Zwölftes Kapitel

In welchem es Lebendige und Tote aufrüttelt

Zwei Gestalten duckten sich in die Schatten der spitzbogigen Pforte neben dem Johannistor, das nach Jena hineinführte. Über ihnen ragte der viereckige Torturm dunkel und wuchtig auf, die spitze Steinhaube reckte sich den niedrig hängenden Wolken entgegen. Die beiden Gestalten lauschten auf etwas, und als von jenseits des Tores zu vernehmen war, wie eine Kutsche kurz hielt und dann wieder anfuhr, nickten die beiden einander zu. Dann erklangen Schritte unter dem alten Bogen, der sich über die Gasse buckelte: Eine einzelne Person ging keck dort, wo sich Raum genug für Pferde und Fuhrwerke bot. In dem Augenblick, als die Tritte verstummten, da der Schreitende seine Sohlen nicht mehr auf das trockene Pflaster unter dem Torbogen, sondern auf die Schneedecke davor setzte, verließen die Gestalten ihren Hinterhalt und sprangen ins schwache Mittagslicht. Friedrich Hardenberg zuckte erschreckt, da trafen ihn schon die geschleuderten Schneebälle. Flocken stoben, und plötzlich war Hardenberg weiß überpudert. Johlend griffen Lewis und Herder nochmals in den frisch gefallenen Schnee und schaufelten mit beiden Händen die strahlende Pracht in die Luft, stets bedacht, ihr Ziel angemessen zu treffen. Hardenberg setzte zurück, ließ sein Reisegepäck fallen und versuchte, sich so gut es irgend ging seiner Haut zu wehren. Schließlich gab er auf und hob die geröteten Hände.

„Halt, ihr Affen! Genug! Mehr Schnee passt nicht mehr auf mich drauf!“

Lewis lachte auf: „Gnade wird weder erbeten noch gewährt!“

Herder deutete zum Turm hinauf, an dessen oberen Ecken, dort wo sich die Plattform befand, steinerne Wasserspeier herausragten, die in Affenköpfen endeten. „Die Affen sind da droben, in beiderlei Sinne!“

Dann griff er wieder beherzt in den Schnee, aber noch ehe er ein Geschoss hätte formen können, traf ihn Hardenberg seinerseits mit einer tüchtigen Kanonade. Herder setzte sich auf den Hosenboden und prustete, während Hardenberg sich vorbeugte, die Hände auf die Knie gestützt.

„Wenn du schon die Turmwächter Affen schimpfst, solltest du auch bedenken, was dann geschehen kann!“ Er grinste und riss die dunklen Augen auf.

Dann trat er vor, gab Herder die Hand und half ihm auf. Er klopfte ihm auf die Schulter und winkte auch Lewis heran, um ihn zu begrüßen. „Einen schönen Streich habt ihr euch da ausgedacht! Ich bin nass bis auf die Knochen!“ Er drehte sich auf dem Absatz einmal herum, die Arme halb ausgebreitet.

„Wir wollten dich ja auch sogleich ins Wirtshaus führen, wo man sich innerlich und äußerlich aufwärmen kann.“ Lewis klopfte sich den Schnee ab. „Schön, dass du hier bist!“

Hardenberg versuchte, sich seinerseits von den Zeichen der Schlacht zu befreien, und da sie ihm übel mitgespielt hatten, half Herder ihm dabei.

„Nun, ich konnte doch kaum in Leipzig schmoren, wenn meine Freunde hier die gefährlichsten Hasardspiele vollführen!“ Er sah Herder und Lewis ernst an. „Es geht euch wieder gut?“

Beide nickten nachdrücklich, wenn auch mit verkniffenen Gesichtern. Ihre Verletzungen waren in den vergangenen Wochen verheilt, doch plagten sie immer noch die Erinnerungen an die schlimmen Ereignisse. Sie hatten versucht, sich so gut als möglich abzulenken, durch Arbeit und Studium – wobei Herder es noch nicht wieder wagte, auch nur einen Fuß in das Anatomische Theater zu setzen – sowie durch allerlei Zeitvertreib, doch eine rechte Linderung schien erst jetzt möglich, da mit Hardenberg ein Mensch zugegen war, dem sie sich mitteilen konnten. Wenn sie auch hatten schwören müssen, über den mitternächtlichen Kampf mit dem teuflischen Magister Stillschweigen zu bewahren, so waren sie übereingekommen, Hardenberg gegenüber eine Ausnahme machen zu dürfen: Schließlich wurzelten diese Ereignisse in der alten Fehde zwischen ihm und dem gerechterweise zur Hölle gefahrenen Löber. Nun war Hardenberg wieder in Jena, und alle drei hofften auf eine herrliche Zeit.

