Kapitel 14
Paul und ich gehen schweigend zum Haus zurück. An der Küchentür bleibt er stehen und lehnt sich gegen die weiße Schindelwand. Mit seinem grauen Gehrock und den ordentlich geschnittenen blonden Haaren ist er das Abbild eines gut aussehenden Stadtherren. Er betrachtet die weiße Clematis am Rankgitter, dann wendet er sich mir zu und legt die Stirn in Falten.
»Ich denke, ich habe meine Gefühle deutlich zum Ausdruck gebracht. Ich weiß nicht, was ich sonst noch tun soll.«
Ich lege ihm zärtlich eine Hand auf den Arm. »Nichts«, murmele ich. »Du hast – du bist wunderbar. Ich brauche einfach nur Zeit zum Nachdenken.«
Paul umschlingt meine Finger. »Ich will dir gern die Zeit geben, aber die Brüder werden es nicht tun.«
Mein Magen zieht sich zusammen, und ich schaue Paul hinterher, wie er in Richtung der Scheune verschwindet. Ich stehe immer noch da, als er auf seinem großen, kastanienbraunen Hengst wieder auftaucht und über die Felder zu seinem Haus galoppiert. Er winkt, und ich winke zurück.
Ich sollte hineingehen und meinen Schwestern von seinem Antrag erzählen. Mich von ihnen umarmen und mir gratulieren lassen, Mrs O’Hare vor Freude quieken und Tess mir einen Apfelkuchen backen lassen, den wir nach dem Abendessen essen können. Ich sollte für einen Tag lang so tun, als wäre ich ein ganz normales Mädchen, das einen guten Mann heiraten wird. Tess wäre traurig, aber sie würde mir verzeihen. Und Maura wäre wahrscheinlich begeistert, wenn ich mich für die Ehe entscheiden würde und ihr aus den Augen wäre.
Aber was würde Elena wohl tun? Würde sie mich sofort auf Gedankenmagie prüfen wollen? Wenn sie es täte, würde sie herausbekommen, dass ich es kann, und was dann? Ich nehme an, sie würde mich direkt zu den Schwestern schicken.
Ich lege mir die Hände aufs Gesicht und versuche, die Tränen zurückzuhalten. Das ist nicht, was ich will. Ich will den Schwestern nicht beitreten. Ich will Paul nicht heiraten. Ich will –
Finn. Ich will Finn.
Ich zögere, aber nur für einen Moment. Dann laufe ich auch schon durch die Gärten und bete zu Gott, dass er noch da ist. Es ist nicht leicht, um die Hecken zu sehen. Ich weiß nicht, in welche Richtung er gegangen ist. Ich folge instinktiv den sich windenden Wegen, bis ich aus dem Labyrinth heraus bin.
Er ist immer noch da. Er ist oben beim Pavillon. In den letzten Tagen hat er das Geländer errichtet. Jetzt stützt er sich mit den Händen darauf und blickt über die Felder in Richtung Stadt. Er trägt Arbeitskleidung – braune Cordhosen, Stiefel, Hosenträger und ein schokoladenbraunes Hemd, das gut zu seinen Augen passt.
Meine Schuhe versinken im nassen Gras. Mein Saum wird feucht und schwer, der Matsch saugt an meinen Röcken. Ich habe das Gefühl, dass die Erde selbst an mir zieht und mich langsamer werden lässt.
Ich stürze in den Pavillon und hinterlasse Matschspuren auf dem hölzernen Boden. Es riecht nach Sägespänen und nasser Erde und Würmern. Ich habe heftiges Seitenstechen, ich japse nach Luft, weil ich so gerannt bin. Der Wind fegt mir die Kapuze vom Kopf und lässt meine Haare über die Schultern fallen.
»Finn«, keuche ich und streiche mir die Haare hinter die Ohren.
Er dreht sich um. Ich wünschte, ich wäre wie Tess, ich wünschte, ich könnte die Leute so verstehen wie sie, aber ich kann an seinem Gesichtsausdruck nichts ablesen.
»Ich wollte dir erklären, was – was du gesehen hast –«, stammele ich.
