Neuntes Kapitel
In welchem sich so manches im Verborgenen abspielt
Die beiden Schwarzgekleideten führten Lewis durch die mondbeschienenen Straßen Weimars. Obwohl es noch nicht allzu spät war, begegneten sie keiner Menschenseele, was Lewis tiefer schmerzte als der harte Griff seiner Begleiter. Als sie in einiger Entfernung die Mündung der Jakobstraße passierten, war Lewis versucht, einen Hilfeschrei auszustoßen, doch schien es ihm, als umklammerten die Finger der Männer nicht seine Arme, sondern schnürten ihm die Kehle zu. Langsam trocknete der kühle Nachtwind den Angstschweiß auf seiner Stirn, doch seine Angst wurde keineswegs hinfortgeweht. Seine Knie zitterten, er rang nach Luft. Lewis war sicher, dass sein Ende gekommen war, denn um wen konnte es sich bei diesen Männern handeln, wenn nicht um zwei der – in diesem Falle abgesessenen – schwarzen Reiter? Er hatte sich seine Verfolger also doch nicht eingebildet, nun hatten sie ihn eingeholt und ergriffen, um ihn – ja, wohin zu bringen?
Ihr Weg führte sie tiefer in die Dunkelheit, und mit einem Mal schob sich ein hochragender schwarzer Schatten vor den Mond. Lewis blickte auf und sah die Silhouette eines schlanken Turms in den Himmel stechen. Da wurde ihm sein drohendes Schicksal bewusst: Die Männer wollten ihn in den ausgebrannten Ruinen des Weimarer Schlosses ermorden und seinen Leichnam in die nahe Ilm werfen.
Lewis versagten endgültig die Knie, und so schleiften ihn die Schwarzgekleideten an dem hochaufragenden Turm vorbei in die Ödnis des Innenhofes, der an drei Seiten von langgestreckten Gebäuden umschlossen war. Die rußdüsteren Fensterhöhlen in den Fassaden starrten wie tote Augen auf ihn hinab. Er spürte, wie die Männer ihn kurzerhand unter den Achseln packten und ein wenig anhoben, so dass seine Schuhspitzen einige Fingerbreit über dem Pflaster schwebten. So musste es sein, wenn der Körper die Seele aushauchte, dachte Lewis und schloss die Lider.
Als er mit einem unsanften Ruck auf die Füße gestellt wurde, riss er die Augen wieder auf. Er befand sich, immer noch von den Männern flankiert, im grabschwarzen Inneren eines ausgebrannten Raumes. Durch gemauerte Bogengänge konnte er auf den matterleuchteten Hof hinausblicken, und über sich sah er die Sterne, da der Dachstuhl des Gebäudes fehlte. Von dessen Überresten oder anderen Trümmern war nichts zu sehen, man hatte die Ruine von Brettern und Steinen geräumt. Hier und da lagen Bohlen und Balken, zu Stapeln gefügt, die offenbar als Baumaterial für Gerüste dienten. Ein paar Ratten huschten vorbei, und Lewis schoss der bange Gedanke durchs Hirn, die Männer könnten ihn nach dem Mord hier zurücklassen, damit er ein Fraß des Ungeziefers werde.
Schon schoben ihn seine Entführer weiter, tiefer in den Bau hinein, durch leere Gänge und Zimmer, die schwach durch den Nachthimmel erhellt wurden. Schließlich hielten sie in der Mitte eines Raumes inne, bedeuteten Lewis mit einem festen Druck auf seine Schultern, dort stehenzubleiben, und verschwanden dann hinter der gähnenden Türöffnung.
Lewis blieb wie erstarrt zurück. Warum ließen ihn die Männer allein? Vielleicht wollten sie ihn nicht aus nächster Nähe töten, sondern ihn aus der Entfernung umbringen, mit einem Messerwurf oder einem Schuss? Sie erachteten ihn als so gering, dass sie sich nicht die Hände mit seinem Blut beschmutzen wollten. Oder wartete sein Mörder hier im Dunkel auf ihn?
Lewis wandte hektisch den Kopf hin und her – und lauschte.
Da! Weit hinten, an der kaum sichtbaren entfernten Wand des Raumes, regte sich etwas, und dieses Geräusch rührte von einer größeren Kreatur als einer Ratte her. Lewis bebte vor Angst, diesmal nicht nur in Höhe der Knie, sondern am ganzen Leib. Das Schaben kam näher. Plötzlich glomm ein Lichtschein auf, und in der Richtung, aus der die Laute gekommen waren, sah Lewis eine Türöffnung.
Dort erschien, von einer Kerze schaurig beleuchtet, ein Mann, und dieser schritt langsam auf Lewis zu. Der flackernde, helle Fleck des Gesichtes ließ mit jedem Schritt deutlichere Züge erkennen. Ein hageres Gesicht war es, mit hoher Stirn und tief eingegrabenen Falten um Nase und Mund, die durch die Schatten, die die Kerze entstehen ließ, noch verschärft wurden. Ein breiter, aber schmallippiger Mund saß wie ein Messerschnitt unter einer gebogenen Nase, und darüber stachen Augen durch die Dunkelheit, die bösartig geschwungene Brauen und eine Zornesfalte dazwischen krönten.
Lewis war sich sicher, dem Leibhaftigen gegenüberzustehen, der sich nicht, wie bei seiner Ankunft in Weimar, als braves Milchvieh entpuppen würde. Zu wach war Lewis nun, als dass er einem solchen Trug erliegen würde. Diese Gestalt war der Herr der dunklen Reiter, und er würde nun Lewis seinem furchtbaren Schicksal überantworten, durch welche Taten er sich auch immer dazu verdammt hatte. Lewis griff an seine Brust und umfasste durch den Stoff des Hemdes das Medaillon mit der Locke seiner Mutter, das er seit dem Erlebnis im Stollen um den Hals trug.
„Fürchten Sie sich nicht“, ertönte da eine knarrende Stimme, die sich an den Wänden der Ruine brach und durch die Fensterhöhlen in die Nacht entfloh.
Das waren also die letzten Worte, die er hören sollte, dachte Lewis. Dann schloss er ergeben die Augen, da er zu keiner weiteren Regung mehr fähig war.
„Sehen Sie mich an, Lewis“, knarrte die Stimme wieder, „ich will mit Ihnen reden!“
Lewis rührte sich nicht.
„Herrgott!“ Die Stimme rief in scharfem Ton an Lewis vorbei, anscheinend an die Männer jenseits der Tür gewandt. „Ihr habt ihn ganz und gar verängstigt!“ Wie zu sich selbst knurrte sie leiser: „Ich ahnte, dass dies kein guter Einfall gewesen ist.“
Dann wandte sich der Sprecher wieder an Lewis. „Öffnen Sie die Augen, haben Sie keine Furcht, ich bin ein Freund Geheimrat Goethes.“
Lewis sah mit halb zugekniffenen Lidern ins Licht. Der Mann ihm gegenüber versuchte nun anscheinend, eine freundliche Miene aufzusetzen, was ihm aber nur halbwegs gelang. Dennoch tat der Name Goethes sein Übriges.
„Wer sind Sie?“, krächzte Lewis.
Der Hagere verneigte sich knapp. „Voigt. Regierungsrat Christian Gottlob von Voigt, Mitglied des Geheimen Consiliums seiner Hoheit Carl August Herzog von Sachsen-Weimar und Eisenach.“
„Warum sind wir hier?“, fragte Lewis mit belegter Stimme und hob die Hand schwach an die Stirn. Regierungsrat Voigt sah den kalten Schweiß auf Lewis’ Stirn im Kerzenlicht glitzern und winkte rasch. Die beiden Männer setzten hinzu und ergriffen Lewis bei den Armen, um ihn zu stützen. Ihr Griff war dieses Mal wesentlich behutsamer, und sie hatten auch die schwarzen Tücher heruntergezogen, die ihre Gesichter zum Teil verdeckt hatten.
„Ich wollte auf Anraten Goethes mit Ihnen sprechen“, sagte Voigt, und seine Stimme hatte ihren knarrenden Klang ein wenig verloren, „und dieser ließ vermelden, Sie wüssten eine kleine Scharade zu schätzen, da derlei schauriges Tun Ihr liebstes Pläsir sei ...“
Lewis ächzte, und in diesem Laut schwang ein deutliches Maß an Verachtung mit.
Regierungsrat Voigts Brauen schlugen Kapriolen. „Es scheint, als habe sich der Geheimrat geirrt.“ Dann überlegte er einen Lidschlag lang. „Begeben wir uns in die Geheime Kanzlei, dort ist es komfortabler, und im Übrigen habe ich dies ohnehin vorgehabt ...“ Er musterte Lewis. „Sie können diese wenigen Schritte bewältigen? Es ist nicht weit, gleich über den Platz, im Fürstenhaus.“
„Es geht schon“, sagte Lewis, und er spürte, wie ihn ein aufwallendes Zornesgefühl mit neuer Kraft versah. Zu dumm, dass Goethe in weiter Ferne weilte, auf dem Weg nach Frankreich. Liebend gern hätte er ihm seine Späße heimgezahlt. Ihn so in Angst und Schrecken zu versetzen! Das Maß war voll, und Lewis schwor sich, seinem Herzen einen Stoß zu geben und sich fortan nicht mehr ins Bockshorn jagen zu lassen. Goethe schien ohnehin vieles nur als Spiel zu sehen, und Lewis wollte nicht mehr als Steinchen auf dem Brett sein Dasein fristen. Wer wusste, ob die schwarzen Reiter auf dem Waldweg nicht auch schon von Goethe gedungene Schmierenschauspieler gewesen waren, ob das scheinbar zufällig belauschte Gespräch in der Kutsche nicht inszeniert gewesen war? Lewis erinnerte sich: Hatte Goethe nicht dem Weimarer Theater vorgestanden oder Ähnliches? Hatte er neben dem Verfassen von Stücken nicht auch in ihnen mitgewirkt? Alles fügte sich nun: Goethe hielt ihn, den Schauerromane lesenden kleinen, jungen Engländer zum Narren und amüsierte sich darüber – und nun? Was wollte dieser Regierungsrat von ihm, noch dazu auf Anraten Goethes?
Lewis atmete scharf ein. „Also, worum geht es?“
„Kommen Sie“, meinte Voigt. „Im Sitzen lässt sich das besser bereden.“
„Na schön!“ Lewis entzog die Arme dem Griff der Männer, die eilends einen halben Schritt beiseite machten, und hob das Kinn. „Zeigen Sie mir den Weg!“
„Bitte sehr“, sagte Voigt und ging voran, nachdem er die Kerze gelöscht hatte.
Lewis folgte und ließ jetzt erst das Medaillon los, das er die ganze Zeit umkrampft hatte.
Die vier Männer marschierten aus dem Hof hinaus, ließen das schweigende Schloss hinter sich und überquerten den Vorplatz in Richtung Fürstenhaus. Lewis erkannte, dass es sich dabei um das Rote Schloss handelte, an dem er selbst schon bei Tage vorbeigegangen war. Der wuchtige, dreigeschossige Bau mit seinen Giebeln und Mansarden trug diesen Namen wegen seiner rotgetünchten Fassade.
