4. KAPITEL
Jade rannte los. Weit hatte sie es nicht. An der Steuerbord-Seite des Sonnendecks erblickte sie zwei Passagierinnen, die wild miteinander rangen. Eine von ihnen war Roxanne.
Das Model mit dem aufbrausenden Temperament hatte ihre Widersacherin schon weit über die Reling gedrückt. Es konnte nur noch Momente dauern, bis die andere Frau im Wasser landete. Wenn sie Pech hatte, würde sie sich beim Sturz ernsthaft verletzen oder in den Strudel der Schiffsschrauben geraten … Einige ältere Reisende hatten die Rauferei ebenfalls bemerkt, waren aber starr vor Entsetzen. Von der Besatzung war weit und breit niemand zu sehen.
Außer Jade.
„Hilfe!“, schrie die Frau abermals. Sie hatte rotblondes Haar, viel mehr konnte Jade von ihr nicht sehen. Die Frau wollte sich mit einer Hand an der Reling festhalten, rutschte jedoch ab. Das war der Augenblick, in dem Jade eingriff.
Normalerweise ging Jade Schlägereien lieber aus dem Weg, obwohl sie kein Feigling war. Aber in dieser Situation würde sie mit Worten nicht weiterkommen, so viel war klar. Jade trat Roxanne mit einem Judo-Fußfeger blitzschnell die Beine weg. Das Model kreischte laut und fiel der Länge nach auf das Deck. Jade beachtete sie nicht weiter, sondern packte die Rotblonde am Oberarm. Die Frau weinte vor Angst. Aber sie klammerte sich instinktiv an Jade, die sich gegen die Reling stemmte. Es gelang Jade, die schon halb über der Wasseroberfläche Hängende wieder aufs Deck zu ziehen.
Inzwischen hatte sich Roxanne von der unerwarteten Attacke erholt. Sie sprang auf die Füße, wollte sich nun wutschnaubend auf Jade stürzen. Doch in diesem Moment erreichten ein breitschultriger Offizier und zwei Matrosen sie.
„Was ist hier los?“, wollte der Offizier wissen.
Ein älterer Passagier mit weißem Schnurrbart ergriff das Wort. „Diese blonde Furie hat plötzlich und ohne Vorwarnung die andere Passagierin beleidigt und geschlagen. Wenn die Animateurin nicht eingegriffen hätte, wäre die junge Lady über Bord geworfen worden.“
„Wen nennst du eine Furie, Opa?“, kreischte Roxanne.
Jade spürte die Aggressivität der Blondine deutlich. Schützend stellte sich der Offizier vor Jade und die Rotblonde. Er sah Roxanne streng an. „Stimmt das, Miss White?“
Roxanne rechtfertigte sich nicht. Stattdessen stieß sie einen Fluch aus, der besser in eine drittklassige Hafenspelunke als auf ein Luxus-Kreuzfahrtschiff gepasst hätte. Anschließend rauschte sie mit hocherhobenem Kopf davon.
Die andere Frau zitterte immer noch. Doch sie hatte sich inzwischen so weit beruhigt, dass sie sprechen konnte. „Diese Roxanne ist völlig durchgeknallt. Ich habe gestern zu meinen Freundinnen gesagt, dass sie wohl kein besonders berühmtes Model sein kann, weil noch niemand von ihr gehört hat. Das war vielleicht nicht besonders nett von mir, zugegeben. Aber mich wegen so einer Lästerei über Bord werfen zu wollen – wie übertrieben ist das denn?!“
Der Offizier nickte. „Ich werde Miss White noch einmal ins Gewissen reden und ihr deutlich machen, wie man sich an Bord der MS Kyrene zu benehmen hat. Wenn sie nicht einsichtig ist, muss sie die Reise beim nächsten Landgang abbrechen.“ Jetzt wandte er sich an Jade. „Gut gemacht, übrigens. Sie müssen Jade Walker sein. Ich bin Jones. Der Kapitän setzt große Hoffnungen in sie, bisher haben Sie ihn ja nicht enttäuscht.“
Vor Stolz wurde Jade rot. Natürlich freute sie sich über die Anerkennung. Andererseits hatte sie sich Roxanne jetzt wahrscheinlich zur Todfeindin gemacht. Die Unbeherrschtheit des selbsternannten Topmodels hatte Jade während ihrer kurzen Zeit an Bord bisher schon zweimal erlebt. Unwillkürlich fragte sie sich, ob auch ihre Vorgängerin mit Roxanne aneinandergeraten war. Roxanne hatte ja gerade bewiesen, dass sie keine Hemmungen hatte, einen Menschen über Bord zu werfen.