Er nimmt einen Besen und fängt an, die Sägespäne zusammenzufegen. »Sie schulden mir keine Erklärung, Miss Cahill.«
Oh. Ich schrecke vor seiner eisigen Stimme zurück. Ich weiß nicht, was genau ich erwartet habe, aber ich hätte zumindest erwartet, dass es ihm nicht gleichgültig ist. Er hat mich gerade in den Armen eines anderen Mannes gesehen – und nicht nur irgendeines anderen Mannes, sondern in den Armen eines Mannes, den er ziemlich sicher nicht ausstehen kann. Ich habe jemand anders geküsst! Das hat er nicht gesehen, aber wenn ich ihn mit einer anderen Frau sehen würde – allein der Gedanke daran verursacht mir Übelkeit. Er kann ja wohl nicht denken, dass ich mich einfach nur so zum Spaß von ihm habe küssen lassen.
Ich sollte niemand anders küssen. Das spüre ich mit schmerzender Gewissheit, wie einen geprellten Knochen. Zwischen uns beiden ist etwas passiert in dieser dunklen Kammer, etwas Heiliges. Ich erröte bei der Erinnerung seiner Lippen auf den meinen. Seiner Hände auf meiner Taille, die sich anfühlten wie Federn. Das muss etwas bedeutet haben, ob er sich daran erinnert oder nicht.
»Ich wollte die Dinge gern richtigstellen«, sage ich, und das Blut schießt mir ins Gesicht.
»Wenn Sie wollen, dass ich kündige, tue ich das. Ich bin Ihnen deswegen nicht böse.« Er sieht mich noch nicht einmal an, sondern fegt einfach weiter. Der Besen kratzt wütend über den Boden.
Ich hatte gar nicht an seine Arbeit gedacht. Hat er Angst, es wäre nicht mehr möglich, hier zu arbeiten, nach dem, was zwischen uns passiert ist? Dass Vater ihn entlassen würde, wenn er es herausfinden würde?
Heißt das, er kann sich daran erinnern?
»Aber du brauchst die Arbeit doch«, gebe ich zu bedenken. Das Geschäft im Buchladen läuft wirklich nur noch sehr spärlich.
Finn wirft den Besen zu Boden und zerstört dabei einen seiner ordentlichen Haufen. Ich muss husten, als eine Wolke Sägespäne aufsteigt. »Ich brauche Ihr Mitleid nicht. Wenn es Ihren Verlobten stört, dass ich hier bin –« Finn holt tief Luft. »Ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen, Miss Cahill.«
Es sind nur wenige Meter zwischen uns, aber es fühlt sich so weit und unüberbrückbar an wie das Meer. »Ich hege die größte Achtung und Bewunderung für Sie«, fährt Finn fort. »Ich hatte nie vor, etwas anderes anzudeuten. Sie waren offensichtlich in einer Notlage, und ich hatte ganz sicherlich nicht vor, einen Vorteil daraus zu ziehen. Es war ein – ein kurzzeitiges Fehlurteil. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist, aber ich kann Ihnen versichern, dass es nicht wieder vorkommen wird.«
Ich starre ihn an, und meine Augen werden immer größer, als mir langsam die Erkenntnis kommt. Er erinnert sich an unseren Kuss. Er entschuldigt sich dafür, mich geküsst zu haben.
»Wird es nicht?« Ich schlucke und fühle mich seltsam niedergeschmettert.
