Kapitel 4

Sie ist da!«, ruft Tess. »Sie ist da!«

Tess und Maura jagen aus der Haustür, ehe ich sie aufhalten kann. Vater und ich folgen ihnen mit mehr Dekorum, aber genauso viel Neugier. Unsere Kutsche mit der neuen Gouvernante darin rattert langsam über die Schlaglöcher der Auffahrt. Ich bin nicht besonders optimistisch. Schließlich hat Mrs Corbett sie empfohlen. Ich wette, sie ist ein gut behütetes Klostermädchen, das von den Schwestern dazu erzogen wurde, ihren Lebensunterhalt mit dem Unterrichten langweiliger, züchtiger junger Damen zu verdienen, damit diese zu langweiligen, züchtigen Ehefrauen werden. Ich erwarte ein prüdes Fräulein, das nichts als Plattitüden von sich gibt.

Daher bin ich sehr überrascht, als die Kutschentür aufschwingt und Schwester Elena herausspringt, ohne darauf zu warten, dass John ihr herunterhilft. Sie saust mit raschelndem Taftunterrock so selbstsicher die Veranda herauf, als würde sie hier wohnen.

Maura hatte recht. Schwester Elena ist hübsch nein, schön mit ihrer glatten gebräunten Haut und den schwarzen Locken, die unter ihrer Kapuze hervorschauen. Und sie ist modisch gekleidet so modisch, wie die Einschränkungen der Bruderschaft es erlauben. Unter ihrem Mantel trägt sie ein Kleid mit einem weiten Glockenrock in einem sanften Rosaton, der mich an Mutters Pfingstrosen erinnert. Ein plissierter schwarzer Seidenkummerbund betont ihre schmale Taille, und ihre Füße werden von schwarzen Samtschuhen geschmückt.

»Schwester Elena, herzlich willkommen«, sagt Vater und geht auf sie zu. »Wir sind sehr froh, dass Sie hier sind. Das sind meine Töchter, Catherine, Maura und Teresa.«

»Cate, bitte«, korrigiere ich ihn.

»Und Tess.« Tess versteckt sich halb hinter mir und lehnt ihren blonden Kopf gegen meine Schulter.

»Gern. Wenn wir auf die Förmlichkeiten verzichten, können Sie mich auch Elena nennen. Ich freue mich so, Sie kennenzulernen.« Elena lächelt, wobei sie mit ihren schokoladenbraunen Augen zwinkert. »Wir werden sicherlich sehr gut miteinander auskommen. Ich habe mich schon immer schnell mit meinen Schülerinnen angefreundet.«

Vater sieht erleichtert aus, aber mir gefällt ihre Unerschrockenheit nicht. Sie weiß überhaupt nichts über uns, und dass sie Regina Corbetts Busenfreundin ist, macht sie mir nicht gerade sympathischer. Vater erkundigt sich nach ihrer Reise und ob das Gasthaus, in dem sie letzte Nacht untergekommen ist, zu ihrer Zufriedenheit war. Als er sie fragt, ob sie ihr Zimmer sehen und sich etwas frisch machen möchte, bevor er mit ihr unseren Lehrplan bespricht, fange ich langsam an, vor Wut zu kochen.

Elena kann nicht viel älter sein als ich. Sie ist eine der Schwestern, was bedeutet, dass sie die meiste Zeit innerhalb der Klostermauern in New London verbringt. Was kann sie uns schon über die Welt beibringen oder darüber, wie wir einen Ehemann finden sollen?

Mir fallen Pauls Worte von gestern wieder ein der Herr steh ihr bei , und ich muss grinsen.

»Cate?«, sagt Vater, und ich zucke zusammen. »Würdest du Schwester Elena bitte ihr Zimmer zeigen?«

»Ich mache das«, ruft Maura und schnappt sich Elenas Reisetasche. Den Koffer darf John hinauftragen. »Sie wohnen in dem Zimmer direkt gegenüber von meinem. Es hat einen wunderschönen Ausblick über die Gärten.«

»Ah, stimmt. Mrs Corbett erwähnte, dass Sie ein magisches Händchen haben, was Blumen angeht, Miss Cate.«

Sie stolpert nur ganz leicht über das Wort, aber ich blicke Elena prüfend an. Sie lächelt höflich. Womöglich ist es nur eine Redensart, wenn auch eine gefährliche.

»Danke«, sage ich unsicher. »Ich bin gern draußen.«

»Meine verstorbene Frau «, fängt Vater an und wird gleich darauf von seinem Husten unterbrochen. »Sie hat viel Zeit in den Gärten verbracht. Cate hat die Gabe ihrer Mutter geerbt, Pflanzen aufzuziehen.«

Ich werfe Vater einen verwunderten Blick zu. Ich wusste nicht, dass er denkt, dass ich irgendein Talent habe; es ist das erste Mal, dass ich ihn so etwas sagen höre. Maura geht mit Elena ins Haus und zeigt ihr das Wohnzimmer, Vaters Arbeitszimmer und das Esszimmer, ehe sie sie die Treppe hinaufführt. Maura hüpft dabei wie ein Kind, während Elena ruhige Schritte macht, ihren Rücken durchdrückt und wie eine Königin ihre behandschuhte Hand auf dem geschwungenen hölzernen Geländer entlanggleiten lässt. Ich haste hinter ihnen her.

»Sie haben ein schönes Zuhause«, sagt Elena, als sie am Ende der Stufen eine Pause macht, um das Gemälde von Urgroßmutter zu bewundern. Urgroßmutter war eine zierliche Frau mit hellblonden Locken wie Tess. Allerdings war sie nicht besonders hübsch sie sah aus wie eine Leiche, ihr Teint hatte die Farbe von alter Milch. Aber sie war stark. Sie zog vier Kinder auf, beerdigte zwei und hielt den Bauernhof am Laufen, auch noch nachdem ihr Mann von einem Fieber dahingestreckt wurde.