Bevor Jade weiter darüber nachdenken konnte, wandte sich die gerettete Frau lächelnd an sie. „Ich möchte dir von ganzem Herzen danken! Ich bin übrigens Georgette Lane. Wenn du nicht eingegriffen hättest, wäre es übel für mich ausgegangen.“
„Schon gut, das habe ich gern getan.“ Jade lächelte der Frau zu.
Jones bestand darauf, dass Georgette sich vorsichtshalber vom Schiffsarzt untersuchen ließ. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, konnte sich Jade nun endlich ihrem Malkursus widmen.
Nur fünf Elternpaare gaben ihre Kinder in ihre Betreuung. Aber das störte Jade nicht. Für sie war die Hauptsache, dass sie die Begeisterung der Kleinen wecken konnte. Und das gelang ihr – sie hatte einfach einen natürlichen Draht zu Kindern.
Während der Mittagspause in der Personalkantine sah sie Henry wieder. Er hatte inzwischen mitbekommen, was sich die von ihm angebetete Roxanne geleistet hatte.
„Roxanne hat es nicht so gemeint, da bin ich mir sicher“, meinte er. „Ihr Temperament ist mit ihr durchgegangen, aber sie ist eben eine sensible Künstlerin.“
Jade musste sich auf die Zunge beißen, um Henry nicht in klaren Worten zu sagen, was sie von Roxanne hielt. Waren eigentlich alle Männer blind und taub, wenn sie sich in eine Frau verknallt hatten? Jade spürte genau, dass Henry Roxanne nach wie vor vergötterte. Ohne dass er es mitbekam, verdrehte sie die Augen und wechselte anschließend das Thema. „Sag mal, kennst du eigentlich Rick Andrews? Ich habe ihn heute zufällig getroffen. Was ist das eigentlich für ein Typ?“
„Schwer zu sagen. Ich habe nicht viel mit ihm zu tun, als Kabinensteward bin ich ja hauptsächlich im Passagierservice. Mit der Bordtechnik habe ich nichts zu tun. Ich weiß nur, dass Rick mit den anderen Maschinisten dafür sorgt, dass unsere MS Kyrene weiterhin läuft wie ein Uhrwerk. Aber meiner Meinung nach ist er ein Kerl, der kaum die Zähne auseinanderbekommt. Angeblich soll es in seiner Vergangenheit etwas geben, worüber er nicht spricht. Allerdings: Haben wir nicht alle einen wunden Punkt?“
Jade nickte. Sie hatte zum Beispiel nicht die geringste Lust, auf ihren untreuen Exfreund angesprochen zu werden. Warum sollte es anderen Menschen nicht ähnlich gehen? „Weißt du, ob Rick einmal etwas mit Ann hatte?“
„Mit deiner Vorgängerin? Wie kommst du denn darauf?“
Sie zuckte die Schultern. „Schwer zu sagen. Meinetwegen kannst du es weibliche Intuition nennen.“
Jade war versucht, Henry von dem Videotagebuch zu erzählen. Einerseits mochte sie ihn und hätte das Geheimnis gern mit ihm geteilt. Andererseits konnte sie sich auf sein Urteil nur bedingt verlassen. Wenn es um die von ihm angehimmelte Roxanne ging, wollte er die Wahrheit ja einfach nicht sehen. Warum sollte das bei anderen Dingen nicht auch so sein?
