Elftes Kapitel

In welchem es um Leiber und Leben geht

Als im November der erste Schnee auf das Fensterbrett vor Lewis’ Zimmerfenster fiel, betrachtete er ihn mit Unbehagen. Die weißen Flocken zeigten ihm, wie viel Zeit verflossen war, seit er erfahren hatte, dass man ihm nach dem Leben trachtete. Nein, verbesserte er sich in Gedanken, nicht man, nicht irgendjemand, sondern eine ganz bestimmte Person, die überall und nirgends sein mochte und in jedem Augenblick an jedem Ort auftauchen konnte, um ihn zu töten. Seine Nemesis hieß Gottwerth Heinrich Löber, und dieser hatte sich in Lewis’ Augen vom Schwarzen Bruder zum Gevatter Tod gewandelt. Anders als mit angsterfülltem Sarkasmus konnte Lewis seine Lage nicht mehr betrachten. Er war wie gefangen im Hause der Böttigers, seit Krafft die Mordpläne gegenüber Lewis auch Voigt mitgeteilt und sich dafür ausgesprochen hatte, dass der junge Engländer von nun an unter Schutz gestellt werden müsse. Dieser Schutz war kaum mehr als ein Hausarrest, wenn auch mit einer zusätzlichen Wache in Form zweier zivil gekleideter Soldaten, die in Sichtweite des Böttigerschen Hauses herumlungerten. Lewis konnte sie ab und an von seinem Fenster aus sehen, und als nun der Schnee zu fallen begann und die Männer auf der Stelle tretend die Mantelkrägen hochschlugen, lächelte er bitter. Eventuell sollte er ihnen etwas Gutes tun und zu einem Spaziergang aufbrechen. Solcherlei Abwechslung war ihm gestattet, da den Soldaten befohlen war, ihm in gebührendem Abstand zu folgen. Sie sollten einschreiten können, falls es zu einem Zwischenfall käme, hatte es geheißen. Dass damit nicht irgendein Zwischenfall gemeint war, sondern ein bestimmter, hatte Lewis nur zu gut aus den Worten Voigts herauszulesen gewusst.

Er hatte allerdings den Regierungsrat hinreichend gut kennengelernt, um zu wissen, dass Voigt nicht wirklich um sein Wohlergehen und seine Unversehrtheit besorgt war. Lewis war zurzeit nichts anderes als ein Lockvogel, der Köder in einer Falle, die sich beizeiten um den nach Rache dürstenden und dadurch unter Umständen unvorsichtig handelnden Löber schließen sollte. Die Suche nach ihm und den anderen entkommenen Revolutionären war fruchtlos geblieben, und so hoffte Voigt, wenigstens einen der Schwarzen Brüder durch diese List zu fangen. Dafür schien er gewillt zu sein, den Engländer, der ihm zuvor als Spion gedient hatte, zu opfern. Denn diese Dienste waren nun nicht mehr nötig. Gewiss, Voigt hatte sich erfreut gezeigt, die Schwarzen Brüder – oder zumindest einen Großteil davon – arretieren oder begraben zu können. Er hatte neben all dem Tadel über Unvorsichtigkeiten sogar ein wenig schales Lob für Lewis übriggehabt, oder vielmehr für dessen Fortune, geradewegs in das Verschwörernest gestolpert zu sein. Dann hatte er ihn von seinen Diensten entbunden – zumindest solange, bis Löber gefasst war, danach sollte Lewis sich wieder zur Verfügung stellen. Denn auch wenn die äußeren Dinge nun zum Besseren ständen – man hatte die Franzosen am weiteren Vorrücken gehindert, wodurch zumindest Weimar nicht in Gefahr der Besetzung geriet wie Mainz oder Frankfurt –, so solle man sich im Inneren nicht in Sicherheit wiegen. Lewis werde wie zuvor gebraucht, und es sei seine Pflicht, durch Ermittlungen seine Gastgeber vor Unbill durch weitere Verschwörer oder Mörder zu bewahren.

Lewis seufzte an seinem Sekretär sitzend, während draußen die Schneeflocken umherwirbelten. Er war hier auf ungewisse Zeit gefangen, und danach, wenn er durch Löbers hoffentlich baldige Unschädlichmachung der Gefahr entronnen war, musste er sich hinausbegeben, um im Grunde nach neuer Gefahr zu suchen. Wer wusste, ob dort draußen, im Verborgenen, nicht noch mehr Schwarze Brüder oder andere mörderische Geheimbündler lauerten, die Löbers Fehde weiterführen würden, falls dieser nicht obsiegte?

Lewis konnte nichts weiter tun, als diese Gedanken abzuschütteln und sich durch Arbeit abzulenken. Er übersetzte Gedichte wie Goethes Veilchen und auch die Fischer. Die Arbeit an seinem Schwank ging ihm nur schwer von der Hand, und so verstieg er sich in die Düsternisse des begonnenen Schauerromans. Wielands Anmerkung über das alte Kloster, auf dessen Grund das Wittumspalais der Herzoginmutter stand, hatte Lewis auf die Idee gebracht, einen Mönch zur Hauptperson der Geschichte zu machen. Der Gottesmann seines im Tagtraum geschriebenen Manuskriptes war nur vage umrissen gewesen, und die Entscheidung, einen Mönch all die Lästerungen begehen und Versuchungen erleiden zu lassen, schien Lewis am schrecklichsten. Er konnte sich all seine Furcht und seine Träume und schrecklichen Erlebnisse von der Seele schreiben, und dies ließ ihn seine Gefangenschaft beinahe vergessen.

Dazu kam noch, dass seine Gefängniswärterin Eleonore ihm freundlicher und herzlicher denn je begegnete – sei es aus der Tatsache heraus, dass sie um die Gefahr wusste, in der Lewis schwebte, sei es, weil er sie an seinen schriftstellerischen Erzeugnissen teilhaben ließ. Böttiger, der sozusagen Direktor des Kerkers war, umsorgte ihn auf eine Weise, die nüchterner, aber doch nicht minder nett war. Allerdings schien er von seinem Gast nicht mehr begeistert, denn er konnte von Lewis nichts mehr an Begegnungen und Erlebnissen in und um Weimar erfahren, und obgleich dieser fleißig zu schreiben schien, kam nichts dabei heraus, was er mit Gewinn hätte begutachten können – ein paar Gedichte, einige halbherzige Komödienszenen, mehr nicht. Böttiger suchte sich also seinen eigenen Klatsch.

Auch Lewis litt darunter, nicht mehr allzu viel Abwechslung zu haben. Theaterbesuche waren ihm der unübersichtlichen Menschenansammlung wegen untersagt, und anderen gesellschaftlichen Ereignissen hatte er ebenfalls fernzubleiben: Was, wenn Löber dort hineinstürmte und in seiner Raserei außer Lewis noch andere in den Tod riss! Zudem wollte Voigt vermeiden, dass Lewis versehentlich etwas ausplauderte: Die Weimarer Gesellschaft und der Adel sollten nicht unnötig durch Verschwörungsgeschichten beunruhigt werden.

So blieb Lewis die Korrespondenz mit dem jungen Herder, der strebsam und vergnüglich in Jena Medizin studierte. Diesem konnte er sich immerhin anvertrauen. Er hatte Herder alles berichtet und diesen auch um Vorsicht gebeten, was Löber anging. Herder jedoch konnte Lewis beruhigen: Was er bislang in Jena gehört hatte, wies darauf hin, dass Löber verschwunden war und sich nicht wieder hatte blicken lassen. Auch Hardenberg, der durchaus einen Grund hatte, gut unterrichtet sein zu wollen, und dies gemeinhin auch war, konnte nichts Aufrüttelndes mitteilen.

Alles schien in erfreulicher Ordnung, und so nahm Lewis sein Exil von den Zerstreuungen des Lebens in Kauf.

Als sich draußen die wirbelnden Schneeflocken vor dem schwärzer werdenden Himmel abzeichneten, schnitt er gerade mit dem Messer eine neue Schreibfeder zu. Da klopfte es unerwartet. Lewis erschrak, glitt mit dem Messer ab, und die Feder war hin. Nach einer resignierten Aufforderung trat Böttiger ein und ging mit einem Brief in der Hand auf Lewis zu.

„Ein Bote aus Jena hat dies soeben abgegeben. Es scheint eilig zu sein.“

Böttiger gab Lewis das Schreiben und blieb dann kurz mit ausgestreckter Hand stehen. „Vielleicht hätten Sie Zeit und Lust, nach dem Abendessen mit mir ein Glas in meinem Arbeitszimmer zu nehmen?“ Er nahm die Hand zurück und zupfte sich am Ohrläppchen. „Ich glaube, Sie kennen meine Abhandlung über Kyklopen und Arimaspen noch nicht. Über die Gewohnheit der Alten, sich den Körper zu bemalen und zu punktieren. Wir könnten ein wenig darüber ... plaudern.“

Lewis lächelte. Das klang ganz, als habe Eleonore Böttiger ihren Mann zurechtgewiesen, sich doch wieder um ihrer beider Gast zu kümmern.

