Kapitel 7

Ich fühle mich wie ein gestopfter Truthahn.

Maura und ich waren diesen Morgen wieder bei Mrs Kosmoski, um die letzten Änderungen vornehmen zu lassen. Angeline hatte ganz verweinte Augen aus Kummer um Gabrielle, die, wie schon ihre Schwester zuvor, ohne Prozess weggeschickt wurde. Angeline faltete und zwickte an uns herum, während ihre Mutter uns mit Nadeln absteckte. Jetzt sitzen unsere neuen Kleider perfekt. Wir sind absolut modisch und ich fühle mich absolut lächerlich. In meinem knallvioletten Kleid mit den riesigen Puffärmeln sehe ich aus wie eine Hochzeitstorte. Die Stufenröcke vier Meter Brokat weiten sich zu einer Glocke; das Hinterteil ist gepolstert und gerüscht wie die Unterseite eines Regenschirms. Elena hatte mein Korsett so eng geschnürt, bis ich kaum mehr atmen konnte und noch viel weniger protestieren.

Meine Hand, die bis zum Ellbogen in einem grauen Lederhandschuh steckt, liegt anmutig auf Johns ausgestrecktem Arm. Er lächelt, als er mir von der Kutsche hinunterhilft oder vielleicht lacht er hinter seinem Bart auch über mich. Ich fühle mich noch nicht allzu sicher in meinen neuen Absatzschuhen, die ich erst gestern beim Schuster abgeholt habe.

Maura segelt in ihrem voluminösen, kornblumenblauen Kleid vor mir her und lässt ihre Hüften schwingen. Sie präsentiert ihre Kurven mit solcher Selbstsicherheit und Anmut. Sie ist wunderschön; das Kinn hocherhoben, die Wangen vor Aufregung gerötet. Ihr Kleid hat einen schwarzen Spitzenbesatz und ein dazu passendes schwarzes Band mit Schnalle, ganz anders als mein pfauenblaues Ungetüm von einem Kummerbund.

Das Hausmädchen der Ishidas führt uns in das Wohnzimmer, in dem ein Dutzend Damen Tee aus Porzellantassen mit rosafarbenen Kirschblüten trinken ein Hinweis auf das japanische Erbe der Ishidas. Damals, als die Töchter der Persephone die Kolonien gründeten, hatten sie die Sklaverei abgeschafft und Religionsfreiheit versprochen. Hexen aus aller Welt kamen nach Neuengland. Zwei Jahrhunderte später sind jetzt Gesichter jeder Hautfarbe auf den Straßen zu sehen, und ein Dutzend Familien japanischen Ursprungs leben in der Stadt. Es gab ein paar unschöne Szenen während des Krieges mit Indochina, aber das ist zwanzig Jahre her: Inzwischen sind die Ishidas eine der respektabelsten Familien Chathams. Trotzdem betont Mrs Ishida immer wieder, dass ihre Abstammung japanisch ist, damit die Nachbarn sie nicht mit den anderen orientalischen Gesichtern verwechseln.

»Miss Cahill, Miss Maura, guten Nachmittag! Ach, sehen Sie entzückend aus!«, gurrt Mrs Ishida.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln und gebe eine angemessen fade Antwort. Der Raum ist bereits gefüllt von den Ehefrauen der Brüder und ihren Töchtern. Mrs Ishida geleitet uns durch die Flügeltüren zum Esszimmer, wo Sachi und Rory an einem langen Tisch mit Dahlien Tee und heiße Schokolade ausschenken.

»Miss Cahill, Miss Maura, wir sind so froh, dass Sie gekommen sind«, sagt Sachi. Ihr zartes Puppengesicht wird von eindrucksvollen mandelförmigen Augen beherrscht, die von dichten, schwarzen Wimpern umrahmt sind. »Miss Cahill, das ist ein wunderschönes Lila! Ihre Augen sehen beinahe violett aus in diesem Licht!«

»Dankeschön«, murmele ich. »Es war sehr freundlich von Ihrer Mutter, uns einzuladen.«

Rory wirft Sachi einen schalkhaften Blick zu, und Sachi lacht. »Oh, das ist mein Verdienst; Mama hätte nie daran gedacht. Ich hatte Sie nur neulich in der Kirche gesehen und dachte, es ist schade, dass wir uns nicht besser kennen. Wir sind alle im gleichen Alter und wohnen gar nicht weit voneinander entfernt. Außerdem hält mein Vater sehr viel von Ihrem. Wir sollten Freundinnen sein. Sind die Kleider, die Sie tragen, neu?«

»Unsere Gouvernante hat Papa überzeugt, dass wir eine neue Garderobe brauchen«, sagt Maura. Ich hebe die Augenbrauen. Wir haben ihn nicht mehr Papa genannt, seit wir noch sehr klein waren.

»Ach, was haben Sie nur für ein Glück.« Sachi zieht eine Schnute. »Mein Papa sagt, ich habe sowieso schon viel zu viele Kleider, und hält mir Vorträge über Habgier, wenn ich nach neuen frage.«

»Ihr Kleid ist umwerfend«, sprudelt es aus Maura hervor. In Wirklichkeit ist es protzig ein orangenes Taftkleid mit kleinen rosafarbenen Tupfen. Dazu trägt Sachi eine lächerliche rosafarbene Feder im Haar. Aber sie ist so hübsch, dass es an ihr trotzdem immer noch geschmackvoll aussieht und überhaupt nicht prahlsüchtig.