Am Portal des Ostflügels entließ Voigt die beiden Männer, die daraufhin in der Dunkelheit verschwanden.
„Zwei Husaren aus der Garnison, die sich gern für diesen ... Spaß rekrutieren ließen“, erläuterte Voigt und zuckte wie zur Entschuldigung mit den Achseln. In Wirklichkeit jedoch schien es ihm gleichgültig zu sein.
„Jeder hat eine andere Ansicht von Spaß.“ Lewis machte sich nicht die Mühe, die Bitterkeit in seiner Stimme zu verbergen. „Die Goethes weicht von der meinen in gehörigem Maße ab.“
Voigt nickte und bedeutete Lewis einzutreten. Nach einigen Gängen und Treppen fanden sie sich in einem kleineren Raum ein, der kahl und amtlich wirkte und den ein Schreibtisch und offene Schränke voller Schriften und Aktenstücke beherrschten. Voigt entzündete die Lampe auf dem Tisch und bot Lewis einen der davorstehenden Stühle an, bevor er selbst dahinter Platz nahm.
Er bückte sich, öffnete eine leicht quietschende Tür im Tisch und beförderte eine dunkle Flasche und zwei Likörgläser hervor. „Arrak?“, fragte er.
„Gewiss!“ Lewis schien es verfehlt, mehr Höflichkeit an den Tag zu legen, als ihm selbst widerfahren war. Voigt goss ein und reichte Lewis eines der Gläser. Die Männer tranken ohne ein Wort. Dann setzte Lewis das Glas hart auf der Tischplatte ab.
„Herr Regierungsrat, bitte klären Sie mich nun darüber auf, was es mit dieser Posse auf sich hat.“ Lewis lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht ängstlich oder besorgt, sondern allem, was nun folgen mochte, gewachsen.
Voigt räusperte sich und schob sein Glas neben die Flasche. „Herr Lewis“, begann er harsch, „ich will ohne Umschweife zur Sache kommen: Es gärt in dieser Stadt und in diesem Land.“
Lewis nickte und verkniff sich einen Kommentar.
Voigt schien es zu begrüßen, nicht unterbrochen zu werden und fuhr in gleicher Heftigkeit fort: „Es gibt Ränke und Machenschaften von Verbindungen, die darauf aus sind, die bestehenden Herrschaftssysteme zu zerschlagen und sich selbst an die Macht zu setzen.“
Lewis stieß ein kurzes, geringschätziges Lachen aus. „Sprechen Sie von den Bauern, die unter Fron und Abgaben leiden? Ich bezweifle, dass Sie von denen viel zu befürchten haben.“
Voigt blickte zunächst ungehalten, nickte dann aber anerkennend. „Ich sehe, Sie sind gut unterrichtet, obgleich Sie erst kurz in Weimar weilen. Man hat mir also nicht zu viel von Ihnen erzählt, was Ihren Scharfsinn und Ihre Auffassungsgabe angeht ...“
„Wollen Sie mir schmeicheln? Ich nehme dies mit Dank hin. Aber nun weiter, wenn Sie nicht schon alles gesagt haben.“ Lewis fühlte sich ausgezeichnet. Der Arrak hatte das letzte unangenehme Gefühl aus seinen Eingeweiden gebrannt, und er war sicher, in diesem Gespräch die Oberhand zu behalten. Er würde dem bitteren Ton Voigts mit eisiger Ruhe begegnen. Voigt würde Goethe Überraschendes über sein Rückgrat zu berichten wissen.
„Dennoch liegen Sie falsch!“ Voigt genoss es sichtlich, sein Lob mit Kritik fortzuwischen. „Es verhält sich anders. Die Gefahr droht nicht von planlosen Landmännern und Tagelöhnern, was ja auch ein lächerlicher Gedanke wäre!“ Voigt schnaubte verächtlich. „Vielmehr droht sie von jenen, die den Geist haben, gewisse Abnormitäten des Weltgeschehens aufzugreifen und weiterzuspinnen. Ich rede von der Studentenschaft, hauptsächlich der in Jena.“
Lewis erinnerte sich an die Dinge, die Schiller in Bertuchs Garten angesprochen hatte. „Auch das ist mir bekannt. Es geht um die Reglementierung des Duellwesens“, gab er lakonisch von sich.
„Fürwahr“, knarrte Voigt. „Sie sind ein denkwürdiger junger Mann, dafür, dass sie allein um der Sprache und der Dichtung willen hier in Weimar zu Besuch sind! Es ist richtig, die Studenten sehen in der Abschaffung des Duellwesens ihre akademische Freiheit oder vielmehr ihre Eigenständigkeit gefährdet. Sie maßen sich an, sich mit der militärischen Offizierskaste gleichzustellen. Aber noch ärger verhält es sich, und dies wissen Sie gewiss auch, mit den studentischen Geheimgesellschaften, die akademischen Orden, in denen liberales Gedankengut und umstürzlerische Pläne besprochen werden ...“
„Gewiss“, log Lewis und strich sich mit dem Daumen am Kinn entlang.
„Nun, diese sind, wie Ihnen bekannt, seit Anfang dieses Jahres verboten. Bislang hatte dies nur den Auszug der Studenten am 19. Juli zur Folge, aber es kann noch Schlimmeres folgen. Goethe hat richtig erkannt, dass sich in diesen Orden ein revolutionäres Potential ansammelt oder vielmehr angesammelt hat, dass durch den Funken aus Frankreich jederzeit losbrechen kann, und dann würde auch hier bei uns die Bürgerschaft die Autorität der legitimen Staatsmacht anzweifeln und ... aber das brauche ich Ihnen ja nicht näher auszumalen.“ Voigt sah Lewis scharf an, als wartete er darauf, ihn belehren zu können.
„Durchaus nicht“, bestätigte Lewis. Er fragte sich, worauf Voigt hinauswollte.
„Nun ist es so“, fuhr dieser fort, „dass es angebracht ist, über die Machenschaften und Denkvorgänge in diesem Pulverfass unterrichtet zu sein. Im Übrigen ist die Universität Jena ein Fremdkörper in unserem Herzogtum Weimar. Sie liegt zwar auf dessen Gebiet, untersteht aber den Herzögen von Coburg, Meiningen, Gotha und eben Weimar gemeinsam. Das macht eine Handhabe, eine herrschaftliche Beaufsichtigung, überaus schwierig. Deshalb muss man doppelt gut über alles unterrichtet sein, um im äußersten Falle rechtzeitig losschlagen zu können.“
Voigt schlug mit der Faust in die Handfläche der anderen Hand und umschloss sie mit den Fingern, dass die Sehnen hervortraten. Lewis zweifelte nicht daran, dass Voigt ein gewissenloser Mann war, der gewillt war, seine Ideale auch mit Gewalt durchzusetzen.
„Was hat dies nun mit mir zu tun?“, fragte er ein wenig vorsichtiger.
„Sie sind doch recht gut bekannt mit dem ältesten Sohn des Generalsuperintendenten Herder ...“
„Das bin ich.“
Was hatte dies mit Wilhelm Herder zu tun?
„... welcher sich damit hervorgetan hat, ein Befürworter der Revolution in Frankreich zu sein ...“
Lewis ging auf, warum Schiller sich an diesem Abend des alten Herders Anwesenheit herbeigewünscht hatte. Es war ihm nicht nur um Beistand zum Thema Dichtung gegangen.
„ ... und dessen Sohn nun wird demnächst sein Studium in Jena beginnen ...“
„... wo auch Professor Schiller lehrt“, warf Lewis ein, um sogleich einen tadelnden Blick Voigts zu erhalten, den dieser mit Not in ein anerkennendes Nicken verwandelte.
„... der vom gleichen geistigen Schlage wie Herder ist, ja gar erst kürzlich aufgrund seiner aufrührerischen Dramen zum Ehrenbürger der Französischen Republik ernannt wurde, man stelle sich vor!“ Voigt stach mit dem Zeigefinger in die Luft, als gedachte er, den Abtrünnigen sogleich zu pfählen und ihn somit seiner gerechten Strafe für diese Ungeheuerlichkeit zuzuführen.
Lewis nickte und ahnte, wofür Voigt ihn vorgesehen hatte.
„Sie – und Goethe – wollen, dass ich den jungen Herder, sobald er sein Studium angetreten hat, dann und wann befrage, was in Jena vor sich geht, um Sie, wie Sie so treffend formulierten, über die ›Machenschaften und Denkvorgänge in diesem Pulverfass‹ zu unterrichten.“
Voigt verzog die Lippen zu einem hochnäsigen Lächeln und schüttelte den Kopf. „Nicht ganz.“
Lewis hob die Hand. „Ah, natürlich, ich zitierte Sie nicht völlig korrekt, ich soll Sie natürlich doppelt gut unterrichten und dafür Herrn Herder doppelt gut befragen.“ Er konnte nicht umhin, ein gehöriges Maß an Ironie in seine Stimme zu legen.
„Nein“, sagte Voigt und lächelte noch mehr, „Sie werden selbst für uns nach Jena gehen, um alles aus erster Hand zu erfahren!“
Lewis schluckte. „Ich soll ... wie darf ich das verstehen?“ Voigt weidete sich an Lewis’ Verwirrung.
„Sehr einfach: Sie werden dem jungen Herrn Herder nach Jena folgen und sich dort als Student ausgeben, als interessierter Gast aus England. Sicher wird man versuchen, Sie für die Sache zu gewinnen, und ich denke, jegliches Misstrauen Ihnen gegenüber wird ausgelöscht werden, wenn Sie mitteilen, dass Sie erst kürzlich in Paris waren.“
„Sie sind auch sehr gut informiert, was meine Person angeht.“ Lewis zitterte. Der Arrak hatte seine Wirkung verloren.
„Das ist meine Aufgabe.“ Voigt hob stolz das Kinn. „Ich hätte Herrn Goethes Vorschlag nie zugestimmt, wenn ich Sie nicht ebenso wie er für diesen Auftrag für geeignet hielte.“ Voigt legte die Fingerspitzen aneinander und musterte Lewis darüber hinweg, als ziele er mit einem Pistolenlauf auf den Engländer. „Nun, wie lautet Ihre Antwort?“
Lewis sah Voigt an und schüttelte leicht mit dem Kopf. „Was, wenn ich ablehne, bei diesem Spiel mitzuspielen?“, fragte er vorsichtig. Es war ihm, als könne der Grund, auf dem er sich bewegte, jeden Augenblick brüchig werden und sich auftun.
„Aber nicht doch!“ Voigt lachte kalt auf, und seine Brauen tanzten über die Stirn. „Sie werden doch zumindest Herrn Goethe nichts abschlagen können, wo Sie sich doch so gut mit ihm verstehen ...“
„Das mag Ihre Wahrnehmung der Dinge sein.“
Bedächtig löste Voigt die Fingerspitzen voneinander und senkte die Hände in ruhiger Bewegung auf die Tischplatte. „... und wo er doch Ihr Leben gerettet hat, im Stollen zu Martinroda.“ Seine Handflächen hatten die Tischplatte erreicht. Gemächlich spreizte er die Finger.
