Vierzehntes Kapitel
In welchem Ereignisse und Personen ihr Ende finden
Lewis wandte den Kopf zu Hardenberg und sah ihn verdattert und bestürzt zugleich an. Er wollte nicht glauben, welches Szenario sich da vor ihm ausbreitete: Der vermeintlich entführte und in tödlicher Gefahr schwebende Goethe war seinem vorgeblichen Widersacher nicht nur freundschaftlich zugetan, sondern kollaborierte mit diesem! Goethe war ein Logenbruder Bodes, ein Illuminat und somit zweifellos Gegner von Staat und Monarchie!
Lewis überkam die schreckliche Gewissheit: Goethe, der Vertraute des Herzogs Carl August, sollte als Waffe gegen diesen dienen. Wer wusste, was auf dem Feldzug nach Frankreich geschehen war? Vielleicht waren der Herzog schon tot, das Heer versprengt und die Franzosen auf dem Vormarsch, kurz vor Weimar gar, um die Stadt, die sich im Wahnsinn erging, im Handstreich zu nehmen? Dann herrschten die Illuminaten, die wahrscheinlich doch die Revolution in Frankreich angezettelt hatten, um den Kontinent von aller Monarchie zu entledigen.
Lewis keuchte. Goethe als Verräter an seinem Gönner, an der Kunst, wenn er zuließ, dass der Musenhof Weimar ausgelöscht wurde, und er, Lewis, hatte diesem Mann vertraut, hatte sich im Grunde von ihm für vorgebliche Spitzeltätigkeiten einspannen lassen, die welchem Sinn auch immer gedient hatten. Vielleicht sollten allzu unachtsame Mitverschwörer aufgedeckt und dann ausgelöscht werden. Aber wie konnte Lewis auch nur erahnen, was in den Köpfen dieser Menschen vor sich ging?
Zorn stieg in ihm auf. All die Ängste und Schmerzen, die er und seine Freunde hatten hinnehmen müssen, kamen wieder hoch, und all das hatte geschehen müssen, um nun zu erkennen, dass es umsonst, ja eine Finte und ein Verwirrspiel gewesen war.
Lewis stellte die Laterne ab und zog die Pistole aus seinem Gürtel.
Hardenberg sah es und zischte: „Himmel, Matthew, was willst du tun?“
Lewis ignorierte ihn. Stattdessen entriss er Hardenberg die Schusswaffe und sagte zu diesem, ohne ihn anzusehen: „Lauf los und hole Hilfe. Ich halte die beiden Verräter in Schach!“
„Aber ...“, konnte Hardenberg noch entgegnen, da stieß Lewis auch schon die Tür auf und stürzte ins Zimmer.
„Rühren Sie sich nicht!“, schrie er.
Goethe, denn er war es tatsächlich, der in dem anderen Sessel saß, und Bode zuckten zusammen. Bode verschüttete seinen Likör, und das Glas fiel auf den Teppich. Goethe wollte aufspringen, doch Lewis richtete einen der Pistolenläufe deutlich auf den Geheimrat.
„Nicht rühren, habe ich gesagt!“
Nun weiteten sich die Augen der beiden Männer, als sie Lewis erkannten. Der ahnte in seiner Wut nicht, welche Erscheinung er bot: Seine Kleidung war mit Erde und Blut verschmutzt, das Haar hing ihm wirr in die Stirn, und auch in seinem Gesicht fanden sich Spuren von unterirdischem Dreck und dünne Spritzer scharlachfarbenen Blutes. Doch am Erschreckendsten mussten wohl der wutentbrannte Ausdruck in seinem Gesicht und die starrenden Augen über dem verzerrten Mund sein.
„Herr Lewis ...“, begann Goethe, doch der schrie ihn nieder.
„Schweigen Sie! Sie Vaterlandsverräter!“ Lewis blickte zwischen dem Geheimrat und Bode hin und her, um keine Bewegung zu versäumen, und hielt seine beiden Pistolen auf deren Körper gerichtet. „Ich habe alles gehört! Sie gehören zu dieser Bande von Heimlichtuern, die sich Illuminaten nennen und die doch nur charakterlose Mordbuben und Verschwörer sind! Sie und die Schwarzen Brüder sind eins und wollen den Staat vernichten!“
Lewis scherte sich nicht um den überraschten Ausdruck, der sich nun auf den Gesichtern der beiden Männer zeigte und die Angst und den Schrecken, die sich zuvor darauf abgezeichnet hatten, ein wenig überlagerte.
„Ich werde Sie an Voigt ausliefern und Sie damit Ihrer gerechten Strafe für den Verrat am Herzog zuführen! Nie wird er durch Ihre Hand ein Leid erfahren!“
Goethe hob nun in sanftem Ton seine Stimme: „Lewis, guter Lewis, Sie verkennen ganz und gar die Hintergründe und fügen die Teile, die Sie besitzen, völlig falsch zusammen.“
Lewis drohte aufgeregt mit der Waffe. „Wollen Sie leugnen, dass Sie Illuminat sind? Wie Bode?“
Der beleibte Mann sah sich unruhig im Raum um und warf immer wieder einen Blick auf die Tür hinter Lewis. Der erinnerte sich, wie er Hardenbergs eilige Schritte vernommen hatte, als jener den Gang entlanggelaufen war, um Hilfe zu holen. Der gute Hardenberg! Ein echter Gefährte, der nicht lang zauderte, sondern Pläne in die Tat umsetzte!
Goethe sprach wieder bedächtig auf Lewis ein. „Nein. Ich bin Mitglied des Ordens, seit demnächst einem Jahrzehnt schon.“
Lewis funkelte ihn böse an.
Goethe fuhr fort: „Aber Sie sollten auch wissen, dass es noch weitere Männer gibt, von deren Zugehörigkeit Sie wissen müssen.“
„Ich ahne wohl, dass Sie nicht allein sind in Ihrer Gemeinschaft von Umstürzlern und Meuchlern!“, fauchte Lewis.
Goethe erlaubte sich ein schmales Lächeln. „Was würde es an Ihren Ahnungen ändern, wenn ich Ihnen sage, dass sowohl Regierungsrat Voigt, dem Sie ja vertrauen, als auch der Herzog Mitglieder der Illuminaten sind? Der Herzog gar mit mir zusammen in den Orden eintrat?“
Lewis schüttelte aufgebracht den Kopf. „Eine abscheuliche Lüge!“
„Keineswegs!“, entgegnete Goethe und wollte weitersprechen, als Lewis ihn unterbrach.
„Was soll das besagen? Dass der Herzog sich selbst stürzen und Voigt sich selbst verfolgen will?“
„Nein. Es bedeutet, dass wir alle in diesen Orden eintraten, um von innen heraus dessen geheime und verbrecherische Machenschaften auszukundschaften und im rechten Moment zuzuschlagen!“ Er blickte zu Bode und hatte wieder den gleichen Triumph in der Stimme wie zuvor, als Lewis vor der Tür gelauscht hatte.
Bode rutschte ein wenig auf seinem Sessel umher und sprach nun seinerseits mit seinem tiefen Bass, nachdem er sich ausgiebig geräuspert hatte. „Lewis! Es entspricht der Wahrheit, was der Geheimrat sagt. Seit Jahren, und das wissen Sie von Voigt, haben sich Illuminaten vom Orden abgespalten und sich zu den Schwarzen Brüdern zusammengeschlossen. Die sind der wahre Feind, nicht wir!“
Lewis senkte die Pistolen keinen Fingerbreit, hörte aber aufmerksam zu, welche abstrusen Entschuldigungen nun folgen mochten.
„Wir wissen von den Machenschaften“, fuhr Bode fort. „Von den Entführungsplänen der Schwarzen Brüder. Aber in diesem Augenblick ist längst die Garnison alarmiert und bereit, die herzogliche Familie und ihr Gefolge zu beschützen! Draußen wird der Aufstand befriedet, werden die Verschwörer gefangengesetzt, und alles wird gut werden! Wie könnten wir unserem Herzog Böses wollen?“
Lewis sah Bode zweifelnd an, worauf Goethe weitersprach. „Trauen Sie Bode! Er hat mich aus den Fängen der Schwarzen Brüder befreit. Er hatte entdeckt, dass sie einen Anschlag auf mich vorbereiteten und hat diesen im letzten Augenblick vereitelt, und nun werden wir gemeinsam den Weimarer Boden vom Abschaum befreien!“
Bode hatte sich inzwischen in Seelenruhe ein weiteres Glas Likör eingeschenkt. In Lewis’ Kopf wirbelten die Gedanken umher, und so hatte er kaum darauf geachtet. Nun nippte Bode lächelnd an seinem Glas und wiederholte Goethes Worte. „... vom Abschaum befreien, sehr wahr!“
Lewis war verwirrt, wusste nicht, was er nun glauben sollte, und so war er froh, als plötzlich rasche Schritte hinter ihm aufklangen, Stiefel über das Parkett polterten. Er drehte den Kopf und erkannte Hardenberg inmitten einer Gruppe Bewaffneter. Dann wandte er sich wieder an Goethe und Bode. „Wir werden sehen, was sich als wahr erweist. Zunächst wird man Sie gefangennehmen und zum Verhör bringen!“
Bode schmunzelte und nippte erneut an seinem Likör.
