Kapitel 16
Die Kerze flackert. Ich halte schützend eine Hand vor die Flamme und wünschte, der raue Wind würde aufhören. Er beißt durch den Mantel, den ich über den Schultern trage. Um mich herum schlafen die Blumen und verneigen ihre Köpfe vor dem zunehmenden Mond. Mein Rocksaum flüstert über die Gehwegplatten und fügt sich dem Missklang der nächtlichen Laute hinzu. Die Kerze wirft lange Schatten, und auf einmal erscheinen mir diese Wege, die ich schon mein ganzes Leben kenne, unbekannt und gespenstisch.
Plötzlich streift etwas mein Haar. Ich mache einen Satz zurück und schlage mir die Hand vor den Mund. Es ist nur ein vertrocknetes Blatt, das zu Boden fällt. Ich lache nervös und schmecke Rauch in meiner Kehle. Die Feuer sind für die Nacht abgedeckt, aber über den Schornsteinen schweben immer noch wie Geister die grauen Rauchschwaden. Der Wind schneidet in meine Handgelenke und Knöchel. Ich ziehe den Mantel fester um mich und beschleunige meine Schritte.
Oben auf dem Hügel ragt gespenstisch der Pavillon empor. Dies ist der gefährlichste Teil des Weges, denn an dieser Stelle kann ich von den Zimmern der Bediensteten aus gesehen werden. Ich bete, dass Mrs O’Hare und John nicht aus irgendeinem Grund noch wach sind und gerade hinausblicken.
Ich hole tief Luft und laufe schnell vorwärts. Bereits nach ein paar Metern erlischt die Kerze. Himmel, ist das dunkel.
Dann kann ich auch schon den feuchten, erdigen Schlamm des Teichufers riechen, und ich vernehme das sanfte Plätschern des Wassers. Es ist beruhigend – ein vertrautes Geräusch inmitten all der fremden Rufe der Nachtvögel. Als ich genauer hinhöre, kann ich weibliche Stimmen ausmachen, die über den Teich wehen. Ich sehe Schatten zwischen den Grabsteinen auf dem Friedhof tanzen.
Sie sind da, hinter Mutters Grabmal.
Die Vorstellung, wie Mutter in ihrem Grab liegt, wie ihr Körper umgeben von Erde und Insekten sich langsam auflöst, gefällt mir überhaupt nicht. Wenn Vater zu Hause ist, legt er ihr immer Blumen aufs Grab. Ich sehe darin keinen Sinn. Nichts von dem, was Mutter ausgemacht hat, ist noch da.
Lachen – Rorys eigentümliches Bellen – schallt durch die Nacht.
»Hallo?«, rufe ich leise, als ich den Friedhof betrete. Meine Stimme klingt ganz heiser.
Sachi tritt hinter dem Grabmal hervor. »Cate?« Das Licht ihrer Laterne wirft unheimliche Schatten auf Sachi und lässt ihre sonst so hübschen Gesichtszüge abscheulich aussehen.
»Gruselig, nicht wahr? Magst du etwas Sherry?«, fragt Rory und hält mir eine Flasche hin.
Eine große, dünne Gestalt lugt um den Grabstein, ihr Gesicht ist von einer Kapuze verdeckt. Es gibt nur eine einzige Person, die Sachi und Rory zu so einem verrückten, makabren Abenteuer mitbringen könnten.
»Brenna?«
Brenna beginnt, wie ein Kind auf dem Friedhof herumzuwirbeln und Haken um die kleinen Gräber neben Mutters Grab zu schlagen. Dabei singt sie vor sich hin:
»Am Tag die Blumen wir pflegen,
des Nachts wird Schlaf zum Genuss,
das Leben ist Sonne und Regen,
wir seh’n das Gras von unten am Schluss.«
Dem Ort angemessen, denke ich, aber wenig tröstlich.
»Rory wollte sie unbedingt mitbringen.« Sachi klingt nicht gerade begeistert. »Sie weiß über uns Bescheid.«
Verärgert wende ich mich ihr zu. »Du hast es ihr erzählt?«
»Ich habe ihr gar nichts erzählt.« Sachis Stimme klingt angespannt.
