7. KAPITEL

Cherry warf einen flüchtigen Blick auf ihren Wecker. Es war kurz nach fünf Uhr morgens. Durch die Gardinen vor ihrem Fenster konnte sie sehen, dass es draußen bereits dämmerte. Sie musste sich jetzt erst einmal mit ihrem ungebetenen Gast befassen.

„Spinnst du, mich einfach zu schlagen? Wie kommst du überhaupt hier herein?“

Jenny sah furchtbar aus. In ihren Augen glitzerte es verräterisch. Das Haar hing ihr in verfilzten Strähnen herunter, ihre dunkle Kleidung war regenfeucht und schmutzig. Auch ihr Gesicht konnte dringend eine Behandlung mit Wasser und Seife vertragen. Cherry vermutete, dass Marks Ex unter freiem Himmel übernachtet hatte.

Übernachtet? Es sah eigentlich nicht so aus, als ob sie Ruhe gefunden hätte. Wahrscheinlich war sie die ganze Nacht umhergeirrt und hatte sich in irgendwelchen dunklen Ecken vor der Polizei versteckt. Aber Cherrys Mitleid hielt sich in Grenzen. Vor allem nachdem Jenny nun wieder den Mund öffnete.

„Meine Maulschelle war nur die Quittung für den Tritt, den du mir neulich verpasst hast, du Sumpfkuh. Und in das Haus von Mrs Miller einzusteigen ist nun wirklich keine Kunst. Sie schließt ihre Hintertür nicht besonders sorgfältig ab.“

„Ach ja, Einbruch ist ja deine Spezialität. Mark hat mir erzählt, dass du bei seinen Eltern gerne die eine oder andere Kleinigkeit geklaut hast.“

Jennys Augen funkelten vor Wut. „Hüte deine Zunge, du falsche Schlange! Und lass Mark aus dem Spiel. Du hast doch keine Ahnung von ihm. Immer wieder wirfst du dich meinem Freund an den Hals. Es ist wirklich schade, dass der Balken dich nicht richtig getroffen hat.“

Cherry fiel aus allen Wolken. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an den Anschlag, als das schwere Holzstück von der Chorempore auf sie heruntergekracht war. Es war nicht möglich gewesen, den Täter zu erkennen. Es konnte Jenny gewesen sein. Ihre Kraft reichte gewiss aus, um den Balken über die Balustrade zu schieben. Jenny hatte Power, das wurde Cherry durch die Ohrfeige schmerzlich bewusst. Trotzdem konnte sie es irgendwie nicht glauben.

„Das mit dem Holz – das warst du? Bist du noch ganz dicht? Ich hätte sterben können. Ich habe dir doch gar nichts getan.“ Cherry war fassungslos.

„Das sehe ich ganz anders. Du glaubst wohl, weil du fremd hier bist, kannst du dir alles erlauben? Warum musst du dich auch an meinen Freund heranmachen? Es gibt doch genug andere Typen.“

Cherry begriff, dass Jenny psychisch krank war. Als normal konnte man ihre Eifersucht jedenfalls nicht mehr bezeichnen. Diese Frau war gefährlich, und zwar nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Cherry wollte sie außer Gefecht setzen und dann die Polizei rufen. Doch sie lag immer noch im Bett, während Jenny breitbeinig und eine Armeslänge entfernt vor ihr stand.

Außerdem schien ihre Widersacherin zu ahnen, was sie vorhatte. Cherry spannte die Muskeln an, um nach vorne zu schnellen und Jenny zu Fall zu bringen. Doch als sie gerade angreifen wollte, zog Jenny eine kleine Dose hervor.

Eine Ladung Pfefferspray traf Cherrys Gesicht!

Die unerwartete Attacke brachte Cherry völlig durcheinander. Sie sah nichts mehr, während ihre Augen entsetzlich schmerzten. Unsanft landete sie auf dem Boden vor ihrem Bett. Sie begann zu schluchzen, denn es tat wirklich gemein weh. Wie aus weiter Entfernung hörte sie Jennys Stimme.

