Kapitel 5
Ich will gerade hoch in mein Zimmer huschen, als Elena wie ein beängstigend fröhlicher Springteufel aus dem Wohnzimmer geschossen kommt. Hat sie dort etwa gelauert und auf mich gewartet? Hoffentlich erwartet sie nicht von mir, dass ich ihr von Pauls Besuch erzähle.
»Kann ich kurz mit Ihnen sprechen, Miss Cate?«
»Ich – ja, natürlich.«
Sie führt mich ins Wohnzimmer und zeigt aufs Sofa. Als wäre sie hier zu Hause und nicht ich. Sie setzt sich auf den blauen Brokatsessel, den Paul erst vor Kurzem frei gemacht hat. Doch wo er sich hinfläzte und die Beine von sich streckte, lässt sie sich grazil nieder und hält den Rücken stocksteif, während ihre blütenrosafarbenen Röcke sich um ihre Füße ergießen.
»Sie scheinen mir nicht der Typ für Ausflüchte zu sein, also will ich offen mit Ihnen reden«, sagt sie und faltet die Hände im Schoß. »Sie sind die Älteste. Ihre Schwestern schauen zu Ihnen auf.«
Als ich den Mund öffne, um zu protestieren, winkt sie ab. »Das tun sie. Ob sie es nun zugeben wollen oder nicht. Wenn ich hier etwas erreichen soll, müssen wir zwei miteinander auskommen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie nicht unbedingt darauf aus waren, eine Fremde im Haus zu haben. Aber Ihr Vater macht sich offensichtlich Sorgen darum, dass seine Mädchen ohne weiblichen Einfluss aufwachsen, und ich denke, eine Gouvernante ist immer noch besser als eine Stiefmutter, oder etwa nicht?«
Himmel, die Leute müssen mich heute aber auch unbedingt alle überraschen.
»Ich habe nicht vor, Sie herumzukommandieren oder zu bemuttern. Ich bin selbst gerade mal achtzehn«, vertraut sie mir an. »Es wäre Unsinn, Ihnen vorzumachen, dass ich viel klüger wäre. Aber wenn wir gegenseitiges Verständnis füreinander entwickeln, kann meine Zeit hier bei Ihnen sich sicherlich für uns beide als nützlich erweisen.«
Ich lehne mich vor und frage neugierig: »Wie das?«
»Mir scheint, dass Sie seit dem Tod Ihrer Mutter sehr abgeschieden leben. Maura fehlt die Gesellschaft. Ich könnte ihr eine Freundin sein. Lassen Sie mich ehrlich zu Ihnen sein. Meine Aufgabe ist nicht, Ihnen und Ihren Schwestern Französisch beizubringen – denn soweit ich es verstanden habe, spricht Tess schon sehr gut Französich. Ich bin hier, um Ihnen beizubringen, wie Sie mit langweiligen Leuten, die Sie nicht interessieren, Konversation betreiben. Was auch immer Ihre Gründe dafür sind, sich so zurückzuhalten« – sie sieht mich mit einem Blick an, der mehr als nur ein bisschen nervenaufreibend ist – »Sie ziehen die Aufmerksamkeit der Leute auf sich. Mrs Corbett sagt, Sie hätten inzwischen einen Ruf als Blaustrümpfe. Die Bruderschaft ist sehr strikt, was die Rolle der Frau angeht. Wir sollen uns sehen, aber nichts von uns hören lassen. Männer möchten Frauen, die demütig und liebenswürdig sind, nicht schlau und eigensinnig. Sie müssen lernen, mehr zu gefallen, Cate. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Ich kann Ihnen dabei helfen.«
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. »Ein hübsches kleines Püppchen zu werden, meinen Sie?«
»Eine Frau zu werden, die weiß, wann sie besser den Mund hält.« Elenas Stimme ist wie eine Peitsche, und ich zucke zusammen, als wenn sie mich getroffen hätte. »Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass vielleicht nicht alle Frauen, die Konversation betreiben, geistlos sind? Vielleicht sind sie ja auch einfach schlau genug, sich unauffällig zu verhalten.«
Will sie damit etwa sagen, dass unser schlechter Ruf mein Fehler ist? Dass ich die Dinge falsch angegangen bin, weil ich nicht schlau genug bin? Ich habe meine Schwestern von Harwood ferngehalten und von der Bruderschaft und ihren herumspionierenden Informanten. Was die alten Kühe in der Stadt auch über uns sagen mögen, ich finde, das ist eine Leistung.
»Und das ist auch das, was Sie mit Regina Corbett gemacht haben? Sie haben ihr beigebracht, weniger bedrohlich zu sein?« Ich muss grinsen.
Doch Elena beißt nicht an. »Reginas Verstand ist zu vernachlässigen. Ihre Mutter hat mich gut bezahlt, um sicherzustellen, dass sie angemessen heiratet. Sie hatte keine anderen Möglichkeiten. Sie und Ihre Schwestern sind allerdings ein ganz anderer Fall. Sie könnten auch sehr gut allein zurechtkommen.«
»Was soll das heißen? Zurechtkommen?« Jetzt werde ich neugierig. Ihre ehrliche Einschätzung von Regina – dadurch wird sie mir fast sympathisch.