»Ich auch nicht! Sie weiß manche Dinge einfach«, erklärt Rory und zerrt Brenna zu uns zurück. »Darum haben sie sie auch weggesperrt.«
»Sie ist verrückt«, sagt Sachi und verschränkt die Arme vor der Brust. »Sie haben sie weggesperrt, weil sie deinem Stiefvater erzählt hat, dass er sterben würde.«
»Aber ich weiß Dinge«, sagt Brenna schwermütig. »Wenn ich mich nur an sie erinnern könnte.«
»Woran können Sie sich denn nicht erinnern?«, frage ich. Es ist eine dumme Frage – woher soll sie das wissen? –, aber Brenna nimmt sie ernst.
»Löcher in meinem Kopf«, erklärt sie und tippt sich an die Stirn. »Die Krähen haben sie dorthin getan.«
»Krähen?«, frage ich, und Sachi zuckt mit den Schultern.
Brenna schaudert und lässt sich gegen den marmornen Grabstein fallen. Sie kneift die Augen zu wie ein Kind, das versucht, einen Albtraum auszulöschen, und schlingt die Arme um sich. »Sie sind zu meinem Prozess gekommen«, flüstert sie. »Die Brüder haben mich mit ihnen allein gelassen. Ich hatte solche Angst. Ich dachte, sie würden mir die Augen ausstechen, aber sie haben mir bloß meine Erinnerung genommen.«
»Als sie von Harwood wieder nach Hause gekommen ist, hat sie uns zuerst gar nicht wiedererkannt. Sie hat nur mit Jake gesprochen«, erklärt Rory. Jacob ist Brennas Bruder, ein großer, sanftmütiger Junge.
»D-darfst keine Fragen stellen«, stottert Brenna. »Du wirst bestraft werden!«
Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, aber diesmal hat es nichts mit der Kälte zu tun, sondern vielmehr mit Brennas unheimlichem Gerede.
»Es reicht. Stell sie ruhig«, befiehlt Sachi. »Wir sind nicht den ganzen Weg hergekommen, um uns diesen Unsinn anzuhören. Cate wollte uns etwas erzählen.«
»Still«, sagt Rory und legt einen Arm um Brenna. Brenna ist um einige Zentimeter größer, aber sie krümmt sich wie ein Schilfhalm, als wäre alle Energie aus ihr gewichen. »Setz dich hin.«
Sie setzen sich alle drei auf den kalten Marmor, der Mutters Grab umgibt. Brenna starrt in die Dunkelheit. Sachi zieht die Knie an und vergräbt das Gesicht in ihrem Mantel. Nur Rory scheint die Kälte nichts auszumachen, sie wippt quietschvergnügt auf und ab wie ein Kind.
Jetzt, da der Moment da ist, ist es mir peinlich.
Was in der Geheimkammer passiert ist – und dann noch einmal im Pavillon –, ist etwas sehr Persönliches. Was soll ich sagen? Dass jetzt, seit mir klar geworden ist, wie mutig und loyal und wundervoll Finn ist, ich mir nicht länger etwas vormachen kann? Dass seine Küsse mich leichtsinnig werden lassen? Dass ich den Gedanken nicht ertragen kann, ihn aufzugeben, auch wenn Paul zu heiraten mein Ansehen schützen würde? Ich muss wissen, wie ich die Magie unter Kontrolle halten kann, auch wenn ich meine Gefühle nicht ganz unter Kontrolle habe.
Eigentlich wollte ich das bloß Sachi fragen und nicht gleich drei Zuhörerinnen. Aber ich brauche Antworten.
Ich knie mich ins kalte Gras, der Tau durchnässt meinen Mantel. »Ich habe jetzt schon zweimal gezaubert, ohne es zu wollen. Am Montag war es sehr stark – viel stärker als normalerweise. Ich konnte den Zauber nicht allein rückgängig machen.«
»Was hast du denn direkt davor gemacht?«, fragt Sachi. Ein langer schwarzer Zopf fällt ihr über die Schulter. »Als die Magie sich bei mir zuerst bemerkbar gemacht hat, hatte ich sehr starke Emotionen, die meine Magie ziemlich unkontrollierbar machten. Ein paarmal war ich kurz davor, von meinem Vater entdeckt zu werden.«
»Ähm. Ja. Ich – also, ich war –« Wie gesteht eine Dame, dass sie sinnliche Lüste empfindet?