Maura wirft ihre Haare zurück. »Das Haus fällt nur langsam etwas auseinander. Es gehörte ursprünglich meinen Urgroßeltern das ist Urgroßmutter. Sie guckt ganz schön griesgrämig, nicht wahr? Ich würde ja gern richtig in die Stadt ziehen, aber Vater will davon nichts hören. Es ist furchtbar langweilig hier draußen auf dem Land. Es muss schrecklich für Sie sein, nach all dem Trubel in New London.«

Guter Gott. »Wir sind hier wohl kaum auf dem Land«, wende ich ein. »Es sind gerade mal drei Kilometer bis in die Stadt. Und Vater wird niemals umziehen, mit dem Friedhof hier …«

Elena steckt Mauras Freimut ohne große Mühe weg. »Es tut mir sehr leid wegen Ihrer Mutter. Sie sind es wahrscheinlich müde, das zu hören. Ich kenne das. Ich habe meine Eltern verloren, als ich elf war. Die Leute wissen nie, was sie sagen sollen, nicht wahr? Mrs Corbett hat mir erzählt, dass Sie ein ganzes Jahr lang in Trauer waren. Dass Sie es vermieden haben, sich in die Gesellschaft einzuführen. Aber mit einem Vater, der so viel weg ist, und ohne Mutter, die Sie vorstellen könnte, wie sollten Sie auch? Aber Sie müssen sehr einsam sein.«

»Ja«, sagt Maura nachdrücklich, gerade als ich antworte: »Wir kommen zurecht.«

Wir gehen weiter, vorbei an Vaters Zimmer, an der geschlossenen Tür zu Mutters Schlaf- und Wohnzimmer, an meinem Zimmer und an dem von Tess, bis wir schließlich vor Elenas Zimmer stehen bleiben. »Es ist nicht besonders prachtvoll«, sagt Maura entschuldigend, obwohl Mrs O’Hare und Lily gestern den ganzen Tag damit zugebracht haben, das Zimmer zu lüften und die schweren Mahagonimöbel zu entstauben, bis sie glänzten.

Elena tritt ein, geht zum Fenster hinüber und schiebt die schweren grünen Vorhänge beiseite. Hinter dem Garten erstrecken sich die Felder Morgen um Morgen, und der reife goldene Weizen wiegt sich im Wind. »Was für ein wunderschöner Ausblick. Was für ein hübscher Garten.«

Maura stellt Elenas Reisetasche aufs Bett und hüpft daneben in die Höhe, nachdem sie unter dem rosafarbenen Baldachin wieder hervorgekommen ist. »Aber wir müssen das Haus ein bisschen herausputzen, nicht wahr?«, bohrt sie, in der Hoffnung auf eine Verbündete. »Wenn wir Besucher empfangen sollen, meine ich. Cate muss ja schon bald einen Mann finden.«

»Maura!«, zische ich beschämt. Kann sie keine fünf Minuten damit warten, das Thema aufzubringen?

Elena lächelt, und eine Reihe gerader, weißer Zähne zeichnet sich gegen ihre dunkle Haut ab. »Wann ist Ihr Geburtstag, Cate?«

»Am vierzehnten März«, grummele ich. Es überrascht mich, dass Mrs Corbett das nicht auch schon ausgeplaudert hat, wo die alte Schrulle ihr sonst anscheinend schon alles erzählt hat.

»Sie hat einen Verehrer«, vertraut Maura Elena an. Ich würde sie am liebsten erdrosseln.

»Dann steht Ihre Absichtsbekundung ja schon bald an«, sagt Elena. »Machen Sie sich keine Gedanken, Cate. Überlassen Sie das ruhig mir.«

Ich schaue auf den altrosa Teppich und spüre erneut Unmut in mir aufsteigen. Ich überlasse es äußerst ungern anderen, sich Gedanken um mich zu machen. Und wie kann ich meine Zukunft einer wildfremden Person überlassen?

Maura denkt, es wäre alles ziemlich klar: Ich werde Paul heiraten. Aber er hat nicht gesagt, ob er jetzt in Chatham bleiben wird oder nur zu Besuch hier ist. Und so wie er von New London gesprochen hat, voller Leidenschaft ich bin mir sicher, dass es ihm dort gefällt. Was, wenn er mir einen Antrag macht, aber von hier wegziehen will?

Wie hat Mutter sich gedacht, dass ich mein Versprechen einhalten soll, wenn ich erwachsen werde? Sie wusste, dass ich nicht für immer zu Hause bleiben kann.

Ich muss ihr Tagebuch finden. Und zwar bald.

* * *

Eine Stunde später knie ich auf dem harten Holzfußboden in Mutters Wohnzimmer. Der Inhalt ihres Schreibtisches ist um mich herum auf dem Boden verstreut. Schreibfedern und Siegelwachs und Pergament liegen durcheinander. Dazwischen ein Stapel Briefe, der mit einem blauen Samtband ordentlich zusammengebunden ist. Ich habe sie alle gelesen bereits zweimal. Darin sind keine Hinweise auf irgendeine Zusannah oder Zinnia oder so zu finden. Wer ist bloß diese mysteriöse Z.R.?

Ich weiß, dass Mutter in ihrem letzten Jahr ein Tagebuch geführt hat; ich habe sie jedes Mal, wenn ich in ihr Zimmer kam, beim Schreiben unterbrochen. Aber ich habe es nie finden können. Allerdings war ich auch nie so entschlossen, es zu finden, wie jetzt. Ich brauche ihren Rat. Nicht nur, was die Magie anbelangt, sondern vor allem hinsichtlich meiner Zukunft. Was hat sie für mich vorgesehen?

