Kapitel 20

Meine schlimmsten Träume werden wahr.

»Miss Maura Cahill! Miss Teresa Cahill! Sie stehen beide wegen des abscheulichen, schmutzigen Verbrechens der Hexerei unter Arrest«, verkündet Bruder Ishida. Er tritt vor, um die offen stehende Tür zu versperren. Sein langer schwarzer Mantel schleift hinter ihm her durch das Wasser der Rosen, und die Scherben knirschen unter seinen Stiefeln. »Miss Belfiore, holen Sie meinen Fahrer.«

Wenn sie es dem Fahrer erzählt haben wir noch einen Zeugen mehr

»Lily, nein. Tu es nicht. Waren wir nicht immer gut zu dir? Bitte«, rufe ich verzweifelt.

Aber Lily nimmt ihre blauen Röcke in die Hand und läuft hinaus. Tess sieht von der obersten Treppenstufe zu mir herab, ihre grauen Augen sind hektisch, sie wartet auf Anweisungen. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Doch ich weiß es auch nicht.

»Soll ich Maura?«, piepst sie.

Ich nicke, und Tess zaubert einen stillen Zauber diesmal und macht ihren Intransito-Zauber rückgängig. Maura fällt in sich zusammen. Mrs O’Hare, die neben ihr steht, legt ihr einen Arm um die Taille und hilft ihr auf die Beine.

»Hast du dich jetzt unter Kontrolle?«, frage ich.

Maura nickt. Sie hat einen blutenden Schnitt an der Wange und einen weiteren in ihrer rechten Handfläche. Ein Ärmel ist zerrissen, und über dem Ellbogen sickert das Blut durch den Stoff. Maura schwankt und wird ganz blass, als sie sieht, welchen Schaden sie angerichtet hat. Als sie die Familienerbstücke in Scherben auf dem Boden erblickt. Mrs O’Hares Hand, die sie in ihre inzwischen blutdurchtränkte Schürze gewickelt hat. »Es tut mir leid. Es tut mir so leid«, ruft sie und wirft sich Mrs O’Hare in die Arme.

»Ist in Ordnung, Liebes«, flüstert Mrs O’Hare und streicht ihr übers Haar.

Sie kann besser verzeihen, als ich es kann.

Der Kutscher tritt in die Eingangstür. Er ist groß und breitschultrig und hat eine scharfe Hakennase und eine schlimme Narbe auf dem Kinn. Ich erkenne ihn es ist einer der Männer, die Gabrielle Dolamore verhaftet haben. Und er war auch heute dabei, als Brenna verhaftet wurde.

»Cyrus!«, ruft Bruder Ishida. »Fahr in die Stadt und ruf den Rat zusammen. Bring sofort alle hierher. Ich habe in diesem Haushalt zwei Hexen identifiziert.«

Cyrus sieht uns angewidert an. »Ja, Sir«, sagt er, dreht sich wieder um und verschwindet im Dämmerlicht.

Bruder Ishida geht auf der Stelle auf und ab. »Ich brauche eigentlich gar keine Zeugen. Ich habe es ja mit meinen eigenen Augen gesehen. Trotzdem, es ist immer besser, gründlich zu sein. Miss Cahill. Wussten Sie von der Bösartigkeit Ihrer Schwestern? Haben Sie schon vorher beobachtet, wie sie Verbrechen der Hexerei begangen haben?«

Ich antworte nicht, sondern sehe bloß auf meine verschränkten Hände.

»Antworten Sie mir, Mädchen! Wussten Sie, dass Ihre Schwestern Hexen sind?«

Ich schweige.

Er kommt auf mich zu und schlägt mir ins Gesicht. So fest, dass mein Kopf zurückschnellt und ich gegen die Wand taumele. »Cate!«, ruft Tess. Ich lege eine Hand auf meine brennende Wange. Maura und ich haben uns oft gegenseitig geschubst und an den Haaren gezogen aber niemand hat mich jemals zuvor geschlagen. Der Schmerz lässt Tränen in meine Augen steigen, aber ich halte sie zurück. Ich werde ihm nicht die Genugtuung geben, mich weinen zu sehen.