»Nein.« Finn fährt sich durch die Haare und mehrere Strähnen bleiben kerzengerade nach oben zeigend stehen. »Mein Verhalten war unverzeihlich dreist. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich die volle Schuld auf mich nehme. Ich habe immer noch den größten Respekt vor Ihnen. Ich habe mich hinreißen lassen und … ich hätte es nicht … In dem Wissen, dass Sie praktisch mit einem anderen Mann verlobt sind … Es war ein höchst ungebührliches Verhalten von mir.«
Ich gehe mit hocherhobenem Kopf auf ihn zu. »Du hast dich hinreißen lassen? Von einem kurzzeitigen Fehlurteil?«, imitiere ich seinen steifen Ton. »Du hast mich geküsst!«
Finn fährt sich über seine Bartstoppeln. »Ich – ja. Ich wollte mich nicht respektlos verhalten. Ich hoffe sehr, dass Sie nicht das Gefühl haben, dass Ihr Ansehen dadurch Schaden genommen hat.«
»Mein Ansehen?« Ich stürze mich auf ihn und schubse ihn mit beiden Händen. Er stolpert rückwärts gegen das Geländer. »Ich bin keine Mimose, die in Ohnmacht fällt, wenn sie berührt wird! Ich war auch dabei! Ich habe dich zurückgeküsst! Wenn irgendjemand Schuld daran hat, dann trage ich zumindest die Hälfte!«
Er fasst mich an den Handgelenken. »Cate«, sagt er, und ich bin froh, dass er den Unsinn mit Miss Cahill wieder sein lässt. »Es tut mir leid, wenn ich Sie verletzt habe, aber ich verstehe nicht genau, welcher Teil meines Verhaltens das Problem ist.«
Ich erinnere mich an das Verlangen seiner Hände, als sie über mich strichen, wie sein Körper sich gegen meinen presste. »Dass du dich dafür entschuldigst, mich geküsst zu haben! Und sagst, es wäre ein Fehler gewesen! Du hast auf jeden Fall den Eindruck gemacht, als hätte es dir gefallen!«
Seine Hände entspannen sich. »Du möchtest, dass ich sage – dass – es mir gefallen hat?«
»Nun, das wäre jedenfalls besser, als dich dafür zu entschuldigen«, schnauze ich. »Was denkst du, wie ich mich dabei fühle?«
Er blinzelt mich an. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«
Ich lasse den Kopf hängen, die Wut lässt langsam nach. Ich versuche, einen Schritt zurück zu machen, aber er hält mich immer noch fest. »Es ist beschämend. Das ist es. Ich bin dir wie eine Verrückte hinterhergelaufen, um dir zu sagen, dass das, was du zwischen Paul und mir gesehen hast, nicht das ist, was du denkst – dass ich nicht Ja gesagt habe –, und dann tust du so, als ob mich zu küssen irgendwie furchtbar –«
Finn hält mir den Mund zu. »McLeod hat dir einen Antrag gemacht, und du hast ihn abgewiesen?«
Ich nicke und bin auf einmal entsetzlich nervös. »Ich habe ihm gesagt, dass ich Zeit brauche. Um nachzudenken.«
Finn tritt einen Schritt zurück und flucht auf eine äußerst kreative Art. Ich stehe da, ringe die Hände und kaue auf meiner Unterlippe.
»Cate. Es tut mir leid«, sagt Finn mit leiser, samtener Stimme. »Es hat mir gefallen – dich zu küssen.«
Ich erstarre. »Hat es das wirklich?«
Die Luft zwischen uns fühlt sich an wie elektrisiert. Finn fängt langsam an, vorsichtig zu lächeln, und ich frage mich, warum mir nicht schon viel eher aufgefallen ist, wie äußerst gut aussehend er ist. »Sehr.«
»Aber du hast gesagt, es wäre ein Fehlurteil gewesen.« Ich muss es wissen.
»Ich habe deine Gefühle fehlinterpretiert. Du bist aus dem Laden gelaufen, als wenn die Höllenhunde hinter dir her gewesen wären«, erklärt er.
Weil ich nicht wusste, ob er sich an die Magie erinnern konnte. Mein Glücksgefühl schwankt. Wenn er es wüsste, was würde er von mir denken?
»Deine Mutter war da. Und die Brüder haben den Laden beobachtet«, sage ich.
Er fixiert mich mit seinen schokoladenbraunen Augen. »Du hast mich seitdem gemieden. Du hast kaum das Haus verlassen.«
»Du hast mich auch nicht besucht.« Ich spüre, wie verletzt ich bin. »Du warst hier und bist nicht einmal zum Haus rübergekommen. Du hast mich beim Gottesdienst noch nicht einmal gegrüßt.«
Finn schüttelt den Kopf. »Da haben wir uns wohl missverstanden. Ich habe dich und McLeod beim Gottesdienst gesehen, und ich – das war dumm von mir. Darf ich die Verantwortung dafür übernehmen?«
Meine Mundwinkel zucken. »Du darfst gern die volle Verantwortung für deine Dummheit übernehmen.«
»Ich danke dir. Also. Nur um das klarzustellen – du denkst nicht, dass ich deinem Ansehen geschadet habe?«
Die Brüder lehren uns, dass Verlangen und Sündhaftigkeit Hand in Hand gehen. Dass mangelnde Sittsamkeit bei Frauen etwas Schreckliches ist. Frauen sollen keusch sein, keusch und unterwürfig.