Ich taste die Schubladen nach einer Sprungfeder oder einem Riegel ab, die auf einen falschen Boden hinweisen könnten. Aber da ist nichts. Frustriert werfe ich die Sachen zurück in die Schubladen, mache sie wieder zu und wiege mich in der Hocke. Elenas ständige Anwesenheit bedrückt mich jetzt schon wie zu enge Schuhe. Seit Jahren habe ich nicht über mich selbst nachgedacht, sondern mich nur auf Tess und Maura und mein Versprechen Mutter gegenüber konzentriert. Aber ich kann die Realität nicht länger ausblenden. Vater hat Elena nicht angestellt, um uns Französisch und die Kunst des Blumenbindens beizubringen; er hat sie angestellt, um sicherzustellen, dass Maura und ich einen Mann finden.

Mutter hat damals gesagt, dass die Bruderschaft aus Angst, dass die Hexen eines Tages wieder an Macht gewinnen könnten, die Vorstellung von mächtigen Frauen nicht mag. Daher ist es uns Frauen nicht erlaubt, zu studieren und zur Universität zu gehen oder Berufe zu erlernen. Es gibt allerdings ein paar bemerkenswerte Ausnahmen in der Stadt: die Hebamme, Mrs Carruthers; die Schneiderin, Ella Kosmoski; und Marianne Belastra allerdings hat Mrs Belastra die Führung des Buchladens erst nach dem Tod ihres Mannes übernommen. Normalerweise ist es Frauen nicht gestattet, Geschäfte zu führen.

Die Schwesternschaft ist die einzige Alternative zur Ehe, und zwar eine ehrenhafte. Die Schwestern sind der karitative Zweig der Bruderschaft: Sie arbeiten als Gouvernanten und Kindermädchen, besuchen die Kranken und auf dem Sterbebett Liegenden und versorgen die Armen mit Essen. Doch seit Jahren ist kaum jemand in Chatham der Schwesternschaft beigetreten. Der Gedanke, mein Leben damit zu verbringen, die Bibel zu studieren und Waisenmädchen zu unterrichten, ist lächerlich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meine Schülerinnen umbringen würde. Außerdem würde ich ersticken, wenn ich mit Dutzenden anderen Frauen in einem Kloster leben müsste. Es wäre zu riskant, dort meine magischen Kräfte geheim halten zu wollen.

Nein, die Schwesternschaft ist keine Alternative.

Ich krabbele unter den Tisch und fahre mit der Hand die Unterseite entlang. Das Tagebuch kann sich nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Aber da ist nichts. Ich zucke zusammen, als mein Schuh an einem Nagel im Dielenboden hängen bleibt. Ich ziehe den Schuh aus und entdecke mit gerunzelter Stirn eine Laufmasche in meinem Strumpf. Mrs O’Hare wird mich mit Sicherheit wieder schelten, weil ich meine Strümpfe schneller abtrage als Maura und Tess zusammen, und

Was ist das?

Ich bewege mich zentimeterweise rückwärts. Die Diele, die sich am nächsten an der Wand befindet, bewegt sich unter meiner Hand. Ich ziehe an dem hochstehenden Nagel, und er lässt sich ganz leicht herausziehen. Ich hebe das Brett an. Darunter ist ein Hohlraum. In der Hoffnung, keine krabbelnden Tiere aufzuscheuchen, fahre ich bis zum Ellbogen mit der Hand hinein. Ich taste den staubigen Boden ab und spüre etwas Kleines, Glattes, Rundes. Als ich es hervorhole, ist es nur ein grauer Knopf. Er muss aus Versehen dort hineingefallen sein. Ich kann mich noch an das Kleid erinnern, zu dem er gehörte: hochgeschlossen, mit grauen Volants in schwarzer Spitze eingefasst und einer ganzen Reihe dieser Knöpfe, die den Rücken hinuntergingen.

Ich lege den Knopf in eine Schublade und suche weiter.

Aber da ist sonst nichts.

»Acclaro?«, wage ich einen hoffnungsvollen Versuch, und ich spüre, wie die Kraft mich durchströmt. Ich stoße noch einmal mit dem Arm in den Hohlraum, und auf einmal ist die Illusion der Leere durchbrochen und meine Fingerspitzen stoßen auf ein Buch.

Der vertraute blaue Umschlag aus Stoff ist schmutzig, aber ich drücke das Buch trotzdem an mein Herz, weil es ein Teil von ihr ist. Was für Geheimnisse auch immer darin stehen, für ein paar Minuten wird sie wieder hier bei mir sein. Mutter wird mir sagen können, was ich tun soll. Sie weiß immer, was zu tun ist.

Gott sei Dank.

»Miss Cate?«

Oh nein, das ist genau die Art von würdevoller Haltung, in der ich mich unbedingt von der Gouvernante überraschen lassen will: auf Händen und Knien unter Mutters Schreibtisch, mit nur noch einem Schuh an und dem Hintern in der Luft. Wenigstens ist sie nicht einen Augenblick eher gekommen und hat mich dabei ertappt, wie ich aus der bloßen Luft ein Buch hervorgezaubert habe. Hat sie noch nie etwas von Anklopfen gehört?

Um das Ganze noch schlimmer zu machen, stoße ich mir auch noch den Kopf am Tisch, als ich mich nach ihr umdrehe.

»Ich habe geklopft, aber keine Antwort gehört«, sagt Elena mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. »Mr McLeod ist gekommen, um Sie zu besuchen.«

»Ich habe meinen Ohrring gesucht«, lüge ich. »Ich habe ihn verloren. Irgendwo.«

»Verstehe. Möchten Sie sich vielleicht einen Augenblick zurechtmachen?«

Macht sie sich über mich lustig? Ich bin etwas beleidigt, bis ich an mir herunterschaue. Mein Mieder ist von Staub bedeckt, das Haar fällt mir ins Gesicht, und meine Hände sind grau vor Schmutz. Es ist wirklich nicht die Aufmachung, in der ich einem potenziellen Ehemann gegenübertreten möchte.

Ich stehe auf, klopfe mir den Staub von den Ärmeln und versuche, etwas von meiner Würde wiederzuerlangen. »Ja, ich denke, das wäre nicht verkehrt. Bitte sagen Sie Paul, dass ich gleich bei ihm bin.«

* * *

In der Ungestörtheit meines Zimmers wische ich den Staub von Mutters Tagebuch.