»Sie werden mich nicht einfach ignorieren«, sagt Bruder Ishida, und die dunklen Augen blitzen in seinem faltigen Gesicht. »Ich bin eine Respektsperson. Sie werden mir antworten. Jetzt. Wussten Sie von der Hexerei Ihrer Schwestern?«

»Nein.« Ich senke meinen Blick und beiße mir auf die Unterlippe. Es würde die Sache nicht unbedingt besser machen, ihm zu sagen, was ich von ihm halte.

Es fängt an zu regnen, die Tropfen trommeln auf das Dach der Veranda. Ein kalter Wind fegt durch die Eingangshalle und weht den Geruch von nassen Blättern und verwelktem Gras herein.

Mrs O’Hare bewegt sich auf die Küche zu. Doch Bruder Ishida hält eine Hand hoch, um sie aufzuhalten. »Wo wollen Sie hin?«

»Verbandszeug und Wundsalbe für Miss Maura holen«, sagt sie.

»Nein. Niemand verlässt den Raum, bis die Wachen eintreffen.« Bruder Ishida wendet sich Lily zu, die zitternd draußen vor der Tür steht, ihre braunen Kuhaugen sind groß und unschuldig. »Miss Belfiore, sind Ihnen vorher schon einmal andere seltsame Geschehnisse in diesem Haus aufgefallen?«

Lily zögert, und er runzelt die Stirn. »Miss Belfiore, Ihre erste Pflicht gilt dem Herrn. Wir müssen die Hexerei ausmerzen, wo immer wir sie finden, damit sie keine Wurzeln schlagen kann und sich nicht wie Gift im gesamten Land verbreitet. Reden Sie.«

»Ich habe manchmal Dinge bemerkt«, flüstert Lily. Sie sieht auf seine Stiefel. Eine Strähne braunen Haars fällt ihr ins Gesicht. »Dinge, die mir merkwürdig vorkamen. Blumen, die blühen, wenn gar nicht die Jahreszeit dafür ist. Essen, das angebrannt ist, aber himmlisch schmeckt. Gegenstände, die im einen Moment noch da sind und im nächsten Moment verschwunden.«

Oh nein. Ich habe immer versucht, darauf zu achten, dass die Bediensteten nichts mitbekommen, das sie sich nicht erklären können. Und trotzdem hätte ich nie geglaubt, dass sie gegen uns aussagen würden. Mrs O’Hare liebt uns, und Lily nun, sie ist eine gute Kirchgängerin, aber sie war immer sehr schüchtern. Sie ist schon vor Jahren zu uns gekommen, gleich nachdem Mutter gestorben ist.

»Vielen Dank, Miss Belfiore.« Bruder Ishida lächelt. »Sie haben mir sehr geholfen.«

»Du bist eine undankbare kleine Petze«, zischt Maura.

»Schweig, Hexe!«, donnert Bruder Ishida. »Miss Teresa, kommen Sie her.«

Tess geht langsam die Treppe hinunter. Sie trägt den Kopf hoch erhoben, aber sie zittert wie Arabella, die über die Planke geht. Neben Maura bleibt sie stehen.

Bruder Ishida lächelt die beiden zynisch an. »Wenn meine Wachen ankommen, werden Sie Ihnen die Hände fesseln. Die anderen Ratsmitglieder werden mir dabei helfen, das Haus nach Beweisen zu durchsuchen, obwohl wir kaum noch weitere brauchen. Sie werden einzeln in Zellen untergebracht und morgen wird Ihnen der Prozess gemacht. Es wird keinerlei Zweifel an Ihrem Verbrechen geben. Sie werden entweder auf ein Gefängnisschiff geschickt oder ins Irrenhaus gebracht werden. Ich denke, das ist immer noch besser als das, was Sie verdienen. Als meine Großmutter wegen Hexerei verhaftet wurde, wurde sie auf dem Marktplatz erhängt. Wenn es nach mir ginge, würde ich den Scheiterhaufen wieder einführen.« Seine Stimme ist so ruhig und gelassen, als würde er übers Wetter sprechen und nicht davon, meine Schwestern umzubringen. Es ist grausam und beängstigend.

