1. KAPITEL
Cherry Wynn hätte ihre Ankunft in Pittstown beinahe verschlafen.
In dem halb leeren Nahverkehrszug fielen ihr immer wieder die Augen zu. Ihre Lider schienen bleischwer zu sein. Die Abschiedsparty am Vorabend mit einem Dutzend anderer Studentinnen war doch ziemlich turbulent gewesen. Einige der Cocktails in einer coolen Londoner Westend-Bar hatten es wirklich in sich gehabt. Und die Trinksprüche ihrer Freundinnen waren mit zunehmendem Alkoholpegel immer wehmütiger geworden.
„Auf Cherry, die sich in der Provinz vergräbt!“
„Wir trinken auf eine bemitleidenswerte Freundin, die ein halbes Jahr lang nur mit Dorftrotteln flirten wird!“
Schließlich war Cherry der Kragen geplatzt, und sie hatte halb amüsiert und halb genervt gerufen: „Wie seid ihr eigentlich drauf? Habt ihr immer noch nicht mitgekriegt, dass ich mein Kunstgeschichtsstudium ernst nehme? Und wenn ich bei einem der besten Restauratoren Englands ein Praktikum machen kann, dann gehe ich dafür sogar nach Pittstown!“
Nun musste sich Cherry beeilen, denn der Zug hatte nur kurzen Aufenthalt. Sie konnte gerade eben mitsamt ihrer Reisetasche auf den Bahnsteig springen, da fuhr der Lokführer auch schon wieder an. Außer Cherry hatte niemand den Waggon verlassen.
Trotz des schönen Sommerwetters war kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen. Cherry griff nach ihrem Gepäck und führte sich noch einmal vor Augen, was sie im Internet über Pittstown gelesen hatte: 12.800 Einwohner, eine Bahnstation, ein Amtsgericht, drei Kirchen – davon zwei anglikanische und eine katholische. Wenn Cherry ihren Professor richtig verstanden hatte, dann war eines der Gotteshäuser eine halbe Ruine und musste dringend instand gesetzt werden. Das war Cherrys Chance, als Restauratorin von antiken Kunstwerken Erfahrungen zu sammeln.
Sie schlenderte durch die stillen Gassen. Nur gelegentlich fuhr ein Auto vorbei. Im Vergleich zu dem ständigen Londoner Verkehrschaos war es hier wirklich sehr ruhig. Ob ihre Freundinnen mit ihrer Schwarzmalerei recht behalten würden?
Eine betagte Dame trat aus einem der alten Fachwerkhäuser. Cherry fragte sie lächelnd: „Hallo. Könnten Sie mir bitte sagen, wo ich St. Andrews finde?“
Die einheimische Seniorin zuckte zusammen. Wegen ihrer Weitsichtbrille wirkten ihre blassblauen Augen riesig. „Meinen Sie etwa die Kirche St. Andrews?“
Cherry nickte und blinzelte irritiert, denn ihr Gegenüber bekreuzigte sich plötzlich. Dann beugte sich die alte Frau vor und raunte: „Dort ist es nicht geheuer, Mädchen. Sie sollten diesem verfluchten Ort lieber fernbleiben.“
Am liebsten hätte Cherry erwidert, dass sie nicht an Hokuspokus und magische Flüche glaubte. Doch sie wollte sich nicht schon kurz nach ihrer Ankunft in Pittstown unbeliebt machen.
„Ich werde dort arbeiten, Madam. Die alte Bausubstanz soll gerettet werden.“
„Es wäre besser, dieses Teufelshaus bis auf die Grundmauern niederzubrennen. Aber wenn Sie unbedingt Ihr Unglück heraufbeschwören wollen, dann folgen Sie dieser Straße und biegen links in die Trafalgar Road ab. Dann sehen Sie den Glockenturm schon von Weitem.“
Und bevor sich Cherry für die Auskunft bedanken konnte, huschte die Alte wie eine verängstigte Maus davon. Kopfschüttelnd blickte die junge Frau ihr nach. Wie krass war das denn? Von einem Fluch hatte ihr Professor nichts erwähnt, aber als Wissenschaftler befasste er sich gewiss nicht mit dem Aberglauben der Einheimischen. Cherry wusste aus ihrem Studium, dass sich um fast jede alte Ruine in England mysteriöse Geschichten rankten. So gesehen wäre es viel erstaunlicher gewesen, wenn es ausgerechnet über die St.-Andrews-Kirche von Pittstown keine Schauermärchen gegeben hätte.