„Du hättest in der Kammer bleiben sollen, in die ich dich gesperrt habe, Cherry. Das wäre besser für dich gewesen. Aber eigentlich ist es sowieso egal, was du tust. Mark liebt mich nämlich immer noch, und er gehört zu mir. Das wirst du schon sehen!“

Offenbar erwartete Jenny keine Antwort von Cherry. Als Nächstes war nämlich zu hören, wie sich ihre Schritte schnell entfernten. Zusammengekrümmt lag sie vor ihrem Bett. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, während der Schmerz ganz allmählich nachließ. Wie durch einen Schleier sah sie, wie ein anderer Mensch in der Türöffnung erschien. Jenny konnte es nicht sein, denn dieses Biest trug ja dunkle Kleidung. Und dann vernahm Cherry die erschrockene Stimme ihrer Pensionswirtin.

„Cherry, was ist denn passiert, um Himmels willen?“

„Eine Einbrecherin“, antwortete Cherry. „Rufen Sie bitte die Polizei. Vielleicht ist diese Furie noch im Haus.“

„Ja, das werde ich machen. Und dann kümmere ich mich sofort um dich.“

Thelma Miller eilte davon. Ein paar Sekunden später konnte Cherry hören, wie sie telefonierte. Gleich darauf war die ältere Frau wieder bei ihr.

„Ich habe mit Sergeant Murdoch gesprochen. Er will sofort kommen. Was hat diese Verbrecherin dir denn angetan?“

Cherry erzählte von der Pfefferspray-Attacke. Thelma Miller half ihr dabei, ins Bad zu gehen. Cherry ließ viel kaltes Wasser über ihr Gesicht laufen. Danach konnte sie wieder klar sehen, und das Brennen wurde halbwegs erträglich. Es war jetzt so, als ob sie in einem Raum voller Zigarettenqualm wäre. Auf der Straße ertönte eine Polizeisirene. Wenig später klingelte es in der Pension Sturm. Die Wirtin ließ die Beamten herein.

Sergeant Murdoch nickte grimmig, als Cherry von der ungebetenen Besucherin erzählte. „Jetzt ist Jenny Read eindeutig zu weit gegangen. Ich habe Mrs Miller früher schon einmal gesagt, dass sie ihre Hintertür immer abschließen soll. Aber die Leute in Pittstown sind nicht daran gewöhnt, an ihre Sicherheit zu denken. Das hier ist normalerweise eine friedliche kleine Stadt, in der kaum ein Verbrechen geschieht. Sollen wir Sie zum Arzt fahren, Miss Wynn?“, bot er an.

Cherry schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich würde gerne mit Inspektor Abercrombie sprechen. Ich habe ihm gestern Abend auf die Mailbox gesprochen, aber er hat mich noch nicht zurückgerufen.“

„Der Inspektor war die ganze Nacht mit einer Observierung beschäftigt. Aber jetzt ist seine Schicht zu Ende. Wahrscheinlich treffen Sie ihn gleich auf dem Revier.“

Cherry bat die Polizisten zu warten und zog sich in Rekordzeit an. Sie war ja immer noch im Pyjama, weil Jenny sie mitten aus ihren schönsten Träumen gerissen hatte. Inzwischen traute Cherry ihrer Widersacherin auch den Mord an Amber Page zu. Außerdem musste sie dem Inspektor unbedingt erzählen, dass Jenny den Anschlag mit dem Balken gestanden hatte.

Sergeant Murdoch und Officer Hickey nahmen Cherry zur Polizeistation mit. Dort befand sich Inspektor Murdoch in seinem Büro. Er wirkte übernächtigt und bekämpfte seine Müdigkeit offensichtlich mit einem starken Tee.