Die beiden sagen nichts. »Haben Sie mich gehört? Haben Sie verstanden, was Sie verdienen?«

»Ja«, flüstert Maura und sieht zu Boden.

Tess hebt den Kopf. Sie sieht erst Bruder Ishida an, dann Lily mit langen, suchenden Blicken, als würde sie sich ihre Gesichter ins Gedächtnis einprägen wollen.

»Dedisco«, sagt sie.

Ich halte die Luft an. Für einen Moment ist es absolut still im Raum. Draußen prasselt der Regen.

Dann schüttelt Lily den Kopf. Ihre Augen werden groß, als sie das Durcheinander im Flur sieht. »Was ist passiert?«, keucht sie überrascht.

Lily kann sich an nichts erinnern. Tess’ Zauber hat funktioniert.

Und ich werde von Schrecken erfüllt.

Ich dachte, selbst Gegenstand der Prophezeiung zu sein wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte. Aber die Vorstellung, dass nicht ich es sein könnte, sondern Tess

Das jagt mir noch mehr Angst ein.

»Es hat einen furchtbaren Sturm gegeben«, sagt Tess vorsichtig. »Der Wind hat die Tür aufgedrückt und ist nur so durchs Haus gefegt. Es war schrecklich. Wie ein Tornado.«

Bruder Ishida hält sich am unteren Treppengeländer fest. Er lehnt sich dagegen und atmet heftig. »Geht es Ihnen nicht gut, Sir?«, frage ich und lasse alle Feindseligkeit aus meinem Gesicht verschwinden. Wir dürfen jetzt keinen Fehler machen.

»Ich fühle mich irgendwie unwohl.« Seine Stimme ist so farblos wie sein Gesicht.

»Das ist verständlich, Sir. Es war wirklich beängstigend. Und die Scherben überall. Sie haben Glück gehabt, dass Sie nicht verletzt wurden.«

»Gott sei Dank«, murmelt er.

»Allerdings.« Ich sehe ihm weiter ins Gesicht. »Darf ich Sie zu Ihrer Kutsche begleiten? Vielen Dank noch einmal, dass Sie gekommen sind, Sir.«

Er folgt mir hinaus auf die Veranda. »Sehr gern, Miss Cahill. Ich bin gekommen, um um «

Er erinnert sich wirklich nicht mehr. Er erinnert sich an nichts mehr! Tess’ Zauber hat gewirkt.

Der Wind peitscht durch die Bäume. Blitze erhellen die Auffahrt. »Sie haben mir Ihren Segen gegeben, meine Absicht schon früher bekannt zu geben. Morgen beim Gottesdienst.«

»Natürlich, natürlich. Wir werden die gewöhnliche Zeremonie abhalten. Ich glaube nicht, dass wir für morgen jemand anders eingeplant haben. Und Ihr Vater ist einverstanden?«, fragt er.

»Oh ja, Vater freut sich sehr.«

»Ausgezeichnet.« Er sieht die regennasse Auffahrt hinunter. »Wo ist meine Kutsche?«

»Vielleicht hat Ihr Kutscher sie in die Scheune gebracht, um den Sturm abzuwarten«, überlege ich.