Wenn es irgendein Besuch wäre, würde ich vorgeben, krank zu sein, und den Nachmittag lesend verbringen. Niemand würde denken, dass ich wegen irgendetwas anderem als Krankheit freiwillig drinnen bliebe. Ich muss unbedingt wissen, welchen Rat Mutter für mich hinterlassen hat. Ich war noch so jung, als sie gestorben ist, ich war gerade mal dreizehn und immer noch ein Kind. Bis zu meiner Absichtsbekundung schien es mir noch unendlich lange hin zu sein. Damals hätte ich nicht auf sie gehört, was auch immer sie mir über die Ehe und Männer erzählt hätte; vielleicht war sie klug genug, das zu wissen, und hat deswegen ihre mütterliche Weisheit für mich niedergeschrieben. Ich befinde mich in einem Zustand so angespannter Erwartung, dass meine Ohren klingeln wie die Schlüssel an Mrs O’Hares Gürtel.

Aber es ist Paul. Ich kann ihn nicht versetzen. Und dann ärgere ich mich auch schon wieder über den Gedanken. Macht ja nichts, dass er mich vier Jahre lang hat warten lassen.

Ich ziehe eines meiner schönsten Kleider an, ein dunkelgraues mit einer blassblauen Schärpe und blauer Spitze am Kragen. Nachdem ich meine Haare so gut es geht gerichtet habe, gehe ich ins Wohnzimmer hinunter.

Elena ist verschwunden vermutlich bespricht sie mit Vater unseren Lehrplan. Maura und Tess hocken schnatternd wie die Elstern auf dem Sofa und stellen Paul eine Frage nach der anderen über New London. Wie er da so mit weit von sich gestreckten Beinen auf dem Sessel sitzt, nimmt er mehr Platz ein, als ich es in Erinnerung hatte. Er macht einen sehr männlichen Eindruck mit seinem Bart, den hohen, schwarzen Reitstiefeln und dem tiefen Timbre seiner Stimme. Der blaue Brokatsessel, in dem er sitzt, sieht auf einmal ganz klein aus. Ich bin anscheinend sehr daran gewöhnt, nur von Frauen umgeben zu sein, da Vater so viel weg ist. Nicht, dass wir besonders stille Frauen wären.

Als Paul mich sieht, kommt er auf mich zu und nimmt meine Hände in seine. »Cate«, sagt er mit anerkennendem Blick.

Er hat mich schon von Kopf bis Fuß mit Dreck aus dem Schweinestall eingesaut gesehen. Er hat mich gesehen, als mein Gesicht und meine Hände vollkommen mit Erdbeeren verschmiert waren. Wir sind zusammen den Hügel hinter dem Teich hinuntergekullert, bis unsere Kleider ganz grün waren vom Gras. Aber er hat mich noch nie so angesehen wie jetzt. Ich spüre auf einmal jeden Zentimeter meines Körpers.

»Das Kleid hat genau die Farbe Ihrer Augen. Sie sehen schön aus.« Er sagt es leichthin, selbstbewusst. Als wenn er es gewohnt wäre, Mädchen zu sagen, dass sie schön aussehen.

Ich spüre, wie ich rot werde, und entziehe ihm meine Hände. Ich bin es nicht gewöhnt, so etwas zu hören, und ich kann diesen ernsthaften, bewundernden Mann nicht mit dem schelmischen Jungen, den ich früher gekannt habe, in Einklang bringen. »Danke.«

»Tess hat erzählt, Ihr Vater baut einen Pavillon unten am Teich. Ich würde ihn mir gern ansehen.«

»Da gibt es bisher kaum etwas zu sehen. Gestern wurde erst der Rahmen errichtet.«

»Trotzdem. Die Landluft hat mir gefehlt. Lassen Sie uns ein bisschen spazieren gehen, ja?«

Oh. Er will also nicht den Pavillon sehen, sondern mit mir spazieren gehen. Allein. Paul war noch nie besonders subtil.

»Kann ich mitkommen?«, fragt Tess. Ich will schon Ja sagen, aber Maura stößt ihr den Ellbogen in die Rippen. Tess gibt ein wütendes Quieken von sich, und im nächsten Moment befindet sich Maura unter einem Haufen von Röcken auf dem Fußboden.

»Teresa Elizabeth Cahill!«, schimpfe ich. Ich weiß nicht genau, was sie getan hat, aber ich bin mir sicher, dass sie Magie benutzt hat. »Wir haben einen Gast!«, sage ich und zeige nachdrücklich auf Paul.

Er grinst nur, seine Mundwinkel zucken unter dem neuen Schnurrbart. Für mich jedenfalls neu wer weiß, wie lange er ihn schon hat. »Kein Problem, macht nur weiter«, sagt er. »Ich bin kein wirklicher Gast. Ich gehöre ja praktisch zur Familie.«

Maura sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, aber ich mache ein böses Gesicht. »Sie sind ein Gast. Ermuntern Sie sie nicht noch. Und ihr zwei solltet euch wirklich schämen. Ihr seid zu alt für so etwas. Tess, entschuldige dich.«

»Sie hat angefangen«, wendet Tess ein und reibt sich die Seite.

»Weil du eine Idiotin bist«, sagt Maura. »Paul will nicht mit uns allen spazieren gehen. Er ist hier, um Cate zu besuchen.«

Tess kneift Maura ordentlich. »Ich bin keine Idiotin! Ich bin viel schlauer als du!«

»Ihr seid unmöglich, beide. Vielleicht solltet ihr Elena mal fragen, wie ihr Besuch angemessenen unterhalten könnt.« Ich nehme Pauls Arm und spüre seine Muskeln unter meiner Hand zucken. »Ein Spaziergang wäre herrlich. Bitte. Bevor ich die beiden umbringe.«

Eigentlich will ich dramatisch hinausschweben, aber auf einmal fällt die Türschwelle jäh ab und ich trete ins Leere. Ich stolpere und hätte mir beinahe den Kopf am Flurtisch aufgeschlagen und dabei die alte Vase umgeworfen, die ein Erbstück von Urgroßmutter ist. Doch Paul fängt mich gerade noch rechtzeitig auf, wobei er mir etwas näher kommt, als eigentlich notwendig gewesen wäre. Ich höre ein Kichern hinter mir, und als ich mich umdrehe, sehe ich Maura, wie sie mit einer Hand auf dem Mund und bebenden Schultern dasteht. Auch Tess kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Gott, steh mir bei, meine Schwestern sind verdorben, und mein bester Freund ist ein Wüstling geworden.