Da drängten die Bewaffneten in den Raum, sowohl durch die Tür hinter Lewis als auch durch eine weitere an der Seite des Zimmers, die er vorher nicht bemerkt hatte. Lewis atmete auf, doch im selben Augenblick traf ihn ein rüder Stoß. Nun bemerkte er erst, dass die zehn, zwölf Männer, die ihn umringten, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet waren und Masken trugen. Bevor er sich rühren konnte, hatte man ihm die Pistolen entrissen und ihn in eine Ecke gedrängt.
Dort stand auch Hardenberg, ohne Degen und die Hand mit verzerrtem Gesicht auf die Armwunde gepresst. „Sie haben mich noch vor dem Hause ergriffen ...“, klagte er schwach, aber voll Ärger in der Stimme.
Lewis warf einen verdrießlichen Blick auf Bode und auf Goethe, der nun seltsamerweise konsterniert schien.
Bode erhob sich schwer und langsam aus seinem Sessel, wobei er vorsichtig das Likörglas auf dem kleinen Tisch abstellte. Einer der Schwarzen Brüder reichte ihm eine von Lewis’ Pistolen, und er prüfte sie. Dann sah er Goethe an.
„Ich denke, die gehören in deinen Besitz, werter Bruder. Ein Geschenk des Herzogs ... sehr hübsch.“ Dann richtete er die Waffe auf Goethe. „Aber nun hinüber zu den anderen! Die Possen haben ein Ende!“
Seine Stimme war schrill und schroff, das freundliche Gesicht strahlte mit einem Mal ungekannte Strenge aus.
Goethe stutzte. „Was ...“
„Hinüber, sag’ ich“, brüllte Bode, und Goethe gehorchte. Die Schwarzen Brüder packten ihn und schoben ihn zu Lewis und Hardenberg, hielten sie mit Musketen und Pistolen in Schach.
Bode drehte die Pistole spielerisch in den Händen und ging im Raum auf und ab. „Was für Ränke, was für Intrigen! Aber nun ist Schluss, das Ende ist nah, runter mit den Masken!“ Er lachte. „Bildlich gesprochen!“
Einige der Schwarzen Brüder schmunzelten, manche lachten leise in sich hinein.
Goethe zog ein Gesicht, als wolle er ausspeien. „Was seid ihr doch für drollige Gesellen! Sag, Bode, was wird hier gespielt?“
Bode blieb stehen und hob die Pistole. „Das, was der junge Lewis richtig erkannte! Nur du, lieber Bruder, hast dich blenden lassen.“ Er ließ die Pistole sinken. „Es ist der letzte Akt dieses Spiels, so will ich mich denn erklären. Nur kurz, gewiss, um die Mitakteure nicht zu ermüden!“
Wieder lachten einige der Maskierten. Lewis bemerkte, wie Goethe angestrengt auf deren Gesichter blickte, als vermute er ihm Bekannte unter den Larven.
Bode ging weiter durch den Raum. „All deine Spitzeleien waren mir bekannt. Der selige Löber hatte sie geahnt und recht behalten. Ohne deine dummen Sanktionen gegen die akademischen Orden in Jena hätten wir längst losschlagen können, und die Revolution wäre vollzogen.“ Er klopfte mit dem Lauf der Pistole in seine Handfläche. „Aber nun ist die Zeit gekommen! Der Geheime Rat wird ausgeschaltet, und eine verlässliche Gruppe meiner Vertrauten ist zum Herzog unterwegs, um ... muss ich noch weitersprechen?“
Er grinste Lewis an. „Sie, mein junger, ach so talentierter Dichter haben alles wunderbar zusammengetragen. Zu dumm, dass Sie mir in die Quere kamen, Sie hätten mir so nützlich sein können. In Ihrem Eifer nach Erfolg als Poet und Übersetzer im Dienste einer Weltliteratur hätten Sie gar nicht bemerkt, wie Sie unter meiner Anleitung all das Gedankengut in Ihre Heimat gebracht hätten, das auch diese früher oder später umgestürzt hätte!“
Er feixte und rieb sich mit dem Pistolenlauf das Vielfachkinn. „Aber möglicherweise sind Sie ja bereit, auch jetzt noch mit etwas Druck ...“
Lewis erzitterte vor Ekel. „Niemals! Eher den Tod!“
Goethe schnalzte mit der Zunge. „Damit dürfen wir rechnen, lieber junger Freund“, flüsterte er Lewis zu.
„Keineswegs!“, rief Bode, der es gehört hatte. „Niemand wird sterben ... zumindest niemand von Ihnen. Es wird sich alles aufs Wundervollste ergeben.“
Er grinste Goethe an. „Vor allem du, Abaris, wirst so lebendig gebraucht wie nur irgend möglich, denn nach dem Tod des Herzogs und der Eroberung von Weimar wirst du hier die Herrschaft übernehmen!“
Goethe schaute überrascht, dann schüttelte er den Kopf und lachte. „Welch eine Verrücktheit! Nie werde ich zu deiner und deinesgleichen Spielpuppe! Wie immer du mich auch zwingen willst!“
Bode ging bedächtig zur angrenzenden Tür. „Ich werde dich nicht zwingen. Du wirst es aus freiem Willen und tiefstem Herzen tun.“ Er steckte den Kopf in den Nebenraum und sprach ein paar Worte. „Wenn Sie nun eintreten möchten ...“
Dann trat Bode zur Seite und gab den Weg für einen Mann frei, der aus dem Dunkel des angrenzenden Zimmers in den Raum trat.
Goethe und Lewis erkannten ihn sofort: Urbino Leone, der Geisterbeschwörer, den sie in Tiefurt kennengelernt hatten.
Leone sah sich überheblichen Blickes um. Er trug wieder den nachtblauen Rock mit den goldenen Litzen an den Aufschlägen, was zeigte, dass dies kein schillerndes Kostüm für seine Auftritte war, sondern vielmehr dessen Kleidungsgeschmack entsprach. Doch davon abgesehen erinnerte nur wenig an den Mann, der im Sommer seine Kunststücke vollführt und Lewis mesmerisiert hatte. Zwar schwang sich immer noch der schwarze Schnurrbart von der Nase zu den Wangen hin, doch die Züge Leones waren verändert. Er schien nicht mehr so ausgemergelt und bleich, die Augen waren nicht mehr beschattet, und die tiefen Falten um Nase und Mund schienen aufgefüllt. Er hatte in den vergangenen Monaten zugenommen. Doch immer noch setzte er seine Schritte grazil, und die Augenbrauen wölbten sich in Bögen, die Dreistigkeit und Arroganz ausstrahlten.
Als er sich ihm und Goethe näherte, gewahrte Lewis, dass der sachte den Kopf bewegte, als bemerke er etwas, das er sich nicht erklären, nicht vorstellen konnte.
Dann war Leone heran, er lächelte anzüglich, und seine Schnurrbartspitzen zitterten wie die Fühler eines ekligen Kerbtiers, wie es Lewis schien.
Leone fixierte Goethe mit seinen stechenden Augen, sagte kein Wort, sondern griff an seinen Schnurrbart und riss ihn sich von der Oberlippe.
Lewis sog erschrocken die Luft ein, doch Goethe war regelrecht entsetzt. Er keuchte und brachte dann ein Wort über die Lippen, dem Lewis jedoch keine Bedeutung beimessen konnte.
„Balsamo!“
Der Angesprochene schmunzelte und warf Goethe den falschen Oberlippenbart gegen die Brust. „Wie schön, dass Sie mich erkennen“, brummte er mit weichem Akzent. „Gleichwohl würde ich bevorzugen, wenn Sie mich Graf Cagliostro nennen, wie es sich geziemt und mir zusteht.“
Goethe schnaubte: „Hochstapler!“
„Sie müssen es ja wissen, Geheimrat!“, entgegnete Balsamo. „Nachdem Sie sich so kundig über mich ausgelassen haben ...,“ – nun wurde er lauter, und sein Akzent verstärkte sich – „... mich diffamiert und lächerlich gemacht haben mit Ihrem unerträglichen Lustspielchen aus dem vorigen Jahr, Der Groß-Cophta! Ein weiterer Beweis, dass Ihr literarischer Stern im Sinken begriffen ist! Von Ihrer abscheulichen Bloßstellung meiner Familie durch jene andere Schrift ganz abgesehen. Meine arme Mutter und Schwester in Palermo heimzusuchen und ihnen Unwahrheiten und Lügen zu entlocken! Mich als Ungeheuer darzustellen! Aber ich werde mich rächen! Schon bald werden Sie ...“
„Balsamo!“, schalt Bode quer durch den Raum. „Zügeln Sie sich! Dies ist nicht Ihre persönliche Blutrache! Sie sind hier, um einer größeren Sache zu dienen.“
Balsamo murrte und wandte sich brüsk von Goethe ab.