Sie lenkten ihre Schritte in Richtung Gasthaus.

„Was meintest du mit den Turmwächtern und was geschehen könnte?“, fragte Lewis Hardenberg.

„Oh, das ist eine Geschichte, die sich vor über hundertfünfzig Jahren hier zugetragen hat“, begann der und deutete zum Tor zurück. „Die Studenten haben sich schon früher den Jokus gemacht und die Turmwächter, der äffischen Wasserspeier wegen, als Affenwächter bezeichnet. Das hörten diese nicht gern, und irgendwann kam es zu einer Rauferei, bei der einer der Studenten zu Tode kam.“

Herder grunzte: „Nun, falls du mir dieses Schicksal zugedacht hattest, dafür braucht es mehr als ein paar schwach geschleuderte Schneebälle!“

Hardenberg rieb sich das Kinn und blickte erneut zum Johannistor. „Nein, ich denke, für diesen feigen, hinterhältigen Angriff sollte man euch beide vielmehr in den Käsekorb stecken.“ Zu Lewis gewandt konnte er noch die Erklärung nachsetzen, dass es sich dabei um einen Erker an der Westseite des Turmes handelte, als Herder empört schnaubte und sich bückte, um eine Handvoll Schnee aufzunehmen. „Der Käsekorb! Der Pranger für zanksüchtige Weiber! Na warte!“

Im Nu waren die drei in eine weitere Schneeballschlacht verwickelt, die währte, bis ihnen das Haupthaar nass und strähnig ins Gesicht fiel.

„Jetzt mag es gut sein!“, rief Lewis keuchend. „Ich denke, jeder hat seine Satisfaktion erhalten. Die Gaststube ruft.“

Herder und Hardenberg waren ebenfalls außer Atem und schienen auch ein wenig zu frösteln, und so nickten sie nur und wandten sich mit Lewis zum Gehen.

Wieder wischte sich Hardenberg Schnee von Rock und Mantel und stutzte plötzlich. „Wo ist ...“, begann er und sah suchend auf dem Boden umher, der von einem Wust aus zerstampftem Schnee bedeckt war.

„Deine Taschen sind hier“, meinte Lewis, der nicht sicher war, was Hardenberg vermisste.

„Nein, nein“, antwortete dieser und strich sich fahrig das Haar aus der Stirn. „Wo ist meine Blume, meine Blume ...“

Lewis erinnerte sich an ihre erste Begegnung, bei der Hardenberg eine blaue Blume am Revers getragen hatte. Er zuckte die Achseln. „Verblüht? Schon im Sommer?“

„Nein! Sie verblüht niemals ...“ Hardenberg blickte Lewis und Herder an. Aus seinen großen Augen leuchtete die aufkeimende Furcht über einen schrecklichen Verlust, und die Winkel seines weichen Mundes zitterten. Die beiden anderen sahen es mit Erstaunen. „Helft mir, sie zu finden, ich bitte euch!“, flehte Hardenberg in so ungewohnt ängstlichem Ton, dass Lewis und Herder ohne weitere Fragen umhergingen und mit den Blicken den Grund absuchten. Hardenberg wischte mit zitternden Fingern hier und da Schnee beiseite, spähte umher und lief schließlich ein paar Schritte in Richtung des Tores, um dort Ausschau zu halten.

„Ich habe sie“, rief Herder plötzlich und hielt die kleine, blaue Blüte empor.

Hardenberg stürzte herbei, glitt dabei fast aus und streckte noch im Laufen Herder die Arme entgegen. Ängstlich ergriff er die Blume, barg sie zärtlich in den Händen und blickte Herder dankbar an. „Du hast sie gefunden ...“

Lewis kam dazu und betrachtete, was Hardenberg für so wichtig erachtete. „Sie ähnelt keiner Blume, die ich je gesehen habe, und da sie nicht verwelkt ist, obgleich sie schon so lang in deinem Besitz ist, nehme ich an, dass sie aus Stoff besteht. Auch die Farbe scheint mir gar zu ungewöhnlich für eine echte Blüte.“

Herder, der erleichtert war, dass Hardenberg sich wieder beruhigt hatte, hielt es für angemessen, einen Scherz zu machen. „In der Tat. So stelle ich mir die Nasenspitze einer schwindsüchtigen Base vor, die im Adelsstift dahinsiecht ...“ Herder grinste schief und wurde dann schlagartig ernst, als er sah, wie ihn Hardenberg anschaute.