„Ich habe gerade meine Mailbox abgehört und wollte Sie zurückrufen, Miss Wynn. Möchten Sie auch eine Tasse Tee?“

„Gerne, Sir. Aber vor allem habe ich eine Aussage zu machen.“

Cherry setzte sich auf den Besucherstuhl des Inspektors und erzählte alles, was seit dem vorigen Abend passiert war. Sie ließ nichts aus, abgesehen von ihrer Knutscherei mit Mark. Das war ihre Privatsache, und außerdem hatte Jennys unerwünschter Besuch bereits wieder ihre Unsicherheit genährt. Sie wollte eigentlich nicht mehr an Mark zweifeln. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie nun genau das tat. Liebte er Jenny wirklich noch? Cherry konnte es sich nicht vorstellen. Aber dennoch blieb ein mulmiges Gefühl zurück. Sie schüttelte sich und konzentrierte sich lieber auf das, was der Inspektor sagte.

„Sie haben mir einen wichtigen Hinweis geliefert, Miss Wynn. Ich muss gestehen, dass ich mich mit dem Internet nicht besonders gut auskenne. Das mag bei jüngeren Kollegen anders sein. Ich wäre jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, dieses soziale Netzwerk ‚Albiona’ zu überprüfen. Das sage ich Ihnen ganz ehrlich.“

„Konnten Sie denn mit dem Tipp etwas anfangen? Das Foto von Amber Page wurde doch eindeutig vor dem Altar von St. Andrews aufgenommen. Amber muss also vor ihrer Ermordung in der Kirche gewesen sein.“

„Leider kann ich darüber nicht mit Ihnen sprechen. Die Mordermittlungen laufen auf Hochtouren. Das darf ich Ihnen wenigstens verraten.“

„Wen verdächtigen Sie denn, Inspektor Abercrombie?“

„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Aber wir gehen einem bestimmten Verdacht nach.“

Cherry versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sie hatte eigentlich gehofft, von dem Inspektor mehr über die ungelösten Rätsel zu erfahren. Stattdessen wurde sie mit nichtssagenden Phrasen abgespeist. Wahrscheinlich war es dem Kriminalisten wirklich nicht gestattet, sich von ihr in die Karten schauen zu lassen. Cherry hätte auch gerne gewusst, wen der Inspektor während der Nacht observiert hatte. Aber diese Frage stellte sie gar nicht erst. Darauf würde sie gewiss auch keine zufriedenstellende Antwort erhalten.

Abercrombie schien zu spüren, was in ihr vorging. Aufmunternd lächelte er sie an.

„Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann. Ich habe gerade von dem Pfefferspray-Angriff auf Sie gehört und kann mir vorstellen, dass Sie sehr durcheinander sind. Aber ich versichere Ihnen, dass mit allen Einsatzkräften nach Jenny Read gefahndet wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir sie erwischen. Zu ihrer Mutter kann sie nicht zurück, denn dann schnappt die Falle zu. Und wenn sie Pittstown verlassen will, wird ihr das auch nichts nützen. Ihr Foto und ihre Beschreibung sind an alle umliegenden Polizeidistrikte gegangen.“

„Ich hoffe wirklich, dass Sie Jenny bald verhaften können. Gibt es eigentlich Neuigkeiten von Father Nolan?“

„Leider nein. Die Ärzte sagen, dass sein Zustand stabil ist. Inzwischen ist er aus der Bewusstlosigkeit aufgewacht, aber vernehmungsfähig ist der Geistliche deshalb noch lange nicht. Er darf auch keinen Besuch empfangen. Außerdem bezweifle ich, dass er uns eine Täterbeschreibung liefern kann. Er wurde ja von hinten niedergeschlagen, wie Sie vielleicht wissen.“

„Richten Sie Father Nolan bitte Grüße aus, wenn Sie ihn sehen. Ich werde ihn besuchen, sobald es erlaubt ist.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich Cherry. Als sie die Polizeistation verließ, war sie ziemlich ratlos. Gab es überhaupt einen Zusammenhang zwischen dem Mord, dem Anschlag auf sie, der Attacke auf den Pfarrer und diesem ominösen Gruftgold? Existierte das geheime Vermögen überhaupt?

Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Verdacht. Wenn Mark und Jenny nun gemeinsam hinter diesem mysteriösen Schatz her waren? Sicher, Mark hatte Jenny durch den Hinweis auf die Haarspange belastet. Aber wenn das nur eine Art Flucht nach vorne gewesen war? Wenn Mark seine Komplizin ans Messer liefern wollte, um allein mit dem Vermögen zu entkommen?