„Rick und Ann, ein Liebespaar?“ Henry zog die Augenbrauen hoch. „Hm, davon wüsste ich nichts. Aber hätte sie ihn dann einfach so zurückgelassen und sich in Oslo aus dem Staub gemacht? Das ist doch nicht die feine englische Art.“
Damit hatte Henry zweifellos recht. Außerdem hatte Rick auf Jade nicht den Eindruck eines Verliebten gemacht, der seiner verschwundenen Freundin hinterhertrauert. Dafür hat er viel zu offensiv mit mir geflirtet, dachte Jade. Vorerst musste sie sich mit der Erkenntnis begnügen, dass Rick ihr rätselhaft blieb. Aber genau das machte ihn ja so anziehend.
Der Nachmittag verging wie im Flug. Die Kinder waren von ihren Malereien so begeistert, dass sie kaum ein Ende finden wollten. Erst als Jade allen versprach, dass sie am nächsten Tag wieder malen durften, ließen sie sich von ihren Eltern abholen. Jade verabschiedete die Kinder fröhlich und räumte die Materialien zusammen. Feierabend hatte sie allerdings noch lange nicht. Für den Abend stand ein Karaoke-Event in der Disco auf dem Programm.
Um die Pinsel und Farben zurück in den Lagerraum zu bringen, musste Jade sich wieder den Schlüssel vom Zahlmeister holen. Wenig später begab sie sich erneut in die Tiefen des Schiffsrumpfs. Aber leider hatte sie sich den Weg doch nicht so gut eingeprägt, wie sie gehofft hatte. Nach einer Weile wurde ihr klar, dass sie irgendwo falsch abgebogen sein musste. Sie irrte durch Gänge, die ihr völlig unbekannt vorkamen. Obwohl – sahen diese Vorratsbunker nicht alle gleich aus?
Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen.
Unter einer Treppe hatte sie einen kleinen dunklen Rucksack entdeckt. Er sah genauso aus wie das Gepäckstück, das der blinde Passagier bei sich getragen hatte. Ob er …? Jade war völlig perplex. Sie starrte auf den Rucksack – und keuchte erstickt, als ihr plötzlich von hinten eine Hand auf den Mund gepresst wurde!
Jade bekam Panik. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die wildesten Fantasien und Befürchtungen überkamen sie. Würde sie nun ebenfalls spurlos verschwinden, so wie ihre Vorgängerin? War ihr die Entdeckung des Videotagebuchs zum Verhängnis geworden? War sie einem Geheimnis auf der Spur, das sie niemals erfahren durfte? Befand sie sich in den Händen von Anns Mörder?
Der kalte Schweiß stand auf ihrer Stirn. Normalerweise hätte sie sich mit einem Judo-Wurf gegen den unerwarteten Angriff wehren können. Doch ausgerechnet jetzt war sie wie gelähmt.
„Ich lasse dich los, wenn du nicht schreist. Nicke einfach mit dem Kopf, wenn du einverstanden bist“, zischte der Mann hinter ihr.
Jade lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Nur wenn sie ihre Furcht überwand, hatte sie eine Chance. Der Mann, der hinter ihr stand, war jedenfalls nicht Rick Andrews. Auch Stan Nelligan oder einer der anderen Offiziere kam als Täter nicht infrage, von Kapitän Granger ganz zu schweigen. Und ihr Henry ließ sich bestimmt nicht solche üblen Scherze einfallen, trotz seiner lockeren Art. Jade war sicher, dass sie den Mann nicht kannte.