Der rief dem Italiener aufgeregt hinterher: „Aber die Inquisition in Rom hat Sie doch im vergangenen Jahr der Ketzerei angeklagt und im päpstlichen Gefängnis eingekerkert! Ich selbst habe davon ...“
Balsamo blickte finster lächelnd über die Schulter zurück. „Dort schmachtet ein bedauernswerter Doppelgänger. Ich weile seit einem halben Jahr als Gast bei Signore Bode und lasse es mir wohlergehen.“
Goethe spie trocken aus. „Zu vorgeblicher alter Größe sind auch Sie nicht wieder gekommen, Balsamo! Der Kerker hat sie wohl schwach werden lassen, wenn ich mich des kläglichen Versuchs in Tiefurt entsinne, mich zu mesmerisieren.“
Lewis hätte dem Geheimrat liebend gern widersprochen, da er sich lebhaft an sein eigenes Erlebnis dieser Art erinnerte, doch schwieg er aus begreiflichen Gründen.
Außerdem wirbelte Balsamo wutentbrannt herum, machte einen gewaltigen Schritt auf Goethe zu und streckte die Hand wie zum Würgegriff aus. Aber noch bevor ihn Bode erneut zur Mäßigung aufrufen konnte, zügelte sich Balsamo. Er entspannte seine Züge und ließ die Hand sinken. „Wir werden sehen“, sagte er knapp und ging zu Bode hinüber.
Goethe war offenkundig zufrieden, Balsamo mit seinem Spott getroffen zu haben. Nun jedoch, als dieser sich neben Bode aufbaute und beide verschworen lächelten, verschwand der gelöste Ausdruck von seinen Zügen, und Lewis fragte sich, was der Geheimrat erkannt haben mochte.
„Sie wollen es nochmals versuchen“, sagte dieser.
Bode klatschte leise in die Hände. „Ich bewundere deine Auffassungsgabe, Abaris, und wie du bereits anmerktest: Wie auch immer ich dich zwingen möge, du würdest nie zu meiner Spielpuppe. Mit Balsamos Hilfe jedoch wirst du glauben, du tätest alles, was ich von dir will, aus eigenem Antrieb.“
Balsamo hatte mit den Mundwinkeln gezuckt, als er mitanhören musste, wie Bode ihn zum wiederholten Male mit seinem Geburtsnamen anredete und nicht mit dem selbstverliehenen Titel, unter dem er an den Fürstenhöfen Europas als Alchimist und Wunderdoktor aufgetreten war. Dennoch verneigte er sich nun galant.
„Ich darf Sie berichtigen, Geheimrat“, sagte er in weichem Tonfall. „Damals in Tiefurt wollte ich Sie mitnichten mesmerisieren. Ich wollte nur Ihren Willen, Ihre Stärke, die Widerstandskraft Ihres Geistes prüfen. Nun aber, da ich wieder im Vollbesitz meiner Kräfte bin und ich mich lange habe vorbereiten können, werde ich Ihre Wandlung vollziehen. Vom anmaßenden Staatsdiener zum weisen Herrscher ... unter unserer geheimen Führung!“
Bode schien es nicht recht genehm zu sein, dass Balsamo sich auf eine Stufe mit ihm stellen wollte. Doch er verbarg das Unbehagen, das kurz über sein Gesicht geglitten war, indem er harsche Befehle austeilte: „Schluss mit dem Gerede! Es ist Zeit!“
Er wandte sich an seine Häscher, die Goethe und die beiden jungen Männer in Schach gehalten hatten. „Ergreift sie und schafft sie hinunter, wir werden gleich beginnen!“
Man packte Lewis unsanft und führte ihn zusammen mit Hardenberg und Goethe aus dem Raum, den Gang entlang und die Treppen hinab. Während man ihn abführte, hörte er Bode mit Balsamo sprechen, konnte aber nicht verstehen, was gesagt wurde. Ihre Bewacher drängten sie die Treppen hinab, und Lewis ahnte, wohin der Weg sie führte: in den unterirdischen Versammlungssaal der Schwarzen Brüder. Auch Hardenberg erkannte es, und unter seinem von Schmerz verzerrten Gesicht – einer der Maskierten führte ihn am Arm, die behandschuhte Faust um die notdürftig bandagierte Wunde gekrallt – flammte ein Ausdruck von Furcht auf.
Es war unabwendbar, dass die Schwarzen Brüder ihn töten würden, da er ihnen weder wie Goethe als künftige Regentenfigur noch wie Lewis als unwissender Botschafter in England dienlich sein könnte. Dennoch würden die Verschwörer sicher nicht auf gnädige Weise mit ihm verfahren, wenn sie die übel zugerichtete Leiche ihres Anführers entdeckten.
Lewis erkannte, was in Hardenberg vor sich ging, und wagte nicht, ihn anzusehen. Goethe dagegen schritt hocherhobenen Hauptes seinem Schicksal entgegen.
Im Keller berührte einer der Maskierten einen verborgenen Hebel, und das Regal mit den Kerzen schwang beiseite, ganz so, wie Lewis es vermutet hatte. Einige der Schwarzen Brüder traten vor, dann stießen die anderen ihre Gefangenen in den Gewölbesaal hinein.
Lewis sah die dunkle Gestalt auf dem Boden liegen, und schon wurden Aufschreie laut. Zwei der Revolutionäre liefen zu dem Toten hin, erkannten, dass es ihr Befehlshaber war, und spähten sodann mit gezückten Waffen nach vermeintlichen Eindringlingen. Fünf Männer liefen durch die Tür zu dem kleinen Vorraum, der in das unterirdische System von Gängen führte, um nach Anzeichen eines Angriffs zu suchen, doch kamen sie rasch wieder zurück.
„Es droht keine Gefahr, wir sind nicht entdeckt“, rief einer.
„Aber wer hat dann Didakus getötet?“, fragte ein anderer.
Zwei weitere waren mittlerweile neben der Leiche niedergekniet, und einer hob den Säbel empor. „Das ist nicht Didakus’ Waffe!“ Ein anderer nahm derweil das geborstene Gewehr auf.
Da griff der Maskierte, der Hardenberg am Arm gepackt hatte, an seine Seite und betrachtete den Degen, den er seinem Gefangenen abgenommen hatte. Lewis sah, wie Hardenberg die Augen schloss.
„Aber dies ist sie!“, rief der Maskierte und drehte Hardenberg so zu sich herum, dass er ihm in die Augen sehen konnte. „Du hast ihn erschlagen und seinen Degen gestohlen!“
Einer der Männer neben der Leiche des Mannes, dessen Ordensname Didakus gewesen war, stand auf und hob das Gewehr. „Er wurde hiermit grausam zugerichtet.“ Dann zeigte er auf Lewis. „Wenn ich mir das Blut ansehe, das der da an seinen Kleidern hat, so scheint er mir zweifellos der Mörder zu sein!“
„Das ist gleich!“, stieß ein anderer voller Hass aus. „Tötet sie beide! Von Nutzen ist nur der Geheimrat!“
Schon näherten sie sich bedrohlich, während Lewis und Hardenberg von ihren Bewachern noch unsanfter gepackt wurden. Dolche zuckten mit einem Mal aus Kleidung und Gürteln hervor, blitzten tödlich im Fackelschein.
Das ist das Ende, dachte Lewis, doch in diesem Augenblick dröhnte eine gewaltige Bassstimme durch das Gewölbe. „Halt!“, rief Bode, und sogleich hielten die Männer inne, und die Dolche senkten sich. „Ohne meinen Befehl wird hier niemand hingerichtet!“ Er warf den beiden jungen Männern geringschätzige Blicke zu. „Selbst die da nicht.“
Bode war zusammen mit Balsamo in den unterirdischen Saal getreten, jedoch nicht durch den Kellereingang, wie es Lewis schien. Die beiden schritten von der Seite zwischen den Säulen her, und an der Wand hinter ihnen glaubte Lewis zu sehen, wie sich eines der dort gereihten Banner sacht bewegte. Eine weitere Geheimtür musste dahinter liegen.
Dann war Bode heran, bedeutete den Maskierten mit herrischen Gesten, die Dolche verschwinden zu lassen, und wies dann auf Lewis und Hardenberg. „Wenn Balsamo Goethe gefügig gemacht hat, sind diese beiden hier als nächste dran. Der junge Engländer wird mein erster getreuer Gewährsmann in England sein, und der junge Herr von Hardenberg wird die Stelle einnehmen, an der seit dem Tode Cetaos’ eine so schmerzliche Leere klafft. Er wird unser neuer Ordenszensor, und ich verspreche, er wird noch herrischer und strikter sein als sein Vorgänger!“
Er sah Hardenberg an. „Eine feine Ironie des Schicksals, die Rolle seines Erzfeindes übernehmen zu müssen, nicht wahr?“
In Hardenbergs Gesicht zitterten die Muskeln, doch er antwortete nicht. Schließlich ließ er den Kopf hängen und sah auf seine Schuhspitzen.