»Ah, da kommt sie ja«, sagt er und zeigt auf die Kutsche, die in dem Moment um die Ecke gebogen kommt und die Auffahrt entlangpoltert. Mir wird ganz anders, weil ich damit rechne, jeden Moment weitere Kutschen erscheinen zu sehen. Was sollen wir jetzt tun? Wir drei werden nicht stark genug sein, um die Erinnerung aller Ratsmitglieder und zusätzlicher Wachen auszulöschen. Wir sind verloren.

Aber die Kutsche trägt nicht das goldene Siegel der Bruderschaft. »Das ist nicht meine«, sagt er, als die Kutsche vor der Veranda hält.

Elena Robichaud springt heraus, noch bevor die Räder richtig zum Stehen kommen, und bespritzt ihren schwarzen Mantel mit Matsch. Sie verzieht das Gesicht, dreht sich dann wieder zur Kutsche um und hilft Mrs Corbett hinaus. Die beiden waten zur Veranda und bleiben dort zusammengekauert im Regen stehen.

»Bruder Ishida«, sagt Mrs Corbett, und ihr fettes Gesicht faltet sich zu einem Lächeln. »Wir sind gerade an Ihrem Kutscher vorbeigekommen, der die Straße entlangging.«

»Ging?«, fragt Bruder Ishida. »Was zum Teufel hat er vor? Er ist auf und davon und hat mich hiergelassen. Wo ist meine Kutsche?«

»Kurz vor der Stadt. Mit einem gebrochenen Rad«, sagt Mrs Corbett. Ein seltsamer Ausdruck der Befriedigung liegt in ihren braunen Augen.

»Das muss der Sturm gewesen sein. Der Wind war sehr heftig«, werfe ich ein. »So ein Getöse. Es war möglicherweise ein Tornado. Mrs Corbett, denken Sie, Bruder Ishida könnte vielleicht in Ihrer Kutsche zurück in die Stadt fahren? Er fühlt sich nicht gut. Oder wir können unseren John «

»Sie können sehr gern meine Kutsche ausleihen, Sir«, unterbricht Mrs Corbett mein nervöses Geplapper. »Ich bleibe hier und kümmere mich um die Mädchen.«

»Vielen Dank. Auf Wiedersehen, Miss Cahill.« Bruder Ishida verabschiedet sich mit den üblichen Segenssprüchen und eilt durch den prasselnden Regen.

Elena schaudert in ihrem Mantel. »Wir haben den Fahrer angehalten«, sagt sie mit klappernden Zähnen. »Gillian hat das Rad der Kutsche zerbrochen, und ich habe ihn seinen Auftrag vergessen lassen. Was ist passiert, Cate? Was haben Sie getan?«

Ich?

Ich starre Mrs Corbetts kriecherisches Gesicht an. Schließlich fällt der Groschen. Ich war ja so dumm, es nicht schon eher zu bemerken. Sie ist diejenige, die Elena empfohlen hat. Sie ist diejenige, die den Schwestern erzählt hat, dass wir Hexen sind. Ihr ständiges Einmischen in unsere Angelegenheiten, seit Mutter gestorben ist wie lange hat sie uns schon beobachtet?

Mein Mund wird ganz trocken, und ich muss mehrmals schlucken, bevor ich sprechen kann. »Sie sind auch eine Hexe.«

»Und ich war ein Mitglied der Schwestern, bevor ich geheiratet habe. Nachdem mein Mann gestorben ist, habe ich der Schwesternschaft meine Dienste wieder angeboten. Meine beiden eigenen Töchter waren zu nichts nutze. Ich bin speziell nach Chatham geschickt worden, um darauf zu achten, dass Sie und Ihre Schwestern keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie hätten es mir wirklich leichter machen können«, klagt sie. »Das ist ein ganz schönes Durcheinander, das Sie hier angerichtet haben. Und ich habe gehört, unsere liebe Elena hat es nicht gerade leicht gehabt.«

»Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«, fragt Elena.