„Spotte nicht“, sagte er unfreundlich. „Diese Blume ist mir lieb und wert, und ich möchte sie um nichts auf der Welt missen.“ Er nahm einen sehr versonnenen Gesichtsausdruck an, als er weitersprach, und er senkte die Stimme dabei. „Manchmal scheint es mir, als seien die Blütenblätter ein ausgebreiteter Kragen, in dessen Mitte ein anmutiges Gesicht schwebt ...“

„Dann möchte ich annehmen“, begann Herder, „dass der Farbton wohl eher dem Strumpfband jener Dame entspricht ...“ Er hob abwehrend die Hände. „Kein Spott! Aber sag, was verheimlichst du uns für Liebschaften?“ Er zwinkerte Lewis zu, der die Blume immer noch in Augenschein nahm und nicht auf den Wink Herders achtete.

Stattdessen wandte er sich an Hardenberg. „Darf ich sie berühren?“, fragte er zaghaft.

Hardenberg zuckte darauf zunächst zurück, und ein seltsames Glimmen war in seinen Augen zu erkennen, doch dann nickte er langsam.

Lewis streckte die Hand aus, zeichnete den Rand der Blüte mit seinem Finger nach und öffnete dann überrascht den Mund. „Es ist tatsächlich eine Blume ... und keine aus Tuch oder Seide ...“

„Oh Matthew, du bist genau solch ein Träumer wie Friedrich!“ Er ersuchte mit einer Geste bei Hardenberg um Erlaubnis, die Blume ebenfalls berühren zu dürfen, der zögerte noch mehr als bei Lewis zuvor, doch nach einem drängenden Nicken Herders gab er nach.

„Ich bin der einzige Mann der Wissenschaft hier, und im Gegensatz zu euch weltfremden Poeten, die ihr die Blümlein am Wegesrand nur bestaunt und dann beschreibt, habe ich schon genug Kräuter und Blätter und Blüten in den Mörsertiegel geworfen und ...“ Er stutzte, als auch er die blaue Blume berührte. „Ja, hol mich ...“, begann er und schüttelte dann den Kopf. „Das kann doch nicht sein ...“ Er blickte Hardenberg scharf an. „Ist das eine Taschenspielerposse oder ...“ Doch dann sah er den ernsten Zug auf Hardenbergs Gesicht und sprach nicht weiter.

Der schlug den Mantel zurück und befestigte die Blume wieder an seinem Rock. Er schien erleichtert und lächelte wieder. „Wollten wir nicht essen und trinken? Oder habt ihr in ganz Jena nichts übergelassen für einen hungrigen, dürstenden Gast? Vom Frieren ganz zu schweigen ...“

Lewis und Herder sahen den wie verwandelten Hardenberg groß an und konnten nichts weiter tun, als ihm das Gepäck nachzutragen, da dieser erhobenen Hauptes davonschritt, dann und wann einen gnädigen Blick auf die umliegenden Häuser und Passanten werfend, als sei er der König selbst, welcher der Provinz einen Besuch abstattete.

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Einige Zeit später saßen sie zu Tisch, die tropfnassen Stiefel ausgestopft am warmen Ofen aufgestellt, und labten sich an Spickgans, Kastanien und kräftig gefettetem Wirsingkohl. Sie schwatzten munter, und ein ums andere Mal musste das Schankmädchen neuen Wein bringen.

„Um auf besagtes Strumpfband zurückzukommen“, meinte Herder und schielte der Bedienung hinterher.

Lewis würdigte sie keines Blickes und wies stattdessen auf Hardenbergs Rock, der hinter diesem über der Stuhllehne hing und an dessen Aufschlag die blaue Blume leuchtete. „Nein, vielmehr sollten wir auf diese geheimnisvolle Blüte zurückkommen. Wie kann es sein, dass sie, wo sie doch offenkundig eine tatsächliche Blume ist, nach all der Zeit noch nicht verwelkt oder anderweitig dahingegangen ist? Seit dem Sommer ist einiges an Zeit verstrichen, und ich bin sicher, dass Friedrich sie sogar noch länger besitzt.“

Hardenberg nickte. „Einige Jahre schon ...“

„Einige Jahre?“, wiederholte Lewis erstaunt.