Bode wandte sich an die Maskierten. „Schafft den Leichnam hier hinaus, Balsamo kann keine solche Ablenkung gebrauchen! Didakus wird später sein ehrenvolles Begräbnis erhalten!“
Zwei der Männer schritten zu dem Leichnam hin und hoben ihn vorsichtig auf.
„Ihr anderen“, befahl Bode weiter, „richtet alles so her, wie Balsamo es wünscht! Bindet den Geheimrat an meinen Sessel!“
Bode lächelte zu Goethe hinüber. „Ehre, wem Ehre gebührt, Abaris!“
Goethe wollte etwas Scharfzüngiges erwidern, doch Bode übertönte ihn. „Postiert euch dann an den Türen! Wir können während der Zeremonie keine Störung brauchen!“
Während die Schwarzen Brüder durch den Saal gingen und nach Balsamos Anweisungen Stühle verrückten, Feuerschalen aufstellten und entzündeten und Goethe auf den großen, mit kryptischen Schnitzereien verzierten Lehnstuhl fesselten, der am Kopf der Tafel gestanden hatte, wandte sich Bode wieder an Lewis und Hardenberg. Diese standen nun ohne Wächter da, doch sprach aus ihrer Körperhaltung nur zu deutlich, dass sie keinen Fluchtversuch zu unternehmen wagten.
Bode sprach in Zimmerlautstärke auf die beiden ein, so dass kein Wort zu den geschäftigen Männern dringen konnte. „So habt ihr also den heißspornigen Didakus überwältigen können ... zwei kühne Knaben! Aber mir soll’s recht sein. Der Bursche war zu machthungrig und versessen, zu selbstverliebt. Ich hätte mich früher oder später seiner entledigen müssen. Nun, da ihr dies für mich getan habt, muss ich meine Finger nicht beschmutzen, und ich zürne euch auch nicht.“
Dann begannen seine Augen, sich drohend zu verengen. „Dass ihr jedoch meinen geschätzten Löber getötet habt ...“ Bode ballte die fleischige Hand zur Faust. „Ich hätte Krafft schon längst auslöschen sollen – aber ich werde seiner nicht habhaft. Er scheint wie ein Geist, der immer auftaucht, wo man ihn nicht vermutet, und wo man ihn vermutet, dort bleibt er nie lange.“
Lewis lächelte schwach bei diesem Gedanken und ertappte sich dabei, verstohlen die Maskierten zu beobachten. Möglicherweise ...
Bode hatte seinen Zornesausbruch wieder unter Kontrolle. „Löber war ein treuer Diener, sogar über den Tod hinaus – nicht wahr, Herr Lewis?“ Er funkelte Lewis an, dem dabei und durch die Erinnerung an den unheimlichen Magister ein kalter Stich durch den Magen fuhr.
„Ich erwähne dies nur, damit Sie beide völliges Vertrauen in die Kräfte und Fähigkeiten Balsamos haben. Sie stimmen mir sicher zu, wenn ich finde, dass jemand, dem es gelingt, Leben in einen toten Körper zu zwingen, ohne Schwierigkeiten die Gedanken eines Lebendigen beeinflussen kann?“
Er rieb sich nachdenklich seine Kinnfalten. „Zumindest wird dieses Unterfangen von längerer, erfolgreicher Dauer sein. Ich finde es bedauerlich, dass die Kraft des wiederauferstandenen Löber nicht reichte, Sie zu erwürgen, Lewis.“
Bode zuckte die schweren Schultern. „Aber so können Sie mir anderweitig von Nutzen sein. Ich verschwende nicht gern, und warum sollte ich dies mit Menschen oder Talenten tun? Balsamo wird seine Fertigkeiten noch zur Genüge anwenden können. An Ihnen unter anderem.“ Er hob mit sanfter Geste Hardenbergs Kinn an. Dieser zeigte keine Regung, sah mit müdem Blick in den Raum.
„Mit Ihnen werden wir auch Professor Schiller endgültig überzeugen können, sich uns anzuschließen.“ Bode zog die Hand weg, und Hardenbergs Kopf senkte sich wieder.
„Apropos“, begann Bode, „wo mag sich Ihr Freund, der junge Herder, befinden? Er war doch auch zu Goethe geladen.“ Er nickte langsam. „Ich hoffe, ihm geschieht nichts, wenn er so allein auf den Straßen umherirrt, auf der Suche nach Hilfe ...“ – dabei fasste er Lewis scharf ins Auge – „... nach der Sie ihn so leichtherzig geschickt haben! In den Wahnsinn der Stadt!“
Bode weidete sich einen Augenblick an Lewis’ bangem Ausdruck, dann fuhr er fort: „Aber es mag ihm nichts geschehen, schließlich ist er ja der Sohn unseres geschätzten Bruders Decanus.“
Lewis öffnete erstaunt den Mund.
Bode nickte gehässig. „Ja, Superintendent Herder ist Illuminat. Überrascht Sie das? Fühlen Sie sich irritiert? Gerät Ihr Weltbild ins Wanken?“, triumphierte Bode. „Das ist genau richtig. Sie sollten sich nirgends sicher fühlen, wir sind überall! Aber grämen Sie sich nicht, denn binnen kürzester Zeit werden Sie ein glühendes Mitglied sein ...“ Bode wollte noch etwas hinzufügen, da hörte man Balsamos Stimme.
„Es ist bereit!“
„Nun denn!“, wandte Bode sich an Lewis und Hardenberg. „Folgen Sie mir, und werden Sie Zeuge eines großen Augenblicks: der Geburt des neuen Herrschers von Weimar!“
Bode führte die beiden jungen Männer mit spöttischer Geste dort hinüber, wo Goethe in dem mächtigen Armstuhl saß, die Handgelenke an die Lehnen gebunden und von vier Feuerschalen auf eisernen Dreifüßen umstanden, in denen glühende Kohlen rauchten. Balsamo hatte sich vor Goethe aufgebaut, die Arme verschränkt und mit geschlossenen Augen. Der Geheimrat saß ganz ruhig dort, doch atmete er schwer und zornig.
Bode trat zu ihm. „Ich warne dich! Sträube dich nicht“, mahnte er. „Ich kann dich gefügig machen.“
Er griff in seinen Rock und förderte eine kristallene Phiole hervor, in der eine helle Flüssigkeit das Licht einfing.
„Gift?“, lachte Goethe bitter. „Du müsstest wissen, dass ich von Herzen gern in den Tod ginge, wenn ich dafür nicht zu deinem Werkzeug werde.“
Bode schwenkte das kleine Behältnis vor Goethes Augen. „Nein. Das Aqua Tophana wird dich nicht umbringen.“ Dann näherte er sich mit seinem Gesicht dem Goethes. „Nicht direkt. Es wirkt langsam. Sehr langsam. Es wird dich erst nach Ablauf eines Jahres umbringen, so dass du mir in dieser Zeit sehr wohl zu Diensten sein wirst. Die erfreuliche Wirkung ist zudem, dass es hier und jetzt deinen Willen brechen wird.“ Bode schwieg einen Moment. „Also sträube dich nicht und lebe glücklich bis an dein natürliches Ende.“
Goethe antwortete nicht, doch seine Kiefermuskeln arbeiteten.
„Gut“, meinte Bode.
Dann wandte er den Kopf ab, ging zu Balsamo und nickte.
„Löscht das Licht“, befahl dieser.
Daraufhin senkten die Maskierten, die sich neben den Säulen mit den Fackelhaltern postiert hatten, die Feuerbrände in eiserne Vasen mit Wasser. Dampf stieg zischend auf, und dann war es finster im unterirdischen Saal. Nur die Kohlenbecken strahlten ihren rotglühenden Schimmer aus.
Für einige Lidschläge konnte Lewis kaum etwas erkennen. Dann gewöhnten sich seine Augen schrittweise an das Zwielicht. Er sah, dass Balsamo begann, beschwörerisch zu gestikulieren und unverständliche Worte zu flüstern. Langsam umkreiste er den Fauteuil, auf dem Goethe saß, und damit auch die vier Becken mit der schwelenden Kohle darin. Wieder vollführte er Gesten.
Lewis meinte, in Bodes Gesicht so etwas wie verdrossene Langeweile zu erkennen, doch mochte ihm das schwache Licht auch einen Streich spielen. Jedenfalls trat Bode einige Schritte vom Ort des Schauspiels zurück, als wolle er diesem nicht aus nächster Nähe beiwohnen, da es ihn zu wenig interessierte.
