorbeizukommen.

Man schlachtet nicht nur Schweine im Alentejo. Auch ein Zicklein schmeckt ausgesprochen lecker. Mein nächster Besuch bei Katharina und Henrique ist also unumgänglich.

»José hat uns endlich die Ziege vorbeigebracht«, sagt Henrique, »die er uns vor Monaten versprochen hat. Na ja, es ist natürlich eher ein Zicklein. Also – wie sieht es aus? Wann kommst du wieder auf unseren Berg?«

Geschmortes Zicklein? Na, wenn das kein Grund ist, zu einem weiteren Freundesbesuch aufzubrechen …

Langwierige Beratungen per Telefon und Internet gehen dem Besuch voraus: Wie soll das Zicklein mariniert werden? Klar: Knoblauch und Kräuter sind ein Muss. Aber sonst? In Weißwein oder in Rotwein? Was gibt es dazu?

Fragen über Fragen – doch die wichtigste: Wer zerteilt das Tier? Es war nämlich »im Ganzen« von José vorbeigebracht worden.

Es ist ein Glück, dass man schon nach kurzer Zeit in Portugal cunhas hat. Im Alentejo und unter residentes ist das natürlich nicht anders. In diesem Fall kennt man also einen, der einen anderen kennt, der von jemandem weiß, dessen Nachbar Schlachter ist. Ein kurzes Telefongespräch bestätigt die ganze Sache: Schlachter Klaus wurde eingeladen, das Zicklein in bratenfertige Stücke zu zerteilen. Dafür wird ihm ein Abendessen als Lohn in Aussicht gestellt.

Katharina hat sicherheitshalber eine scharfe Axt besorgt. Man weiß ja nicht, welche Gerätschaften man so braucht. Schlachter Klaus kommt zeitgleich mit mir bei Katharina und Henrique an. Selbstverständlich mit passendem Handwerkszeug: einem sehr scharfen Messer (so eines hätte ich gern mal in meiner Küche!) und einer Säge. Die von Katharina besorgte Axt kommt deshalb nicht zum Einsatz.

Schlachter Klaus lässt es sich nicht nehmen, in Arbeitskleidung anzutreten: Er hat extra einen weißen Mantel mitgebracht. Katharina und ich vermuten: damit man das Blut besser sieht. Wir hätten ja eher alte Klamotten angezogen oder vielleicht eine Gummischürze. Aber sind wir Schlachtexperten? Eben.

Wir entfernen uns dann lieber vom blutigen Geschehen am Schlachtort und bereiten die Zutaten für das festliche Mahl vor, das für den nächsten Tag geplant ist. Zwölf Stunden wenigstens sollen die Fleischstücke mariniert werden.

Das Zicklein war ziemlich groß. Es gibt also eine Menge Fleisch. Deshalb werden zum Mittagessen nicht nur der edle Spender und seine Mutter (im »richtigen Leben« die alte Müllerin, Dona Amélia, von der Windmühle auf dem benachbarten Hügel und ihr Sohn) gebeten, sondern noch andere Freunde geladen: Doris und Ingolf sind von der Lagune angereist.

Dona Amélia hat sich – ebenso wie ihr Sohn – extra fein gemacht. Ganz in Schwarz gekleidet, oft geflickt, aber sauber. Dicke schwarze Strümpfe. Und sie hat ihren Regenschirm dabei. Gegen die hitzigen Strahlen der Sonne.

José kommt zwar ohne Schirm, ist aber ebenfalls sauber gekleidet. Ordentlich eher weniger. Seine Hose hat einen langen Riss, beim Hemd fehlen etliche Knöpfe. Keine Socken, aber feste Arbeitsschuhe. Und die unerlässliche Kappe auf dem Kopf, tief in die Stirn gezogen. Ohne die oder einen schwarzen Hut ist der alentejano praktisch nicht vorstellbar. Einen Stecken hat er auch noch dabei – schließlich ist er hauptberuflich Ziegenhirte.

Ich will es kurz machen: Es ist – schlicht und ergreifend – ein herrliches Mahl. Wir sitzen draußen auf der schattigen Terrasse. Den Duft des geschmorten Zickleins noch in der Nase. Der Blick schweift in die Ferne – auf die unendlich scheinenden Hügel des Monchique-Gebirges. Das eine oder andere Glas Rotwein, danach ein medronho. José greift in die Hosentasche, zieht eine Mundharmonika heraus und spielt auf. Seine Mutter, Dona Amélia, singt ein paar einfache Lieder, ein bisschen Fado.

Ein Nachmittag mit Freunden. Ein Festessen im Alentejo.