„Ja“, nickte Hardenberg, „und sie ist mir seitdem eine liebe, teure Begleiterin. Ich fühle mich regelrecht einsam ohne sie.“

„Das kann ich verstehen“, seufzte Herder, der nicht recht zugehört hatte und immer noch dem Schankmädchen hinterhersah. Dann schaute er auf den Tisch. „Könntet ihr vielleicht rasch die Becher leeren, damit ich ...“

Lewis ignorierte ihn und sprach weiter mit Hardenberg. „Woher stammt dieses wunderbare Ding? Hast du sie an einem geheimnisvollen Ort gepflückt?“

Hardenberg lachte. „Ja, das würde dir gefallen, Matthew, aber ich muss dich enttäuschen – obgleich die Umstände, unter denen ich sie erhielt, nicht minder geheimnisvoll waren.“

Lewis öffnete voller Spannung den Mund und beugte sich etwas vor. Hardenberg senkte die Stimme, was dazu führte, dass Herder im Lärm des Wirtshauses keinen Laut mehr verstand. Ohnehin trank er hastig aus und schielte ungeduldig auf die Gläser der anderen, während er im Gastraum umherblickte.

„Ich saß“, begann Hardenberg, „wie damals, als wir uns trafen, allein an einem Ecktisch und nahm etwas zu mir, als sich die Tür zur Wirtsstube langsam öffnete.“

Herder wurde durch eine Bewegung am anderen Ende des Raumes aufmerksam und reckte den Hals ein wenig.

Hardenberg berichtete weiter. „Ein Mann trat ein. Sein Gesicht war blass und eingefallen, und er blickte sich suchend um.“

Herder sah, wie das Schankmädchen an dem Neuankömmling vorbeischwebte, was ihn sogleich von diesem ablenkte, weil er ihr mit schmachtenden Blicken folgte. Lewis lauschte Hardenberg mit aufmerksamem Nicken.

„Dann schien er entdeckt zu haben, wen er suchte, und schritt zielsicher voran. Geradenwegs auf mich zu.“

Herder bemerkte mit Missfallen, dass der Mann in seine Richtung ging und ihm dadurch den Blick auf das Mädchen versperrte, das gerade mit sehr aufreizenden Bewegungen auf der Platte eines Tisches herumwischte.

„Ohne ein Wort des Grußes“, fuhr Hardenberg fort, „trat der Fremde an mich heran, zog aus seinem Umhang jene Blume, die er mir mit gichtigen Fingern darreichte. Ich ergriff sie, da sie meine Hand wie mit einem Zauber anzog, und dann sah der Fremde mich durchdringend an und sagte ...“

Ein hagerer Schatten fiel über die Züge Hardenbergs, und eine brüchige Stimme stieß mit halb ärgerlichem, halb besorgtem Ton hervor: „Wir waren verabredet! Ich fürchtete schon, der Kutsche sei etwas zugestoßen, und nun zechen Sie hier in aller Seelenruhe!“

„Herr Schiller!“, rief Hardenberg und erhob sich. „Sie müssen verzeihen, aber ich habe die Zeit vergessen, als ich hier mit diesen befreundeten Herren saß.“

Schiller musterte die Runde aus rotgeränderten Augen. Er grüßte den jungen Herder einigermaßen freundlich, was ihm schwerzufallen schien. Auf seiner Oberlippe stand in winzigen Perlen der Schweiß, und auch die Halsbinde, die über den grauen Rockkragen fiel, schien durchtränkt. Seine Nase sprang schärfer hervor, als Lewis sie in Erinnerung hatte, und auch die Wangen schienen ihm hohl und farblos. Schiller wirkte abgemagert und krank. Dennoch war sein Tonfall ebenso scharf wie damals im Bertuchschen Garten.

„Master Lewis.“ Schillers feuchte Augen wurden schmal. „Immer noch mit Goethe zugange? Immer noch hinter Geistern her?“

Lewis spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Mochte es der reichlich genossene Wein sein oder das Beisein Herders und Hardenbergs, er wollte sich diesen Anraunzer nicht gefallen lassen.