Balsamo hatte seine Runde beendet und war wieder am Ausgangspunkt direkt vor Goethe angelangt. Herrisch riss er die Arme in die Höhe, und in diesem Augenblick begann es in den Kohleschalen aufzuzischen. Lewis schrak zusammen, Hardenberg auch. Dann züngelten kleine, blaue und grüne Flämmchen über die Glut, tanzten auf und ab und produzierten dichten, langsam aufsteigenden Rauch, der von ihrem Licht türkisfarben beleuchtet wurde. Ein schwerer, drückender Geruch wie von fremdländischen Spezereien machte sich breit. Lewis merkte, wie ihm der Kopf davon leicht wurde, und er sah, wie der Rauch sich allmählich in dem Saal verteilte und wie ein Nebel in einer bläulichen Schicht zwischen Boden und Decke zu schweben begann. Die bläulichgrünen Flämmchen stachen noch immer aus den Becken hervor und knisterten sacht.
Balsamo trat zu einer der Kohleschalen, fuhr mit den Händen durch die Flammen, offenkundig, ohne Schaden zu nehmen, und zeigte dann auf Hardenberg. Der zuckte überrascht, und im selben Augenblick fuhr erneut heller Rauch aus der Schale, der zur Decke stieg. In dem Gewirbel schien Hardenberg Dinge zu erkennen, denn Lewis sah, wie sich dessen Augen weiteten und er wie im Traume sprach: „Ein Mädchen im grünen Halstuch. Sie lebt in einem ockerfarbigen Schloss. Die Philosophie, meine Braut, und sie ... oh nein, oh nein, sie stirbt!“
Lewis sah voller Mitleid, wie sich die Augen Hardenbergs mit Tränen füllten.
Er sprach mit dumpfer Stimme weiter. „Ein Fremdling ist da, umspielt von Blütenstaub ... nach Sais, nach Sais ... die Nacht, ein Lied an sie ... und die Blume ...“
Hardenberg schwankte, und Lewis wollte den Arm ausstrecken, um ihn zu stützen, doch seine Glieder gehorchten ihm nicht. Er fühlte sich wie von Wasser umhüllt.
„Das Lied der Toten“, hauchte Hardenberg und sah starr in die Flammen. Der Strom aus Rauch, der von dieser Schale aufgestiegen war, versiegte.
Im gespenstischen Schein sah Lewis, wie Balsamo zur nächsten Schale schritt und wieder mit den Händen durch die Flämmchen strich. Wieder quoll Rauch empor, und dieses Mal richtete sich der scharf geführte Zeigefinger des Mesmeristen auf Lewis selbst.
Lewis schlug mit den Lidern. Dort in der Säule aus schimmerndem Rauch sah er die Gestalt eines Mannes in klösterlichem Habit. Das Bild verschwamm, bewegte sich mit dem Wallen des Rauches, und doch war es für ihn unzweifelhaft zu erkennen. Worte und Begriffe strömten von dem Mönch auf ihn ein, und Lewis spürte, wie sich sein Mund öffnete und schloss, wie sein Atem eben diese Worte ausstieß, ohne dass er dies bewusst herbeigeführt oder zu unterbinden vermocht hätte. Er hörte sich von Ministern und Burggeistern sprechen, von Wunderfabeln und Gefangenen, von Harfnerstöchtern und Venezianern, von Walddämonen und Tartarenherrschern, und schließlich sah er seinen eigenen Tod.
Dann löste er sich aus diesem Wachtraum. Er sah, wie Hardenberg ihn verstört anschaute und wusste nicht, warum. Eben noch hatte er die Rauchsäule aufsteigen sehen, nun war sie schon im Raum verhaucht, ohne dass er sich zu erinnern vermochte, was in dem Zeitraum dazwischen geschehen war.
Der Blick Hardenbergs erfüllte ihn mit der Vermutung, dass er im Bann des grünen Rauches Ähnliches von sich gegeben haben musste wie dieser. Für einen Augenblick dachte er darüber nach, Hardenberg nach seinen eigenen Aussprüchen zu fragen. Oder sollte er es doch nicht tun? Hardenberg schien bestürzt gewesen zu sein, obgleich er nun keine Anzeichen mehr davon zeigte. War es klug, sich auszutauschen und so die nun glücklich vergessenen Schrecken erneut und für immer zu erfahren? Doch dann entsann er sich, dass dazu wohl keine Gelegenheit mehr bleiben würde, da sie alle ...
Balsamo war zum nächsten Kohlenbecken geschritten und wollte gerade seine Gesten vollführen, als Bodes Stimme überaus zornig aufdröhnte.
„Schluss damit! Die Spukbildnisse können Sie vor empfindsamen Hofschranzen und schwärmerischen jungen Herren beschwören! Tun Sie, was Ihnen aufgetragen ist!“
Balsamo hatte sich fahrig umgedreht, als habe Bodes Ausbruch ihn selbst aus einer Art Traum auffahren lassen. Noch ehe er etwas entgegnen konnte, knurrte Bode weiter: „Als nächstes hätten Sie wohl mir etwas mit Ihrem Hokuspokus vorgaukeln wollen ...“ Er trat wieder ins schwache Licht der Feuerschalen. „Oder dem Geheimrat. Doch der muss seinen Geist nun für anderes bereithalten. Balsamo, beginnen Sie!“
Goethe war all dem reglos gefolgt. Doch nun, als Balsamo zwei hohe Kerzenleuchter hinter seinem Stuhl hervorholte und sie neben den Lehnen aufstellte, die beiden einzelnen Wachslichter entzündete und sich deren Schein über sein Gesicht ergoss, sah Lewis, wie der Schweiß an den Schläfen des Geheimrats herunterrann. Nichts erinnerte mehr an den selbstsicheren Mann, der vor Monaten den Beschwörungen Balsamos mit Stolz und Überheblichkeit begegnet war. Goethe schien wirklich vor dem zu bangen, was nun bevorstand.
In Balsamos Hand erschien sein mesmerisches Pendel mit dem taubeneigroßen Kristall, das Lewis sogleich erkannte. Schillernd brach sich das Licht der Kerzen darin und schien Regenbögen durch den finsteren Saal zu senden.
„Ein wunderbares Schauspiel!“, rief Bode, und Balsamo wandte ihm verstört den Kopf zu. Er war auf diese Störung nicht gefasst gewesen, hatte mit der Mesmerisierung des Geheimrats beginnen wollen.
Bode klatschte in die Hände. Als sei dies ein verabredetes Zeichen, bewegte sich einer der Maskierten und verschwand, so glaubte Lewis zu erkennen, durch die Geheimtür hinter dem Banner, durch die zuvor Bode den Saal betreten hatte.
Bode machte eine beschwichtigende Geste in Richtung Balsamo. „Sie werden gleich fortfahren können. Aber ich meine, es sei zunächst an mir, eine kleine Erscheinungszauberei zu wirken. Sie, Balsamo, haben die anwesenden jungen Herren vortrefflich verwirrt und eingeschüchtert. Ich habe aber das Bestreben, dies bei unserem Hauptgast selbst vorzunehmen.“ Bode legte den Finger an seine Kinnwülste. „Doch ich will mich verbessern. Nicht verwirren und einschüchtern will ich Goethe, sondern ihm ein Stück seiner Zukunft vor Augen halten. Ich will dem bald regierenden Herrscher von Weimar seine Krone darbieten!“
Er umfasste seine Hände und lächelte, als erfülle ihn eine unbändige Freude.
Lewis fragte sich, welche Teufelei Bode ersonnen hatte. Was konnte ihm daran liegen, Goethe jetzt, in diesem Augenblick, irgendein Gebilde aus Gold und edlen Steinen vorzuführen?
Da raschelte der Vorhang, und der Maskierte kehrte zurück, diesmal mit einem Kandelaber in der Faust. Lewis reckte den Hals. Der Mann trug nichts anderes in den Händen. Stattdessen hielt er das an der Wand befestigte Banner hoch und trat zur Seite, als wolle er jemandem den Eintritt erleichtern. Lewis erkannte, dass sich an dieser Stelle tatsächlich eine Geheimtür befand, und in deren Rahmen erschien nun eine Gestalt, die erhobenen Hauptes in das Gewölbe trat. Es war eine Frau. Ihr helles Haar wallte vom Haupt, ihr elfenbeinfarbenes Kleid schimmerte, und ihr Antlitz schien so kalt und schön, als sei es aus Marmor. Lewis betrachtete sie aufmerksam, als sie mit leicht gesetzten Schritten näher kam, und dann erkannte er sie.
Bode ging der Frau entgegen, reichte ihr höflich den Arm und führte sie zu Goethes Armsessel und um diesen herum. Der Maskierte mit dem metallenen Kerzenleuchter war im Dunkel zurückgeblieben und hatte die Kerzen wieder gelöscht.