Cherry war wütend auf sich, weil sie immer hysterischer wurde. Hatte sie denn überhaupt kein Vertrauen mehr in ihre eigenen Gefühle? Als sie und Mark sich in der Nacht geküsst hatten, war alles schön und wunderbar zwischen ihnen gewesen. Wie kam sie überhaupt darauf, dass Mark einen derart miesen Charakter hatte? War das wirklich bei jemandem möglich, der in Afrika armen Menschen half?

Cherry wollte das nicht glauben. Sie musste sich dringend mit Mark beraten. Vielleicht wusste er ja einen Ausweg aus diesem ganzen Dilemma. Cherry war jedenfalls mit ihrem Latein am Ende. Es kam ihr so vor, als würde sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.

Doch als sie St. Andrews betrat, war nur Blackburn anwesend. Er höhnte: „Wie schön, dass Sie sich auch schon hierher bequemen, Miss Wynn! Ich hoffe, dass Ihr heiliger Studentinnenschlaf nun beendet ist. Aber falls Sie für das Praktikum zu faul sind, können Sie gerne abreisen.“

Cherry hatte sich längst an die ruppige Art ihres Chefs gewöhnt und berichtete kurz von dem Überfall und ihrem Besuch auf der Polizeiwache. Da ihre Augen immer noch leicht gerötet waren, schien der Restaurator ihr sogar zu glauben. Allerdings kam er nicht auf die Idee, sich zu entschuldigen.

„Soso. Das ist ja alles sehr bedauerlich. Aber nun machen Sie bitte mit dem Beichtstuhl weiter, Miss Wynn. Vielleicht gibt uns ja auch irgendwann Mr Gilmore die Ehre. Momentan arbeitet außer mir nur Sam Lonnegan. Ich habe ihn zum Baumarkt geschickt, um neues Material für die Verschalungen zu besorgen.“

Cherrys Magen krampfte sich zusammen. Ihre schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bestätigen.

„Mark Gilmore ist nicht zur Arbeit erschienen, Sir?“

„Messerscharf erkannt, Miss Wynn. Noch dazu hat der junge Mann es nicht für nötig gehalten, sich zu entschuldigen. Jeder kann mal krank werden. Aber sich nicht abzumelden – das ist nun wirklich kein gutes Benehmen. Ich hoffe, dass wenigstens Sie sich bald Ihren Aufgaben widmen.“

Cherry hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Langsam ging sie zum Beichtstuhl und begann, ihn weiter abzuschmirgeln, während ihr die wildesten Spekulationen und Befürchtungen durch den Kopf schossen. Hatte sich Mark am Ende gemeinsam mit Jenny aus dem Staub gemacht? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Typ erneut mit seiner Ex einließ. Cherry erinnerte sich an die Worte, mit denen ihre Rivalin gedroht hatte: Mark liebt mich nämlich immer noch, und er gehört zu mir. Das wirst du schon sehen!

Marks Verschwinden passte zu dieser düsteren Vorwarnung. Jenny hatte sich unbedingt noch an Cherry rächen wollen, bevor sie sich mit Mark absetzte. Wahrscheinlich waren die beiden schon über alle Berge.

Cherry schüttelte den Kopf, als wollte sie einen bösen Traum vertreiben. Hatte sie denn überhaupt kein Vertrauen in ihre eigenen Gefühle? Sie war in der vergangenen Nacht felsenfest davon überzeugt gewesen, dass Mark sie liebte. Warum sollte sich daran etwas geändert haben? Vielleicht gab es ja auch eine ganz andere Erklärung für Marks Abwesenheit. Momentan fiel ihr zwar keine Möglichkeit ein, aber sie hatte ja mit ihren Nachforschungen noch nicht einmal angefangen.

