Dreizehntes Kapitel
In welchem sich Abgründe auftun
Der einst dichte, schimmernd weiße Schnee, der sich in den Straßen Weimars getürmt hatte, war nun niedergetreten, beiseite gedrängt und hatte sich mit Staub und Dreck zu einer schmutzigen Masse verbunden. Er schien Lewis wie ein Spiegel der Ereignisse und Zustände in Weimar, denn was er hier sah, konnte nicht verschiedener sein von dem beschaulichen Musenstädtchen, das er in den vergangenen Monaten erlebt hatte.
Es hatte sich schon angekündigt, als sie mit der Kutsche um die erste Kurve gefahren waren. Ein dumpfer Schlag gegen die Wandung hatte ihn, Herder und Hardenberg aus ihren überschwänglichen Begrüßungen, Wohlaufseinsbekundungen und der Wiedersehensfreude aufgeschreckt, die sie ausgetauscht hatten. Am frühen Abend waren die beiden anderen in Jena aufgebrochen, um Lewis im Haus der Böttigers abzuholen, um dann gemeinsam der Einladung Goethes nachzukommen, den Silvesterabend und Jahreswechsel in dessen Haus am Frauenplan zu verbringen. Goethe hatte in seinem Schreiben stolz verlauten lassen, dass die Umbauten und Einrichtungsarbeiten in seinem neuen Domizil nun zur Zufriedenheit abgeschlossen seien und er sich keinen schöneren Ort vorstellen könne, um wieder mit Lewis zusammenzutreffen. Lewis hatte diesen Vorschlag nach gutem Zureden der Böttigers angenommen, zudem war der freundlich-drängende Ton in Goethes Schreiben unmissverständlich gewesen. Lewis sah ein, dass er nicht länger grübelnd im Bett liegen konnte, und vielleicht ergab sich im Gespräch mit Goethe auch die eine oder andere Erklärung für das eine oder andere Rätsel.
Er hatte daraufhin gemeinsam mit Herder versucht, Hardenberg dafür zu begeistern. Der war zunächst – ungewöhnlicherweise – etwas zögerlich gewesen. Er stünde doch erst am Beginn seiner dichterischen Laufbahn und scheue sich von daher, dem großen Geheimrat gegenüberzutreten, der vielleicht wenig gnädig sein mochte ...
Lewis schaffte es schließlich doch noch, Hardenberg zu überzeugen. Dessen Vater hatte, wie Lewis in den langen Gesprächen, die die drei jungen Männer geführt hatten, bekannt geworden war, die Position des Direktors der kursächsischen Salinen inne, und Hardenberg spielte mit dem Gedanken, sich nach seinem Studium in Leipzig an der Bergakademie im sächsischen Freiberg einzuschreiben. Um diese Hinneigung zum Bergmännischen zu unterstützen – vor allem, weil sie Lewis wesentlich vernünftiger schien als die kurz währende Anwandlung Hardenbergs, dem Militär beizutreten –, wies er darauf hin, dass Goethe der Leiter der Bergbaukommission zu Weimar sei. Man könne also mühelos auch auf anderem Gebiet als dem der Dichtkunst Gespräche führen. Zumal Goethe zurzeit allem Poetischen sowieso abgeneigt schien. Seine Heimkehr vom Feldzug in Frankreich nach Weimar lag erst zwei Wochen zurück, und gewiss hatten die dortigen Erlebnisse ihr Übriges getan, dass der Geheimrat den Sinn des Daseins nur auf dem harten Boden der Realität zu finden glaubte.
In einem vertraulichen Brief hatte Goethe Lewis mitgeteilt, es stünde in Weimar nicht zum Besten: Im Geheimen Konsilium sei man besorgt über all die unruhigen Köpfe, die, von der Pest der Revolution vergiftet, aufbegehrten und Zwietracht säten. Es würden feurige Reden auf den Plätzen gehalten, sogar Drohbriefe würden verfasst, und die Bevölkerung stimme den Rädelsführern zu, aufgestachelt und unzufrieden wegen der Getreideteuerung und der Branntweinsteuer.
Goethe gestand, dass er zunächst gewillt gewesen war, mit harter Regierungsmacht einzuschreiten, doch Regierungsrat Voigt habe ihn von diesem Entschluss abgebracht. Der sei der Ansicht gewesen, man möge das Volk ruhig schreien und toben lassen – dadurch glaube es, wahre Freiheit zu genießen.
Auch müsse er Lewis über etwas Weiteres unterrichten, damit dieser es nicht aus anderem Munde und vielleicht mit Angabe falscher Gründe erführe: Es sei nötig gewesen, den Generalsuperintendenten Herder mittels einer Summe Geldes mundtot zu machen. Durch die Zahlung eines hohen Betrages aus der herzoglichen Kasse als außerordentliches Surrogat, im Ganzen die Summe von zweihundertfünfzig Reichstalern, was dem Jahresgehalt eines Jenenser Professors entspräche, war ihm nahegelegt worden, sich daran zu erinnern, wer als sein wahrer Brotherr fungiere und weswegen er seine revolutionären Schriften abzumildern hätte, um weiteren Aufruhr in den Köpfen und somit Aufbegehren gegen die Obrigkeit zu vermeiden.
Lewis solle dies erfahren, da er mit dem jungen Herder verkehre und somit besser um die Hintergründe wisse, falls es zu einem möglicherweise erregten und die Tatsachen verkehrenden Gespräch käme.
All dies – weit irdischerer Natur als das Geheimnis des wiederauferstandenen Löber, jedoch nicht minder beunruhigend – war auf Lewis eingestürzt, nachdem er wieder aus seinem langen ohnmachtsähnlichen Zustand erwacht war. Es war ihm gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass es in den Gassen zu Tumulten und Aufläufen rund um wilde Redner käme, während er und die beiden anderen jungen Herren sich anschickten, den Jahreswechsel mit dem Geheimrat Goethe zu feiern. Aber andererseits schien es unnötig zu sein, sich ernsthaft den Kopf zu zerbrechen. Schließlich war das Weihnachtsfest beschaulich und besinnlich vorübergegangen, wie er hatte erfahren können. Goethe hatte recht behalten, als er sagte, dass sich selbst der aufbrausendste und von Freiheitsgedanken versprudelte Kopf am Heiligen Abend auf die wahren Werte besinnen würde. Er hatte zudem Lewis zugesichert, ihm eine Nachricht zu senden, sollte es zu unsicher auf den Weimarer Straßen werden und es demzufolge besser wäre, wenn ein jeder in seinen vier Wänden bliebe. Eine Feierlichkeit ließe sich auch ohne zwingendes Datum nachholen.
So aber rumpelte die Kutsche mit den drei jungen Herren am Silvesterabend durch Weimar – mitten ins brodelnde Unheil. Der dumpfe Schlag gegen die Außenwand der Kutsche rührte von einem Dreschflegel her, geschwungen von ungestümer Bauernhand. Der Wagen hielt an, man hörte den Kutscher auf dem Bock fluchen und seine Stimme dann rasch im Getön der Antworten untergehen.
„Nieder! Nieder mit der Willkürherrschaft! Hoch die Freiheit!“, brüllte es von draußen mit sich überschlagenden Stimmen, die ohne Zweifel vom Branntweingenuss herrührten.
Wilhelm Herder zuckte mit dem Kopf zurück und ließ den Vorhang des Kutschenfensters wieder herunterfallen. Er wandte sich mit lauter Stimme, mit der er nur schwer den Lärm, der von draußen kam, übertönen konnte, an Lewis: „Sagtest du nicht, der Herr Geheimrat hätte geschrieben, dass manchen Menschen in Weimar der Verstand stillstünde?“
Lewis nickte nach einem Atemzug, in dem er überlegte, ob er Herder auch richtig verstanden hatte, denn das Schreien und Tönen der Menschenmenge war ohrenbetäubend. „Ja. Aber es hieß auch, die Lage hätte sich seit Weihnachten verändert.“
Herder nickte bitter und bedeutete Lewis, selbst nach draußen zu sehen. „Es scheint, als hätte sich bei manchen der Verstand gänzlich aus dem Staub gemacht ...“
Lewis schob den Stoff des Vorhangs beiseite und blickte in die von Fackeln und Laternen wabernd beleuchtete Nacht.
Was er da sah, hätte er sich in seinen düstersten Alpträumen nicht ausmalen können. Es schoss ihm mit einem Mal das Erlebnis durch den Kopf, welches er am Tage seiner Ankunft in Weimar, damals, vor vielen Wochen, gehabt hatte. Er dachte an die Kuh, die er in seinem von Hitze und Schläfrigkeit trunkenen Zustand für den Satan selbst gehalten hatte. Nun jedoch bedurfte es keiner verwirrten Sinne, dieses Spektakel für den Tanz aller Teufel und Dämonen der Vorhölle und des Fegefeuers zu halten. Lewis schaute und schauderte.
Zunächst sah er nur aufgerissene Münder und wutverzerrte Gesichter, vor Wahnsinn leuchtende Augen und zu Krallen gebogene Hände, die sich dicht an dicht und eng an der Kutsche vorbeischoben. Die aufgeregten Schreie und Rufe waren nicht nur hörbar, sie drangen wie Druckwellen auf Lewis’ Körper ein und erschütterten Organe und Knochen. Das Gewirr der erhobenen Arme, der flatternden Haare und der darüberwehenden Fetzen von Stoff, die Stangen mit den Kokarden und Freiheitshüten, die sich aus den Massen erhoben, all das verwirrte und betäubte den Blick. Nur mit Mühe vermochte Lewis, sich ein Bild der Lage zu verschaffen, aber es schien, als sei halb Weimar auf den Straßen und – verrückt. Die Menschen schrien wüste Drohungen gegen Regierung und Obrigkeit, Tod und Pest wünschte man den Herrschenden und deren Handlangern an den Hals. Forderungen nach geringeren Steuern und Abgaben, nach niedrigeren Preisen und nach Lösung aus der Fron wurden stets durch eine Stimme laut, dann von anderen aufgegriffen, weitergerufen, durch die Gassen getragen, bis sie in der Ferne verhallten und neue erklangen, und bald bebten die Fassaden, als es von den Häuserwänden wie in babylonischer Sprachverwirrung durcheinanderhallte.
Immer wieder klang der Ruf nach Freiheit auf. Freiheit von diesem, von jenem, Freiheit für diese und für jene. Freiheit, Freiheit, Freiheit.
Lewis schwirrte der Kopf. Er sah kurz ins Wageninnere. Hardenberg hatte aus dem anderen Fenster gesehen und mit einem Mal einen Stoß bedruckter Flugblätter im Gesicht gehabt. Er spuckte und schlug mit den Händen, und die Papierzettel stoben wie Herbstlaub durch den Wagenschlag, während draußen der Mann mit seinem großen Weidenkorb weiterging und schreiend und mit vollen Händen seine Pamphlete unters Volk streute wie ein Sämann, der das Korn auf die fruchtbare, gierende Scholle wirft.
Hardenberg griff eines der bedruckten Blätter und strich es glatt. „Drohzettel“, meinte er erzürnt. „Gegen Bürgermeister Häublein. Grauenvolle Dinge werden angekündigt.“
Herder nahm einen anderen Zettel. „Das scheint aus einer französischen Zeitung zu stammen.“ Er überflog die Zeilen. „Ja. Ich habe Ähnliches im Hause meines Vaters gesehen.“ Beunruhigt warf er einen Blick nach draußen, auf das rasende Volk. „Ich hoffe, er ist nicht auch dort draußen.“
Lewis legte die Stirn in Falten. „Ganz gewiss nicht, Wilhelm. Dafür dürfte er gute Gründe haben ...“
Noch ehe Herder nachfragen konnte, warum Lewis sich dessen so sicher sein könne, rief Hardenberg dazwischen. „Mein Gott, seht!“ Er zeigte aus dem Fenster.