„Gern. Ich könnte meinen Teil dazu beitragen. Im äußersten Norden der britischen Inseln lebte ein Stamm, den man Pikten nannte und der diese Kunst pflegte.“

Böttiger hob Finger und Stimme und sog ausreichend Luft ein, um damit einen längeren Vortrag zu halten. „Eine barbarische Sitte. Im Allgemeinen bei rohen Menschen zu finden, besonders ...“

Lewis räusperte sich. „Sagten Sie, nach dem Abendessen?“

Böttiger ließ Finger und Mundwinkel sinken. „Oh. Ja! Wir sehen uns bei Tisch.“

„Bis dahin. Ich will den Brief lesen und gleich beantworten, da er eilig schien, wie Sie sagten.“

Böttiger nickte. „Der Bote war atemlos und sah angespannt aus.“

„Nun denn“, schloss Lewis. „Ich freue mich auf unsere Unterhaltung.“

„Ich ebenso, Herr Lewis“, strahlte Böttiger, der aussah, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. Er nickte noch einmal und ging dann schnell aus dem Zimmer.

Lewis drehte den Brief in den Händen und erkannte an der Schrift, dass er von Herder stammte. Erfreut öffnete er ihn und überflog schnell die ersten Zeilen.

Dann gefror seine Miene. Schon die Anrede am Kopf des Schreibens war ihm seltsam vorgekommen, und nun erkannte er, dass der Brief in einer ihm fremden Schrift verfasst war. Auch die Unterschrift war ihm von Schwung und Federführung nicht bekannt. Der Name indes umso mehr.

Schnell las er den Brief noch einmal, und dieses Mal zitterten seine Hände. Kalter Schweiß brach ihm aus, und er spürte, wie seine Glieder taub wurden. Entsetzt sank er auf seinen Stuhl. Welch Unglück und Teufelei!

Lewis fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Was tun?

In seiner Notlage sah er nur einen Ausweg. Er sprang auf, griff den Brief, den er hart an die Brust presste, und dann stürmte er die Treppe hinab. Unten riss er die Tür auf und machte zwei Schritte auf die Straße hinaus, deren Düsternis von der dünnen Lage Schnee auf dem Pflaster erhellt wurde. Flocken tanzten im Wind.

„Heda!“, rief er die Soldaten an, die in der Nähe standen.

Sie kamen heran, um zu erfahren, was in ihren Schutzbefohlenen gefahren sei. Im Licht, das aus dem Haus fiel, sah Lewis, dass er einen der beiden kannte – er war schon ein paar Mal zum Wacheschieben eingeteilt gewesen.

„Guten Abend“, grüßte er gesittet, um den finsteren Gesichtern keinen Anlass zu geben, noch grimmiger dreinzuschauen. „Ich muss einen von Ihnen bitten, sich umgehend zu Herrn Krafft zu begeben und diesen herzuschicken.“

Die beiden Soldaten sahen einander an und blickten dann wieder ungerührt auf Lewis.

„Es eilt, es ist wichtig und dringend!“, rief Lewis. „Bitte!“

Der eine Soldat zwirbelte seinen Oberlippenbart. „So wichtig wie Sie selbst?“

Lewis sah ihn groß an. Was dachten sie nur über ihn? Aber dann wurde ihm klar, dass es wohl Klatsch unter den Wachposten gegeben haben musste, was seine Person und den Schutzauftrag anging. Da Lewis aber keine Zeit für lange Erläuterungen zu haben glaubte, schien es ihm am erfolgreichsten, wenn er auf seinen scheinbar offenkundigen Status pochte und dazu ein wenig log.

„Ich habe hier“, begann er mit fester Stimme, und dabei hob er kurz das Schreiben, „eine höchst vertrauliche Depesche von Herrn von Goethe. Es geht um ein niederträchtiges Komplott gegen den Herzog von Sachsen-Weimar und Eisenach, das es zu verhindern gilt! Sie haben den Boten gesehen, der das Schreiben brachte. Sicher ist Ihnen dessen Eile aufgefallen, da Sie so hervorragende Wachposten sind. Also seien Sie ebenso eilig und nicht minder ausgezeichnet als Boten und schaffen Sie Herrn Krafft her! Es geht um Leben oder Tod!“

Obwohl er innerlich aufgewühlt war, konnte Lewis seine Freude nicht verhehlen. Er hatte den Ton des Majors von Germar gut getroffen, und tatsächlich nahmen die Soldaten Haltung an, der eine erbleichte sogar.

„Ich mache mich gleich auf den Weg“, sagte der mit dem Schnurrbart und nickte zackig.

Lewis erwiderte die Bewegung. „Ich werde Sie lobend erwähnen!“, fügte er hinzu. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und eilte ins Haus zurück, ehe die Soldaten erkennen konnten, wie sehr er am ganzen Körper bebte.

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„Löber?“, rief Krafft, nachdem er die letzte Zeile des Schreibens gelesen hatte und ließ es sinken.

Lewis saß auf dem Bett und nickte. Es beruhigte ihn, dass Kraffts Wut über die Finte, mit der Lewis ihn ins Haus der Böttigers gelockt hatte, verraucht zu sein schien. Er hatte eingesehen, dass Lewis den Soldaten unmöglich die wahren Beweggründe hätte erklären können.

Jetzt blickte Krafft wieder auf den Brief. „Er hat den jungen Herder.“

„Ja, und er fordert mich auf, nach Jena zu kommen. Sonst wird er ihn töten.“ Lewis legte die Hände an die Wangen und sah zu Boden.

Krafft packte die Lehne des Stuhles, hinter dem er stand. „Ihnen ist klar, dass dies eine Falle ist.“

„Sicher!“, rief Lewis mit erstickter Stimme. „Aber was soll ich tun?“

Krafft blickte erneut auf den Brief. „Er will, dass Sie sich am Südflügel des Kollegiums einfinden. Am Anatomischen Theater, um Mitternacht.“ Krafft grunzte. „Natürlich um Mitternacht.“

„Dann wird gewiss niemand mehr in den akademischen Gebäuden sein, und er ist ungestört bei seinen ... Plänen.“ Lewis schluckte und fuhr sich über die wächsern schimmernde Stirn.

Krafft redete beruhigend auf ihn ein. „Sie glauben doch nicht, was Löber da schreibt! Er will Sie nur quälen!“

„Nein, nicht mich! Wilhelm Herder!“

„Ich bin gleichwohl der Ansicht, der Ort des Treffens soll Sie nur verängstigen. Er wird Herder nichts tun, denn er will ...“ Krafft biss sich auf die Lippen.

Lewis sah ihn an und nickte. „Mich. Richtig.“

Krafft vollführte eine abwehrende Geste. „Denken Sie nicht daran! Planen wir lieber, was zu tun ist.“ Er machte einige Schritte im Raum. „Ein paar Soldaten, und er ist überwältigt ...“

„Herr Krafft! Das ist kein Angriff auf eine nichtsahnende Bande von Revolutionären! Löber fordert, ich solle allein kommen, und ich zweifle nicht daran, dass er seine Spitzel am Wegesrand postiert hat, die ihm melden, wenn wir mit einer Armee anrücken, und dann ...“ Er barg wieder das Gesicht in den Händen.

Krafft ging aufgeregt hin und her. Dann schlug er mit der Faust in seine Handfläche. „Ich begleite Sie. In einigem Abstand, möglicherweise auch auf einem anderen Weg.“

Lewis hob den Kopf. „Was können wir zu zweit schon ausrichten? Löber hat viele Männer um sich geschart, gegen die man nichts ausrichten kann. Es geht nicht mit Soldaten, und es geht auch nicht ohne sie.“

Krafft trat vor. „Ich glaube nicht, dass Löber viele Verbündete hat. Der Großteil der Schwarzen Brüder ist außer Gefecht. Die anderen sind geflohen, und selbst wenn es noch weitere gibt, so glaube ich, dass diese sich eher ihre Wunden lecken und vielleicht ihre Reihen wieder füllen, als dass sie Löber bei seiner privaten Rache unterstützen.“ Er sah aus dem Fenster, wo nur noch vereinzelt Flocken fielen. „Ich denke, er ist allein. Vielleicht hat er diesen Brief sogar selbst überbracht. Er ist so von seiner Idee besessen, dass er sie mit niemandem teilen will. Er will allein Rache nehmen.“

Lewis atmete schwer, dann stand er auf. „Sie glauben also, es sei möglich, seinen Plan zu vereiteln?“

„Ja, und ich werde mein Bestes tun.“ Er lächelte, aber seine Augen blieben glanzlos.