Wir dürfen Küsse nicht genießen.
Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es falsch war. Ganz im Gegenteil. Mich von Finn küssen zu lassen – und ihn zurückzuküssen – es fühlte sich an, als wäre es absolut das Richtige.
»Nein«, sage ich langsam und blicke ihm in die Augen. »Ich finde nicht, dass du meinem Ansehen geschadet hast.«
Finn sieht mich bloß an, aber es ist die Art, wie er mich ansieht. Seine Blicke kitzeln meine Haut, als würde er mich berühren.
»McLeod. Du hast nicht Nein gesagt.«
»Aber ich habe auch nicht Ja gesagt«, erkläre ich.
Er streckt seine Hand aus und fährt mit den Fingern die Beuge an meinem Hals entlang. Ob er meinen Pulsschlag spürt? Er sieht mir immer noch direkt in die Augen. Er berührt mich kaum, aber ich atme unkontrolliert, und meine Zunge schnellt hervor, um meine Lippen zu befeuchten.
Ich kann mich kaum noch zusammenreißen und davon abhalten, ihn einfach am Kragen zu packen und seinen Mund zu mir heranzuziehen.
Er lacht ein wenig heiser. »Möchtest du, dass ich deinem Ansehen weiter schade?«
»Ja, das will ich.« Ist das zu ehrlich? »Ich weiß nicht, warum ich so tun sollte, als würde es mir nicht gefallen« – ich zögere, und mein Gesicht fühlt sich heiß an – »geküsst zu werden. Von dir. Es gefällt mir.«
Er grinst, macht aber einen kleinen Schritt rückwärts. »Das trifft sich gut, denn ich würde dich auch gern wieder küssen. Aber nicht jetzt. Nicht hier, wo jeder uns sehen kann. Aber bald. Und sehr ausgiebig.«
Ich sehe mich um und bin etwas überrascht, festzustellen, dass wir uns immer noch im Pavillon befinden, in der Mitte des Guts meines Vaters. Ich habe mich vollkommen vergessen. »Unser Verhalten ist wohl sehr skandalös.«
Er hebt eine Augenbraue. »Das würde ich auch sagen – die Dame des Hauses, die mit dem Gärtner herumschäkert. Ich könnte mir vorstellen, dass dein Vater ein paar Worte mit mir zu wechseln hätte.«
Meine Lippen formen sich zu einem Lächeln. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich werde mit Vater schon fertig werden.«
»Da bin ich mir sicher. Du bist grausam.« Finn schmunzelt, aber dann wird er ernst. »Ich kann nicht – meine Familie – ich bin jetzt verantwortlich für Mutter und Clara. Der Buchladen hält sich kaum über Wasser. Seit die Brüder den Laden Tag und Nacht beobachten, mag niemand mehr zu uns kommen. Ich glaube nicht, dass sie aufgeben werden, ehe sie einen Grund finden, den Laden zu schließen. Ich kann dir keine Versprechen machen, Cate.«
Ich hebe den Kopf. »Und ich habe dich um keine Versprechen gebeten, oder?«
»Nein, aber du brauchst sie, und zwar bald. Wenn nicht von mir, dann – von jemand anders.« Finn blickt auf seine verschrammten braunen Stiefel. »Ich kann kaum uns drei ernähren, und noch viel weniger – Himmel, lass es mich banal ausdrücken: Ich kann mir keine Frau leisten. Ich würde es verstehen, wenn du McLeod nimmst. Es gefällt mir nicht – aber wir können immer noch so tun, als hätte diese Unterhaltung niemals stattgefunden. Du würdest in meinem Ansehen nicht sinken.«
»Aber in meinem«, blaffe ich. »Ich würde in meinem eigenen Ansehen sinken, wenn ich einen Mann nur wegen seines Geldes heiraten würde, obwohl ich eigentlich einen anderen will.«
Ich will Finn. Unbedingt. Mehr als ich jemals etwas in meinem Leben wollte.
Aber es ist nicht möglich. Was soll ich bloß tun? Jetzt, da ich weiß, was ich empfinde, wie kann ich mich mit irgendetwas anderem abfinden?