»Nehmen Sie Milch oder Zucker?«, fragt Rory. Sie hat die gleichen dunklen, glänzenden Haare wie Sachi, aber abgesehen davon könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Sachi ist klein und zierlich, wohingegen Rory groß ist und eine üppige, kurvenreiche Figur hat, mit der sie gerne angibt. Heute trägt sie ein rotes Satinkleid mit einem herzförmigen Ausschnitt, der für ein Tageskleid viel zu weit ist.

»Nein danke, ich trinke meinen Tee ohne alles.«

Sachi reicht Maura eine Tasse heiße Schokolade. »Sie haben eine neue Gouvernante, nicht wahr? Ist sie sehr schlimm? Meine jammern immer über mein Französisch. Als wenn ich jemals nach Frankreich gehen würde! Ich kann froh sein, wenn ich eine Hochzeitsreise an die Küste mache.«

»Dürfen wir etwa mit Neuigkeiten rechnen, was Ihre Verlobung angeht?«, fragt Maura und nimmt sich einen Ingwerkeks.

»Oh, nicht innerhalb der nächsten Monate, nehme ich an«, sagt Sachi sorglos. »Ich werde meinen Cousin Renjiro heiraten, wissen Sie? Vater hat das schon geplant, seit ich ein kleines Mädchen war. Seine Familie lebt in Guilford. Wir werden sie im November besuchen, auf dem Weg zu Papas Nationalratssitzung in New London. Ich schätze mal, Renjiro wird dann um meine Hand anhalten.«

Maura sieht mich durchtrieben an. »Wenn meine Schwester ihre Karten richtig ausspielt, wird sie bald in New London leben.«

Ich werfe ihr einen warnenden Blick zu, aber es ist bereits zu spät. »Ach ja?«, fragt Rory gedehnt.

»Hat man Ihnen einen Antrag gemacht? Ich habe gesehen, dass Mr McLeod Sie am Sonntag vom Gottesdienst nach Hause begleitet hat«, sagt Sachi.

»Wir machen uns gerade wieder miteinander vertraut. Wir waren als Kinder sehr eng befreundet.« Ich drehe mich weg, um zu zeigen, dass das Gespräch damit für mich beendet ist, und atme den würzigen Duft der rosa Dahlien ein. Sie haben genau die gleiche Farbe wie die Tupfer auf Sachis Kleid. Ich frage mich, ob das Absicht ist.

»Nun, aber Sie sind ja inzwischen keine Kinder mehr. Und Mr McLoed sieht umwerfend gut aus. Mjam«, macht Rory und wirft sich einen ganzen Ingwerkeks auf einmal in den Mund. Sie hat einen Überbiss, der ihr ein leicht hasenhaftes Aussehen verleiht.

Sachi lacht und gibt ihr einen Klaps. »Sie brauchen nicht schüchtern zu sein, Miss Cahill, erzählen Sie es uns ruhig. Wir sind wirklich nicht solche Klatschbasen, wie alle denken.«

»Cate ist so bescheiden. Er ist eigens ihretwegen aus New London gekommen, um ihr den Hof zu machen«, prahlt Maura. »Er ist verrückt nach ihr. Ich denke, es dauert nicht mehr lange, bis er ihr einen Antrag macht.«

Sachi sieht mich an, doch ihre dunklen Augen sind undurchschaubar. »Und, werden Sie Ja sagen?«

Das Eintreffen von Cristina Winfield rettet mich. Sie schlendert herein, küsst Rory zur Begrüßung auf die Wange, und dann geht es zum Glück um ihre gerade verkündete Verlobung.

»Hat Matthew Sie geküsst, als Sie Ja gesagt haben?«, will Rory wissen.

Maura und ich treten beiseite und nehmen uns etwas von dem Teegebäck.

»Glauben Sie ja nicht, dass Sie so leicht davonkommen, Miss Cahill. Wir sind noch nicht fertig mit Ihnen!«, warnt mich Sachi.

Ich gehe hinüber ins Wohnzimmer. Warum hat Sachi uns eingeladen? Und warum ist sie auf einmal so neugierig, was meine Zukunftsaussichten angeht? Wir haben unser ganzes Leben noch nicht einmal ein Dutzend Worte miteinander gewechselt. Und Rory und sie sind unzertrennbar, sie sind so eng miteinander befreundet, dass es keinen Raum für irgendjemand anders lässt. Alle anderen Mädchen im Ort wetteifern um ihre Freundschaft anständige Stadtmädchen, die keine Gouvernante brauchen, die ihnen sagt, wie sie sich zu kleiden und zu verhalten haben.

Maura setzt sich auf einen Stuhl neben Rose und wird in ein angeregtes Gespräch über Mrs Kosmoskis neue Seidenlieferung verstrickt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich zwischen Mrs Ishida und Mrs Malcolm auf dem grün-gold gestreiften Sofa niederzulassen. Mrs Malcolm hat dunkle Ringe unter den Augen, aber sie plaudert vergnügt von ihrem neugeborenen Sohn. Mrs Ralston, auch eine der jungen Ehefrauen, gibt mit ihrer neuen Patentochter an.