Brenna lacht leise vor sich hin, und ich würde mich vor Scham am liebsten hinter dem Grabstein verstecken.
»Hör auf«, Sachi haut ihr auf die Schulter.
»Fass mich nicht an!«, keift Brenna und springt auf. Sie klettert auf den Grabstein hinter uns und hockt sich darauf wie ein gespenstischer Wasserspeier.
»Oh, guter Gott«, sagt Sachi. »Brenna, komm sofort da runter. Das ist respektlos.«
»Ich kann jetzt sehr gut hören«, ruft Brenna. »Erzähl weiter! Erzähl uns mehr von den Küssen!«
»Woher –?« Erstaunt sehe ich Rory an.
»Ich hab doch gesagt, dass sie manche Dinge einfach weiß. Außerdem hattest du schon verraten, dass es etwas mit einem Mann zu tun hat.« Rory lächelt mich mit ihrem Hasenlächeln an. »Er sieht aus, als könnte er ziemlich gut küssen.«
»Meinst du?« Natürlich finde ich Finn attraktiv – umwerfend, verwirrend attraktiv. Aber irgendwie hätte ich nicht gedacht, dass er Rorys Typ sein könnte.
»Oh ja. Ich habe noch nie jemanden mit einem Bart geküsst«, gibt Rory verlegen zu. »Und ich glaube nicht, dass ich jemals die Gelegenheit dazu haben werde. Kitzelt es?«
Ein Bart? Aber Finn hat doch gar keinen Bart.
Dann trifft es mich wie der Schlag. Paul hatte einen Bart. Sie denkt, ich rede von Paul. Sie haben gesehen, wie er mit mir geschäkert und mich von der Kirche nach Hause begleitet hat. Sie haben den Klatsch und Tratsch gehört. Er war ja auch nicht besonders diskret.
Es wäre ganz einfach, sie in dem Glauben zu lassen. Ich schäme mich zwar nicht für Finn, und es ist mir auch ganz gleichgültig, was Sachi von den Belastras hält. Andererseits weiß ich auch nicht, warum ich ihre falsche Annahme korrigieren sollte.
»Rory! Zieh keine voreiligen Schlüsse«, schilt Sachi sie. »Nicht alle sind so schamlos wie du.«
Über uns singt Brenna ohne Melodie vor sich hin und lässt die Beine baumeln.
»Nein, es stimmt schon. Das war die Ursache dafür. Beide Male«, gebe ich zu.
»Mehr als einmal?«, kräht Rory.
Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt, aber ich fahre fort. »Beide Male war ich – nun, ich war –«
»Erregt«, sagt Rory. »Lüstern. Schamlos!«
Ich erröte noch mehr. »Meine Gefühle waren – sehr intensiv. Ich denke, deswegen ist die Magie so außer Kontrolle geraten. Aber ich kann es nicht riskieren, dass es noch mal passiert. Wie hältst du deine Magie denn unter Kontrolle?«
Rory nimmt noch einen großen Schluck Sherry. »Gar nicht«, sagt sie.