»Ich kann dich nicht darum bitten, auf mich zu warten. Ich weiß nicht wann – und ob – meine Umstände sich jemals ändern werden. Und auch wenn sie es täten – ein Leben mit mir wäre ganz anders als das, woran du gewöhnt bist. Mutter und Clara nähen ihre Kleider selbst. Sie haben keine Hausmädchen. Sie kochen unser Essen und kümmern sich ganz allein um das Haus.« Finn schaut ernst drein, seine Stirn liegt in Falten. »Du wärst die Frau eines Ladenbesitzers, nicht die Tochter eines Herrn. Mutter und Clara werden nicht zum Tee bei Mrs Ishida eingeladen.«
Als wenn es mich kümmern würde, was Mrs Ishida denkt! Als wenn das das Einzige wäre, das zwischen uns steht – aber das ist es nicht. Eine Verbindung mit den Belastras würde die Aufmerksamkeit der Brüder auf unsere gesamte Familie ziehen. Und wenn sie begreifen, wozu wir fähig sind – wozu ich fähig bin –
Die Prophezeiung sagt, dass es, wenn ich in die falschen Hände gerate, eine zweite Schreckensherrschaft geben wird. Wie viele unschuldige Mädchen würden umgebracht werden? Ich weiß nicht, ob die Schwesternschaft selbst vor einem zweiten Angriff sicher wäre. Würden es einige Hexen überleben? Oder würden die Hexen komplett ausgelöscht werden?
Ich lasse mich gegen das Geländer zurückfallen. Ganz gleichgültig, wie sehr ich Finn will, es ist unmöglich.
Mein Schweigen bleibt nicht unbemerkt. »Es tut mir leid.« Finns hübsches Gesicht ist voller Kummer. »Ich würde dir gern mehr geben, wenn ich es könnte. Ich würde dir den Mond schenken.«
»Ist schon in Ordnung«, sage ich leise und versuche, die Tränen zurückzuhalten. Es ist Zeit, unsere Unterhaltung auf weniger gefährliches Terrain zu bringen. »Apropos Tee – Maura und ich geben morgen unseren ersten Nachmittagstee. Deine Mutter und Clara sollten unbedingt kommen, wenn sie noch nichts anderes vorhaben.«
Finn zögert und sieht mich mit seinen braunen Augen angespannt an. »Mutter und Clara werden normalerweise nicht eingeladen.«
Ich lehne mich zurück gegen das Geländer. »Das wurden wir bis vor Kurzem auch nicht.«
»Das ist etwas anderes. Das musst du doch wissen.« Ich sage nichts und schaue nur über den Teich und auf den Friedhof auf der anderen Seite. Finn seufzt. »Ich bin nicht besonders stolz, das zu sagen. Dein Vater ist ein Geschäftsmann, ja, aber in erste Linie ein Herr und ein Gelehrter. Mutter ist eine Buchhändlerin und ein Blaustrumpf. Die Frauen der Brüder sehen sie nicht als gleichwertig an, weil sie eine Ladenbesitzerin ist. Und die Frauen der Ladenbesitzer glauben, sie hält sich für etwas Besseres.«
»Ich bin die Gastgeberin. Deine Mutter und Clara sind herzlich eingeladen.«
»Dann gebe ich die Einladung gern weiter. Das ist sehr lieb von dir.« Finn greift nach meiner Hand und verschlingt seine Finger mit meinen. Er führt meine Hand an seine Lippen und bläst mir warme Luft in die Handfläche. »Ich habe alles so gemeint, wie ich es gesagt habe. Ich will dich, Cate. Aber ich kann dir nicht geben, was du brauchst.«
»Und wenn ich dich brauche?«, flüstere ich. Ich fühle, wie wir uns wie Bäume in einem schweren Sturm einander zuneigen. Ich habe mich tagelang danach gesehnt, ihn wiederzusehen, aber ihn bloß zu sehen, reicht mir jetzt nicht mehr. Ich weiß nicht, wer den ersten Schritt macht. Die Zentimeter zwischen uns sind auf einmal verschwunden, und ich bin in seinen Armen, und mein Mund ist auf seinem.