Wir erreichen die Eingangshalle, gerade als Elena aus Vaters Arbeitszimmer kommt. »Miss Cate, lassen Sie mich Ihren Mantel holen. Soll Miss Maura Sie vielleicht auf Ihrem Spaziergang begleiten?«

»Nein, danke.« Als wenn ich nicht schon hundertmal mit Paul alleine spazieren gegangen wäre im Garten, einander durch die Getreidefelder jagend, Verstecken spielend durch die Heidelbeerbüsche.

Elena schaut uns an, und auf einmal wird mir der Abstand zwischen uns bewusst, oder besser gesagt: der nicht vorhandene Abstand. »Ich fürchte, ich muss darauf bestehen, dass Sie eine Anstandsdame mitnehmen. Ich kann mitkommen, wenn Sie mögen.«

Um Himmels willen. Ich glaube wirklich nicht, dass Paul mich in den Gärten vergewaltigen wird.

»Und denken Sie an Ihre Handschuhe«, fügt Elena hinzu.

Ich erröte, als ich mich daran erinnere, wie Paul mit seinen warmen Lippen die empfindliche Innenseite meines Handgelenks geküsst hat. Vielleicht hat sie recht. Wir sind keine Kinder mehr. So wie Paul mich anschaut als würde er sich auch gerade an den Kuss erinnern, und als ob er sich gern noch andere Freiheiten herausnehmen würde, wenn ich es zulassen würde. Kein Mann hat mich jemals so angesehen. Es ist ein aufregendes Gefühl.

Trotzdem habe ich keine Lust, mir von Elena sagen zu lassen, was ich zu tun oder zu lassen habe, und erst recht nicht, dass sie uns begleitet und unsere Unterhaltung belauscht. Ich bin schon nervös genug.

»Wo ist Lily? Lily!«, rufe ich.

Unser Dienstmädchen kommt aus der Küche und trocknet sich die Hände an der Schürze ab. »Miss Cate? Ich war gerade dabei, Mrs O’Hare beim Abendessen zu «

»Macht nichts. Nimm deinen Mantel. Mr McLeod und ich brauchen eine Anstandsdame für unseren Spaziergang.«

Lily hat wunderschöne, sanftmütige braune Kuhaugen. »Sehr wohl, Miss.«

Sobald ich ordentlich in meinen Mantel gehüllt bin, beginnen Paul und ich unseren Spaziergang durch den Garten. Lily folgt uns in diskretem Abstand. Gänse fliegen in schwarzen Formationen über uns hinweg, und ihre Schreie hallen von der Himmelskuppel wider.

»Entschuldige all das Chaos. Meine Schwestern «

»Sind bezaubernd wie immer«, beendet Paul meinen Satz. »Kein Grund, sich zu entschuldigen.«

»Sie sind ungezogene Biester!« Nach dem, was sich die beiden heute vor Elena und Paul geleistet haben, glaube ich langsam wirklich, dass wir eine Gouvernante brauchen.

»Sie sind einfach sehr ausgelassen«, sagt Paul. »Es muss toll sein, Schwestern zu haben. Du kannst froh sein. Als Einzelkind ist es manchmal ganz schön einsam.«

Ich kann mich nicht mehr an die Zeit erinnern, bevor Maura anfing, mir hinterherzutapsen, mich an den Haaren zu ziehen und sich mein Spielzeug in den Mund zu stecken. »Ist das so?«

»Manchmal. Nimm zum Beispiel Vaters Schulden. Wenn ich einen Bruder gehabt hätte, mit dem ich die Last hätte teilen können, dem ich mich hätte anvertrauen können das wäre eine große Erleichterung gewesen.«

»Du kannst dich mir anvertrauen«, schlage ich vor. »Wir waren doch wie Bruder und Schwester, als wir aufgewachsen sind, oder?«

Pauls Gesicht verdüstert sich. »Bin ich das denn immer noch für dich? Ein Bruder?«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich war ja noch ein Kind, als er weggegangen ist. Ich habe schon ab und zu einmal daran gedacht, ihn zu heiraten, aber das war keine romantische Schwärmerei, sondern vielmehr eine praktische Lösung für meine Zukunft. Und ich habe zwar zärtliche Erinnerungen an den Jungen, der mich durch die Gärten gejagt hat, aber der bärtige Mann, der jetzt vor mir steht, ist ein Fremder. Wir können nicht einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben.

»Ich kann dir versichern, Cate, dass ich nicht als Schwester von dir denke.« Paul bleibt stehen. Fährt sich mit einer Hand über den Bart. Tritt von einem Fuß auf den anderen. Er wird ein bisschen rot, als er mich endlich ansieht. »Du wusstest schon immer, was du willst, und ich will dich nicht drängen. Wir haben vor Dezember noch jede Menge Zeit, uns wieder miteinander vertraut zu machen.«

Dezember? Im Dezember muss ich meine Verlobung bekannt geben. Will er damit andeuten ?

Ich stehe da und starre vor mich hin, bis Lily uns fast eingeholt hat. Als sie meinem Blick begegnet, hastet sie zurück und murmelt Entschuldigungen vor sich hin.