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Lewis galoppierte allein durch die mondhelle Nacht gen Jena. Der Himmel war sternenklar, und es war kalt. Auf den Feldern und Hügeln lag eine dünne Schneeschicht, und von dieser hoben sich die dunklen Bäume ab wie Schriftzeichen auf einem Blatt Papier.

Lewis hatte mit jedem Herzschlag den Brief Löbers vor Augen, in dem dieser drohte, Herder Schreckliches anzutun. Auch wenn er die Lider fest zusammenpresste, verschwand dieses Bild nicht. Dennoch war er froh, dass ihm sein Geist nicht Vorahnungen und Bilder des künftigen Geschehens vorgaukelte. Er hoffte inständig, es möge gelingen, Löber von seinem Tun abzuhalten. Lewis fürchtete sich davor, in allen späteren Tagen vor Augen haben zu müssen, was Löber am jungen Herder vollführen wollte. Dass er Löbers Schwur zufolge gar keine späteren Tage mehr erleben würde, daran dachte er nicht. Sein Denken war nur darauf gerichtet, Herder zu befreien.

Irgendwo hinter ihm oder auf einem anderen Weg war in diesen Augenblicken Krafft unterwegs, mit seinem Degen und seinen Pistolen, von denen Lewis hoffte, dass er sie im Dienste der Gerechtigkeit einsetzen konnte. Er selbst trug einen kleinen Dolch unter dem Rock. Vielleicht würde er Löber nahe genug kommen können, um ...

Er verscheuchte den Gedanken.

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Nach einer scheinbar unendlich langen Zeit in Dunkelheit und Kälte erreichte er Jena. Er passierte das Stadttor und lenkte seinen Falben in Richtung Kollegium. Mit einiger Mühe konnte er sich an die Wegbeschreibung erinnern, die ihm Herder einmal gegeben hatte.

Er sah sich ab und an um. Irgendwann hatte Krafft zu ihm stoßen wollen, doch hatte dieser sich bislang nicht blicken lassen. Ob er für den anderen Weg mehr Zeit gebraucht hatte? Oder hatten ihn etwa Löbers Häscher abgefangen? Lewis erschrak – was, wenn selbst der Plan, dass nur Krafft ihn unterstützte, an Löbers Tücke gescheitert war?

Doch er schüttelte den Gedanken ab. Es galt, Herder zu befreien. Mit oder ohne Krafft. Was danach kommen würde, sollte ihn in diesem Augenblick nicht schrecken.

In seinem Inneren aber schrie alles nach Flucht.

Als er die Südseite des sogenannten Stadtgrabens erreichte, konnte er an der Längsseite des akademischen Komplexes entlangblicken: Dort reihten sich der Karzer und die Bibliothek aneinander, und am Ende erkannte er den niedrigen, achteckigen Anatomieturm.

Langsam ritt Lewis an der Baumreihe entlang, die sich auf der anderen Seite des Weges gegenüber den Gebäuden erstreckte. Er erkannte einen großen Schatten unter den Bäumen gegenüber dem Anatomieturm. Als er näherkam, sah er, dass es sich um einen Reiter handelte, und sein Herz tat einen freudigen Sprung. Krafft!

Lewis ritt etwas schneller, und als er mit dem Reiter auf gleicher Höhe war, öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, als ihm auffiel, dass er das Gesicht des Reiters unter dem Dreispitz nicht erkennen konnte. Es war von einer dunklen Halbmaske bedeckt.

Lewis erschrak – solche Masken trugen die Schwarzen Brüder, wie er erfahren hatte, und somit war dieser Mann einer von Löbers Mördern. Seine Hand krampfte sich um die Zügel, er wollte losreiten und sich davonmachen, da hob der Mann die Hand. Der Lauf einer Pistole richtete sich schimmernd auf Lewis’ Herz, und dieser erstarrte.

Dann bedeutete der Mann Lewis abzusteigen. Lewis kam der Aufforderung nach, vermied aber jede hastige Bewegung, aus Furcht, der Mann könne ihn niederschießen, wenn er einen Angriff wähnte. Er spürte, wie sein Herz gegen den Dolch klopfte, den er in seinem Rock verborgen hielt.

Nun stieg auch der verhüllte Mann ab, ohne den Lauf der Pistole auch nur einen Lidschlag lang von Lewis fortzubewegen. Schließlich forderte er ihn stumm auf voranzugehen, über eine Brücke, die den Graben überspannte.

Dann traten sie zwischen die stillen, nachtdunklen Mauern der Universität. Sie überquerten einen Hof, neben dem das steinerne Schiff der Collegienkirche aufragte, und einen weiteren, der zum Bibliotheksgebäude führte. Sie durchquerten auch dieses, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Lewis spürte den gesamten Weg über das Atmen des Maskierten in seinem Nacken und deutlicher noch den Lauf der Pistole, mit der ihm der Weg gewiesen wurde, in seinem Rücken.

Dann traten sie wieder ins Freie, in den medizinischen Garten, in dem die Heilpflanzen wuchsen, die den Medizinstudenten als Anschauungsmaterial dienten. Jenseits des Herbariums erhob sich der achteckige Turm, der das Anatomische Theater beherbergte. In seinen langgestreckten Fenstern spiegelte sich die Dunkelheit, und auf dem spitzen Dach ragte eine kugelgeschmückte Spitze empor. Aus dem Inneren war kein Licht zu sehen und kein Laut zu hören, und doch wusste Lewis in diesem Augenblick, dass sich dort drinnen Löber befand – und wohl auch der junge Herder.

Der Maskierte führte ihn an die Umgrenzung des Gartens heran und eine Stiege hinauf, die in einen Raum im Inneren der Mauer führte. Von hier erstreckte sich ein Gang zum Einlass des Turmes, in dem Lewis nun Licht sehen konnte. Er ging langsam darauf zu, immer noch den Lauf der Pistole im Rücken. Im schwachen Licht erkannte er eine Reihe von Gestalten, die sich rechts und links des Ganges postiert hatten.

Sein Mut sank. Löber hatte also doch eine große Anzahl von Mitstreitern. Selbst wenn Krafft auftauchen würde, woran Lewis mit jedem Schritt, den er auf das Anatomische Theater zutrat, weniger glaubte, würde er es mit einer solchen Übermacht nicht aufnehmen können.

Lewis näherte sich weiter den Männern, die wie eine Ehrenformation wirkten, die er abzuschreiten hatte. Oder stand ihm vielmehr das bevor, was in der preußischen Armee als Züchtigung diente, jenes schreckliche, als Spießrutenlaufen bezeichnete Abstrafen? Würde der Maskierte hinter ihm ihn jeden Augenblick durch einen Hagel von Schlägen treiben, damit Löber, der am anderen Ende wartete, ein gar so leichtes Spiel hatte?

Immer näher kam er den Männern, und niemand regte sich. Lewis erkannte im schwachen Licht, dass sie keine Masken trugen und die Gesichter weißlich schimmerten. Ihre Blicke waren starr, ihre Kiefer grinsten.

Da begriff Lewis, dass dies keine Menschen waren. An den Wänden dieser langgestreckten Kammer reihten sich Gerippe aneinander, menschliche Knochengerüste, die zu Studienzwecken dienten. Ihn schauderte, als er an ihnen vorbeischritt, und die toten Augenhöhlen, die auf ihn gerichtet waren, versetzten ihm Stiche, die möglicherweise schlimmer waren als Rutenhiebe. Würde er als eines dieser Skelette enden? Hatte Löber vor, seinen toten Körper allen Fleisches zu entledigen, die Knochen zu bleichen und dann hier aufzuhängen? Oder würde Löber ihn zwischen die Kadaver stecken, von denen Lewis durch Herder erfahren hatte: an denen die Medizinstudenten ihre Skalpelle wetzten, um die inneren Geheimnisse des menschlichen Leibes zu ergründen?