Draußen wirbelten Funkenwolken, flackerndes, blutgoldenes Licht strahlte durch die Nacht, und mit einem Mal schwebte ein brennender Mensch über die Köpfe der schreienden und brüllenden Massen hinweg. Fäuste reckten sich dem lodernden Körper entgegen, und Laute des Abscheus zischten und pfiffen ihm entgegen.
Lewis hatte sich vorgebeugt und krallte entsetzt seine Finger in Herders Schulter, der seinerseits mit offenem Mund und schreckgeweiteten Augen auf das grausige Spektakel blickte. Hardenberg schirmte die Brauen mit seiner Hand ab und schaute angestrengt, aber nicht minder furchtsam. Dann sog er heftig die Luft ein.
„Es ist nur eine Puppe!“, rief er erleichtert. „Eine Strohpuppe!“
Tatsächlich erkannte nun auch Lewis, dass es ein menschenähnlicher Leib war, der aus Stroh gewunden war und mit Stangen hoch über die Köpfe der Menge getragen wurde. Die Puppe trug, durch den Flammenglast erkennbar, Rock, Hosen und einen langen Mantel, der wie der feurige Schweif eines Kometen hinter der Gestalt herwehte. Auf dem groben Haupt saß eine ebenso grob aus Blech geschnittene Krone.
„Dieses Bild dürfte eindeutig sein“, meinte Herder.
„In der Tat“, knurrte Hardenberg, „und gefährlich obendrein, jedoch nicht allein für die Obrigkeit, die es als drohendes Fanal sehen sollte. Seht!“
Die Funken und brennenden Strohhalme, die zusammen mit den Fetzen der verglimmenden Kleider auf die wütenden Menschen herabregneten, vollzogen ihre naturgegebene Bestimmung und setzen alles in Brand, womit sie in Berührung kamen. Schon brannten einige der geschwungenen Tücher und Fetzen, Kokarden und Bänder in den französischen Farben loderten, und Haare fingen Feuer. Schreiend sprangen Frauen und Männer hinfort, die Schöpfe von knisternden Flammen umweht, schreiend und um sich schlagend, doch niemand half. Die Umstehenden zeigten, deuteten und jubelten, als wollten sie den armen Geschundenen für dieses neuerliche Spektakel applaudieren.
Herder, Hardenberg und Lewis verfolgten das feurige Unheil mit Bestürzung.
„Sie sind alle im Wahn ... im Rausch. Vom Schwindel ergriffen“, stotterte Lewis und fuhr sich mit der Hand übers schweißnasse Gesicht.
Da fuhr Herder mit entschlossener Miene auf. „Wir können nicht nur beobachten, wir müssen helfen!“ Er griff nach der Tür, wurde aber von Hardenberg zurückgehalten.
Herder funkelte ihn an. „Lass mich, Friedrich! Ich bin bald Arzt, ich kann das nicht geschehen lassen.“
„Ein toter zukünftiger Arzt bist du gleich!“ Hardenberg wies ungestüm aus dem Fenster. „Sieh doch, wie willst du durch dieses Gewirr dringen, um zu jenen zu kommen, die Hilfe brauchen?“ Er sah Herder bekümmert an. „Obwohl es mir scheint, als bräuchte ein jeder einzelne dort draußen Hilfe.“
Hardenbergs Antlitz verlor den harten Ausdruck. „Du wirst wohl recht haben. Die armen Menschen, dem Wahnsinn anheimgefallen. Was kann man nur tun?“
Lewis hatte weiterhin nach draußen gesehen, und mit einem Mal hörten sie einen dumpfen Aufprall und einen Schrei. Ein Schatten fiel knapp außerhalb von Lewis’ Sichtfeld in die tosende Menge, und sie trug ihn fort. Die Kutsche begann zu schwanken wie ein Schiff auf hoher See.
Angsterfüllt drehte Lewis sich zu den beiden anderen um. „Sie haben den Kutscher heruntergestürzt, zwei Männer sind auf den Bock geklettert!“
Noch ehe Herder und Hardenberg etwas erwidern konnten, wieherten die Pferde panisch auf, eine Peitsche knallte, und mit einem heftigen Ruck machte die Kutsche einen Satz nach vorn. Schreie erschallten, und in ihnen lagen Wut und Schmerz, aber auch Panik und Irrsinn. Gesichter und Flammen huschten an den Fenstern vorüber, als die rasende Fahrt begann und der Wagen wie eine Sichel durch das Feld der Menschen schnitt. Angstvolle Gestalten sprangen in höchster Not zur Seite, doch andere, wahnhaft mutige, krallten sich an der Kutsche fest und ließen sich von ihr davontragen.
Neben Hardenberg tauchte eine zerzauste Gestalt mit irren Augen im Fenster auf, langte mit klauenartigen Fingern nach ihm, doch bevor sich der Angegriffene von seinem Schock erholen, ja erwehren konnte, war der Mann bereits davongehuscht, verschwunden wie ein Alptraum in der Morgendämmerung. Lewis schob mit aufgeregten Bewegungen eine alte Frau zurück, deren Haar wie bleiche Nebelfetzen im Fahrtwind wehte und aus deren zahnlosem Maul Geräusche entstiegen, die aus den Tiefen des Hades zu stammen schienen. Mit einem markerschütternden Kreischen entschwand auch sie.
Mit großen Augen und klopfendem Herzen sah Lewis zu Herder hinüber, der sich festklammerte, um von der irrsinnigen Fahrt nicht durch den Innenraum geworfen zu werden. Er schien fieberhaft zu überlegen.
„Wir müssen hinaus“, schrie er über das Getöse der schreienden Menschen, donnernden Hufe und rasselnden Räder hinweg. „Wer weiß, wie diese Fahrt endet? Womöglich rasen wir alle in die Ilm und ertrinken jämmerlich!“
„Abspringen?“, schrie Hardenberg. „Du bist nicht bei Trost! Ganz wie das Volk dort draußen!“
Lewis sah aufgeregt von einem zum anderen. „Was, wenn wir versuchen, die Kutsche wieder in unsere Gewalt zu bekommen?“
„Auf den Bock klettern? Von hier aus?“ Hardenberg legte die Hand an die Stirn. „Matthew, du bist genauso verrückt wie Wilhelm, wie mir scheint!“
„Dann sag du, was zu tun ist!“, schrie Herder über den Lärm hinweg. „Jeden Augenblick kann etwas geschehen! So, wie diese Irrsinnigen lenken, kann die Kutsche jeden Moment umstürzen!“
„Zu spät“, rief Lewis noch, als er sah, wie die Flammen der Fackeln draußen mit einem Mal vom unteren Rande des Wagenfensters verschlungen wurden. Im selben Augenblick kippte der Boden zur Seite, und die drei jungen Männer flogen von ihren Sitzen. Mit entsetzlichem Krachen, Schreien und einem heftigen Ruck schleuderte der Wagen schräg in die Menschen am Rand der Gasse, scharrte mit den Rädern über das Pflaster und donnerte mit der oberen Kante gegen eine Hauswand. Schneematsch spritzte, Holzsplitter und Mörtelstücke flogen. Auf der Seite liegend kam die Kutsche zur Ruhe. Ein Pferd wieherte schrill durch die einige Herzschläge währende Stille, auch eine klagende Frau war zu hören, doch dann brandete das Durcheinander der Rufe und Gesänge wieder auf, und alle leisen Laute der Verzweiflung gingen darin unter.
Im Inneren des Wagens hielten sich Lewis und Hardenberg stöhnend die Köpfe, mit denen sie beim Sturz aneinandergeschlagen waren. Herder rieb sich die Schulter und bewegte den Arm in kreisenden Bewegungen. „Mir scheint, als sei uns genau das schon einmal widerfahren ...“
Lewis krächzte: „Immerhin sind dieses Mal keine schwarzen Reiter in der Nähe.“ Er blinzelte, da er glaubte, nicht richtig zu sehen, doch dann merkte er, dass sein unstetes Sichtfeld nur von dem zitternden Lichtschein herrührte, der in die Kutsche fiel.
Draußen strömte immer noch das Volk vorbei, ab und an traf ein Stockhieb geräuschvoll das Holz der Räder oder des Bodens, doch niemand schien sich um den halb umgestürzten Wagen zu kümmern. Plötzlich barst Holz, ein erneuter Ruck ging durch das Gefährt, und dann waren Wiehern und das Schlagen von Hufen zu hören, einige einzelne Rufe wurden laut.
Hardenberg horchte. „Ich denke, die Pferde haben sich von der gebrochenen Deichsel losgerissen. Immerhin scheinen sie heil.“
„Im Gegensatz zu uns“, ächzte Lewis. „Wir sollten aus diesem Kasten heraus, mir ist recht schwindelig.“
Herder nahm die Hand von seiner Schulter. „Ich glaube, es wäre keine gute Idee, uns der wütenden Menge auszusetzen ...“
„Vielleicht, wenn wir uns daruntermischen und auch freiheitliche Parolen skandieren ...“, begann Lewis unsicher, schüttelte dann aber selbst den Kopf, worauf er sich wieder hastig an die Schläfe griff.
Hardenberg hatte immer noch angestrengt gehorcht. Nun wandte er sich an die anderen. „Hört ihr, wie der Lärm abzuklingen beginnt? Es scheint, das Ende der Prozession nähert sich.“
„Natürlich“, bestätigte Herder. „Es konnte ja nicht ewig so weitergehen, selbst wenn ganz Weimar auf den Straßen wäre. Wir müssen nur warten, bis sich das närrische Volk an uns vorbeigewälzt hat, und dann können wir hinausklettern.“
Lewis wollte gerade zustimmen, als Hardenberg aufschrie und ihn beiseite stieß. Durch das über ihnen liegende Kutschenfenster stürzte plötzlich Feuer auf sie herab. Polternd und funkenstiebend fiel eine Fackel ins Innere, von draußen klang noch das wahnsinnige Lachen des Mannes, der den Brand geschleudert hatte und nun entwich.
Herder, Hardenberg und Lewis drängten sich von den Flammen fort, die rasch auf den Vorhang des nun untenliegenden Fensters übergriffen und nach den dreien züngelten. Scharfer Rauch stieg auf, nahm ihnen Sicht und Atem, dann trieben Feuer und Qualm sie hinaus, durch die Tür, die wie eine Dachluke klaffte und sie nun ins Freie entließ, auf die einsame Gasse hinaus.
Hardenberg sprang als erster aufs Pflaster hinunter und winkte dann den beiden anderen, als er sah, wie die letzten Mitglieder der wütenden Massen am Ende der Gasse verschwanden, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Dann standen die drei keuchend zwischen den Hauswänden, während grelle Flammen aus der Kutsche schlugen und der Schnee des Gassenrandes zischend verdampfte.
„Wo sind wir hier?“, fragte Hardenberg, der sich verwirrt umschaute.
Herder spähte die Gasse hinauf und hinab und nickte dann. „Nicht weit vom Frauenplan. Ich möchte bezweifeln, dass nun die Zeit für einen Umtrunk mit Herrn Goethe ist, aber dennoch halte ich es für das Beste, wenn wir uns dorthin begeben.“
Lewis nickte, während er wie gebannt auf das flackernde Wrack der Kutsche sah. „Wenn wir nur von den Straßen verschwinden. Wer weiß, wohin es den Pöbel als nächstes treibt, möglichenfalls direkt auf uns zu.“
Herder schlug den beiden auffordernd gegen die Arme. „Folgt mir, ich kenne den Weg!“ Dann lief er los, ohne noch einen Blick auf den brennenden Wagen zu werfen.