Ich befühle den Striemen, den Bruder Ishidas Ring hinterlassen hat der Silberring, den alle Brüder an der rechten Hand tragen, um damit ihre Ergebenheit dem Herrn gegenüber zu symbolisieren. »Ich war unverschämt.«

Elena hebt die Augenbrauen, und ein Lächeln spielt um ihre Lippen. »Ich kann nicht sagen, dass Sie es nicht verdient hätten. Lassen Sie uns hineingehen. Es ist kalt hier draußen.«

Maura sitzt nur in Unterkleid und Korsett auf der untersten Treppenstufe, während Mrs O’Hare ihr Heilsalbe auf die Wange schmiert. Ihr rechter Arm ist mit dicken Leinenstreifen verbunden. Tess steht hinter ihr und flicht ihr das Haar.

»Guter Gott«, sagt Mrs Corbett. »Was ist denn hier passiert?«

Maura kommt auf die Füße und drückt sich ihr ruiniertes Kleid vor die Brust, ihre Wangen sind leuchtend rot.

»Der Sturm«, sagt Tess.

»Maura«, sage ich. Tess schaut schockiert drein, Maura beschämt. »Wo ist Lily?«

»Wir haben sie nach Hause geschickt. Sie wollte bleiben und aufräumen helfen, aber wir dachten, es wäre besser « Mrs O’Hare hört mitten im Satz auf. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck und den blauen Augen voller Leidenschaft sieht sie die beiden Neuankömmlinge an. »Ich würde niemals zulassen, dass meinen Mädchen etwas zustößt, nie im Leben. Ich weiß schon lange Bescheid, seit du selbst früher alles auf den Kopf gestellt hast, Cate. Maura, komm mit rauf in dein Zimmer. Wir machen den Kamin an, und ich werde mich um deine Hand kümmern. Es kann sein, dass du genäht werden musst, die Bandage ist schon voller Blut.«

»Warten Sie«, sagt Mrs Corbett. »Lily Belfiore hat dies hier mitbekommen, zusammen mit Bruder Ishida?«

»Ja.« Tess hält Mauras Hand. Maura sieht Elena elendig an. »Aber sie erinnert sich an nichts.«

»Und er auch nicht«, füge ich hinzu. »Es war sehr gründliche Arbeit.«

»Und wer hat die Magie bei den beiden angewendet?« Mrs Corbetts wachsamer Blick schweift hungrig zwischen uns hin und her.

Dieses Mal zögere ich nicht. Sie verdächtigen mich sowieso schon. Sie wissen nichts von Tess. »Ich war es.«

Mrs Corbett und Elena wechseln einen Blick. »Lassen Sie uns ins Wohnzimmer gehen. Es gibt ein paar Dinge, die wir mit Ihnen besprechen müssen, Miss Cate.«

»Ich komme mit«, bietet Tess an und springt die Stufen herunter.

»Ich denke, wir halten diese Besprechung besser in kleinem Rahmen ab«, entgegnet Mrs Corbett.

»Natürlich«, sage ich ruhig. Ich möchte nicht, dass Tess sieht, wie groß meine Angst ist. Ich fahre ihr mit der Hand über das weiche, blonde Haar. »Hilf Mrs O’Hare mit Maura, ja?«

Tess sieht mich unsicher an. »In Ordnung.«

Im Wohnzimmer lodert das Feuer. Mrs Corbett zieht ihren Mantel aus und lässt sich auf dem Sofa nieder. Elena setzt sich neben sie. Ich nehme auf dem blauen Sessel gegenüber Platz.

»Ich denke, Sie sollten Elena dankbar sein und sich vielleicht auch bei ihr entschuldigen«, sagt Mrs Corbett.