Ich werfe mein letztes bisschen Würde über Bord. »Sag es mir, Rory, bitte.«
Sie schaut finster drein. »Ich weiß nicht, wie ich sie kontrollieren soll, und ich bin auch nicht daran interessiert, es zu lernen.«
»Wie meinst du das? Bemerkt Nils denn nichts? Er könnte es seinem Vater erzählen, und dann würdest du verhaftet werden!«
»Nils konzentriert sich im Allgemeinen mehr auf andere Dinge.« Rory grinst. »Manchmal zaubere ich, ohne es zu wollen, wie du es beschrieben hast. Aber meistens ruht meine Magie, und ich kann für Stunden nicht zaubern, wenn ich bei ihm gelegen habe.«
Ich hatte nicht gedacht, dass Rorys Verhältnis mit Nils vollkommen züchtig ist – immerhin wollte ich ja deswegen ihren Rat hören –, trotzdem bin ich ein wenig schockiert darüber, dass sie bei ihm liegt. Ich habe schon von Mädchen gehört, die auf einmal in anderen Umständen waren und in ihrer Schande vor die Brüder treten mussten. Ich reiße einen Grashalm aus und zwirbele ihn um meine Finger. Wie das wohl ist, bei einem Mann zu liegen? Ich denke an die Sommersprossen auf Finns Unterarmen, auf seinen Waden, seinem Nacken, und ich frage mich, wie es wäre, mehr von ihm zu sehen. Alles von ihm.
»Betrunken vor Liebe«, sagt Sachi mit einem verächtlichen Blick auf die Flasche in Rorys Hand. »Nur dass du Nils natürlich nicht wirklich liebst.«
Rory blitzt sie an und trinkt von ihrem Sherry. Ich sehe, wie ihr Hals bei jedem Schluck arbeitet. Sie setzt die Flasche nicht ab, bis sie leer ist, dann wirft sie sie achtlos zur Seite. Sie prallt von einem der kleinen Grabsteine neben Mutters ab. »Hörst du die Frösche, Brenna? Ich gehe mal nach ihnen sehen.«
Brenna springt vom Grabstein und folgt ihrer Cousine. Als sie an uns vorbeigeht, sieht sie Sachi mit einem furchterregenden Blick an. »Du wirst diejenige sein, die Rory ruiniert.«
Sachi springt aufgebracht auf. »Was weißt du denn schon? Du bist doch vollkommen verrückt!«
»Ich weiß zu viel«, sagt Brenna, und ihre kehlige Stimme klingt traurig. »Sie werden mich deswegen noch umbringen.«
Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Sachi und ich sehen uns mit großen Augen an. Ich nehme all meinen Mut zusammen. »Warte«, sage ich, und Brenna bleibt auf ihrem Weg zum Friedhofstor stehen. »Hast du meine Patentante gesehen? Zara? War sie mit dir zusammen in Harwood?«
Brenna nickt und fängt auf einmal an, sich an ihren Haaren zu ziehen.
»Kannst du wirklich in die Zukunft sehen?«, frage ich. »Weißt du, was ich machen soll?«
»Ja – und nein. Ich bin zerbrochen.« Brenna seufzt schwermütig. Aber dann kommt sie zurück zu mir, bleibt ganz nah vor mir stehen – so nah, dass ich ihren Sherry-Atem riechen kann. Meine Handflächen prickeln. Frage ich wirklich ein verrücktes, betrunkenes Orakel um Rat? Sie sieht mit ihren seltsamen Augen auf mich herab. »Du hast Glück. Er liebt dich. Aber die Krähen – oh, für die Krähen hat die Liebe keine Bedeutung. Nein. Sie wollen immer nur die Pflicht, nicht wahr?«
»Das ergibt doch keinen Sinn«, brummt Sachi.
Brenna fasst mit beiden Händen nach meinem Mantel. Ihre Stimme ist eindringlich. »Du kannst es aufhalten. Aber nicht ohne Opfer.«
Ich stolpere zurück und falle der Länge nach über eines der kleinen Gräber.
Brenna läuft davon, während Sachi mir wieder auf die Beine hilft. »Es gibt nicht viel, wovor ich mich fürchte, aber sie gehört eindeutig dazu. Ich wünschte, Rory würde sich von ihr fernhalten.«
Ich beuge mich hinunter und hebe die weggeworfene Flasche auf. Ich glaube nicht daran, dass Mutters Geist hier weilt, doch Unrat herumliegen zu lassen ist einfach respektlos den Toten gegenüber.
»Müssen wir uns Sorgen wegen Rory machen?«, frage ich beunruhigt. Mit dem Alkohol und Nils und der Magie geht sie viel zu viele Gefahren auf einmal ein.