Lewis konnte seine Gedanken nicht weiterspinnen, da der Maskierte ihn nun ins Licht des Anatomischen Theaters stieß. Er und sein maskierter Begleiter standen in der obersten Reihe der halbrunden Tribünen, die sich in vier Stufen bis zum Boden des kreisförmigen Saales erstreckten. Die Wände mit den Fenstern waren von innen mit langen Bahnen von Tuch verhangen, und Lewis begriff, warum von außen kein Lichtschimmer zu sehen gewesen war, obwohl das Theater durch vier große Kandelaber, die auf hohen Ständern in der Mitte des Raumes thronten, beleuchtet wurde. In ihrer Mitte befand sich ein Tisch, der einem Altar ähnlich war. Denn dahinter stand, wie ein Priester in Schwarz gekleidet, der Magister Gottwerth Heinrich Löber, der die Arme weit zum Gruß ausgebreitet hatte. Und vor ihm lag, mit gespreizten Gliedern, an Handgelenken und Fußknöcheln auf den Tisch gebunden, der halb entblößte, nur mit Hosen bekleidete Körper Wilhelm Herders.

„Willkommen, Herr Lewis“, rief Löber, und die Narbe in seinem Gesicht zuckte dabei. „Ich bin erfreut, wie pünktlich Sie sind.“

Lewis spürte, wie Wut bitter in seiner Kehle hochstieg. Er sah in Löbers unheilvoll lächelndes Gesicht und erkannte, dass neben seinen blitzenden Augen noch etwas anderes im Schein der Kerzen funkelte. Löber hielt ein blankes Messerchen in der Hand, an dessen Schneide es dunkel und feucht schimmerte. Bestürzt blickte Lewis auf den vor Löber liegenden Herder. Er hatte sich, seit Lewis eingetreten war, nicht gerührt. Ob er ...

„Nein“, schnitt Löbers Stimme durch den Raum, „er ist nicht tot. Oder vielmehr ... noch nicht.“ Löber ließ die Arme sinken und führte die Hände zueinander, dann berührte er vorsichtig die Klinge, als wolle er die Schärfe prüfen. „Ich wollte nicht mit der Vorlesung anfangen, bevor mein gelehriger Studiosus zugegen ist.“ Dann winkte er dem Maskierten, der reglos hinter Lewis stand.

„Bring Herrn Lewis herunter, damit er einen Platz bekommt, an dem er gut sehen kann.“

Der Maskierte stieß Lewis die Pistole in den Rücken und drängte ihn nach vorn. Als sie die Stufen hinuntergingen, fragte Löber wie beiläufig, während er den still daliegenden Herder begutachtete: „Ach, sag übrigens, Bruder, hatte Herr Lewis irgendeine Art von Reisebegleitung?“

„Ja, Cetaos“, krächzte der Maskierte heiser, und Lewis erschrak, als er die Stimme wiedererkannte, „und ich habe mich seiner angenommen. Er schwimmt in der Saale.“

Lewis spürte einen Stich in der Brust. Krafft war dem Meuchelmörder zum Opfer gefallen, und folglich war die letzte Hoffnung auf Rettung dahin. Außer er selbst versuchte, Löber anzugreifen und ... aber da war noch der Heisere, der weder seine Augen noch seine Pistole von Lewis wandte. Es war ausweglos. Lewis atmete bebend ein.

Löber schien es gehört zu haben. „Herr Lewis, ist Ihnen schwach zumute? Das muss nicht sein.“ Er wies auf einen Sitz in der vordersten Bankreihe, und der Maskierte drückte Lewis darauf.

Löber nickte. „Nun, da Sie anwesend sind und ich Ihre volle Aufmerksamkeit habe, wie ich hoffe, werde ich mit der Lektion beginnen.“

Er sah von Lewis zu Herder und kniff prüfend die Augen zusammen. „Ja“, meinte er langsam, „ich denke, Herr Herder müsste jeden Augenblick erwachen.“ Er hob das Skalpell.

„Wie Sie sehen, musste ich mich von der Schärfe des Instruments überzeugen.“

Lewis erkannte, dass quer über die bloße Brust Herders die dünne rote Linie eines Schnittes verlief. Der Menge des Blutes nach zu urteilen war dieser jedoch nicht tief.

Löber hatte Lewis’ Blick verfolgt und lächelte. „Natürlich habe ich ihn nicht sonderlich verletzt. Es wäre ungebührlich gewesen, ihm das unter Narkose anzutun.“

Herder bewegte plötzlich den Kopf und stöhnte leise.

„Ah“, sagte Löber mit dem Klang angenehmer Überraschung in der Stimme. „Es ist soweit. Aber ehe Herr Herder wieder völlig bei Sinnen ist, noch ein wenig Theorie für Sie, Herr Lewis. Wissen Sie, was Vivisektion bedeutet?“

Lewis öffnete ängstlich den Mund, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst.

Löber winkte ab. „Es sei Ihnen verziehen. In Ihrer ersten und, wie ich hiermit anordne, auch letzten Lektion sollten Sie keine Bemerkungen von sich geben, sondern bloß lernen. Dazu müssen Sie genauestens hinsehen und -hören.“

Mit diesen Worten zog er das Operationsmesser mit raschem Schnitt über Herders Brust, so dass sich zusammen mit dem vorherigen Schnitt ein Kreuz bildete. Herder schrie markerschütternd auf und warf den Kopf hin und her, seine Hände und Füße ruckten in die Höhe, und er versuchte, sich zu krümmen, doch die Fesseln hinderten ihn daran. Dann sank er zurück und wimmerte. Womit auch immer Löber ihn betäubt hatte, die Wirkung hielt noch an, er schien benommen.

„Sie sehen“, wandte sich Löber wieder an Lewis, „was selbst ein so oberflächlicher Schnitt für Auswirkungen hat. Ich denke, die kommenden Ergebnisse werden noch erheblich eindrucksvoller und damit lehrreicher sein.“

Lewis rang mit Mühe ein paar Worte heraus, während seine Augen sich mit Tränen füllten. „Ich habe meine Lehre schon erhalten. Lassen Sie Herder frei. Ich weiß, Sie wollen mich.“

Löber lachte. „Genau, und bekommen werde ich Sie auch, Herr Lewis. Aber als ich von lehrreichen Ergebnissen sprach, meinte ich nicht, sie wären für Sie lehrreich.“ Er blickte auf Herders Körper umher, als suche er Inspiration. „Sie werden für mich lehrreich sein, damit ich an Ihnen noch Größeres vollbringe.“ Er sah Lewis ins Gesicht und weidete sich an dessen Entsetzen.

„Tja, und dann“, begann er und legte das Skalpell auf Herders Brustkorb ab, der bei der Berührung zusammenzuckte, „dann werden Sie beide den Weg gehen, den alle Kadaver hier nehmen.“

Löber trat ein paar Schritte zur Seite, neben einen Hocker mit Kleidungsstücken, die anscheinend Herder gehörten, sowie Satteltaschen und einem Degen, die Löbers Eigentum sein mussten. Neben diesem Hocker öffnete Löber eine Falltür im Boden. „Dort unten werde ich Sie in ein paar Tagen entfleischen – sofern dies noch nötig sein wird –, und dann werden Ihre Knochen draußen auf dem Altan trocknen und bleichen. Schließlich dürfen Sie sich in den Reigen der Knochenmänner, die die Skelettkammer bevölkern, einreihen.“

Er lachte, dann wurde er ernst. „Ihres Freundes Hardenberg werde ich mich auch noch annehmen. Zu schade, dass Sie es nicht miterleben können.“ Löber legte den Finger ans Kinn und schien zu überlegen. „Oder dass er nicht hier ist.“ Dann schüttelte er den Kopf. „Die Vivisektion ist eine Kunst, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Es ist nicht angemessen, dass ich mich in einer Nacht gleich zwei Personen widme. Aber bei Ihnen beiden erlaube ich mir die Ausnahme.“

Er nahm das Operationsmesser wieder auf. Lewis sah, wie sich Herders Augen weiteten, wie er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, doch es kamen nur unartikulierte Laute heraus. Die Droge musste seine Zunge lähmen.

Löber legte eine Hand über den Mund Herders. Dessen Angstlaute erstickten.

„Ich muss dies tun, damit Sie meinen Ausführungen folgen können. Sobald Sie wissen, was ich zu tun gedenke, werde ich Sie wieder an Herrn Herders Äußerungen teilhaben lassen.“

Er hob das Operationsmesser und senkte es langsam auf Herders Bauch hinab.

„Als erstes werde ich Sie – und auch Herrn Herder – mit dem Anblick einer oder vielmehr seiner ...“

„Hören Sie auf!“, schrie Lewis.

Löber sah erstaunt auf.

Lewis atmete schwer. „Was wollen Sie denn von uns?“

Löber spitzte den Mund. „Nur, dass Sie leiden. Dass Sie beide leiden.“

„Aber ...“ Lewis wollte aufspringen, der Maskierte hinter ihm aber drückte ihm eine Hand auf die Schulter und presste ihn in den Sitz zurück.