Ich beiße die Zähne zusammen. »Danke, dass Sie den Kutscher angehalten haben. Ich bin sehr froh, dass meine Schwestern morgen nicht nach Harwood gebracht werden.«

Mrs Corbett blitzt mich an. »Ich habe keine Entschuldigung gehört.«

Ich schlage die Beine übereinander und lehne mich auf dem Sessel zurück. »Ich werde auch keine abgeben. Dieses ganze Durcheinander wäre nicht passiert, wenn Elena Maura nicht vorgespielt hätte, dass sie Gefühle für sie hegt Gefühle der romantischen Art.«

»Nein«, sagt Mrs Corbett in scharfem Ton. »Dieses ganze Durcheinander, wie Sie es nennen, wäre gar nicht erst passiert, wenn Sie von Anfang an mit uns zusammengearbeitet hätten. Es hätte wirklich nicht sein müssen, dass Elena irgendwelche geschmacklosen Tricks anwendet. Aber Sie haben sich die ganze Zeit sturköpfig gezeigt. Und Elena war wahrlich um einiges geduldiger mit Ihnen, als ich es gewesen wäre.«

Ich schweige. »Cate, es tut mir wirklich leid«, sagt Elena. »Ich wusste nicht, dass Mauras Gefühle für mich so stark sind. Als ich bemerkt habe, dass sie die Kontrolle verliert, als ich ging, habe ich Schwester Gillian geholt.«

»Nach dem zu urteilen, was heute passiert ist, ist es offensichtlich, dass Maura labil ist«, sagt Mrs Corbett. »Sie stellt eine Gefahr für sich selbst und für die Schwesternschaft dar, wenn wir bedenken, was sie inzwischen über die Schwesternschaft weiß. Sie muss beaufsichtigt werden, und zwar von einer Person, die stark genug ist, weitere unangenehme Zwischenfälle abzuwenden.«

Ich rutsche verzweifelt auf dem Sessel hin und her, dann lehne ich mich vor. »Sie hat mich. Ich kann auf sie aufpassen. Ich werde ihr beibringen, sich unter Kontrolle zu halten.«

»Ich fürchte, das ist keine gute Idee. Elena erwähnte, zwischen Ihnen beiden gibt es bereits Spannungen. Und nach dem, was die Prophezeiung sagt, sind wir sehr darauf bedacht, dass Sie beide gut miteinander auskommen. Wir wollen keine von Ihnen verlieren.«

Mit zitternden Händen streiche ich meinen Rock glatt. »Sie denken doch nicht wir streiten uns manchmal, wie Schwestern das eben so machen. Maura würde mir niemals etwas antun.«

Jedenfalls nicht absichtlich, sagt eine quälende Stimme in mir.

»Das Risiko können wir nicht eingehen. Nicht, wenn es sich bei Ihnen um die drei Schwestern handelt. Und das scheint sich immer mehr zu bestätigen. Es ist nicht gerade einfach, mehr als ein Gedächtnis auf einmal zu verändern. Das ist das Werk einer sehr starken Hexe, Cate. Wenn die Brüder von Ihnen erfahren sollten von Ihnen dreien –, würden sie großen Gefallen daran finden, ein Exempel an Ihnen zu statuieren. Es würde den Brüdern womöglich als Entschuldigung dienen, wieder zu den alten Methoden zurückzukehren. Sehr viel hässlicheren Methoden.«

Mein Blick fällt auf das Feuer im Kamin. Auf die tanzenden orangenen Flammen. Die knisternden und prasselnden Holzscheite. Die glühende rote Asche.

Wenn es nach mir ginge, würde ich die Verbrennungen wieder einführen.

»Und was soll ich jetzt tun?«, frage ich. Ich blicke zu dem Familiengemälde über dem Kamin, ich sehe Mutter an, wie sie Tess in den Armen hält.

»Maura und Teresa müssen lernen, wie sie ihre Magie unter Kontrolle halten können. Sie müssen lernen, wozu sie fähig sind, und zwar ohne dass Sie sich einmischen. Elena hat angeboten, hierzubleiben und die beiden weiter zu unterrichten.«

»Was? Nein!« Ich springe auf, aber Mrs Corbett schleudert mich mit solcher Wucht wieder zurück, dass ich kurzzeitig keine Luft bekomme.