»Jetzt gerade am Teich oder allgemein?«, seufzt Sachi. »Sie wird niemals irgendetwas tun, um eine von uns zu verletzen, wenn es das ist, was du meinst. Nur sich selbst.«
»Warum?« Ich setze mich neben Sachi. Der Marmor fühlt sich kühl an unter meinen Oberschenkeln.
»Sie hasst die Magie. Ich kann sagen, was ich will. Sie ist einfach so verdammt unvorsichtig«, flucht Sachi. »Es kommt mir beinahe so vor, als würde sie unbedingt verhaftet werden wollen. Vater sieht nicht so genau hin, wenn es um sie geht, aber für wie lange noch? Auch sein Nepotismus ist irgendwann mal erschöpft.«
Wieder einmal wünschte ich, ich wäre mehr wie Tess. Ich weiß nicht, was ich tun oder sagen soll. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal mitten in der Nacht mit Sachi Ishida auf einem Friedhof sitzen und ihr zuhören würde, wie sie mir ihr Herz ausschüttet. Ich kenne diese Mischung aus Zuneigung und Sorge sehr gut. Ich empfinde das Gleiche, wenn ich –
Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Nepotismus. Fremdwörter waren noch nie meine Stärke, aber wenn das Wort bedeutet, was ich denke, Vetternwirtschaft –
»Oh. Sie ist deine Schwester? Dein Vater –«
Sachi kauert sich zusammen und ist nur noch eine kleine, dunkle Gestalt, die sich gegen den weißen Grabstein abzeichnet. »Du darfst es niemandem sagen.«
Ich muss an Mrs Clay denken, die Frau aus dem Prozessregister, die Bruder Ishida des Ehebruchs bezichtigt hat. »Natürlich nicht.«
Sachi fasst nach meinem Knie und drückt es. »Niemand darf es wissen. Niemand. Rory weiß es selbst nicht.«
Ich sehe sie feierlich an. »Ich erzähle es niemandem. Ich schwöre es.«
»Ich habe es noch nie jemandem erzählt. Ich wollte – ich hätte es ihr beinahe einmal erzählt. Als sie Brenna geholt hatten. Die Vorstellung, dass sie nach Harwood geschickt werden könnte – ich würde es nicht ertragen.«
Das kann ich sehr gut verstehen. »Warum hast du dich entschieden, es ihr nicht zu sagen?«
»Ich hatte Angst, dass sie etwas Unüberlegtes tun würde. Sie trinkt zu viel. Normalerweise wird sie nur schläfrig davon, weißt du, und ein bisschen albern. Aber ich hatte Angst, dass sie Vater damit konfrontieren könnte.«
»Wie lange weißt du es denn schon?« Ich fahre mit den Fingern die Buchstaben auf Mutters Grabstein nach: Geliebte Frau und hingebungsvolle Mutter.
»Seit wir zehn waren.« Sachi legt eine Hand über ihre Augen. Sechs Jahre. Himmel, wie anstrengend das sein muss, so ein Geheimnis so lange für sich zu behalten. »Ihre Mutter kam zu uns und bestand darauf, Vater zu sehen. Sie war betrunken, aber nicht so betrunken, dass sie nicht mehr bei Vernunft gewesen wäre. Sie wollte Geld, und sie hat sehr deutlich klargemacht, warum er es ihr geben sollte.«
»Warum hat er sie nicht verhaftet?«
Sachi kneift die Augen zusammen und sieht zu Rory und Brenna hinüber, die am Ufer des Teiches auf einer Bank kauern. »Wegen Rory, nehme ich an. Vater ist feige und scheinheilig, aber er würde nicht wollen, dass sein Bastard in einem Waisenheim aufwächst. Außerdem gab es auch vorher schon einen Skandal. Mit einer anderen Frau. Er hat ihr den Prozess gemacht und sie weggeschickt. Ich glaube nicht, dass er sich das noch einmal leisten könnte. Es würde seinem Ansehen in der Gemeinde schaden«, spottet sie.
Ich greife nach Sachis Hand und drücke sie durch ihren Handschuh.
