Kapitel 21
Ich sitze zwischen Tess und Elena auf der harten Kirchenbank. Auf der Kanzel steht Bruder Ishida und redet eintönig vor sich hin. Er wird jetzt jeden Moment meinen Namen aufrufen. Ich habe das Gefühl, ich bin gleichzeitig knallrot und kreideweiß. Mir ist ganz schlecht vor Aufregung.
Neben mir spielt Tess mit ihrer Kette, einem kleinen Goldmedaillon, das Mutter ihr zu ihrem achten Geburtstag geschenkt hat. Letztes Jahr ist der Verschluss kaputtgegangen, und Tess hatte es im Garten verloren und war stundenlang ganz verzweifelt. Ich hatte ihr geholfen, den Rasen abzusuchen, bis wir es gefunden haben. Ich glaube, sie trägt es, wenn sie ein bisschen zusätzlichen Trost braucht.
Einen Platz weiter sitzt Maura regungslos wie eine Statue. Sie hat mich den ganzen Morgen noch nicht angesehen, allerdings kann ich nicht sagen, ob sie sich schämt oder ob sie böse mit mir ist. Sie hat gar nicht erst versucht, den Schnitt auf ihrer Wange hinter ihren Haaren zu verstecken, und statt eines ihrer leuchtenden, neuen Kleider trägt sie eines ihrer alten, altmodischen. Sie wäre am liebsten gar nicht zur Kirche gegangen, aber Elena hat es ihr nicht erlaubt.
Es hat mich maßlos geärgert, wie Elena sie herumkommandiert hat, aber ich habe den Mund gehalten. Genauso wie ich es gestern Abend getan habe, als sie mich angewiesen hat, mich von meinen Schwestern fernzuhalten, bis ich meine Absicht bekundet habe. Sie sagte, es wäre besser so, um sie davon abzuhalten, etwas Dummes zu tun. Ich habe mich in den Schlaf geweint und meine Tränen ins Kissen kullern lassen. Fest entschlossen und mit trockenen Augen bin ich noch vor Sonnenaufgang aufgewacht.
»Miss Catherine Cahill«, dröhnt Bruder Ishida. »Treten Sie vor, um Ihre Absicht gegenüber dem Herrn zu bekunden.«
Erstauntes Flüstern geht durch die Menge, als meine Nachbarn ihre Mutmaßungen über meine Absicht anstellen. Köpfe drehen sich in meine Richtung. In der Reihe vor uns verbiegt Sachi Ishida sich, um mich ansehen zu können. Rory ist heute nicht in der Kirche.
»Jetzt schon? Ist es denn überhaupt McLeod?«, flüstert sie.
Tess zieht mich am Ärmel. »Was hast du vor, Cate?«
Doch ich antworte ihr nicht. Ich stehe auf, streiche meinen burgunderfarbenen Rock glatt und gehe durch den Gang nach vorn. Ich stehe mit dem Rücken zu der flüsternden Menge und sehe Bruder Ishida an. Es scheint ihm heute wieder gut zu gehen, sein Gesicht ist faltenfrei und unbesorgt. Es ist seltsam, ihm wieder in die Augen zu sehen, die in ihrem üblichen Eifer leuchten, aber nichts von dem verbitterten Hass zeigen, der gestern Abend zum Vorschein kam. Und er erinnert sich an nichts.
Gott sei Dank, dass er sich an nichts erinnert. Tess sei Dank.
»Miss Cahill, ist Ihnen die Ernsthaftigkeit dieser Zeremonie bewusst? Sie vertraut Sie dem Weg an, den Sie vor den Augen Gottes und dieser Gemeinde gewählt haben. Es ist keine Angelegenheit, die leichthin begangen werden sollte. Wenn Sie einmal Ihre Absicht bekundet haben, werden die Bruderschaft und all Ihre Nachbarn schwören, Sie darin zu unterstützen.«
»Ja, Sir.«
Er tritt zur Seite, und ich besteige die Kanzel und sehe hinab auf das Meer von Gesichtern. Es ist der einzige Anlass, zu dem es Frauen gestattet ist, von der Kanzel zu sprechen. Von hier aus betrachtet ist die Gemeinde riesig, Hunderte unserer Nachbarn sind in ihrem Sonntagsputz zusammengepfercht. Alle warten ganz gespannt darauf, zu hören, was ich zu sagen habe. Es ist ein berauschendes Gefühl.