Zum Glück war Cherry auf dem Weg nach St. Andrews an einer Tankstelle vorbeigekommen und hatte sich ein Prepaid-Guthaben geholt. Nachdem sie es auf ihr Handy geladen hatte, konnte sie das Telefon wieder einsetzen. Sie warf einen Blick über die Schulter in Richtung Krypta. Dorthin war Blackburn vor einigen Minuten verschwunden. Erfahrungsgemäß würde er nicht so schnell wieder erscheinen. Daher konnte sie jetzt in Ruhe während der Arbeitszeit telefonieren.

Zunächst rief sie Mark an. Doch sein Handy war abgeschaltet. Eigentlich hatte sie nichts anderes erwartet. Vermutlich hatte auch Blackburn schon versucht, ihn zu erreichen. Doch so schnell gab sie nicht auf. Sie besaß ein internetfähiges Handy und konnte deshalb in einem Online-Telefonbuch die Festnetznummer seiner Eltern erfahren. Sie versuchte dort ihr Glück. Marks Mom war am Apparat.

„Mark? Der ist heute Morgen pünktlich zur Arbeit gegangen. Ich wundere mich, dass er dort nicht angekommen ist. Mr Blackburn hat vorhin auch schon angerufen. Meinem Sohn wird doch nichts passiert sein?“

Nun bedauerte Cherry, überhaupt angerufen zu haben. Marks Mom klang schon besorgt genug. Und sie hörte sich nicht so an, als ob sie vor Cherry etwa verheimlichen würde.

„Es gibt bestimmt eine ganz harmlose Erklärung, Mrs Gilmore. Wirkte Mark in letzter Zeit verändert?“

Als Cherry diese Frage gestellt hatte, herrschte einige Augenblicke lang Schweigen in der Leitung. Cherry war verunsichert. Ob sie nachhaken sollte? Aber da erklang auch schon wieder die Stimme von Marks Mutter.

„Ja, Mark war anders. Er schien irgendwie im siebten Himmel zu schweben. Ich weiß nicht, ob ich dir das weitererzählen soll. Ich darf dich doch duzen, oder?“

„Kein Problem, Mrs Gilmore. Was wollten Sie mir denn sagen?“

„Du bist doch Cherry Wynn, oder? Das habe ich vorhin also richtig verstanden. Jedenfalls habe ich Mark direkt gefragt, was mit ihm los wäre. Wir reden in unserer Familie offen über alle Probleme, musst du wissen. Aber Mark sagte, er würde nicht in Schwierigkeiten stecken. Ganz im Gegenteil. Er hätte sich nämlich Hals über Kopf verliebt, und zwar in dich.“

Cherry wurde ganz warm ums Herz, als sie diese Worte hörte. Zwar kannte sie Marks Mutter nur vom Telefon, doch ihre Stimme klang ehrlich und sympathisch. Cherry konnte sich nicht vorstellen, dass Mrs Gilmore sie hinters Licht führen wollte. Und wenn Mark sich sogar schon seiner Mutter anvertraute, dann waren seine Gefühle für Cherry echt und aufrichtig.

Aber wenn er nicht mit Jenny durchgebrannt war, musste ihm etwas zugestoßen sein. Cherry wurde von einer neuen Befürchtung gepackt. Wenn Jenny nun Mark getötet hatte, um ihn niemals mit einer anderen Frau teilen zu müssen? So etwas war dieser Psychopathin durchaus zuzutrauen. Aber bevor sie sich und andere rebellisch machte, wollte Cherry nicht vom Schlimmsten ausgehen.

„Ich finde Ihren Sohn auch ganz toll, Mrs Gilmore. Bestimmt kommt er bald zurück, und es gibt eine ganz harmlose Erklärung für seine Abwesenheit. Könnten Sie mich bitte anrufen, wenn Sie etwas von ihm hören?“

Marks Mom erklärte sich dazu bereit, und Cherry gab der Frau ihre Handynummer. Dann beendete sie das Gespräch. Was nun? Mechanisch machte sie mit der Schmirgelei weiter. Wenig später traf Lonnegan ein. Sie fragte natürlich auch ihn nach Mark. Aber der mundfaule Arbeiter hatte angeblich ebenfalls keine Spur von dem Verschwundenen gesehen. Er lud nur das Material ab, das er gekauft hatte, und machte sich dann wieder auf dem Außengerüst ans Werk.