Nun trat Bode mit der Frau in den Lichterschein. „Ich darf dir deine zukünftige Fürstin, die Frau an deiner herrschaftlichen Seite vorstellen.“
Goethes Augen weiteten sich. Die Frau lächelte kalt.
Es war Corona Schröter. „Guten Abend“, sagte sie sanft.
„Crone“, antwortete Goethe, der seinen ersten Schrecken überwunden hatte und dessen Geist in diesem Augenblick rasch zu erfassen begann, was hier gespielt wurde. „Du bist von solchem Abscheu gegen mich erfüllt, dass du mit diesen Individuen gemeinsame Sache machst?“
Corona Schröter lachte. „Ich dich verabscheuen? Du weißt, das Gegenteil ist der Fall. Du hast dich von mir abgewandt!“ Eine Falte erschien zwischen ihren Brauen, wie von einem plötzlichen Meißelschlag in ihre perfekte Stirn getrieben. „Für jenes bäurische Geschöpf ...“
„Corona!“, sagte Bode nachsichtig, aber doch mit deutlichem Unterton. „Mäßige dich! So ein Ausdruck in Wort und Antlitz steht einer künftigen Fürstin nicht gut zu Gesicht. Wenn es dich nach kleinen Racheakten gelüstet, so bedenke, dass du sie in kürzester Zeit kalt genießen kannst. Du darfst mit Nebenbuhlerinnen umspringen, wie es dir beliebt ...“
Corona Schröters Züge glätteten sich wieder. „Das ist wahr.“ Sie überlegte kurz, lächelte dann wieder sphingenhaft und hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. Diese legte sie Goethe auf die Lippen, der voll Ekel den Kopf zur Seite drehte. Corona Schröter übersah dies ohne eine Gefühlsregung und wandte sich dann stolz ab. „Bis später“, verabschiedete sie sich leise und schritt dann in die Schatten der Säulen hinein.
Lewis folgte ihr mit den Blicken, sah, wie sie sich neben eine Säule stellte, von der sie einen guten Blick auf Goethe und Balsamo hatte. Lewis sah auch, wie sie langsam den Kopf wandte und ihn dann plötzlich ansah. In ihren Augen schien es aufzublitzen, als erkenne sie ihn wieder, und das leichte Nicken, mit dem sie ihn grüßte, sandte Lewis ein stechendes Gefühl den Rücken hinab. Er hoffte, das matte Licht hatte ihn getäuscht, als er glaubte, ein anzügliches Lächeln in ihren Mundwinkeln bemerkt zu haben.
Bode befahl Balsamo, mit seiner Prozedur fortzufahren.
Das kristallene Pendel begann zu schwingen, warf seine bunten Strahlen ins Dunkel, und Balsamo begann in dessen Takt seinen monotonen Singsang.
Lewis spürte die mesmerisierende Kraft des blitzenden Lichtes und der einlullenden Worte selbst über das Halbdutzend Schritte, das er entfernt stand. Wie sollte dann Goethe dem widerstehen können? Tatsächlich wurde dessen Blick unter den flatternden Lidern trübe, seine Züge verloren ihre Spannung und sanken hinab. Goethes Finger, die sich zuerst noch um die Lehnen des Stuhles geklammert hatten, lockerten ihren Griff, und auch die Schultern Goethes fielen in sich zusammen.
Bode betrachtete dies mit offenkundiger Genugtuung und begann, siegessicher zu lächeln, als Goethe leise begann, die ihm von Balsamo eingegebenen Worte zu wiederholen.
Lewis blickte aus den Augenwinkeln zu Hardenberg, der ganz ruhig dastand und keine Gefühlsregung zeigte. Was mochte in ihm vorgehen? Lewis sah das grausame Schauspiel, in dem Goethes Willen und Geist gebrochen wurde, mit immer größerer Verzweiflung. Konnte er etwas tun? Für einen Augenblick überlegte er, hinzuzustürmen und den Bann zu brechen, den Balsamo über Goethe gelegt hatte. Doch dann erinnerte er sich an die Maskierten, die überall im Saal verteilt standen und ihre geladenen Musketen neben sich hatten. Sicher würden sie es nicht leicht haben, einen fehllosen Schuss auf ihn abzugeben, wenn er sich nun durch das Zwielicht auf Balsamo stürzte. Aber selbst dann – was würde er erreichen? Würde der Vorgang unterbrochen, konnte Balsamo wiederum beginnen, sobald Lewis unschädlich gemacht war.
Aber was, wenn er den Kristall zerstörte?
Lewis verwarf auch diesen Gedanken, denn warum sollte Balsamo nicht ein weiteres Pendel besitzen, das er ebenso verwenden konnte? Jedoch – Lewis spürte sein Herz heftiger schlagen – wenn Balsamo selbst nicht mehr das Pendel führen könnte, wenn er nicht mehr wäre, dann wäre der Geheimrat gerettet.
Doch Lewis hatte keine Waffe, und es würde ihm nicht gelingen, einem der Maskierten Dolch, Degen oder gar Muskete zu entreißen. Selbst wenn, würde man seine Tat vereiteln, ehe er sie vollenden konnte.
Lewis spürte, wie sich sein Magen krümmte. Es war ausweglos, was immer er auch ersann.
Als er wieder zu Goethe blickte, sank aller Mut. Der wirkte starr, hölzern, wie die Puppe, als die Bode ihn sich wünschte. Inzwischen hatte Balsamo begonnen, lauter und eindringlicher auf sein Opfer einzureden. Offenbar trat die mesmerische Prozedur nun in den entscheidenden Abschnitt. Auf Balsamos Stirn hatte sich Schweiß gebildet, er schien von seiner Tätigkeit sehr eingenommen und angestrengt. Bode dagegen wirkte gelöst, voller freudiger Erwartung. Er verfolgte jede Gebärde und jedes Wort Balsamos mit leise wiegender Bewegung seines Kopfes, seine Finger waren ineinander verschränkt und zuckten voller Ungeduld. Balsamo schwang das Pendel vor Goethes Augen nun nicht mehr hin und her, sondern ließ es eine schnelle Kreisbahn beschreiben. Das Zucken der bunten Blitze wurde verwirrender, und Lewis schloss die Augen, um nicht geblendet zu werden, denn Balsamos Worte schienen auch eine Wirkung auf ihn zu haben. Er fühlte sich benommen und glaubte, das Blut in seinen Ohren pochen zu hören.
Lewis öffnete die Augen wieder und schüttelte den Kopf. Das Pochen blieb.
Doch es schien von weiter her zu kommen als aus seinem eigenen Kopf. Zudem schienen auch die anderen es zu hören. Hardenberg warf ihm einen überraschten Blick zu, in dem ein Funken Hoffnung aufglomm. Bode drehte sich verwirrt um, in der Gruppe der Maskierten kam Unruhe auf, einzig Balsamo war in sein Tun vertieft.
Das Pochen schwoll binnen weniger Lidschläge zum Hämmern an, und plötzlich barsten die Türen des Saales nach innen. Sowohl durch die Tür von Bodes Haus als auch von den unterirdischen Gängen her stürmten Soldaten in das Gewölbe ein. Die an den Türen postierten Verschwörer gingen zu Boden, wurden niedergerannt, sprangen aber sogleich wieder auf und begannen mit ihrer Gegenwehr. Fäuste und Klingen flogen und trafen.
Jetzt brach ein ohrenbetäubender, sinnverwirrender Tumult los. Bode brüllte Befehle, seine maskierten Schergen bestätigten sie und richteten sogleich ihre Musketen auf die Angreifer. Diese schwärmten aus, suchten Deckung im Schutze der Säulen, und auch ihnen wurden Befehle entgegengeschrien. Lewis drehte sich verwirrt um, sah, dass Balsamo wie schlaftrunken umherwankte und Bode in die Richtung lief, in der ein helles Kleid im Dunkel schimmerte. Dann spürte er Hardenbergs Hand an seinem Arm, und im selben Augenblick hörte er die Stimme des Garnisonskommandeurs Wilhelm von Germar etwas brüllen, aus dem er nur Bruchstücke von Ergeben und Senken der Waffen verstehen konnte, so sehr hallte das Gewölbe von Stimmen und Schritten wider. Doch es kam noch schlimmer: In das Tönen von klingenden Waffen und das Ächzen der Kämpfenden brach ein Schuss! Im nächsten Augenblick stürmte ein wahres Gewitter von Pulverblitzen und Mündungsdonner los, als Soldaten und Maskierte nahezu blind aufeinander anlegten und feuerten. Lewis fühlte sich von Hardenberg zu Boden gerissen, im Fallen sah er, wie Goethe benommen die Beine ausstreckte und damit den vorbeitaumelnden Balsamo zu Fall brachte. Im Sturz riss der Goethe samt Sessel um und glücklich aus der Schusslinie. Schreie hallten, Kugeln schlugen in Mauern, und eine der Feuerschalen kippte, und aus ihr ergoss sich ein Schwall von Funken und glühenden Kohlestücken, die wie flammender Hagel durch den Raum flogen. Zwei Fahnen an den Wänden fingen Feuer, die Schriftstücke eines der niederen Regale gerieten in Brand, und die Flammen erhellten grell den unterirdischen Saal. So rasch wie der Feuersturm aufgekommen war, legte er sich auch wieder, die Schützen nahmen sich keine Zeit zum Nachladen, sondern drängten nun mit gezogenen Säbeln und Degen aufeinander ein.