Das Wort bringt eine Saite in mir zum Klingen. Ich hatte doch auch mal eine Patentante, und gerade befinde ich mich mit den größten Klatschbasen der Stadt in einem Raum.

Ich setze ein unerschrockenes Lächeln auf und lege eine Hand an meine Schläfe. Ich verkörpere perfekt das Bild der in Ohnmacht fallenden, schwindsüchtigen Heldinnen aus Mauras Romanen.

»Ich wünschte, ich hätte eine Patentante«, seufze ich. Das Bedauern in meiner Stimme ist noch nicht einmal vorgetäuscht. »Es wäre so eine Hilfe, jetzt wo Maura und ich älter sind. Ohne Mutter «

Mrs Ishida zieht ihre buschigen Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hoch. »Aber Sie haben doch eine. Oder nun. Sie hatten eine.«

»Oh, hatte ich das? Ich kann mich nicht daran erinnern.« Ich suche das Zimmer mit den Augen ab, als würde ich erwarten, dass meine Patentante jeden Moment hinter den goldenen Damastvorhängen hervortreten würde.

Mrs Winfields aschblondes Haar ist so streng zurückgekämmt, dass sie ziemlich verhärmt aussieht oder vielleicht sieht sie auch immer so aus. »Ich glaube, sie ist weggezogen«, sagt sie. »Als Sie noch sehr jung waren.«

»Oh. Wie schade, dass sie ihre Verantwortung nicht ein wenig ernster genommen hat. Manchen Leuten bedeutet eine Patenschaft ja eine Menge.« Wenn ich diese Frauen hier richtig einschätze, werden sie dem nicht widerstehen können. Die Ehefrauen der Brüder haben alle Dutzende Namensvetterinnen über ganz Chatham verstreut. Eltern neugeborener Mädchen hoffen, dass es ihren Töchtern ein gewisses Maß an Sicherheit bringt, wenn sie zu jungen Frauen heranwachsen. So funktioniert es natürlich nicht wirklich, trotzdem sind die Frauen der Brüder stolz darauf. Sie strömen in Scharen zu den Säuglingen, und alle wollen sie die Erste sein, die einem Haus mit einem neugeborenen Kind ihren Besuch abstattet.

Mrs Ishida beißt an. »Ihre gute Mutter, Gott habe sie selig, war einfach wunderbar. So herzlich und so hingebungsvoll in Familienangelegenheiten. Ich kann einfach nicht verstehen, wie sie mit dieser Frau befreundet sein konnte.«

»Und sie mit der Seelsorge ihrer Erstgeborenen betrauen konnte! Ich wundere mich, dass sie dafür keine andere ausgewählt hat. Eine, die etwas mehr Respekt in der Gemeinde genießt«, schnaubt Mrs Winfield und schürzt die Lippen. Eine wie sie selbst, meint sie wohl. »Zara Roth war ein skandalträchtiges Wesen. Es ist schon besser so, dass Sie sie nicht kennen. Ich fürchte, sie hätte nur einen schlechten Einfluss auf Sie gehabt. Ohne Mutter waren Sie doch leicht zu beeindruckende Kinder, Sie Armen!«

»Miss Roth hat zunächst einen ganz harmlosen Eindruck gemacht«, gibt Mrs Ishida zu. »Sie war gebildet. Eine Gouvernante, wissen Sie, eine von den Schwestern.«

Meine Patentante war eine Schwester und eine Hexe? Ich lege sanftmütig die Hände ineinander, aber innerlich wünsche ich mir, ich könnte diese Frauen bei den Schultern packen und sie schütteln, bis die ganze Geschichte heraus ist.

»Sie war ein Blaustrumpf«, fügt Mrs Winfield hinzu. Sie spricht das Wort aus, als wäre es etwas Schändliches beinahe so, wie die Leute das Wort Hexe sagen. Dann senkt sie ihre Stimme, und Mrs Malcolm und Mrs Ralston beugen sich vor, um sie hören zu können. »Ich überbringe ungern schlechte Nachrichten, aber ich wage zu behaupten, dass Sie alt genug sind, die Wahrheit zu erfahren. Miss Roth Ihre Patentante wurde der Hexerei angeklagt und verurteilt.«

Sie schauen mich erwartungsvoll an und sind offensichtlich begeistert, welche schockierende Wendung unsere Unterhaltung genommen hat. Ich schlage mir die Hand auf den Mund. »Oh, wie entsetzlich! Ich kann nicht fassen, dass Mutter sich von so einer Art Frau hat einnehmen lassen!«

Mrs Ishida tätschelt mir beruhigend den Arm. »Doch, ich fürchte, so war es, meine Liebe. Als Miss Roths Zimmer durchsucht wurde, sind einige ketzerische Bücher unter ihren Bodendielen und in den Schränken gefunden worden. Lauter Bücher über« sie flüstert das Wort, als wäre es ein Fluch »Magie.«

Ich wünschte, ich würde diese Bücher besitzen. Mutter hat Maura und mir nur sehr grundlegende Zaubersprüche beigebracht: eigentlich nur, wie wir Illusionen erwecken und wieder rückgängig machen können. Ich weiß aber, dass Hexen auch zu anderen Dingen in der Lage sind. Mutter hat immer gesagt, sie würde uns noch mehr beibringen. Später. Aber jetzt ist später, und sie ist nicht da.