Am liebsten hätte Cherry Marks Verschwinden der Polizei gemeldet. Aber wenn es keine Hinweise auf eine Straftat gab, würden die Beamten nichts unternehmen. Das hatte Cherry zumindest einmal gehört.

Bisher hatte Cherry Marks Exfreundin keinen Mord zugetraut. Aber inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher. Jennys Charakter gab ihr immer wieder Rätsel auf. Cherry selbst hätte tot sein können, wenn der von Jenny gelockerte Balken sie nicht um Haaresbreite verfehlt hätte.

Und was war mit Amber Page? Mark hatte beteuert, diese Frau nicht gekannt zu haben. Das konnte ja auch stimmen. Aber offensichtlich war Jenny verrückt genug, um in jeder jungen Frau, die sich in seiner Nähe aufhielt, eine Konkurrentin zu vermuten. Und Amber war in Marks Nähe gewesen, und zwar an seinem momentanen Arbeitsplatz in der Kirche. Das Foto auf der Homepage belegte, dass sie vor dem Altar gestanden hatte. Allein diese räumliche Nähe reichte vielleicht schon aus, um Amber in den Augen der durchgedrehten Jenny auf ihre Todesliste zu setzen.

Cherry erschrak, als plötzlich ihr Handy klingelte. Ihre Hände zitterten, als sie den Anruf entgegennahm. Sergeant Murdoch war am Apparat.

„Miss Wynn? Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Wir konnten Jenny Read vor wenigen Minuten verhaften. Wir bringen sie zunächst in den Gewahrsam. Über ihr weiteres Schicksal wird der Haftrichter entscheiden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so schnell wieder auf freien Fuß kommt.“

Cherry fiel ein Stein vom Herzen, als sie die Neuigkeiten erfuhr. Aber ihr lag auch eine drängende Frage auf der Zunge: „War jemand bei ihr, als Sie Jenny erwischt haben?“

„Nein, sie war allein. Auf Officer Hickey und mich machte sie einen verwirrten Eindruck. Sie schien im Freien übernachtet zu haben und am Ende ihrer Kräfte zu sein. Die Beschuldigte hat noch einen Fluchtversuch unternommen, ist dann aber in einer Brombeerhecke gelandet. Dann war es kein Problem mehr, sie festzunehmen. Jenny Read hat bereits einiges zugegeben, auch Dinge, von denen ich noch gar nichts wusste. Sie faselte etwas von einem Pentagramm, das sie irgendwohin gekritzelt hat. Wissen Sie etwas davon?“

„Ja, dieses Zeichen wurde auf meine Reisetasche gemalt. Und dafür war also auch Jenny Read verantwortlich?“

„Es sieht ganz so aus, Miss Wynn. Wir werden die junge Dame auf der Wache gründlich vernehmen. Sollte ich weitere Fragen haben, wende ich mich noch einmal an Sie. Auf jeden Fall müssen Sie sich vorerst keine Sorgen mehr machen, von dieser Frau verfolgt zu werden.“

„Das ist gut. Vielen Dank, Sergeant Murdoch.“

Cherry war wirklich erleichtert, als sie das Gespräch beendete – aber nur teilweise. Nun wusste sie wenigstens, dass Jenny auch für das magische Symbol auf ihrem Gepäck verantwortlich war. Offenbar hatte Marks eifersüchtige Ex auf diese Art versucht, Cherry zu vergraulen. Aber die Sache mit dem Pentagramm auf ihrer Reisetasche war im Vergleich zu Marks Verschwinden völlig unwichtig.

Wenn Jenny ihren Exfreund nun wirklich umgebracht hatte?

Diese Befürchtung konnte Cherry nicht verdrängen, obwohl es nicht den geringsten Beweis dafür gab. Jenny befand sich nun in den Händen der Polizei. Cherry musste auf die Erfahrung der Beamten vertrauen – und darauf, dass Jenny ein umfassendes Geständnis ablegen würde.