Löber nickte. „Danke. Halte Herrn Lewis fest, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt. Sollte er weiter törichte Reden von sich geben, knebele ihn.“

Er grinste wieder, als sei ihm ein amüsanter Gedanke durch den Kopf geschossen. „Vielleicht sollte man auch seine Zunge entfernen ...“

Löber sah auf Herder hinab. „Ja, ich sollte es gleich bei diesem hier tun, dann habe ich eine Hand frei. Und Laut geben kann er dann immer noch.“

Als Lewis sah, wie Löber seine Hand auf Herders Mund verschob, um diesem Lippen und Kiefer auseinanderzudrücken, während sich die andere mit dem Skalpell näherte, wollte er erneut von seiner Bank hochfahren. Doch der Maskierte drückte ihn erneut zurück, wenn auch wesentlich behutsamer als zuvor.

Löber sah mit prüfendem Blick in Herders Mund, wie ein Feldscher oder Zahnreißer, der einen faulen Stumpf sucht.

„Ich denke, ich werde die Zunge zunächst spalten, ehe ich sie ganz entferne ...“

„Das reicht, Löber!“, donnerte eine Stimme durch das Anatomische Theater.

Lewis Kopf ruckte herum. Der Maskierte hatte dies gerufen, aber das heisere Krächzen war aus seiner Stimme verschwunden. Sie klang vielmehr wie ...

Der Maskierte hob die Pistole und zielte auf Löber, mit der anderen Hand streifte er Maske und Hut ab. Krafft warf die Larve verächtlich von sich und hielt dabei den Lauf ohne jedes Zittern auf Löber gerichtet.

„Weg mit dem Operationsmesser, oder ich schieße Sie nieder wie einen Hund. Toll sind Sie ja längst!“

Löber war konsterniert, die kalte Seelenruhe fiel von ihm ab. Das Skalpell klapperte auf den Boden, als er von Krafft zu Lewis und wieder zurückblickte. „Aber wie ...“, stammelte er.

Krafft lächelte grimmig. „Wie ich sagte, ich habe mich des Mannes angenommen. Er schwimmt nun in der Saale, und weder er noch Sie müssen sich darum sorgen, ob das kalte Wasser seiner Stimme bekommt.“

Dann wies er mit der freien Hand auf Löber. „Weg vom Tisch! Lewis, Sie nehmen das Skalpell und schneiden Herder los.“

Krafft ging langsam auf Löber zu, mit der Pistole auf dessen Brust zielend.

Lewis erhob sich genauso langsam und trat zitternd an Herder heran. Er versuchte, nicht auf die Verletzungen zu schauen, die Löber ihm beigebracht hatte. Herder rührte sich nicht, aber Lewis sah, wie sich seine Brust hob und senkte. Rasch warf er einen Blick zu den beiden Männern. Krafft hielt Löber noch immer in Schach, und im Antlitz des Magisters zuckte es. Lewis fand es erstaunlich, dass Löber keinen Ton von sich gab, es schien, als arbeite sein Verstand fieberhaft an einem Plan, aus dieser Lage zu entkommen.

Krafft rief, ohne Löber aus den Augen zu lassen, zu Lewis hinüber: „Zerschneiden Sie die Stricke und bringen Sie sie dann her, damit wir diesen Menschen binden können.“

Lewis nickte, obgleich er wusste, dass Krafft ihn nicht sehen konnte, und suchte auf dem Boden nach dem Operationsmesser. Er sah etwas Metallisches schimmern und bückte sich danach. Da nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und drehte den Kopf ein wenig. Löber vollführte von Krafft unbemerkt eine rasche Wendung mit seinem Handgelenk, und zwischen seinen Fingern blitzte es auf. Lewis legte im selben Moment die tastende Hand auf das vermeintliche Skalpell, berührte Metall, zuckte zurück, weil er fürchtete, sich geschnitten zu haben, und erkannte, dass dort nur eine Pinzette lag.

Er warf den Kopf herum. „Er hat das Skalpell!“

Krafft zuckte zusammen, da fuhr auch schon die Hand des Magisters durch die Luft und schleuderte das Skalpell. Krafft schrie, und krachend löste sich der Schuss aus der Pistole. Glas klirrte, und als Lewis nicht mehr vom Feuerblitz und Pulverknall betäubt war, sah er, wie die beiden miteinander rangen. Die Pistole lag nutzlos am Boden, die Stiefel der Männer stießen sie hin und her. Ächzend wanden sich die Männer im harten Griff des jeweils anderen, und plötzlich schrie Krafft vor Schmerz auf. Lewis konnte erkennen, wie Löber das Skalpell, das in Kraffts linkem Oberarm steckte, ergriffen und herumgedreht hatte.

Im Reflex der Pein zuckte Kraffts Faust vor und traf Löber krachend im Gesicht.

Die Männer lösten sich voneinander und taumelten zurück. Krafft stürzte mit dem Rücken gegen die vorderste Bankreihe und stöhnte, während er mit der Hand das Skalpell umfasst hielt, das aus seinem Arm ragte. Mit aufeinandergepressten Zähnen zerrte er daran, riss es aus der Wunde, atmete scharf ein und zog dann seinen Degen.

Er sprang vor.

Löber war neben dem Hocker mit den Kleidungsstücken zu Boden gefallen, richtete sich nun halb auf und blickte hektisch umher. Dann sah er, was er suchte, und streckte die Hand nach dem Bündel von Hosen, Rock und Mänteln aus. Er zerrte seinen eigenen Degen hervor, riss ihn aus der Scheide, sprang auf und konnte gerade noch Kraffts Attacke auf ihn parieren.

Die beiden Männer fochten verbissen miteinander, nutzten jede Finte, die möglich war, und versuchten, einander gegen die Wände oder die Kerzenleuchter zu drängen. Lewis war wie hypnotisiert vom Klirren der Klingen, das in dem hohen Raum widerhallte und den Reflexen der Lichter auf dem hin und her blitzenden Metall.

Neben ihm jammerte es leise.

„O Gott, Herr Herder!“, rief Lewis und drehte sich zur Seite.

Herder war erwacht, bewegte langsam den Kopf und versuchte, Worte zu formen.

Lewis legte ihm nervös und unsicher die Hand auf die Schulter. „Sprechen Sie nicht, schonen Sie Ihre Kräfte.“

Er sah hektisch zu den Fesseln des jungen Herder und fluchte, dass er das Skalpell nicht zur Hand hatte, um diese zu zerschneiden. Da fiel ihm der Dolch ein, den er bei sich trug. Rasch griff er in seinen Rock und zerrte ihn heraus. Das Klirren der Degen und auch das stoßweise Atmen der kämpfenden Männer schienen näherzukommen, doch er wagte es nicht, zur Seite zu blicken. Stattdessen setzte er die Klinge an der ersten Fußfessel Herders an und durchtrennte sie. Dann die zweite.

Herder versuchte, sich zu bewegen, wollte erneut etwas sagen, aber die Glieder und die Zunge versagten ihm den Dienst. Einer seiner Füße rutschte vom Tisch, und der Unterschenkel schwang von der Kante.

Lewis zerschnitt Herders Handfesseln und legte dessen Arme von ihrer Position zu beiden Seiten des Hauptes neben dem Leib ab. Herder ächzte. Wer wusste, wie lang er in dieser Lage hatte verharren müssen?

Lewis überlegte. Sollte er Herder aufhelfen und versuchen, ihn die Stufen hinab zum Ausgang zu schleppen? Das würde er kaum schaffen, und dann war da auch noch der Kampf der beiden Männer. Lewis sah aus dem Augenwinkel, wie einer der Kerzenständer umkippte und scheppernd zu Boden stürzte. Die Männer drangen noch immer verbissen aufeinander ein, und jeder schien in dem anderen einen gleichwertigen Gegner gefunden zu haben.

Lewis sah sich hastig um. Gab es nicht noch eine zweite Pistole, konnte er Krafft nicht durch einen kühnen Schuss Hilfe leisten?

Er sah, wie Herder auf dem Tisch bebte. Rasch entledigte Lewis sich seines Mantels und deckte Herder zu. Wenn er kämpfen musste, so wäre das Kleidungsstück ohnehin nur hinderlich. Er sah zu den Fechtenden hin, die bei ihrem Kampf den gesamten Raum durchmaßen. Gerade riss eine der Stoffbahnen aus ihrer Befestigung über den Fenstern und flatterte wie ein Totenvogel auf die Männer herab, die sich gegen die Wand geworfen und ungewollt daran gezerrt hatten. Beide konnten dem fallenden Tuch ausweichen, denn wem es für einen Lidschlag die Sicht genommen hätte, wäre unterlegen.