Lewis schien es, als suche Voigt Halt. War er auf Lewis’ Ablehnung nicht gefasst gewesen? Dann sollte es so sein.
„Ich möchte anmerken, dass mich Herr Goethe erst in diese Gefahr für mein Leben gebracht hat!“ Lewis lächelte.
Der Regierungsrat senkte Mundwinkel und Augenbrauen. Er beugte sich vor, und das Licht der Lampe gab ihm fast das gleiche dämonische Aussehen wie in der Ruine des Schlosses. „Herr Lewis“, begann er, und diese Anrede klang wie eine Drohung. „Ich möchte keine Druckmittel anwenden, aber vielleicht ist es für Sie eine Entscheidungshilfe, wenn ich dazu anmerken möchte, dass mir zurzeit, da sich der Herzog und Goethe auf der Kampagne in Frankreich befinden, die Regierungsgeschäfte obliegen. Wenn ich es für nötig erachten sollte, läge es in meiner Macht, Ihnen den weiteren Aufenthalt in Weimar unangenehm zu gestalten. Dazu müsste man nur die Ereignisse in Martinroda etwas anders schildern. Oder die Fakten nutzen, die Sie bei den Jenenser Studenten so überaus beliebt machen werden. Ich hörte, dass Sie keine sonderliche Affinität zu unterirdischen Gelassen haben ... und somit derartige Örtlichkeiten doch besser meiden sollten. Unsere Kerker sind nicht von der natürlichen Schönheit eines Stollens in gewachsenem Stein, und dort ist die Gesellschaft auch von anderer Art. Ich möchte sogar hinzufügen: Wenn man den Kerker nach einer Zeit, die sehr lange währen kann, wieder verlässt, heißt es nicht, dass man den Gang in die Freiheit antritt. Der Weg, der daraufhin folgt, kann kurz und endgültig sein. Er kann aber auch in weite Ferne führen und vor dem Ende viele Mühen bergen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Lewis spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich und mit diesem all die Kraft und Zuversicht, die ihn zuvor erfüllt hatte. „Das haben Sie, Herr Regierungsrat“, entgegnete er leise.
„Wie schön. Noch einen Arrak?“ Voigt hob die Flasche. Lewis schüttelte den Kopf, worauf Voigt die Achseln zuckte und sich selbst eingoss. Er nippte am Glas und stellte es befriedigt wieder ab.
„Ich möchte Sie noch um etwas Anderes bitten. Da Sie sich so vorzüglich in der Weimarer Gesellschaft bewegen, könnten Sie auch dort die Ohren für mich offenhalten.“
„Oh ...“, sagte Lewis schwach.
Voigt zeigte sich finster belustigt, dann huschte ein feines Lächeln über sein Gesicht. Er bemühte sich sichtlich, seiner Stimme einen sanften Klang zu geben. „Schauen Sie, ich will ja gar nicht, dass Sie über Ihren Freund Herder berichten oder wen Sie sonst in dieser illustren Runde ins Herz geschlossen haben. Mich interessieren weder Wielands Narreteien noch irgendwelche freiheitlichen philosophischen Gedanken im Mittwochs-club. Das sind alles ehrbare Männer, die zum Geistesleben Weimars gehören und den Ruf unseres kunstsinnigen Landesvaters bereichern.“ Er beugte sich vor und sprach nun sehr nachdrücklich. „Nein, ich bin auf Verbrecher aus, will die aussieben, die nur scheinbar von französischer Freiheit reden, aber in Wirklichkeit eine Räteherrschaft einführen wollen, die für ihre politischen Irrlehren über Leichen gehen, die nicht mit dem Wort streiten, sondern mit dem Dolch.“
Dieser plötzliche Wechsel im Ton verwirrte Lewis. Eben noch schien Voigt ihn unter Androhung von Leibesgefahr zu einem Spitzeldienst dingen zu wollen, jetzt aber erwies sich, dass er vielmehr helfen sollte, politische Attentäter dingfest zu machen.
Als vermöge Voigt Lewis’ Gedanken zu lesen, betonte er nun noch einmal: „Sie sollen, werter Herr Lewis, Ihre Freunde nicht verraten – Sie sollen mir helfen, sie zu beschützen!“ Dann lehnte er sich wieder zurück, schloss seine Augen halb, blickte ihn aber unter den Lidern hervor unverwandt an.
Der Auftrag erschien nun in völlig anderem Licht. Lewis musste nicht die Achtung vor sich selbst verlieren, weil er für Voigt arbeitete. Denn auch wenn er nun als Spion gelten konnte, war er doch kein verabscheuungswürdiger Spitzel, der die Arglosigkeit seiner Gastgeber ausnutzen sollte. Es musste ihm fortan nicht vor jedem Gespräch grausen, dass er in der nächsten Zeit führen oder mithören würde.
„Sie sollen sich allein in Belangen aufmerksam umhören, in denen es um die verwerflichen Geheimbündler geht, jene skrupellosen Menschen, die Anschläge auf den Monarchen und die Monarchie verüben wollten. Die zur Umsetzung ihrer kruden Ideen und Ziele unschuldige Menschen umbringen und die eine diktatorische Herrschaft unter ihren seltsamen Ansichten von Mensch, Geist und Gott planten.“ Voigt erreichte mit dieser Zusammenstellung, dass Lewis seinen Auftrag als immer ehrenvoller ansah. „Es bilden sich in letzter Zeit auch außerhalb der Universität immer mehr demokratische Klubs und geheime Gesellschaften, aus denen nichts Gutes erwachsen kann, in denen sich mit Sicherheit gefährliche Personen bewegen, die sich, wenn sie die Zeit reif sehen, als Rädelsführer und Komplottanstifter versuchen wollen.“
„Sie spielen doch nicht etwa auf das heutige Treffen an, bei dem ich ...“
„O doch. Nicht von ungefähr habe ich Sie gleich nach Ihrem Aufbruch von Bertuchs Anwesen ... dingfest machen lassen. So kann ich Sie gleich befragen: Hat man dort gewisse Dinge angesprochen? Bode zum Beispiel?“
„Aber nein, so ein eleganter, liebenswürdiger Herr!“
„Was immer Sie sagen! Aber das mag sich nur auf Ihren ersten Eindruck gründen. Ich für meinen Teil weiß, dass sich Bode verdächtig gemacht hat, mit einem gewissen ...“
Lewis bemerkte mit leisem Erstaunen, wie der bislang so forsche Regierungsrat stockte und nach den rechten Worten suchte, als wolle er nichts Falsches äußern oder gar vermeiden, etwas preiszugeben.
„... Bund oder Orden in Verbindung zu stehen, der sich durch besonders unredliche Machenschaften und Anliegen auszeichnet.“
Lewis entsann sich plötzlich der kleinen Seitenhiebe, die Schiller und auch Wieland gegen Bode geführt hatten. Dort war von Orden und Herzensangelegenheiten die Rede gewesen. Aber das hatte seinen Grund sicher nur in den Scherzen, mit denen sich alte Bekannte bedachten.
Voigt blickte nun sehr ernst. „Ich möchte Sie – trotz allem, worum ich Sie hier ... gebeten habe, und für das ich mir auch Sorgfältigkeit und Gewissenhaftigkeit ausbitte – auch warnen und um Vorsicht ersuchen. Nicht nur, weil die Sache gefährdet ist, sollte man Sie als in meinen Diensten stehend erkennen. Es kann auch Ihr eigenes Leben betreffen.“
Voigt drehte das Likörglas zwischen den Fingern, verfolgte kurz die Bewegung des Getränks und blickte dann wieder auf.
„Bei der von mir eben erwähnten Gesellschaft handelt es sich um Menschen, die sich vielleicht nicht allein mit geistiger Giftmischerei begnügen werden.“ Voigt stellte das Glas bedächtig ab. „Nicht von ungefähr bezeichnen diese sich selbst als die Schwarzen Brüder.“
Lewis sackte auf seinem Stuhl zusammen. Ein Sturm von Bildern und Ahnungen fegte durch seinen Geist, und ihm wurde angst und bange. Die Kehle schnürte sich ihm zu. Er hob die zitternde Hand erst an die Stirn und dann in Richtung Voigt. „Wenn ich Sie doch um ein weiteres Glas bitten dürfte ...“

Lewis ging schleppenden Schrittes nach Hause. Der Kopf schwirrte ihm nicht nur von Wein und Arrak, sondern auch wegen der Drohworte und Offenbarungen Voigts. In was war er da nur hineingeraten?
Am Ende hatte ihm Voigt noch erklärt, wie Lewis ihn über etwaige Ergebnisse unterrichten sollte. Lewis sollte alles ausführlich niederschreiben und an einem Ort hinterlegen, der, wie Voigt sich ausgedrückt hatte, als „toter Depeschenkasten“ bezeichnet wurde. Lewis hatte sich gefragt, wie denn ein Kasten, welcher Art auch immer, im anderen Fall lebendig sein könne, um diese unterscheidende Bezeichnung zu rechtfertigen. Aber Voigt hatte dieses Wort mit so geheimnistuerischer Begeisterung benutzt, dass Lewis nicht nachhaken wollte. Als er ihm allerdings erläuterte, dass es sich um einen Baum im Park an der Ilm handelte, der eine verborgene Höhlung besaß, in der Schriftstücke versteckt werden konnten, eröffnete sich ihm so einiges, und als er dann bei Voigt nachfragte, ob es noch weitere dieser Bäume gab, und dies bejaht wurde, wurde Lewis klar, warum Goethe zwischen Ilmenau und Martinroda die alte Eiche besucht hatte. Was der Geheimrat als nostalgischen Akt bezeichnete hatte, war in Wirklichkeit ein Austausch von Informationen gewesen. Welcher Art Information, darüber konnte Lewis allerdings nur mutmaßen.
Er wünschte sich, Goethe wäre noch in Weimar. Dann hätte er mit jemandem über die ganze Sache sprechen, möglicherweise auch seine Bedenken und Fragen äußern können. So würde er jedoch mit seinen Zweifeln allein bleiben: Goethe war auf dem Weg nach Frankreich, und sich jemand anderem anzuvertrauen hatte ihm Voigt untersagt. Was hätte er auch tun können? Böttiger gestehen, dass er nun einen geheimen Berichterstatter unter seinem Dach beherbergte? Jemanden, der auch ihn der Obrigkeit ausliefern könnte, sollte er sich als aktiver Mitverschwörer in einem Geheimorden entpuppen. Natürlich war Lewis überzeugt, dass es sich bei Böttiger um keinen staatsgefährlichen Menschen handelte, schließlich hatte jener sich niemals in dieser Richtung geäußert. Aber andererseits hätte Lewis auch nie geglaubt, dass der ihm ungefährlich erscheinende Bode unter Beobachtung und Verdacht stünde.
Die wichtigste Frage schien Lewis aber, was Voigt zu dem Glauben verleitet hatte, gewisse Leute könnten ihm, Lewis, gegenüber unvorsichtig werden und ihre Zunge nicht mehr im Zaum halten. Seien es nun angesehene, stadtbekannte Weimarer Bürger oder Jenenser Studenten.