»Sie könnten natürlich auch heiraten, wenn es das ist, was Sie wollen.« Wie Regina, scheint sie sagen zu wollen. Wie jede andere schwachköpfige Idiotin. »Sie haben offensichtlich einen Verehrer. Und es gibt die Schwesternschaft. Sie und Ihre Schwestern sind gebildet, nicht wahr?«
»Tess und Maura, ja.« Ich werde rot, als ich mich daran erinnere, wie ungeduldig Vater mir gegenüber meistens war. Ich hatte schon immer Schwierigkeiten damit, mir all die Götter und Göttinnen und ihre Heldentaten zu merken, ich strauchele regelmäßig darüber, welche Deklination die richtige ist, und ich habe eine verpfuschte Aussprache im Französischen. Dafür kann ich schneller im Kopf addieren, subtrahieren und multiplizieren als Vater, aber was nützt mir das, außer gut darin zu sein, die Haushaltskasse zu führen? Es ist Frauen schließlich nicht erlaubt, eigenes Geld zu besitzen.
»Nun«, Elena schürzt die Lippen, und es tut mir tatsächlich leid, sie enttäuscht zu haben. »Die Schwestern würden es erlauben, dass Sie Ihre Studien fortsetzen. Die Bibliotheken in New London sind wundervoll. Die Gärten auch. Und die Schwestern legen Wert auf gebildete Frauen.«
»Wir sind aber keine besonders fromme Familie«, gebe ich zu bedenken.
Sie zuckt mit den Schultern, was durch ihre Puffärmel noch besonders betont wird. »Das macht nichts. Es gibt auch andere Wege. Ich wurde als Waisenkind aufgenommen. Die Schwestern gaben mir ein Zuhause und eine Ausbildung. Wenn Sie interessiert sind, könnte ich sicherlich ein Gespräch arrangieren. Auch für Maura. Sogar Tess – es gibt Mädchen, die die Klosterschule schon mit zehn besuchen.«
So wie Elena die Schwesternschaft beschreibt, klingt es gar nicht mal so unmöglich. Wir drei könnten wenigstens zusammenbleiben und aufeinander achtgeben. Aber müssten wir nicht schwören, die Lehren der Bruderschaft zu befolgen? Müssten wir nicht den ganzen Tag lang die Bibel lesen und beten, inmitten von Dutzenden gläubiger Mädchen – Mädchen, die uns mit Sicherheit verachten würden, wenn sie wüssten, was wir sind?
»Sie sind gerade erst seit ein paar Stunden hier. Ich denke, jetzt schon über den Verlauf unserer Zukunft zu entscheiden, ist ein bisschen voreilig.«
»Da bin ich aber anderer Meinung. Für Mädchen in Ihrem Alter ist es unerlässlich, sich über ihre Möglichkeiten Gedanken zu machen. Und weiß Gott, es gibt nicht viele.« Elena verdreht die Augen, die Verbitterung ist ihr anzusehen. Ich frage mich, wie sie bei der Schwesternschaft hereinpasst. Sollten die Schwestern nicht Vorbilder an Weiblichkeit sein? Sie ist definitiv nicht von der demütigen und unterwürfigen Sorte. »Sie würden glücklich sein in New London. Da bin ich mir ganz sicher.«
»Sie kennen mich doch kaum«, entgegne ich gereizt. »Woher wollen Sie wissen, was mir gefallen würde?«
»Nun, Sie scheinen mir hier nicht besonders glücklich zu sein«, sagt sie geradeheraus, und ich zucke innerlich zusammen. Aber Chatham ist ja gar nicht das Problem; ich liebe meinen Garten und unser Haus und das hügelige Ackerland um uns herum. Es sind die Bruderschaft und die immer näher rückende Absichtsbekundung, die mich belasten. »Denken Sie doch nur einmal darüber nach, Cate. Entscheiden Sie sich nicht voreilig, bevor Sie sich mit allen Fakten vertraut gemacht haben. Auch andere Menschen können kluge Ideen haben, wissen Sie.«
Ich öffne den Mund, um etwas einzuwenden – sie wegen der Frechheit, die sie sich herausnimmt, zu beschimpfen –, aber Elena lächelt nur und schwebt aus dem Raum.
Ich weiß nicht besonders viel über die Schwestern. Mutter war als Mädchen auf eine ihrer Klosterschulen gegangen, aber sie hat so gut wie nie darüber gesprochen. Sie lernte Vater kennen, als sie sechzehn war, und einen Monat später hat sie ihn geheiratet. Es ist so schnell passiert, dass ich immer angenommen habe, es wäre sehr romantisch gewesen. Doch jetzt, da ich weiß, wie wenig sie ihm von den Dingen anvertraut hatte, die wirklich zählten, frage ich mich, ob es nicht noch andere Gründe dafür gab, dass sie die Schwesternschaft verlassen hat.
Ich will gerade mein Zimmer betreten und kann es kaum erwarten, endlich Mutters Tagebuch zu lesen, als Maura hinter mir die Treppe hinaufgeschossen kommt, mich am Handgelenk packt und mit sich in ihr Zimmer zieht. »Was?«, frage ich verärgert.