Wenigstens war die Auskunft der alten Dame hilfreich gewesen. Cherry folgte der Wegbeschreibung, und zehn Minuten später stand sie vor der niedrigen Feldsteinmauer, von der Gotteshaus und Friedhof umschlossen wurden.
Selbst ein Laie erkannte schon auf den ersten Blick, wie renovierungsbedürftig die Kirche war. Etliche Dachschindeln fehlten, sodass den Gläubigen beim Gottesdienst wahrscheinlich das Regenwasser in den Kragen lief. Eine der gotisch spitz zulaufenden Fensteröffnungen war mit Brettern vernagelt. Links und rechts des steinernen Eingangsportals hatte man Baugerüste errichtet. Dort hockte in luftiger Höhe ein Mann im Arbeitsoverall, ließ die Beine baumeln und machte sich an den Mauersteinen zu schaffen.
Der Anblick des halb verfallenen Gebäudes hatte Cherrys Tatendrang geweckt. Die Nachwirkungen der Cocktails vom gestrigen Abend waren im Nu verflogen. Cherry konnte es nun kaum noch erwarten, endlich anfangen zu dürfen. Vor ihr lag ein halbes Jahr mit praktischer Arbeit, und das war gewiss spannender als das manchmal staubtrockene Bücherstudium in Bibliotheken und Hörsälen.
Cherry überquerte den Friedhof. Manche der Grabsteine waren bereits mit Moos überwuchert und halb in der Erde eingesunken. Offenbar lagen viele Menschen hier schon seit Jahrhunderten begraben. Von ihrem Professor hatte sie erfahren, dass St. Andrews erstmals 1368 errichtet worden war. Doch im Lauf der Jahre war die Kirche mehrfach zerstört und wieder aufgebaut worden.
Der Arbeiter schabte mit einem Stechbeitel an der Mauer herum. Obwohl Cherrys Absätze auf dem gepflasterten Weg nicht zu überhören waren, schaute er nicht von seiner Tätigkeit auf und drehte ihr weiterhin den Rücken zu. Sie blieb neben dem Gerüst stehen und legte den Kopf in den Nacken. Cherry beschattete ihre Augen mit der Hand, denn die Sonne strahlte hell vom Sommerhimmel auf die grauen Mauern von St. Andrews. „Hallo. Ich bin Cherry Wynn“, grüßte sie freundlich.
„Wie schön für Sie.“ Der Mann warf ihr einen desinteressierten Seitenblick zu, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Der Overall lag eng an, sodass sich seine gewaltigen Muskelpakete darunter abzeichneten. Die blonden Haare des Arbeiters waren so kurz geschnitten wie bei einem Soldaten der Royal Marines. Cherry schätzte ihn auf Anfang dreißig. Seine abweisende Art ging ihr schon jetzt auf die Nerven.
Cherry erwartete nicht, dass ihr alle Männer sofort zu Füßen lagen. Sie wusste, dass sie mit ihrer schlanken Figur und ihren großen rehbraunen Augen allgemein als attraktiv galt. Sie hatte zwar momentan keinen festen Freund, aber sie flirtete gern und war kontaktfreudig. Und sie war es einfach nicht gewohnt, dass man ihr so deutlich die kalte Schulter zeigte.
„Ich bin die neue Praktikantin. Heute ist mein erster Arbeitstag.“ Cherry blieb hartnäckig.
„Mr Blackburn teilt die Arbeiten ein.“
Ungeduldig verdrehte Cherry die Augen. Aber das konnte der Arbeiter nicht sehen, weil er sie nach wie vor keines Blickes würdigte.