Lewis seufzte. Voigt würde sich schon nicht geirrt haben, wenn er ihn, Lewis, als nützlich für derlei Belange erachtete. Aber vielmehr ging es ja um den Eindruck, den er bei Goethe hinterlassen hatte. Schließlich hatte der ihn Voigt anempfohlen.
Lewis trat gegen ein Steinchen, das auf dem Boden lag, und hörte, wie es klickernd in der Dunkelheit verschwand. Wenn es ihm bloß nicht ebenso erging: getreten zu werden und zu verschwinden. Denn was Voigt über die Schwarzen Brüder erzählt hatte, beunruhigte Lewis zutiefst. Also waren seine Befürchtungen doch keine Hirngespinste gewesen, und nun, da er selbst auf der Seite der Herrschaftsmacht stand, die dieser geheime Orden zu stürzen versuchte, war er ebenfalls zu deren Feind geworden.
Mit einem Mal glaubte Lewis ein Brennen auf seiner Stirn zu fühlen, das von einem imaginären Kainsmal herrührte, ein Mal, das ihn für jedermann – oder schlimmer noch: allein für die Schwarzen Brüder – als Spion erkennbar machte. Was, wenn schon hinter der nächsten Ecke ein Meuchelmörder lauerte, mit dem Dolch im Gewand?
Lewis beschleunigte seine Schritte, und den Rest des Weges zum Haus Böttigers lief er, als seien blutrünstige Erinnyen hinter ihm her.

In den folgenden Tagen saß Lewis nur halbherzig an seinen Übersetzungen, seinen Studien und seinem Drama. An schauerliche oder spannende Lektüre oder gar an ein – mit wachem Geiste vollzogenes – Fortsetzen des gewissen Manuskriptes wollte er erst gar nicht denken, zu unsicher und schauerlich schienen ihm die Verhältnisse in der wahren Welt. Er versuchte, bei Tisch so frei und unbeschwert wie nur möglich mit den Böttigers zu plaudern, auch versuchte er, von heiklen Themen, etwa jene den Staat oder die Herrschaft betreffend, abzulenken, diese erst gar nicht aufkommen zu lassen. Zwar war ihm klar, dass er seine Aufgabe vielleicht zu ernst sah: Böttiger ein mordlüsterner Geheimbündler? Wie in den Romanen? Der Gedanke war gar zu abwegig. Doch was würde in Jena geschehen, wo es wahrscheinlicher war, dass er auf gefährliche Subjekte traf?
Mit halb frohem, halb bangem Herzen hatte er dem jungen Herder geschrieben und ihm eine Reise nach Jena vorgeschlagen. Sein Vorwand war, dass er es mit dem Christ Church College vergleichen wolle, zumal habe er Professor Schiller kennengelernt und wolle gern dessen Wirkungsstätte ... und so fort. Lewis kam sich schäbig vor, wollte aber keineswegs das Risiko eingehen, Voigt zu enttäuschen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, eine möglicherweise doch recht angenehme Zeit mit Wilhelm Herder zu verbringen, und so befand er sich einige Tage später mit diesem in einem Wagen, der am frühen Morgen die Landstraße zwischen Weimar und Jena befuhr. Die drei Meilen – deutsche Meilen, wie sich Lewis bewusst machte – führten zunächst durch eine recht leere, traurige Landschaft, und Lewis war erfreut, Herder als angenehme Reisebegleitung zu haben. Oder umgekehrt, denn Herder wollte den Besuch in Jena nutzen, um Vorbereitungen für den Antritt seines Studiums zu tätigen. Er war mit der Stadt und den Menschen schon vertraut und konnte, wie er Lewis versicherte, auch als kundiger Führer dienen. Lewis hätte einiges darum gegeben, wenn er dies alles, wie nur wenige Tage zuvor, als Gast und Besucher hätte erleben können. So aber würde er seine Aufmerksamkeit zwischen dem, was Herder sagte, und dem, was er von anderen hören mochte, aufteilen müssen.
„Nachts wird es recht heikel und geradezu gefährlich auf den Gassen“, berichtete Herder mit breitem Grinsen.
„Warum?“, fragte Lewis und versuchte, so natürlich wie möglich zu klingen. „Laufen die Duellwütigen unter den Studenten mit gezogenem Degen einher, um sich trotz des Verbotes zu schlagen?“ Er kam sich schrecklich tölpelhaft vor, kaum dass er diese rhetorische Falle, sofern man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte, ausgelegt hatte. Niemand konnte ihm vorhalten, es nicht wenigstens versucht zu haben. Wenn er scheiterte, dann lag es allein daran, dass er nicht zum Spion berufen war.
„Nein“, entgegnete Herder munter, „wenn, dann findet so etwas natürlich im Verborgenen statt, man will ja nicht auffällig werden!“
Lewis fühlte sich insgeheim befugt, diesen Punkt von seiner imaginären Liste inquisitorischer Fragen zu streichen. Überhaupt, wie wollte Voigt nachprüfen, wie Lewis sich als Spitzel machte? Wie konnte der Regierungsrat entscheiden, ob Lewis, wenn er keine Ergebnisse brachte, nicht sorgfältig gearbeitet oder nur die falschen, nämlich unbescholtenen, Leute ausgehorcht hatte? Vielleicht war er als Engländer, der sich neugierig überall umsah und nachfragte, ja viel zu auffällig und nicht vertrauenerweckend? Wie konnte Voigt glauben, irgendwelche Verschwörer würden sich Lewis gegenüber offenbaren?
Lewis lachte in sich hinein. Was für eine nutzlose Posse! Er würde sich nicht darum kümmern und den Ausflug und die angenehme Gesellschaft genießen.
Herder bemerkte das stumme Lachen seines Reisegefährten und bezog es irrigerweise auf seinen letzten Satz. „Sie haben recht, das Verbot ist lächerlich. Aber ich habe Ihnen den wahrhaftigen Grund der Gefährlichkeit jener Jenenser Gassen noch nicht geschildert: Es verhält sich nämlich so, dass abends, wenn es dunkel wird, alle paar Minuten der Ruf Kopf weg! Kopf! Kopf weg! erklingt, um so auf menschenfreundliche Art Wanderer vor dem balsamischen Regen zu warnen, der über ihrem Scheitel loszubrechen droht.“
Lewis stutzte. „Aber warum ist es dann gefährlich? Wenn man als Passant gewarnt wird, bevor Nachtgeschirre ausgeleert werden ...“
„Weil man sich einen Jokus daraus macht, zur falschen Zeit zu warnen und der sich in Sicherheit wähnende Mensch dann erst recht getauft wird.“
Lewis verzog das Gesicht. „Raue Sitten.“
„Oh, im Ganzen scheinen sich die Sitten sogar sehr gebessert zu haben. Vor Jahren wurde noch nicht einmal vor Schabernack gegenüber den Professoren haltgemacht. Den Philosophen Reinhold sollen sie besonders geneckt haben, irgendetwas mit Hüten, mehr weiß ich auch nicht. Sie können ja mal Herrn Wieland fragen, vielleicht entsinnt er sich. Herr Reinhold ist nämlich sein Schwiegersohn. Ich hoffe nur, dass es Herrn Hofmedicus Hufeland besser ergeht, wenn er im kommenden Jahr seine Professur antritt. Nun, zumindest mit mir als Studiosus wird er keine Probleme haben.“
„Nichts glaube ich mehr“, entgegnete Lewis und lächelte.
Inzwischen hatte sich die Gegend belebt, und die Natur ringsum war ansehnlicher geworden. Die Landstraße schlängelte sich in zahllosen Windungen durch das Mühltal, und die Sonne schien langsam immer wärmer auf die Hänge, an denen Wein gedieh. Hoch ragten der Hausberg und der Jenzig auf, und dann sahen sie die Stadt an der Saalefurt mit den beiden Kirchtürmen, die aus dem Dunst ragten.
Als sie das Tor passierten, war Lewis überrascht. Jena war – oder schien – wesentlich ansehnlicher als Weimar. Die sich länger streckenden Straßen und höher aufragenden Häuser gaben Lewis ein deutlicheres Gefühl, sich in einer Stadt zu befinden, als er es jemals in Weimar verspürt hatte.
Sie verließen die Kutsche auf dem Marktplatz, und während sich Lewis neugierig umsah, lenkte Herder seine Schritte zielsicher auf eine Fassade mit einem farbigen Schild zu. „Kommen Sie, Lewis, das Städtchen erkunden wir später, jetzt wird gegessen.“
Sie gingen ins Gasthaus und fanden mit Mühe einen Tisch, der nicht gänzlich belegt war. Er stand in der hintersten Ecke und bot kaum Platz für den jungen Mann, der dort schon saß und in all dem Trubel still seine Mahlzeit verzehrte. Herder trat hinzu und fragte freundlich, ob es ihm und Lewis gestattet sei, Platz zu nehmen. Der Angesprochene sah auf, ließ die großen dunklen Augen über die beiden wandern und sagte dann leise und mit kaum wahrnehmbarer Bewegung der beinahe weiblich erscheinenden Lippen: „Bitte sehr.“
Herder entgegnete ein fröhliches Danke, und so pressten er und Lewis sich in die Stühle. Lewis musterte den jungen Mann, der vielleicht um einiges älter war als er selbst, dessen sanfte, fast durchsichtig blasse Züge dies jedoch verbargen, mit ihm selbst verwunderlichen Interesse. An dessen dunklem Rock war knapp über dem Herzen eine blaue Blume geheftet. Ein ungewöhnlicher Schmuck, dachte Lewis bei sich.
Herder bestellte derweil lautstark Wurst und Merseburger Bier. Der junge Mann, der weitergegessen hatte, seit die anderen Platz genommen hatten, blickte mit einem Mal auf, und die Augen, die Lewis zuvor als vergeistigt erschienen waren, sprühten vor ätherischer Glut. „Was?“, rief er. „Was gaffen Sie so? Kann ich nicht in Ruhe essen?“
Lewis zuckte zurück. Er hob beschwichtigend die Hände und suchte, von diesem jähen Ausfall verwirrt, nach Worten. „Ich ... wollte nicht ...“
„Mich nicht unbehelligt in meinem Mahl fortfahren lassen? Das ist Ihnen geglückt, Sie ungesitteter Mensch!“
„Aber nein ... ich ...“ Lewis sah hilfesuchend zu Herder, der den jetzt lebhaft mit dem Finger drohenden jungen Mann anstarrte. Sein Blick blieb ebenfalls an der blauen Blume hängen, und er legte den Kopf schief.
„Ehe Sie meinen Begleiter beschimpfen – wie wäre es, wenn wir einander vorstellten, damit wir wenigstens wissen, wen wir beleidigen. Wilhelm Gottfried von Herder.“
Der Kopf des jungen Mannes war herumgefahren und hatte den Mund zu einer Entgegnung geöffnet, als er bei Herders Namensnennung erstaunt innehielt.
Herder bemerkte es mit Genugtuung und fuhr rasch fort: „Dies ist Matthew Gregory Lewis aus England, ein gemeinhin sehr wohlerzogener und höflicher Mann.“
Lewis nickte heftig.