»Und, was denkst du?«, flüstert und kreischt sie gleichermaßen, während sie die Tür schließt. Ich lasse mich auf ihr Bett fallen und zerknittere die Tagesdecke. Lily muss schon hier gewesen sein; Maura macht ihr Bett nie selbst. »Worüber?«
Sie kauert sich auf die Fensterbank. »Von Elena natürlich, du Gans.«
»Oh, ach so.« Ich kann der Aufregung in ihrer Stimme entnehmen, dass sie sie mag. »Das kann ich noch nicht sagen. Ich würde ihr auf jeden Fall noch keines unserer Geheimnisse anvertrauen.«
»Dann hätte ich ihr also nicht mein Tagebuch geben sollen?«, fragt mich Maura mit großen, erschrockenen Augen.
Ich springe auf und erst, als sie anfängt zu kichern, begreife ich, dass es ein Witz war. »Du führst nicht wirklich Tagebuch, oder?«, seufze ich.
»Nicht wirklich«, erklärt sie. »Gott, du bist schreckhaft wie eine Katze. Setz dich wieder hin.«
Ich lasse mich wieder auf ihrem Bett nieder, nehme mir eins der Kissen und drehe es in den Händen. Familie ist in wackeligen, rosafarbenen Buchstaben auf die Vorderseite gestickt, drum herum sind Herzen und Blumen. Ich habe das gleiche Kissen in Blau. »Ich mag es nun mal nicht, Fremde im Haus zu haben.«
»Ja, das hast du mehr als deutlich gemacht. Sie scheint aber doch nett zu sein, oder? Ganz und gar nicht so, wie ich es erwartet habe. Ich wusste ja, dass sie schön ist, aber ihre Kleider! Ich habe ihr beim Auspacken geholfen, und sie sind alle so. Alle aus modischem Brokat, und lauter Taftunterröcke und Seidenstoffe. Sie hat sogar« – Maura senkt die Stimme und wird rot – »Seidenunterwäsche. Und sie hat die schönsten Handschuhe für die Kirche und die hübschesten grünen Samtschuhe mit kleinen, gestickten rosa Rosen! Ich habe ihr erzählt, dass wir überhaupt nichts Neues haben, und sie hat gesagt, sie wird mit Vater darüber sprechen, damit wir vielleicht noch rechtzeitig für Mrs Ishidas Nachmittagstee etwas geschneidert bekommen können, wenn er bereit ist, ein bisschen mehr zu zahlen.«
»Wir brauchen das alles nicht«, entgegne ich.
»Natürlich. Nur weil du damit zufrieden bist, durch die Gärten zu laufen wie eine – warte. Wie war der Besuch von Paul? Er hat mit dir geschäkert, nicht wahr? Ich frage mich, wo er das gelernt hat.«
Ich denke daran, was Paul darüber gesagt hatte, dass er in New London etwas außer Rand und Band geraten ist. Mir gefällt die Vorstellung, wie er anderen Mädchen schöne Augen macht und sie vom Gottesdienst nach Hause bringt, nicht. Kein bisschen. Aber er ist schließlich meinetwegen zurückgekommen, oder nicht? Als ich daran denke, wie seine Stimme in meinem Ohr geklungen und wie sein Atem meinen Nacken gekitzelt hat, greife ich nach Mauras Kissen und umarme es fest. Ich frage mich, wie es wohl wäre, anständig geküsst zu werden. Oder unanständig, je nachdem.
Ich muss kichern. »Es war schön, Paul wiederzusehen. Ich habe ihn vermisst.«
»Er bringt dich zum Lächeln«, bemerkt Maura. »Du solltest zurückschäkern. Hat er irgendwelche Andeutungen gemacht? Ich meine – dass er dich heiraten will?«
»Er hat gesagt, dass wir bis Dezember noch jede Menge Zeit haben, uns wieder aneinander zu gewöhnen.«
»Cate!«, kreischt Maura, springt mir auf den Schoß und wirft mich um. In ihrer Aufregung ist sie wie ein junger Hund. »Warum hast du mir das nicht gleich erzählt?«
»Weil er mich nicht offiziell gefragt hat. Noch nicht. Er hat noch nicht einmal mit Vater geredet. Und weil ich nicht – ich weiß nicht, ob ich Ja sagen kann.«
Meine Schwester starrt mich an, das Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt, und ihre saphirblauen Augen sind groß vor Erstaunen. Sie hat eine kleine Narbe am Kinn, die noch aus der Zeit stammt, als sie die Windpocken hatte. »Warum nicht?«
»Weil er nach New London zurückgehen wird. Der Mann, bei dem er in der Ausbildung war, hat ihm eine Stelle in seiner Firma angeboten.«
Maura setzt sich auf und kämmt sich das Haar aus dem Gesicht. »Du Glückliche. Ich würde meinen rechten Arm dafür hergeben, in New London zu leben. Du hast doch nicht – oh, Cate, du hast ihn doch nicht etwa abgewiesen, oder? Deswegen? Ich weiß, dass du den Gedanken, irgendwo in einer Wohnung zu leben, wo es keine Bäume und keinen Garten gibt, nicht besonders reizvoll findest. Aber es gibt Parks in der Stadt, oder etwa nicht? Und eines Tages wird er genug Geld verdienen, um dir ein richtiges Haus zu kaufen und –«
»Er hat gesagt, er könnte ein Haus mieten. Daran liegt es nicht.« Ich schaue auf die Tagesdecke und Mutters saubere, gleichmäßige Stiche. »Aber ich kann dich und Tess nicht einfach zurücklassen.«
Maura tritt nach mir. »Natürlich kannst du das. Wir würden dich besuchen kommen, du Dummerchen.«
»Aber es ist so weit weg. Es ist nicht einfach nur in der Stadt oder in der nächsten Stadt, es ist ganze zwei Tage weit entfernt. Ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn euch etwas zustoßen sollte.«
Erst ist sie ganz still, doch dann schubst Maura mich mit beiden Händen. Ich falle vom Bett und komme unbeholfen wieder auf die Beine. »Mach das ja nicht!«, faucht sie. »Nimm uns ja nicht als Entschuldigung, ihn nicht zu heiraten, Cate. Wir können selbst auf uns aufpassen.«
Ich schlinge die Arme um mich und fühle mich elend. Können sie das wirklich? Ich wünschte, ich wüsste es.