Cherry wusste nicht, was sie tun sollte. Vielleicht war Mark in Gefahr und brauchte dringend ihre Hilfe. Es kam ihr vor, als würde sie im Nebel stochern. Vielleicht befand sich die Lösung des Rätsels ja wirklich in der Krypta? Doch solange Blackburn diesen Ort wie ein Höllenhund bewachte, konnte sie sich dort unten nicht in Ruhe umschauen. Deshalb blieb ihr einstweilen nichts anderes übrig, als am Beichtstuhl weiterzuarbeiten.

Doch plötzlich wurde die eintönige Tätigkeit interessanter.

Unter der dicken Lackschicht kamen eingeritzte Buchstaben zum Vorschein. Offensichtlich hatte jemand hier in einem vergangenen Jahrhundert mit einem spitzen Gegenstand Worte ins Holz geschnitzt, die unter der dicken Lackschicht verborgen gewesen waren. Cherry hätte am liebsten sofort Blackburn gerufen, um ihm ihre Entdeckung zu zeigen. Doch das tat sie nicht. Stattdessen konzentrierte sie sich ganz darauf, die Botschaft freizulegen. Die Aufregung und die Anspannung trieben ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie arbeitete sorgfältig, um die ins Holz geritzte Botschaft nicht zu zerstören. Nach einer Stunde hatte sie die vor vielen Jahrhunderten eingeritzten Worte freigelegt: MON COEUR POUR LA ROSE ROUGE LORETTA A. D. 1466.

Cherry dachte nach. Sie war in Französisch zwar nie eine Leuchte gewesen, aber sie konnte den Satz leicht übersetzen: „Mein Herz für die rote Rose.“

Loretta war vermutlich der Name der Frau, die diese Botschaft hinterlassen hatte. Und A. D. 1466 stand für Anno Domini – also im Jahre des Herrn – 1466. Als Kunstgeschichtsstudentin wusste Cherry, dass man in früheren Jahrhunderten Jahreszahlen mit dem Zusatz A. D. darstellte.

Aber warum hatte Loretta die französische Sprache für ihre Botschaft benutzt? Vielleicht stammte sie ja aus Frankreich. Cherry erinnerte sich, dass damals viele adlige Familien Englands auch Verwandtschaft auf dem europäischen Kontinent gehabt hatten.

Auf jeden Fall stand Loretta damals in dem Bürgerkrieg auf derselben Seite wie Sir Geoffrey Stowe, der mit dem Gruftgold spurlos verschwunden war. Beide traten für die rote Rose ein.

Ob es eine direkte Verbindung zwischen Loretta und Sir Geoffrey gab? Ob sie seine geheimnisvolle Geliebte gewesen war?

Cherry warf einen verstohlenen Blick über die Schulter nach hinten. Aber von Blackburn oder Lonnegan war immer noch nichts zu sehen. Sie ging mit ihrem Handy online und rief eine Suchmaschine auf. Sie musste ein wenig probieren, aber dann bekam sie ein brauchbares Ergebnis. Zur Zeit der Rosenkriege hatte es offenbar in der Nähe von Pittstown eine gewisse Loretta Dunnington gegeben, die aus Avignon stammte und die Tochter eines französischen Landadligen war. Cherry runzelte nachdenklich die Stirn. Wo war ihr der Name Dunnington schon einmal begegnet?

Und dann fiel es ihr wieder ein. Lord Dunnington und dessen Familie lagen in der Krypta unter St. Andrews begraben. Cherrys Pulsschlag beschleunigte sich. Hatte sie eine Verbindung gefunden, von der bisher niemand gewusst hatte?

Sie ging offline und holte sich das Foto aus dem Datenspeicher, das sie von dem rätselhaften Kirchenbucheintrag gemacht hatte.

Cherry schaute sich die seltsamen Zeichen genau an. Viele Experten hatten schon versucht, dieses Rätsel zu lösen. Die Frage war nur, ob sie über die mögliche Verbindung zwischen Loretta und Sir Geoffrey Bescheid gewusst hatten. Cherry hätte auch gern mehr über Loretta erfahren, aber ihre Online-Datenbänke gaben momentan keine weiteren Informationen her.