Der andere schmunzelte. „Herr Herder. Aus Weimar, nehme ich an. Ihr Vater dürfte nicht unbekannt sein, wie ich vermute.“
„Allerdings“, sagte Herder, „und ich vermute, dass Sie ...“
„Ich bin Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, angenehm!“ Hardenberg nickte auf eine zackige Weise, die seinem Namen alle Ehre machte, seinem zarten Gesicht jedoch nicht bekam.
Lewis sah ihn neugierig an, und noch mehr, als Herder mit der Hand auf den Tisch hieb. „Donnerwetter, ich ahnte es! Fritz Hardenberg?“
„Kein anderer!“, gab der zurück, und ein spöttisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.
Herder lachte Lewis an. „Herr Lewis, Sie haben unaufhörlich Glück mit Ihren Bekanntschaften. Herr Hardenberg hier ist ein tüchtiger Student, der sich, wie ich von anderen hörte, häufig und erfolgreich geschlagen hat ...“
„Aber nicht doch ...“, wehrte Hardenberg ab und machte eine Geste, die sowohl Bescheidenheit ausdrücken sollte, als auch darum bat, dies nicht zur großen Sache zu machen.
„Aber was viel wichtiger ist“, fuhr Herder fort, „Herr Hardenberg ist auch ein Dichter. Erst im letzten Jahr ist eines seiner tiefempfundenen Werke, Klagen eines Jünglings, im Teutschen Merkur veröffentlicht worden, und Herr Wieland war sehr angetan.“
Hardenberg wackelte beschämt mit dem Kopf. „Bitte! Es gab auch andere Stimmen. Schlegel etwa attestierte mir Unreife der Sprache und Versifikation, beständige unruhige Abschweifungen, zu großes Maß der Länge und ein Übermaß an halbvollendeten Bildern.“ Er machte eine Kunstpause, dann lächelte er. „Vielleicht sollte ich ihn fordern ...“
Er lachte, und Herder fiel ein, während Lewis ungläubig schaute. In diesem Augenblick wurden das Bier und die Speisen gebracht, und Lewis war froh, sich an dem Krug festhalten zu können. Sie tranken alle drei, und als sie abgesetzt hatten, begann Herder von Neuem. „Ich bin sehr froh, Sie zu treffen, und Herr Lewis sollte es auch sein!“
Lewis lachte und nickte, überließ aber Herder das Wort. „Über meinen Vater habe ich gehört, Sie pflegten eine gute Beziehung zu Herrn Schiller. Aber wenn ich mich recht entsinne – hieß es nicht, Sie studierten nun in Leipzig?“
„Richtig“, bestätigte Hardenberg und wurde ernster. „Seit Oktober des vergangenen Jahres. Nach einem aufregenden Jahr hier in Jena wollte ich mein Leben einer gänzlich veränderten Ordnung unterwerfen. Ich wollte mehr Festigkeit, mehr Bestimmtheit, mehr Zweck erringen, und deswegen habe ich mich eines strengen Studiums verpflichtet. Jurisprudenz, Mathematik und Philosophie sind die drei Wissenschaften, denen ich mich mit Leib und Seele ergeben habe, und seitdem übe ich mich im Seelenfasten in Absicht der schönen Wissenschaften und in gewissenhafter Enthaltsamkeit von allem Zweckwidrigen.“
„Tüchtig!“, meinte Herder. „Herr Lewis hier hat sich mit ähnlicher Leidenschaft an unsere deutsche Sprache gemacht und sie gemeistert. Leider kann er Sie nur wenig davon überzeugen, wenn er nichts sagt.“ Er prostete Lewis zu.
Lewis konnte nur abwesend nicken. Er war bass erstaunt. Hardenberg hütete anscheinend recht viele Wesenszüge in seiner Brust. Lewis war noch nicht imstande, die unterschiedlichen Eindrücke, die er in dieser kurzen Zeit von dem jungen Mann erhalten hatte, zu ordnen, aber er war sicher, diesen überaus interessant zu finden.
Hardenberg trank auch. Er schien zu merken, dass Lewis aus irgendeinem Grunde Scheu an den Tag legte, und ließ ihn zunächst gewähren. „Aber natürlich muss ich mich an Kopf und Herz nicht von meiner Brotwissenschaft verkümmern lassen. Musen und Grazien können immer die vertrauten, nützlichen Gespielen meiner Nebenstunden bleiben, und Lieblingen derselben wird immer wärmer und inniger mein Herz entgegenschlagen.“
Er grinste Lewis an. „Ich hoffe, das wirft ein besseres Licht auf mich als das Hauen mit dem Degen und das Selbstkasteien über den Lehrwerken? Herr Lewis, erzählen Sie von sich, was führt Sie her?“
Lewis fühlte sich im ersten Augenblick ertappt, hatte er doch gerade mit einiger Erleichterung erkannt, dass er Voigt über diesen jungen Herrn nichts, aber auch gar nichts berichten musste, da dieser ja nicht mehr in Jena, sondern in Leipzig studierte. So ging er zunächst darauf ein. „Oh, ich will gern berichten, doch zunächst sollten wir noch Herrn Herders Frage klären, was zu diesem glückhaften Treffen geführt hat – Sie sagten, Sie studierten in Leipzig, aber was führt Sie zurück nach Jena?“
„Sieh an“, rief Hardenberg mit einem Blick zu Herder, „Herr Lewis gibt sehr wohl etwas von sich, und wie Sie sagten, in ausgezeichneter Sprache, und diese wird geführt von einem inquisitiven Geist.“
Lewis zuckte verlegen die Achseln und deutete auf Herder, um erneut darauf hinzuweisen, dass er nur auf dessen Frage angespielt hatte.
Hardenberg nickte beschwichtigend. „Ist ja recht. Ich habe in meinem Erguss tatsächlich die Frage nicht beantwortet. Ich bin in Jena, um Herrn Schiller kurz zu besuchen und einige frühere Kommilitonen zu treffen.“
Lewis fühlte es unangenehm in seinem Nacken kribbeln. Sollte dies Hardenberg für ihn verdächtig machen? Ein erneuter Kontakt zu Studenten, die vielleicht zu einer akademischen Geheimgesellschaft gehörten? Lewis schob den Gedanken rasch von sich.
„Im Grunde sind Herr Herder und ich auch nur auf einen Besuch hier. Das heißt, Herr Herder wird künftig hier studieren, und ich will mir Jena anschauen, um hier im Thüringischen nicht allein Weimar kennengelernt zu haben ... neben einigen Höhen und Tiefen der Landschaft ringsum, und um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin in Deutschland, um, wie Herr Herder so richtig erwähnte, die Sprache zu erlernen, was mir, wie Herr Herder ebenfalls erwähnte, einigermaßen gelungen ist.“
„Allerdings“, rief Hardenberg und sah von einem Gegenüber zum anderen. „Sie wählen die Worte, als sei es Ihre Muttersprache!“
„Nun, ich hatte auch den besten Umgang, von dem ich lernen konnte: Herrn Herder hier, seinen ehrenwerten Vater, Herrn Wieland und Herrn Goethe.“
„Sehr beeindruckend! Hat der Umgang mit all den großen Dichtern auch noch anderweitig seine Wirkung gezeitigt?“
„In der Tat. Ich versuche mich auch ein wenig, schon als ich noch in England war, und hier ... aber es ist noch nichts Gereiftes.“
Herder lachte. „Da habe ich anderes gehört ...“
Lewis zog die Stirn kraus. Warum war Weimar nur so ein Dorf und jeder Einwohner ein solches Plappermaul? Wer wusste, wem Wieland noch von seinem geheimen Entwurf erzählt hatte.
„Herr Herder, bitte! Über nicht Spruchreifes soll man ... auch nicht sprechen!“
„Schon gut“, entgegnete Herder, „ich wollte nur nicht, dass Sie Ihr Licht unter den Scheffel stellen.“
„Ein Dichterkollege, wie angenehm“, sagte Hardenberg. „Aber spielen wir das Spiel doch auch andersherum! Herr Lewis, sagen Sie, was ist Herrn Herders Profession?“
„Medizin“, sprach Lewis und überlegte kurz, eine kleine Bosheit anzufügen. Stattdessen nahm er das Messer vom Teller und schlitzte die daraufliegende Wurst mit einer großen Geste von einem Ende zum anderen auf. Hardenberg lachte auf, und Herder schaute ein wenig pikiert.
„Ein guter Hinweis“, entgegnete Hardenberg schließlich. „Sie sollten zunächst einmal essen, so wie auch ich.“ Er sah skeptisch auf seinen Teller mit den nunmehr kalten Nierenschnitten. „Dann können wir draußen einen lauschigen Platz zum Plaudern aufsuchen.“

Bald verließen sie das rauchgeschwängerte Innere des Wirtshauses und bummelten durch die Gassen mit den hochgiebligen Häusern und den Rundbogentoren, die in steinbelegte Flure führten. Hier und da spazierten in kleineren Gruppen Studenten umher, die rauchten, scherzten und anderen Passanten Dinge zuriefen. Allen war eine Ausstrahlung zu eigen, die zeigte, dass sie sich für ehrenvoll und unbesiegt hielten, ganz im Sinne der Worte Voigts, nach denen die Studenten sich mit dem Ethos von Offizieren identifizierten.
„Wie wäre es“, fragte Hardenberg plötzlich, „wenn wir zur Verdauung auf den Hausberg stiegen? Von dort hat man einen herrlichen Ausblick auf das Saaletal!“
„Eine wunderbare Idee“, meinte Herder, „und wenn ich dort oben zu müde zum Schauen bin, dann lasse ich mir von meinen beiden Dichtern die Landschaft beschreiben ...“
Lewis, der zwischen den beiden ging, blieb unvermittelt stehen. Herder und Hardenberg wandten sich um.
„Nein“, rief Lewis, „nein! Niemand zwingt mich auf noch einen Berg! Ich habe erst vor viel zu kurzer Zeit gleich zwei Gipfel erklommen, und das genügt mir für den Rest meiner Lebenszeit.“
„Gleich zwei!“, staunte Hardenberg. „Aber warum? Sie scheinen Berge ja nicht besonders zu mögen ...“
„Herr Goethe hat mich hinaufgetrieben, und im Grunde waren die Berge noch das Erfreulichste, bedenke ich die Dinge, die zuvor und danach kamen ...“
„Na sehen Sie!“, lachte Herder. „Mit uns ist es doch viel lustiger als mit dem Geheimrat!“ Er zwinkerte Hardenberg zu. „Greifen wir uns den Engländer und zwingen wir ihn auf einen Berg! Aller guten Dinge sind drei!“ Kurzerhand hakten Herder und Hardenberg den verdutzten Lewis unter und schritten mit ihm voran, unter schrägem und lautem Absingen einer Wanderweise, die nicht wenige Passanten zum Halten brachte und auch dazu, dem seltsamen Gespann nachzuschauen.

„Schon wieder ein Berg“, klagte Lewis, „ach, stürbe ich doch!“ Er beugte den Leib vor und stützte die Handflächen auf den Knien ab.
Die drei jungen Männer waren wenige Augenblicke zuvor an dem Aussichtspunkt angelangt. Über ihnen ragte der altersgraue Turm der Burg Kirchberg durch die Wipfel der Bäume. Lewis hatte sich geweigert, noch höher zu steigen.