Lewis hingegen starrte mit Schaudern auf die Trümmer, die im unglücklichsten Fall ihr feuriges Grab hätten werden können.
Nach ein paar Ecken und dem Durchschreiten einiger Gassen hielt Herder an einer Ecke an und bedeutete den Folgenden, sich langsam zu nähern.
Vor ihnen lag ein kleiner Platz, auf dem, von Fackeln beleuchtet, eine rasende Menschenmenge wogte. Wieder wehten Stofffetzen, alte Kleider und Fahnen. Ein Mann stand auf einigen aufeinandergestapelten Kisten und brüllte flammende Worte über die Köpfe und gereckten Arme hinweg. Aus den wenigen Worten, die über das Rufen der Volksmassen hinweg zu Lewis, Herder und Hardenberg drangen, konnten diese sich allerdings keinen Reim machen.
„Dieser Mensch redet völlig wirr!“, meinte Lewis. „Oder klingt es nur für mich so? Schließlich bin ich kein Deutscher.“
Hardenberg schüttelte den Kopf. „Nein, das was er sagt, ist unsinnig. Als sei er dem Irrenhaus entsprungen.“
Herder drehte sich zu den beiden um, nachdem er den Hals gereckt hatte, um mehr zu sehen. „Der Mann, der da Unfug ruft, ist der Buchbinder Unruh, wie mir scheint. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist, er war stets ein besonnener Mann.“ Er blickte wieder auf den Platz hinaus.
„Da!“, rief er, und Hardenberg und Lewis drängten sich neben ihn, um ebenfalls gute Sicht zu haben. „Jetzt steigt ein anderer Mann neben ihn auf das Podium. Es scheint Pläster zu sein, ein Sattler. Jetzt schreien sie einander an ... oh je!“
Die beiden Männer begannen, sich gegenseitig mit den Fingern in die Haare zu fahren, und rissen daran, dabei schrien sie unartikuliert, und die Zuschauer tobten.
Da fiel ein Schuss, und die Menge spritzte angsterfüllt auseinander. Auf dem freien Platz, der nun vor dem Podest entstanden war, ließ ein junger Mann die Hand mit der Pistole sinken und hob die zweite, die er in der anderen Hand hielt, hoch über den Kopf. Er war in Gelb und Blau gekleidet und schaute träumerisch.
Hardenberg schluckte. „Werthertracht. Mit schwant nichts Gutes, das kann nur eines bedeuten ...“
Tatsächlich, der junge Mann sah noch einmal in die Runde, senkte dann die Pistole in affektierter Geste an die Schläfe und drückte ab. Die Masse schrie auf und übertönte fast das Krachen der Pulverentladung. Der junge Mann fiel, von eigener Hand gerichtet, und die Menge schloss sich wieder um ihn wie ein Schwarm Aasvögel.
Lewis wurde blass. „Jetzt ist es soweit. Jetzt fängt das Morden an.“
Herder atmete schwer. „Solange es nur das Selbstmorden ist ...“ Er sah auf den tosenden Platz hinaus. „Wir sollten verschwinden, wer weiß, was nun geschehen mag.“
Tatsächlich stürmte die Volksansammlung nun das Podium, auf dem sich der Buchbinder und der Sattler weiter gestritten hatten, und zerrten sie beide hinab, in das Gewirr aus Händen und Armen hinein. Am Rande der Menge drosch ein kräftiger Mann, der die Uniform eines Ratswachtmeisters trug, mit einem rostigen Säbel auf einen alten Pensionär ein, der sich mit seinem Stock zu wehren versuchte. Umstehende feuerten die ungleichen Kämpfenden an, die Namen Hartmann und Hüttenrauch waren zu hören und schreckliche Befehle und Vorschläge, was sie einander antun sollten. Auch an anderen Stellen im Getümmel flammten Schlägereien auf.
„Weg! Zum Frauenplan!“, rief Hardenberg, und die drei liefen los, einen anderen Weg zu suchen, damit sie den Platz mit der irren Menge nicht überqueren mussten. Das Gejohle war entsetzlich, schrille Schreie klangen auf und hallten ihnen nach. Sie beschlossen, die Innenstadt und die Plätze weiträumig zu umgehen. Zwei, drei Straßen hetzten sie entlang, und der Lärm ebbte bis auf ein unterschwelliges Schwirren von Stimmen ab, dann standen sie mit einem Mal vor einer Frau, die in der einsamen Nebenstraße tanzte. Der Mondschein, der in die Gasse fiel, ließ ihr helles Kleid aufschimmern, und auch ihr loses Haar leuchtete wie nicht von dieser Welt. Sie drehte sich um sich selbst, die Arme ausgebreitet, und von ihrer Rechten hing ein kleiner geflochtener Korb, aus dem weißliche Papierfetzen regneten. Diese flatterten durch die Dunkelheit, bis sie im Schnee, der den Boden bedeckte, unkenntlich wurden.
Schon wollten die drei jungen Männer zurückweichen, als die Frau sie bemerkte und mit weiten, graziösen Schritten auf sie zuflog. Dass sie auf dem eisigen Grund nicht ausrutschte, schien wie ein Wunder. Sie drehte sich in die Mitte der drei und schaute jeden mit schiefgelegtem Kopf und weit aufgerissenen Augen an. Gespenstisch hauchte ihre Stimme aus dem bleichen Mund.
„Verstehen die Herren es, ein Rätsel zu lösen?“
Lewis stand wie erstarrt, Hardenberg griff wie im Reflex an sein Revers, wo sich unter dem Mantel seine blaue Blume verbarg, nur Herder schaute gefasst drein.
Die Frau griff, ohne ihren Blick von den Dreien abzuwenden, in ihren Korb und streute einige Zettel herum, als seien es Blütenblätter. „Ein jeder, der es vermag, der darf mit mir tanzen!“
Sie lachte, leise und hell, so dass Lewis zutiefst erschauerte. Dann drehte sie sich wieder und sprang fort, in die Richtung, aus der Lewis und die anderen gekommen waren. Sie verschwand im Dunkel, eine dünne Spur aus Papierfetzen auf ihrem Weg zurücklassend.
Hardenberg atmete auf. Herder sah der tanzenden Gestalt nach. „Ich glaube, das war die Gemahlin des Verlegers Nicolai. Der Wahnsinn hat auch vor ihr nicht haltgemacht.“
Lewis zitterte vor Kälte und vielleicht auch vor Angst. „Wenn sie nicht in den mordenden Pöbel gerät, wird sie sich in diesem Kleid den Tod holen.“
Hardenberg hob einen der Zettel auf, warf einen Blick darauf, griff dann den nächsten und den nächsten und einen weiteren und schüttelte schließlich den Kopf. Er hielt die Handvoll Papierfetzen den anderen hin. „Seht ...“
Die Tinte, mit der die Zettel beschrieben waren, war schon durch die Nässe des Schnees verlaufen, gleichwohl konnte man erkennen, dass es keine Buchstaben waren, die sich darauf zu Worten und Sätzen reihten. Vielmehr waren es kunterbunte Schnörkel und Kreise, die niemand, der nicht dem Wahnsinn verfallen war, entziffern mochte.
„Ich weiß nicht, wer mir irrsinniger scheint: die, die dies schrieb oder jener, der das Rätsel darin zu lösen vermag“, sagte Hardenberg mit hohler Stimme.
Da vernahmen sie aus einiger Entfernung Jubel und ein helles Kichern, wie von fröhlichen Stimmen und doch mit einem Unterton, der von keinem gesunden Geist herrühren konnte.
„Ich fürchte, eben der wurde gerade gefunden“, meinte Herder.
Lewis drängte seine Freunde voran. „Beide sind noch zu sehr in unserer Nähe. Laufen wir!“
Sie rannten die Gasse entlang, um eine Biegung und um die nächste, und dann befanden sie sich in einer Straße, die Lewis bekannt vorkam. Es war jene, durch die er im Sommer mit Böttiger auf der Suche nach Goethe gegangen war. Sie befanden sich direkt hinter dem Haus am Frauenplan.
Hardenberg horchte. „Nichts zu hören.“
„Dann ist der Weg frei. Zumindest scheint Goethes Haus nicht belagert.“ Herder nickte und bedeutete den anderen weiterzugehen.
Sie huschten zum Ende der Gasse, um keine böse Überraschung zu erleben. Lewis hatte die furchtbare Vision einer stumm starrenden Menschenmenge, die sie erwartete und die dann nach einem quälenden Augenblick der Stille auf ihn und die beiden anderen einstürzen würde.
Ein vorsichtiger Blick um die Ecke zeigte ihnen den Platz mit dem Brunnen bar jeder Seele. Sie gingen langsam weiter, eng an die Fassade gedrückt. Beim Näherkommen sahen sie, dass das Pflaster des Platzes mit Fetzen, Bändern, zerbrochenen Stangen, Kleidungsstücken, Hüten und sogar Schuhen übersät war, Zeichen dafür, dass sich hier ebenfalls ein Tumult abgespielt hatte. Manche Fackeln, die vereinzelt dazwischenlagen, qualmten gar noch. Irgendwo in der Ferne erklang ein Schuss, und eine Menschenmenge schrie.
Mit bangen Blicken und dauerndem Lauschen schoben sie sich im Schatten der Häuserwand bis zum Tor. Hier drängten sie sich in den Eingang. Sie wollten gerade klopfen, um sich anzukündigen, als Lewis stutzte.
„Ist euch aufgefallen“, begann er, „dass keines der Fenster erleuchtet ist?“
Herder streckte den Kopf vor und schaute. „Ja. Vermutlich will Herr Goethe keine Aufmerksamkeit und keine Erbitterung erregen. Schließlich ging es noch vor kurzem auf diesem Platz hier zu wie überall.“
Hardenbergs Stimme klang dumpf: „Oder es ist bereits etwas geschehen ...“ Er sah die beiden anderen unheilvoll an.
Lewis ahnte Furchtbares. Er lehnte sich schwer gegen die Tür, suchte Halt an der Klinke, die wie eine Faust geformt war, wie er nun erst bemerkte. Vor all den Monaten hatte er dies anscheinend übersehen. Nun schien es ihm wie ein Omen, eine Ankündigung dräuender Gewalt.
Da schwang die Tür auf, und Lewis stürzte ins Innere. Fast kam er zu Fall, konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten, dann richtete er sich in der dunklen Eingangshalle wieder auf. Herder und Hardenberg kamen rasch heran, boten ihre Hände als Stütze.
„Schon gut“, keuchte er und drehte sich um. „Warum war die Tür nicht verschlossen, sie schien sogar nur angelehnt zu sein?“
„Was auch immer das bedeuten mag“, flüsterte Hardenberg, „die Höflichkeit gebietet es, uns bemerkbar zu machen.“
Herder stimmte leise zu: „Du bist der Eingeladene. Am besten ist es, du rufst ein paar Worte.“
Lewis nickte. Er wusste nicht recht, was er sagen sollte, und so rief er zögernd und halblaut: „Hallo ...?“
Aus den entfernten Schatten am anderen Ende des Raumes antwortete eine brüchige Stimme: „Rührt euch nicht vom Fleck, Gesindel, und macht, dass ihr fortkommt!“
Lewis, Herder und Hardenberg erstarrten vor Schrecken, bis ihnen bewusst wurde, wie unvereinbar der Befehl aus dem Dunkel gewesen war. Da löste sich auch schon eine Gestalt aus dem Hintergrund und trat ins Halblicht, das durch die Tür ins Haus fiel. Es war ein älterer Mann, ein Dienstbote, wie es schien, der zwar leicht zitterte, aber aus dessen Antlitz nicht zu unterschätzende Entschlossenheit strahlte. Dazu kam noch, dass er eine Flinte umklammert hielt, eine veritable Donnerbüchse, deren grausige Lauföffnung nun zwischen den drei jungen Männern hin- und herzuschwanken begann.