»Catherine Cahill, was ist Ihre Absicht?«
Ich zögere nicht. Meine Stimme ist laut und deutlich und absolut sicher.
»Vor dem Herrn und allen, die Zeuge meiner Worte sind: Ich möchte der Schwesternschaft beitreten.«
Das Flüstern explodiert. Seit Jahren ist niemand der Schwesternschaft beigetreten, und ich glaube nicht, dass mich irgendjemand für eine mögliche Kandidatin gehalten hat. Bruder Ishida ist für einen Moment verunsichert, doch dann redet er auch schon von der edlen, ehrenhaften Bestimmung der Schwestern.
Doch ich höre seine Worte nur schwach, als kämen sie vom anderen Ende eines langen, dunklen Ganges. Es ist getan.
Der nächste Teil ist der schwierigste. Ich hebe meinen Blick und spähe in den hinteren Teil der Kirche. Paul sitzt neben seiner Mutter. Er ist sogar in seinem Herzschmerz noch attraktiv. Ich kann sehen, wie angespannt sein eckiger Kiefer ist, wie er daran arbeitet, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Meine Entscheidung muss ihm unbegreiflich erscheinen. Aber ich bin nicht mehr das freie, sorglose Mädchen, das mit ihm im Teich gewatet ist und auf der Mauer des Schweinestalls balancierte. Ich werde nie wieder diese Cate sein. Es ist besser, wenn er es jetzt begreift.
Sachi tuschelt hinter ihrem rosafarbenen Fächer mit Rose Collier, und die blaue Feder in ihrem Haar schwingt unruhig hin und her.
In der Reihe hinter ihr ist die Teilnahmslosigkeit in Mauras Gesicht verflogen. Maura hält sich mit beiden Händen so an der Lehne der vorderen Kirchenbank fest, dass ihre Knöchel weiß hervortreten, und ihre blauen Augen sind so groß, dass sie fast ihr Gesicht verschlucken. Während ich zu ihr hinübersehe, rückt Tess näher an sie heran. Irgendwie haben sich am vorigen Tag ihre Rollen umgekehrt: Maura ist zerbrechlicher geworden und Tess zu ihrer Beschützerin.
Zum Schluss – und am Schlimmsten – Finn. Jetzt Bruder Belastra. Er sitzt zum ersten Mal mit den anderen Brüdern in der ersten Reihe und ist von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. Er hat sich bereits auf seinen Weg begeben. Der Laden ist geschlossen – ich habe das Schild an der Tür gesehen, als unsere Kutsche daran vorbeigefahren ist. Er fährt mit der Hand durch sein ungekämmtes Haar, die Fassungslosigkeit ist seinen prächtigen schokoladenbraunen Augen anzusehen. Das ist nicht das, was er von mir erwartet hat.
Unbewusst befühle ich den Striemen auf meiner Wange. Finns Gesicht verdüstert sich, und er greift instinktiv nach seinem Stiefel. Ich schüttele fast unmerklich den Kopf. Was könnte er denn tun? Nichts.
Es gibt nichts, was irgendjemand tun könnte. Ich habe mich hierfür entschieden.
»Catherine Cahill, Ihr habt den Segen der Bruderschaft. Geht in Frieden und dienet dem Herrn«, sagt Bruder Ishida.
Ich senke den Kopf. »Dank sei dem Herrn.«
Und die Gemeinde wiederholt meine Worte.
Unsere Nachbarn erheben sich und strecken sich in den Bänken. Einige von ihnen kommen auf mich zu – Finn ist darunter –, aber Elena ist schneller. Sie zieht mich den Gang hinunter und schirmt mich vor den neugierigen Blicken der Schaulustigen in ihrem Sonntagsputz ab.