»Ich wollte immer eine Schwester haben«, sagt sie. »Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so kaputt sein würde.«
Es hat sicherlich schon Tage gegeben, an denen ich mir gewünscht habe, dass es mit Maura einfacher wäre. Aber dann wäre sie nicht Maura, nicht wahr? Wer sonst würde die Handlungen der Romane nachspielen, die ich niemals lesen werde? Wer sonst würde derbe Lieder singen und die Möbel im Wohnzimmer an die Wände rücken, um mit mir zu tanzen?
Ich sehe hinüber zu den fünf kleinen Grabsteinen und am letzten Stein bleibt mein Blick hängen. Danielle. Sie wäre jetzt drei: ein Kleinkind, das polternd durchs Haus laufen würde. Wie es wohl wäre, wenn sie überlebt hätte? Wenn Vater sich um einen Säugling hätte kümmern müssen, wäre er dann mehr zu Hause geblieben oder hätte er wieder geheiratet und uns an jemand anderen abgeschoben?
»Wir können uns nicht aussuchen, wen wir lieben. Oder aufhören, jemanden zu lieben, wenn die Person schwierig wird.«
»Nein«, seufzt Sachi und wendet sich mir zu. »Ich wusste, du würdest mich verstehen.«
Sie sieht mich erwartungsvoll an. Eine Wolke schiebt sich vor den Mond und hüllt uns in Dunkelheit. Ich beobachte das orangefarbene Flackern der Laterne. Ich weiß nicht, was Sachi von mir erwartet. Bin ich verpflichtet, nur weil sie mich ins Vertrauen gezogen hat, ihr den gleichen Gefallen zu erweisen? Ich weiß nicht, wie Freundschaft zwischen Frauen funktioniert. Erwartet sie von mir, dass ich ihr auch etwas Vertrauliches erzähle?
»Es war nicht Paul, den ich geküsst habe«, sage ich schließlich. »Er hätte es sein sollen. Er hat um meine Hand angehalten. Aber es war Finn Belastra.«
Sachi lacht. »Der Buchhändler? Ist er nicht ein bisschen –«
»Wenn du sagst, unter meiner Würde, schlage ich dich.«
»Ich wollte sagen: ernst. Er sieht ziemlich ernst aus!«, protestiert sie. »Ich kann nicht glauben, dass du das für dich behalten konntest. Was hast du jetzt vor?«
Stöhnend lehne ich mich gegen den Grabstein. »Ich weiß es nicht. Es sind jetzt noch neun Wochen. Fünf, bis dein Vater mich an Bruder Anders vergibt.«
Sachi schaudert es. »Das ist ekelhaft.«
»Ich weiß. Aber ich kann doch nicht Paul heiraten, wenn ich einen anderen liebe.«
Sachi packt mich an der Schulter. »Natürlich kannst du das. Um deiner selbst willen. Glaubst du etwa, ich liebe Renjiro?« Sie lacht, es klingt wie Rorys Lachen, verbittert und freudlos. »Tue ich nicht. Er ist ein Idiot. Aber wir tun, was wir tun müssen, und es könnte wahrhaftig schlimmer sein.«
Wir könnten in Harwood sein. Niedergeschlagen sitzen wir schweigend nebeneinander. »Ja, wahrscheinlich.«
»Du hast eine Menge Geheimnisse, Cate Cahill. Ich hatte eigentlich gedacht, du würdest mir etwas anderes erzählen«, sagt Sachi.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Was meinst du damit?«
»Deine Schwestern. Eine von beiden ist eine Hexe«, ermuntert mich Sachi.
»Nein.« Ich ziehe meinen Mantel fester um mich. »Wie kommst du darauf?«
»Du hast gesagt, deine Magie ist außer Kontrolle geraten, und du konntest es nicht allein rückgängig machen. Du bist damit nicht zu Rory oder zu mir gekommen. Und du würdest damit nur zu einer anderen Hexe gehen. Wen gibt es noch außer uns?«
Meine Gedanken arbeiten wie wild, als ich versuche, mir eine gute Erklärung einfallen zu lassen. Ganz gleichgültig, wie nett und offen Sachi mir gegenüber ist, sie ist immer noch Bruder Ishidas Tochter. Es ist eine Sache, ihr meine eigenen Geheimnisse anzuvertrauen. Das kann niemandem außer mir schaden.