»Vielleicht haben wir dich ein bisschen gebraucht – kurz nachdem Mutter gestorben war –«
Ein bisschen? Ich versteife mich, als ich daran denke, wie wir drei zusammen in einem Bett geschlafen haben, zusammengerollt wie kleine Kätzchen. Als Maura immer blasser und dünner wurde und ihr Zimmer kaum noch verlassen hat, habe ich Mrs O’Hare überredet, all ihre Lieblingsgerichte zu kochen. Und wenn sie ihren Teller aufgegessen hatte, bin ich hinterher als Belohnung mit ihr in den Rosengarten gegangen, um mit ihr zu zaubern. Und als Tess Scharlach hatte, bin ich nicht von ihrer Seite gewichen. Ich habe ihr so lange vorgelesen, bis ich keine Stimme mehr hatte. Ich habe versucht, Mutters Abwesenheit wettzumachen. Ich habe es nie wirklich geschafft, ich weiß – niemand hätte das gekonnt –, aber ich habe es so sehr versucht.
»Es ist mir egal, was du Mutter versprochen hast«, redet Maura weiter und zieht dabei wild die Stirn in Falten. »Du bist nicht für uns verantwortlich, verstehst du? Wenn du Paul heiraten willst, solltest du besser Ja sagen, wenn er dich fragt. Er wird nicht zweimal fragen.«
Das Abendessen verläuft merkwürdig. Mrs Corbett ist da und plappert die ganze Zeit von Reginas ach so vorteilhafter Heirat. Sie ist ganz außer sich vor Entzücken, wie herrlich Reginas Anwesen ist und wie eindrucksvoll Regina die Räume dekoriert hat. Daraufhin schaut sie sich mit offensichtlicher Abneigung in unserem Esszimmer um. Der schwere rote Damast an den Wänden wurde nicht erneuert, seit Vater ein Kind gewesen ist, und die geblümten Teppiche zeigen auch bereits eindeutige Abnutzungsspuren. Der Mahagonitisch und die Stühle mit den geschwungenen Rücken sind im alten orientalischen Stil mit Schnörkeln und Drachen verziert und ganz anders als die neue arabische Mode. Alle Häuser im Ort haben inzwischen Gaslampen, aber wir benutzen immer noch Kerzen. Vater besteht darauf.
Ich höre das summende Stimmengewirr um mich herum, doch ich höre kaum zu. Stattdessen ertappe ich mich dabei, wie ich Elena beobachte. Ich wünschte, ich könnte die Leute so durchschauen, wie es Tess tut. Sie ist die Aufmerksamste von uns und äußerst geschickt darin, den Leuten ihre Beweggründe und Wünsche in den Pausen zwischen ihren Worten von den Augen abzulesen. Alles, was ich Elena ansehen kann, sind ihre tadellosen Tischmanieren und ihre kriecherische Schmeichelei, was Mrs Corbett angeht.
Die Suppe ist zu salzig, aber sonst in Ordnung, der gekochte Kabeljau ist ganz annehmbar, wenn auch langweilig. Doch als Lily das Hauptgericht hereinträgt, zucke ich innerlich zusammen, als ich die Platte mit grauem, zerkochtem Braten sehe. Ich bringe es nicht übers Herz, mich bei Mrs O’Hare zu beklagen, aber es ist schon sehr demütigend, unseren Gästen Fleisch zu servieren, das zäh wie Schuhleder ist.
Nur, als ich hineinbeiße – ist es das gar nicht. Ich nehme ein bisschen von der dünnen, wässrigen Zwiebelsoße: Sie ist perfekt gewürzt. Nachdem ich von den Stampfkartoffeln probiert habe, die mir wie geschmolzene Butter im Mund zergehen, traue ich mich nicht, noch irgendetwas anderes anzurühren. Die laschen grünen Bohnen, der schon legendäre entsetzliche Schmorkürbis – ich bin mir sicher, dass es alles vorzüglich schmeckt.