„Keine Bewegung! Verschwindet!“, wiederholte der Mann. „Hier gibt es nichts zu plündern, solange ich Wache halte!“ Dabei stieß er mit der Flinte in die Luft, als wolle er mit einem imaginären, mehrere Schritte langen Bajonett auf die vermeintlichen Diebe einstechen.
Herder fand als erster die Sprache wieder. „Wir sind keine Einbrecher. Wir haben nichts Derartiges im Sinn und außerdem unsere Sinne beisammen. Wir wollen Ihnen nichts Böses.“
„Das kann jeder sagen!“, fauchte der Mann und fuchtelte noch mehr mit der Flinte herum. „Ihr werdet kein zweites Mal Schindluder treiben, solange ich ...“
Lewis erkannte im schwachen Licht, wie ein paar Tränen über die Wangen des Mannes schimmerten.
„Was ist geschehen?“, fragte er zaghaft, doch der Mann brüllte ihm nur mit brechender Stimme entgegen: „Schweig! Verfluchtes Lumpenpack!“ Der Lauf der Flinte zitterte ebenso stark wie die Schultern des Mannes.
Hardenberg trat langsam, aber heldenmütig vor und breitete die Arme aus. „Guter Mann, wir sind kein Lumpenpack, sondern ehrenhafte Leute. Ich bin Freiherr von Hardenberg, und das sind die Herren Herder und Lewis.“
Ehe der Mann etwas entgegnen konnte, meldete sich Lewis zu Wort. „Das ist richtig! Ich bin Matthew Gregory Lewis aus England und von Geheimrat Goethe zur gemeinsamen Feier des Jahreswechsels hierher bestellt.“
Der Mann schluchzte mit einem Mal. „Ein schöner Jahreswechsel und eine schöne Feier! Die Welt versinkt im Wahnsinn, die Erde tut sich auf! Speit Ungeheuer aus und verschlingt die Guten und Rechtschaffenen!“
Herder schüttelte den Kopf. „Noch einer, den der Wahnsinn gepackt hat.“
Dann sank der Mann in sich zusammen.
Herder sprang hinzu und fing ihn auf, ehe er zu Boden stürzen konnte. Hardenberg ergriff das Gewehr am Lauf und stellte den Kolben neben seinem Fuß auf dem Boden ab. Während Lewis sich auch neben den Ohnmächtigen kniete, klopfte Herder ihm sachte auf die Wangen. Der Mann keuchte und zuckte, aber Herder hielt ihn in sicherem Griff.
„Wer sind Sie?“, fragte Lewis sanft.
Der Mann schaute die drei ängstlich und misstrauisch an, schien dann aber zu erkennen, dass sie ihm wohlgesonnen waren. Er hustete kurz. „Christoph Erhard Suter, treuer Diener des Herrn Geheimrat.“
„Ein wachsamer noch dazu“, nickte Hardenberg.
„Was ist geschehen?“, fragte Lewis nun.
Suter wand sich in Entsetzen, als er sich an die Ereignisse erinnerte. „Sie kamen“, stammelte er, „und holten den Herrn. Auf einmal waren sie da, wie aus der Erde ausgestoßen ...“
Herder hielt die zitternde Hand des Dienstboten fest. „Wer kam? Der Pöbel? Das wütende Volk?“
„Um Himmels Willen! Sie haben den Geheimrat entführt?“, rief Lewis dazwischen.
Hardenberg blickte zur Tür. „Gewaltsam eingedrungen scheint mir niemand.“
All die Stimmen verwirrten Suter, und er klagte nur noch. „Nein, sie kamen und holten den Herrn.“ Dann sank er auf den Boden. Herder musste seinen Kopf stützen, damit dieser nicht auf dem harten Grund zu liegen kam.
Herder blickte auf. „So bekommen wir nie heraus, was sich zugetragen hat. Wir sollten selbst nach dem Rechten sehen.“ Dann blickte er zu Suter. „Diesem armen Mann müssen wir eine weichere Unterlage verschaffen.“
Hardenberg ging langsam weiter ins Haus hinein. „Zuerst brauchen wir Licht.“ Die Flinte hielt er locker in den Händen.
Lewis sah von Herder zu dem keuchenden Suter, der die Augen geschlossen hatte. „Was ist mit ihm? Ist er nur erschrocken oder ist auch er dem Wahnsinn anheimgefallen?“
Herder hatte sich seines Mantels entledigt und ihn dem Dienstboten unter den Kopf geschoben. „Das wird die Zeit zeigen, und ohne Licht kann ich überhaupt nichts sagen.“ Herder rief: „Friedrich! Siehst du eine Lampe oder Kerze?“
„Ja“, klang es aus der Tiefe des Hauses, und die Stimme klang furchtbar hohl und hallend. Dazwischen vernahmen sie das Kratzen von Stein auf Stahl. „Ich habe eine, ich muss nur noch ...“
Herder wandte sich an Lewis: „Schließe bitte die Haustür, wir werden gleich Licht haben, und es muss nicht jeder sogleich sehen, dass wir hier zugegen sind.“
Lewis ging zum Eingang und warf einen wachsamen Blick hinaus. Der Platz war noch immer verlassen. Die Fetzen und Überbleibsel, die im zertrampelten Schnee lagen, gaben dem Ganzen das gespenstische Aussehen eines nächtlichen Schlachtfeldes. Gottlob waren keine erschlagenen Körper zu sehen. Lewis schloss die Tür behutsam und wandte sich in der plötzlichen Finsternis um. Noch ehe sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, schimmerte aus Hardenbergs Richtung ein schwacher Schein auf. Lewis ging wieder zu Herder hinüber und wartete.
Da scholl ein Aufschrei durch das Haus.
„Um Gottes Willen! Kommt und schaut euch das an!“ Hardenberg klang sehr erregt, so dass Lewis gleich aufsprang, während Herder den besinnungslosen Suter nur mit besorgtem Blick zurückließ. Sie eilten dem Lichtschein nach und fanden Hardenberg regungslos in einem Raum stehen, ihnen den Rücken zugekehrt und eine Lampe hoch erhoben in der Hand.
„Was ist ...“, begann Lewis und folgte dann dem Fingerzeig Hardenbergs, der zu Boden zeigte. Herder ächzte, und Lewis wurde mit einem Mal bewusst, dass der Diener Suter keineswegs verrückt geworden war.
In der Mitte des Raumes war das Parkett aufgerissen, als habe ein Titan aus dem Inneren der Erde sich mit seiner gewaltigen Faust einen Weg in die Menschenwelt bahnen wollen. In einem wüst verstreuten Kranz aus zerbrochenen Dielen und Latten, Steinen und aufgeworfenem Erdreich klaffte ein gewaltiges Loch im Boden, das düster wie ein Höllenschlund gähnte.
„Mein Gott!“, hauchte Lewis. „Die Erde hat sich wirklich aufgetan.“ Fassungslos schaute er auf die schwarze Leere, die inmitten der Trümmer herrschte und die das Licht der Lampe zu verschlucken schien, als wolle sie nicht preisgeben, was sich hinter ihr verbergen mochte. Im Raum selbst waren Stühle umgeworfen, auf einem Tisch lagen umgestürzte Gläser, einige waren heruntergerollt und zersplittert. Auch ein naher Wandschrank, mit verglasten Türen und mit aufgestellten Tellern darin, hatte offenkundig einen heftigen Stoß erhalten: Die Scherben funkelten, als Hardenberg darüberleuchtete.
„Irgendjemand kam dort heraus und entführte Goethe“, fügte Hardenberg mit Grabesstimme hinzu.
Herder hingegen hatte sich wieder gefangen. Er blickte sich im Raum um, griff eine weitere Lampe und einen Kerzenleuchter und entzündete die Dochte. „Mehr Licht!“, sagte er hastig, kniete sich an den Rand des Erdloches, wobei er sich weder um Erde noch Steine noch Holzsplitter scherte, und leuchtete hinein.
„Vorsicht!“, mahnte Lewis und streckte die Hand aus.
Herder warf einen Blick über die Schulter. „Was soll schon sein – die Entführer, wer auch immer sie sein mögen, werden schon über alle Berge sein.“
„Oder unter allen Bergen“, brummte Hardenberg.
Lewis stutzte. Ihm schien, als reime sich hier einiges zusammen. Dennoch konnte er keinen klaren Gedanken fassen, zu schrecklich waren die Vorstellung des Geschehenen und der Anblick des klaffenden Schachtes, der üble Erinnerungen hervorbrachte.
Herder legte sich lang hin und streckte die Hand mit der Lampe so tief in die Dunkelheit, wie er es vermochte. „Das Loch befindet sich in der Decke eines Ganges“, sagte er, die Stimme gepresst von der unbequemen Lage. „Er führt augenscheinlich von hier fort.“
Er beugte sich wieder zurück und drehte sich um. Seine Brust war mit Erde befleckt, und Holzsplitter hingen im Stoff. Er sah entschlossen drein, was Lewis ein ungutes Gefühl der Vorahnung vermittelte.
„Wir sollten dort hinunter“, begann Herder, „und sehen, wohin der Gang führt. Möglicherweise können wir ...“
Hardenberg führte seine Worte fort: „... retten, was zu retten ist.“ Er nickte nachdrücklich.
Lewis hob die Hände. „Nein, Freunde! Das ist töricht! Wir wissen nicht, was uns da unten erwartet.“
Herder lachte bitter. „Was kann uns schon erschrecken! Wir sind oft genug dem Tode entronnen, und was kann fürchterlicher sein als mörderische Magister, die ihr Grab verlassen?“
„Oder eine Stadtbevölkerung, aus allen Fugen des Verstandes geraten“, fügte Hardenberg hinzu. „Nein, wir sind die Einzigen, die den Geheimrat retten können, vielleicht ist es noch nicht zu spät!“
Lewis fuhr sich mit den Händen an die Schläfen. „Das ist Irrsinn!“
„Nicht irrsinniger als das, was die Massen dort draußen umtreibt!“, rief Herder, und Hardenberg stimmte ein: „Bei diesem Vorhaben ist wesentlich mehr Verstand dabei! Los doch, Matthew!“
„Nein, nein!“, wehrte Lewis ab.
Herder packte ihn bei der Schulter. „Du bist es Goethe schuldig! Denke daran, er hat dich aus der Mine gerettet.“
Lewis fragte sich, warum jeder die Tatsachen bezüglich dieses Ereignisses so verdrehen musste. Erst Voigt und jetzt auch noch Herder. Er spürte, wie langsam Wut in ihm aufstieg. „Es verhielt sich keineswegs so! Tatsächlich war er es ...“
Herder nahm Lewis fest in den Blick. „Oder ist es etwa die Angst vor der Tiefe, die dich verzagt macht?“
Lewis brach ab und schaute unangenehm berührt in die ungewisse Dunkelheit des Schachtes.
Herder feixte bösartig. „So oft unter Tage und in Gefahr und immer noch feige ...“
Lewis reckte entrüstet das Kinn. „Was sagst du da?“
„Du warst oft genug in dunklen Löchern und bist wieder ans Tageslicht gekommen. Von den anderen überstandenen Gefahren ganz zu schweigen!“ Herder drückte erneut Lewis’ Schultern. „Matthew! Nun gilt es! Gib dir einen Stoß und verliere für alle Mal diese kindische Furcht vor dem Dunkel!“
Lewis verengte die Augen und funkelte Herder an.