„Durchaus, Herr Professor“, sagte er mit festem Blick. „Die Geister verfolgen mich auf Schritt und Tritt und wollen nicht von mir lassen. Wie ich hörte, geht es Ihnen hingegen nicht so, was Ihre studentischen Zuhörer angeht. Mir kam zu Ohren, Sie können Ihre Vorlesung inzwischen schon in Ihren eigenen Räumlichkeiten abhalten?“ Lewis war froh, dass niemand seine Hände sehen konnte, die sich unter dem Tisch ineinander krampften. Vielleicht war er zu weit gegangen. Er sah, wie Herder errötete. Von ihm hatte Lewis die Nachricht von der misslichen Lehrsituation Schillers erhalten.

Schiller stand da und starrte Lewis an. Auf seinen eingefallenen Wangen zuckte es, ein Hinweis, dass noch einiges an Energie in ihm schlummerte. Hardenberg verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und schien fieberhaft zu überlegen, was er äußern könnte, um die Situation ihrer Peinlichkeit zu entledigen. Aus dem Augenwinkel sah Lewis, wie er mit der herabhängenden Rechten nach der Blume am Revers seines Rockes tastete.

Schiller fixierte immer noch den langsam unruhig werdenden Lewis. Mit einem Mal lachte er kehlig, bis sich Tränen in seinen Augenwinkeln zeigten. Dann brach ein Hustensturm aus ihm heraus, der ihn sich krümmen und nach der nächsten Stuhllehne tasten ließ. Rasch schob Lewis ihm den Stuhl zurecht, Hardenberg griff stützend nach Schillers Ellenbogen. Herder hatte seine Starre überwunden und winkte der Bedienung, um einen heißen Wein zu bestellen. Er war zu besorgt um den hustenden, keuchenden Schiller, um dem Mädchen mehr als einen sachlichen Blick zu widmen. Schließlich ebbte der Anfall ab, und Schiller zog ein Tuch aus dem Ärmel, mit dem er sich den Mund abtupfte und der Schweißperlen auf der Stirn entledigte.

„Es geht schon wieder“, krächzte er und trank von dem heißen Wein, den das Mädchen gerade vor ihn hinstellte. Dann atmete er tief ein und lehnte sich zurück. Er tat die besorgten Gesichter, die ihm entgegenblickten, mit einem Wink ab. „Ich habe schon Schlimmeres erlebt. Das Lachen reizte meine Kehle allzu sehr.“

Er trank einen weiteren Schluck. „Was Sie, Lewis, angeht, so seien Sie mir aufs Herzlichste begrüßt. Sie haben keine falsche Ehrfurcht vor Höhergestellten und verteidigen sich, wenn man Sie schlägt. Das beeindruckt mich.“

Er räusperte sich. „Da Sie sich so gut mit Herrn Hardenberg hier verstehen, können Sie auch in jeglicher anderer Hinsicht kein übler Mensch sein. Verzeihen Sie mir also meine Unhöflichkeit.“

Lewis wusste kaum, was er antworten sollte, zu sehr überraschte ihn dieser Sinneswandel Schillers, und so nickte er nur höflich.

„Zudem“, sprach Schiller weiter, der sich zur Gänze wieder gefasst und durch den Wein auch etwas Farbe auf den Wangen bekommen hatte, „haben Sie, wie ich erfuhr, der Salana sowohl einen fleißigen Studenten erhalten ...“ Er nickte zu Herder hinüber, der nun, da es Schiller wieder gutging, das Hin und Her des Schankmädchens verfolgte. Als er merkte, dass Schiller ihn gemeint hatte, war er zunächst verwirrt, schaute dann aber empört zu Hardenberg hinüber.

„... als sie auch eines entsetzlichen Zeitgenossen entledigt“, schloss Schiller und prostete Herder und Lewis zu.

Der wiederum schaute nun ebenfalls mit gerunzelter Stirn zu Hardenberg hin. Ehe dieser etwas entgegnen konnte, beschwichtigte Schiller, den Becher geleert auf den Tisch setzend.

