Erstes Kapitel
In welchem Geister aus Büchern und aus der Vergangenheit auftauchen
Matthew Gregory Lewis sah mit seinen vor Ermattung tiefliegenden Augen durch einen Spalt im Vorhang aus dem Fenster der rüttelnden Kutsche. Er wischte sich mit einem Tüchlein den Schweiß von der schmalen Stirn unter dem dunklen Haar. Die Julisonne des Kontinents kümmerte sich wenig um die klimatischen Bedürfnisse eines Engländers und brannte auf die dunkel gestrichene Kutsche. Vor die Wahl gestellt, das stickige Wageninnere mit der Kühle des Fahrtwindes auf dem Kutschbock einzutauschen, hatte Lewis sich für die ruhigere Kabine entschieden – der vierschrötige Postillion hatte seit dem Aufbruch nach Weimar ohne Pause auf ihn eingeredet, schlimmer noch als die, die ihn von Berlin nach Leipzig gebracht hatten. Es schien, als würden die Menschen in der Provinz immer redseliger. Der Kutscher war der lebende Beweis dafür, und das, obwohl er doch bemerkt haben musste, dass die meisten seiner Zoten und Anekdoten bei dem jungen Engländer auf unverständige Ohren stießen. Im Zweifelsfall hatte er den nicht besonders hoch aufgeschossenen Siebzehnjährigen für wesentlich jünger gehalten – das geschah Lewis ständig, auch wegen seiner knabenhaften Züge – und eine gewisse Schamhaftigkeit vorausgesetzt. Was ihn nicht daran gehindert hatte, noch anzüglicher zu werden. Als Lewis’ Wortschatz nicht mehr ausreichte, um auch nur annähernd zu folgen – wenngleich sich etwaige Inhalte durch Gesten des Kutschers unmissverständlich erschlossen –, hatte er bei der nächsten Rast Müdigkeit signalisiert, und müde war er allerdings nach dieser Reise quer durch all die deutschen Fürstentümer und Grafschaften, an deren Grenzen er sich wieder und wieder deklarieren musste. Ganz zu schweigen von den beängstigenden Kontingenten blaugewandeter preußischer Soldaten, die nach Westen, in Richtung Frankreich zogen und sich in den Wirtshäusern nicht sonderlich preußisch diszipliniert verhielten.
Gottlob hatte er bei solcherlei Begegnungen unmissverständlich klarmachen können, dass er Engländer, nicht Franzose sei, auch wenn seine recht elegante Kleidung dies hätte vermuten lassen können. Eine Verwechslung wäre ihm sicher schlecht bekommen.
Bei dieser Erinnerung trat ihm wieder Schweiß auf die Oberlippe, und er musste erneut das Tüchlein gebrauchen. Dann steckte er es mit schwungvoller Bewegung in den Ärmelaufschlag seines Rockes zurück und stutzte. Sicher waren es solche Verhaltensweisen, die ihn in rauerer Umgebung in Bedrängnis brachten. Er seufzte und räusperte sich. Seine Stimme war gar zu hell geraten. Das musste er ändern. Vielleicht würde ihm diese schrecklich harte deutsche Sprache dabei helfen. Herrzzlichchen Dannkk. Er nahm seine Papiere wieder auf und sah auf die wippenden Blätter und tanzenden Schriftzeichen.
Einige Zeit zuvor waren die eisenbeschlagenen Räder des Wagens vom Staub der Landstraße auf das Kopfsteinpflaster der Weimarer Gassen gewechselt und hatten ein entsetzliches Geklapper veranstaltet. Lewis war es unmöglich, sich seine Notizen einzuprägen, die aus einer auf Deutsch formulierten Begrüßungsansprache für seinen Gastgeber bestanden. Seinem Vater, der ihn im Herbst des vergangenen Jahres auch nach Paris hatte reisen lassen, um dort Französisch zu lernen, war es in den Sinn gekommen, den Sohn bei einer respektierlichen Person der Weimarer Gebildeten unterkommen zu lassen: Karl August Böttiger, der örtliche Gymnasialdirektor, ja gar Oberkonsistorialdirektor für Schulangelegenheiten. Es schien, als wollte der gewissenhafte Sekretär im britischen Kriegsministerium seinen ältesten Sohn zu gewissenhaften Sprachstudien anhalten, indem er ihn ins Haus eines Lehrers gab.
Aber hätte es nicht auch Lehrer in Berlin gegeben! Dorthin war er zunächst gereist und hatte einige Zeit verbracht. Der englische Gesandte Sir Norton Eden hatte ihn in die adeligen Kreise eingeführt, und das unbeschwerte Leben mit all den Bällen und Empfängen war äußerst angenehm gewesen.
Lewis seufzte erneut und blickte den Bürgern und Mägden hinterher, die teils Spazierstöcke, teils Weidenkörbe mit sich trugen, und ließ den Blick an den niedrigen Fassaden der Häuser emporwandern. Weimar. Was war Weimar gegen Berlin? Oder noch deutlicher: gegen Paris? Dort hatte er wundervolle Konversation betrieben, mit der besten Gesellschaft der Stadt in den Salons Tricktrack gespielt, selbst wenn er sein Glück in derlei Dingen nicht allzu oft beansprucht hatte. Er war im Theater gewesen, hatte Dutzende glanzvoller Opern erlebt. Von Marsollier und Boutet und ...
Kaum hatte er sich in Gedanken derart ereifert, kamen ihm auch andere Dinge in den Sinn. Er hatte in Paris beobachten müssen, dass die Revolution an den schönen Künsten nicht spurlos vorübergegangen war. Im aktuellen französischen Theater zeigte sich ein schreckliches Motiv als einer der Favoriten: das des lebendig Begrabenseins. Sicher, das war eine treffende Metapher für die Schändlichkeit der Bastille und in seiner schauerlichen Wirkung auch auf den Bühnenbrettern durchaus publikumsträchtig. Dennoch missfiel Lewis dies ausnehmend. Seine Mutter hatte ihm von klein auf erzählt, wie sehr sie sich genau davor fürchtete. Eingesperrt und vernagelt in der dumpfen Düsternis des hölzernen Sarges. Hinabgelassen in die Erde. Für immer gefangen. Für immer. Für immer ...
Lewis fuhr sich mit dem Finger zwischen Kragen und Hals, zerrte am Knoten seines Tuches. Die drückende Hitze im Kutscheninneren war plötzlich noch unerträglicher als zuvor. Konnte das Gefangensein im Sarg schlimmer sein? Statt Erdenkühle das Höllenfeuer zu spüren? Er keuchte. Das Fenster! Er riss hektisch die Vorhänge zur Seite – und starrte ins gehörnte Antlitz des Leibhaftigen.
Schwarze Augen glotzten ihn an, und aus den breiten Nüstern schoss Dampf, der sich zu Gewitterwolken formte und schweflig die Fratze des Höllenfürsten umspielte!
Lewis schrie auf, und ein infernalisches Brüllen antwortete ihm. Satan lachte ihn aus, fuhr sich gar mit der von Pestbeulen übersäten, ellenlangen Zunge über das garstige Antlitz. Grauenhaft! Lewis schwankte zwischen den Bedürfnissen, die Augen erschreckt aufzureißen oder sie vor Angst zusammenzupressen.
Doch noch ehe er sich entscheiden konnte, drehte die Kuh ihren mächtigen Schädel zur Seite, leckte sich erneut mit schwärzlicher Zunge übers Maul und trottete weiter. Andere folgten ihr.
Lewis wagte sich näher an die Fensteröffnung und spähte hinaus. Verfluchtes Weimar! Eine Residenzstadt, in der man Kuhherden durch die Gassen trieb. Lewis war schlagartig ernüchtert, und die furchtbaren Gedanken waren zunächst verflogen. Zumindest hatten sie sich in einen der hinteren Winkel seines Geistes zurückgezogen, um dort zu lauern und auf eine neuerliche Gelegenheit zu warten, hervorzuschießen.
Lewis hustete nervös. Kein Zweifel. Weiter entfernt von Paris könnte er kaum sein. Zumal, wie er erfahren hatte, Herzog Carl August nicht bei Hofe war, sondern sich seit dem vorigen Monat auf dem Feldzug gegen Frankreich befand. Wie strahlend mochte es dann hier in Weimar wohl zugehen? Seit einigen Jahren war es beim englischen Adel beliebt, seine Söhne nach Weimar zu senden, damit sie sich am dortigen Hof den letzten Schliff ihrer gesellschaftlichen Formen erwarben. Aber ohne den Herzog? Lewis schüttelte den Kopf und atmete tief ein. Es war wohl besser so.
So würde er sich auf seine Studien konzentrieren können. Deutsch lernen. Das Französische war ihm rasch von der Hand gegangen, zweifellos, warum sollte es sich also hier anders verhalten? Zudem war er hier auf höchst edlem literarischen Grund und Boden. Christoph Martin Wieland lebte hier, dessen erste Werke man schon vor dreißig Jahren ins Englische übersetzt hatte. Lewis hatte sie gelesen, den Agathon, den Don Sylvio und natürlich den großen, gewaltigen Oberon. Diese grazile Heiterkeit, dieser gepflegte Witz!
Lewis hatte sich vorgenommen, selbst in diesem Feld zu reüssieren, ja, nicht allein zu schreiben, sondern auch das Werk deutscher Dichter in seinem englischen Heimatland bekannt zu machen. Natürlich hieß es da, fleißig zu sein und die Sprache zu erfassen, ja zu meistern. Da halfen nur unermüdlichstes Üben und viel Lektüre. In den vergangenen Tagen hatte er ein schmales Bändchen zu lesen begonnen und beendet. Ein Erfolg in seiner Heimat wie auch in Deutschland. Die Leiden des jungen Werthers. Von Goethe, der auch dieses und jenes geschrieben hatte. Möglicherweise boten sich ein Besuch, ein Gespräch an. Aber Wieland lag ihm mehr an Herzen.
Lewis war hoffnungsvoll. Ein beschauliches Leben im Hause dieses Schulmeisters, ohne weitreichenden gesellschaftlichen Kontakt, das würde die richtige Grundlage sein, die ihn zu raschem Studienerfolg führen würde, und nebenbei konnte er wohl das verwirklichen, was ihm seit dem letzten Jahr in Oxford im Kopf herum …
Ja, herumspukte wäre wohl das rechte Wort hierfür. Er hatte seit jener Zeit eine Idee im Kopf, eine schauerliche Romanze im Stile des Schlosses von Otranto seines Landsmanns Horace Walpole. Eine Geschichte voller Gespenster und Grüfte. Was bot sich besser an, als diese Mär hier zu schreiben, in Deutschland, dem Land der Geister und der Schauerromane? Hier, wo sich das, was sich bislang nur in seinem Kopf befand, wirklich ereignen konnte.
Lewis klopfte auf die pralle Reisetasche neben sich, die die Ausbeute eines halben Tages in den Buchhändlerläden Leipzigs enthielt. So gerüstet würden ihm weder das Lernen noch das Schreiben schwerfallen.
Lewis wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Er merkte, wie seine Gedanken sich beständig im Kreis drehten; die Hitze machte ihm doch einiges zu schaffen. Langsam wünschte er sich, die Reise möge bald ein Ende nehmen. Er wollte gerade den Kopf aus dem Fenster stecken – vorsichtig, denn wer wusste schon, was da draußen auf den Gassen Weimars lauerte –, um den Kutscher zu fragen, als das Gefährt auch schon zu einem Halt kam.