Lewis begann zu hoffen – wenn jemand den Lichtschein zu später Stunde sah, käme dann Hilfe? Doch darauf konnte er nicht warten. Mit stetem Blick auf die Kämpfer schlich er zu dem Hocker mit dem Kleiderbündel hin. Er griff nach den Satteltaschen, öffnete sie und steckte die Hand hinein – und tatsächlich umschloss seine Faust den Griff einer Pistole. Rasch zog er sie hervor, prüfte, ob sich Pulver auf der Pfanne befand.

Da klang hinter ihm ein Schrei auf, ein Schmerzenslaut Kraffts. Lewis wirbelte herum und sah Krafft fallen, von Löbers Degen durchbohrt. Er erstarrte.

Löber riss den Kopf herum und warf Lewis einen flammenden Blick zu, dann setzte er mit langen Schritten auf diesen zu, den Degen vorgestreckt und mit einem dämonischen Heulen, das von seinen Lippen drang. Fieberhaft riss Lewis den Hahn der Pistole zurück, zielte auf den heranstürmenden Löber und wollte gerade abdrücken, als dessen Klingenspitze seine Hand traf und aufriss. In hohem Bogen flog die Pistole fort, über Löber hinweg und aus Lewis’ Sichtfeld.

Dann spürte er die Degenspitze an seiner Kehle und den brennenden Blick Löbers in seinem Gesicht.

Löber keuchte und schluckte. „Nun, Herr Lewis“, begann er, „es scheint, als hätten Sie auch mit tüchtiger Unterstützung Ihr Schicksal nur kurz aufhalten können.“

Er lenkte Lewis mit der Klingenspitze zu der noch offenstehenden Falltür hin. Als Lewis’ Stiefelabsätze den Rand erreicht hatten, blieb Löber stehen.

Lewis sah vorsichtig hinab, damit keine unbedachte Bewegung den Degen in seine Kehle trieb. In der Tiefe war es dunkel, und er glaubte, einen schwachen, aber dennoch ekligen Geruch wahrzunehmen. Er schaute wieder zu Löber zurück, und der verzog hasserfüllt den Mund. Aus einer Stirnwunde sickerte Blut über sein Gesicht, und der in der Nähe umgestürzte Leuchter beschien seine Züge mit flackerndem Licht.

„Nun soll es zu Ende gehen.“

Ohne den Degen von Lewis’ Kehle zu entfernen, holte Löber einen Dolch aus seiner Kleidung hervor und presste ihn gegen Lewis’ Bauch.

„Auch wenn ich sie Ihnen nicht selbst zufügen kann, will ich Ihnen doch einige Stunden des Schmerzes nicht ersparen. Wenn Sie aufgeschlitzt da unten liegen, wird der Tod etwas auf sich warten lassen.“

Er fletschte die Zähne, die vom Blut seiner durch Kraffts Schlag aufgesprungenen Lippen rot gefärbt waren. „Damit Sie nicht einsam zu Grunde gehen, werde ich Ihren Freund Herder gleichsam behandelt zu Ihnen hinabstoßen. Dann können Sie sich austauschen, wer die größeren Schmerzen leidet und wer am erbärmlichsten stirbt.“

Er verstärkte den Druck auf den Dolch, und Lewis spürte, wie die Klinge durch seine Bekleidung drang, seine Haut ritzte. Er konnte keinen Laut von sich geben.

Löber legt den Kopf schief. „Wie bedauerlich, dass Herr Herder in seinem Studium nicht schon fortgeschritten ist. Was für eine tolldrastische Fügung des Schicksals wäre es doch, wenn er Sie beide dort unten mit seiner Kunst ein wenig vom Tode fernhalten könnte.“ Er lachte heiser. „Aber leider ist er nicht imstande, Leben zu retten.“

„Aber imstande, eines zu nehmen“, klang es plötzlich schwach von dem Anatomietisch her.

Löber fuhr herum, wodurch Lewis Schnitte durch Dolch und Degen erlitt. Er zuckte zusammen und sah, dass Herder neben dem Tisch stand, sich mit einem Arm abstützte und mit dem weit ausgestreckten anderen die Pistole hielt. Dann verschwand Herder in einer glühenden Wolke. Der Schuss dröhnte durch das Theater. Lewis spürte einen Ruck und einen Schlag, taumelte zur Seite und sah noch, wie Löber mit erstarrtem Gesicht durch die Falltür ins Dunkel fiel. Ein dumpfer Aufprall klang von unten herauf.

Lewis sackte zusammen. Er presste die Hand gegen den Hals und spürte klebriges, warmes Blut, aber nicht so viel, dass es ihn beunruhigte. Benommen berührte er seinen Bauch. Es schmerzte kaum, und als er hinsah, erblühte eine kleine, rote Blume auf dem Weiß seines Hemdes.

Herder wankte heran, mit dem Kreuz aus verkrustetem Blut auf der Brust. Er blickte Lewis müde an und reichte ihm dann mit schwachem, schiefem Lächeln die Hand. Als Lewis sie ergriff und er sich hochzog, stöhnten beide vor Schmerz. Dann schleppten sie sich zum Tisch und lehnten sich an. Sie keuchten. Lewis sah grelle Punkte vor seinen Augen tanzen. Er fühlte sich etwas schwach. Herder sah ihn mit trüben Augen an, ließ seinen Blick von Lewis’ Hals zu dessen Bauch wandern.

„Das sieht nicht schlimm aus. Ein paar Kratzer, so wie meine.“ Er legte die Hand auf seinen Brustkorb und zuckte zusammen. Dann nickte er Lewis schwach zu. „Gevatter Tod wird uns noch nicht holen.“

Lewis wollte etwas entgegnen, als er durch den flimmernden Schleier seines Blickes eine Bewegung sah. Eine dunkle Gestalt erhob sich scheinbar aus der Tiefe, richtete sich stöhnend auf und kam schwankend auf sie beide zu.

Lewis hob zitternd die Hand und wollte den Mund öffnen, als er eine vertraute Stimme hörte.

„Wenn die jungen Herren mit der Kontrolle ihrer Wunden abgeschlossen haben, wäre ich dankbar, wenn sie sich mir zuwenden könnten.“

Krafft hielt sich die Seite und humpelte heran. Er grinste die beiden schief an. „Gibt es hier irgendwo Alkohol ... zu medizinischen Zwecken?“

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Mit notdürftig bandagierten Wunden schleppten sich die drei Männer aus dem Anatomischen Theater heraus. Am oberen Ende der Treppe angekommen, drehte Krafft sich um und blickte auf die gähnende Falltür im Boden.

„Es ist nur angemessen, dass ihn das Schicksal ereilt hat, für das er Sie beide vorgesehen hatte.“ Er presste die Hand auf seine Wunde, die nach dem Erklimmen der Treppe ärger als zuvor schmerzte. „Allerdings wird man ihn nicht einfach der Lehre zuführen können. Ich werde veranlassen, dass der Mensch, der ihm geholfen hätte, Ihre beiden ...“ Er zauderte und schüttelte den Kopf. „Verzeihung. Auf jeden Fall wird man seinen Komplizen, der sich gewiss verwundert zeigen wird, dort unten seinen Auftraggeber selbst vorzufinden, sogleich dingfest machen.“

Lewis, der den inzwischen wieder bekleideten Herder stützte, wandte den Kopf. „Da Sie von Komplizen sprechen – wie konnten Sie in dessen Maske schlüpfen?“

„Ich bemerkte ihn schon, kurz nachdem Sie Weimar verlassen hatten. Er folgte Ihnen, um zu prüfen, dass Sie auch allein kämen, und als ihm dies so schien, ritt er auf kürzerem Wege nach Jena, um Sie zu empfangen.“

„Aber dort haben Sie ihn empfangen“, meinte Herder, dem Lewis Krafft vorgestellt hatte.

„So war es“, bestätigte Krafft. „Er war nicht achtsam genug, um mich zu bemerken, und das wurde ihm zum Verhängnis.“

„Wie konnten Sie wissen, dass er mich zu Löber führen sollte?“, fragte Lewis.