„Okay, und wo finde ich Mr Blackburn?“
„Er ist drinnen.“
„Vielen Dank für die freundliche Auskunft“, entgegnete Cherry ironisch. Wütend drückte sie die schwere Kirchentür auf. Ob alle Einheimischen so merkwürdig waren? Doch während sie sich diese Frage stellte, wurde ihr klar, dass der gleichgültige Muskelmann nicht aus Pittstown stammen konnte. Sie hatte bemerkt, dass er mit einem leichten Londoner Akzent sprach. Ob er so unausstehlich war, weil sein Schicksal ihn in die tiefste Provinz verschlagen hatte? Cherry hoffte nur, dass sie nicht nach einiger Zeit genauso wurde.
Aber vielleicht waren ja nicht alle Typen in Pittstown solche Fieslinge wie dieser Arbeiter.
Cherrys Schritte hallten auf dem Granitfußboden der alten Kirche wider. Sie trat in den Mittelgang zwischen den Kirchenbänken und schaute Richtung Altar, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.
Sie führte sich vor Augen, dass die Kirche viele Jahrhunderte lang das Zentrum des Ortes gewesen war. Als es noch kein Internet, Fernsehen oder Radio gab, bestand das Leben der Menschen größtenteils aus harter Arbeit auf den Feldern. Die sonntäglichen Gottesdienste waren eine willkommene Abwechslung, obwohl viele Bauern während der Predigt vor Erschöpfung einschliefen.
„Was haben Sie hier verloren?“
Der scharfe Tonfall einer dunklen Männerstimme riss Cherry aus ihren Gedanken. Sie war sich nicht sicher, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war. Die schlecht beleuchtete Kirche war mit ihren Nebengewölben, den Kreuzwegstationen und dem Zugang zur Sakristei sehr unübersichtlich. Doch dann sah sie den Mann, der sich auf sie zubewegte. Er war untersetzt und bärtig. Trotz des Sommerwetters trug er einen Rollkragenpullover und eine Cordhose. Allerdings war es in dem Gotteshaus auch ziemlich frisch, wie Cherry zugeben musste. Von den sommerlichen Temperaturen, die draußen herrschten, war hinter den dicken Kirchenmauern nichts zu spüren.
„Sie müssen Harris Blackburn sein“, sagte Cherry und streckte ihm ihre Rechte entgegen. „Ich habe Ihr Foto gesehen, als ich Ihr Buch über Kirchenrestaurierung gelesen habe. Ich bin Cherry Wynn von der City University of London. Ihre neue Praktikantin steht vor Ihnen.“
Der grimmige Gesichtsausdruck des Restaurators wurde milder, aber nur ein wenig. Immerhin schüttelte er Cherrys Hand. Seine mit Steinstaub bedeckten Finger fühlten sich hart und fest an. Mit einem langen Blick musterte er Cherry.
„Soso, Sie wollen mich also bei meiner Arbeit unterstützen, Miss Wynn. Und im ersten Moment dachte ich, Sie hätten sich in der Tür geirrt. Ich nahm an, Sie wollten in die Disco von Pittstown, um an der Wahl zur Miss Suffolk teilzunehmen.“
Blackburn zeigte mit seiner ironischen Bemerkung deutlich, was er von Cherrys Outfit hielt. Unwillkürlich schaute sie an sich herab. Sie trug ein luftiges ärmelloses Sommerkleid. Es war wirklich etwas kurz. Aber sie fand eigentlich, dass sich ihre Beine sehen lassen konnten.
„Das ist natürlich nicht die passende Arbeitskleidung, Sir“, stammelte sie.
„Für eine Restauratorin nicht, für ein Animiermädchen schon“, stichelte Blackburn. „Wie auch immer, die Renovierung von St. Andrews ist eine harte und oftmals eintönige Arbeit. Sind Sie sicher, dass Sie sich das antun wollen, Miss Wynn?“
Cherry nickte heftig. „Auf jeden Fall, Sir. Es tut mir leid, dass ich so leicht bekleidet hier hereingeschneit bin. Aber ich bin direkt vom Bahnhof gekommen und habe noch nicht einmal mein Gepäck abgestellt.“
Cherry deutete auf ihre Reisetasche, die sie bei sich hatte. Blackburn nickte unwillig. Seine Freude, eine neue Hilfskraft zu bekommen, hielt sich sehr in Grenzen. Das war jedenfalls Cherrys Eindruck.