„Hooo!“, rief der Kutscher den beiden Pferden zu und drehte den hässlichen Kopf, um seinem Fahrgast schallend das Ende der Reise zu verkünden, als er dessen Gesicht sah und sogleich anzüglich den Mund verzog. Dann wies er auf das unauffällige Haus mit den Sprossenfenstern und der dunklen Tür, vor dem sie standen, und nickte. Lewis senkte ergeben den Kopf, strich sich das Haar aus der Stirn und rückte den Kragen zurecht. Dann stieg er aus und setzte zum ersten Mal einen Fuß auf Weimarer Boden, genauer, auf das Pflaster der Jakobstraße. Kaum hatte er den Dreispitz auf den Kopf gedrückt und seinen Rock gerichtet, rief ihn auch schon der Postillion an, er möge sein Gepäck in Empfang nehmen. Die beiden großen, ledernen Koffer rutschten ihm schwer entgegen, und er ging keuchend in die Knie. Der Kutscher sah belustigt zu, hob dann den Kopf und blickte über Lewis hinweg.
„Darf ich Ihnen helfen?“, fragte eine Englisch sprechende Stimme. Lewis drehte sich halb um, so gut es ihm mit seiner Last gelang. Dort stand ein etwa dreißigjähriger Mann mit hellem Haar, freundlichen Augen und rötlichen Wangen und streckte ihm die Hand entgegen. „Master Lewis, nehme ich an.“
Lewis nickte, runzelte die Stirn und sah verwundert auf die dargebotene Hand. Der Mann lächelte und griff beherzt nach dem Gepäck. „Karl August Böttiger, Ihr Gastgeber für die nächsten Monate ...“ Dann spürte er das Gewicht der beiden Koffer und hob die Brauen.
Jetzt erlaubte sich Lewis ein Lächeln. „Erfreut, Sie zu treffen, mein Herr, und Dank Ihnen, mir eine Hand zu leihen“, sagte er auf Deutsch.
Gemeinsam setzten sie das Gepäck auf dem Pflaster ab. Böttiger schüttelte seine Hand aus. „Sie haben nicht gerade leichtes Gepäck.“ Er sprach nun auch wieder Deutsch, wenn auch langsam und deutlich.
„Garderobe“, sagte Lewis. Dann fischte er die Reisetasche aus dem Wageninneren. „Und Bücher, in der Tat.“
„Sprachwerke, wie es scheint, denn Sie sprechen recht gut unsere Sprache.“ Böttiger nickte lobend. „Ich ging davon aus, dass Sie sie hier erlernen wollten ...“
Lewis zuckte ein wenig die Achseln. „Ich lernte von meiner Reise nach Frankreich, ein wenig mehr vorbereitet zu sein ...“ Er kramte in seiner Börse nach dem Entgelt für den Postillion. Der dankte, indem er den Finger an den Hut legte und flott anfuhr. Lewis sah ärgerlich hinterdrein.
Böttiger zupfte seine hochgerutschten Rüschenmanschetten wieder aus den Rockärmeln. „Ihr wart in Frankreich?“ Sein Tonfall war neugierig und hatte doch den Anflug eines Vorwurfs. „Vor kurzem?“
Als Lewis den Mund öffnete, um zu antworten, ertönte plötzlich eine helle Frauenstimme aus Richtung des Eingangs. „Karl! Frag unseren Gast doch nicht aus, bevor er sich erfrischt hat!“
Die beiden wandten sich um. Unter dem Türsturz stand eine junge Frau in hellblauem Kleid mit halblangen Ärmeln, einen zwei Jahre alten Jungen an der Hand. „Vor allem solltest du uns einander vorstellen.“ Sie lächelte gewinnend.
Böttiger konnte nicht umhin zurückzulächeln. Er zeigte auf den jungen Engländer. „Master Matthew Lewis aus England – meine Gemahlin Eleonore.“ Der Bub schaute den dunkel gekleideten und aufgrund der Reiseanstrengungen verwegen aussehenden Lewis mit großen Augen an. Böttiger hob einen Finger. „Mein Sohn Karl.“
Lewis zog den Hut und verneigte sich. „Erfreut, Sie zu treffen, meine Dame ...“ – er blickte zwischen den Haarsträhnen hervor, die ihm ins Gesicht fielen – „... und mein Herr.“
Karlchen zog die Nase kraus und machte ein bedrücktes Gesicht, als wolle er sogleich zu weinen beginnen, und so richtete Lewis sich rasch auf und lachte so fröhlich über das ganze Gesicht, wie es seine kleinen Augen erlaubten. Es gelang ihm, das Schlimmste abzuwenden, der kleine Karl blieb brav. Eleonore Böttiger machte eine einladende Geste. „Treten Sie ein, Herr Louis, und nehmen Sie einen Schluck mit uns. Um Ihr Gepäck wird man sich kümmern.“ Sie nickte ihrem Gatten zu. „Du kümmerst dich um das Kümmern, nicht wahr?“
Böttiger sah Lewis an, der versuchte, diesen Blick zu deuten, was ihm aufgrund seiner Unerfahrenheit nicht recht gelang. Böttiger bemerkte dies, und bevor das Tableau dieser beiden Männer, die sich verständnislos anstarrten, zu peinsam wurde, lenkte er Lewis in Richtung des Eingangs.
Dort verneigte der sich erneut vor Eleonore Böttiger, und als er sich aufrichtete, bemerkte er leise, fast verschwörerisch: „Lewis ist der Name, Lewis.“ Er hob kurz die Brauen. Der kleine Karl schluckte. Lewis straffte rasch seinen Körper. „Gern nehme ich einen Schluck!“
Eleonore Böttiger sah den Engländer an und leitete ihn ins Haus. Ihr Gatte schaffte es, ihr zuzuflüstern: „Es scheint mir, als würde dieser junge Herr noch einiges an Gesprächsstoff liefern.“ Sie flüsterte zurück: „Das scheint mit auch so.“ Dann kümmerte sich Böttiger ums Gepäck.
Im Haus war es angenehm kühl. Man bat Lewis in den Salon, durch dessen Fenster helles Licht fiel, in dem Staubkörnchen schwebten. An den Wänden hingen gerahmte Stiche, und sogleich wurde Lewis auf einen Stuhl unter einer weitläufigen Landschaft mit Ruinen komplimentiert. Als Eleonore ihm reichlich von einem sonnenfarbenen Wein ins langstielige Glas goss und gleichzeitig fröhlich Fragen über die Reise stellte, musste Lewis in zweifachem Sinne eine beschwichtigende Geste vollführen.
„Ich erbitte Ihre Verzeihung, Frau Böttiger, aber meine Kunst vom Deutschen ist nicht gut, jetzt ...“ Er griff zum Dank nickend graziös nach dem Weinglas. „Ich bin auch ein wenig heiß.“
Eleonore hielt sich an der Weinkaraffe fest und wusste nicht recht, was zu entgegnen sei, als ihr Ehemann ins Zimmer trat, der den letzten Satz gehört hatte.
„Erhitzt ist das richtige Wort, junger Master Lewis.“ Er wischte sich mit einem Leintuch über die Stirn und ließ es dann in seinem hellbraunen Rock verschwinden. „Mir geht es ähnlich.“ Er nahm auch ein Glas Wein von seiner Frau entgegen. Sein Tonfall hatte schulmeisterhaft geklungen, was der lexikalischen Richtigstellung durchaus zupass kam. Offenbar fühlte er sich in seinen eigenen Wänden wohler als draußen, wo er britische Gepäckstücke entgegenzunehmen hatte.
„Nun denn, Master Lewis, willkommen in Weimar! Mögen Sie hier für das Leben lernen.“ Er prostete Lewis zu und trank. „Ein Zimmer ist oben für Sie bereit, in dem Sie nach Herzenslust studieren können.“
Lewis trank auch. „Danke.“ Er sah sich um. „Sie wohnen sehr angenehm.“
Böttiger nickte. „Vielleicht haben Sie beim Einfahren in diese Straße das große, vorgelagerte Gebäude mit dem zweiseitigen Treppenaufgang bemerkt?“
Lewis schüttelte den Kopf, sparte sich aber weitere Erklärungen. Er wollte nicht als unaufmerksam oder uninteressiert gelten.
Böttiger fuhr nicht ohne Stolz fort: „Das ist das Gymnasium, dem ich seit dem vergangenen Jahr als Direktor vorstehe. Der Herr Herder hat mich damals vermittelt, und ich stehe noch heute in gutem Kontakt mit ihm.“ Er überlegte kurz, während er sich von Eleonore nachschenken ließ.
Karlchen streifte indes in gebührendem Abstand und mit unstetem Blick um den sitzenden Lewis herum. Lewis tat, als bemerke er dies nicht, um mögliche Konsequenzen zu vermeiden.
Böttiger setzte das Glas wieder ab. „Ich denke, man könnte einen der jüngeren Lehrer dafür gewinnen, Ihnen einige unterstützende Lektionen in der deutschen Sprache zu geben. Neben Ihrem eigenen Bemühen und fleißiger Anwendung des Gelernten im angeregten Gespräch dürfte dies rasch zum Erfolg führen.“ Böttiger nickte emsig.
Lewis dachte nicht lange nach. „Eine großzügige Idee, Herr Böttiger! Ich danke Ihnen für das Angebot.“ Böttiger nickte ungestümer und hob zur Bekräftigung das Glas. Es war leer. Eine kurze Geste in Richtung seiner Frau erbrachte nur ein ablehnendes Kopfschütteln. Trotz dieser Ernüchterung behielt er seinen enthusiastischen Tonfall bei.
„Sie müssen wissen, dass ich mich sehr darüber freue, dass Sie unsere Sprache erlernen wollen. Unter Ihren englischen Landsleuten gibt es nur einige wenige Gelehrte und natürlich die Angehörigen der Kaufmannszunft, die sich um die deutsche Zunge bemühen, und Sie als begeisterter Leser, wie mir scheint, ...“ – er vollführte eine vage Geste dorthin, wo er Lewis’ Gepäck untergebracht hatte – „... sind der schönen Literatur nicht abgeneigt. Ich für meinen Teil, wenn ich auch vornehmlich an der Archäologie interessiert bin, ...“
Böttiger gab Lewis Gelegenheit, die gerahmten Stiche an der Wand in Augenschein zu nehmen, und dieser stellte fest, dass es sich tatsächlich ausschließlich um Motive mit Überbleibseln der Antike handelte.
„... verfolge doch auch aufmerksam die neuere Literatur im In- und Ausland, und mir ist nicht entgangen, dass sich ein leichtes Missverhältnis gebildet hat, was den Austausch unserer beiden Kulturen angeht.“ Böttiger hob den Finger, und Lewis wurde erneut daran erinnert, dass hier ein Lehrer zu ihm sprach. Er hob leicht das Kinn und ließ seine Züge einen Ausdruck von Spannung annehmen. Böttiger sah dies mit Genugtuung und fuhr fort.
„Es verhält sich so, dass wir hier in Deutschland wohl sehr anständige und treffende Übersetzungen aus dem Englischen haben – begonnen bei den Werken Ihres Nationaldichters Wilhelm Shakespeare, die ...“
Lewis vermied es, die Hand wie ein Schulkind zu erheben oder gar aufzustehen, und dennoch gab er seiner Stimme einen artigen Klang, als er ungefragt den Satz beendete: „... derer sich der große Wieland so meisterlich annahm ...“
Böttiger war verblüfft. Diese Miene schien etwas Vertrautes zu haben, denn Eleonore lachte kurz und leise auf, ehe sie die Hand auf die Lippen legte und sich rasch ihrem Sprössling zuwandte, der seine Kreise um Lewis langsam aber stetig enger gezogen hatte. Sie nahm ihn auf, lächelte Lewis zu, schenkte ihrem Mann ebenfalls ein Lächeln, das jedoch gänzlich anders geartet war und verließ mit einer kurzen Bemerkung über den kleinen Karl den Raum.