Da trat Hardenberg herzu. „Wir sind zu dritt! Zusammen können wir es wagen!“ Er grinste verschlagen. „Wenn du natürlich nicht Manns genug bist ...“
Lewis riss sich los, seine Stimme bebte. „Ich? Nicht Manns genug? Ein tüchtiger Untertan König Georgs und Staatsbürger des britischen Empires?“ Er hob drohend den Finger. „Euch deutschen Kleinstaatlern werde ich es zeigen, was ein Engländer vermag und ...“
Herder und Hardenberg schlugen ihm lachend auf die Schultern. Lewis verstummte überrascht.
„Schon gut, wir glauben es“, meinte Herder.
Hardenberg hob die Flinte. „Du darfst gern diesen Schießprügel führen, um zu unterstreichen, was du kannst.“ Er wurde wieder ernst. „Aber nun mit Bedacht! Wir sollten schauen, ob sich noch etwas findet, was als Waffe taugt. Wir sollten die Gefahr nicht unterschätzen.“
Lewis spürte, wie seine Wut einem Gefühl von Mut wich. Es war tatsächlich, wie die beiden sagten. Er musste sich seinen Ängsten stellen, und wann, wenn nicht jetzt, da es um Goethe ging?
„Was geschieht mit Suter?“, fragte er sachlich.
Herder wandte sich zum Gehen. „Weg vom Eingang und auf ein Bett. Etwas Wein oder Likör mag ihm auch guttun.“ Er verschwand, eine Lampe in der Hand.
Lewis und Hardenberg gingen auf der Suche nach Dingen, mit denen man sich zur Wehr setzen konnte, eilig durch die anderen Räume und waren gerade kopfschüttelnd an der Küche vorbeigekommen, als Herder sie herbeirief. Er war immer noch im Bereich des Eingangs, die Tür stand offen, und ein weiterer Mann war bei ihm, der den schwach stöhnenden Suter stützte.
Herder machte eine beschwichtigende Geste. „Das ist ein Vertrauter Herrn Wielands!“
Der Mann nickte einen fahrigen Gruß und verlagerte seinen Griff um Suter.
„Er ist gekommen, um Suter zu holen“, erklärte Herder. „Nach dem Eindringen der Entführer fanden Frau Vulpius und Goethes Sohn Zuflucht bei Wieland, der zufällig anwesend war, als alles geschah. Er brachte sie zu sich nach Haus, während Suter hier Wache halten wollte.“
„Er war nicht davon abzubringen, hieß es“, meinte der Mann. „Draußen hatte die Menge zu toben begonnen und ...“
„Hat man das Militär eingeschaltet, um den Aufruhr niederzuschlagen?“ fragte Hardenberg.
„Ja“, antwortete der Diener, „es gelingt ihnen aber nur mit größter Mühe, und zudem ...“
Lewis atmete auf. „Dann müssen uns auch Soldaten hierbei unterstützen.“
„Keine Zeit!“, rief Herder. „Die haben genug zu tun! Es eilt, die Entführung ist noch nicht lange her.“ Er wandte sich an den Dienstboten Wielands. „Gehen Sie, bringen Sie Suter in Sicherheit. Herr Wieland wird das Nötige veranlassen.“
„Er ist noch sehr schwach und auch verletzt. Die Häscher sprangen unsanft mit ihm um“, sagte der Dienstbote bedrückt.
„Hat er jemanden über den Vorfall benachrichtigt? Den Regierungsrat Voigt?“ Lewis’ Hände zitterten. Warum kam nur dieser Dienstbote hierher, ohne eine Abteilung von Voigts Männern, die die Entführung eines der wichtigsten Männer Weimars untersuchten, ja vielmehr die Verbrecher verfolgten?
„Sicher! Doch der Schrecken war groß, Frau Vulpius aufgelöst, Herr Wieland verletzt, es muss fürchterlich gewesen sein. Wir haben einen Boten entsandt, als alle wieder bei klarem Kopfe waren. Es bleibt zu hoffen, dass er durchgedrungen ist. Sollte man bei meiner Rückkehr noch nichts von ihm gehört haben, werde ich mich selbst auf den Weg machen.“ Der Dienstbote zitterte deutlich. „Ich habe auf meinem Weg auch Rufe und Reden gehört, dass sich noch weitere der furchterregenden schwarzen Männer haben blicken lassen. Sie tauchen wie aus dem Nichts auf und verwickeln die Soldaten in Gefechte, wodurch diese von ihren Ordnungsbefehlen abgehalten werden, und die Menge wird zudem in Furcht und Panik versetzt ...“
Lewis zitterte bei dem Gedanken an das Höllengetümmel, was dort draußen in der Stadt herrschen musste.
„Dennoch!“, sagte Herder und sah den Dienstboten streng an. „Gehen Sie! Glück für den Heimweg! Wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen.“
„In die bloße Hand“, warf Hardenberg ein.
„Wir haben nichts Brauchbares gefunden!“, fügte Lewis hinzu.
Herder lachte. „Ich habe das Nötige von Suter erfahren, kommt mit!“
Sie folgten Herder durch die Räume, während die Tür hinter Suter und dem Dienstboten Wielands ins Schloss schlug.
Dann standen sie in Goethes Arbeitszimmer. Zwei Fenster gingen zum Garten hinaus, und auf einem Tisch mitten im Raum stehend und von vier Stühlen umringt fanden sich Tintenfass und Streusandbüchse. Herder ging zu einem großen, langgestreckten Schreibpult mit vielen Schubladen und zählte sie ab. Dann öffnete er eine Lade, griff hinein und förderte zwei schimmernde Gegenstände hervor.
Lewis und Hardenberg bestaunten die beiden wunderbar gearbeiteten Waffen.
„Goethes Pistolen aus dem Frankreichfeldzug“, erläuterte Herder. „Wir wollen es nicht hoffen, aber wenn es zum Äußersten kommen sollte, scheint es mit nur gerecht, wenn die Entführer eben diese zu schmecken bekämen.“
Die beiden anderen nickten grimmig.
Herder gab die Pistolen weiter und holte Kugeln und Pulverflasche aus der Schublade, bevor er sie vehement ins Schloss warf. „Friedrich, du kennst dich damit aus. Lade sie, und spute dich!“
Hardenberg kam der Aufforderung mit fliegenden Händen nach. Als sie die Pistolen untereinander aufteilten, schauten sie sich noch einmal fest an, um ihre Verpflichtung zu bekräftigen. Nach wenigen Minuten standen die drei wieder vor dem Abgrund, der sich mitten im Zimmer auftat. Sie umklammerten ihre Waffen – Hardenberg hatte einen Säbel in der Faust, der Suter gehörte – und die Laternen und Kerzenleuchter. Sie verharrten einen Augenblick.
„Was gibt es noch zu sagen?“, fragte Herder mit einem Achselzucken und sprang in die Tiefe.
Lewis hielt die Luft an, dann entsann er sich, dass Herder den Schacht zuvor genau inspiziert hatte, demzufolge wusste, was ihn erwartete. Auch Hardenberg trat schließlich einen beherzten Schritt nach vorn und verschwand im Erdboden.
Jetzt, da zwei Lichtquellen das Loch im Parkett erhellten, erschien es Lewis, wenn schon nicht sonderlich einladend, so doch wesentlich weniger unheimlich. Er ließ sich auf dem Rand nieder und rutschte mit einem halbherzigen „Obacht!“ in den Schacht.
Unten kam er hart mit den Sohlen auf, schwankte kurz und blickte dann in die Gesichter Herders und Hardenbergs, die sich interessiert umsahen.
„Das ist bei Gott kein Maulwurfsbau“, staunte Hardenberg.
Lewis hob seinerseits die Hand mit der Laterne. Der Gang war kunstgerecht gegraben und ausgearbeitet. Ein normaler Mann konnte hier aufrecht stehen, und streckte er die Arme zu beiden Seiten des Körpers aus, so würde er die Wände aus rauem Erdreich gerade mit den Spitzen seiner Finger berühren können. In regelmäßigen Abständen befanden sich hölzerne Stützbalken und Verschalungen, die den Stollen sicherten und stabilisierten, und jenseits des Lichtscheins, der die drei Männer umgab, führte der Stollen schnurgerade in ein ungewisses Dunkel hinein.
Lewis wiegte den Kopf. „Das sieht aus wie im Bergwerk zu Ilmenau. Das können nur Fachleute verfertigt haben – und nicht nur irgendwelche Entführer.“
Herder nickte. „Auch wenn wir nicht genau wissen, wer dies getan hat und warum, so habe ich doch eine Ahnung ...“
„Schwarze Brüder?“, riet Hardenberg.
„In der Tat“, antwortete Herder.
„Zweifellos“, entgegnete Lewis. „Suter sprach von Ungeheuern, die aus der Erde kamen, was könnte er gemeint haben als die schwarzgekleideten und maskierten Verschwörer?“
„Ich kann mir vorstellen“, sprach Herder weiter, „dass deren Verbindungen weit genug reichen, um ein paar Bergleute anzuheuern, die ...“
„Natürlich!“, rief Lewis aus und legte die Hand an die Stirn. „In Ilmenau! Die beiden Männer! Sie wussten von dieser Sache, haben sie gar selbst ausgeführt!“
Herder nickte eifrig. „Da sie, wie du sagtest, von Freiheit und dergleichen gestammelt haben, fügt sich alles zusammen: die Verschwörer – Schwarze Brüder oder Illuminaten oder wer auch immer – haben Goethe entführt, von dem sie glauben, er könne ihnen wegen seiner Nähe zum Herzog auf irgendeine Weise dienlich sein!“
„Noch mehr fügt sich!“, sagte Lewis schnell. „Das Gespräch, das ich in der Ruine über Berka belauschte. All das Gerede über Männer, die sie in ihre Gewalt bringen wollten. Damit war der Geheimrat gemeint. Sie gebrauchten diese seltsamen Namen, um etwaige Lauscher zu verwirren und nichts preiszugeben!“
„Was wollt ihr mehr?“, rief Hardenberg. „Goethe ist in Gefahr, gar der Herzog, möglicherweise der ganze Staat! Wir müssen handeln.“
Herder hob seine Pistole, und auch Lewis fasste das Gewehr fester, dann drangen sie in den düsteren Stollen vor. Es roch nach feuchter Erde und Holz. Lewis fühlte sich beklommen und vermied es, auf die nahen, drückenden Wände und die dräuende Decke zu schauen. Auch erklangen ab und an leise Geräusche, hurtige Schritte winziger Pfoten, die vor ihnen in die Tiefen des Ganges flohen. Doch Ratten waren wohl das geringste Problem, das er hier unten zu befürchten hatte. Die Anwesenheit seiner Freunde flößte ihm immerhin Mut ein. Gleichwohl spürte er, wie seine Handflächen feucht wurden und der Schweiß in kleinen Perlen über seine Handgelenke lief. Er packte die erhobene Laterne und das Gewehr fester, damit sie ihm nicht entglitten.
Nach einer Weile gabelte sich der Weg. Sie traten aus dem Stollen in einen weiteren, der noch etwas breiter zu sein schien und der sich zur Rechten und zur Linken gleichermaßen erstreckte.
„Wohin nun?“, fragte Lewis.
Hardenberg betrachtete den Boden. „Zu dumm, dass Fußspuren in beide Richtungen führen.“
Herder überlegte. „Es scheint mir schlecht, uns aufzuteilen. Wir sollten vereint weitergehen; bestimmt haben wir eine Übermacht gegen uns.“
Lewis schluckte. „Zögern wir nicht. Ich sage, wir gehen nach rechts.“
Schweigend und langsam schritten sie weiter. Gelegentlich ragten fädige Wurzeln aus der Stollendecke, die anzeigten, dass ihr Weg sie unter Bäumen hindurchführte. Auch floss ab und zu Wasser in dünnen Rinnsalen aus Wänden oder Decke. Dort war der Boden mit Planken ausgelegt, damit man den Fuß auf sicheren Grund setzen konnte. Im trüben Wasser huschten bleiche Salamander davon, als die drei jungen Männer darüber schritten. An einigen Stellen verengte sich der Stollen auch zu schmalen Durchgängen, die ins harte Gestein getrieben waren und nur den allernötigsten Raum boten, damit sich ein Mann hindurchzwängen konnte. Hardenberg verschwand als erster in der ungewissen Dunkelheit, da er keine Lampe mit sich führte. Lewis reichte ihm rasch eine nach, und nach einiger Anstrengung konnte sie zu dritt ihren Weg fortführen. Plötzlich zweigten zwei weitere Gänge vom Hauptstollen ab.