Entsetzt starre ich auf Großmutters blassblaues Porzellan. Tess hatte es mir doch versprochen! Vaters Essen zu verbessern, um ihm eine Freude zu machen, ist eine Sache – immer noch gefährlich, aber es ist unwahrscheinlich, dass er etwas merken würde. Aber das vor unseren Gästen zu riskieren –
Ich sehe sie eindringlich an, aber sie schüttelt nur den Kopf und macht selbst große Augen. Wir wenden uns beide Maura zu. Sie hört zu, was auch immer Mrs Corbett und Elena erzählen, und sieht uns absichtlich nicht an.
Ich konzentriere mich auf mein Essen und gehe gegen den Zauber an, bis er nachgibt. Der nächste Bissen erfordert sehr viel mehr Kauen, also lasse ich den Zauber wieder über mich schwappen.
Keine, die noch recht bei Verstand ist, würde freiwillig diese Speisen essen.
Ich sehe mich wieder am Tisch um. Vater schaufelt seine Kartoffeln in sich hinein, Mrs Corbett tupft sich mit der Serviette die fettigen Lippen ab. Sogar Elena nimmt zierliche Häppchen vom Kürbis. Es war ein gewagtes Spiel, aber anscheinend ist nichts weiter passiert. Dieses Mal.
Sobald wir Tess’ Früchtekompott und Apfeltorte gegessen haben, entschuldige ich mich, indem ich vorgebe, Kopfschmerzen zu haben. Maura, die ganz genau weiß, dass ich eine sehr stabile Gesundheit habe, bietet an, mir Gesellschaft zu leisten. Doch ich lehne ab. Ich muss Mutters Tagebuch lesen. Das Herz schlägt mir hoffnungsvoll in der Brust. Wer auch immer meine geheimnisvolle Briefeschreiberin ist, sie hätte mir nicht geraten, nach dem Tagebuch zu suchen, wenn es nicht etwas enthalten würde, das mir weiterhelfen wird. Es gab Zeiten, in denen ich Mutter grollte, weil sie mich mit so viel Verantwortung und so wenig Ratschlägen zurückgelassen hat. Aber sie muss schon immer gewollt haben, dass ich das Tagebuch finde. Ich ärgere mich, dass ich nicht schon eher danach gesucht habe. Vielleicht hätte ich mir eine Menge Sorgen ersparen können.
Mrs O’Hare hat den Kamin in meinem Zimmer angezündet, um die Kälte zu vertreiben. Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und nehme die Steppdecke vom Fußende des Bettes. Mutter hat sie extra für mich genäht und sie mit der blauen Taglilie bestickt, die meine Lieblingsblume gewesen ist, als ich noch klein war.
Mit Mutters Tagebuch werfe ich mich auf das ausgeblichene violette Sofa. Ich habe mir ein paar Dinge aus ihrem Wohnzimmer geholt, nachdem sie gestorben war: dieses Sofa, den Teppich mit dem Rosenmuster, der vor meinem Bett liegt, und ihr kleines, mit Wasserfarben gemaltes Bild vom Garten. Wenn ich mein Gesicht in der Sofalehne vergrabe, habe ich manchmal das Gefühl, immer noch einen Hauch von dem Rosenwasser riechen zu können, das sie immer benutzt hat.
Der Septemberwind pfeift ums Haus, rüttelt an den Fensterscheiben und lässt die Kerzenflammen tanzen, die gespenstische Schatten an die Wände wirft. Wenn ich an Geister glaubte, wäre dies ein perfekter Abend für eine Erscheinung.
Falls Mutters Geist mir Antworten geben könnte, würde ich ihn mit Freuden empfangen.
Du musst für mich auf deine Schwestern aufpassen. Beschütze sie für mich. Es gibt so vieles, was ich dir noch sagen wollte. Doch jetzt habe ich keine Zeit mehr, so klagte Mutter, als ich das letzte Mal bei ihr war. Sie glich einem Gespenst und kämpfte um jeden Atemzug. Ihre saphirblauen Augen, die Mauras so ähnlich sahen, waren verblasst, als wenn ein Teil von ihr bereits gegangen wäre.
Ich habe es versprochen, natürlich. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Aber es war ein schweres Versprechen für ein dreizehnjähriges Mädchen.
Erwartungsvoll schlage ich das Tagebuch auf. Es beginnt in meinem zwölften Lebensjahr. Sie erwähnt mich zum ersten Mal richtig, als meine magischen Kräfte bereits zum Vorschein gekommen sind:
Ich mache mir Sorgen um Cate. Es ist nicht einfach, eine Frau zu sein, erst recht nicht mit solchen Kräften wie unseren, und sie ist ein unerschrockenes, freimütiges Kind. Die Kombination wird gefährlich für sie sein, wenn sie nicht lernt, ihr wahres Ich zu verstecken. Wenn sie ein wenig älter ist, werde ich ihr alles beibringen, was ich weiß, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleidet wie ihre Patentante. Ich werde bei der nächstbesten Gelegenheit, bevor mein Zustand nicht mehr zu übersehen ist, in die Stadt gehen und Marianne treffen. Vielleicht hat sie Neuigkeiten von Zara.