Böttiger fing sich schnell. Lobend nickte er. „In der Tat! Ich sage Ihnen also nichts Neues. Nun, leider verhält es sich im umgekehrten Falle gänzlich anders. Leider, leider benutzen die englischen Übersetzer allzu oft nicht die deutschen Originaltexte, sondern geben sich mit der Zwischenstufe französischer Übersetzungen zufrieden. Dass darunter die Qualität, ja der Sinn leidet, versteht sich von selbst!“ Er trat einen Schritt an Lewis heran und senkte die Stimme ein wenig. „Bedenken Sie: eine romanische Sprache als Mittelweg zwischen zweien gemeinsamer germanischer Abkunft – das kann doch zu keinem Erfolg führen!“
Lewis entsann sich der Szene auf der Gasse vor dem Haus und beschloss, nichts zu erwidern, sondern zu nicken. Dann, um die Stille zu überbrücken, nahm er einen Schluck Wein, was Böttiger genauestens verfolgte. Als das Glas wieder auf dem Tisch stand, fand Böttiger wieder zu seiner Rede.
„Auf jeden Fall sähe ich es als fruchtbar an, wenn ich Sie mit diesen Herren bekannt machte. Ich selbst habe ihrer aller Gesellschaft im vergangenen Jahr sehr zu schätzen gewusst – und auch so manches niedergeschrieben, was ich an literarischen Zuständen und Zeitgenossen erfahren habe.“ Er schien in sich hineinzuhorchen, war offenkundig zufrieden mit dem, was er da vernahm, und schaute dann zu Lewis.
Der wartete auf eine weitere Verkündung, und als diese nicht kam, sagte er: „Mein guter Herr Böttiger, ich bin sehr geschmeichelt von den Erwartungen, die Sie in mich hineinstecken. Mit Freude will ich versuchen, diesen gerecht zu werden. Es wird mir eine Ehre sein, die literarische Gesellschaft hier in Weimar kennenzulernen.“
Böttiger hörte dies gern und trumpfte auf: „Natürlich werden Sie auch bei Hofe Ihre Aufwartung machen und all die anderen wichtigen Persönlichkeiten kennenlernen, mit denen ich auch bekannt bin. Sie werden grandiose Abende verleben, die sicher die in Paris in den Schatten stellen werden.“
Lewis atmete scharf ein. Nicht, weil Böttiger erneut einen antifranzösischen Streich zu führen schien, nein, vielmehr weil er sich nun allzu gut an Paris und seinen in der Kutsche geleisteten Eid erinnerte. Er stieß die Luft wieder aus und wollte etwas entgegnen, als Frau Böttiger ins Zimmer trat.
„Wie kannst du nur! Du redest immer noch auf den jungen Herrn Louis ein, der staubig, hungrig und erschöpft von der langen Reise dasitzt und kaum zu Wort kommt!“
Lewis schloss den Mund, Eleonore Böttiger nicht.
„Er wird sich jetzt erst einmal ausruhen, sich säubern, und dann werden wir eine begrüßende und stärkende Mahlzeit einnehmen.“ Sie strahlte Lewis an und verschwand wieder.
Böttiger deutete ihr nach. „Nehmen Sie es ihr nicht übel, dass sie unser Gespräch unterbrach. Sie ist einfach zu mütterlich. Und Sie scheinen es ihr besonders angetan zu haben.“
Lewis legte die schmalen Hände auf den Tisch und verzog keine Miene.

Einige Zeit später saßen die Eheleute Böttiger und der junge Matthew Lewis zu Tisch, verspeisten Zunge und Gartengemüse, und zwischen den Schüsseln stand auch eine Bouteille Rheinwein. Lewis aß mit gutem Appetit, krümelte wenig mit dem Brot und sprach dem Wein angemessen zu. Derweil hatte er auf Wunsch von Eleonore Böttiger begonnen, von seiner Reise zu erzählen. Im Verlauf dieses Berichts hatte er sich immer besser in die noch etwas fremde Sprache eingefunden, was möglicherweise auch am fremden Wein gelegen haben mochte. Er musste sich eingestehen, dass ihn seine Beredtheit und Ausdrucksfähigkeit selbst überraschte, und so war es ihm möglich, eine der aufregenderen Passagen auch ebenso aufregend zu schildern.
„Von Leipzig fuhren wir über Naumburg, wo ich mich an das kaum der Erinnerung werte Posthaus erinnern kann.“ Er machte eine Pause, um das dezente Wortspiel wirken zu lassen und nippte an seinem Glas. „Am Salztor, das allerdings keineswegs aus diesem Material bestand, kehrte ich in den Goldenen Scheffel ein, wo mir ein Mahl serviert wurde, das diesem hier nicht ausreichend nahe kam, wie ich bedauern muss. Doch weiter auf meinem Weg: Er führte durch lauter Hügel aus grauweißem Kalk, in die abscheuliche Hohlwege geschnitten sind, die sich winden und winden und kein Ende zu nehmen scheinen. Dort hindurch preschte unsere Kutsche. Der Fahrer konnte kaum den Weg erkennen, aber nicht allein, da die überhängenden Kalkfelsen, die sich dort so sonderbar geschichtet auftürmen, das Licht minderten. Nein, auch das Wetter sandte seine Unbilden. Der Himmel, nur noch als schmales Band über unseren Köpfen zu erkennen, bewölkte sich zunehmend, und die Nacht war nicht mehr fern. Ich hatte zuvor erfahren, dass ebenjene Felsen infolge starker Verwitterung leicht Gefahr liefen, von Regenwasser hinabgeschwemmt zu werden, und so trieb der Kutscher die Pferde an, um ja den Hohlweg hinter sich gebracht zu haben, bevor das Gewitter losbrechen mochte. Plötzlich ...“
Lewis hob die Hände ein wenig und blickte befriedigt in die Gesichter der beiden Böttigers, die leicht vorgebeugt auf ihren Stühlen saßen und voll Spannung lauschten.
„... hallte ein Donnerschlag in der Schlucht wider!“
Eleonore Böttiger entfuhr ein leiser Schreckenslaut, und ihr Gatte sah sehr selbstzufrieden drein: Dieser junge Mann war begabt, und er, Karl August Böttiger, würde ihn formen und begeistern und zu einem wertvollen Instrument für das Orchester der deutschen Literatur machen. Er wollte sich zufrieden zurücklehnen, als ihm bewusst wurde, dass die Geschichte noch nicht zu Ende war. Lewis erzählte weiter, in raschen Sätzen, die ihm flüssiger aus dem Munde kamen, als er es selbst glauben mochte. Er trank mehr Wein und dankte insgeheim seinem deutschsprachigen Lesestoff. „Der Regen begann herniederzurauschen. In Rinnsalen, dann in Sturzbächen floss das Wasser über die Kanten der Felsen. Im schwachen Licht undeutlich, während des Blitzflackerns erschreckend deutlich konnte ich sehen, wie die Ströme des Wassers trüber und trüber wurden vom ausgewaschenen Kalk. Schon mischten sich erste Steinchen hinein, die ich immer lauter aufs Wagendach prasseln hörte. Sie übertönten schon die Hufschläge der tapferen Rösser, die der kühne Kutscher immer heftiger antrieb. Donner grollte. Es schien, als wolle er mich persönlich verfluchen. Immer schneller fiel der kalkige Hagel, schneller und schneller trommelten die Hufe, der Hohlweg wollte kein Ende nehmen. Mein Ende hingegen schien kurz bevorzustehen. Ich wurde im Inneren der Kutsche hin- und hergeschleudert und erwartete das Schlimmste. Der Lärm schwoll an, und dann – war es still!“ Lewis machte eine ausdrucksvolle Pause. Die Böttigers verharrten atemlos.
„Wir hatten glücklich das Gebirge hinter uns gelassen und schauten ins anmutige Tal eines Flusses, der sich tief unten durch breite Wiesengründe wand. Die Wolken waren aufgebrochen, und die letzten Strahlen der Abendsonne tauchten das Buschwerk in goldenes Licht.“ Damit hob er sein Glas und fing gekonnt etwas vom Schein, der durch die Fenster fiel, darin ein. Dann trank er.
Eleonore Böttiger klatschte in die Hände. „Wie ergreifend! Ich bin froh, dass es gut ausgegangen ist.“ Dann legte sie den Finger ans Kinn. „Aber das musste es ja, schließlich sind Sie wohlbehalten hier angekommen, Herr ... Lewis.“
Lewis nickte anerkennend und dankbar. Böttiger war noch angetaner als zuvor. „Master Lewis, Sie erzählen hervorragend. Geradezu galvanisch. Jeder Satz verursacht einen Schock, als berühre man die Glasscheibe einer Elektrisiermaschine.“ Er klopfte in studentischem Applaus kurz auf die Tischplatte.
„Vielen Dank“, sagte Lewis. „Aber nachdem ich diesen Vergleich genießen durfte, will ich vorerst davon Abstand nehmen, meine Erlebnisse in der alten Burgruine zu berichten, die auf einem Hügel über Camburg dräut, dem nachfolgenden Ort meiner Reise. Allzu viele Schocks dürften den Nerven nicht förderlich sein ...“
„Zuvorkommend Ihrem Publikum gegenüber sind Sie zudem, sehr lobenswert!“ Eleonore Böttiger blickte von Lewis zu ihrem Mann und wieder zurück. Sie hatte den Jüngling zweifellos ins Herz geschlossen. Sie wollte noch etwas hinzufügen, als man gedämpft das Weinen eines Kindes hörte. „Es scheint, Ihre Energien haben sich auch auf meinen Sohn übertragen. Ich sehe nach ihm.“ Sie erhob sich und verließ den Raum.
Böttiger klopfte sich auf die Weste. „Ich denke, ein Pfeifchen wäre nicht das übelste nach diesem Mahl.“ Er rückte geräuschvoll seinen Stuhl zurück. „Folgen Sie mir doch in mein Arbeitszimmer.“
Kurz darauf saßen die beiden einander in lederbezogenen Armstühlen gegenüber, umgeben von Regalen voller Bücher und Karten, auf deren Böden auch einige Tonscherben und kleine Skulpturen lagerten. Böttiger sog an einer Tonpfeife und produzierte genug Rauchschwaden für beide, während Lewis sich höflich umschaute. Dann beugte Böttiger sich vor. „Um unser Gespräch vom Tisch fortzuführen ...“ – er warf Lewis einen süffisanten Blick zu – „... und dies, ohne meine Gattin allzu sehr zu erregen, denn Sie müssen wissen, dass sie im Grunde von sehr zartem, ja bangem Gemüt ist ...“
Lewis hatte sich zwar ein eigenes Bild von Eleonore Böttiger gemacht, sah aber keinen Anlass, seinem Gastgeber zu widersprechen, und so nickte er.