„Es schien mir die einzige Möglichkeit zu sein. Hätte Löber noch mehr Männer gehabt, wäre der Plan gescheitert. So jedoch ...“ Krafft schaute zur Seite. „Ich habe einiges von dem Heiseren erfahren. Er stürzte nicht gleich in die Saale.“

Der kalte Tonfall erschreckte Lewis, aber er fragte weiter: „Warum haben Sie mich nicht um Ihre Maskerade wissen lassen?“

Krafft sah ihn wieder an. „Nun, zunächst hätte Löber uns durch die Fenster des Anatomieturms beobachten können. Sicher wäre ihm Ihre Reaktion aufgefallen, und auch wenn nicht – ich wollte nicht riskieren, dass Sie ... unnatürlich handelten. Sie hätten Löber möglicherweise spüren lassen, dass Sie sich sicher mit mir an Ihrer Seite fühlten.“

Herder hustete kurz. „Das war grausam. Herr Lewis litt unter der scheinbaren Ausweglosigkeit.“

„Zunächst, Herr Herder, haben Sie gelitten“, gab Krafft ernst zurück, „und weiterhin war meine Vorgehensweise nicht so grausam wie das, was hätte geschehen können. Zudem – ich denke, dass Herr Lewis vielleicht ein passabler Dichter sein mag, aber auf seine Schauspielkünste wollte ich nicht blind vertrauen.“

Lewis schluckte diese Mischung aus Lob und Kritik und lächelte schief. „Dafür sind Sie ziemlich begabt in solcherlei Dingen. Ihre Verkörperung des Heiseren war sehr gelungen, sie konnte sogar Löber in die Irre führen.“

Krafft verneigte sich und verzog vor Schmerz das Gesicht. „Eine der Fertigkeiten, die man beherrschen muss, wenn man als ...“ Er atmete langsam ein. „Aber wir sollten von hier fort und uns in medizinische Obhut begeben. Herr Herder, was schlagen Sie vor? Sie sind in diesem Thema und an diesem Ort bewanderter.“

Herder nickte. „Begeben wir uns zunächst auf mein Zimmer, es ist nicht weit von hier, und gleich nebenan wohnt auch ein geschickter Kandidat der Medizin, der uns helfen kann. Unsere Blessuren unterscheiden sich ja kaum von jenen, die man beim Duell erhalten mag.“ Er blickte ein letztes Mal auf die Falltür. „Auch Hardenberg wird erleichtert sein.“

Lewis drückte die Hand auf die Brust. „Wahrscheinlich sogar erfreut, so wie ich. Nachdem diese Todesdrohung von mir genommen ist – was soll ich da noch fürchten?“

Krafft deutete nach vorn. „Der Gang mit den Gerippen wäre die erste Prüfung. Als wir ihn zuvor durchschritten, spürte ich, wie Sie ...“

Lewis winkte nach kurzem Seitenblick auf Herder ab. „Meine Überraschung. Was kann mich diese Menagerie des Makabren schrecken, nach den heutigen Erlebnissen?“

Herder lachte. „Schlimmer als der Skelett-Winkel in Ihrer englischen Schule kann es wohl kaum sein.“

„Sie erinnern sich!“, rief Lewis erfreut aus. „In der Tat, dort war es wesentlich ...“

Krafft schob die beiden voran. „Wenn die jungen Herren darüber etwas später plaudern würden? Ich habe eine Degenwunde, die es zu versorgen gilt.“

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Auf dem Weg zu Herders Quartier holte Krafft sein eigenes Pferd von dem Ort ab, an dem es die vergangene Zeit treu verharrt hatte. Die drei Männer ritten nun langsam nebeneinander über das dünn mit Schnee bedeckte Pflaster der Gassen, wobei Herder auf dem Tier des Heiseren saß. Auch wenn das schwankende Sitzen im Sattel ihnen wegen der Wunden einiges an Unbehagen bereitete, waren sie dennoch froh, den Weg nicht zu Fuß zurücklegen zu müssen. Auch war die Nacht nicht allzu kalt, der Atem vor den Mündern der Männer war kaum zu sehen. Herder berichtete nun, wie Löber ihn in seine Gewalt bekommen hatte. Er hatte ihm durch einen Boten eine fingierte mündliche Nachricht von Lewis zukommen lassen. Es hatte geheißen, Lewis sei seinem Arrest entkommen und suche Unterschlupf, um einige Zeit außerhalb seines Käfigs im Böttiger’schen Haus verleben zu können.

„Aber warum hätte ich dies Herrn Herder denn nicht schreiben können?“, meinte Lewis ratlos.

Krafft räusperte sich. „Weil bekannt geworden wäre, wenn Sie ein solches Vorhaben in einem Brief an Herrn Herder geäußert hätten.“

„Bekannt? Aber ...“ Lewis zog die Stirn in Falten. „Sie wollen damit sagen, dass meine Schreiben ...“

Krafft nickte. „So leid es mir tut: Ja, sie wurden überprüft. Wir wollten ausschließen, dass Sie Torheiten begehen. Voigt traute Ihnen dies nach Ihrem Ausritt nach Berka zu.“

„Ich bin nicht sicher, ob Voigt nicht genau das begrüßt hätte. Wenn ich mich in diese Gefahr gebracht hätte, wenn Löber mir nachgestellt hätte, dann wäre es Voigt gelungen, diesen ...“ Lewis riss die Augen auf. „Das bedeutet doch nicht etwa ...“

Krafft hob die Hände. „Nein! Das dürfen Sie nicht von Voigt denken.“ Leiser fügte er hinzu: „Nicht in diesem Falle ...“

„Löber wusste das?“ Lewis sah empört von Krafft zu Herder und zurück.

Krafft zuckte die Achseln. „Oder er ahnte es. Immerhin war somit kein gefälschter Brief nötig, oder eine Finte, wie er sie in Ihrem Fall anwandte, nicht wahr, Herr Herder?“

„Richtig“, bestätigte der. „Nachdem ich von dem angeblichen Treffpunkt erfahren und mich dorthin begeben hatte, hat man mich überfallen und betäubt. Ich hatte mich zwar gewundert, warum Herr Lewis nicht zu mir gekommen war, sondern um dieses Treffen ersucht hatte, aber einerseits hieß es, dass er befürchtete, verfolgt zu werden, und mich nicht in Gefahr bringen wollte.“

Lewis legte den Kopf schief. „Eine schlaue Taktik“, nickte er. „So klingt es plausibel.“

„Andererseits“, fuhr Herder fort und sah unangenehm berührt zu Lewis hinüber, „glaubte ich auch, es handle sich um eine theatralische Eigenart von Herrn Lewis. Eine Spielerei, die das Ganze interessanter machen sollte.“ Er biss sich auf die Unterlippe.

Lewis öffnete entrüstet den Mund. „Herr Herder! Was denken Sie denn von mir?“

Krafft lachte und presste gleich wieder die Faust in die Seite. „Sie sehen, Herr Lewis, jedermann sieht in Ihnen den Poeten. Seien Sie froh!“

„Nicht um diesen Preis“, brummte Lewis.

Herder klopfte ihm sachte auf die Schulter. „Es ist überstanden! Was ich allerdings nicht zu hoffen gewagt hatte, als ich gebunden in einer Kammer der Universität erwachte. Löber zwang mich, das von ihm gefertigte Schreiben an Sie zu adressieren.“

Lewis sah Krafft grimmig an. „Eingehende Briefe wurden anscheinend nicht kontrolliert.“

Krafft nickte. „Augenscheinlich ...“ Lewis schnaufte laut. „Mir sind Voigts Ränke zuwider. Wer weiß, was er noch im Schilde führt.“

„Das können Sie ihn selbst fragen, wenn wir ihm dieses Ereignis melden.“

„Sind Sie sicher, dass er es nicht bereits weiß?“, fragte Lewis verächtlich, doch Krafft blickte unschuldig drein.

„Nicht von mir, soweit ich unterrichtet bin ...“

„Nun streiten Sie nicht!“, rief Herder dazwischen. „Wie auch immer die Hintergründe bestellt sein mögen, ich bin froh, dass Sie mein drohendes Schicksal abgewendet haben, und ich danke Ihnen dafür. Wichtig sollte im Augenblick nur sein, dass wir alle leben.“

Er blickte die beiden anderen an und befühlte sacht seine Wunden. „Um auch weiterhin am Leben zu bleiben, sollten wir rasch vorankommen. Herr Krafft, Sie scheinen mir etwas bleich zu sein und dringend Ruhe zu brauchen.“

Krafft seufzte. „Ein angehender Arzt und ein angehender Poet. Welch treffliche Gefährten im Kampf gegen dunkle Bruderschaften. Herr Herder, lassen Sie mich Ihnen noch zu dem famosen Pistolenschuss gratulieren, mit dem Sie den Schurken gefällt haben!“

„Danke“, sagte Herder bescheiden. „Es war mein erster.“

Krafft schaute erstaunt, und Lewis spürte, wie er noch blasser als dieser wurde und selbst dringend, sehr dringend Ruhe benötigte.