»Was ist mit Miss Roth passiert?«, frage ich, wobei ich mir Mühe gebe, still zu sitzen. Meine gestärkten Taftunterröcke verraten jede kleinste Bewegung meines Körpers.

»Sie wurde nach Harwood gebracht.« Der mit Edelsteinen besetzte Kamm in Mrs Winfields Haar funkelt im Licht des Kronleuchters, als sie sich mir wieder zuwendet. »Ihre Mutter hätte sich sicherlich niemals mit ihr verbunden, wenn sie es gewusst hätte. Sie waren alte Schulfreundinnen. Haben zusammen im Kloster der Schwesternschaft studiert. Sie glaubte sicherlich, dass Miss Roth eine gute, aufrechte, fromme Frau war. Immerhin war sie eine der Schwestern! Es war ziemlich schockierend. Sie wurde natürlich aus der Schwesternschaft hinausgeworfen, nachdem sie verhaftet wurde.«

»Natürlich. Ist sie immer noch in Harwood?«, frage ich und schüttele mich.

»Ich denke schon. Man kann sie ja kaum wieder auf die Gesellschaft loslassen«, sagt Mrs Winfield und fächelt sich mit ihrem grünen Seidenfächer Luft zu, um die Hitze des überfüllten Raumes zu vertreiben.

»Sie müssen es nur sagen, wenn wir Ihnen irgendwie helfen können, Cate. Ich darf doch Cate sagen, oder? Sie armes Mädchen. Es ist nicht leicht, ohne den Rat einer Mutter erwachsen zu werden«, seufzt Mrs Ishida mitfühlend und tupft sich die Augen mit einem Spitzentaschentuch. »Meine Mutter starb bei der Geburt meines jüngsten Bruders, und mein Vater hat nicht wieder geheiratet. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie schwierig das sein kann.«

Irgendwie bezweifle ich das. Sie musste sich schließlich keine Sorgen darüber machen, als Hexe verhaftet zu werden, oder? Aber Mrs Ishida fährt fort, sich über ihre liebe dahingeschiedene Mama zu ergehen, und die Unterhaltung verweilt längst nicht mehr bei Zara Roth. Und die Botschaft ist klar: Frauen, die zu sehr ihre eigene Meinung vertreten, zu gebildet, zu seltsam oder neugierig sind, werden bestraft. Sie verdienen, welches Schicksal auch immer sie ereilt. Frauen, die sind wie Zara.

Frauen wie wir.

Wir bleiben die gebotene Stunde. Der Rest der Unterhaltung ist so fade wie Abwaschwasser: Cristinas Verlobung mit Matthew Collier, Mrs Winfields Vermutung, dass ihr Hausmädchen ihre Jadeohrringe gestohlen hat, und das Zahnen von Mrs Malcolms Sohn, wozu alle ihre Ratschläge abgeben. Als wir aufstehen, um zu gehen, dankt Mrs Ishida uns für unser Kommen und sagt, dass wir jeden zweiten Mittwoch herzlich eingeladen sind. »Ihre Mutter wäre so stolz darauf, was für reizende Mädchen Sie geworden sind«, beteuert sie, als sie ihre Wange, die sich anfühlt wie getrocknete Blumen, an meine drückt.

Ich lächele, obwohl ich mich über ihre Unverschämtheit ärgere.

Von der anderen Seite des Zimmers grinst mich ihre Tochter nervtötend an.

Mrs Ralston und Mrs Malcolm nehmen uns das Versprechen ab, dass wir sie auch demnächst bei Ihren Nachmittagstees besuchen kommen. Nach einem kurzen Zögern folgen Cristina und Rose ihrem Beispiel und fragen, wann wir unseren Nachmittagstee geben, und Maura erklärt schlagfertig, dass wir Dienstag in zwei Wochen zu uns einladen.

Als wir in der Kutsche sitzen, grinst sie mich an. »Es ist alles gut gelaufen, nicht wahr?«

»Ich denke schon.« Abgesehen davon, dass ich herausgefunden habe, dass meine Patentante ein Mitglied der Schwesternschaft war, eine Hexe und dazu noch eine Strafgefangene.

»Ach, sei still, ich finde, wir waren großartig!«

»Entzückend«, mokiere ich mich. »Es war einfach entzückend!«

Maura lacht nicht das höfliche Gekicher, das sie in Gesellschaft von sich gibt, sondern ihr süßes Lachen, das geradeheraus geschossen kommt wie ein Strom, der über Steine dahinschnellt. Für mich ist es das schönste Geräusch der Welt.