„Seien Sie nicht böse auf Herrn Hardenberg. Er hat mich über die Geschehnisse – soweit er informiert war – unterrichtet.“ Er nickte begütigend. „Zudem waren mir Teile der Geschichte nicht verborgen geblieben.“ Schiller bemerkte den Glanz in Lewis’ Augen. Er blickte sich rasch um, ob auch niemand in Hörweite saß und sagte dann, mit nicht übermäßig gedämpfter Stimme: „Aber am wichtigsten dürfte sein, dass Sie wissen, von mir nichts zu befürchten zu haben: Ich bin weder Illuminat noch Freimaurer, und auch mit den Rosenkreuzern habe ich nichts zu schaffen.“

Lewis schüttelte konsterniert den Kopf. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Ach, Herr Lewis, Sie müssen vor mir keinen auferlegten Schein wahren. Ich bin mit den Ränken der verschiedenen Gruppen vertraut, und sollte ich es in einigen Facetten nicht sein, so kann ich mir diese durchaus ausmalen.“ Schiller rieb sich die spitze Nase.

„Dann wissen Sie mehr als ich“, meinte Lewis vorsichtig.

Daraufhin lachte Schiller. „Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Aber grämen Sie sich nicht, es ist manchmal besser, nicht alles zu wissen. Allerdings wundere ich mich – da Sie doch mit so vielen illustren Herrschaften ...“ Schiller hielt inne und schaute versonnen zur Decke, als habe er etwas besonders Kluges oder Amüsantes gesagt. Dann wandte er sich wieder an Lewis: „... Umgang pflegen.“

Lewis ahnte, worauf Schiller anspielte, und bevor er seine Zunge zügeln konnte, platzte er mit einen Halbsatz heraus: „Wenn Sie auf Bode ...“

Schiller winkte ab und lächelte noch breiter, was ihm jedoch nicht gut zu Gesicht stand. Es brachte sein hageres Gesicht aus dem Gleichgewicht, wie es Lewis schien.

„Nein, da gibt es noch viel mehr.“ Er drehte seinen leeren Becher in den Fingern. „Manchmal glaube ich, ich bin der einzige, der den Verlockungen der Gesellschaften widerstehen konnte. Der einzige, der klar und selbständig denken kann.“

Lewis erinnerte sich der Worte, die Regierungsrat Voigt über Schiller gesagt hatte.

Schiller bemerkte es. „Ich sehe Ihnen an, wie Sie versuchen, mich in die Reihe der staatsgefährdenden Subjekte einzuordnen. Aber glauben Sie mir: Frei zu denken und Freiheit zu fordern, ist kein Verbrechen. Nur, wenn es nicht aus dem reinen menschlichen Willen herrührt, sondern lediglich dazu dient, die eine Willkürherrschaft durch die andere abzulösen, dann ist es ungesund und zu verdammen.“

„Sie sprechen offen mit mir, Herr Schiller“, begann Lewis, der sich zu fragen begann, wie viel der Professor über ihn und seinen von Voigt erteilten Auftrag wusste. „Also lassen Sie mich eine offene Frage stellen – die der reinen Bildung dient und keineswegs doppelbödig zu verstehen ist.“ Lewis schalt sich im Geheimen für diese plumpe und Misstrauen erregende Einleitung. Er hatte wirklich zu viel Wein getrunken. Doch nun war es zu spät, und er sprach notgedrungen weiter. „Wer oder was sind Rosenkreuzer?“

Schiller nickte. „Ein freimaurerischer Geheimbund, wie die Illuminaten. Ein wenig älter, schrulliger gar. Ihnen geht es um Geheimlehren und Alchemie. Auch sind sie gegen alle aufklärerischen Ideen, arbeiten im Namen von Monarchie und Religion, ganz im Gegensatz zu den Illuminaten. Sie setzen alles daran, um diese, ihren Widerpart, zu bekämpfen. Im Königreich Bayern ist es ihnen bereits gelungen, den Orden der Illuminaten verbieten und seine Mitglieder ausweisen zu lassen, und der preußische König Friedrich Wilhelm II. ist selbst Rosenkreuzer und von Rosenkreuzern umgeben: Er setzte just im vergangenen Jahr eine Zensur für politische Schriften ein, die viele aufklärerische Zeitschriften zwang, Berlin zu verlassen. Die Illuminaten dagegen wollen Fürsten und Staaten zur Gänze abschaffen. Manche sagen gar, sie stecken hinter der Revolution in Frankreich ...“

Lewis nickte. Ihm war warm, und so löste er die Halsbinde ein wenig. „Ja, ich ... wir ... wissen um die Schwarzen Brüder und deren Pläne, und – aber darüber sind Sie doch bestimmt auch unterrichtet ...“