„Sie werden melodramatisch, Lewis, das steht Ihnen nicht gut zu Gesicht“, meinte Hardenberg mit kurzem Blick auf Lewis’ rotes Gesicht und atmete tief die Höhenluft ein.
Auch Herder beäugte Lewis und wandte sich dann wieder der Aussicht zu. „In der Tat, Ihr Gesicht hat eine viel zu gesunde Farbe. Zum Dahinscheiden bräuchte es ein Bleu mourant. Meinetwegen auch ein bleiches Gelb. Aber so ...“
Lewis schnaubte. „Scherzen Sie nur über mich ...“ Dann richtete er sich mühsam auf und warf einen halbherzigen Blick ins Tal. Immerhin musste er gestehen, dass die Aussicht prächtig war. Im langgestreckten grünen Tal wand sich zwischen Erlen und Weiden das silbrige Band der Saale. Umsäumt von Auen und Feldern lag Jena da, und in der Ferne waren buschumstandene Schluchten und Täler in den Berghängen zu sehen.
Dennoch war Lewis nicht glücklich. Von allen Wegen, die angeblich zum Rücken des Hausberges hinaufführten, hatten sie auf Bitten von Lewis den kürzesten gewählt. Wie hätte er ahnen können, dass eben der, der sich in einer Schlucht hinter Wenigenjena hinaufzog, auch der steilste war. Die Viertelstunde, die der Aufstieg gekostet hatte, hatte Lewis auch einiges an Schweiß abverlangt. Herder und Hardenberg hingegen waren frisch und munter wie zuvor unten in Jena. Lewis verachtete sie zurzeit beide, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Auffassung. Er ließ sich auf einen Baumstamm sinken und starrte missmutig auf den Erdboden zwischen seinen Schuhen.
Hardenberg begann plötzlich, die Aussicht und die Landschaft zu beschreiben – mit Worten, die, wie es Lewis schien, aus einem wilden Feuer geboren waren, das am Grunde von Hardenbergs Seele loderte. Er sprach mit herrlichem Ausdruck und tiefempfundenen Worten, und jegliche Beschreibung, jedes Bild kam so rasch aus ihm heraus, als besäße er die dreifache Fassungskraft und Empfänglichkeit wie ein normaler Mensch. Lewis wusste von sich, wie schnell er selbst reden konnte, wie er zu erzählen vermochte, besonders wenn vielleicht auch ein wenig Wein mit im Spiel war. Doch Hardenberg übertraf ihn noch um das Dreifache. Er war springlebendig und laut, seine Gebärden waren groß, und aus seinen Worten sprach solche Heiterkeit, als gäbe es gar nichts Böses in der Welt, und alles nähere sich wieder dem Goldenen Zeitalter. Seine Gefühle, befand Lewis, besaßen eine gewisse Keuschheit, die ihren Grund in der Seele hatte, nicht in Unerfahrenheit. Es schien ihm, als erlebe er hier den wahren Hardenberg, den, der sich bei Gelegenheit in die Schale des ruppigen Studenten kleiden konnte.
Lewis fühlte sich mit einem Mal nicht mehr erschöpft, es war, als hätten Hardenbergs Worte ihn nicht allein geistig, sondern auch körperlich erfrischt. Das Unbehagen der vergangenen Tage war von ihm abgefallen. Er stand auf, trat zwischen Herder und Hardenberg und legte beiden die Hände auf die Schultern.
„Freunde, ich bin außerordentlich erfreut, hier mit Ihnen beiden zu verweilen. Wenn ich wieder in meiner englischen Heimat bin – was, wie ich plane, noch ein gutes halbes Jahr in der Ferne liegt –, werde ich oft an diese Momente zurückdenken. An den Ausblick, an die Gesellschaft und an Herrn Hardenbergs wunderbare Worte ...“
Herder und Hardenberg sahen Lewis an und nickten. Dann schauten sie zu dritt in die Ferne.
„Aber“, sagte Lewis, „lassen Sie uns jetzt um Himmels Willen diesen Berg verlassen. Ich bin furchtbar durstig.“

Auf dem Rückweg überquerten sie erneut die Camsdorfer Brücke, welche sich mit ihren neun steinernen Bögen über die Saale spannte, und kehrten in der Grünen Tanne ein. Einige Gläser später bat Hardenberg, ihn zu entschuldigen, da er zu dem angesprochenen Treffen mit Schiller wolle.
Lewis überlegte. Es schien ein Leichtes, darum zu bitten, an dem Treffen teilnehmen zu dürfen. Schließlich kannte er Schiller schon, und der kannte ihn. Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und mögliche verdächtige Personen in Schillers Umgebung beobachten? Dann aber entschied er sich dagegen. Es wäre allzu auffällig gewesen, wäre er mit einem Mal bei Schiller erschienen. Immerhin war dieser ihm im Garten Bertuchs nicht besonders freundlich gegenübergetreten, und bei Schiller als Anhängsel Hardenbergs aufzutauchen, war wohl keine gute Idee. Lewis beschloss, seinen Aufgaben als Spion in aller Stille nachzugehen. Wenn es galt, Näheres über Schillers Umgang herauszufinden, sollte dies geschehen, ohne dass der etwas davon ahnte.
So wünschte Lewis Hardenberg einen angenehmen Besuch und konnte es gerade noch vermeiden, Schiller einen Gruß zu bestellen. Hardenberg regte an, dass sich alle drei am Abend im Gasthaus Schwarzer Bär gegenüber der Universität treffen sollten, und Herder und Lewis stimmten zu. Dann schlugen sie getrennte Wege ein. Während Hardenberg zur Jenergasse ging, um Schiller zu treffen, der dort im Haus des verstorbenen Superintendenten Schramm Logis hatte – Tür an Tür mit Studenten, die dort ebenfalls zur Miete wohnten –, lenkte Herder seine Schritte, mit Lewis nebendrein, zum Marktplatz. Sie gingen unter den vorragenden Obergeschossen der Fachwerkhäuser dahin.
„Ihnen sind doch sicher“, begann Herder, „die sieben antiken Weltwunder bekannt, nicht?“
Lewis war zunächst etwas verdutzt über diese Frage, dann bejahte er. „Ja. Wenn ich mich nicht irre, gehören dazu das Mausoleum in Halikarnassos, die Hängenden Gärten der Semiramis, der Leuchtturm auf der Insel Pharos vor Alexandria, die Zeus-Statue des Phidias von Olympia ...“
„Genug, genug“, lachte Herder, „ich wusste, dass Sie sie aufzählen könnten! Aber ist Ihnen auch bekannt, dass sich auch hier in Jena sieben Wunder befinden?“
„Ich entsinne mich nicht, von dem Berg dort oben gewaltige Grabmäler oder Statuen gesehen zu haben ...“
„Oh, Lewis! Bestimmt nicht! Jena ist kleiner als der antike Erdkreis, und deshalb sind die Wunder auch entsprechend kleiner – aber doch wunderlich!“
„Ich bin gespannt!“
Herder lachte. „Sie haben schon das eine oder andere erlebt!“
„Was meinen Sie? Wir sind doch bisher nur auf diesen Berg gestiegen und ...“ Lewis sah, wie Herder nickte. „Der Berg?“, fragte er ungläubig.
„Kein anderer!“
„Aber dieser Berg ist doch nicht wundersamer als so mancher andere und ...“
„Es gilt, nicht zu vergessen, dass ihn dereinst drei stolze Burgen krönten.“
„Von deren Pracht allerdings nicht mehr allzu viel zu bestaunen ist, außer jenem Turm, dem wir, zu meiner Erleichterung nicht allzu nahe gekommen sind. Das wäre der Bergsteigerei zu viel gewesen.“
„Aber Sie haben ihn gesehen, wenn auch in einiger Ferne und durch das Blattgrün.“
„Ja. Er war grau und steinern, wie so mancher Turm seiner Art.“
„Somit haben Sie schon das zweite Wunder gesehen, wenn auch nicht in der vorgegebenen Abfolge.“
Lewis legte den Kopf schief. „Der Turm. Ein Wunder. So, so!“
Herder stutzte. „Jetzt, wo Sie mir so skeptisch gegenübertreten, muss ich gestehen, ich bin nicht sicher, überhaupt den richtigen Berg angepriesen zu haben. Es könnte auch der Jenzig gemeint sein, der kahle Kalkberg, der so an die Alpen erinnern soll ...“
„Wie auch immer“, meinte Lewis, dem Berge recht gleichgültig waren, „von welcher vorgegebenen Abfolge haben Sie denn eben gesprochen?“
Herder legte die Hände an die Aufschläge seines Rockes und skandierte feierlich, wenn auch mit leicht ironischem Unterton: „Ara, caput, draco, mons, pons, vulpecula turris, Weigeliana domu – septem miracula Jenae.“
Lewis schaute skeptisch. „Für einen Sinnspruch reimt es sich recht wenig ...“
„Das muss es auch nicht, als Distichon – fragen Sie bei Gelegenheit Schiller. Oder Goethe.“ Er zwinkerte. „Aber es enthält alles, um Ihnen als Ratespiel zu dienen. Also sagen Sie mir: Was für Wunder könnten Sie bereits erlebt haben – eines steht noch aus.“
„Mons ist der Berg, turris der Turm ...“, überlegte Lewis. „Da pons die Brücke ist, wollen Sie nicht etwa andeuten, dass der Steg, den wir zweimal überschritten ...“
„Nun, nun! Lewis, machen Sie den Jenensern ihre Brücke nicht schlecht! Sie hat einiges erlebt und verdient einen Spottnamen ebenso wenig wie dieser Bau hier, den Sie bestimmt nicht als Kapelle bezeichnen wollten!“
Während des Gespräches waren sie am Fuß der Michaeliskirche angekommen, und Lewis blickte an deren wuchtigem Turm hinauf, der sich weiter oben zu achteckiger Form verjüngte, um in einer runden Haube mit Giebeln und einem Türmchen zu enden.
„Keineswegs, er ist recht eindrucksvoll.“
„Es heißt, der Bau dieses Turms habe ebenso viel gekostet wie der der Brücke.“
„Man könnte sagen, sie ähneln sich auch anderweitig. Beide verbinden etwas: Zwei Ufer die Brücke, Erde und Himmel der Turm.“ Lewis stutzte. „Man könnte sagen ...“
„Weise gesprochen!“, lachte Herder. „Aber schauen wir weiter, denn nicht der Turm gilt als Wunder.“ Herder führte ihn auf die Ostseite, auf den Kirchplatz, und dort sah Lewis eine winklige Gasse, die unter dem Kirchenschiff hindurchführte. Ein niedriges Kreuzgewölbe überspannte sie, und sie war breit genug für ein Fuhrwerk.
„Direkt darüber steht der Altar. Seltsam genug für ein Wunder, nicht?“ Herder machte einen Schritt in Richtung Eingang, der Lewis allzu gotisch vorkam.
„Tatsächlich ... aber Sie erlauben, dass wir diesen Weg nicht beschreiten ... er erinnert zu sehr an ein Grabgewölbe.“
„Gut. Es ist ohnehin ein anderer vorgesehen. Sie werden zwei Engel treffen ...“
Lewis sah Herder schief an und verkniff sich einen Kommentar.