Doch das Gefecht währte nur kurz, zu groß war die Übermacht der Soldaten, und im Nu waren die überlebenden Maskierten festgesetzt und gebunden. Fackeln flammten auf, und Lewis sah sich voller Dank aus der scheinbar ewig währenden Dunkelheit auftauchen.
Mit dem Licht trat eine bekannte Gestalt an ihn heran. Herder war nach den Soldaten in das Gewölbe getreten und half nun Lewis und Hardenberg auf. Um sie herum schoben und stießen die Soldaten die gefangenen Schwarzen Brüder in Richtung der Ausgänge, andere versorgten ihre Verletzten.
„Es geht euch gut!“, rief Herder und legte aufgelöst die Hand auf die Brust. Er war verschwitzt, seine Kleider waren zum Teil zerrissen, und er hatte Prellungen und Abschürfungen im Gesicht. „Das war ein Abenteuer, sich durch die tobende Stadt zu kämpfen! Gottlob traf ich ...“
Er stockte und blickte verlegen. „Aber was sage und rede ich – ich kann ja nur ahnen, was euch widerfahren ist.“
„Uns und Goethe!“, rief Lewis und lief zu der Stelle hinüber, wo der umgestürzte Sessel lag. Herder und Hardenberg folgten.
Von Germar war dabei, den Stuhl aufzurichten, wobei ihm ein anderer Mann half, der noch durch die hohe Lehne verdeckt war. Gerade führten zwei Soldaten den erschöpft wirkenden Balsamo ab, der sich verwirrt umblickte, aber kaum zu begreifen schien, was vorgefallen war. Endlich hoben die beiden Männer den schweren Fauteuil wieder in eine aufrechte Position. Als der benommen stöhnende Goethe wieder auf seinen sechs Beinen stand, schob sich ein bekanntes Gesicht in Lewis’ Blickfeld.
„Lewis! Alles wohlauf?“, fragte Krafft, der einen tüchtigen Kratzer auf der Wange hatte. Einer der Ärmel seines Rockes war abgerissen, und darunter waren das zerfetzte Hemd und der blutverschmierte Arm zu sehen. „Ihr Freund Herder lief mir im Tumult über den Weg und berichtete, was geschehen war. Wir kamen so schnell als möglich.“
Auch der Garnisonskommandeur brummte einen Gruß, während er die Fesseln an Goethes Handgelenken löste.
Schwach hob der Geheimrat die Arme und rieb sie gedankenverloren.
Von Germar wandte sich schroff an Lewis. „Von einem der maskierten Schurken konnten wir erfahren, wo sich der Kopf der Verschwörer versteckt hielt und ...“
Lewis sah sich rasch um. „Wo ist Bode? Eben war er doch noch ...“
Bei diesen Worten schwang Hardenberg den Arm zu der Wand mit den Bannern. „Die Geheimtür! Er muss dort hindurch entkommen sein!“
Krafft packte seinen Säbel und hastete los. Im Laufen befahl er zwei Soldaten, ihm zu folgen, und auch Lewis, Herder und Hardenberg stürzten hinterdrein, ohne nachzudenken. Die beiden Soldaten rissen die Fahnen und Teppiche von den Wänden, und endlich enthüllte sich eine schmale Tür. Krafft öffnete sie mit geschicktem Griff, schwaches Kerzenlicht drang aus dem kleinen Raum dahinter. Dann verschwand Krafft im Halbdunkel, seine Schritte klangen hohl, als träfen sie auf Holz. Nach den Soldaten lief auch Lewis ins Zwielicht, gefolgt von Herder und Hardenberg. Eine enge, hölzerne Wendeltreppe schraubte sich einen gemauerten Schacht hinauf, die Männer betraten sie und eilten so rasch es ging nach oben. Auf halbem Wege hörte Lewis über sich das Stampfen der Schritte, als Krafft eine weitere Tür aufriss und etwas schrie.
„Halt!“, hörte er ihn rufen. „Sie Narr!“
Dann waren auch Lewis und die beiden anderen am Ende der Treppe. Sie traten aus einer Geheimtür, die sich in der Wand von Bodes Bibliothek befand, dem Raum, in dem er sich mit Goethe unterhalten hatte. Bode stand vor einem Schränkchen mit offenen Türflügeln, in dem sich allerlei kleine Flaschen und Phiolen befanden, flankiert wurde er von den beiden Soldaten. Krafft kniete neben einem der Sessel, in den Corona Schröter gesunken war. Auf der Brust ihres Gewandes breitete sich ein kleiner Blutfleck aus, gerade entglitt ein dünnes Stilett ihrer erschlaffenden Hand.
Krafft winkte Herder heran. „Schnell! Schauen Sie nach ihr!“ Dann sprang er auf und packte Bode am Kragen. „Sie Hund haben Sie dazu getrieben!“
Bode verzog hämisch die fleischigen Lippen. „Es war ihr eigener Wille, ich konnte und wollte sie nicht aufhalten!“
Krafft blickte zu Herder. Inzwischen hatten Lewis und Hardenberg sich um die kaum vernehmbar atmende Corona Schröter geschart, die langsam die Augen öffnete und Lewis anblickte. Sie lächelte ihn schwach an und ließ dann die Lider wieder sinken. Lewis konnte sich zu keiner Gefühlsregung durchringen, zu sehr zerrten die vergangenen Ereignisse an seinen Gedanken.
Herder nickte zu Krafft hinüber. „Der Stich ist nicht lebensbedrohlich. Es mag sein, dass die Lunge punktiert ist, doch es scheint, dass sie überleben wird, mit künftigen Atembeschwerden vielleicht.“
Bodes höhnisches Lächeln gefror für einen Augenblick, dann trat erneut der verächtliche Ausdruck auf sein Gesicht. „Zu dumm für eine Sängerin ...“
Bevor Krafft ihn erneut packen konnte, wirbelte Bode herum, griff hastig in das Kabinett und hob eine winzige Flasche an die Lippen. Einer der Soldaten vermochte sie ihm aus der Hand zu schlagen, doch Bode hatte den Inhalt schon geschluckt. Irr grinsend drehte er sich zu Krafft und den anderen um, ein Tropfen lief aus seinem Mundwinkel.
„Ich habe mein Schicksal gewählt! Lebt wohl, ich sehe euch in der Hölle!“ Er schloss ergeben die Augen.
Einige Herzschläge verstrichen, in denen niemand einen Laut von sich gab. Alle blickten auf Bode. Der atmete rasch, zog die Stirn in Falten und öffnete dann überraschten Blickes die Augen. Er schien zutiefst verwirrt, denn der Tod, den er erwartet hatte, blieb aus.
Krafft bückte sich und hob das Fläschchen auf. Er las das kleine Etikett. „Aqua Tophana.“ Er sah Bode an. „Ein langsam wirkendes Gift, wie mir scheint ...“
Bode wurde todesbleich, und dann öffnete er den Mund und begann aus Verzweiflung zu schreien, ein Schrei, der durch die Zimmer und Flure des Hauses scholl und bis hinab in den unterirdischen Saal drang, wo er schaurig verhallte.

Später standen sie alle vor dem Bernstorff’schen Haus und atmeten tief die nächtliche Winterluft ein. Rauch war zu riechen, und dann und wann waren in der Ferne noch ein lautes Rufen, ein Schrei oder gar ein Schuss zu hören.
Von Germar hatte kurz berichtet, dass die Schwarzen Brüder, soweit ersichtlich, getötet oder gefangengesetzt waren, die Tumulte bis auf wenige Ausnahmen befriedet seien und die meisten Bürger Weimars nun erschöpft schliefen. Sie würden am kommenden Morgen hoffentlich wieder voller Vernunft aus ihrer Wirrsal erwachen.
Krafft erlaubte sich ein spöttisches Lachen, wandte sich jedoch, bevor von Germar etwas erwidern konnte, an den immer noch etwas schwach auf den Beinen stehenden Goethe. Der hatte schon von Bodes schleichendem Schicksal erfahren, welches er ohne eine Regung zur Kenntnis genommen hatte.
„Wir erwarten jederzeit Nachricht über die erfolgreiche Vereitelung des Anschlages auf seine Hoheit, den Herzog“, erläuterte Krafft. „Wir sind guter Dinge, da wir alles Wichtige von den gefangenen Verschwörern erfahren und unsere besten Männer entsandt haben.“
Goethe nickte, und sein Gesicht entspannte sich etwas. Dann schien ihm etwas einzufallen. „Was ist mit ...“, krächzte er und musste dann husten. Er hatte zu viel von dem betäubenden Rauch aus Balsamos Feuerschalen geschluckt.