Böttiger schmunzelte. „Ihre Erzählung war bemerkenswert. Eine richtiggehende Schauergeschichte.“ Er ließ den Tabaksqualm wie Herbstnebel aufsteigen und wartete, bis er sich etwas verzogen hatte. „Es scheint, als wären Sie mit dieser neuen Richtung in unserer deutschen Literatur vertraut ...“
Lewis lächelte zurück. „Tatsächlich habe ich bereits daraus gelesen. Einige wenige Geschichten, etwa die Entführung von Musäus oder die Teufelsbeschwörung von Weber, welche mir recht gut gefallen haben. Ich möchte mich gern weiter in diese Richtung vertiefen.“
Böttiger stand auf, zog einige Tabakschwaden hinter sich her und griff in eines seiner Bücherregale. Aus der zweiten Reihe förderte er drei, vier Oktavbändchen hervor, die er, nachdem er wieder im Sessel Platz genommen hatte, auf den Knien balancierte. „Ich habe diese hier mit Interesse gelesen.“ Er blätterte im ersten der Werke. „Lorenz Flammenberg. Der Geisterbanner.“ Er runzelte die hohe Stirn, als rufe er sich einiges aus dem Inhalt wieder in den Sinn und sei damit ganz und gar nicht zufrieden. Er klappte den Band sachte zu und schob ihn mit einer ausgreifenden Bewegung wieder unter die anderen Bücher. Lewis hatte den ersten Impuls von Böttigers Arm missdeutet und im Glauben, er bekäme den Geisterbanner gereicht, die eigene Hand ein wenig ausgestreckt. Nun legte er sie auf die Lehne des Sessels zurück und wartete. Böttiger schlug den nächsten Band auf. „Christian Heinrich Spieß. Das Petermännchen.“ Wieder legte er die Stirn in Falten und schmauchte Wölkchen in die mittlerweile recht trübe Luft des Zimmers. Er klappte den Buchdeckel vehement zu. „Nein, das ist nichts für Sie. Da kommen Sie auf falsche Gedanken und bekommen einen falschen Eindruck vom deutschen Literaturschaffen. Diese Werke mögen zwar ihr Publikum finden, und dies nicht zu knapp, aber dennoch sind sie von minderem Wert und nicht für das Überdauern geschaffen.“
Lewis nickte höflich, wies aber gleichwohl auf den niederen Bücherstapel. „Darf ich dennoch, aus reinen Gründen der Erfahrung, fragen, was sich noch darunter befindet?“
Böttiger sah nach unten, als wisse er im ersten Moment nicht, was Lewis meinte, dann hob er den etwas dickeren Band an und strich über das bunte Papier des Vorsatzes. „Das ist der erste Teil des Genius von Carl Friedrich Grosse. Eine Geschichte, die von Geheimbünden und deren dunklen Machenschaften handelt. Ein reines Werk der Fiktion, nur dazu da, dem Leser Schauder über den Rücken zu jagen. Von diesem muss ich Ihnen am deutlichsten abraten: Sie könnten vielleicht auf falsche Gedanken kommen, was das Politische hierzulande angeht. Ich kann Ihnen versichern, dass im Herzogtum Sachsen-Weimar derlei Ränke und Intrigen völlig abwegig sind.“ Böttiger sog an der Pfeife, doch ohne Erfolg, denn der Tabak war mittlerweile verbraucht.
Lewis war über die unterdrückte Heftigkeit dieser Versicherung etwas überrascht, ließ sich aber nichts anmerken. Er nutzte das kurze Schweigen, während Böttiger seine Pfeife neu stopfte, um seinen Blick über die weiteren Buchrücken der Regale wandern zu lassen. Dort fiel ihm ein berühmter Name ins Auge, zusammen mit einem Titel, der zum schauerlichen Thema des Gespräches passte.
„Es war mir nicht bekannt, dass auch Herr Schiller ein Buch über Geister geschrieben hat“, sagte er und deutete, als Böttiger von seiner Pfeife aufblickte, auf die betreffende Stelle im Regal.
Böttiger griff nach dem Band, und sein Antlitz hellte sich auf. „Dies kann ich Ihnen mit gutem Gewissen ans Herz legen. Der Geisterseher von Schiller wäre eine Lektüre für Sie. Vorrangig geht es allerdings keineswegs um Geister oder Gespenster, sondern vielmehr um die geheimen Ränke und Kabalen eines ...“ Böttiger brach ab und räusperte sich. „Das Ganze spielt in Venedig, weit weg von hier, in Italien, wo sich so etwas zutragen konnte und kann. Vielleicht haben Sie auch in England von diesem welschen Betrüger Giuseppe Balsamo gehört, der unter seinem nom de hasard Cagliostro die Fürstenhöfe Europas mit seinen Scharlatanerien zum Narren gehalten hat.“
Lewis legte den Finger an die Schläfe und rieb diese leicht. „Ich entsinne mich schwach. Sie müssen wissen, dass wir Engländer für derlei, wie sagt man, Possen, nicht sehr anfällig sind. Wahrscheinlich sind wir zu ...“ Er suchte nach dem richtigen Wort.
„Rational“, half Böttiger ihm und seufzte. „Das mag wohl sein.“ Er klopfte nachdenklich auf den Einband des Buches. „Wie auch immer, wenn Sie so etwas durchaus lesen wollen, dann empfehle ich Ihnen den Schiller. Warum mit den Nachahmern vorliebnehmen? Sie müssen bedenken, dass dieses Werk gewissermaßen die Grundfeste dieses ganzen neuen Genus bildet.“
Lewis schmunzelte. „Sie meinen die schauerliche Literatur?“
„Keine andere.“ Böttiger blickte verwundert drein. „Wir sprachen in den letzten Minuten darüber ...“
„Dann darf ich Sie, wie es mir die Höflichkeit gebietet, aufklären, dass ein Landsmann meinerseits schon vor über einem Vierteljahrhundert, genauer im Jahr 1764, eine bemerkenswerte Novelle … nein, bei Ihnen heißt es Romanze, nicht wahr?“
„Roman“, half Böttiger und stieß einen Strom von Rauch zwischen den interessiert gespitzten Lippen hervor.
„… einen Roman mit dem Titel Die Burg von Otranto verfasst hat. Eine schwulstige Rittergeschichte voller schauerlichter Begebenheiten.“
Böttiger paffte weiter. „Eine Rittergeschichte? Dies ist eine dankbare Leinwand für solche Mären, das finstere Mittelalter. Sie selbst haben ja die Sagen der Vorzeit von Veit Weber gelesen und können das beurteilen.“
„In der Tat, und was Sie zuvor bemerkten, trifft ebenfalls zu: Die Geschichte siedelt ihre Handlung nämlich in Italien, ebenso wie jener Geisterseher. Es scheint tatsächlich ein gewisser Zusammenhang zu bestehen. Ich bin der Ansicht, dass es wohl am dortigen Menschenschlage liegen mag, dessen heißes Blut viel ärgere Temperamente zum Ausdruck bringt, und weiterhin erzeugen die Schauer der Grabeskälte dann gleichsam viel stärkere Empfindungen.“
Lachend nahm Böttiger die Pfeife aus dem Mund. „Junger Master Lewis, mir scheint, dass Sie nicht nur auf dem Gebiet der Literatur bewandert sind, sondern auch in Medizin und Philosophie. Sollten noch mehr verborgene Talente bei Ihnen zu Tage treten, dann werden Sie eine unglaubliche Bereicherung der Weimarer Hofgesellschaft sein!“
Lewis biss sich auf die Unterlippe. Er hatte befürchtet, dass dieser Punkt wieder zur Sprache kommen würde, und nun würde er offen reden müssen. Immerhin hatte Böttiger ihn davon entbunden, selbst auf dieses Thema zurückzukommen.
„Dazu ein Wort ...“
„Nur zu“, sagte Böttiger gönnerhaft und lachte immer noch leise in sich hinein, während er den Kopf ein wenig hin- und herbewegte.
„Sie haben wiederholt betont, wie wichtig es sei, dass ich am Hofe vorstellig würde. Oder vielmehr, dass ich dort häufig anwesend sein solle.“
„Sie werden begeistert sein! Im Palais der Herzoginmutter finden die Freitagsgesellschaft und die Freundschaftstage statt und sogar – Sie als Engländer wird das amüsieren – die Tafelrunde. Selbstverständlich hat diese nichts mit Ihrem mythischen König Arthur zu tun, aber gleichwohl ...“
Lewis räusperte sich. Böttiger stockte kurz und wollte gerade fortfahren, als Lewis die Pause nutzte, um ihn zu unterbrechen, ohne ihm ins Wort zu fallen. „Ich möchte diese vielgestaltige Ehre, sowohl hier als auch dort willkommen und eingeladen zu sein, zu meinem tiefsten Bedauern ablehnen.“
Böttiger hatte mit Beginn von Lewis’ Rede begonnen, wohlwollend nickend an seiner Pfeife zu saugen, da er von nichts anderem ausging, als dass Lewis zustimmen würde. Nun verschluckte er sich am Tabakrauch und hustete ihn in kleinen Wölkchen stoßweise aus. „Sie wollen was?“, brachte er mühsam hervor, während Lewis ein wenig hilflos und betreten in seinem Stuhl saß. Dennoch, es war heraus, und damit war er’s zufrieden. Wenn er auch nicht mit solchen Folgen gerechnet hatte. Böttiger hatte seinen Hustenreiz erfolgreich bekämpft und wollte mit kratziger Stimme eine ebenso kratzige Entgegnung ausstoßen, als er sich seines pädagogischen Einfühlvermögens entsann. Deshalb sagte er, so sanft es ihm irgend möglich war: „Aber junger Master Lewis, warum denn nicht?“
Der Engländer setzte sich etwas hölzern auf und sprach mit dem, was ihm als feste Stimme erschien, sein zurechtgelegtes Sätzlein: „Ich fürchte, dass mich allzu viel gesellschaftliche Verpflichtungen und Amüsements von meinen Studien abhalten könnten. Mein Vater setzt einiges auf mich, da er mich für den diplomatischen Dienst vorgesehen hat.“
Jetzt schien ein leichtes Triumphlächeln über Böttigers Mundwinkel zu fliegen. „Aber nichts könnte Sie besser in diplomatischen Gepflogenheiten schulen als eben der Umgang mit nämlichen Persönlichkeiten!“ Böttiger bemerkte einen Tabakkrümel auf seinem Knie und wischte ihn fort.
Lewis verfolgte die Geste mit Missmut. Er fühlte seine Bitte ebenso weggefegt, mit einem Handstreich. Es wallte heiß in ihm auf, dass ihm der Kopf schmerzte. Auf keinen Fall wollte er sich vereinnahmen lassen, und aus diesem Grunde griff er zu gravierenden Argumenten. Zumindest schob er diese vor, weil er wusste, sie würden ihre Wirksamkeit nicht verfehlen.
„Ich bedauere, Ihnen gestehen zu müssen, dass ich Ähnliches bereits in Paris, in Frankreich, erleben musste. Ich spreche also aus Erfahrung, was …“
„Aber junger Master Lewis“, rief Böttiger aus und stach mehrmals mit dem Pfeifenstiel in die Luft. „Sie wollen doch nicht etwa einen deutschen Fürstenhof mit …“
„… was meine Affinität zum Leichtleben angeht, wenn mir nur die Gelegenheit dazu gegeben wird.“ Lewis hatte Böttiger mit pädagogischen Argumenten überzeugen wollen, aber nicht an dessen Patriotismus gedacht. Deshalb war er ihm etwas schroff ins Wort gefallen, und das hatte gesessen. Lewis begutachtete das virtuose Stirnrunzeln, das Böttiger zustandebrachte, mit wachsendem Interesse, und um es nicht vorzeitig zum Erlahmen zu bringen, fuhr er fort: „Um ein bekanntes Sagwort abzuwandeln: Nicht nur für den Vater, für das Leben lerne ich.“
Der Pädagoge war offenkundig beeindruckt, versuchte aber, einen weiteren Köder auszubringen. „Aber was wird Ihre Frau Mutter sagen, wenn Sie gar nichts vom Hofe berichten können? Schließlich ist so etwas für Damen immer interessant.“
„Ich muss zu meinem Leidwesen erwähnen, dass ich keine Mutter mehr habe.“ Lewis’ Miene blieb seltsam starr bei dieser Äußerung, was Böttiger auf die unangenehme Erinnerung zurückführte. „Ich fühle mit Ihnen“, sagte er knapp und suchte nach einem unverfänglichen Thema, auf das es sich umschwenken ließ.