Langsam nickte sie. Sie würde nicht schreien, so viel stand fest. Jetzt kam es darauf an, sich zu beruhigen und auf alles gefasst zu sein. Auf gar keinen Fall durfte sie den Mann herausfordern. Sonst beschwor sie noch eine Kurzschlussreaktion herauf.
Ich will nicht sterben, dachte sie plötzlich und fragte sich unwillkürlich, ob Ann noch lebte. War die andere Animateurin womöglich in einer ganz ähnlichen Lage gewesen?
Langsam löste er die Hand von ihrem Mund. Jade sog gierig die Luft ein. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Mann sie mit seinem linken Arm umklammert gehalten hatte, während er ihr seine rechte Hand auf den Mund gepresst hatte. Nun ließ er sie ganz los.
Vorsichtig drehte Jade sich zu ihm um.
Irgendwie hatte sie erwartet, einen Maskierten vor sich zu sehen. Aber dann fiel ihr ein, dass der Schwarzgekleidete, der an Bord geklettert war, ja auch nicht vermummt gewesen war. Er muss es sein, dachte Jade.
Der Mann war so groß, dass Jade den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu schauen. Er wirkte weder aggressiv noch heimtückisch. Es schien beinah so, als wäre ihm die Situation genauso unangenehm wie ihr. Aber vielleicht war das nur Wunschdenken. Jade war nicht sicher. Denn ironischerweise entsprach er so sehr ihrem Bild von einem Traummann. Er war hochgewachsen, breitschultrig, blond und blauäugig. Zwar trug er eine schwarze Strickmütze, aber sie verdeckte seine strohblonden Locken nicht vollständig.
Dann grinste er plötzlich.
Er wirkte auf Jade nicht spöttisch – nicht wie jemand, der sich seiner Überlegenheit bewusst war. Es war auch kein zorniges Lächeln eines Mannes, der im nächsten Moment zu roher Gewalt greifen würde. Nein, er strahlte Jade an, als wäre sie seine Komplizin. Als würde sie mit ihm unter einer Decke stecken, mit ihm gemeinsame Sache machen!
Jade war völlig perplex. Was dachte sich dieser Kerl überhaupt? Hatte sie es mit einem Geisteskranken zu tun? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Wenn es jemanden an Bord gab, der nervenärztliche Hilfe brauchte, dann war das Roxanne White mit ihren unkontrollierten Wutausbrüchen.
Jade war selbst überrascht, als sie mit einem Mal anfing zu kichern. Das war sonst überhaupt nicht ihre Art. Obwohl sie durchaus Sinn für Humor hatte, gehörte sie nicht zu den Frauen, die sich über Nichtigkeiten stundenlang schlapplachen konnten. Aber das Grinsen des blonden Typen hatte irgendwie ansteckend gewirkt – und nun löste sich Jades Anspannung.
Sie war einfach erleichtert darüber, dass dieser Mann nicht ihr Leben bedrohte.
Irritiert sah er sie an. „Okay, es ist gut, dass du nicht geschrien hast. Aber was findest du jetzt so komisch? Die Tatsache, dass ich dir ausgeliefert bin?“
Ausgeliefert? Im ersten Moment verstand Jade nicht, was er meinte. Schließlich war sie doch in seiner Gewalt, oder etwa nicht? Doch dann verstand sie, was er sagen wollte. Er würde sie nicht daran hindern, ihrer Wege zu gehen. Sie konnte den Kapitän informieren, und der blinde Passagier würde im Handumdrehen von einigen Matrosen überwältigt und eingesperrt werden. Im nächsten Hafen würde man ihn dann der Polizei übergeben. „Nein, darüber habe ich nicht gelacht“, erwiderte sie in ernstem Ton. „Aber ich finde es unheimlich witzig, wenn mir plötzlich jemand den Mund zuhält!“, fügte sie ironisch hinzu.