»Ich wollte schon anfangen, zu zählen, wie oft Mrs Ishida das Wort benutzt«, gibt sie zu. Sie lässt ihre neuen, spitz zulaufenden Schuhe fallen und massiert sich die geplagten Zehen. »Was für einen begrenzten Wortschatz diese Frau hat.«

»Ich bezweifle, dass sie irgendetwas anderes als die Bibel lesen darf, wenn überhaupt. Das Letzte, was Bruder Ishida will, ist eine Frau, die ihn herausfordert.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass er seine Predigten beim Abendessen einstudiert.« Maura macht seine tranige Stimme nach. »Wozu soll es gut sein, einer Frau das Lesen beizubringen? Wirklich, Mädchen, ihr solltet, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, versuchen, überhaupt nicht nachzudenken. Es könnte eure hübschen kleinen Köpfe verletzen. Gott behüte, es könnte dazu führen, dass ihr uns infrage stellt. Ihr dürft niemals die Leute über euch infrage stellen, und denkt daran: Sogar die dümmsten Männer wissen besser Bescheid als ihr!«

Ich muss lachen. »Die arme Sachi. Ich würde nicht in so einem Haus, mit so einem Vater aufwachsen wollen.«

»Ich auch nicht. Vater ist zwar nicht zu besonders viel zu gebrauchen, aber immerhin ist er kein Tyrann.«

Ich bemerke den Unterton in ihrer Stimme und werde ernst. »Es tut mir leid, dass er dich nicht mitnehmen will.«

»Ist schon in Ordnung. Eines Tages werde ich schon von hier wegkommen.« Maura streckt die Beine aus, sodass ihre Füße in meinem Schoß zu liegen kommen. »Ich werde einen alten Mann heiraten, der so reich ist wie Midas und gern reist, und dann wird er mich überallhin mitnehmen. Vielleicht heirate ich einen Botschafter der Brüder an einem der europäischen Höfe.«

»Du würdest doch nie jemanden heiraten, der für die Bruderschaft arbeitet.«

»Warum nicht? Wenn er mich mit nach Dubai nimmt? Ich könnte ihn um die Ecke bringen und für immer dort bleiben. Eine Witwe in Dubai stell dir das nur mal vor! Ich könnte Hosen tragen und lesen, was immer ich will!« Maura lacht über meinen schockierten Gesichtsausdruck. »Ich glaube nicht, dass ich aus Liebe heiraten werde. Ich muss da pragmatisch sein.«

»Du?«, spotte ich. Sie war schon immer die romantisch Veranlagte, die Impulsive, anfällig für Wutanfälle und Tränen. »Du hast noch anderthalb Jahre. Das ist reichlich Zeit, um einen Mann zu finden, der sogar deinen hohen Ansprüchen genügt.«

»Ich glaube nicht.« Sie wackelt mit den Zehen. »Was ist mit dir? Liebst du Paul?«

Ich funkle sie an. »Warum in aller Welt musstest du Sachi und Rory erzählen, dass er vorhat, mir einen Antrag zu machen? Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich ihn annehmen kann.«

Maura zieht sich die Nadeln aus dem Haar. »Und ich habe dir gesagt, dass das Unsinn ist«, entgegnet sie. »Außerdem wusste ich nicht, was ich sonst sagen sollte. Du warst ja keine große Hilfe.«

»Jetzt werden sie in der ganzen Stadt über uns tratschen.« Die Kutsche bleibt stehen, als John Höflichkeiten mit Mrs Corbetts Kutscher austauscht, der gerade von ihrem Grundstück kommt. Zusammen mit den McLeods ist sie unsere nächste Nachbarin. Sie hat ein kleines, quadratisches Haus mit grauen Schindeln gemietet, das durch die umliegenden Obstgärten kaum zu sehen ist. Eigentlich müsste sie in einem gotischen Schloss voller Spinnweben und Statuen ohne Köpfe wohnen. Es würde viel besser zu ihr passen als ein unschuldig wirkendes kleines Landhaus.

»Wenigstens ist es normaler Klatsch. Das ist es doch, was wir wollen, oder?«, fragt Maura.

Ich sage nichts. Sie hat recht. Paul heiraten, mit den Ehefrauen der Brüder Tee trinken, mit Sachi Ishida über meine Verlobung plaudern alles Dinge, die ein normales Mädchen tun würde. Aber was werde ich tun?

»Du wirst Paul doch heiraten, oder?«, fragt Maura besorgt. Die Kutsche macht einen Satz vorwärts, und die Hufe der Pferde schlagen auf den festgefahrenen Dreck auf dem Weg. Staubwolken steigen auf, und als ich niesen muss, ziehe ich den Kopf vom Fenster zurück.

»Ich weiß es nicht, Maura. Er hat mich auch noch gar nicht gefragt.«

Maura setzt sich auf und stellt die Füße wieder auf den Holzboden. »Das wird er aber. Und du darfst dich nicht von irgendeinem fehlgeleiteten Pflichtgefühl Tess und mir gegenüber davon abhalten lassen, Ja zu sagen. Das wäre ein vergeudetes Opfer. Und wenn du nicht selbst eine Entscheidung triffst, werden die Brüder es für dich tun. Es wäre doch keiner von uns damit geholfen, wenn es dir schlecht geht. Und der Mann, den die Brüder für dich aussuchen würden, könnte dich auch nach irgendwohin mitnehmen. Du wirst glücklicher sein, wenn du Paul heiratest.«

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Wie kann ich ihr bloß meine Zweifel erklären, ohne ihr von Mutters Tagebuch oder der Prophezeiung zu erzählen?

»Glaubst du wirklich, dass ich mit Paul glücklich sein würde?«, frage ich.