Die Geheimschrift begann mit einer Art gezeichnetem Boot, in dem ein Männchen stand und eine Münze hielt. War das vielleicht Charon, der Fährmann, der die Verstorbenen hinüber in die Totenwelt brachte? Cherry schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Die mysteriösen Zeichen waren von einem christlichen Pfarrer gemalt worden, und der hatte mit dem heidnischen Charon gewiss nichts am Hut. Oder vielleicht doch? Waren die Münze und das Boot vielleicht nur Täuschungsmanöver, um Uneingeweihte in die Irre zu führen? Die Geheimschrift sollte schließlich dazu dienen, die Anhänger der weißen Rose ins Leere laufen zu lassen und Sir Geoffrey die Flucht zu ermöglichen.

Hinter dem gezeichneten Boot glaubte Cherry ein Fenster und einen Rosenstock zu erkennen. Und was sollte das nun bedeuten? In gotischen Kirchen hatte man oft Fenster, die nach Westen gerichtet waren, mit stilisierten Rosen versehen. Suchend schaute sich Cherry in St. Andrews um. An den Kirchenfenstern in westlicher Richtung waren keine Blumenmotive zu erkennen. Aber sie waren auch später eingesetzt worden, lange nach der Epoche der Gotik.

Plötzlich kam Cherry sich größenwahnsinnig vor. Glaubte sie wirklich, als junge Studentin im dritten Semester das große Rätsel lösen zu können? Ihr Selbstbewusstsein war im Keller.

Im Keller!

Cherry schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Natürlich! Unter der Kirche befand sich die Krypta, unterirdisch wie ein Keller. Was würde sie möglicherweise auf der westlichen Seite des Grabgewölbes finden?

Bevor sie weiterüberlegen konnte, hörte sie die schweren Schritte Blackburns. Der Restaurator stieg aus der Krypta nach oben. Schnell widmete sich Cherry wieder ihrer Arbeit. Dabei setzte sie sich allerdings so, dass die freigelegte Schrift durch ihren Körper verdeckt wurde. Sie wollte Blackburn vorerst nichts davon erzählen, denn sie traute ihm immer noch nicht. Er kam auf sie zu.

„Wie ich sehe, sind Sie ja schon ein Stück weitergekommen, Miss Wynn. Aber zu Ihrem Praktikum gehört auch, Nachschlagewerke zu beschaffen. Wir werden gemeinsam einige Fresken unten in der Krypta nachbilden. Aber wir brauchen Vorlagen aus kunstgeschichtlichen Werken. Ich habe hier eine Bücherliste zusammengestellt. Sie besorgen das alles in der Bibliothek in Ipswich, verstanden?“

„Heute noch, Sir?“

„Selbstverständlich. Diese Fresken stehen als Nächstes auf meinem Arbeitsplan. Es fährt stündlich ein Zug von Pittstown nach Ipswich. Sie sollten bis heute Abend wieder hier sein. Dann brauchen Sie aber nicht nach St. Andrews zurückzukehren. Kommen Sie einfach morgen früh mit den Büchern hierher, dann machen wir weiter.“

Cherry nickte nur, obwohl bei ihr alle Alarmsirenen schrillten. Für sie war die Sache mit der Bücherbeschaffung nur ein Vorwand. Blackburn wollte sie wegschicken, daran gab es für Cherry keinen Zweifel. Aber weshalb?

Am liebsten wäre sie zu Inspektor Abercrombie gegangen. Aber was für einen Beweis hatte sie für ihre Annahme? Gar keinen. Deshalb tat sie so, als würde sie sich Blackburns Anordnung fügen, und verließ die Kirche. Sie glaubte, die Blicke des Restaurators in ihrem Rücken zu spüren.

Aber wenn Blackburn annahm, dass sie wirklich nach Ipswich reisen würde, dann irrte er sich gewaltig.

Cherry würde heimlich in die Kirche zurückkehren.

Und dann würde sie das Rätsel der Krypta endlich lösen.