„Tut mir leid, das hätte ich wohl lieber nicht tun sollen. Aber mir ist nichts Besseres eingefallen. Ich bin übrigens Peter. Peter Jensen.“
Ein blinder Passagier, der sich ihr auch noch vorstellte? Das fand Jade seltsam. Natürlich konnte er ihr einen falschen Namen nennen, um von seiner wahren Identität abzulenken. In jedem Fall war Jades Neugier geweckt, und ihre Angst völlig verschwunden. Peter Jensen wirkte nicht so, als ob er ihr auch nur ein Haar krümmen würde.
Sie sah ihn direkt an. „Ich bin Jade Walker, und ich arbeite hier auf der MS Kyrene als Animateurin. Kannst du mir einen guten Grund nennen, warum ich dich nicht dem Kapitän melden sollte, Peter?“
Kaum hatte sie diese Frage gestellt, erschrak Jade. Wie konnte sie auch nur eine Sekunde lang in Erwägung ziehen, diesen blinden Passagier zu schützen? Wenn herauskam, dass sie ihm geholfen hatte, war sie ihren Job garantiert los …
„Ich habe hier auf dem Schiff etwas zu erledigen. Ich bin nicht zu meinem Vergnügen hier, das musst du mir glauben. Ich muss im Hintergrund bleiben und darf nicht bemerkt werden“, antwortete er, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Glaubst du, dass das funktioniert? Abgesehen davon, dass es illegal ist.“
„Manche Dinge sind gesetzwidrig, dienen aber der Gerechtigkeit.“
Jade seufzte genervt. „Was ist denn das für ein schlauer Spruch? Klingt ganz nach diesen Binsenweisheiten, die man immer auf den Zetteln in den Glückskeksen findet.“
„Mag sein, aber so ist es nun einmal. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen.“
„Ja, denn damit kann man alles, aber auch gar nichts erklären. Ich habe es lieber etwas eindeutiger, Peter.“
„Das verstehe ich. Aber je weniger du weißt, desto besser ist es für dich. Ich will nicht, dass du in diese schmutzige Geschichte mit hineingezogen wirst.“
Nun hatte er Jades volle Aufmerksamkeit. Interessiert musterte sie ihn. „Was für eine schmutzige Geschichte meinst du? Das Verschwinden von Ann Brockwell?“
„Ann Brockwell? Den Namen höre ich zum ersten Mal. Wer ist das?“
Jade kniff die Augen zusammen. Sie fragte sich ernsthaft, ob sie Peter glauben sollte. Er konnte ihr schließlich sonst was erzählen, nur damit sie ihn nicht beim Kapitän verpfiff. Ob Peter in Anns Videotagebuch erwähnt wurde? Das konnte eigentlich nicht sein, denn er war ja erst nach Anns Verschwinden an Bord gekommen. Oder war er zuvor schon auf der MS Kyrene gewesen? Je länger sie darüber nachdachte, desto verworrener kam Jade das alles vor.
Sie wusste nur eins: Peter war ihr sympathisch, vielleicht sogar mehr als das.
Hallo? Geht’s noch, rief sie sich stumm zu. Dieser Typ mochte ein süßes Grinsen ganz nach ihrem Geschmack haben, aber er war auf jeden Fall ein blinder Passagier. Sie wusste absolut nichts über ihn. Vielleicht war er ja ein gesuchter Verbrecher, der Norwegen verlassen wollte. Wenn die Kreuzfahrt zum Nordkap beendet war, würde die MS Kyrene nach England zurückkehren. Womöglich wollte Peter sich dort absetzen.
Doch es war merkwürdig – ausgerechnet Peters unzureichende Erklärung machte ihn in Jades Augen glaubwürdig. Ein echter Lügner würde sich eine richtig tolle und stichhaltige Geschichte ausdenken, davon war Jade überzeugt.