Seine Lippen sind sanft und stürmisch zugleich. Sie schmecken nach Tee und Regen. Er schiebt mir die Hände unter den Mantel; eine umschlingt meine Taille, die andere legt sich in meinen Nacken und vereint unsere Münder miteinander. Meine Hände streichen über seine Brust, und ich fühle, wie sich seine Muskeln unter meinen Fingerspitzen bewegen. Seine Lippen fahren meinen Unterkiefer entlang und machen kurz vor meinem Ohr halt. Ich ringe nach Luft, als er mein Ohrläppchen zwischen die Zähne nimmt. Meine Hand verkrampft sich um seinen Kragen, und er fordert wieder meine Lippen und versenkt sie in einem glühend heißen Kuss.
Als ich mich schließlich ein wenig von ihm löse, um nach Luft zu schnappen, fühlen sich meine Lippen geschwollen an, und mein Kinn ist ganz rau von seinen Bartstoppeln. Wir stehen immer noch eng umschlungen da, mit seinen Armen unter meinem Mantel. »Ich sollte mich mehr wie ein Herr benehmen, aber ich fürchte, ich verliere bei dir einfach den Kopf«, flüstert er, und seine kirschroten Lippen sind nur Zentimeter von meinen entfernt.
»Das macht nichts«, versichere ich ihm. Meine Hände liegen immer noch in seinem Nacken.
»Ja, den Eindruck hatte ich auch.« Er grinst. »Aber du solltest jetzt wirklich besser reingehen. Wenn du hierbleibst, muss ich dich bis zur Besinnungslosigkeit weiterküssen, und am Ende wird uns doch noch jemand sehen. Schau mich nicht so an. Ich will dich nicht gehen lassen.«
»Und ich will nicht gehen.« Aber er hat recht. Ich drücke ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, und wir sind beide überrascht von meiner Kühnheit. Lachend laufe ich aus dem Pavillon.
Ich eile zurück durch die Gärten und bin vollkommen von Freude erfüllt. Der Wind ist herbstlich frisch, der Himmel ein feuchtes Grau. Kalte Regentropfen fallen mir aufs Gesicht. Es fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Die Rotkehlchen sollten jetzt ihre Nester bauen, statt dass die Gänse südwärts fliegen. Die spitzen Dahlien sollten ihre grünen Nasen aus der Erde strecken. Normalerweise mag ich das bittersüße Leuchten des Herbstes, aber heute – zum ersten Mal seit Jahren habe ich keine Lust auf diese traurige Jahreszeit.
Ich will Frühling und Sonnenschein.
»Ihr Armen.« Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich die Blumen kose. Hat die Liebe mich etwa schon in ein verträumtes, wirrköpfiges Mädchen verwandelt?
Doch dann werde ich von Panik erfasst, ich bleibe abrupt stehen und halte mich an der Gartenmauer fest. Ich liebe ihn, aber ich kann ihn nicht haben. Es ist unvernünftig, so zu tun, als könnte ich es. Es wird für uns beide nur mit gebrochenen Herzen enden.
Meine Laune schwenkt gefährlich um, und ich spüre, wie die Magie in mir aufsteigt. Ich versuche, sie zu unterdrücken, aber es hat keinen Zweck. Ich drücke die Augen zu, doch ich kann nichts dagegen tun, die Magie schießt einfach so aus mir heraus, aus meinem Mund, aus den Fingerspitzen, ich bin absolut hilflos.
Der Garten explodiert. Es ist Frühling. Das Gras um mich herum wird smaragdgrün. Die Hecken schrumpfen. Die Blumen ziehen sich in die Erde zurück, mit Ausnahme der schon lange verblühten Tulpen, die nun wieder sprießen.
Die warme Sonne scheint mir in mein entsetztes Gesicht.
»Reverto!«
Es funktioniert nicht. Ich verspüre überhaupt keine Kraft mehr.
Sie ist weg, aufgebraucht. Ich bin leer.
Das ist mir seit Jahren nicht mehr passiert.
Ich laufe den Weg hinunter. Ich muss unbedingt wissen, wie groß der Schaden ist, den ich angerichtet habe. Aber es ist nicht so wie das, was Tess getan hatte, als sie eine kleine Ecke des Gartens verzaubert hatte. Es ist überall. Drüben bei der Scheune steht der Apfelbaum in voller rosafarbener Blüte. Der eigentlich bereits gemähte Weizen wogt wieder hoch und golden. Ich bete, dass es sich nicht bis zum Pavillon und den Feldern dahinter erstreckt.
Ich schlage die schwere Küchentür auf und platze hinein.