„... und den Schnapphans!“, grinste Herder. „Ich könnte Ihnen jetzt andeuten, wie mein Herr Vater manchmal von Geheimrat Goethe spricht ... doch ich will nicht plappern wie Böttiger ...“ Herder lief los. „Kommen Sie!“
Lewis folgte und hatte einige Mühe, mit dem athletischen Herder mitzuhalten, aber schließlich standen sie nebeneinander auf dem Marktplatz.
Lewis schnaufte. „Warum die Eile?“
Herder zeigte auf einen breiten, gemauerten Bau mit hohem Turm, den zwei spitze Dächer flankierten. „Das Rathaus“, sagte er.
Lewis prustete: „Glaubten Sie etwa, es würde vor uns davonlaufen?“ Er beäugte die ziegelgedeckten Dachspitzen, die wie Pyramiden emporragten und klatschte in die Hände. „Ich habe das nächste Wunder erkannt! Sicher ist mit caput, dem Haupt, der Kopfschmuck dieses Hauses gemeint! Zwei pharaonische Grabmäler mitten in Jena.“
„Nicht ganz! Lauschen Sie“, meinte Herder, „und schauen Sie!“
Am Turm des Rathauses ruckte der Uhrenzeiger auf die volle Stunde, dann begann eine Glocke zu schlagen. Hoch oben erkannte Lewis neben der Uhr zwei Engelsfiguren, von denen die linke sich plötzlich zu bewegen begann. Der Engel hob die Arme mit einem Buch und einem Glöckchen in Händen so oft, wie die Glocke schlug. Danach ließ sich eine zweite Glocke vernehmen, und der rechte Engel – der seiner Fittiche entledigt war, wie Lewis schien –, der einen Apfel in der Hand hielt, begann, diesen einem blechernen Menschenkopf darzubieten, der über dem Zifferblatt der Uhr angebracht war, und dieser schnappte danach! Erfolglos allerdings, wie Lewis erkannte.
„Erstaunlich“, sagte er, als das Schauspiel geendet hatte, „und es war wirklich ein Kopf gemeint.“
„Ich dachte, das würde Ihnen zusagen ...“ Herder lächelte. „Wie möglicherweise auch der Drache in der Universitätsbibliothek ...“
„Ein Drache!“ Lewis überlegte. „Gewiss handelt es sich um eine Figur oder ähnliches ...“
„Keinesfalls! Es geht die Mär, einige Studenten hätten ihn vor nahezu zweihundert Jahren in finsterer Nacht in den Teufelshöhlen, nahe am rechten Ufer der Saale, gefunden und überwältigt. Sieben gehörnte Häupter, vier Füße mit Krallen, zwei Pranken mit Klauen und drei Schwänze besitzt diese Bestie.“
„Ich soll Ihnen glauben, dieses Monstrum hause nun in der Bibliothek der Universität?“
Herder lachte. „Sie sind kaum zum Narren zu halten, Lewis! In der Tat handelte es sich um einen Ulk der Studenten, die das Tier kunstvoll aus Draht und Knochen zusammengesetzt hatten.“
„Nur so konnte es sein. Denn Drachen und Bibliotheken gehen kaum gut zusammen. Aber natürlich kann ich mich irren.“
„Sie werden es noch sehen ...“ Herder schaute zum Himmel, wo sich die Sonne langsam nach Westen neigte. „Aber nun sollten wir zum letzten Wunder aufbrechen, damit wir uns rechtzeitig mit Hardenberg treffen können.“
„Ganz Ihrer Meinung! Wo soll es hingehen – es schien mir ein Haus auszustehen?“
„Richtig, wir müssen zur Johannisstraße, da hat ein sehr seltsamer Mensch ein sehr seltsames Anwesen errichtet.“
Sie gingen los, und erneut schlug Herder eine recht flotte Gangart an.
„Der Mann hieß Weigel und war Mathematikprofessor. Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa kam er hier nach Jena und wurde Hofmathematikus und Inspektor der herzoglichen Baudirektion. Das ist ihm offenbar derart zu Kopfe gestiegen, dass er sich daran machte, ein Haus zu bauen, damit ,die Stadt geziert und andere zur Nachfolge angereizt‘ würden. Sie werden gleich erkennen, wenn dies so gekommen wäre, könnte Jena weit mehr Wunder aufweisen als sieben. Die Frage ist, ob das der Stadt zu wünschen wäre ...“
Lewis blieb stehen. „Das möchte ich bezweifeln.“
Sie standen vor einem riesigen Bau, der eine schier unglaubliche Anzahl von Stockwerken in die Höhe ragte. Über dem steinernen Parterre mit vier kolossalen Doppeltoren zählte Lewis sechs Fensterreihen, die mit acht durch Balken getrennten Öffnungen begannen und sich bis auf eine einzelne hoch unter dem Dachfirst verjüngten. Auf den Seiten des hohen Satteldaches lagerten je drei hintereinander aufsteigende Altane, die sich auf dem Scheitel zu einem quadratischen Türmchen vereinigten. Das untere Stockwerk war mit einem Fries reich verziert, und in dessen Mitte prangte eine geschwärzte Kupferkugel. Überall an der Fassade sah Lewis lateinische Inschriften, die sich auf Aufbau und Zusammenhang des Weltalls bezogen.
„Oculus homini natura concessit“, las er und übersetzte dann das Zitat in seiner Gänze: „Augen hat die Natur dem Menschen gegeben, damit er zum Himmel aufschaue und die Bewegungen der Erde zähle.“
„Dort“, sagte Herder, „der neunzehnte Psalm: Coeli enarrant gloriam Dei et opera manuum eius adnuntiat firmamentum. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Veste verkündiget seiner Hände Werk.“
„Darf ich annehmen ...“, begann Lewis.
„Dass Weigel auch Astronom war? Gewiss!“
„Ein seltsames Haus, bei Gott.“ Lewis sah die Fassade empor, und ihn schauerte. „Sollte es je außerhalb einer Burg spuken, dann hier ...“ Oder bei der Witwe Recknagel, dachte er.
Herder nickte. „Aber die Wunder haben noch kein Ende. Im Inneren soll es eine schmale Treppe geben, die um eine offene, viereckige Spindel durch alle Geschosse vom Keller bis zu jenem Türmchen läuft, und wenn man diesen Hohlraum verhängt, mit Tüchern etwa, so dass kein Lichtstrahl von den Seiten eindringen kann, so entsteht ein dunkler, senkrechter Schacht, durch welchen man bei Tage vom Keller aus durch das zurückgeschlagene Dach die Sterne am Himmel zu erblicken vermag!“
„Ein findiger Mann!“, lobte Lewis, dem bei dem Gedanken an dunkle Schächte neue Schauer über den Rücken liefen.
„In der Tat! Denn diese hohle Treppenspindel soll auch einen Kasten aufnehmen können, durch den man mittels eines Flaschenzuges von einer Etage in die nächste gelangen kann, ohne die Treppen zu benutzen.“
Lewis staunte.
„Es geht sogar darüber hinaus! Die offenbar zahlreichen Zimmer werden durch ein Gebilde von Röhren und eine hydraulische Maschine mit Wasser aus dem Brunnen versorgt!“
„Dauernd fließendes Wasser. Eine großartige Erfindung.“ Lewis war beeindruckt.
„Weigel hatte auch für jene etwas parat, die nicht nur dem Wasser zusprechen. Als Kellermagd bezeichnete er eine Vorrichtung, die bewirkte, dass ein Maß Wasser, in ein Gefäß gegossen, die gleiche Menge Weines aus dem Keller hervorbrachte.“
„Prosit, möchte ich sagen!“, lachte Lewis, fröhlicher allerdings, als ihm zumute war.
„Das sollen Sie auch! Denn es ist Zeit, dass wir uns zum Schwarzen Bären begeben, um Herrn Hardenberg nicht warten zu lassen, und sollten wir auf ihn warten müssen, so werden wir zusehen, dass auch wir von einer Magd mit Wein versorgt werden!“
„Trefflich!“, rief Lewis und war froh, diesem zyklopischen Bau mit seinen tausend Fensteraugen den Rücken kehren zu können.
Sie trafen Hardenberg schon im Gasthaus an, sprachen dem Wein und dem schmackhaften Essen zu und berichteten einander, was sie erlebt hatten.
„Oh“, meinte Hardenberg, „was glauben Sie, welche Wunder Sie schauen können, wenn Sie das anatomische Museum besuchten!“ Er nickte Herder zu. „Sobald Sie Ihr Studium angetreten haben, sollten Sie Herrn Lewis einmal dorthin mitnehmen, eventuell in der Tarnung eines Studenten, damit es keine Fragen gibt ...“
Lewis fühlte sich äußerst unangenehm, als Hardenberg ihn mit seinen großen Augen anschaute. Konnte es sein, dass dieser etwas von seinem geheimen Auftrag ahnte? „Nein“, schalt sich Lewis. Im Blick Hardenbergs ließ sich nichts erkennen außer echtem Wohlwollen, und so zeigte Lewis sich interessiert.
Nach einer Weile brachen sie auf. Hardenberg, um sein Quartier für die Nacht aufzusuchen, Herder und Lewis, um wieder in Weimar zu sein, bevor es gar zu tief in der Nacht war. Es dunkelte schon.
Hardenberg bot sich an, die beiden noch einige Straßen weit zu begleiten. Sie plauderten lebhaft und auch etwas weinselig, lachten und klopften ausgelassen gegen die eine oder andere Fensterscheibe, um hierauf eilig das Weite zu suchen. Als sie nach solchem Schabernack hastig um eine Ecke bogen, prallte Hardenberg plötzlich zurück, so dass die ihm Folgenden beinahe in seinen Rücken stießen.
Herder und Lewis stießen mit den Schultern zusammen.
„Was ist, Herr Hardenberg?“, fragte Lewis mit halb vor Überraschung, halb vor Schmerz verzogenem Gesicht.
Hardenberg drehte sich um, und in seinen Augen glomm es furchtsam auf. „Wir sollten einen anderen Weg nehmen“, sagte er schnell und drängte sich zwischen den beiden hindurch.
Lewis und Herder spähten um die Ecke und sahen im Halbdunkel eine Gruppe von fünf, vielleicht sechs Männern auf sie zu rennen. Geführt wurden sie von einem hochgewachsenen, wild dreinschauenden Kerl, dessen Gesicht von einer Narbe verunziert wurde.
„Hardenberg!“, schrie dieser, und zum Entsetzen von Lewis und Herder griff er an seine Seite und zog blank.
Die beiden stießen sich von der Hausecke ab und rannten hinter Hardenberg her, der sich schon einigen Vorsprung verschafft hatte. Im Sprint erreichten sie ihn, als die wütende Gruppe um die Ecke bog, die sie gerade verlassen hatten.
„Wer sind diese Männer?“, keuchte Lewis.
Hardenberg sah ihn kurz an, verlangsamte seinen Lauf aber nicht. „Sparen Sie Ihren Atem, ich ... da hinein!“ Er bog in eine Seitengasse, und Herder und Lewis hatten Mühe, ihm zu folgen. Hinter ihnen kamen die Schritte auf dem Pflaster bedrohlich nahe. Als Hardenberg in eine weitere Gasse tauchte, hallten die Schritte ihrer Verfolger ohrenbetäubend von den Hauswänden wider. Hardenberg bog immer wieder vom bisherigen Weg ab.