»Tut mir leid. Das war etwas direkt, oder?« Paul lächelt mich verlegen an. »Das sollte kein das läuft nicht so, wie ich es geplant habe. Du hast nur gesagt, dass wir wie Bruder und Schwester sind, und ich konnte den Gedanken nicht ertragen «

»Du hattest einen Plan?« Ich lächele ihn schelmisch an, während ich mit der Hand über die Spitzen der purpurnen Fetthennen fahre. Sie haben rotbraune Köpfe, die aussehen wie Brokkoli und sich schön von den Goldruten im Hintergrund abheben.

»So ein Dummkopf, wie ich bin, ja. Ich habe mir im Zug überlegt, was ich sagen wollte.«

»Im Zug?« Ich starre ihn mit offenem Mund an. »Noch ehe du mich überhaupt wiedergesehen hast? Was, wenn ich absolut hässlich gewesen wäre? Wenn ich Pickel und ein Doppelkinn gehabt hätte?«

»Dann wärst du immer noch meine Cate. Und außerdem bist du wunderschön. Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich, weißt du das?«

Das ist wirklich das schönste Kompliment, das man mir machen kann. Ich nehme an, er weiß das. Meine Ähnlichkeit mit Mutter ist längst nicht so augenscheinlich wie bei Maura; meine Haare haben nur einen ganz leichten Rotstich, und die Augen habe ich von Vater. Aber manchmal entdecke ich ihre spitze Nase oder die Entschlossenheit ihrer Schultern, wenn ich in den Spiegel sehe.

»Danke. Das bedeutet mir viel. Aber was, wenn was, wenn ich mich in ein unaufrichtiges Fräulein verwandelt hätte, das nichts weiter von sich gibt als ›Ja, mein Herr‹ und ›Wie gescheit Sie sind, mein Herr‹, so eine, die über all deine Witze lacht?« Darüber muss Paul herzlich lachen. Er lacht so lange und so laut, dass Lily schließlich beunruhigt zu uns herüberschaut. Ich stoße ihn mit dem Ellbogen an. »Pst!«

»Nun, meine Witze sind zwar gut, aber nicht so gut wie deine. Du hättest niemals so ein Mädchen werden können.« Paul nimmt meinen Arm und hakt mich bei ihm unter. Wir schlendern weiter durch die Gärten. Ausnahmsweise kann ich den betörenden Duft der Rosen und das Beet mit Blauem Eisenhut, das voll von Unkraut ist, einmal ignorieren.

Alles, was ich denken kann, ist: Dies ist der Moment, der meine Zukunft bestimmt. Es passiert viel schneller, als ich dachte. Ich bin noch nicht so weit. Ich weiß nicht, was Mutter für mich vorgesehen hat.

»Jetzt guck nicht so entsetzt. Ich erwarte noch gar keine Antwort von dir. Ich habe dich ja noch nicht einmal gefragt.« Paul lächelt.

»Du bist sauer.« Aber ich bin erleichtert.

»Und du bist sogar noch lustiger, als ich dich in Erinnerung hatte.« Bin ich das? Ich fühle mich nicht unbedingt so. Vielleicht hat er meine Veränderung dem Älterwerden zugeschrieben, der Tatsache, dass ich jetzt fast schon eine junge Dame bin. Vielleicht fühlen sich alle Mädchen in meinem Alter so, erstickt und sprachlos. »Ein Leben mit dir könnte niemals langweilig sein, und mehr will ich nicht. Denke darüber nach, Cate. Das ist alles, worum ich dich bitten kann. Würdest du das für mich tun?«

»Ich denke schon. Nur du hast nicht gesagt, wie lange du vorhast, in Chatham zu bleiben. Wirst du schon bald nach New London zurückgehen?«

Paul bleibt genau vor unserem kleinen Springbrunnen stehen eine kleine Statue von Amor, der Wasser aus seinem Bogen schießt. »Ich bin gerade erst zurückgekommen. Willst du mich schon wieder loswerden? Gibt es jemand anders einen anderen Verehrer?«

»Nein«, platzte ich heraus, ohne nachzudenken. Sollten Mädchen nicht schüchtern und geheimnisvoll sein? Vielleicht wäre es besser, er würde denken, dass ich ein halbes Dutzend Männer zu meiner Verfügung stehen habe. Aber er würde früh genug herausbekommen, dass es nicht stimmt.

»Ah!« Paul beugt sich zu mir herab, und ich spüre seinen warmen Atem in meinem Nacken, seine Stimme ist nur noch ein Flüstern. »Würdest du mich vermissen, wenn ich wieder wegginge? Ist es das?«

Ich trete einen Schritt zurück, denn ich bin mir durchaus bewusst, dass Lily uns aufmerksam beobachtet. »Ich habe dich gefragt, ob du vorhast, hierzubleiben, und du hast gesagt, mal sehen. Was sollte das heißen?« Die Worte hören sich schroffer an, als ich es beabsichtigt habe.

»Das heißt, dass ich zurückgekommen bin, um dich zu sehen. Es gibt eine Menge Mädchen in New London, Cate, und ich bin am Anfang etwas außer Rand und Band geraten. Ich habe einigen Mädchen Besuche abgestattet und mir sogar eingebildet, verliebt zu sein. Aber keine von ihnen war wie du. Also habe ich mich entschlossen, wieder nach Hause zu kommen, nachdem meine Ausbildung zu Ende war. Was als Nächstes passiert ich denke, das hängt von dir ab. Ich weiß, dass du böse auf mich warst. Hast du mich überhaupt vermisst? Wenigstens ein bisschen?«

Ich kann nicht anders, als über sein vorgetäuschtes Schmollen zu lachen. »Natürlich habe ich dich vermisst. Aber ich « Ich schaue betreten auf meine Füße. »Wo möchtest du leben? Hier oder in New London?«

»Ah, verstehe.« Paul wird wieder ernst. »Ich fürchte, für einen Architekten gibt es hier in Chatham nicht viel Arbeit. Jones hat mir eine Position als sein Assistent angeboten. Ich habe ein bisschen gespart und wenn wir heiraten, könnte ich ein Haus in einem bescheidenen Teil der Stadt mieten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Cate sich in einer beengten, kleinen Wohnung ohne Garten wohlfühlen würde.«

Meine Cate. Es ist zugleich süß von ihm und unerwartet besitzergreifend. Wie lange hat er wohl dafür gespart, ein Haus für uns mieten zu können? Wie lange hat er schon mit dem Gedanken gespielt, mir einen Antrag zu machen? Ich fühle mich auf einmal wie damals, als ich von der Mauer vom Schweinestall gefallen bin, ich bekomme keine Luft mehr. Paul beobachtet mich. »Du würdest die Stadt bestimmt mögen, wenn du dich erst einmal daran gewöhnt hast«, sagt er hoffnungsvoll.