Da hören wir ein lautes Spritzen, begleitet von verrücktem Gegacker, und dann Rorys klagende Stimme. »Sachi!«
Froh über die Unterbrechung springe ich auf. »Der Teich ist eiskalt. Sie wird sich den Tod holen.«
Sachi zieht ihren Mantel enger um die Schultern. »Du musst es mir ja nicht jetzt erzählen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass du mir vertrauen kannst, Cate. Wenn du mich jemals brauchen solltest, werde ich dir helfen. Solange es Rory nicht in Gefahr bringt.«
»Danke. Ich werde daran denken«, sage ich.
Aber ich hoffe, dass ich ihre Hilfe niemals brauchen werde.
In dieser Nacht träume ich, bei einem von Mrs Ishidas Nachmittagstees zu sein. Ich trage Marianne Belastras furchtbares rostfarbenes Kleid. Es ist gestärkt, und es piekst. Jedes Mal, wenn ich mich bewege, knistern die Röcke so laut wie ein knackendes Feuer, und alle sehen mich an. Sachi und Rory stecken die Köpfe zusammen und flüstern hinter vorgehaltener Hand, und ich weiß, dass sie über mich reden.
Was habe ich bloß falsch gemacht? Ich habe das Gefühl, zu ersticken – unter ihren Blicken, in dem hochgeschlossenen Kragen dieses Kleides. Ich fummele an den Knöpfen herum, aber ich bin zu ungeduldig – ein Knopf löst sich und fällt ab. Er ist grau, er passt noch nicht einmal zum Kleid. Lachen sie deswegen über mich?
Dieser Knopf – er kommt mir irgendwie bekannt vor.
Ich kämpfe mich aus dem Traum zurück ins Bewusstsein und schnappe nach Luft. Der graue Knopf. Er war zusammen mit Mutters Tagebuch unter den Fußbodendielen.
Ich springe aus dem Bett. Das Licht, das durch die Fenster fällt, ist schwach und wässrig. Der graue Himmel ist von blassrosafarbenen Streifen durchzogen. Es ist erst ein paar Stunden her, seit ich mich schlafen gelegt habe. Langsam öffne ich meine Zimmertür und tapse barfuß im Nachthemd den Flur entlang. Das Haus ist vollkommen still.
Der Knopf ist immer noch da, wo ich ihn gelassen hatte, in der rechten Schublade von Mutters Schreibtisch. Klein, schlicht und unscheinbar.
Ich wiege ihn in der Hand. Jetzt, da ich weiß, wonach ich suche, kann ich die Magie spüren, wie sie stark und gleichmäßig wie ein Herzschlag darin pulsiert. Bedeutet das, dass meine Magie jetzt stärker ist als Mutters?
»Acclaro.«
Der Knopf verwandelt sich in einen Brief, zweimal gefaltet und mit Wachs versiegelt.
Mutter hat ihr bestes blaues Briefpapier verwendet. Die Schrift ist anders als die dunkle, verzweifelte Kritzelei am Ende ihres Tagebuches. Dies hat sie vorher geschrieben – bewusst. Wohlüberlegt.
Warum hat sie mir den Brief nicht schon früher gegeben?
Meine Hände zittern, als ich zu lesen beginne.
Liebste Cate,
wenn Du dies gefunden hast, bin ich nicht mehr da. Hast Du mein Tagebuch gelesen? Falls nicht, findest Du es gleich neben diesem Brief. Damit solltest Du anfangen.
Ich weiß nicht, wie ich es Dir sagen soll … Ich bin nicht so mutig wie Du, mein liebes Mädchen, aber Du musst es wissen. Du musst es wissen und alles in Deiner Macht Stehende tun, um es zu verhüten.