Lewis kam ihm zuvor. „Weiterhin möchte ich Sie ersuchen, nein, bitten, mir eine eigene Bleibe hier in Weimar suchen zu dürfen. Ich denke, dass die Abgeschiedenheit mich noch leichter auf meine Studien …“
„Sie wollen nicht bei uns wohnen?“, fragte Böttiger etwas schärfer, als angemessen war.
„Bitte verstehen Sie es nicht als Ablehnung Ihrer Gastfreundschaft, es ist nur so …“
Böttiger blickte nachsichtig. „Nein, junger Master Lewis, Sie müssen nicht erneut darauf hinweisen. Ich habe verstanden.“ Er erhob sich und lächelte. Lewis tat es ihm gleich, zumindest im Aufstehen. Böttiger legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter. „Ich wünschte, alle meine Schüler wären so versessen darauf, zu lernen und zu studieren. Ich will Ihrem Wunsch entsprechen, wenn auch meine Frau enttäuscht sein wird ...“
„Das ist sie allerdings“, sagte Eleonore Böttiger von der Tür her. Die beiden Männer drehten sich um und sahen sie mit einem kleinen Tablett mit zierlichen Gläsern und einer gedrungenen Flasche unter dem Türsturz stehen.
„Ich dachte, ein Glas Madeira würde das Willkommen abrunden ... so wird leider ein Abschied daraus.“ Sie schaute verdrossen.
„Aber nicht doch, Frau Böttiger“, beeilte sich Lewis zu sagen, während der Gatte ihr das Tablett dankend aus den Händen nahm. „Ich werde regelmäßig meine Aufwartung machen.“
Eleonore Böttiger lächelte liebenswürdig. „Dann bestimme ich hiermit, dass diese Aufwartung täglich erfolgt. Sie werden nämlich mit uns essen. Es kann nicht in Ihrem Sinne sein, sich allmittäglich in Gasthäusern herumzutreiben, und da Sie so fleißig sein wollen, wird es uns eine Freude sein, Ihre Fortschritte mit unserer Sprache in dieser schönen Regelmäßigkeit abzufragen.“
Lewis widersprach nicht, und Karl August Böttiger fragte sich erneut, ob er seine Frau nicht doch in seine Schultätigkeiten einbinden könnte.

Wenige Stunden später war für Lewis ein annehmbares Quartier gefunden worden. Bei einer Witwe, die in der Rosmariengasse wohnte, gab es ein anständiges, sauberes Zimmer mit Kammer, in dem der junge Engländer unterkommen konnte. Die Wirtin war eine Anverwandte des Kalfaktors, der Böttiger am Gymnasium unterstand, und so war der kurzfristige Umzug vor keinerlei Probleme gestellt. Lewis wurde aus dem Hause der Böttigers verabschiedet – wenn auch nur für kürzeste Zeit, denn Eleonore schärfte ihm wiederholt die Essenszeit ein, drohte gar, ihn höchstpersönlich zu Tische zu treiben, wenn er nicht von selbst der Einladung nachkäme, und falls dem jungen Mann in den späten Stunden des Studierens, oder doch vielmehr der Eingewöhnung in sein neues Quartier, der Magen knurren würde, so sei auch dafür vorgesorgt. Ein kleines Bündel mit Brot und Zervelatwurst samt einem Fläschchen Wein wechselte den Besitzer. Lewis bedankte sich herzlich, grüßte mit dem dunklen Dreispitz, warf Karlchen, der erneut sehr misstrauisch dreinschaute – möglicherweise aber gar nicht damit aufgehört hatte – einen fröhlichen Blick zu und schritt vom Böttigerschen Haus in der Jakobstraße fort. Beim Tragen des Gepäcks half ihm der halbwüchsige Sohn des Kalfaktors. Auf dem Weg zur Rosmariengasse konnte Lewis auch die nahe Kirche in Augenschein nehmen, St. Peter und Paul, deren wuchtige Mauern mittelalterliche Kühle ausstrahlten.
Kurz vor einem schmalen, weißen Haus, das, am Ende zweier Gassen stehend, in den eben überquerten Marktplatz hineinragte, hörte Lewis eilige Schritte hinter sich. Diese stammten, wie er unschwer erkannte, nicht von einem Mann, sondern klangen zierlich und leichtfüßig.
Er drehte sich um und sah Eleonore Böttiger, die, kaum dass sie erkannte, bemerkt worden zu sein, mit einem Mal in eine wesentlich langsamere und galantere Gangart wechselte.
Sie lächelte Lewis an, der verblüfft dreinschaute. „Herr Lewis“, sagte Eleonore. „Ich habe hier etwas für Sie, was ich im Beisein meines ... was ich zuvor vergessen hatte, Ihnen zu geben.“
Damit überreichte sie ihm ein recht schweres Bündel von geringem Format, eingeschlagen in Papier und sorgfältig mit Kordel umknotet. Lewis dankte.
„Öffnen Sie es erst in Ihrer neuen Bleibe, nein, Ihrer Studierstube und entscheiden Sie dann Ihren Prinzipien gemäß, ob Sie es benutzen mögen oder nicht. Ich muss jetzt zurück, mein Sohn braucht Zuwendung. Seit Sie das Haus verlassen haben, ist er ein wenig traurig.“
Frau Böttiger lachte leise und wandte sich ab. „Spätestens morgen wird er aber wieder zufrieden sein, nicht wahr?“, sagte sie über die Schulter zurück und eilte gemessenen Tempos nach Haus.
Lewis wog das kleine Bündel in seiner Hand, zuckte die Achseln und bedeutete seinem Helfer, der frech grinsend dastand, seine Last wieder aufzunehmen. Dann gingen sie weiter, in Richtung Eisfeld, und traten schließlich in die Rosmariengasse ein.
Im Halbdunkel des engen Hohlwegs, den die Häuser bildeten, war es angenehm kühl. Die Dachrinnen ragten in den Streifen blauen Himmels, der sich über Lewis’ Dreispitz zeigte. Auf halber Strecke, einige Schritte vom Gassenende entfernt, öffnete sich eine schmale Tür, und eine ältliche, untersetzte Frau mit Schürze und Haube trat heraus. Sie reckte den dicken Hals und spähte misstrauisch in Richtung des Ankömmlings, bis dieser den Hut lüpfte. „Frau Recknagel?“
Die etwas wässrigen, hellen Augen der Witwe Recknagel huschten hin und her und musterten Lewis in kürzester Zeit vom baren Scheitel bis zu den etwas staubigen Stiefeln. „Sie sind der junge Bursche, der bei mir wohnen soll?“, fragte sie barsch.
Lewis zog unmerklich Luft durch die Zähne und schmunzelte. „In der Tat. Herr Böttiger hat mich Ihnen empfohlen.“ Der junge Mann hoffte, dass die Witwe keine schwierigeren Fragen stellen würde, denn er hatte Mühe, den breiten Dialekt zu verstehen.
„So, so“, sagte die Recknagel, und ihre Augen wurden schmal. Lewis sah sie so offen an, wie er konnte. Die Frau erinnerte ihn an einen Bluthund, der die Witterung des Fuchses aufgenommen hatte. Leider war er der Fuchs, und er konnte nicht fortlaufen. Sein zukünftiger Bau war gleichzeitig der Zwinger der Witwe Recknagel.
„So, so“, wiederholte die Frau und wischte ihre Hände an der Schürze ab. Was auch immer sich an ihren Fingern befunden haben mochte hinterließ gut sichtbare Spuren auf dem nicht mehr ganz hellen Stoff. Sie musterte Lewis wieder. Sein Gepäckträger räusperte sich und spie aufs Pflaster. Schon ruckte der Kopf der Witwe in seine Richtung.
„Wirst du dich benehmen, Bursche?“, fauchte sie und hob die Hand wie zur Ohrfeige. Dann wies sie hinter sich. „Sieh zu, dass du das Gepäck des jungen Herrn nach oben schaffst. Tummel dich!“
Der Sohn des Schulkalfaktors schluckte, griff sich seine Last und kam dem ruppigen Befehl nach. Die Witwe sandte dem Jungen einen bösen Blick nach, während er die schmalen Stiegen hinaufächzte. Dann griff sie Lewis beim Rockärmel und schob auch ihn zum Eingang, von dessen Rahmen und Tür die Farbe abblätterte. „Na dann kommen Sie mal rein, es wird Ihnen hier schon gefallen.“ Sie musterte ihn erneut. „Ich hoffe doch, Sie sind reinlich?“, fragte sie argwöhnisch und kratzte sich an der Nase. Lewis sah sie an, und sie kratzte weiter.
„Was, bitte, meint reinlich?“, fragte er vorsichtig. Lewis erinnerte sich an das Tischgespräch im Hause der Böttigers und bemerkte einigermaßen ungehalten, wie hilflos er in dieser Sprache war, wenn es sich nicht um literarische Ausflüge handelte, sondern um das Alltägliche ging. Eine ungewöhnliche Konstellation, die gemeinhin genau gegenteilig auftrat. Vielleicht fehlte ihm auch der Wein.
Die Witwe hörte nicht auf, sich an der Nase zu kratzen und schielte Lewis über die wackelnden Fingerknöchel hinweg an. „Ach, ein ganz feiner Herr, der sich nicht waschen tut und lieber Puder nimmt ...“
„Oh, Sie meinen waschen!“, sagte Lewis eifrig. „Sicher tue ich das! Ich bin sehr ... reinlich!“
Die Witwe senkte ihre Kratzhand, sah auf die Nägel und dann auf den Engländer. „Dass Sie nicht von hier sind, merkt man schon“, meinte sie mit Kennerblick.
„Ja, nicht wahr“, pflichtete Lewis bei und verkniff sich jegliches Mienenspiel. „Mögen wir eintreten? Bitte, hinter Ihnen“, sagte er höflich und gestikulierte ebenso.
„Aber manierlich!“ Die Witwe Recknagel fühlte sich geschmeichelt und deutete einen plumpen Knicks an. Dann rauschte sie mit ihren dicken Röcken an Lewis vorbei und flötete: „Bitte, mir zu folgen.“
Der Engländer nahm seine Tasche und tat, wie ihm geheißen. Die Stiege war noch schmaler, als sie von unten aussah, und Lewis fürchtete eine Karambolage, falls die Witwe ausgleiten würde. Oben auf dem Treppenabsatz war es ein wenig stickig, und auch etwas Küchendunst war zu bemerken. Die Witwe stapfte über die knarzenden Dielen in einen Raum, dessen Lichtfülle nach der dämmrigen Gasse und dem düsteren Stiegenhaus nahezu blendete.
„Das wär’s denn“, sagte die Witwe und richtete Lewis’ Aufmerksamkeit mit einigen Gesten auf Sekretär, Waschtisch, Bett und Fenster. Beim Eintreten war der Sohn des Kalfaktors schnell von seiner Verschnaufgelegenheit aufgesprungen und stopfte das schweißnasse Sacktuch in die Tasche zurück.
„Nun“, meinte Lewis, „das ist doch sehr erfreuend“, und er setzte seine Tasche ab.
„Na fein, dass es Ihnen gefällt“, sagte die Witwe und ließ sich auf den Stuhl vor dem Sekretär fallen, wobei das Möbel ebenso ächzte wie sie. Während sie an ihrer Schürze zwirbelte, begann sie, Lewis mit den Gepflogenheiten in ihrem Haus bekannt zu machen. Sie setzte ihm auseinander, wie mit Abfall und Waschwasser zu verfahren sei, wann des Nachts Ruhe einzukehren habe und um welche Zeit gegessen wurde.
„Ich werde im Hause des Herrn Direktor Böttiger zu Tisch gehen“, warf Lewis ein. Die Witwe hob erst das eine Kinn, dann das andere. „So, so“, sagte sie und kniff wieder die Augen zusammen. Lewis glaubte erneut, den Bluthund schnobern zu hören, doch möglicherweise litt die Witwe Recknagel nur unter einem sommerlichen Katarrh.