„Gewiss“, antwortete Schiller. „Aber Sie sollten sich nicht in Sicherheit wiegen. Auch wenn die Schwarzen Brüder dahingerafft zu sein scheinen – die Illuminaten sind stärker denn je.“ Er sah Lewis durchdringend an, seine Stimme war nur noch ein Flüstern. „Von ihnen gibt es viele. Mehr als Sie glauben und auch an Orten, wo Sie sie kaum vermuten. Näher bei Ihnen, als Sie sich vorstellen können.“

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Schiller?“, schluckte Lewis. Unerträgliche Hitze schien plötzlich in dem Raum zu herrschen. Durch Wein und Wärme konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn enträtseln, was Schiller ihm mit seinen Worten bedeuten wollte. Er sah hilfesuchend zu Hardenberg und zu Herder hinüber, die während des Gespräches geschwiegen und zugehört hatten. Hardenberg sah Schiller an, und seine Miene zeigte, dass er peinlich berührt war und es in seinem Kopf heftig arbeitete. Schiller schaute in seinen leeren Becher und fing dann Herders Blick auf, der sogleich eifrig nach der Bedienung winkte.

Hardenberg räusperte sich und lachte dann, was ein wenig bemüht klang. „Herr Schiller beliebt, mit dir, Matthew, ein wenig zu scherzen. Er weiß genau, wie du Schauer- und Verschwörungsmären schätzt und auch, dass du seinen Geisterseher gelesen hast. Nicht wahr?“

Schiller nickte schmunzelnd und zeigte dann aufmunternd die Zähne, womit er ein Lächeln auszudrücken gedachte. „Genauso verhält es sich. Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen oder gar zu befürchten, dass Sie von sich geheim haltenden Geheimbündlern umschwirrt werden. Weder hier noch ... woanders.“

„Das“, begann Lewis mit schwerer Zunge, „beruhigt mich. Wenngleich ich eine solche Posse von Ihnen als nicht sonderlich nett erachte.“

Der Wein kam, Herder grinste verschmitzt, und Schiller schob Lewis gönnerhaft einen Becher hin. „Kein böses Blut. Sie verzeihen, dass ich mir einen Spaß mit einem ernsten Thema erlaubte. Um es deutlich zu sagen“, hierbei warf er einen Seitenblick auf Hardenberg, „Sie haben nichts zu befürchten und müssen sich keine Gedanken machen. Aber ich kann es nicht unterlassen, allzu begeisterte Leser von Literatur, zu der ich bedauerlicherweise auch meinen Teil beigetragen habe, mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ich gestehe Ihnen offen, und das nehmen Sie bitte als Ausgleich für meine kleine Hinterhältigkeit, dass ich kein geringes Unbehagen darüber verspüre, dass mein Geisterseher einen so großen Erfolg beim Publikum hat. Ich sehe das Werk aufgrund seiner Nähe zur Kolportage als Schmiererei. Doch nun ist es zu spät, es ist ins Land getragen worden, aus den Seiten der Zeitschrift, für die es entstand, hinaus und zwischen Buchdeckel gefasst. Ein viel zu erhabener Ort dafür.“ Er seufzte. „Allein, ich kann den Schaden nur begrenzen, indem ich es als Fragment, das es nun einmal ist, belasse. Ich habe meine Anschauung der Dinge geändert, dank der Beschäftigung mit den Kantschen Schriften, in denen ...“

Lewis spürte, wie das Gespräch an ihm vorbeischwamm. Einen Exkurs in Philosophie würde er nun nicht durchstehen, und so hob er bedächtig die Hand und deutete auf Hardenberg, oder vielmehr, an diesem vorbei und auf die blaue Blume, die an dessen Rockaufschlag schimmerte.

„Was halten Sie davon? Als Sie zu uns kamen, sprachen wir gerade über dieses Blümlein, das Herr Hardenberg von einem geheimnisvollen Fremden erhalten hat. Aber um nicht weiter darauf einzugehen – finden Sie es nicht auch einfach wundervoll?“

Herder schien bei der Erwähnung der Blume auf eine Idee zu verfallen und murmelte halblaut einen Fluch vor sich hin, der sich auf den Winter und die Abwesenheit blühender Liebesbeweise bezog. Hardenberg schaute neben sich, als sei es ihm unangenehm, dass sein Talisman erneut unernste Aufmerksamkeit erhielt.