Wenn Tess eine Hexe ist, dann werdet Ihr drei sehr wahrscheinlich die drei Schwestern der letzten Prophezeiung des Orakels sein. Die Prophezeiung sagt voraus, dass eine der drei Schwestern die stärkste Hexe sein wird, die seit Jahrhunderten geboren wurde – stark genug, um die Töchter der Persephone wiederaufleben zu lassen, oder, wenn sie in die Hände der Bruderschaft fallen sollte, eine zweite Schreckensherrschaft herbeizuführen. Aber nur zwei der Schwestern werden das zwanzigste Jahrhundert erleben – denn eine Schwester wird die andere töten.
Mein Herz zerbricht, wenn ich daran denke – ich kann mir so etwas nicht vorstellen. Alle Schwestern haben ihre kleinen Streits und Eifersüchteleien. Aber ich habe gesehen, wie Du und Deine Schwestern einander lieben. Und dennoch, Deine Patentante hat Jahre damit verbracht, die Orakel der Persephone zu studieren, aber sie hat keinen Fehler gefunden. Die Prophezeiungen erweisen sich immer als wahr.
Du musst einen Weg finden, dies zu verhindern, Cate.
An der Stelle höre ich auf, obwohl der Brief noch nicht zu Ende ist.
Ich fange noch einmal von vorn an, Mutters Worte zu lesen. Ich bin mir sicher, dass ich etwas falsch verstanden habe.
Aber, nein, es steht da ganz eindeutig: Eine Schwester wird die andere töten.
Doch dann können es nicht Maura und Tess und ich sein. Ich würde sie manchmal gern hauen, Maura vor allen Dingen, aber ich würde ihnen niemals etwas antun. Niemals.
Ich lese weiter.
Wenn Tess inzwischen auch magische Fähigkeiten gezeigt haben sollte, nehme ich an, dass die Schwestern bereits ein Auge auf Euch haben. Gedankenmagie ist eine seltene Gabe. Wenn sie herausfinden, dass Du sie besitzt, werden sie wollen, dass Du Ihnen beitrittst, um mit ihnen gegen die Brüder zu kämpfen. Sie können Dir viel bieten – Schutz und eine Ausbildung unter ihnen. Aber sie denken nicht an das Individuum, sie denken nur an das Erbe der Magie.
Ich bereue nicht viel in meinem Leben, Cate, aber ich habe auf das Geheiß der Schwestern Gedankenmagie angewendet, als ich auf ihrer Schule war, und ich glaube nicht, dass es berechtigt oder richtig war. Ich habe sie noch einmal angewendet, um diesem Leben zu entkommen, und ich habe es mir selbst niemals verziehen. Es ist falsch, ohne ihre Zustimmung in die Gedanken anderer einzudringen. Ich habe versucht, Dir die Überzeugung nahezubringen, dass Gedankenmagie nur im äußersten Notfall angewendet werden darf. Die Schwesternschaft würde sie uns ohne Einschränkung ausüben lassen, um die Macht der Hexen wiederzugewinnen. Ihre Ziele sind würdig, aber ihre Methoden können sehr fragwürdig sein.
Ich hätte Dich in keinen Krieg zwingen wollen, den Du nicht selbst gewählt hast, aber mit Deinen Gaben, fürchte ich, ist es unvermeidbar.
Sei vorsichtig, Cate. Triff eine weise Entscheidung. Schütze Deine Schwestern.
In Liebe für immer,
Mutter
Als ich fertig bin mit Lesen, sitze ich zusammengekauert auf dem Boden, die Knie an die Brust gezogen. Galle steigt in meinem Hals auf, und ich zwinge sie zurück. Es bleibt ein saurer Geschmack in meinem trockenen Mund.
Mir fällt Elenas Warnung wieder ein, dass Maura zu verärgern hieße, das Schicksal herauszufordern. Sie hat mir versprochen, zu tun, was sie kann, um uns alle drei zu beschützen – aber so wie sie es gesagt hat, klang sie selbst nicht wirklich überzeugt – und so wie Elena mich angesehen hat, ihre braunen Augen voller Mitleid –
Brennas gespenstische Stimme: Du kannst es aufhalten. Aber nicht ohne Opfer.
Mutter hat an die Prophezeiung geglaubt. Elena glaubt daran. Die Schwesternschaft glaubt daran.
Wie soll ich es aufhalten?