„Ich will offen mit Ihnen sprechen, Miss Wynn. Wissen Sie, warum Ihnen dieses Praktikum angeboten wurde?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich weil Sie Studenten etwas beibringen wollen“, antwortete sie.
Der berühmte Restaurator schüttelte den Kopf. „Sie sind noch naiver, als ich befürchtet habe. Ich rede jetzt Klartext, Miss Wynn. Die Arbeiten in dieser Kirche kosten Geld, und das kommt teilweise von der Kirchenverwaltung und teilweise von Ihrer Hochschule. Doch die City University hat die Bedingung gestellt, dass ich junge Kunstgeschichtler ausbilde. Andernfalls drehen sie mir den Geldhahn zu. Ich brauche die Mithilfe einer Praktikantin ungefähr so nötig wie einen Pickel auf der Nase. War das deutlich genug?“
Cherry unterdrückte den Zorn, der in ihr hochstieg. Dieser Blackburn war tatsächlich noch unangenehmer als der Kerl draußen auf dem Gerüst, obwohl ihr das kaum möglich erschien. Doch sie ließ sich nicht von ihm beirren, denn sie wusste, was sie wollte.
„Sie waren sehr ehrlich, Mr Blackburn, dann will ich es auch sein. Ich bin hier, und ich bleibe hier. Ich rate Ihnen dringend, mir etwas beizubringen. Denn wenn Sie das nicht tun, werde ich meinem Professor davon berichten. Und dann wird Ihnen der Geldhahn schneller zugedreht, als Sie einen Pickel auf Ihrer Nase ausdrücken können.“
Blackburn riss die Augen auf. Offensichtlich hatte er nicht mit einer derartig scharfzüngigen Praktikantin gerechnet. Obwohl Cherry auf den ersten Blick süß und harmlos wirkte, ließ sie sich nichts gefallen. Nicht umsonst trainierte sie seit drei Jahren Karate. Der Kampfsport hatte ihr schon oft auch außerhalb der Sporthalle dabei geholfen, selbstbewusst aufzutreten.
Blackburn atmete tief durch, bevor er wieder den Mund öffnete. „Okay, Miss Wynn. Ich würde sagen, die Fronten sind jetzt geklärt. Wenn Sie mir nicht allzu sehr auf die Nerven gehen, dann werden wir miteinander auskommen. Ich bin ein altmodischer Mensch und besitze beispielsweise noch nicht einmal ein Handy. Stellen Sie sich also darauf ein, dass Sie von mir althergebrachte Handwerkstechniken lernen, die schon völlig in Vergessenheit geraten sind. Wir wollen diese Kirche ja in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen und nicht ein Gebäude des 21. Jahrhunderts aus ihr machen. Ein Teil der Bevölkerung meidet St. Andrews, weil es der Volkssage nach einen Fluch geben soll. Ein Mann ist hier angeblich vor Jahrhunderten spurlos verschwunden. Sein Geist soll immer noch durch die Krypta spuken. Eine typische Geschichte, wie sie auf dem flachen Land während langer Winterabende am Kaminfeuer erzählt wurde.“
„Ich verstehe, Sir.“
„Das bezweifle ich. Aber wie auch immer, unser Team ist sehr überschaubar. Da gibt es zunächst Sam Lonnegan. Er ist ein kräftiger Mann und erledigt die körperlich anstrengenden Arbeiten. Momentan arbeitet er draußen auf dem Gerüst.“
„Ich habe ihn schon kennengelernt“, sagte Cherry ohne Begeisterung. Kräftiger Mann? „Stumpfer Klotz“ war in ihren Augen die passendere Bezeichnung.
„Und dann geht mir noch Mark Gilmore zur Hand. Er stammt aus Pittstown und wurde in dieser Kirche sogar getauft. Mark ist Zimmermann und hauptsächlich für die Holzarbeiten zuständig“, fuhr Blackburn fort.