Sie blieben stehen, und Hardenberg, der vorangegangen war, leuchtete mit seiner Laterne voran. „Dort sind noch zwei Abzweige.“
Herder schnaubte. „Es scheint, als hätten diese Menschen ganz Weimar unterhöhlt.“
Lewis sah die Gänge entlang. „Ja. Das haben sie tatsächlich!“
Hardenberg und Herder blickten ihn an. „Was führt dich zu der Ansicht?“, fragte Hardenberg. „Es sind doch nur diese vier Stollen, und ...“
„... diese verzweigen und verzweigen sich weiter.“ Herder begriff.
Lewis lehnte sich haltsuchend an die feuchte Stollenwand. „Ich habe, seit ich in Weimar bin, immer wieder die Erschütterungen im Erdboden gespürt.“ Er schüttelte schwach den Kopf. „Aber ich dachte natürlich, ich ...“
Dann stieß er sich wieder von der Wand ab. Seine Augen blitzten. „Deswegen ging es im Bergwerk zu Ilmenau nicht voran! Alle Bergleute haben hier unter Weimar gearbeitet, den Erdboden ausgehöhlt, die Stollen vorangetrieben! Zu Goethes Haus und wer weiß, wohin noch! Deswegen erschoss Muntzer seinen Freund Weihrach. Er hatte schon zuviel gesagt, und Goethe sollte im Bergwerk sterben, denn er hätte sich ja vielleicht einiges zusammenreimen können. Als er dann zum Feldzug nach Frankreich aufbrach, hatte er verständlicherweise anderes im Kopf.“
Hardenberg schwang den Säbel. „Wir sollten auch anderes im Kopfe haben, als Verschwörungsabläufe zu enträtseln.“ Er lief weiter in die zuvor eingeschlagene Richtung, ohne sich um die Abzweigungen zu kümmern.
Herder folgte, und auch Lewis lief gezwungenermaßen hinterdrein, obwohl es in seinem Schädel vor lauter Offenbarungen drunter und drüber ging.
Der Gang streckte sich schier endlos dahin, und die drei jungen Männer, die ihn entlanghetzten, fragten sich, ob sie nicht in die Irre liefen, ob Goethe nicht schon rettungslos verloren war und sie selbst gar ihrem Verderben entgegenrannten.
Schließlich, nach einigen weiteren Abzweigungen, die sie verwirrten und verunsicherten, sie aber nicht von ihrem vorgefassten Plan abbrachten, dem Größten der Stollen zu folgen, stieg dessen Grund allmählich an. Er endete in einer Rampe, die in einen großen, in völligem Dunkel liegenden Raum führte.
Vorsichtig näherten sie sich, nachdem sie aufmerksam gelauscht hatten und auch daran dachten, das verräterische Licht abzuschirmen.
Der Raum war hoch, weitläufig und leer und schien vielmehr die Ausmaße eines Saales zu haben. Türöffnungen ohne Füllungen und Flügel gingen nach vielen Seiten ab, und dahinter waren schwach langgestreckte, kahle Gänge und Flure zu erahnen. Als Herder an der entfernten Stirnseite einige Wandgerüste und Aufschüttungen von Erde und Steinen ausmachte, stürzte Lewis zu einer der nahen Fensterhöhlen. Sein Blick ging auf einen weitläufigen Hof, der ihm sehr bekannt vorkam. Jenseits des Pflasters ragte ein Turm auf, ein kolossaler Schatten gegen den nächtlichen Himmel.
„Wir sind im Schloss!“, flüsterte er, da sie bemerkt hatten, wie sehr jeder Laut in den öden Räumen und Gängen nachhallte. „Das da hinten sind Baumaterialien. Ich habe das alles schon gesehen, als Voigt mich hierherbringen ließ!“
„Der Wiederaufbau des Schlosses“, brummte Herder. „Eine ausgezeichnete Tarnung, all den Aushub der Gänge und Stollen unauffällig zu entsorgen.“
„Ob Goethe hier irgendwo festgehalten wird?“, fragte Lewis leise. „Weiträumig genug ist dieses Gebäude, und an all die Keller und Gewölbe will ich gar nicht erst denken ...“
„Dazu ist auch keine Zeit!“, zischte Hardenberg mit einem Mal. „Da kommt jemand!“
Tatsächlich drangen Stimmen und Schritte aus einem entfernten Raum herüber, Lichtschein war zu erkennen, und schon flackerten die ersten Schatten über die Wände.
„Rasch!“, wisperte Herder. „Zurück in den Stollen!“
„Nein“, flüsterte Hardenberg. „Was, wenn sie dort hineinwollen? Ins Nebenzimmer!“
„Die Lichter aus!“, erinnerte Lewis, und dann eilten sie in einen Nebenraum, pressten sich dort neben dem Durchgang an die Wand und wagten kaum zu atmen.
Die Stimmen und Schritte kamen heran und sammelten sich in dem Raum, den die drei jungen Männer gerade noch im rechten Augenblick verlassen hatten. Gesprächsfetzen drangen zu ihnen, und es klang, als erteile ein Offizier seinen Soldaten Befehle.
Lewis wagte es, die Nase dicht über dem Boden um die Ecke des Durchgangs zu stecken.
Tatsächlich sah er so etwas wie einen militärischen Stoßtrupp. Von Fackeln beleuchtet, standen dort an die dreißig Männer, allesamt in Schwarz gekleidet und die Gesichter von Halbmasken verhüllt. Alle hielten Musketen in den Händen, von ihren Gürteln hingen Degen und Säbel. Ein hochgewachsener Mann schritt vor ihnen her und teilte sie mit Gesten und in scharfem Tonfall in Gruppen ein.
„Ihr geht zum Wittumspalais und holt sie dort heraus“, vernahm Lewis und stutzte, doch nicht allein wegen dem, was er hörte. Etwas an dieser Stimme schien ihm entsetzlich vertraut.
„Geht anständig mit den Frauen um, sag ich euch! Ihr, ihr macht euch auf zum Fürstenhaus. Treibt das Pack hierher und seht zu, dass euch niemand auskommt!“
Vielstimmiges, erzürntes Raunen ließ sich vernehmen. Darin ging Lewis bestürztes Einatmen unter. Diese Stimme kannte er ebenfalls von der Burgruine, dieser Mann war einer der Verschwörer, die dem Militär hatten entkommen können!
Der Hüne legte die Hand an den Säbelknauf. „Ich gehe unserem ehrenwerten Geheimrat meine Aufwartung machen!“ Er lachte raspelnd, und die anderen Männer fielen in das gehässige Gelächter ein, und all dies warfen die kahlen Wände zurück, die an manchen Stellen so schwarz waren wie die Masken der Verschwörer, die Schatten um sie her und die Abgründe ihrer Seelen und Herzen, wie es Lewis durch den Sinn schoss.
Dann entließ der Befehlsgebende seine Schergen. Die erste Gruppe verschwand eiligen Schrittes die Rampe hinunter und in den Stollen hinein, die zweite folgte nach wenigen Atemzügen. Zurück blieb der hochgewachsene Mann, der rau in sich hineinlachte. Er begann, leise summend in dem einsamen Raum umherzuspazieren, eine einzelne Lampe auf dem Boden spendete Licht und warf seine Silhouette verzerrt und ins Riesenhafte vergrößert ans Mauerwerk.
Den drei Männern stockte der Atem. Was, wenn er sie bei seinem Umherstreifen entdeckte? Lewis umklammerte seine Waffe mit krampfhaftem Griff und überlegte.
Die Häscher der Schwarzen Brüder sollten also die Mitglieder der herzoglichen Familie entführen. Ohne Zweifel planten die Revolutionäre den Staatsstreich, gedeckt von dem Tumult in der Bevölkerung, dem Aufruhr in den Straßen und Gassen, welcher das Militär ablenkte, und dieser hier würde sich jeden Moment an den Ort begeben, an dem Goethe gefangen gehalten wurde. Was sie zu tun hatten, lag auf der Hand: Einerseits mussten sie dem Mann zu Goethe folgen, und andererseits lag es an einem von ihnen, den Garnisonskommandeur zu unterrichten, damit dieser, wenn es ihm nicht gelänge, die Entführung zu vereiteln, doch wüsste, wo die Verschleppten zu finden wären.
Lewis sah, wie der Mann mit der schnarrenden Stimme in aller Seelenruhe eine Pfeife entzündete und Rauchkringel in die Luft blies. Er spürte, wie in seinem Rücken auch Herder und Hardenberg unruhig wurden. Sie wollten endlich handeln, doch waren sie zu quälendem Warten und der Angst vor Entdeckung verdammt, solange dieser Mensch sein Pfeifchen schmauchte. Lange Minuten verstrichen, in denen der Mann dann und wann vor sich hin summte. Nun begann er gar, in Zimmerlautstärke ein Liedchen zu singen. Lewis erschauerte ob der bizarren Situation.
Endlich ergriff der Mann die Laterne, klopfte seine Pfeife aus und wandte sich zum Gehen. Gespannt verfolgte Lewis jeden Schritt. Der Hochgewachsene verschwand wie seine Häscher in der Tiefe des Tunnels, immer noch sein Liedchen trällernd.
Lewis sprang auf. „Rasch! Wir müssen ihm folgen, er wird uns zu Goethe führen – und wir müssen Kommandeur von Germar über die Pläne der Verschwörer unterrichten!“
Herder entzündete indessen wieder ihre Laternen. „Ich kenne den Weg zur Garnison“, sagte er. „Ich werde mich schon durchschlagen können.“ Er wandte sich an Hardenberg. „Ich denke, du kannst Matthew mit dem Säbel gut zur Seite stehen.“
Hardenberg hob die Klinge. „Wenn ich schon nichts mit Löber ausfechten konnte, dann mit den anderen Schuften.“
Herder gab Lewis seine Pistole. „Ich denke, ihr braucht sie da unten nötiger! Viel Glück!“
Er drückte den beiden anderen ermunternd die Schultern und lief dann los, ohne sich noch einmal umzusehen, durch den Raum, durch angrenzende Zimmerfluchten, bis seine eiligen Schritte auf dem Pflaster des Hofes zu hören waren. „Auch dir viel Glück!“, sagte Lewis leise, da er fürchtete, seine Stimme könnte hinunter in den Stollen dringen. Er steckte die Pistole in seinen Gürtel, nickte Hardenberg zu, und dann huschten sie die Rampe hinab, in den Gang hinein und dem Verschwörer hinterher.

Das unbekümmerte Liedchen des Hochgewachsenen führte sie durchs Dunkel. Beide hatten ihre Laterne abgeblendet, so dass nur der allernötigste Schein auf ihren Weg fiel. Sollte sich der Verfolgte zufällig umdrehen, würde er auch wegen seines eigenen Lichtes nichts von ihnen bemerken. Insgeheim war Lewis froh über die Sorgfalt, mit der die verschwörerischen Bergleute das System der Stollen und Gänge ausgearbeitet hatten. Der Weg war eben und ohne Aufwerfungen, Löcher oder Stolpersteine. Nur auf den mit Brettern und Holzbohlen ausgelegten Abschnitten mussten sie darauf achten, dass ihre Sohlen keine zu lauten Geräusche hervorriefen.