„So, so“, wiederholte sie. Der Bursche, der neben Lewis’ Gepäck noch immer auf eine Entlohnung wartete, machte den Fehler, in diesem Augenblick sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen zu verlagern. Ein Dielenbrett knarrte. Der Kopf der Witwe Recknagel flog herum. „Was treibst du noch hier? Scher dich fort, Bursche! Geh!“ Sie wedelte mit der roten, schwieligen Hand, und der Junge trollte sich.
Lewis fing einen enttäuschten Blick von ihm auf. „Nur einen Moment, bitte ...“, sagte er vorsichtig und spreizte beschwichtigend die Finger. Unter den scharfen Augen der Witwe stiefelte er aus der Stube und rief die Treppe hinab: „He, Junge!“
Der blieb am Fuß der Stiege, schon halb aus der Tür, stehen und wandte sich um. Lewis griff in die Westentasche und förderte eines der noch wenig vertrauten Geldstücke zutage. Im schwachen Licht glaubte er, einen kupfernen Glanz zu erkennen, dann schnipste er es hinab. Geschickt fing es der Junge auf, blickte skeptisch erst auf seine Hand, dann auf den jungen Engländer. Er strahlte über das hagere Gesicht.
„Oh, vielen Dank, der Herr!“ Er dienerte etwas unbeholfen. „Stets zu Diensten.“ Die zweite Verneigung geriet schon besser. „Schicken Sie nur nach Justus!“ Dann verschwand er auf die Gasse hinaus. Lewis schwor sich, sobald als möglich seine Münzen zu ordnen und sich deren genauen Gegenwert einzuprägen. Er klimperte versonnen mit dem Inhalt seiner Westentasche. Dann wandte er sich um und stieß beinahe mit der Witwe zusammen, die sich lautlos genähert hatte. Lewis erschrak, die Witwe Recknagel nicht.
„Sie sollten Ihr Geld beisammenhalten, junger Herr aus England“, schalt sie in allzu mütterlichem Ton, der Lewis ein unangenehmes Ziehen im Magen empfinden ließ. „Was braucht dieser Bengel bare Münze, wenn er sich nützlich machen kann?“ Sie blickte interessiert auf Lewis’ Finger, die noch immer in dessen Westentasche steckten. „Dabei fällt mir ein, dass wir noch über gewisse geldliche Dinge zu sprechen haben, kommen Sie mal mit ...“
Lewis seufzte leise und malte sich im Geiste aus, wie der Bluthund nicht allein nach Blut, sondern auch nach Barem dürstete.

Schließlich fiel Matthew Lewis auf das Bett und atmete die süße Luft der Entspannung und der Einsamkeit ein. Die Witwe Recknagel war mit Geld und guten Worten ruhiggestellt, und Lewis erhoffte sich, nun für einige Stunden die Strapazen des letzten Reisetages, ja der ganzen Reise von sich abfallen lassen zu können. Er zog die Stiefel aus, ließ sie achtlos zu Boden fallen, warf den Rock über den Stuhl und sank zurück auf die Laken. Die Hände verschränkte er hinter dem Kopf und studierte die kleinen Risse in den gekalkten Wänden und der Decke über ihm. Vom Fenster fiel Licht herein, das sich langsam immer wärmer färbte und schließlich, mit der sinkenden Sonne, zu schwinden begann. Lewis fielen die Augen zu. Hinter seinen Lidern begannen Schatten zu tanzen. Kutschen, Kühe, Münzen, Scherben und ...
Mit einem Schlag, der nicht allzu heftig gewesen war, den jungen Mann aber umso heftiger aufschrecken ließ, flog die Tür auf, und die Witwe trat in den halbdunklen Raum. In ihren Händen hielt sie zwei kleine Leuchter mit je einer flackernden Kerze, die ihr grämliches Gesicht von unten in schreckliche Schatten tauchten. „Es ist dunkel, und ich wollte Ihnen ein Licht bringen“, sagte sie und ging zum Sekretär, um dort einen der Leuchter abzustellen. Sie fuhr mit der Hand über die lederbezogene Schreibfläche.
„Ich habe gehört, Sie wollen studieren und schreiben.“
Lewis nickte, ohne dass sie es hätte sehen können. Ihr Tonfall war ungewohnt gutmütig.
„Der Sekretär hier gehörte meinem Mann, der immer fleißig und ehrbar war.“ Sie wandte sich Lewis zu, der im Dunkel seiner Bettnische den Kopf einzog, als sie ihn anfunkelte. Nicht nur beleuchtete die Kerze in ihrer Hand erneut die schauerlichen Gesichtszüge, auch ließ das Licht in ihrem Rücken einzelne Strähnen ihres nicht sorgfältig unter die Haube gesteckten Haares wie glühend erscheinen. Weit weniger warm klang nun wieder ihre Stimme: „Ich hoffe, Sie wissen dies zu ehren und würdigen.“
Lewis räusperte sich. „Sicherlich“, brachte er hervor, die Kehle vom kurzen Schlaf etwas trocken.
„Das will ich hoffen“, brummte die Witwe. Dann ging sie zur Tür zurück. „Gute Nacht!“
Lewis hörte ihre Schritte auf der Treppe und sah im unteren Türspalt das Licht ihrer Kerze verschwinden. Er erhob sich und ging zum Waschtisch hinüber. Aus dem Krug goss er Wasser in einen Becher und trank. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund und sah sich im Zimmer um. Seine Koffer würde er morgen auspacken, die Bücher zur Arbeit sortieren ...
Sein Blick fiel auf das verschnürte Bündel, das ihm Eleonore Böttiger übergeben hatte und das nun auf einer Ecke des Sekretärs lag. Er trat näher. Was mochte sich unter dem Papier verbergen? Möglicherweise eine Leckerei, Zuckerwerk, um dem jungen Gast die Eingewöhnung in die neue Umgebung zu versüßen … nein, dafür war das Paket zu schwer. Lewis griff in seine Reisetasche, holte das Schreibzeug hervor und griff nach dem Federmesser.
Geschickt kappte er die Schnüre des Bündels, ohne sich mit den sorgfältig gebundenen Knoten abzumühen, und schlug das Papier auseinander. Er setzte sich. Bücher. Eleonore Böttiger hatte ihm vier Bücher übergeben. Auf dem obersten lag ein kleiner Abschnitt feinen Briefpapiers, mit zierlicher Handschrift versehen.
Werter Master Lewis.
Ich hoffe, diese Lectüre wird Ihnen neben den harten Stunden des Studirens ein wenig Zerstreuung bieten. Auch ich habe diese Werke mit Amusement gelesen. Lassen Sie dies aber ein Geheimnis zwischen uns bleiben und erwähnen Sie es meinem Manne gegenüber nicht, der diese Art Bücher für Damenaugen für nicht convenable hält.
Mit vorzüglichem Gruß,
Eleonore Böttiger
Lewis lachte leise und nahm den ersten Band auf.
Carl Friedrich Grosses Genius. Darunter lag Das Petermännchen von Christian Heinrich Spieß, eine Ausgabe des Hochwaldnebels von Friedrich Gotthold Loeffler und schließlich noch Der Geisterbanner des Lorenz Flammenberg. Er schlug diesen auf und sah in der ihm bekannten Handschrift den Namenszug Eleonore Böttigers. Zweifellos handelte es sich nicht um dieselben Bände, die ihm der Gymnasialdirektor in seinem Arbeitszimmer gezeigt hatte.
Lewis wiegte den Kopf. Wenn alle Deutschen in so großer Zahl jene Schauer- und Geistergeschichten besaßen, so musste es in deren Köpfen gewaltig spuken. Nicht zuletzt deswegen, weil ein jeder mit seinen Geistern im Kopfe allein war – sollte er sich nicht anderen mitteilen können, ob nun aus Gründen der Schicklichkeit, des Anstandes oder des Geschmackes.
Lewis legte die Bände auf das Schreibpult zurück. Draußen rief der Nachtwächter etwas, das Lewis nur schwer verstehen konnte. Gleichwohl erinnerte es ihn daran, dass es spät war. Er entledigte sich der Weste, der Hosen und der Strümpfe und wollte gerade die Kerze löschen, um unter die Laken zu schlüpfen, als sein Blick erneut auf die Bücher fiel. Er griff den obersten Band, trug ihn mitsamt der Kerze zum Bett und richtete sich dort zum Lesen ein.
Die Flamme flackerte ein wenig, als er die erste Seite des Geisterbanners aufschlug. Kurz fragte er sich, wie man einen Geist und eine Fahne zusammenbringen konnte, dann begann er die ersten Zeilen zu betrachten. Langsam arbeitete er sich vor, glitt von Wort zu Wort, von Satz zu Satz und hatte bald den groben Zusammenhang begriffen: Eine räuberische Bande von Geheimbündlern trieb im Schwarzwald ihr Unwesen und hatte ihr Lager in einem von Geistern heimgesuchten Schloss aufgeschlagen.
Lewis rieb sich die Augen. Das war tatsächlich das Garn, das empfindsame Gemüter erschüttern und nächtelang wachhalten konnte. Er las weiter, so gut er es vermochte, wobei er bemerkte, dass er im mündlichen Deutsch schon wesentlich bewanderter war. Seite um Seite verfolgte er das wüste Geschehen, wobei ihm die Lider immer schwerer wurden und sich die ersten Truggebilde seiner Träume in die Handlung zu mischen begannen. Schließlich erlosch die niedergebrannte Kerze, und im selben Moment war auch Lewis in tiefem Schlaf versunken, während das Buch geräuschlos aus seiner erschlafften Hand zu Boden glitt.
In der Nacht erwachte Lewis einige Male, da er glaubte, das Rascheln von Papier zu hören.

Am nächsten Morgen weckte ihn die Sonne, die aufdringlich ins Zimmer stach. Lewis blinzelte und war für einen Moment verwirrt. Doch als er ihm gegenüber den Sekretär mit den Büchern und seine Gepäckstücke sah, entsann er sich wieder des vorigen Tages.
Er setzte die Füße auf den Boden und konnte dabei knapp dem Band ausweichen, der mit gespreizten Blättern wie ein Zeltchen auf den Dielen stand. Lewis angelte mit einem Ächzen nach dem Buch. Die Seiten raschelten. Ein paar Worte des Textes fielen ihm ins Auge, und er nickte sachte, als er sich seiner wirren Träume in der Nacht erinnerte. Eine graue Frau, die gramgebeugt am Tisch saß, das Gesicht in die Hände gelegt, schluchzend und immer wieder Bögen von Papier um- und umwendete. Lewis schauderte, als ihm wieder in den Sinn kam, wie sie sich mit ihrem grauen, zerfurchten Gesicht ihm zuwandte und …
Es pochte energisch an der Tür. Von draußen hörte Lewis die Stimme der Witwe. „Aus den Federn! Das Morgenmahl steht auf dem Tisch!“
Kaum hatte Lewis sich von seinem Schrecken erholt, befürchtete er, die Witwe würde ebenso dreist seine Stube betreten, wie sie es am Abend zuvor getan hatte, doch als es draußen nur noch Schritte auf der Stiege zu hören gab, atmete er durch. Er gähnte, und sein Magen knurrte. Also kleidete er sich an und ging langsam die Treppe hinab.
In der folgenden halben Stunde fragte Lewis sich mehrfach, ob seine Entscheidung, bei der Witwe Logis zu nehmen, richtig gewesen war. Wissbegier und Redefluss der Recknagel suchten ihresgleichen. Lewis war froh, sich mit Hinweis auf seine mangelhaften Sprachkenntnisse dem Ärgsten entziehen zu können. Schließlich entfloh er treppauf, mit der Versicherung, dass nach fleißigem Studium wesentlich ergiebigere Gespräche möglich seien. Die Witwe Recknagel hörte dies gern und gab Lewis frei.