Ich schaue die spitzen gelben Dahlien an, die um den Brunnen herum wachsen. Ich wollte noch nie in der Stadt leben. Aber wenn es nur um mich ginge, könnte ich mich vielleicht daran gewöhnen. »Meine Schwestern. Ich könnte sie nicht verlassen.«

Paul neigt den Kopf zur Seite, er ist ganz offensichtlich verwirrt. »Sie könnten uns besuchen kommen. Sie wären immer willkommen.«

Er versteht es nicht. Wie sollte er auch. »Die Dinge sind jetzt anders. Ohne Mutter.«

Ich stürze davon und laufe so schnell, wie es meine Röcke und Mieder erlauben. Wenn ich Paul nicht heiraten kann, was soll ich dann tun? Angst überkommt mich. Vielleicht hat Mutter immer von mir erwartet, dass ich heiraten und wegziehen würde. Vielleicht war mein Versprechen nur für die Zeit gemeint, so lange Maura und Tess noch jünger waren. Maura betont ja immer wieder, dass sie mich nicht mehr so brauchen, wie sie es früher getan haben.

Ich wünschte, ich könnte das glauben. Da fällt mir Z.R.s Warnung wieder ein. Ihr drei befindet euch in großer Gefahr. Aber warum? Weiß etwa noch jemand, dass wir Hexen sind?

Paul kommt mir hinterher. »Ich weiß, das war jetzt wahrscheinlich sehr plötzlich, nachdem ich so lange weg war. Denke einfach darüber nach. Bitte.«

Ich nicke und versuche, meine Tränen wegzublinzeln. Ist das lächerlich. Jetzt wird er mich wirklich für ein Sensibelchen halten.

Wir schlängeln uns durch den Garten dem Geräusch des Hämmerns entgegen. Lily folgt uns in einigem Abstand und pflückt einen Strauß Blumen für den Küchentisch.

Am Hang kniet Finn Belastra im Skelett des Pavillons und befestigt die Bodenbretter. Er sieht komisch aus, wie er, nur im Hemd, den Hammer schwingt, statt mit einem Jackett bekleidet ein Buch in den Händen zu halten.

»Ist das nicht Finn Belastra?«, fragt Paul. »Der Sohn des Buchhändlers?«

»Ganz genau. Er ist unser neuer Gärtner.« Ich hebe meine Stimme. »Mr Belastra, der Pavillon macht gute Fortschritte!«

»Sie sind froh, dass ich von Ihren Blumen weg bin, nicht wahr?« Er hat eine kleine Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen. Sein Lächeln ist dadurch ein bisschen verwegen und umso bezaubernder. Er greift nach einem Stapel Papier und winkt damit. »Ich muss einfach nur diese Anweisungen befolgen!«

»Belastra!«, ruft Paul, und Finns Lächeln verschwindet. »Wie schön, Sie zu sehen. Sie machen jetzt Gartenbau, höre ich? Sie wollen mir doch nicht etwa Konkurrenz machen?«

»Mr McLeod ist jetzt Architekt«, erkläre ich und zucke zusammen, als ich den Stolz in meiner Stimme bemerke. Ich tue ja geradezu so, als wäre ich bereits verlobt, als ob seine Leistungen irgendwie auf mich abfärben würden.

Finn kommt auf die Füße und schüttelt Paul die Hand. »Willkommen zurück, McLeod. Ich hoffe, das Studium hat Ihnen gefallen?«

Paul zuckt mit den Schultern. »Ja, ganz gut. Ich habe zwar nicht ganz so viel Zeit in den Bibliotheken verbracht, wie meine Mutter und die Professoren es gern gesehen hätten, aber ich bin einigermaßen durchgekommen. Nicht so wie Sie. Cate, habe ich Ihnen schon einmal erzählt, dass Belastra jeden einzelnen Punkt auf dem Globus identifizieren kann? Hat uns andere immer bloßgestellt. Die Brüder haben stets versucht, ihn zu übertreffen, aber sie haben es nicht geschafft. Und es war nicht bloß in Geografie. Der Mann ist einfach brillant.«

»Sie übertreiben«, protestiert Finn.

Doch Paul schüttelt den Kopf. »Sie waren in unserer Klasse in jedem Fach der Beste. Wir haben Sie alle beneidet.«

»Komische Art, das zu zeigen«, murmelt Finn und wendet sich wieder seinen Bauplänen zu. Und auf einmal wird mir klar, dass die beiden, trotz Pauls Heiterkeit, nicht viel füreinander übrig haben.

Paul lacht leise in sich hinein. »Der arme Belastra wurde regelmäßig verprügelt. Schuljungen sind so grausame Wesen. Die Brüder haben selten eingegriffen, aber dein Vater! Gott, ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. Er hat uns einmal dabei erwischt, wie wir Belastras Bücher über den Schulhof gekickt haben, als er gerade Latein unterrichtet hat. Die Predigt, die daraufhin folgte, hätte sogar einem Stein ein Schuldgeständnis abgepresst.«

»Ja, Vater kann sehr eloquent sein, wenn er will.« Vor allem, wenn es um Bücher geht. Ich frage mich, ob er auch nur halb so leidenschaftlich gewesen wäre, wenn er die Jungen dabei erwischt hätte, wie sie nach Finn traten.