Sie lächelt, denn es gefällt ihr anscheinend, dass ich sie um Rat frage. »Ja, das tue ich. Für mich wäre er nichts, aber für dich ist er vielleicht genau der Richtige.«

Meine Güte, sie hat heute aber auch wirklich jede Menge zweifelhafter Komplimente drauf. »Findest du ihn nicht attraktiv?«

Maura wickelt sich eine rote Locke um den Finger. »Doch, ich glaube schon. Rory findet ihn auf jeden Fall attraktiv. Was denkst du denn? Du wärst ja diejenige, die sich das Bett mit ihm teilen müsste.«

»Maura!«, beschämt vergrabe ich das Gesicht in den Händen.

»Nun, das würdest du. Na los, Cate, wir sind Schwestern. Gefällt er dir?«

Ich nicke, als ich mich an das Gefühl seiner Lippen an meinem Handgelenk erinnere. »Ja.«

»Ihr würdet gut zusammenpassen. Keiner der McLeods war jemals in Schwierigkeiten, und er hat ausgezeichnete Zukunftsaussichten. Er könnte wahrscheinlich jedes Mädchen in der Stadt haben. Hast du bemerkt, wie Rose ihn letzte Woche in der Kirche angeguckt hat? Aber er sieht andere Mädchen noch nicht einmal an. Es ist offensichtlich, dass er dich verehrt.«

»Tut er das?«, frage ich, woraufhin Maura heftig nickt.

Wenn meine Schwestern und ich normale Mädchen wären, würde ich dann ein Leben mit Paul in New London wollen? Bei seinem letzten Besuch hat er mir noch mehr über die Stadt erzählt: die Restaurants mit den exotischen, würzigen mexikanischen Gerichten; die langen Spaziergänge am Hafen, wo er die einlaufenden Schiffe beobachtet hat; der Zoo voller Tiere aus aller Welt. Es hörte sich großartig an. Jeden Tag würde ein Abenteuer auf mich warten. Und er will mir das alles zeigen.

Wenn ich ein mutiges Mädchen wäre ein abenteuerlustiges Mädchen, wie Arabella würde ich das auch wollen. Es ist definitiv das, was Maura will. Ihre Augen leuchteten, als Paul davon erzählte.

Manchmal frage ich mich, ob er sich vielleicht die falsche Schwester ausgesucht hat.

Maura streckt sich auf der Ledersitzbank wie eine Katze. »Ich sehe doch, wie er dich anguckt, wenn du nicht aufpasst. Ganz verträumt. Seine Augen glänzen dann richtig.«

»Glänzen?«, necke ich sie. »Himmel!«

»Du solltest dich nicht darüber lustig machen, Cate. Er wäre ein guter Ehemann, ganz bestimmt. Nur « Maura zögert. »Meinst du, du bist in ihn verliebt?«

»Ich weiß es nicht«, antworte ich ehrlich. »Ich habe ihn gern.«

»Aber hast du Herzklopfen, wenn er in deiner Nähe ist?« Mauras blaue Augen werden ganz verträumt. »In meinen Romanen haben die Heldinnen immer Herzklopfen. Wird dir schwindelig, wenn er deine Hand berührt? Oder wenn er deinen Namen sagt? Hast du das Gefühl, du müsstest sterben, wenn du nur einen einzigen Tag von ihm getrennt bist?«

Ganz die Pragmatische, nicht wahr? Ich breche in Lachen aus. »Nein, das kann ich nicht sagen.«

Sie runzelt die Stirn. »Dann kann es keine Liebe sein. Noch nicht, zumindest.«

Die Sekunde, als wir zur Tür hereinkommen, stürzt Elena sich auf uns, um zu erfahren, wie es gelaufen ist. Wir drei versammeln uns im Wohnzimmer: Elena sitzt in perfekter Haltung auf dem blauen Sessel, während Maura auf ihrem Ende des Sofas herumhüpft und damit prahlt, wie gut wir angekommen sind. Ich lasse mich erschöpft auf die andere Seite des Sofas fallen, aber mein Gewissen plagt mich, bis ich Elena danke und ihr versichere, dass wir unseren Erfolg ihrer Unterweisung verdanken. Maura erfreut sie mit den Details: wie großartig und prächtig das Haus der Ishidas ist, mit Seide und Kerzenleuchtern in jedem Zimmer; wie modisch und mutig Sachis Kleid gewesen ist; wie Cristina gesagt hat, dass sie am Sonntag in der Kirche ihre Absicht bekannt geben wird, Matthew Collier zu heiraten.

»Bald werden Sie an der Reihe sein, Cate«, sagt Elena. »Mr McLeod war heute Nachmittag hier, als Sie unterwegs waren. Es hat ihm sehr leidgetan, Sie verpasst zu haben.«

Maura lacht. »Ich habe es doch gesagt! Er sehnt sich nach dir!«

»Und, sehnen Sie sich auch nach ihm?« Elenas Augen fühlen sich an wie Suchscheinwerfer. Ich vergrabe das Gesicht in der geschwungenen Sofalehne und stöhne auf. »Das geht Sie gar nichts an.«

»Cate!«, weist Maura mich zurecht. »Sei nicht so unhöflich.«

Ich würde gern darauf hinweisen, dass es Elenas Neugierde ist, auf die ich unhöflich reagiere, aber Elena ist ja nicht die Einzige. Sachi und Rory hatten es auch schon als ihr gutes Recht angesehen, mich nach Paul zu fragen; Mrs Winfield und Mrs Ishida haben ihre Andeutungen gemacht; Maura hat mich auf dem Weg nach Hause ausgefragt. Ich werde keine Ruhe haben, bevor ich nicht meine Entscheidung bekannt gebe. Und es sind nur noch zehn Wochen.