Ich sehe für einen Moment von der Seite auf. Ich spüre meinen Puls in den Fingerspitzen, während die Fragen sich in meinem Kopf überschlagen. Zara? Ist Z.R. meine Patentante? Ist sie etwa auch eine Hexe? Und was ist mit ihr passiert? Ich kann mich nicht an sie erinnern. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass Mutter sie jemals erwähnt hätte. Später, in einem anderen Eintrag:
Ich habe Marianne besucht. Wir haben zusammen das Prozessregister durchgesehen. Weder meine Kenntnis der Geschichte der Magie noch Mariannes gesamte Gelehrsamkeit haben uns helfen können, irgendeinen Sinn in den Verurteilungen der Bruderschaft zu erkennen. Einige Mädchen sind ohne jeglichen Beweis der Hexerei angeklagt und zu lebenslanger Haft in Harwood verurteilt worden, wohingegen andere freigesprochen wurden und einfach verschwunden sind. Ich fürchte, sie wurden umgebracht; wir können keine Spur von ihnen finden, seit sie Chatham verlassen haben, und wir haben von ähnlichen Fällen überall im Land gehört. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich glaube nicht, dass ich Zara jemals wiedersehen werde. Und was wird nun aus ihrer Erforschung der Prophezeiung? Die Ergebnisse sind entscheidend für unsere Zukunft und die Zukunft jeder Hexe, die noch in Neuengland lebt.
Ich überfliege Mutters freudige Berichte über ihre Schwangerschaft, ihre sehnlichen, vergeblichen Wünsche, dass dieses Kind gesund geboren wird und ein Junge ist. Drei Wochen später:
Heute war ich zum letzten Mal in der Stadt; vielleicht sollte ich mich dem Gedränge jetzt nicht mehr aussetzen, aber ich kann weder John und noch nicht einmal Brendan – [Vater!] – Zaras Buch anvertrauen, um es Marianne zurückzubringen. Ich mache mir Sorgen um meine Töchter. Was für Zugeständnisse werden sie machen müssen, um sich zu schützen? Was, wenn Emily Carruthers recht hat und ich diese Niederkunft nicht überlebe – wer wird sie unterrichten? Cate beherrscht bereits die Gedankenmagie, eine Gabe, die so selten und beängstigend ist, dass ich nicht möchte, dass irgendjemand außer Zara oder mir sie darin lehrt. Ich habe versucht, ihr klarzumachen, wie sehr, sehr falsch es sein kann, in anderer Leute Gedanken einzudringen. Es setzt sie einer so großen Gefahr aus – von der Bruderschaft ausgehend und von denen, die sie gern als Waffe benutzen würden.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Meine Patentante war also eine Hexe – und sie konnte Gedankenmagie. Ich erinnere mich noch daran, wie entsetzt Mutter war, als sie herausbekam, wozu ich fähig war. Sie hat mich auf die Familienbibel schwören lassen – und dann auf das Leben meiner Schwestern –, dass ich die Gedankenmagie niemals benutzen würde, außer um uns zu beschützen, und dass ich niemals irgendjemandem erzählen würde, dass ich es kann. Mutter behauptete, die Gedankenmagie würde Frauen genauso machtversessen und verschroben machen wie die Brüder. Das, sagte sie, war der Grund dafür, dass die Hexen zu Fall gebracht wurden.
Dann, zwei Monate später:
Maura hat über Nacht ihre Kraft erlangt. Sie ist längst nicht so vorsichtig wie Cate. Ich habe sie gewarnt, dass sie auf gar keinen Fall gesehen werden darf, auch nicht von ihrem Vater oder Mrs O’Hare. Ich habe versucht, ihr einzuprägen, dass sie nur Cate vertrauen darf. Ich hoffe, dass sie das beherzigt, aber ich bin zu müde, um streng mit ihr zu sein. Ich habe nicht mehr die Kraft früherer Schwangerschaften. Emily macht sich Sorgen um meine Niederkunft, aber ich sorge mich nur um meine Mädchen. Was, wenn auch Tess mit dieser Magie verwünscht ist? Ich kann nicht aufhören, an diese verdammte Prophezeiung zu denken. Emily sagt, ich bin dreimal mit Töchtern gesegnet. Wie wenig sie doch von Fluch und Segen weiß. Ich wünschte, Zara wäre hier.
Als ich zum Ende komme, ist die Kerze fast niedergebrannt. Das Feuer hat nur noch Asche im Kamin zurückgelassen. Ich liege zusammengekauert unter meiner Steppdecke und friere. Ich war so vertieft, dass ich kaum gehört habe, wie Mrs Corbetts Kutsche weggefahren ist oder wie Tess vor meiner Tür nach mir gerufen hat. Ich habe sie einfach ignoriert, bis sie schließlich weggegangen ist.