Lewis spürte sein Herz gegen die Rippen hämmern und einen stechenden Schmerz in der Seite. Herder sah ihn beinahe straucheln, und so griff er ihn kurzerhand am Arm, zog ihn mit sich. Sie hetzten durch die dunklen Gassen, und das Lärmen der Verfolger kam bedrohlich näher, als Hardenberg an einem hohen, dichten Bretterzaun anhielt. Er hieb auf die Klinke einer Tür im Zaun, und als diese nachgab, jauchzte er halblaut. Er riss die Tür auf und schob Herder und Lewis in die Dunkelheit dahinter. Dann sprang er hinterdrein und schloss leise die Tür. Ein Riegel scharrte.
„Keinen Laut jetzt“, wisperte er.
Lewis trat zur Seite und spürte, wie ein Ast seine Wange streifte. Sie schienen sich in einem Garten zu befinden, denn er stand auf weicher Erde, und an seinen Knöcheln raschelte Laub. Er presste die Hand auf die Brust und versuchte, möglichst unhörbar zu atmen. Er hörte, wie Herder neben ihm dasselbe tat.
Jenseits des Zauns näherten sich die eiligen Schritte. Immer näher kamen sie, bis sie sich zum Erschrecken von Lewis verlangsamten. Er hörte, wie Hardenberg neben ihm an Rock und Weste zerrte, dann vernahm er das metallische Klicken eines Pistolenhahns, der gespannt wurde.
Vor dem Zaun hielten die Schritte an, und Stimmen wurden laut. Wieder fiel Hardenbergs Name. Lewis klopfte das Herz bis zum Hals, und das Blut rauschte in seinen Ohren, so dass er kaum etwas von dem verstehen konnte, was dort gesagt wurde. Plötzlich krachte ein Stiefeltritt gegen die Tür, und es rüttelte an der Klinke. Der Riegel knarrte. Hardenberg atmete tief ein und hob die Pistole. Lewis schloss die Augen, als es erneut an der Klinke rüttelte. Der Riegel knarrte wieder, gab aber nicht nach.
„Hardenberg!“, fauchte die Stimme des Mannes mit der Narbe, die Lewis wiedererkannte, obwohl sie nun nicht laut vor Zorn, sondern schneidend vor Hass zu ihm drang. „Wenn du dich da drinnen verstecken solltest wie die Ratte im Bau, dann glaube mir, so werde ich dir auch wie einer Ratte den Garaus machen. Wir treffen uns wieder ...“
Eine andere Stimme erklang. „Löber, ich glaube nicht, dass er dort drinnen ist. Sicher ist er längst die Gasse hinunter entkommen. Vielleicht haben wir ihn auch schon vorher verloren.“
„Mag sein“, knurrte der mit der Narbe, „er läuft wie ein Hase, der junge Freiherr. Hasenberg wäre wohl ein treffender Name für ihn!“
Die anderen lachten. „Gehen wir! Wenn der Kerl wieder in Jena ist, werden wir ihn schon zu fassen bekommen!“
Die immer noch lachenden Stimmen entfernten sich. Lewis wollte schon aufatmen, als ein erneuter Tritt die Latten des Zauns erschütterte.
„Ich kriege dich noch zu fassen, Hardenberg, warte nur ab ...“ Dann wandten sich harte Schritte vom Zaun ab und verhallten schließlich in der Gasse.
Hardenberg entspannte die Pistole und steckte sie ein. Lewis wischte sich den Schweiß ab.
Hardenberg räusperte sich. „Ich schulde Ihnen eine Erklärung.“
„In der Tat“, sagte Herder recht kühl und schaute mitleidig auf Lewis, der schwer atmete. Inzwischen hatten ihre Augen sich an das Dunkel gewöhnt, und so sahen sie sowohl einander als auch die Bäume und Beete des Gartens, in den sie sich geflüchtet hatten.
„Nun, zunächst einmal – ein Glück, dass dieses Tor unverschlossen war“, begann Hardenberg.
Herder schnaubte. „Ein Glück, dass man uns nicht alle in Stücke gehauen hat!“
Lewis zischte scharf: „Sie sollten besser weniger laut werden, vielleicht ist es nur eine Finte der Verfolger, und sie lauern noch da draußen!“ Er funkelte Herder und Hardenberg an.
Hardenberg nickte. „Lewis hat recht. Aber lassen Sie mich erklären. Zunächst bitte ich Sie um Vergebung für die missliche Lage, in die wir so unversehens ...“
„Ganz so unversehens scheint mir dies nicht geschehen zu sein“, meinte Herder. Er wies auf Hardenbergs Rock. „Sie sind für solche Begegnungen angemessen bewaffnet!“
Hardenberg seufzte. „Ich hoffte, die Wogen hätten sich etwas gelegt, aber ein wenig Vorsicht schien mir dennoch angebracht.“
„Worum geht es denn hier?“, fragte Lewis ungeduldig. „Wer ist dieser hässliche Mensch, dieser Löber?“
„Magister Gottwerth Heinrich Löber. Ein unangenehmer Mensch“, entgegnete Hardenberg.
Herder stieß einen verächtlichen Laut aus. „Allerdings! Anscheinend nutzt ein akademischer Titel hier nur wenig.“
„Aber warum verfolgt er Sie“, fragte Lewis weiter, „mit solcher ... Vehemenz?“
„Da Sie selbst bei dem kurzen Blick, den sie erhaschen mussten, erkannt haben, welche Besonderheit das Gesicht des Herrn Magisters – verunziert. Diese Narbe habe ich ihm beigebracht, in einem Duell.“
„Die Wunde scheint tiefer zu gehen, als die Narbe erkennen lässt“, vermutete Herder.
Hardenberg räusperte sich. „Zugegeben. Aber lassen Sie mich das hier und jetzt nicht ausweiten. In der Tat war die Sache recht gefährlich. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich nicht allein aus Gründen der Wissbegier von Jena nach Leipzig wechselte.“
„Oh“, machte Lewis. „Sie mussten ... sich davonmachen?“
Hardenberg lachte auf. „Bestimmt nicht! Aber es war – sicherer, sagen wir es so, und wie ich die Dinge sehe, die danach geschahen, war es auf jeden Fall besser.“ Er sah Herder und Lewis kurz an. „Sie wissen um die Unruhen unter den Studenten, die mit ihrem Protest und Auszug im Juli ihren bisherigen Höhepunkt nahmen?“
Beide nickten.
„Nun, Löber ist der Autor einer aufrührerischen Rede, in der er sich gegen die Duelle ausspricht ...“
„Ein Gedanke, der ihm nicht zugeflogen sein dürfte.“ Herder lachte leise.
Hardenberg schnalzte mit der Zunge. „Vielleicht. Dennoch scheint es mir seltsam, dass Löber sich gegen Duelle und somit für die Anordnungen des Staates ausspricht. Immerhin: Er stachelt damit die anderen Studenten nur mehr an, indem er zeigt, dass sie noch nicht alle Kollegen auf ihrer Seite haben. Aber ich denke, er tut nur staatstreu, damit er nicht bei der Obrigkeit auffällt. Zwischen seinen Zeilen steht jedoch Anderes. Mir scheint es wichtiger, dass er sich in seiner Rede für die akademischen Orden und deren Nutzen für die Studentenschaft aussprach ...“
Lewis horchte auf. Vielleicht bekam er hier ohne großes Zutun die Informationen, die er beschaffen sollte.
Hardenberg sprach weiter: „Löber bezeichnete diese als Schule der Weisheit und sprach sich gegen das sinnlose Anhäufen akademischen Wissens durch den normalen Lehrbetrieb aus. In den Orden hingegen würden die Studenten die Natur und die menschlichen Rechte lernen, um schließlich die Revolution des menschlichen Geistes auszulösen, die zum Fall der Fürsten und Nationen führen soll.“
„Ein Revolutionär“, entgegnete Herder. „Einer, der die französischen Ideale vertritt.“
Hardenberg wurde ernst. „Schlimmer. Er ist Geheimbündler, ein Illuminat und überdies der Ordenssenior der Schwarzen Brüder. Ein überaus gefährlicher Orden, und er ist ein gefährlicher Mensch.“
Lewis wusste nicht, ob er Angst oder Freude verspüren sollte. Wenn er dies Voigt überbrächte, würde er möglicherweise seiner ungeliebten Dienste ledig.
„Dann verstehe ich nur zu gut“, sprach er zu Hardenberg, „dass Sie es für besser hielten, Leipzig zum Ort Ihrer weiteren Studien zu küren. Sicher werden Sie rasch dorthin zurückkehren wollen.“ Er drehte sich halb zu Herder. „So wie wir schnell nach Weimar zurückkehren sollten.“
„Sicher“, gab Hardenberg nachdenklich zurück. „Ich hoffe nur, Löber hat Sie nicht allzu deutlich in Augenschein nehmen können und bringt Sie nicht mit mir in Verbindung.“
„Es war schon recht dunkel, und wir waren weit entfernt“, entgegnete Herder mit fester Stimme. „Außerdem, wie sollte er unsere Namen erfahren?“
Hardenberg biss die Zähne zusammen. „Ich habe bei meinem Treffen mit Herrn Professor Schiller erwähnt, welch nette Bekanntschaft ich geschlossen habe ...“
Lewis verzog den Mund. Von Professor zu Magister war der Weg nicht weit, und dass geplaudert wurde, wusste er nur zu gut. Aber andererseits, warum sollte Schiller Löber gegenüber etwas von Hardenberg erwähnen, wo er doch sicher wusste, dass zwischen diesen Feindschaft herrschte?
„Wenn schon“, entgegnete Lewis, „was tut es zur Sache? Der Sohn des großen Herder und ein unbedeutender Engländer! Was sollte dieser Löber schon gegen uns haben oder gegen uns unternehmen wollen?“
Hardenberg rieb sich die Wangen. „Löber hat so einiges gegen fremdländische Personen. Es gab da einen griechischen Studenten, Cyriacus Polizo, der maßgeblich daran beteiligt war, dass es am 10. Juni Tumult gab. Er war angeblich ein Führer der Duellgegner, aber auch das ist für mich zweifelhaft. Wie auch immer seine wahre Einstellung war, er sorgte für viel Unruhe, und am Ende verschwand er sehr plötzlich und heimlich ...“
Lewis lächelte. „Ich bin aber kein Grieche und zettele auch keine Aufstände an.“
Hardenberg fuhr fort: „Aber Löber misstraut jedem, der von weither kommt. Es stellte sich nämlich heraus, dass Polizo Ordensmitglieder anzeigte und zur Strafe zu bringen pflegte. Er war ein Spitzel des Geheimen Consiliums zu Weimar.“
Lewis wich alles Blut aus dem Gesicht. Er schnappte nach Luft und wandte sich dann fieberhaft an Herder. „Ich denke, es ist mehr Eile als zuvor an den Tag zu legen, dass wir zurück nach Weimar kommen!“