»Es geht mich sehr wohl etwas an. Ihr Vater hat mich angestellt, damit ich dafür sorge, dass Sie und Ihre Schwester geeignete Bündnisse schließen.« Bündnisse, sagt sie nicht Ehen. Es ist demütigend, es so deutlich gesagt zu bekommen. Vater traut mir nicht zu, selbst einen Mann zu finden, also hat er eine Gouvernante eingestellt, um mir dabei zu helfen. »Eine Ehe sollte nicht leichtfertig eingegangen werden, Cate. Wenn Sie sich unsicher sind wir können darüber reden. Sie haben durchaus andere Möglichkeiten. Die Schwesternschaft «

»Ich will der Schwesternschaft nicht beitreten«, blaffe ich.

Elena beugt sich vor und trommelt mit den Fingernägeln auf die hölzerne Armlehne ihres Sessels. »Wollen Sie denn Mr McLeod heiraten?«

»Ich weiß es nicht«, sage ich kläglich. Ich hebe den Blick. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Was bleibt dir denn anderes übrig?«, will Maura wissen. »Du hast nur noch «

»Ich weiß!«, brülle ich sie an. »Zehn Wochen! Glaubst du im Ernst, ich könnte das vergessen?«

»Cate « Maura ist schockiert. Es ist selten, dass ich ihr gegenüber laut werde.

»Lass mich in Ruhe, bitte«, flehe ich und stürze aus dem Zimmer. »Lass mich einfach nur in Ruhe.«

»Cate!«, ruft Maura mir hinterher, aber dann höre ich, wie Elena zu ihr sagt, sie solle mich gehen lassen.

Ich laufe, ohne an meinen Mantel zu denken, hinaus. Ich renne beinahe dabei weiß ich gar nicht wohin –, ich kann nirgends hin. Ich stolpere mit meinen blöden Absatzschuhen und wünschte, ich könnte sie einfach ausziehen und barfuß laufen, wie ich es früher getan habe. Ich habe keine Lust mehr auf Mieder und Unterröcke und Absätze, keine Lust mehr auf Haarnadeln, die mich in die Kopfhaut zwicken, auf zu fest geflochtene Zöpfe, von denen ich Kopfschmerzen bekomme. Ich bin es müde, alles auf einmal sein zu müssen eine unzweifelhafte, höfliche junge Dame, Ersatzmutter, schlaue Tochter, liebenswürdige Möchtegernehefrau und

Ich will nichts davon sein! Ich will einfach nur ich sein. Cate. Warum ist das nie genug?

Ich erreiche die kleine Wiese vor unserer Scheune. Ich wünschte, ich könnte mich einfach irgendwo verstecken, wo mich niemand findet.

Auf einmal habe ich einen Geistesblitz. Es ist nicht gerade schicklich, aber das ist mir gleichgültig.

Ich beuge mich hinunter, knöpfe meine Stiefel auf und werfe sie von mir. Sie landen im Schatten des großen, knorrigen, alten Apfelbaumes. Es ist Jahre her, seit ich zum letzten Mal auf einen Baum geklettert bin, und ich bin mir nicht sicher, ob ich es immer noch kann. Trotzdem werfe ich mich an den Ast, der meinem Kopf am nächsten ist, und klettere auf die dicke, etwas niedrigere Astgabel. Es sieht sicherlich nicht besonders elegant aus. Meine Strümpfe sind schon gerissen, und ich falle beinahe wieder hinunter, weil meine Röcke so schwer sind. Unsicher schwankend umarme ich den Baum, aber nach einer Minute finde ich mein Gleichgewicht und klettere weiter hinauf. Schließlich sitze ich rittlings auf dem dritten Ast auf der rechten Seite, meine Beine und Röcke baumeln ungefähr anderthalb Meter über dem Boden. Das Ich meiner Kindheit würde mich dafür auslachen, dass ich mich mit dieser Höhe zufriedengebe, wo ich früher doppelt so hoch geklettert bin.

Ich ziehe mir die Nadeln aus dem Haar und werfe sie eine nach der anderen hinunter. Den Kopf in den Nacken gelegt, schaue ich auf, hoch und noch höher durch die geschwungenen, von Äpfeln schweren Zweige in den Himmel. Der Himmel ist heute besonders blau wahrscheinlich gibt es ein Wort für genau diese Art von Blau. Tess würde es wissen. Statt meine Zeit damit zu vergeuden, einen Mann zum Heiraten zu finden, sollte ich besser den Himmel studieren und die Namen für all die verschiedenen Blautöne lernen. Ich lache albern vor mich hin.

»Miss Cahill?«

Mich mit beiden Händen an dem Ast vor mir abstützend, lehne ich mich vor und sehe durch die grünen Blätter hinunter, direkt in Finn Belastras erstauntes Gesicht.