Den früheren Vormittag verbrachte der Neuankömmling damit, sich einzurichten. Er ordnete seine Kleidung und seine Lehrmaterialien, dann machte er sich gewissenhaft an seine Arbeit. Er übte Grammatik, lernte Vokabeln und übersetzte Textabschnitte, bis die Sonne am höchsten stand.
Zufrieden mit seinen Lernerfolgen verließ er das Haus, nicht ohne zuvor von der Witwe entdeckt worden zu sein, die ihm das Versprechen abrang, dem Herrn Gymnasialdirektor Böttiger einen Gruß zu übermitteln. Auf dem kurzen Weg in die Jakobstraße machte er sich den Spaß, einmal über den Treppenaufgang an der Front des Gymnasiums zu laufen, zur einen Seite hinauf und zur anderen Seite hinunter. Guter Laune und auch hungrig betrat er das Haus der Böttigers, wo ihm der kleine Karl fröhlich entgegenkrähte.
Schon kam ihm die Dame des Hauses entgegen, doch ehe Lewis mit Verschwörermiene auf ihrer beider Büchergeheimnis hätte anspielen können, trat Direktor Böttiger hinzu und hieß Lewis willkommen. „Haben Sie eine gute erste Nacht in Weimar hinter sich gebracht?“, fragte er und bat ins Speisezimmer.
„Danke, ja.“ Alles in allem war Lewis überzeugt, dass es sich bei dieser Äußerung um keine Lüge, auch nicht um eine Beugung der Wahrheit handelte. Er nahm Platz.
Böttiger tat ihm von den Koteletts auf, auch von den Kohlsprossen, und nach einigen Bissen schien es allen, als sei seit dem gestrigen Tage kaum Zeit vergangen, als habe sich dieses Mahl direkt dem vom vorigen Mittag angeschlossen. Böttiger, seine Gemahlin und Lewis plauderten über Speisegewohnheiten in England, über Weimar und die Umgebung im Sommer und über die Lektionen des jungen Engländers. Der zeigte sich selbstzufrieden.
„Ich habe mein Gehirn, kann man das so sagen, so hart gegen das Deutsche geschlagen, wie ich nur kann. Im Morgen habe ich Lektionen genommen und kam gut voran.“ Er nahm etwas Brot und pflückte es auseinander. „Die drei Grundlagen von Vokabeln, Grammatik und Stil gehen mir recht gut ein.“ Böttiger und seine Gattin lobten ihn ohne Vorbehalt, wenn sie auch die zuweilen drollige Wortwahl des Engländers amüsierte. Lewis nutzte das Thema, um Eleonore Böttiger unauffällig für die Lektüre zu danken. „Ich habe auch neben den Lehrtexten schon einiges an Literatur zu mir genommen, zur Übung sogar einige Zeilen übersetzt. Sehr aufschlussreich, hilfreich und interessant.“ Wie beiläufig trank er Eleonore Böttiger zu.
Böttiger fegte einige Krumen zusammen. „Was haben Sie sich denn zur Lektüre erkoren?“, fragte er, völlig arglos in Blick und Tonfall.
Lewis schaltete schnell. „Es kam mir in den Sinn, Ihre Empfehlung zu beherzigen und nur das Gute mit Aufmerksamkeit zu bedenken. Ich nahm mir den Werther des geehrten Goethe vor.“ Seine Gesichtshaut rötete sich ein wenig, wie er an der aufkommenden Wärme spürte, doch hatte der genossene Wein längst sein Übriges getan, und so fiel die zusätzliche Färbung kaum ins Auge. Frau Böttiger bedeckte ihr Lächeln mit dem Mundtuch.
Böttiger lehnte sich zurück. „Gut. Das kann nur fruchtbringend sein.“ Er kratzte sich am Kinn. „Sagen Sie, wie wohnt es sich bei der Witwe Recknagel? Ich kenne sie nicht in Person, habe aber gehört, dass sie, nun, vielleicht etwas sehr mütterlich zu sein scheint.“
Lewis bewahrte seinen gelösten Gesichtsausdruck, verkrampfte sich aber innerlich. Das traf nicht die Wahrheit, beileibe nicht. Dann lächelte er mühsam, gab seiner Stimme einen frohgemuten Anstrich. „Wenn Sie es so nennen mögen? Sie ist recht streng, einigermaßen fürsorglich und sehr, sehr wissbegierig. Beim Frühmahl kam ich kaum dazu, etwas zu mir zu nehmen, da ich in einem fort zu berichten hatte ...“
Böttiger lachte. „Das kann ich mir vorstellen. Ebenso, dass das Erfahrene sehr rasch seine Runde bei den Marktweibern machen wird. Die Witwe Recknagel soll nicht nur neugierig, sondern auch redselig sein.“ Dann senkte er kaum merklich den Blick. „Schade, dass nicht auch die bessere Gesellschaft von Ihnen erfahren wird ...“
Eleonore funkelte ihn aus den Augenwinkeln an, so dass er beschwichtigend die Hände hob. „Doch es ist natürlich Ihre freie Entscheidung ...“
„Haben Sie ein wenig Nachsicht mit mir als Schüler, Herr Gymnasialdirektor. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Eleonore Böttiger lachte leise, und Lewis sah, dass er ohne Vorsatz Worte und Tonfall Böttigers perfekt nachgeahmt hatte. Böttiger ergab sich seinem Schicksal und erlaubte sich auch ein Lächeln. Trotz der angeregten Unterhaltung spürte Lewis Müdigkeit in sich aufsteigen, was er auf die eben genommene Mahlzeit zurückführte.
Eleonore Böttiger bemerkte es. „Sie sehen erschöpft aus. Haben Sie sich gleich am ersten Tag übernommen, oder war Ihre erste Nacht doch nicht so erquickend?“
„Nun, ich muss zugeben, die neue Umgebung hat mich etwas beeinflusst. Ich träumte ein wenig wirr und schlief unruhig, trotz der anstrengenden Reise ...“
„... oder wegen der Aufregungen, die Sie gestern so treffend geschildert haben“, meinte Böttiger. „Dazu die weiteren Gespräche über gewisse Themen ...“ Er schielte ein wenig zu seiner Frau hinüber, die vorgab, einen Sprung im Geschirr entdeckt zu haben, und halblaut etwas von der plumpen Spülmagd vernehmen ließ. Böttiger nutzte dies, um den Tisch aufzuheben und den Gast in sein Arbeitszimmer zu bitten. Lewis fing beim Hinausgehen ein feines Lächeln Eleonore Böttigers auf.
Im Arbeitszimmer wiederholte sich das Rauchritual des vorigen Tages. Böttiger wollte es sich offenkundig nicht nehmen lassen, persönlich an den sprachlichen Erfolgen des Engländers teilzuhaben, und so plauderte er mit ihm, dann und wann leicht verbessernd und aufmunternd. Schließlich durfte Lewis sich verabschieden und wieder seinem eigenen Tagesprogramm nachgehen.
Er nahm einen anderen Weg zu seinem Zimmer, der ihn über den Graben und die Kleine Teichgasse zurück in die Rosmariengasse führte. Auf diesem kurzen Spaziergang betrachtete er die Häuserfronten mit ihren Sprossenfenstern, den vereinzelten Blumenkästen und den Rankengewächsen, die hier und da von Wurzelstöcken nahe dem Fundament an den Fassaden emporkrochen. Lewis versuchte, Häuser und Menschen nicht allzu offensichtlich mit den Augen des fremden Reisenden zu betrachten. Vielmehr strebte er an, die innere Essenz dieser anderen Stadt, dieser anderen Welt in der Mitte des europäischen Kontinents zu erfassen. Er versuchte zu ergründen, was deutsche Dichter zu eben den Worten veranlasst haben mochte, die sie niedergeschrieben hatten. Nur so, dessen war Lewis gewiss, konnte es ihm gelingen, die Werke, die er ins Englische zu übersetzen gedachte, wahrhaftig zu übertragen. Doch zuvor hatte er sich noch mehr an sprachlichem Rüstzeug zuzulegen.
Er ging guten Mutes ins Haus der Witwe Recknagel zurück und arbeitete fleißig und ungestört bis zum Sonnenuntergang.

In der Nacht schrak er entsetzt auf. Wieder hatte er im leichten Schlaf jenes Rascheln vernommen, das ihm schon zuvor aufgefallen war. Dieses Mal lag seine Lektüre jedoch sorgsam zugeschlagen auf dem Nachtkasten, soviel konnte er im Mondlicht erkennen, das auffallend hell ins Zimmer schien und zudem eine eigentümliche Färbung aufwies. Wäre ein Spiegel in Lewis’ Blickweite gewesen, so hätte er sein Antlitz in leichenhaftem Grün schimmern sehen können – und sein eigenes Erbleichen, als er den Kopf dorthin wandte, von wo der geisterhafte Glanz herrührte.
Lewis stockte der Atem.
Am Tisch saß die Gestalt aus seinem vornächtigen Traum. Ganz in durchscheinendes Grau verschiedenster Schattierungen gehüllt, von innen her jenes ungesunde Grün ausstrahlend, beugte sich der Schemen einer ältlichen Frau über die Tischplatte, die mit vielerlei Papieren bedeckt war. Eine gichtige Hand tastete mit dürren Fingern nach den Zeitungen und Journalen, wendete hier eine, dort zwei Seiten um. Es knisterte und raschelte, doch der sonst vertraute Klang des Papiers klang hohl, als würden die Wände einer Grabkammer das Geräusch zurückwerfen.
Lewis hob die Hände vors Gesicht, doch ehe sie ihm den Blick auf dieses Grausen gnädig verwehrten, wandte die spukhafte Frau ihm das gramgefurchte Gesicht zu, schaute ihn mit trüben Augen durchdringend an. Lewis wollte das Herz in der Brust stehenbleiben, dann schlug es ihm bis hinauf zur Kehle. Kurz schienen die Augen der Frau aufzuleuchten, wie die einer Katze, die bei Nacht vom Lichtstrahl einer Blendlaterne überrascht wird, dann schimmerte die Iris wieder blind und weiß und so tot wie zuvor.
Lewis sah noch, wie sich der grausige Kopf mit dem zerrauften Haar wieder dem Tisch zuwandte, dann verlosch das Bild. Doch er konnte am nächsten Morgen nicht sagen, ob das Phantom verschwunden oder ob es die Ohnmacht gewesen war, die sich seiner bemächtigt und ihn in gnädigem Dunkel hatte versinken lassen.

Kaum ertönte das Klopfen der Witwe an seiner Tür, war Lewis hellwach. Noch bevor sie ihren Satz zu Ende bringen konnte, sprang er aus dem Bett, setzte zur Tür und riss sie auf, ungeachtet der Tatsache, dass er sich im Hemd befand.
Die Witwe Recknagel erschrak kurz, dann gewann ihre übliche Natur Oberhand, und sie musterte den jungen Mann von oben bis unten. Entrüstet, wie es schien. Doch als die erste Silbe eines Wortes über ihre Lippen kommen wollte, kam Lewis ihr zuvor: „Ist dieses Haus bespukt?“, rief er, und seine Stimme zitterte dabei.
Schlagartig wich alle Farbe aus dem Antlitz der Witwe, und sie ließ den Mund halboffen stehen, verschluckte ihre Worte.
„Ist es?“, drängte Lewis. Die Witwe tastete nach der Türfüllung, um Halt zu finden. „Sie haben ... etwas gesehen?“, fragte sie zögerlich und versuchte vergeblich, den Anschein zu erwecken, sie wisse nicht, wovon Lewis sprach.