»Es ist Zeit, zu gehen, Cate. Die Kutsche wartet.« Sie lächelt, ihre perfekten weißen Zähne blitzen, als ob sie mich zu einem entzückenden Picknickausflug schicken würde und nicht zu einer von ihr ausgeheckten Gefängnisstrafe.
Finn fasst mich am Ellbogen. »Kann ich bitte fünf Minuten haben? Um mich zu verabschieden?«, frage ich. Ich verabscheue mich selbst für die offensichtliche Sehnsucht in meiner Stimme.
»Ich halte das für keine gute Idee? Sie etwa? Warum das Unvermeidliche hinauszögern?«
Ich werde nicht betteln. Die Genugtuung werde ich ihr nicht geben. »Darf ich wenigstens noch einmal nach Hause, um ein paar meiner Sachen zu holen?«
»Ihre Schwestern und ich können uns darum kümmern. Wir werden Ihnen Ihre Sachen bald schicken. Kommen Sie, Cate. Keine Verzögerungstaktik«, sagt sie und führt mich den Gang hinunter.
Finn legt mir die Hand auf den Arm und umklammert mit seinen warmen Fingern mein Handgelenk. Er würde mich durch die Menge ziehen und weg von all dem hier, wenn ich ihn lassen würde.
Aber ich kann nicht. Ich kann ihn nicht einmal ansehen, ohne in Tränen auszubrechen. Ich starre auf die zimtfarbenen Sommersprossen auf seinem Handrücken. »Leb wohl«, sage ich zu dem Holzfußboden. Ich greife in meine Tasche und ziehe Mariannes Rubinring hervor. Meinen Verlobungsring. Ich kann ihn nicht behalten. Es wäre nicht fair. Finn sollte frei sein, ihn einer anderen zu geben, obwohl ich bei dem Gedanken am liebsten sterben würde. Ich drücke ihm den Ring in die Hand und schließe seine Finger darum.
»Cate«, sagt er, und die Verzweiflung in seiner Stimme bricht mir beinahe das Herz. »Warum?«
»Kommen Sie schon«, sagt Elena.
Da kommt Maura angelaufen und kämpft sich den Weg durch die Menge. »Lass mich an deiner Stelle gehen. Bitte, Cate, lass mich nicht mit ihr zurück.«
Ich würde gern noch so viel sagen – zu Finn und zu meinen Schwestern. Aber nicht so. Nicht mit Elena und Mrs Corbett, die zuhören und meine Worte abwägen, um an den geeigneten Stellen zuzuschlagen.
»Du hast Tess. Seht nacheinander«, bringe ich hervor. Ich begegne Tess’ grauen Augen und habe das Gefühl, dass sie mich ein bisschen versteht. Sie nickt mir ernst zu, als würde sie mir ein Versprechen geben.
Ich gehe. Ich gehe den Gang hinunter und durch die weiten Türen und den Kopfsteinpflasterweg mit verwelkten Chrysanthemen entlang. Ich fühle mich, als ob ich zu meiner eigenen Beerdigung gezerrt würde und die Trauernden hinter mir her gingen. Mein Lächeln versiegt, aber ich halte den Kopf weiter empor.
Ich steige in die geschlossene schwarze Kutsche, die mit dem goldenen Siegel der Schwesternschaft verziert ist. Mrs Corbett zwängt sich neben mich. Sie soll mich auf meiner Reise nach New London begleiten. Wahrscheinlich, um aufzupassen, dass ich meine Meinung nicht doch noch ändere und davonlaufe. Sie pocht gegen die Tür, und der Kutscher schießt mit uns vorwärts. Wir sind auf unserem Weg.
»Sie haben das Richtige getan, Cate«, sagt sie. »Das werden Sie letztendlich auch noch begreifen.«
Aber ich habe es bereits begriffen. Und ich würde es alles noch einmal genauso machen, um die Menschen zu beschützen, die ich liebe.
Ich hoffe nur, dass ich mit den Konsequenzen leben kann.