Eine Dame sollte sich niemals in so einer Position überraschen lassen. Aber ein Herr würde ein richtiger Herr mich nicht auch ignorieren und weitergehen, um mir die Peinlichkeit zu ersparen?

Ich winke ihm zaghaft zu.

Finn schmunzelt. »Sind Sie jetzt eine Baumelfe?«

»Ich tue so, als wäre ich wieder zwölf.« Ich fahre mir verzweifelt durch die Haare und wünschte, ich hätte nicht all die Haarnadeln weggeworfen. Ich muss aussehen wie eine Vogelscheuche. Er dagegen sieht immer gut aus, sogar wenn er mit Sägespänen vom Pavillon eingedeckt ist, seine Haare lächerlich abstehen und seine Brille verbogen ist.

Er setzt die Leiter ab, die er getragen hat. »Zwölf war nicht gerade mein bestes Alter. Ich wusste immer alles besser und habe regelmäßig den Hintern versohlt bekommen.«

»Zwölf war himmlisch!«, protestiere ich. »Keinerlei Verantwortung. Ich konnte alles tun, wozu ich Lust hatte.«

»Wie zum Beispiel?«, fragt Finn und lehnt sich an den knorrigen Baumstamm.

»Durch die Felder laufen. Auf Bäume klettern. Piratengeschichten lesen. Im Teich planschen und so tun, als wäre ich eine Meerjungfrau!« Ich muss lachen, als ich mich daran erinnere.

»Sie würden eine sehr bezaubernde Meerjungfrau abgeben.« Er schaut mich bewundernd an. »Werfen Sie mir einen Apfel herunter?«

Ich pflücke einen Apfel und werfe ihn Finn zu. Er duckt sich, und der Apfel fällt ins Gras.

»Sie sollten ihn fangen«, erkläre ich, und dann schwinge ich ein Bein über den Ast und versuche, auf dem unteren Ast Halt zu finden.

»Sie haben mich mit Ihrem perfekten Wurf überrascht. Das war «

Ich funkele ihn böse an. »Wenn Sie jetzt sagen, das war ›für ein Mädchen ziemlich gut‹, werde ich es Ihnen niemals verzeihen.«

»Das würde mir im Traum nicht einfallen. Sie machen mir Angst«, lacht er.

»Ärgern Sie mich nicht«, protestiere ich und klammere mich schon wieder an den Baumstamm. »Ich fühle mich schon gedemütigt genug.«

»Warum? Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Sie auffangen?«

»Garantiert nicht«, sage ich mit hoch erhobenem Kinn. Ich will nur nicht, dass er mir unter die Röcke gucken kann. Oder sieht, wie ich der Länge nach hinschlage, falls es so weit kommen sollte. »Drehen Sie sich um.«

»Tun Sie sich nicht weh.« Finn hört sich ernsthaft besorgt an.

»Werde ich nicht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich auf einen Baum geklettert bin. Jetzt drehen Sie sich um.«

Finn dreht mir gehorsam den Rücken zu, die Hände in den Hosentaschen. Ich halte mich am Ast fest und lasse mich hinunterfallen. Der Schmerz fährt mir durch die Beine, als ich auf dem Boden lande. »Autsch«, japse ich.

Finn dreht sich herum. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja. Es ist nur es tut mir leid.« Ich kämme mir mit den Fingern Blätter aus den Haaren. Mein neues Kleid ist ruiniert, die Spitze löst sich vom Saum, und meine Strümpfe sind zerrissen.

Finn beugt sich vor und zupft mir ein Blatt aus dem Haar. »Wofür entschuldigen Sie sich?«

Ich verberge das Gesicht in den Händen. Eine Stunde. Ich wollte nur für eine Stunde unsichtbar sein, aber noch nicht einmal das ist möglich. »Ich nun. Ich bin ein bisschen zu alt dafür, auf Bäume zu klettern, oder nicht?«

»Sind Sie das? Es ist Ihr Baum, oder? Ich weiß nicht, warum Sie nicht darauf klettern sollten, wenn es Ihnen Spaß macht.« Finn richtet die Leiter unter dem Baum auf.

»Ich glaube nicht, dass die Bruderschaft es gutheißen würde. Ich sehe aus wie eine Landstreicherin.«

»Sie sehen wunderschön aus«, widerspricht er mir. Dieses Mal wird er bis über beide Ohren rot. »Und die Bruderschaft würde alle Farbe und Freude aus der Welt saugen, wenn sie es könnte.«

Ich bin sprachlos, fasziniert. Er fährt sich durch sein zerzaustes kupferfarbenes Haar. »Ich jetzt ist es an mir, mich zu entschuldigen. Ich hätte das nicht sagen sollen.«

Das Gras unter meinen Fußsohlen fühlt sich kühl an. »Haben Sie aber. Denken Sie das wirklich?«, frage ich leise.

Finn sieht mich an, seine Augen hinter der Brille sind ganz ernst. »Ich glaube nicht, dass der Herr will, dass wir unglücklich sind, Miss Cahill. Ich glaube nicht, dass Unglücklichsein eine Voraussetzung für unser Seelenheil ist. Das ist das, was ich denke.«