„In der Tat! Etwas mit glühenden Augen, in geisterhaftem Glanz. Es war schrecklich!“ Auch Lewis musste nach dem Türrahmen greifen.
Die Witwe vermied es, in Richtung des jungen Engländers zu schauen, als fürchte sie, einen Blick ins Innere des Zimmers zu erhaschen, obwohl dort nur fröhlich einige Staubkörnchen im hellen Morgenlicht tanzten. Sie senkte den Blick. „Es ist also wieder da“, flüsterte sie in einem düsteren Ton, der Lewis mehr Schauer über den Rücken fahren ließ, als es die nächtliche Erscheinung vermocht hatte. Er wich einen Schritt zurück. Die Witwe Recknagel wandte ihm halb den Kopf zu. „Kleiden Sie sich an und kommen Sie in die Küche. Ich bereite derweil eine Nervenstärkung.“ Langsam ging sie die Stiegen hinab, und Lewis fragte sich, wie er diese Frau je mit einem Bluthund hatte vergleichen können. Rasch warf er die Kleider über, um nicht länger als nötig in diesem verfluchten Raum zu bleiben.
Unten in der kleinen Küche, deren winziges Fenster auf den Gemüsegarten hinausging, empfing ihn der Duft von Kaffee, den die Witwe in zierliche Tassen aus besseren Tagen goss. Lewis nahm ihn dankbar an. Die Süße des Getränks und dessen Hitze vertrieben die bitteren und grabeskalten Empfindungen aus der Nacht. Auch die Witwe gewann wieder etwas von ihrer früheren Gesichtsfarbe zurück. Sie hielt die Tasse mit ihren feisten Fingern umklammert, dass Lewis um das Porzellan bangte, doch schon brachte die noch etwas brüchige Stimme der Witwe ihn auf den rechten Pfad der Aufmerksamkeit zurück.
„Ich hatte gehofft, dass die Ereignisse zu einem Ende gekommen wären“, begann die Witwe Recknagel. „Einige Jahre war es still, nein, viele Jahre, um genau zu sein. Als ich mit meinem Mann, Gott hab ihn selig, dieses Haus bezog, hatten wir davon gehört und dann und wann auch einen schrecklichen Blick erhaschen können. Doch mit der Zeit verschwand die Erscheinung, und wir konnten glücklich und traut leben ...“
„Aber um was handelt es sich?“, fragte Lewis ungeduldig, der es nicht gewöhnt war, so früh am Morgen Kaffee zu sich zu nehmen.
Die Witwe sah ihn fest an. Dann setzte sie die Tasse ab und legte die Hände fest auf die Tischplatte, damit sie nicht zitterten. „Vormals war dieses Haus im Besitz einer Witwe ... so wie jetzt auch“, fügte sie dumpf hinzu. „Doch diese hatte nur einen einzigen Sohn, dem Herrn sei’s gedankt, während ich mit einigen Kindern gesegnet bin, wenn sie auch schon lang aus dem Haus sind ...“
Lewis nickte bedächtig und ermunterte die Witwe, doch bitte weiter zu berichten.
„Dieser Sohn also verliebte sich in ein schönes, aber bettelarmes Mädchen und wollte es heiraten, was der geizigen Mutter nicht recht war. So gab sie ihren Sohn an einen Kaufmann, der zur See fuhr, und sandte ihn aufs raue Meer hinaus. Die Jahre vergingen, und die Mutter bekam keine Nachricht, weder von ihm noch von dem Schiff, mit dem er in See gestochen war. Man nahm an, es sei gesunken und alle an Bord mit ihm. Das Mädchen, das auf ihn hatte warten wollen, klagte die Mutter an. Dies und das zehrende schlechte Gewissen zerrütteten zusammen mit dem Schmerz über den Verlust ihres Kindes den Geist der Frau. Ihr einziger Lebenszweck war fortan, die Gazetten nach Meldungen zu durchsuchen, die ihr Aufschluss über das Schicksal ihres Sohnes geben könnten. Mit der Zeit verließ sie alle Hoffnung, und sie starb bald. Doch nach ihrem Tod verfolgte sie ihre alten Gewohnheiten weiter ... und erscheint in der Nacht, oben in jenem Zimmer, die Zeitungen nach einem Zeichen durchsuchend ...“
„Genug!“, rief Lewis so heftig, dass die Witwe und auch er selbst erschraken. „Das ist entsetzlich ...“
Die Witwe seufzte. „Ja. Der Schmerz einer Mutter über den Verlust ihres Sohnes ...“
Lewis verkrampfte sich.
Die Witwe legte die Hand an die Wange. „Aber sicher können Sie nachempfinden, was für ein Unglück es ist, den Sohn zu verlieren. Denken Sie nur, was Ihre Frau Mutter …“
„Meine Mutter lebt nicht mehr“, sagte Lewis hastig und presste die Lippen aufeinander.
Die Witwe sah ihn milde an. „Das tut mir leid. Wann …“
„Ich möchte nach oben gehen“, sagte Lewis eilig. Als die Witwe Recknagel überrascht den Mund öffnete, fügte er hinzu: „Ich denke, am besten vertreiben sich Geister durch fleißiges Arbeiten und dadurch, dass man seinen eigenen Geist dagegensetzt.“ Er stand auf, nickte höflich und verließ eilig den Raum. Die Witwe blickte ihm nach und dann in ihre Tasse, auf deren Grund der Kaffeesatz seltsame Muster gebildet hatte.

Lewis setzte sich ans Schreibpult und barg den Kopf in den Händen. Beklommenheit drückte auf seine Brust. Er fegte die Bücher, Hefte und Zettel beiseite und griff nach dem Briefpapier. Mit zitternder Hand tauchte er die Feder ins Tintenfass und presste die Spitze auf das Weiß, zog die ersten fahrigen Linien in tiefem Trauerschwarz:
Dearest Mother ...
Eine Stunde später versiegelte und adressierte er den Brief, ging hinunter zur Witwe und erfragte bei ihr, wo er ein Schreiben nach England aufgeben könne. Er verließ das Haus und die Witwe, die sich Sorgen um das Wohl ihres Mieters machte, da er fahrig und bleich wirkte. Ein Gang durch die frische Luft des Vormittages würde ihm guttun, so dachte sie sich und ging wieder ihren eigenen Geschäften nach.
Lewis ging unstet durch die Gassen und Straßen Weimars, das ihm trotz des lichten Tages düster und verhangen schien. Kindern, die laut rufend umhertollten, und Frauen, die beisammen standen und tratschten, begegnete er mit Unverständnis. An einem Brunnen nahe der Geleitstraße wusch er sich das von kaltem Schweiß überlaufene Antlitz und rastete kurz. Langsam klärte sich sein Geist wieder, und er fasste nach einigem Abwägen, das ihm zunächst schwer, dann immer leichter fiel, einen Entschluss. Er strich sich das wirre Haar aus der Stirn und ging festen Schrittes zurück in die Rosmariengasse.

Zur Mittagszeit begrüßte man ihn, als sei es schon liebe Gewohnheit, die vor sehr langer Zeit ihren Anfang genommen hatte, im Haus der Böttigers. Nach dem Essen brachte er wie beiläufig das Gespräch auf die Erlebnisse im Haus der Witwe Recknagel.
„O nein! Wie schauerlich!“, rief Eleonore Böttiger mit Entsetzen, und Lewis vermochte in dieser Bemerkung mittlerweile besser zu lesen als ihr Ehemann, jetzt, da sie über eine literarische Verschwörung miteinander verbunden waren.
Böttiger hingegen war skeptisch. „Master Lewis, sind Sie sich dessen sicher? Hat die Witwe sich nicht vielleicht, nun, ein wenig interessant machen wollen, dem jungen Gast gegenüber?“
„Aber ich sah, was ich gesehen habe“, sagte Lewis mit Nachdruck.
„Sicher, sicher, sofern es kein Traum war ...“ Böttiger tippte mit den Fingern auf die Tischplatte.
Lewis ließ sich nicht beirren. „Doch wie kann ich von etwas träumen, was ich erst am Tag darauf erfahren habe?“
Böttiger wusste darauf nichts zu entgegnen und nahm, um die Zeit zu überbrücken, einen Schluck Wein.
Lewis fuhr fort: „Glauben Sie mir, Geister existieren!“
Böttiger sah mit in Falten geworfener Stirn auf, doch Lewis sprach weiter: „Ich habe schon einmal Ähnliches erlebt, daheim in England, im alten Anwesen der Familie meiner Mutter ...“ Wieder ergriff Lewis das bedrückende Gefühl, doch er rang es nieder. „In Stanstead Hall gab es einen Flügel, der schon seit langer Zeit unbewohnt geblieben war, und von dem es – selbstverständlich – hieß, dort würde es umgehen. Besonders auf ein Gemach sollte dies zutreffen, den sogenannten Zedernraum, ein sehr verschwenderisch ausgestattetes Zimmer. In dieses einzutreten wagte sich nach Einbruch der Dunkelheit keiner der Diener, was auch immer der Anlass oder Anreiz sein mochte.“ Lewis sah, dass Böttiger weiter an seinem Wein nippte, während Eleonore mit glühenden Wangen lauschte.
„Ich musste auf dem Weg in meinen Schlafraum stets den Eingang dieses Zimmers passieren, mich vorbeischleichen an den großen Türflügeln, die mit seltsamen Schnitzereien verziert waren, und oftmals warf ich einen Blick des Schreckens über meine Schulter zurück, fürchtend, dass sich diese Türflügel mit einem Schlag auftun würden und das dort Verborgene offenbarten, jene fürchterlichen Schemen, die dort drinnen im Zedernraum hausen mochten ...“
„Genug, genug!“, brummte Böttiger und empfing dafür einen empörten Blick von seiner Frau. „Master Lewis, wir haben schon einige Male ihr fulminantes Talent zum schauerlichen Erzählen erleben dürfen. Doch erlauben Sie mir anzumerken, dass dies in Wirklichkeit nichts, aber auch gar nichts zu belegen vermag.“
„Dennoch“, mischte sich Eleonore Böttiger ein, „gab es das Phänomen des Erlebens vor dem Wissen darum!“ Sie lächelte Lewis an. „Vielleicht besitzt der junge Herr eine weitere besondere Gabe.“
„Eleonore, bitte, verschone uns mit deinen Ansichten über Geisterseherei, Mesmerismus und dergleichen. Wir stehen mit beiden Beinen fest auf der Erden Grund, und daran gibt es nichts zu rütteln.“ Böttiger leerte sein Glas. Zu Lewis gewandt sagte er: „All diesen Spuk beiseite – ich kann nur wiederholen, was ich vor Tagen erläutert habe. Hier im Hause hätten Sie weit besseres Logis als dort drüben bei der alten Witwe, die mir etwas schrullig zu sein scheint. Aber ...“, hier senkte er bedeutungsvoll Kinn und Stimme, „... Sie geruhten ja, unser freundliches Angebot …“
„Anzunehmen“, sagte Lewis knapp, und bevor Böttiger nachfragen konnte, fügte er hinzu: „Ich denke, die vereinigte Weimarer Adels- und Dichterwelt kann mich nicht so von meinem Tun ablenken wie ein leibhaftiger Geist – wobei niemand bei einem Geist von einem Leib sprechen sollte.“
Böttiger schnaufte und murmelte etwas von unsteter Jugend, während seine Frau strahlte und den Kopf von einem der Herren zum anderen wandte.
Lewis stand auf. „Justus steht mit meinem Gepäck bereits unten vor der Tür. Herr Böttiger, wenn Sie mir wie zuvor mit den Koffern zur Hand gehen möchten?“