»Setzen Sie sich, und hören Sie zu!«, blafft sie mich an. »Elena wird Ihrer Schwester nichts anhaben, falls Sie deswegen besorgt sind.«

Ich mache einen tiefen, zittrigen Atemzug und fühle mich schuldig wegen dem, was ich gleich vorschlagen werde. »Die Schwestern Maura will den Schwestern beitreten. Lassen Sie sie gehen. Ich werde hier bei Tess bleiben.«

»Was Maura will, ist unwichtig. Wir denken, es ist das Beste, wenn Sie zwei erst einmal getrennt werden zu Ihrer eigenen Sicherheit. Wenn Sie in New London bei der Schwesternschaft sind, kann Maura nicht auch noch dorthin. Und für eine Hexe wie Sie gibt es keine andere Möglichkeit.«

Ich wähle meine Worte vorsichtig. »Ich habe einen Antrag bekommen. Ich möchte ihn annehmen.«

»Ich fürchte, das ist leider nicht möglich.« Mrs Corbetts Stimme ist glatt wie ein Spiegel. »Ihre Gaben können nicht in der Ehe vergeudet werden. Eine Hexe Ihres Kalibers gehört in die Schwesternschaft.«

Zorn steigt in mir auf, wütend und heftig. Ich gehöre nur mir selbst.

Ich ergreife die Armlehnen meines Sessels, meine Fingerspitzen werden ganz weiß. »Und was, wenn ich nicht zustimme? Wollen Sie mich zwingen?«

Mrs Corbett beugt sich vor. »Sie haben noch nicht gesagt, wer um Ihre Hand angehalten hat.«

Ich zögere keine Sekunde. Sie können von Finn nichts wissen. »Paul. Paul McLeod. Sie haben mich beim Tee nach ihm gefragt, nicht wahr?«

»Und Sie haben nicht gerade reagiert wie ein verliebtes Mädchen«, spottet Mrs Corbett.

Elena erhebt sich. Geht zum Kamin hinüber und wärmt sich die Hände. »Ich habe Sie mit dem Gärtner gesehen«, sagt sie mit dem Rücken zu mir. »Finn Belastra, nicht wahr? Sie sahen aus, als würden Sie sich sehr gern mögen, so wie er Ihre Hand gehalten hat. Und so wie Sie vor Kurzem die Kontrolle über ihre magischen Kräfte verloren haben, nehme ich an, dass Sie nicht nur miteinander Händchen gehalten haben.«

»Wir haben nicht vor, Ihr Gedächtnis oder das Ihrer Schwestern zu verändern. Dafür sind Sie zu wertvoll für uns«, sagt Mrs Corbett. »Es wäre uns natürlich lieber, wenn Sie freiwillig zu uns kommen würden. Aber wenn nicht werden wir alles tun, um Sie zu überzeugen. Wie würde es Finn wohl gefallen, wenn seine Mutter von den Brüdern verhaftet werden würde? Oder seine kleine Schwester?«

»Aber sie sind überhaupt keine Hexen.« Ich will aufstehen. Sie mit allem bekämpfen, was in mir ist. Aber ich weiß, dass sie mich nur wieder zurückwerfen würden. Sie wollen unbedingt ihre Überlegenheit demonstrieren. Es kostet mich sehr große Mühe, einfach nur dazusitzen und ihnen zuzuhören. »Sie haben nichts getan!«

»Das ist den Brüdern ganz einerlei«, gackert Mrs Corbett.

»Und dann gibt es natürlich auch noch sein Gedächtnis. Es wäre doch traurig, wenn er Sie vergessen würde.« Als Elena sich zu mir umdreht, ist sie nur ein dunkler Schatten gegen das Feuer.

Mrs Corbett erhebt sich. »Es ist Ihre Entscheidung, Cate. Nun?«