Mutters Handschrift wird im Laufe der Schwangerschaft schwächer, als wenn sie nicht mehr die Kraft gehabt hätte, den Stift über die Seite zu führen. Sie schreibt jetzt jeden Tag – weitschweifige Einträge voller Zweifel und Sorgen. Sie sorgt sich, wann immer Maura und ich uns mal wieder streiten. Sie ist besorgt, dass Tess, die zu der Zeit erst neun war, sich auch als eine Hexe entpuppen könnte. Aber da steht nichts für mich. Keine Nachricht, keine hilfreichen Worte darüber, was sie von mir erwartet, wenn ich erwachsen werde.
Schließlich bin ich auf der letzten Seite angelangt. Sie hat den Eintrag einen Tag vor ihrem Tod verfasst. Nachdem das letzte kleine Grab am Hügel gegraben worden war. Ihre Handschrift ist hier anders: lauter düstere Striche. An manchen Stellen sind die Seiten durchgedrückt, als wenn sie all ihre Energie aufgebracht hätte, um eine letzte Nachricht zu überbringen.
Zu meiner Erleichterung ist sie an mich gerichtet.
Meine liebste, mutige Cate!
Es tut mir so leid. Ich wollte dich nicht zu früh damit belasten, aber es scheint, dass ich stattdessen zu lange gewartet habe. Ich habe dir nicht genug über deine magischen Kräfte beigebracht – wozu du fähig bist und wogegen du dich schützen musst.
Ehe der Große Tempel von New London niederging, hat das Orakel eine letzte Prophezeiung gemacht. Das Orakel hat vorhergesehen, dass noch vor Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts drei Schwestern volljährig werden, die alle Hexen sind. Eine von diesen Schwestern, die der Gedankenmagie fähig sein wird, wird die mächtigste Hexe seit Jahrhunderten sein – mächtig genug, um den Lauf der Geschichte zu ändern –, und sie wird ein Wiederaufleben der Macht der Hexen mit sich bringen oder eine zweite Schreckensherrschaft.
Cate, ich mache mir solche Sorgen um dich. Es ist sehr selten, dass drei Hexen in einer Generation vorkommen. Wenn Tess sich auch als eine Hexe erweisen sollte, scheint es furchtbar wahrscheinlich zu sein, dass ihr diejenigen seid, von denen in der Prophezeiung die Rede ist. Du wirst –
Nein. Bitte, guter Herr, nein.
Ich lasse mich vom Sofa auf den Boden gleiten. Ich liege für einen Moment einfach nur da, in einem Haufen von Unterröcken, während sich meine Gedanken überschlagen. Das ist verrückt. Es ist unmöglich.
Nur – wir sind alle drei Hexen. Ich kann Gedankenmagie. Tess wird noch vor der Jahrhundertwende volljährig werden. Es passt perfekt.
Der Herr erhört keine Bitten sündhafter Mädchen.
Ich fühle mich nicht mutig. Ich fühle mich klein, und ich bin verängstigt und wütend. Ich habe schon genug um die Ohren, ohne mir Gedanken über eine verdammte Prophezeiung von vor über hundert Jahren zu machen. Ich hatte mir von diesem Tagebuch Hilfe erwartet, einen Rat, und stattdessen hat Mutter noch mehr Verantwortung auf mich geladen.
Aber da war noch mehr. Vielleicht ist manches davon tatsächlich zu etwas nutze. Etwas, das mir sagt, was ich tun kann, außer hier in dieser Ecke zu kauern.
Ich nehme mir das Tagebuch noch einmal vor.
Du wirst von denen gejagt werden, die dich für ihre eigenen Zwecke benutzen wollen. Du musst sehr, sehr vorsichtig sein. Du darfst deine Geheimnisse niemandem anvertrauen.
Aber das ist noch nicht alles. Ich habe mich nicht getraut, hier alles niederzuschreiben, sollte mein Tagebuch in die falschen Hände geraten. Du musst Antworten suchen. Diejenigen, die sich Wissen um des Wissens willen aneignen, werden dir helfen. Bis du die ganze Wahrheit der Prophezeiung erfahren hast, darfst du sie mit niemandem teilen. Es tut mir leid, dass ich nicht da bin, um dich zu beschützen, aber ich vertraue dir, dass du dich für mich um Maura und Tess kümmerst.
In Liebe für immer,
Mutter
Ich schmeiße das Tagebuch quer durchs Zimmer, und es knallt mit einem befriedigenden Krachen gegen die Wand.
Ich habe mir bisher nur selten ärgerliche Gefühle gegenüber Mutter erlaubt. Sie ist tot; sie kann sich nicht mehr verteidigen. Aber jetzt zittere ich vor Wut. Wie konnte sie nur? Wie konnte sie einfach sterben und mich mit all diesen Dingen hier allein lassen?
Meine magischen Kräfte werden stärker, befeuert durch meinen Zorn. Ich habe seit Jahren nicht mehr die Kontrolle über meine Kräfte verloren, nicht mehr seit dem Vorfall mit Mrs Corbett und dem Schaf, doch jetzt bin ich versucht, mich gehen zu lassen.
Ich könnte alles in diesem Zimmer kaputt schlagen aus reiner Zerstörungswut.
Aber ich tue es nicht.
Ich müsste es nur wieder in Ordnung bringen, bevor Vater oder Mrs O’Hare es bemerken würden.