Immer noch summte und pfiff der Verschwörer vor sich hin, als schreite er nicht klaftertief unter der Erde einher, in Düsternis und Beklemmung, sondern in hellem Sonnenschein und über lauschige Parkwege hinweg. Nur ein ruchloser Mordgeselle, dachte sich Lewis, konnte so ein abwegiges Gemüt besitzen. Doch immerhin führte der Mann ihn und Hardenberg so durch das unbekannte Labyrinth der Stollen und Gänge, die sich immer unübersichtlicher verzweigten. Einmal hatten Lewis und Hardenberg eine falsche Einmündung betreten, ihren Fehler aber noch rechtzeitig bemerkt, um rasch wieder die akustische Spur aufzunehmen.
Lewis schlug das Herz bis zum Hals. Mittlerweile ging es nicht allein darum, den Mann bis zu Goethe zu verfolgen, sondern überhaupt wieder aus diesem Labyrinth an die Oberfläche zu gelangen. Lewis war davon überzeugt, dass er nur mit Mühe wieder zurückfinden würde zu dem einzig sicheren Ausgang, der sich seiner Ansicht nach in Goethes Haus befand. An jedem anderen mochten die bewaffneten Verschwörer lauern oder schlimmer noch, durch einen der Gänge von ihren Freveln zurückkehren! Hier in den Gängen waren Kampf oder Flucht aussichtslos, Hardenberg und er würden den Tod eines Fuchses im Bau sterben, wenn die Bluthunde eindrangen. Oder ärger noch, verbesserte Lewis sich missmutig: Sie waren die Kaninchen, und die schwarzen Füchse strichen überall um sie her.
Hardenberg blieb plötzlich stehen, und auch Lewis verhielt seinen leisen, raschen Schritt. Sie horchten. Die Töne, die sie geleitet hatten, waren verstummt. Lewis fluchte innerlich. Hatte der Verfolgte aufgehört, seinem höhnischen Frohsinn Ausdruck zu verleihen und ging nun stumm weiter? Nein, denn es waren auch keine Schritte zu hören. Es gab nur eine Erklärung: Sie mussten am Ziel sein.
Langsam schlichen die beiden weiter. Wachsam und lautlos, auf jedes mögliche Geräusch achtend, legten sie Schritt um Schritt zurück. Der Erdboden war hier wieder mit Brettern bedeckt, und sollte eines sich gelockert haben, mochte jede Belastung ein verräterisches Knirschen verursachen.
Plötzlich befiel Lewis eine bange Ahnung: Was, wenn der Verschwörer seine Verfolger bemerkt hatte und nun lautlos und hinterhältig im Dunkel auf sie wartete?
Lewis hielt den Atem an und lauschte, doch außer dem kaum hörbaren Luftholen Hardenbergs und ihrer beider sacht gesetzter Schritte konnte er nichts vernehmen. Sie dunkelten ihre Laternen für einen Augenblick völlig ab, um auch den kleinsten anderen Lichtschein erkennen zu können – aber es war nichts wahrzunehmen. Kein Geräusch außer ein paar fernen, ebenso langsamen wie rhythmischen Tropfen, kein Geruch außer dem Moder der feuchten Erde. Noch nicht einmal einen Windzug verspürten sie, der darauf hindeuten könnte, dass irgendwo vor ihnen ein Ausgang war.
Jede Elle, die sie zurücklegten, ließ die furchtsame Anspannung in Lewis steigen, und er fürchtete, jeden Moment etwas Unachtsames zu tun. Was, wenn er mit dem Gewehr scharrend über die Wand streifte, was, wenn er mit dem Bein die tief gehaltene Laterne anstieß? Was, wenn ...
Vor sich erkannte er plötzlich ein schwaches Leuchten. Nichts war zu hören, und im Näherkommen sah Lewis, dass der Stollen hier in einen gemauerten Keller mündete. Nach nochmaligem Verhalten und Horchen traten er und Hardenberg in einen niedrigen Raum, der zweifellos zum Keller eines Hauses gehörte und der von einer einzelnen Lampe an einem Haken matt erhellt wurde. Nichts befand sich darin; sie registrierten nur eine Anzahl schmutziger Fußabdrücke, die den Boden bedeckten und zu einer grobgezimmerten Tür führten. Lichtschein fiel durch die Ritzen.
Hardenberg trat schnell und geräuschlos heran und spähte durch einen Spalt zwischen den Brettern. „Ein weiterer Keller. Kein Mensch zu sehen“, wisperte er, und ehe Lewis etwas erwidern konnte, etwa um zu fragen, was sie nun zu tun gedächten, öffnete Hardenberg die Tür.
Lewis wollte einen Laut der Entrüstung und des Erschreckens ausstoßen, doch was er sah, verschlug ihm Sprache und Atem. Dass Hardenberg diesen Raum als Keller bezeichnet hatte, war in Lewis’ Augen eine gelinde Untertreibung.
Ein weiter Raum, niedrig zwar, doch ausgreifend, erstreckte sich über eine Fläche, die für einen Ballsaal gereicht hätte. Das Gewölbe trugen zahlreiche Pfeiler aus rotem Mauerstein, die sich zu weiten Bögen spannten und an denen brennende Fackeln in eisernen Haltern staken. Wände und Boden bestanden ebenfalls aus jenen Ziegeln, so dass es in dem feurigen Licht schien, als sei alles aus Blöcken geronnenen Blutes gefügt. Hier und da hingen Teppiche und Banner, die für Lewis fremdartige Symbole und Allegorien zeigten. Weit hinten stand ein großer, tafelartiger Tisch aus dunklem Holz, wuchtig und schwer und mit Schnitzereien verziert wie auch die Lehnstühle, die ihn umstanden. In dessen Nähe reihten sich große Truhen an den Wänden, auch standen Pulte dort und niedrige Regale, die mit allerlei Dingen und Gerätschaften angefüllt waren, die schimmerten und glänzten und die Lewis kaum auseinanderzuhalten vermochte, so seltsam, obskur und zauberisch erschienen sie ihm.
Hardenberg keuchte und sagte dann mit belegter Stimme. „Mir scheint, als sei dies der rechte Ort, um Aufstände zu planen und geheime Rituale zu zelebrieren.“
„Ja“, antwortete Lewis, und auch seine Kehle fühlte sich rau und trocken an. „Wir sind zweifellos im Allerheiligsten, im Herzen des Verschwörernests. Hier herrschen die Schwarzen Brüder oder Schlimmeres ...“
Lewis sah sich erneut um. „Wo mag nur dieser Mensch geblieben sein? Sein Vorsprung war nicht groß ...“
Da hallte plötzlich eine raue Stimme durch das Gewölbe, die ein munteres Lied sang. Doch die Mauern warfen die Weise so verzerrt zurück, dass sie wie ein Grabgesang erschien. Lewis und Hardenberg zuckten zusammen, sahen sich bestürzt um und konnten doch niemanden ausmachen. Die Stimme schien von überall her zu schallen.
Plötzlich trat eine dunkelgekleidete Gestalt hinter einer der weiter entfernten Säulen hervor, und an ihrer Haltung erkannte Lewis, dass es der Großgewachsene war, den sie verfolgt hatten. Unter Hut und Maske bewegte sich ein spöttisch verzogener Mund, und aus ihm drang die grässliche Weise. Dann beschloss der Mann sein Lied und lachte. Er trat ein paar Schritte auf die beiden jungen Männer zu, die wie erstarrt dastanden, und nun schnitt seine Stimme wie eine Klinge durch die von den Fackeln erhitzte Luft: „Ei, ei! Was haben wir denn da für zwei neugierige Jünglinge.“ Wieder verzog er spöttisch den Mund. „Müsstet ihr nicht längst in den Betten liegen, als so spät in der Nacht noch auf und unterwegs zu sein?“ Sein Mantel bauschte sich mit jedem bedrohlichen Schritt, den er weiter auf Lewis und Hardenberg zutrat.
Lewis bewegte den Lauf der Flinte ein wenig, doch dann sah er aus den Augenwinkeln, wie Hardenberg leicht die Hand hob. Lewis begriff. Ein Schuss mochte andere Verschwörer alarmieren, die sich vielleicht in ungeahnter Zahl in der Nähe befanden. Dann waren sie verloren. So mochte es noch eine Chance geben. Lewis spürte, wie sich Hardenbergs Körper anspannte, als dieser den Säbel fester packte.
Der Große kam näher. Lewis erkannte, dass seine Kopfbedeckung nur zwei Handbreit von der Decke des Gewölbes entfernt war. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf des Mannes Gesicht gelenkt, als dieser unverändert scharf und spöttisch weitersprach: „Was würden eure Mütter tun, wenn sie wüssten, dass ihr euch hier herumtreibt? Des Nachts und in fremder Leute Räumen?“
Mit einer ungemein raschen, gewandten Bewegung entledigte der Mann sich seines weiten Mantels, ohne auch nur einen Halbschritt in seinem Gang zu zögern. Wie das Rad eines schwarzen Pfaus blähte sich das Kleidungsstück für einen Lidschlag hinter und um ihn auf, dann lag der Mantel über Arm und linker Schulter, zeigte die dunkelgekleidete Figur, die sich mit furchteinflößender Stärke und Beherrschtheit bewegte. An der Seite blitzte der Griff eines Degens.
„Ich denke, eure Mütter würden euch arg schelten.“
In fließender Bewegung zog der Mann seine Klinge, die dabei durch die Luft schwirrte, und machte einige weitgreifende Schritte, mit denen er die letzten, trennenden Ellen zwischen sich und den beiden jungen Männern zurücklegte.
„Das werde ich nun übernehmen.“
Dann war er heran. Hardenberg ließ die Laterne fallen und hob den Säbel. Mit dem Ellbogen stieß er nach Lewis, um diesen aus dem Angriffsbereich des gegnerischen Degens zu bringen. Lewis wich zurück und stolperte.
Der Schwarzgekleidete drehte sich einmal um sich selbst, und in dieser Bewegung warf er den Mantel von sich, direkt auf Lewis zu. Im selben Augenblick, da Degen und Säbel klirrend aufeinandertrafen, traf die Masse des schweren dunklen Stoffes auf Lewis, hüllte ihn in Finsternis, wirbelte ihn herum, riss ihn nach hinten und von den Füßen. Hart stürzte er zu Boden, schrie vor Schmerz und Verwirrung. Neben ihm zerbarst die Laterne an den Ziegelsteinen, die Waffe schlug mit metallischem Laut auf den Grund. Während Lewis panisch Arme und Beine bewegte, um sich von dem Mantel zu befreien und wieder auf die Füße zu kommen, hörte er mit hilflosem Schrecken das Scharren der Stiefel und Klingen der Waffen und Hardenbergs heftiges Atmen.
Der Gegner focht schweigend, ohne Anstrengung und in stiller Überlegenheit. Lewis riss an dem Mantel, in dem er sich verstrickt hatte, und endlich konnte er wieder etwas sehen. Hardenberg hielt sich tapfer, wenn auch der Schwarzgekleidete heftig auf ihn eindrang. Funken schienen von den Klingen zu sprühen, das Licht der Fackeln brach sich immer wieder auf dem blanken, tanzenden Metall, und die Reflektionen zuckten über die Wände. Lewis konnte erkennen, wie sich das siegesgewisse Lächeln von den Lippen des Schwarzgekleideten stahl. Aber er schien seinen Gegner unterschätzt zu haben, denn Hardenberg konnte in diesem Kampf von den Duellen zehren, die er gefochten und bestanden hatte. Er glich den Vorteil, den der größere Mann durch die höhere Reichweite seiner Arme und des Degens besaß, dadurch aus, dass er sich rasch, fast hastig bewegte und die Angriffe des Gegners immer wieder unterlief. Mit einem von unten geführten Hieb gegen den Kopf des Gegners riss er diesem den Hut vom Schädel, und nur durch rasches Zurückzucken konnte der Großgewachsene Schlimmeres verhindern. Wie im Zorn drosch er nun auf den kleineren Hardenberg ein, sein Degen blitzte, und nur um Haaresbreite konnte Hardenberg immer mit dem Säbel dazwischenfahren.