Paul lehnt sich gegen den Rahmen des Pavillons, als wollte er dessen Stabilität prüfen. »Es überrascht mich, dass Sie nicht selbst auf der Universität sind, Belastra. Würde zu Ihnen passen. Ich dagegen habe die meiste Zeit damit verbracht, durch die Stadt zu streifen.«

Finns Lächeln wirkt etwas angespannt hinter seinen Papieren. »Man könnte sagen, das ist nicht unbedingt Sinn und Zweck der Universität.«

Ich zucke zusammen, als mir Vaters Bemerkung wieder einfällt, was für ein ausgezeichneter Gelehrter doch an Finn verloren gegangen ist.

»Nun, wie auch immer, ich bin froh, wieder hier zu sein.« Paul wirft mir einen unmissverständlich herzlichen Blick zu. »Lassen Sie uns zum Teich hinuntergehen, Cate, ja?«

Die Bäume um den Teich lassen ihre goldenen Blätter über das Wasser hängen und gegen den Himmel erstrahlen. Paul nimmt einen Kieselstein und wirft ihn über die spiegelglatte Oberfläche. Ich zähle laut mit, so wie ich es getan habe, als wir noch Kinder waren: Zwei, vier, sechs, achtmal springt der Stein, bevor er versinkt.

Ich versuche, die Schönheit um uns herum wahrzunehmen. Die Gänse, die auf ihrem Weg nach Süden sind. Paul, der in Erinnerungen schwelgt. Aber mein Blick wandert immer wieder zum Familienfriedhof auf der anderen Seite des Teiches. Im hinteren Teil mit den flachen Grabsteinen, die schon ganz verwittert und zerfallen sind, liegen die Gräber von Urgroßvater und den beiden kleinen Mädchen, die dem Fieber erlagen. Urgroßmutter ist direkt neben ihrem Mann begraben. In der Nähe liegen Vaters Onkel, von dem er das Reedereigeschäft geerbt hat, ein weiterer Onkel, eine Tante und ein Cousin, der bereits als kleines Kind verstarb. Dann kommt das Grab von Vaters Eltern. Großvater starb, noch bevor ich geboren wurde, und Großmutter, als ich noch so klein war, dass ich mich nur noch undeutlich an das weiche Garn erinnern kann, das ich immer für sie aufgewickelt habe, und an den Duft von Orangen, die sie so liebte. Daneben ist Mutters Grab. Geliebte Frau und hingebungsvolle Mutter. Und ein Zitat. Ein Gedicht.

Neben Mutters Grab befinden sich fünf kleine Grabsteine, alle in einer Reihe. Drei Brüder, die starben, noch ehe sie einen einzigen Atemzug getan hatten. Einer lebte ganze zwei Monate. Monate, in denen wir Mutter im ganzen Haus singen hören konnten. Und dann das letzte kleine Grab: Danielle. Die Hebamme hatte Mutter gedrängt, sich ihrer eigenen Gesundheit wegen gegen sie zu entscheiden. Und letztendlich ist Mutter doch an ihr gestorben.

Sie war ohnehin nur noch ein weiteres Mädchen.

Ich frage mich nach wie vor, warum wir Mutter nicht genug gewesen sind warum sie Vater unbedingt einen Sohn gebären wollte. Ein Sohn hätte zwar garantiert, dass das Haus und das Geschäft in der Familie bleiben und nicht auf unseren Cousin Alec übergehen. Und ein Bruder hätte eine ansehnliche Mitgift bereitstellen können, um sicherzustellen, dass wir gut heiraten. Aber nichts davon kann einen mütterlichen Rat ersetzen.

»Cate? Ist alles in Ordnung?« Paul schaut zu mir hinunter.

Ich bemühe mich, zu lächeln. »Oh, ich hab wohl mit offenen Augen geträumt, was?«

Er grinst, weil er offensichtlich denkt, dass es sein Antrag war, über den ich nachgedacht habe.

»Ist in Ordnung. Ich sollte jetzt gehen. Du weißt ja, dass Mutter mich nicht gern aus den Augen lässt«, scherzt er, nachdem er einen Blick auf seine Taschenuhr geworfen hat. Sie gehörte einmal seinem Vater; er hat sie von ihm bekommen, kurz bevor er zur Universität gegangen ist. Ich weiß noch, wie stolz er war, er hat sie jedem gezeigt. Mutter sagte ihm, dass jeder Herr eine Taschenuhr besitzen sollte. »Das wäre einer der Vorteile, wenn wir nach New London ziehen, weißt du. Wenn wir hierbleiben, würde Mutter darauf bestehen, dass wir bei meinen Eltern wohnen. Sie meint es gut, aber sie würde dich verrückt machen mit all ihrem Getue. Und sie heizt das Haus, als wäre es der Hades.«

Ich lache, aber nur, weil er es von mir erwartet. Ich würde keinen Gefallen daran finden, die Schwiegertochter von Agnes McLeod zu sein, die mir ständig über die Schulter gucken und seufzend ihr Missfallen bekunden würde. Aber ich würde es tun. Wenn Paul nicht unbedingt nach New London ziehen wollte, könnte ich ihn tatsächlich heiraten und gleich nebenan wohnen.

Doch das scheint unmöglich. Wenn Mutters Tagebuch mich nicht von meinem Versprechen befreit, werde ich Nein sagen müssen, und Paul wird nicht verstehen, warum. Es wird alles ruinieren, und ich werde einen anderen finden müssen, der mich heiratet, und das schnell, ehe die Bruderschaft meint, sich einmischen zu müssen.

Außer nein. Ich schüttele den Gedanken so schnell ab, wie er gekommen ist. Ich werde ihn zu nichts zwingen. Schlimm genug, dass ich Geheimnisse vor ihm habe. Aber ich werde keine Ehe führen, die auf Betrug basiert.

Ich ziehe die Stirn in Falten, als ich mein Spiegelbild auf dem Wasser sehe, und wünsche mit jeder Faser meines Körpers, keine Hexe zu sein.