Ich schließe die Augen und nehme tiefe Atemzüge, so wie Mutter es mir beigebracht hat.
Als ich glaube, meine Ruhe wiedergefunden zu haben, hebe ich das Tagebuch auf. Ich setze mich wieder hin und lese noch einmal die letzte Seite. Es ist verrückt. Vielleicht war Mutter im Fieberwahn, als sie es geschrieben hat. Und auch wenn es stimmt – auch wenn es so eine Prophezeiung gegeben haben sollte –, muss es auch noch andere Hexenschwestern geben. Und auch andere Mädchen außer mir beherrschen Gedankenmagie. Ich bin nicht dermaßen mächtig.
Eine unangenehme Stimme nagt an mir. Woher willst du das wissen? Du weißt doch gar nicht, was für Kräfte andere Hexen haben, merkt die Stimme an. Du kennst doch überhaupt keine anderen Hexen. Ich habe schon immer gewusst, dass es mehr Hexen geben muss außer Mutter, meinen Schwestern und mir, aber ich bin nie welchen begegnet. Zumindest habe ich noch nie eine Hexe getroffen, die zugegeben hätte, eine zu sein. Ich bin mit Brenna Elliott und Marguerite und Gwen und Betsy zur Sonntagsschule gegangen. Aber ich habe nie irgendwelche Anzeichen von Magie bei ihnen erkennen können, und die meisten Behauptungen der Brüder scheinen höchst zweifelhaft zu sein …
Vor Angst bekomme ich Gänsehaut. Was, wenn es wirklich wahr ist? Was, wenn ich es tatsächlich bin?
Wenn es mein Schicksal ist, die Hexen wieder an die Macht zu führen – wenn die Brüder das herausfinden sollten, würden sie mich umbringen. Auf der Stelle und ohne Prozess. Sie würden glauben, dass sie es für das Wohl von Neuengland tun. Vielleicht würden sie ein Exempel an uns allen dreien statuieren – uns auf dem Scheiterhaufen verbrennen oder uns auf dem Marktplatz erhängen, so, wie sie es damals zu Urgroßmutters Zeiten gemacht haben. Sie haben damit aufgehört, weil die Leute es irgendwann zu brutal fanden. Aber die Brüder würden diese Methoden jederzeit wieder einführen, um ihre Stärke zu demonstrieren, um Hexen und auch ganz gewöhnliche Mädchen zu verängstigen und gefügig zu machen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie dazu fähig sind.
Wie soll ich mit dieser Bedrohung leben?
Ich kauere mich zusammen und wünschte, jemand anders könnte mir diese Last abnehmen.
Mutter muss noch mehr geschrieben haben. Sie kann mich nicht einfach so zurückgelassen haben, ohne mir zu sagen, was ich tun soll! Ich spüre die Magie, wie sie sich in meiner Brust windet und darauf wartet, losgelassen zu werden. »Acclaro«, flüstere ich. Verzweifelt blättere ich die letzten Seiten des Tagebuchs um, in der Hoffnung, dass auf den leeren Seiten am Ende noch mehr Wörter erscheinen.
Doch nichts passiert. Ich sage es noch einmal, lauter, und versuche, die in mir aufsteigende Panik zu unterdrücken. Ich überprüfe jede einzelne Seite und warte darauf, dass mir eine Nachricht ins Auge springt. Aber da ist nichts weiter, weder auf den leeren Vorsatzseiten am Anfang noch am Ende – keine geheimen Wörter, die über die anderen geschrieben wären, da ist nichts eingekreist oder unterstrichen, um eine Geheimbotschaft zu offenbaren. Überhaupt nichts.
Ich suche nach einer Spur ihrer Magie, aber ich spüre nichts. Hatten ihre Kräfte nachgelassen, ehe sie noch mehr schreiben konnte?
Ich versuche es wieder und wieder. Ich probiere verschiedene Zaubersprüche; ich versuche es so lange, bis ich vollkommen erschöpft bin und meine Kräfte sich schwach und weit entfernt anfühlen. Die Wörter verschwimmen, als mir Tränen in die Augen steigen. Gereizt wische ich mir übers Gesicht. Ich werfe das Tagebuch aufs Bett, lasse die Steppdecke auf den Boden fallen und trete ans Fenster.
Der runde Mond lugt durch die mit Taglilien gemusterten Vorhänge ins Zimmer. Ich schaue hinunter in den Garten auf die Statue der Athene, wie sie da so im Mondlicht steht. Die Göttin der Weisheit und des Kampfes.
Mutter hat nicht geglaubt, dass Vater für uns kämpfen würde. Aber um ehrlich zu sein, hat sie es selbst auch nicht viel besser gemacht. Sie hat mich mit einem Tagebuch voller mysteriöser Warnungen zurückgelassen und mit einer Verantwortung, die eigentlich ihre gewesen wäre.
Doch ich werde meine Schwestern beschützen. Was auch immer Mutters Freundin Zara zugestoßen ist, was auch immer mit Brenna Elliott geschehen ist, ich werde nicht zulassen, dass es Maura und Tess passiert. Im Leben nicht.