Als Lewis sich endlich des Mantels entledigt hatte und seine vom Sturz schmerzenden Glieder zum Aufstehen zwang, stieß Hardenbergs Säbelspitze vor und schnitt die Maske vom Gesicht des Gegners. Der sprang zurück, die Larve flatterte zu Boden, und auf der Stirn des Mannes tat sich ein blutiger Schnitt auf, aus dem sogleich ein karminrotes Rinnsal über die verzerrten Züge floss.
Bislang war der Kampf in völliger Stille abgelaufen, doch nun drang ein Wutschrei über die Lippen des Schwarzgekleideten. Lewis war wieder auf die Füße gekommen und tastete nach seiner Waffe. Hardenberg hatte sich ein triumphierendes Lächeln erlaubt, das aber gefror, als er den Mann nun auf sich zustürmen sah. Unter den prasselnden Hieben wich er zurück, in die Defensive gedrängt. Schon war zu erkennen, dass der schwere Säbel seinen Arm ermüdet hatte und der andere mit der leichteren Waffe über die Dauer des Kampfes einen Vorteil gewann. Endlich hatte Lewis die Flinte ergriffen, wollte sie mit zitternden Händen in Anschlag bringen, als er sich der stummen Warnung Hardenbergs erinnerte.
Noch bevor er jedoch einen weiteren Gedanken fassen konnte, sah er, wie Hardenbergs Gegenwehr erlahmte und der Schwarzgekleidete seine Chance sah. Lewis schrie zugleich mit Hardenberg auf, als die Degenklinge in dessen Fechtarm fuhr. Der Säbel flog davon und prallte klirrend gegen die Ziegelmauer. Der Schwarzgekleidete riss seine Waffe zurück, stieß erneut zu, und Hardenberg brach in die Knie.
Blind vor Wut und Angst rannte Lewis los, das Gewehr wie einen Stoßspeer führend. Der Mann mit dem blutüberströmten Gesicht hob seinen Degen zum Todesstoß, als Lewis ihm die Mündung des Gewehrs in die Seite rammte. Mit wütendem Knurren ruckte sein Kopf zu Seite, eine rote Fratze funkelte Lewis aus stechend dunklen Augen an. Da krampfte Lewis die Finger zusammen, teils aus Erschrecken, teils aus der Wucht des Aufpralls heraus, der seine Hände am Metall und Holz des Gewehrs abgleiten ließ, und sein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug.
Mit einem dumpfen Grollen entlud sich das Gewehr in die Seite des Mannes. Stechender Rauch stieg auf und verhüllte den überraschten Ausdruck auf dem Antlitz des Mannes in dem Augenblick, als sein Blick brach. Sein Degen fiel zu Boden, und dann sank er selbst in sich zusammen, zu einem schwarzen Haufen Kleidung, aus dem das Leben blutete.
Lewis ließ bestürzt die Flinte fallen, deren Laufmündung sich zu einer metallenen Blüte entfaltet hatte, aus der kleine Fäden Pulverdampf quollen. Mit dumpfem Klang landete sie auf dem Leichnam des Verschwörers.
Lewis hörte, wie Hardenberg stöhnte, und das löste ihn aus seiner Starre. Rasch trat er zwei Schritte zu ihm hin und ließ sich auf die Knie nieder.
„Oh Gott, wie schlimm ist es?“, keuchte Lewis, als er sah, wie es zwischen Hardenbergs Fingern, die dieser auf seine Armwunde presste, feuchtrot schimmerte.
Hardenberg zeigte die Zähne. „Schon Ärgeres erlebt“, stieß er hervor. „Der Stich ging glatt durch. Oder richtiger: beide.“
„Wenn nur Wilhelm hier wäre“, klagte Lewis.
Hardenberg winkte ab und verzog das Gesicht. „Ein Fetzen Stoff drumherum, und ich kann wieder weiter. Versorgen können wir’s später.“
Lewis zerrte sein Oberhemd unter der Weste hervor und riss einen Streifen Leinen ab. Diesen wand er um Hardenbergs Oberarm und litt mit diesem, als er dabei ein wenig zusammenzuckte, aber keinen Laut hören ließ. Dann ließ Hardenberg sich aufhelfen. Er warf keinen Blick auf den Körper des Schwarzgekleideten, unter dem sich eine Lache gebildet hatte, die sich in ihrer Farbe kaum von der des Ziegelbodens abhob. Lewis wandte den Kopf ab. Übelkeit stieg in ihm hoch.
Hardenberg ging zur Wand und hob seinen Säbel auf. Prüfend wog er ihn in der Hand, als er zu Lewis zurückkam. Er schien einen Wimpernschlag lang zu überlegen, dann bückte er sich und hob den Degen des Toten auf. Den Säbel legte er neben den Körper nieder.
Dann sah er Lewis an und sagte knapp: „Danke.“
Lewis zitterten die Knie, erneut brannte es bitter in seinem Hals, doch er gab den Blick zurück und nickte.
Hardenberg deutete auf das entfernte Ende des unterirdischen Raumes. „Da hinten ist eine Tür.“
Rasch eilten sie durch den blutig dunklen Saal, pressten die Ohren an die Tür, die glatt und sauber gearbeitet war und lauschten einen Augenblick, und als sie sich sicher fühlten, öffneten sie diese behutsam, die Waffen im Anschlag. Sie fanden sich in einem Keller wieder, der so gewöhnlich schien, wie ein Keller nur sein konnte, wenn er auch sehr geräumig und sauber war. Es fanden sich mit Vorräten gefüllte Regale, Säcke, Kisten und Fässer, einige Werkzeuge und kleinere Möbelstücke.
Hinter ihnen fiel die Tür leise klickend ins Schloss. Sie drehten sich um – die Tür war verschwunden! Sie war durch ein Regal voller Kerzenstapel und metallener Leuchter verborgen, das wohl durch einen verborgenen Mechanismus zur Seite schwingen mochte. Sie erkannten jedoch keinen Riegel oder Hebel, mit dem sie jene Geheimtür hätten öffnen können. Der Rückweg war ihnen nun verwehrt, es blieb ihnen nichts übrig, als voranzuschreiten.
Vom Keller führte eine Treppe nach oben, und nach einer weiteren Tür standen Lewis und Hardenberg in einem ruhigen, schwach erleuchteten Gang. Er schien zu einem wohlgeführten und wohlhabenden Haushalt zu gehören, denn das Parkett schimmerte ebenso wie die Tapeten an den Wänden. In Öl gemalte Portraits und Landschaften, gefasst in sehr ansehnliche Rahmen, hingen hier, und auch die Leuchter mit den wenigen entzündeten Kerzen zeugten von Wohlstand.
Zögernd tasteten sich die beiden vor. Kein Geräusch war zu hören. Schließlich kamen sie in den Eingangsbereich.
Lewis sah sich erstaunt um. „Ich kenne dieses Haus“, flüsterte er. „Es gehört der Gräfin Bernstorff, und auch Bode wohnt hier.“
„Ob auch er ein Gefangener ...“, begann Hardenberg und schüttelte dann den Kopf, als er Lewis’ Augen sah, die sich im Begreifen weiteten.
Dann blickte Lewis zornig. „Nein, warum auch, wo doch unter seinem Haus der Treffpunkt der Verschwörer liegt?“ Lewis bleckte die Zähne. „Dann habe ich mich also nicht geirrt, als ich glaubte, Bodes Stimme in der Ruine zu erkennen! Was danach folgte, war eine Posse seinerseits, um den Verdacht von ihm abzulenken! Es ist alles, wie Voigt es befürchtet hat! Bode ist der Kopf der Schwarzen Brüder und der Revolutionäre und hat Goethe in seiner Gewalt!“
„Dann wird dieser wohl irgendwo hier im Haus festgehalten“, entgegnete Hardenberg. „Erinnerst du dich an die Anordnung der Räume?“
„Nein“, antwortete Lewis ärgerlich. „Der Besuch war zu kurz, und der Dienstbote scheuchte uns sehr.“
„Dann versuchen wir unser Glück.“ Hardenberg sah sich um. „Ob es noch einen Keller gibt?“
Da scholl ein tiefes Lachen durch das Haus. Es floss wie ein dunkler Strom aus Tönen die große Treppe herab.
„Bode!“, flüsterte Lewis. „Suchen wir ihn, vermutlich ist auch Goethe nicht weit – und hoffentlich tut er ihm nichts zuleide.“
Sie liefen die Treppe hinauf, so schnell das möglich war, ohne allzu sehr über die Stufen zu poltern. Bodes Lachen führte sie einen weiteren Gang entlang, an dessen Ende eine halboffene Tür warmes Licht über das Parkett strömen ließ.
Jetzt war Bodes Stimme unverwechselbar. Er unterhielt sich munter mit einem weiteren Mann, der bisher ebenfalls ab und an gelacht hatte.
Jetzt waren Lewis und Hardenberg näher heran. Sie sahen durch den Spalt in der Tür in ein Zimmer, das von Bücherschränken umrandet war und in dessen Mitte auf einem Teppich ein bequem erscheinender Sessel stand, nahe an einem Tischchen, das Gläser und eine Karaffe beherbergte.
Diesen Sessel füllte die massige Gestalt Bodes aus, mit rotem Gesicht und hängenden Wangen, die Augen munter und mit dem gespitzten Mund an einem Likörglas nippend. Sein veilchenblauer Rock klaffte ebenso offen wie die graue Weste, und er hatte die Halsbinde gelockert.
Lewis spürte, wie Wärme aus dem Raum drang, und jetzt hörte er das Knistern eines Kaminfeuers. Bode setzte sein Glas ab und sprach zu seinem Gegenüber, den Lewis wegen des Türblattes nicht erkennen konnte.
„Abaris! Es will mir nicht gelingen, mein Verlangen zu unterbinden, immer wieder auf dein Wohl zu trinken! Ich bin froh, dass sich die Dinge zum Besten wenden! Die Provinz Ionien und unser herrliches Hieropolis werden in neuem Glanz erstrahlen, wenn diese arge Zeit hinter uns liegt.“
Lewis erkannte die verschlüsselten Benennungen aus dem Sprachgebrauch der Illuminaten wieder. Hieropolis musste der geheime Name für Weimar sein. Doch auch der Name, mit dem Bode seinen unsichtbaren Gesprächspartner angeredet hatte, kam Lewis bekannt vor. Er hatte doch unten in den Gängen den Ansatz einer Auflösung gehabt ...
Jetzt sprach auch der andere Mann, und Lewis erstarrte.
„Darauf können wir nur trinken, guter Tristram! Ich hebe mein Glas auf glückliche Zeiten.“
Lewis glaubte zunächst, seine Ohren hätten ihn getäuscht. Doch als der Mann weitersprach, wurde ihm klar, wessen Stimme er da hörte. Jener unsichtbare Gast, der sich freundschaftlich, ja mitverschwörerisch mit Johann Christoph Bode unterhielt, dem Kopf der Weimarer Illuminaten und der Schwarzen Brüder, dem verbrecherischen Geist, der hinter Morden, Komplotten und dem Plan stand, den Herzog, die Adelsherrschaft, ja die geregelte Staatsordnung zu stürzen, jener Mann war ohne jeden Zweifel Johann Wolfgang von Goethe!