Noch während seine Wunden versorgt wurden, verfasste Krafft ein eiliges Schreiben an Regierungsrat Voigt, in dem er diesen über die mitternächtlichen Vorfälle unterrichtete. Er ruhte nicht eher, bis der Brief mit einem Boten unterwegs nach Weimar war, dann sank er erschöpft in einen der fadenscheinigen Sessel, die Herders Studentenbude möblierten. Dessen Studienkollege war bereits gegangen; er hatte keine neugierigen Fragen gestellt, sondern sich routiniert um die Verletzungen der drei gekümmert. Lewis, ebenfalls in einem Sessel sitzend, drehte einen Becher heißen Weins in den Händen und blickte zu Herder hinüber, der langgestreckt auf seinem Bett lag. Dieser hatte schon einiges an Wein getrunken und war mitten im Gespräch weggedämmert.

Krafft leerte ebenfalls seinen Becher und wandte sich dann an Lewis. „Es ist freundlich von Herder, uns für die Nacht Quartier zu bieten. Ich hoffe, die Wunden, welche die Todesangst in seiner Seele verursachte, heilen ebenso wie die körperlichen.“

Lewis bewegte vorsichtig seine bandagierte Hand. „Ich denke, Herr Herder wird keine Narben zurückbehalten. Er ist in Körper und Geist sehr robust, und wenn er erst einmal ausgeschlafen ist, wird alles wie ein böser Traum erscheinen.“ Lewis schmunzelte. „Oder wie eine Schauergeschichte, die man irgendwann über einem Bier erzählen kann.“ „Oder in einem Roman schildern“, fügte Lewis in Gedanken hinzu.

„Herr Lewis“, begann Krafft, „Sie entsinnen sich doch sicher meiner Bitte, über diesen Vorfall Stillschweigen zu bewahren. Es wird schon schwierig genug sein, bis morgen die Kulissen dieses Theaterstücks verschwinden zu lassen, damit keine wilden Gerüchte aufkeimen. Voigt wird seinen Männern einiges abverlangen. Gottlob bin ich über solche Arbeiten erhaben und habe meine Schuldigkeit getan, indem ich es meldete.“

Lewis fixierte Krafft über seinen Becher. Auch er hatte dem Wein zugesprochen, zudem spürte er nun die Strapazen und die Aufregung in Knochen und Kopf. Von seinem Platz aus konnte er nicht nur Krafft sehen, sondern auch dessen Bild in dem Spiegel, der über Herders Waschtisch hing. Beide Bilder waren gleich und doch so unterschiedlich wie die Facetten, die Lewis von Kraffts Person erlebt hatte.

„Wer sind Sie wirklich, Herr Krafft?“ fragte er mit schwerer Zunge und schweren Lidern.

Krafft lächelte, und dieses Lächeln begann vor Lewis’ Augen zu verschwimmen, wurde undeutlich, so wie auch Kraffts Physiognomie stets in der Erinnerung verblasste und ihrem Besitzer eine Aura des Geheimnisvollen verlieh.

„Ein Freund“, hörte Lewis wie aus weiter Ferne, und in der Wiederholung wurde das Echo immer leiser, bis es in Lewis’ Schlaf aufging und verklang. „Ein Freund.“

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Am nächsten Morgen schien die Sonne kalt und hell ins Zimmer und weckte Herder und Lewis, die sich mit schmerzenden Knochen und wehen Schädeln erhoben. Lewis, der die Nacht im Sessel verbracht hatte, streckte sich mit einigen Klagelauten. Jemand hatte ihn mit seinem Mantel zugedeckt, und dieser Jemand musste wohl Krafft gewesen sein.

Lewis schaute sich im Raum um, streifte mit seinem Blick Herder, der die Schrunden an seinen Handgelenken rieb, konnte Krafft aber nicht entdecken. Auch dessen Mantel und Waffen waren fort.

„Er wird wohl seinen Geschäften nachgegangen sein“, vermutete Lewis, als er Herders fragenden Blick bemerkte.

Der streifte stöhnend Hemd und Rock über die Bandagen an seiner Brust. Dann schüttelte er vorsichtig den Kopf. „Wer ist dieser Krafft eigentlich? Er hat uns gerettet und ist, wie es scheint, ein ziemlicher Überall und Nirgends.“

Lewis kniff die Augen zusammen, als dächte er angestrengt nach, fände aber keine Antwort. Dann zuckte er die Achseln. „Begnügen wir uns damit, in ihm einen Freund zu sehen.“ Dann erhellten sich seine Züge. „Um weiter von solchen zu sprechen: Sollten wir nicht Hardenberg von den im Grunde doch recht guten Neuigkeiten wissen lassen? Dass sein Erzfeind im wahrsten Sinne vom Erdboden verschwunden ist, ja, gar von diesem verschlungen wurde?“

Ein wenig schauderte Lewis doch noch bei dem Gedanken an Löber und seine Machenschaften, aber er hatte für sich beschlossen, sich durch die überstandene Gefahr nicht mehr ängstigen zu lassen. Ja, sich vielleicht gar nicht mehr zu ängstigen, jetzt, da all das hinter ihm lag.

Herder verzog den Mund. „Aber Herr Krafft verbot uns doch ausdrücklich ...“

„Sicher“, meinte Lewis. „Wir sollen nicht unbedacht darüber schwatzen. Aber ich bin der Ansicht, dass Herr Hardenberg erfahren muss, was vorgefallen ist, und sei es nur, damit er nicht mehr um sein Leben fürchten, nicht in der Furcht vor Löber schweben muss.“

„Damit haben Sie recht“, nickte Herder. „Selbst Krafft sollte dagegen nichts einzuwenden haben.“

„Zudem“, ergänzte Lewis und hob das Kinn an, „wenn er zugegen wäre, könnten wir ihn fragen. Jedoch ist er verschwunden und wird ...“ – er berührte mit der Hand die Stirn, da die rasche Bewegung seines Kopfes ihm brummende Schmerzen bereitet hatte – „... und wird nicht in den Genuss des reichhaltigen Frühstücks kommen, das wir nun zu uns nehmen sollten.“

Herder nickte schwach und rang sich ein Lächeln ab. Dann gingen beide die Treppen hinunter, wobei sie sehr bedächtig einen Fuß vor den anderen setzten, um ihre Schädel nicht allzu sehr zu erschüttern.

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Als sie am frühen Nachmittag von ihrer Mahlzeit zurückkehrten, erwartete Sie eine schriftliche Nachricht Kraffts, in welcher dieser sich für sein rasches, abschiedsloses Aufbrechen entschuldigte. Es sei nun aber alles getan, um die Ereignisse im Anatomischen Theater im Verborgenen bleiben zu lassen. Voigt sei zufrieden, wenn auch nicht allzu erfreut über die leichtsinnigen Eskapaden Lewis’ und dessen Freundes Herder. Dennoch habe Krafft es zuwege gebracht, Voigt milde zu stimmen, indem er die Blessuren, welche die beiden jungen Männer im Kampf gegen Löber erlitten hatten, ein wenig übertrieb. Lewis sei somit zunächst von seinen Pflichten entbunden und solle in Jena bleiben, um zu genesen. Böttiger wisse nur im weitesten Sinne Bescheid, wie Krafft betonte, würde sich also nicht sorgen. Er fordere jedoch in aller Freundlichkeit, dass Lewis das Weihnachtsfest zusammen mit der Familie in seinem Hause verbringe. Er selbst, Krafft, wünsche ihm und Herder gute Genesung, und Lewis sollte diese Zeit als Ausgleich dafür nutzen, dass er in den vergangenen Wochen regelrecht arretiert und unter Bewachung gewesen sei. Krafft versprach auch in heiteren Worten, dass Lewis sich frei bewegen könne, ohne dass er ihm wie zuvor gleich einem Schatten folgen würde. Zumindest nicht dauernd.

Herder lachte bei diesen Worten, und Lewis, der sich nicht griesgrämig zeigen wollte, stimmte ein. Im ersten Augenblick hatte er ein unbestimmtes Gefühl der Unsicherheit verspürt, als sei ihm ein Schutzengel genommen worden, den er – ohne es zu wissen – in den vergangenen Monaten an seiner Seite gehabt hatte. Aber dann sah er ein, dass er diesen nicht mehr brauchte. Die Gefahren, die ihn bedroht hatten, waren verflogen, hatten sich mit dem letzten Schwarzen Bruder in nichts aufgelöst.

Lewis fühlte, wie ihn eine lang vermisste Unbeschwertheit ergriff. Er würde hier in Jena, umgeben von guten Freunden, eine angenehme Zeit erleben und – so nahm er sich vor – die von Weimar so unterschiedliche Umgebung als Inspiration für seine Werke nutzen. Vielleicht konnte er sich mit Hardenberg austauschen, auf jeden Fall aber Anregungen von Herder erhalten.

Lewis war zufrieden und hörte nicht auf den winzigen Zweifel weit hinten in seinem Kopf, der leise vor sich hingrübelte und sich einbildete, irgendein Mosaiksteinchen missachtet zu haben.