Tess ist in der Küche und wirft gerade einen Blick in den Ofen. »Cate? Was ist los?«
»Ich brauche dich«, keuche ich.
Sie stellt keine Fragen. Wir laufen hinaus, und Tess blinzelt ins plötzliche Sonnenlicht.
»Es hat vor einer Minute noch geregnet – oh.« Sie bemerkt die Vegetation um sich herum, dann schließt sie die Augen. Einen Moment später schlägt sie sie überrascht wieder auf. »Du hast das gemacht? Du allein? Es ist stark. Ich komme nicht dagegen an.«
Ich bin zu bestürzt, um beleidigt zu sein. »Bring es wieder in Ordnung!«, jammere ich.
Sie hält einen Augenblick inne und konzentriert sich. »Reverto!«
Es funktioniert nicht. Tess seufzt verärgert. Ich bekomme es mit der Angst zu tun.
Was, wenn John das sieht? Was, wenn Finn es sieht? Ich kann nicht noch einmal seine Erinnerungen auslöschen. Ich werde es nicht.
»Tess, wir müssen etwas unternehmen. Da sind Tulpen!«
»Wir kriegen das wieder hin. Wir machen es gemeinsam«, sagt sie. Wir halten uns an den Händen. Ich spüre die Kraft zwischen uns aufflackern, als wir zusammen das lateinische Wort sprechen. Der Himmel verdüstert sich genau in dem Moment, als die Küchentür auffliegt.
Maura kommt, gefolgt von Elena, in den Garten gelaufen. »Tess, was hast du getan?«, will Maura wissen.
Tess wirft die Hände in die Luft. »Ich war es nicht. Es war Cate!«
Maura zittert im kühlen Oktoberwind und schlägt die Arme um ihren Körper. »Es war wahnsinnig stark. Ich wollte es vom Fenster aus rückgängig machen, aber ich konnte es nicht.«
»Ich konnte es auch nicht«, bemerkt Tess.
Elena steht neben uns, ihre Augenbrauen sind zusammengezogen, ihre Seidenröcke bauschen sich im Wind. »Ich auch nicht.«
Die Furcht überkommt mich. Ich weiß, was sie jetzt denkt. »Es war nur, weil ich so aufgebracht war. Ich wollte überhaupt gar nicht zaubern. Ich hatte nur an den Frühling gedacht und –« Ich suche nach den richtigen Worten und ziehe mir die Kapuze wieder über die Haare. »Es ist einfach so aus mir herausgekommen.«
Elena nickt. »Was haben Sie gemacht, bevor es passiert ist?«
»Nichts«, lüge ich. »Ich war im Garten spazieren.«
Sie sieht mich aus ihren dunklen Augen eindringlich an. Ich frage mich, ob ich irgendwie zerzaust aussehe. »Sie waren nicht mit Paul zusammen?«
Sehe ich aus, als wäre ich gerade geküsst worden? Kann sie es mir irgendwie ansehen? Ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht meine Lippen zu berühren, am liebsten würde ich in meinem Mantel versinken. »Nein.«
»Ihre Liebesgeschichte ist mir gleichgültig. Es geht mir um die Magie. Sagen Sie mir die Wahrheit – waren Sie gerade mit ihm zusammen?«, drängt Elena.
»Nein! Warum sollte das meine Magie beeinflussen, wenn es so gewesen wäre?«
»Paul ist schon vor Ewigkeiten gegangen«, sagt Tess und streicht sich Regentropfen von der Wange. »Ich habe ihn vom Küchenfenster aus gesehen.«
»Interessant. Dann weiß ich nicht, was es verursacht haben könnte.« Elena kneift den Mund zusammen, sodass ihre Lippen nur noch ein rosafarbener Strich in ihrem Gesicht sind. Irgendwie scheint sie zu wissen, dass ich nicht ganz ehrlich bin. Aber das mit Finn werde ich ihr niemals anvertrauen. Sie hat sich vielleicht in unseren Haushalt eingeschlichen, aber sie ist deswegen noch lange nicht meine Freundin.
Ich muss Zeit finden, Marianne zu treffen – und zwar allein und möglichst bald. Ich brauche ihren Ratschlag. Sie ist die Einzige, von der ich glaube, dass sie mir helfen kann.
Ich hoffe nur, sie verzeiht mir, dass ich ihren Sohn in dieses Chaos mit hineingezogen habe.