„Hörst du mir zu, Jade? Ich habe gerade gefragt, wer diese Ann Brockwell ist.“
Jade zuckte zusammen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie seine Frage völlig vergessen hatte. Außerdem verwirrte es sie, dass sie innerhalb kürzester Zeit nun schon zwei aufregende Männer kennengelernt hatte. Am Tag ihrer Ankunft Rick, und nun diesen Peter. Sicher, sie waren sehr unterschiedlich. Und von beiden wusste sie so gut wie nichts. Ihre spontane Empfindung war eine Sache. Aber bevor Jade sich richtig verlieben konnte, musste noch viel mehr geschehen.
Trotzdem – sie brachte es nicht über das Herz, Peter auffliegen zu lassen. Er hatte sie neugierig gemacht. Wenn sie ihn der norwegischen Polizei auslieferte, würde sie nie erfahren, von was für einer schmutzigen Geschichte Peter redete.
Jade räusperte sich. „Ann Brockwell war meine Vorgängerin. Sie ist spurlos verschwunden. Es heißt, sie wäre in Oslo an Land gegangen. Aber das glaube ich nicht. Vielleicht ist sie immer noch auf dem Schiff. Das vermute ich, aber ich kann es nicht beweisen. Ich kann dir auch keine Gründe dafür nennen, es ist mehr so ein Gefühl.“
„Das kenne ich.“ Peter lächelte sie wieder an. „Mich an Bord zu schleichen – das war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Ich habe so etwas nie zuvor gemacht, das musst du mir glauben.“
„So, muss ich das.“ Nun war Jade diejenige, die frech grinste. „Das wird sich zeigen, Peter. Ich durchschaue die Leute meistens ziemlich schnell. Bei dir weiß ich noch nicht, was mit dir los ist – zugegeben. Aber ich werde es bald herausfinden.“ Jades Selbstbewusstsein wuchs mit jedem ihrer Worte. Sie sah Peter direkt in die Augen. Als er sie von hinten überrumpelt hatte, war sie noch vor Entsetzen wie gelähmt gewesen. Aber nun hatte sie sich wieder im Griff.
„Wie du meinst, Jade. Ich würde es jedenfalls toll finden, wenn du mich nicht verpfeifst.“
„Solange du deinen Rucksack hier so offen herumliegen lässt, wirst du das ganz allein erledigen. Ach, und in deinen Klamotten wirkst du superverdächtig. Wenn dir jemand zufällig begegnet, schöpft er sofort Verdacht. Du siehst aus wie ein Ninja in einem Actionfilm.“
Peter blickte an sich herab. Er wirkte, als würde er jetzt erst sein schwarzes Outfit bemerken. „Ja, du hast recht. Die Sachen waren gut, um sich im Schutz der Dunkelheit an Bord zu schleichen. Aber wie ein normaler Passagier wirke ich darin nicht.“ Er hob den Blick wieder. „Könntest du mir unauffällige Klamotten besorgen?“
Bittend verzog er den Mund und holte sogar seine Geldbörse aus der Hosentasche. Jade riss die Augen auf. Ist das nun besonders dreist oder besonders naiv von ihm, fragte sie sich. Er verlangte von ihr nicht mehr und nicht weniger, als dass sie sich zu seiner Komplizin machte. Obwohl – war sie das nicht schon längst, weil sie noch keinen Alarm geschlagen hatte? Sie hätte längst weglaufen und andere Crewmitglieder zusammentrommeln können. Aber genau das hatte sie nicht getan.
Peter entging ihr Zögern offenbar nicht. „Du kannst es dir ja überlegen, Jade. Ich würde mich sehr darüber freuen. Hier, das müsste für ein paar gute Anziehsachen reichen.“ Er drückte ihr ein paar norwegische Scheine in die Hand.