Cherry fragte sich, ob sie bei diesem Mark Gilmore genauso wenig willkommen sein würde wie bei Blackburn und seinem muskelbepackten Helfer Sam Lonnegan. Doch bevor sie weiter über diese Frage nachdenken konnte, kam jemand aus der Sakristei. Der Mann trug eine Soutane und hatte schneeweißes Haar. Der Restaurator deutete auf ihn. „Das ist Father Nolan, man könnte ihn als Hausherrn von St. Andrews bezeichnen.“
Der Geistliche lächelte und zeigte auf die Darstellung von Jesus Christus am Kreuz. „Das ist der Hausherr, ich bin sozusagen nur eine Art Verwalter. Sie müssen die neue Praktikantin sein. Ich hörte schon, dass wir Zuwachs bekommen.“
Der Pfarrer war die erste Person in Pittstown, die sich über Cherrys Ankunft zu freuen schien. Sie stellte sich ihm vor und versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Father Nolan war gewiss freundlich zu ihr, aber er war eben vor allem ein Geistlicher. Außerdem hätte er vom Alter her ihr Dad sein können, vielleicht sogar ihr Großvater. Durch ihr Praktikum würde sie wohl kaum tolle neue Leute kennenlernen, die so jung waren wie sie. Aber hatte Blackburn nicht erwähnt, dass es in Pittstown eine Disco gab? Oder war das nur ein dummer Witz gewesen?
„Der Gottesdienst wird momentan im Gemeindehaus nebenan abgehalten“, fuhr der Pfarrer fort. „Das ist so, damit die Renovierungsarbeiten nicht unterbrochen werden. Allerdings schließe ich die Kirchentür niemals ab, damit jederzeit Gläubige zum stillen Gebet kommen können.“
„Ich halte das nach wie vor für einen schweren Fehler, Hochwürden“, knurrte Blackburn. „Zwar besitzt St. Andrews keine wertvollen Kunstschätze, die gestohlen werden könnten. Aber die Leute gefährden sich selbst, wenn sie uns bei der Arbeit stören. In der Kirche besteht eine erhöhte Unfallgefahr, denn immerhin hantieren wir hier mit schweren Steinen und Stützpfeilern.“
Der Pfarrer lächelte. „Mit Gottes Hilfe ist bisher alles gut gegangen, und das wird auch weiterhin so sein, Mr Blackburn.“
Erleichtert bemerkte Cherry, dass auch Father Nolan nicht immer mit dem unfreundlichen Restaurator einer Meinung war. Das machte ihr den Geistlichen nur noch sympathischer. Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt, denn sie hörte wieder Schritte.
„Das ist Mark“, sagte Blackburn. „Er war auf der Chorempore, um die Pfeiler auszumessen.“
Cherry hörte nur mit einem Ohr zu, denn nun bekam sie Mark Gilmore zu sehen. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch begannen sofort zu flattern. Dieser Typ konnte sich wirklich sehen lassen. Er trug eine verwaschene Jeans und ein enges schwarzes T-Shirt. Er war sehnig und muskulös, allerdings nicht mit übertriebenem Bizeps wie dieser Sam Lonnegan auf dem Außengerüst. Doch am besten gefielen Cherry sein offenes Lächeln und seine ausdrucksvollen grünen Augen.
„Hey, du musst Cherry sein. Freut mich, dich kennenzulernen“, meinte er.
Mark wischte sich seine staubigen Finger an der Hose ab, bevor er ihr die Hand gab. Blackburn und den Pfarrer beachtete er nicht. Es war, als hätte er nur Augen für Cherry. Doch Father Nolan wandte sich nun ohnehin ab.
„Ich muss mich verabschieden. In einer Stunde findet in der Leichenhalle die Trauerfeier für Mrs Warren statt. Die Dame ist vorgestern hochbetagt an Altersschwäche gestorben, und ich muss noch einige Vorbereitungen …“
Der Geistliche konnte seinen Satz nicht beenden. Der gellende Schrei einer Frauenstimme ertönte, sodass Cherry das Blut in den Adern gefror.