Krafft klopfte ihm auf den Rücken. „Wir haben einen Boten entsandt, eigentlich müsste jederzeit ...“ Eine nahende Kutsche war zu hören, und Krafft wandte sich um. „Da sind sie“, sagte er nur.
Auch Lewis blickte in die angegebene Richtung und mit ihm Herder und Hardenberg, die einander stützten. Hardenberg war benommen durch den Blutverlust aus seiner Wunde und umklammerte mit der freien Hand seine blaue Blume.
Die Kutsche brauste heran, kam rutschend zum Halten und heraus flog, mit aufgelöstem Haar und angsterfülltem Blick, Christiane Vulpius. Sie eilte auf Goethe zu und fiel schluchzend in seine Arme. Dann stieg langsam Wieland aus dem Wagenschlag, Goethes schlafenden Sohn auf dem Arm. Er trat zu dessen Eltern und reichte ihn den beiden, die ihn daraufhin zu zweit umfingen.
Wieland trat zu Lewis. Er sah zerschlagen aus, und auf seiner Stirn prangte eine gepfefferte Beule. Er klopfte Lewis auf die Schulter und wies auf die kleine Familie, die da im Schnee stand. „Ein Idyll“, seufzte er versonnen. Dann blinzelte er Lewis schelmisch zu. „Aber meine Familie ist größer und weniger ruhig.“
Lewis nickte manierlich.
„Besuchen Sie mich doch einmal“, bot Wieland an.
Lewis biss sich auf die Unterlippe. „Wenn Sie erlauben, Herr Wieland, ich habe heute genug Unruhe für eine lange Zeit gehabt.“
Wieland lachte leise und tippte sich an die dicke Nase. „Na denn ...“ Er wandte sich an Goethe. „Fahren wir zu mir. Am Frauenplan ist es derzeit etwas ungemütlich. Es zieht aus allen Löchern.“
Goethe nickte ermattet und hob die Hand in Lewis’ Richtung, als wolle er ihn heranwinken. Lewis tat einen Schritt in seine Richtung. Er trug eine von Goethes Pistolen im Gürtel, die er aus Bodes Gemächern mitgenommen hatte. Die andere war bisher unauffindbar gewesen.
„Sicher“, dachte Lewis, „will er seine Pistolen wiederhaben.“
Wie unsinnig dieser Gedanke war, erschloss sich ihm nicht, er war zu müde und verwirrt. Er zog die Pistole langsam aus dem Gürtel.
Im Hintergrund liefen noch immer Soldaten umher, die die maskierten Verschwörer abführten. Die Schwarzen Brüder fügten sich in ihr Schicksal. Dennoch gellte nun ein Schrei auf. Die Umherstehenden erschraken.
Lewis wunderte sich, denn er bemerkte nichts, was diese Bestürzung hätte verursachen können. Er hob die Pistole, um sie Goethe zu geben, richtete ihren Lauf auf den Kopf des Geheimrats. Noch ein wenig näher, vielleicht.
Lewis merkte mit Verwunderung, wie sich Goethes Miene veränderte, wie sich blankes Entsetzen auf seinen Zügen abzuzeichnen begann. Aber warum? Er, Lewis, zielte doch nur auf ihn, ein ganz normaler Vorgang, und nun, nun musste er nur noch abdrücken. Sein Kopf schmerzte ein wenig, sicher von der Aufregung, aber die würde sich legen, wenn er endlich den Finger gekrümmt hatte.
Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung. Er wollte den Kopf wenden, doch es gelang ihm nicht. Er fixierte Goethe, hielt den Arm mit der Pistole erhoben, und jetzt, jetzt musste er den Abzug betätigen. Irgendwo, weit hinten in seinem Schädel schien eine Stimme zu schreien, die ihn verblüffend an seine eigene erinnerte. Sie schien ihn von seinem Vorhaben abbringen zu wollen, sie forderte, den Arm sinken zu lassen und Goethe nicht zu töten!
Goethe töten! Lewis erschrak. Wer wollte das tun? Er wollte sich entgeistert umsehen, doch seine Halsmuskeln gehorchten ihm nicht. Auch konnte er die Augen nicht von Goethe wenden, den er über den Lauf der Pistole hin betrachtete, und auch sein Zeigefinger wollte ihm nicht gehorchen, als er sich krümmte, immer weiter und weiter.
Lewis beobachtete mit Schrecken, was sein Leib tat, ohne dass er darauf Einfluss nehmen konnte. Es war ihm, als sei er in seinem Körper wie in einem Kerker gefangen und könne nur hilflos dabei zusehen, was sich vor den Fensterhöhlen seiner Augen abspielte. Ohne etwas dagegen tun zu können, spürte er, wie es unter seinem Zeigefinger metallisch klickte.
Wieder war da eine Bewegung neben ihm, und dann fühlte er, wie eine Hand ungestüm gegen seinen Arm schlug. Lewis krümmte den Zeigefinger zu Ende, der Pistolenhahn fuhr nieder, und das Pulver auf der Zündpfanne flammte auf. Die Detonation riss seinen Arm hoch, und für einen Augenblick sah er nichts, nur die wallende Dampfwolke voller Funken, die vor der Mündung der Pistole aufstob.
Schon bewegten sich Gestalten um ihn her, Hände fassten nach ihm. Alles schrie und rannte. Lewis tat einen Schritt nach vorn, halb aus eigenem Willen, halb begaunert und gedrängt. Der Vorhang aus Rauch glitt beiseite und enthüllte ihm die Szene: Goethe stand hocherhobenen Hauptes da, in den Armen Christiane Vulpius und ihren Sohn. Wieland, von Germar und einige Diener waren ängstlich um ihn geschart.
Ein wenig abseits stand Krafft, der eine Büchse erhoben hielt. Zu seinen Füßen lag Balsamo im Schnee, der sich zunächst noch den blutüberströmten Kopf hielt, dann ohnmächtig zusammensackte.
Im selben Augenblick spürte Lewis, wie der Schmerz in seinem Schädel erlosch. Er spürte die Waffe in seiner Faust und sah sich benommen um. Zwei Hände quetschten seine Schultern. Neben sich sah Lewis nun Herder und Hardenberg, die ihn befremdet und alarmiert ansahen, aber nun, als sie erkannten, dass sich sein Blick klärte, ihren Griff ein wenig lockerten.
Er ließ die Hand mit der Pistole sinken, dann entglitt ihm der Griff, und die Waffe fiel in den Schnee.
Lewis hob den Blick und begegnete den Augen des Geheimrats. Der letzte Streif Pulverdampf zog vorüber und verhüllte Goethes Züge. Lewis erinnerte sich an ihrer beider erstes Zusammentreffen, wie ihm der Geheimrat aus einer Wolke aus Staub entgegengetreten war: herrisch und übermenschengroß. Jetzt stand er da, schwach und bestürzt, und der Kreis schien sich zu schließen, als Lewis die Sicht auf Goethe genommen wurde.
Krafft kam ihm entgegen, erschrocken, aufgelöst. Er sprach hastig auf ihn und die beiden anderen ein, erzählte etwas von einem teuflischen Plan Balsamos. Von einem Befehl, den dieser in Lewis’ Kopf verborgen haben musste, und von einer unheimlichen, geistigen Kraft, mit der der Mesmerist auf den jungen Engländer eingewirkt habe, um durch diesen Rache an Goethe zu nehmen. Nur durch einen betäubenden Schlag auf Balsamos Haupt habe er den Bann brechen können.
Lewis konnte dem nur zum Teil folgen. Noch immer fühlte er sich benommen, konnte kaum glauben, was er fast getan, ja verbrochen hatte. Es eröffnete sich ihm die entsetzliche Gewissheit, sich zu früh in Sicherheit gewähnt zu haben. Dass er angenommen hatte, die Gefahr sei vorüber und dass er die Macht des Bösen unterschätzt hatte. Er sah in die besorgten Gesichter, die wenige Augenblicke zuvor noch froh und erleichtert gewesen, jetzt jedoch durch dieses grauenvolle Ereignis von Falten der Sorge und der Ernüchterung gefurcht waren.
Er blickte die Gasse entlang zum Horizont. Dort sah er ein rotes Schimmern, ein Glühen von Licht.
Erst hoffte er, es sei der Sonnenaufgang, doch dann erkannte er, dass es der Widerschein eines brennenden Hauses sein musste, fern am Rande Weimars.
Er spürte, dies war ein Symbol dafür, dass es nur auf den ersten flüchtigen Blick eine Erlösung von allem Übel gab. Dass in Wahrheit aber überall Entsetzen und Verdammnis lauerten.
Er fühlte einen Stich im Herzen und fragte sich: Oh Gott, nimmt dieser Alptraum denn niemals ein Ende?