„Möchtest du vielleicht auch noch bei mir in meiner Kabine einziehen?“
Jades Frage war ironisch gemeint gewesen, aber Peter schüttelte ganz ernsthaft den Kopf. „Nein, dafür kennen wir uns doch noch zu wenig. Ich will dich ja auch nicht in Schwierigkeiten bringen. Ich werde um Mitternacht auf dem Achterdeck warten, gut versteckt natürlich. Ich sehe ja dann, ob du kommst und ein paar Klamotten für mich dabei hast. Wie gesagt, ich würde es super finden.“
Bevor Jade antworten konnte, hatte Peter ihr einen Kuss auf die Wange gehaucht, sich umgedreht und war davongeeilt. Jade blickte sich um, entdeckte ihn jedoch nicht mehr.
Sie fragte sich ernsthaft, ob sie die Begegnung mit Peter nur geträumt hatte. Aber die norwegischen Banknoten in ihrer Hand knisterten sehr wirklichkeitsgetreu.
Jade steckte das Geld ein und ging weitere Gänge entlang. Wenig später begegnete sie Rick. Er kam gerade aus einem der Lagerräume und blinzelte ihr zu.
„Hey, Jade. Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“
Jade schluckte. Wirkte sie wirklich so durcheinander? Das Zusammentreffen mit Peter war sehr merkwürdig gewesen. Aber dieser Mann war garantiert kein Geist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Genau wie Rick, der ihr nun schon wieder schöne Augen machte.
„Nein, ich bin keine Gespensterseherin. Ich habe nur etwas Stress, immerhin ist heute der erste Tag auf See für mich. Und ich bin ja noch ziemlich neu hier, wie du weißt.“ Jade lächelte ihr professionelles Animateurs-Lächeln.
„Klar, das verstehe ich. Lass uns doch mal in der Personalkantine zusammen eine Cola trinken. Ich werde schon dafür sorgen, dass du dich auf dem Schiff schnell heimisch fühlst.“
„Super, das machen wir. Nun muss ich aber weiter. Wir sehen uns.“
Jade hetzte an Rick vorbei. Sie fühlte sich, als ob ihr das schlechte Gewissen im Gesicht geschrieben stünde. Dabei hatte sie eigentlich noch gar nichts Schlimmes gemacht. Sie wusste ja auch immer noch nicht, ob sie Peter überhaupt wirklich helfen wollte.
Oder?
Wenn Jade ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie schon im Geist die passenden Klamotten für ihn auswählte. Es gab an Bord eine Boutique, die erstklassige Marken führte. Wenn Jade dort Herrenkleidung kaufte, würde das bestimmt keinen Verdacht erregen. Die Verkäuferinnen würden annehmen, dass sie für ihren Freund daheim shoppte – und nicht für einen blinden Passagier, den sie erst seit fünf Minuten kannte!
Nachdem Jade die Malutensilien zurückgebracht und den Schlüssel zurückgegeben hatte, musste sie den Karaoke-Abend vorbereiten. Es dauerte, bis alles fertig war. Und bevor es losgehen würde, stürmte Jade kurz entschlossen in die Boutique.
Wenn sie zu lange zögerte, würde sie doch noch Angst vor der eigenen Courage bekommen. Und genau das wollte Jade nicht. Sie entschied sich für eine Marken-Jeans, ein Sweatshirt und einen Windbreaker. In diesem Outfit würde Peter kein Aufsehen an Bord erregen, wenn er nicht gerade beim Captain’s Dinner erschien, wo Abendgarderobe erwünscht war. Was die Kleidergrößen anging, musste Jade raten. Weil Peter von der Figur her sehr ihrem Exfreund ähnelte, orientierte sie sich an dessen Kleidergröße. Jade hoffte nur, dass Peter einen besseren Charakter als ihr Ex hatte.
„Mein Gott, wie spießig!“
Jade zuckte zusammen, als sie plötzlich die eiskalte Stimme von Roxanne hörte. Das Model starrte auf die Kleidungsstücke in Jades Händen, als hätte sie tote Ratten gesehen.
Jades Herz raste. Sie versuchte, einen möglichst neutralen Tonfall anzuschlagen. „Meinem Freund gefällt dieser Stil, Roxanne. Die Geschmäcker sind eben verschieden.“
„Das kann man wohl sagen. Und wenn du selbst deinem Freund gefällst, dann muss er ja wirklich ein totaler Versager und Blindgänger sein. So gesehen passen diese Sachen optimal zu ihm.“
Jade wusste, dass Roxanne sie nur provozieren wollte. Wahrscheinlich war sie auf eine Revanche aus und hoffte, dass Jade diesmal als Erste zuschlug. In dem Fall wäre Jade ihren Job sofort los. Und genau aus diesem Grund ließ sie sich nicht herausfordern. Äußerlich gelassen, zuckte sie die Schultern. „Du hast recht, Roxanne. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend. Ich würde mich freuen, dich beim Karaoke-Event begrüßen zu können.“
Daraufhin riss Roxanne die Augen auf, murmelte, dass es nichts Peinlicheres als Karaoke gäbe, und rauschte davon.
Jade war erleichtert, sich aus der brenzligen Situation so schnell gerettet zu haben. Lächelnd schaute sie auf die Uhr. Fast noch eine Stunde bis zum Beginn der Abendveranstaltung.
Sie brachte die Sachen für Peter in ihre Kabine. Dann holte Jade das Videotagebuch aus ihrer Reisetasche.
Jade wollte mehr über Ann und deren Schicksal erfahren. Zuletzt hatte sie die Tagebuch-Aufzeichnung gesehen, in der Ann von ihrer Begegnung mit dem Vermummten berichtet hatte. Da war Ann bereits sehr verängstigt gewesen. Aber als Jade nun erneut das Gerät einschaltete und auf das Display schaute, erkannte sie, dass sich Anns Furcht zu nackter Panik gesteigert hatte.
Anns Blick war unstet, sie war fahrig und kreidebleich. Die ersten Worte konnte Jade kaum verstehen, weil Ann so leise sprach. „Heute habe ich ihn schon wieder gesehen. Ich glaube, ich weiß jetzt, wer er ist. Er schleicht nachts durch das Schiff. Ich weiß nicht, wonach er sucht. Aber er hat einen Helfer. Oder besser gesagt, er hatte ihn. Ach, verflixt nochmal …“
Ann bekam einen Heulkrampf. Minutenlang war nur zu sehen, wie sie die Hände vor das Gesicht schlug. Ihre Schultern zuckten, sie bekam kein deutliches Wort heraus. Ann zerknüllte ein Taschentuch zwischen ihren Fingern. Als sie die Hände wieder sinken ließ, waren ihre Augen rotgeweint.
„Ich habe keine Ahnung, was er im Schilde führt. Aber er hat heute Nacht seinen Komplizen verschwinden lassen – und zwar für immer. Er hat ihn mit einem schweren Werkzeug erschlagen, dann hat er ihn über Bord gewuchtet. Ich weiß nicht, ob der Mann noch gelebt hat. Falls ja, dann ist er bestimmt im kalten Wasser ertrunken. Das war eiskalter Mord.“
Ann schwieg einige Augenblicke lang.
Jade konnte kaum glauben, was sie soeben gehört hatte. Ann war also Augenzeugin eines Gewaltverbrechens hier auf der MS Kyrene geworden! Aber warum hatte sie den Namen des Täters nicht genannt? Offenbar hatte Ann gewusst, wer er war …
Jade sah, wie Ann auf der Aufnahme tief durchatmete. Sie schien sich wieder halbwegs beruhigt zu haben. „Mir wird das alles zu heftig. Ich werde zum Kapitän gehen und ihm berichten, was ich gesehen habe.“
Nach dieser Aufzeichnung endete das Videotagebuch.
Jade war geschockt. Offenbar hatte Ann es nicht geschafft, mit dem Kapitän zu sprechen. Sie war daran gehindert worden. Ob sie überhaupt noch lebte?