Schiller hingegen musterte die Blume eingehend. „Diese Blume ist mir bekannt, schließlich trägt Herr Hardenberg sie schon, seit ich ihn kenne. Was Ihre Aussage über deren Schönheit angeht, so ist sie mir ein willkommener Anlass, wiederum auf den großen Kant zurückzukommen. Bedenken Sie, Lewis, dass ein ästhetisches Urteil, wie Sie es abgaben, ein reines Gefühlsurteil ist. Ich stimme mit Kant insofern überein, wie ich es auch in meinen in diesem Winter zu verfassenden ästhetischen Vorlesungen darlegen werde. Doch liegt es mir am Herzen, Einspruch dagegen zu erheben, dass es nur ein Subjektiv-Schönes gebe, vorhanden bloß im Betrachtenden, nicht aber ein Schönes, das in den Gegenständen selbst liege. Diese Lücke im Kantschen System gedenke ich aufzufüllen, und ich ...“

Lewis schwirrte der Kopf. Was hatte er nur mit seinem hilflosen Einwurf ausgelöst! Er presste die Finger an die Schläfen und ächzte. „Wenn die Herren erlauben – ich bitte darum, mich zu entschuldigen, der Wein, die Wärme ... ich benötige dringend ein paar Atemzüge frischer Luft ...“ Er stand ein wenig schwankend von seinem Stuhl auf.

Herder wandte unwillig kurz den Blick von dem Schankmädchen ab, das sich am anderen Ende des Raumes befand, und sagte mit abwesendem Ausdruck auf dem Gesicht: „Ja, geh nur schon vor auf unsere Bude, ich werde noch ein wenig bleiben ...“

Hardenberg nickte Lewis zu und erhob sich. „Ich werde bei Herrn Schiller Quartier nehmen. Wir haben also beinahe den gleichen Weg. Wenn wir nun aufbrechen, und es ist in der Tat Zeit, können wir dich ein Stück begleiten ...“

Lewis winkte ab. Ein weiteres Gespräch mit Schiller würde er nicht durchstehen.

So verabschiedete er sich höflich, mit besonderen Ehrenbekundungen Schiller gegenüber. Hardenberg würde er am morgigen Tag wiedersehen und Herder am Abend, falls dieser nicht mit seinen Avancen Erfolg bei dem Schankmädchen hatte. Lewis zuckte die Achseln. Er brauchte nun einen erfrischenden Gang durch den klaren Winternachmittag und einige Stunden langgestreckten Ausruhens.

Er verließ das Gasthaus, nachdem er sich in die immerhin wieder trockenen Stiefel gequält hatte und lenkte seine Schritte einigermaßen geraden Wegs zu seinem Ziel. Nachdem er sich die Treppen hatte hinauf schleppen müssen, stieg er wieder aus den Stiefeln und fiel endlich schwer auf die Pritsche, die ihm in Herders Stube als Schlafplatz diente.

Um ihn herum drehte es sich. Er wusste nicht mehr, wie viele Gläser Wein er getrunken hatte, die genaue Anzahl war ihm im fröhlichen Gespräch mit Herder und Hardenberg abhanden gekommen. Offenbar waren es aber mehr als gewöhnlich und demzufolge zu viele gewesen. Er schob eine Hand unter seinen Kopf und legte den anderen Arm über seine geschlossenen Augen, da das viel zu hell erscheinende Weiß der Zimmerdecke durch seine Lider schimmerte.

Gedankenfetzen trieben vorbei, ohne dass er sie geordnet aneinanderzureihen vermochte. Hatte Schiller ihn tatsächlich nur ein wenig schaudern machen wollen, indem er von weiteren Geheimbündlern sprach und was hatte er damit gemeint, sie befänden sich ganz in Lewis’ Nähe? In Jena? In Weimar?

Lewis entsann sich seines Gesprächs mit Herder und Hardenberg, in dem sie gemutmaßt hatten, was mit Löbers Leichnam geschehen sein mochte, nachdem die Männer in Voigts Auftrag sie aus dem Kadaverkeller des Anatomischen Turms gezogen hatten. Herder hatte mit Fug und Recht darauf hingewiesen, dass Löber einen Freund in den Mauern der Akademie haben musste, welcher ihm geholfen hatte, das Theater für seine scheußliche Zeremonie herzurichten und der anschließend die Leichen Herders und seiner selbst ...

Lewis warf den Kopf hin und her, als er in unruhigen Schlaf glitt, in welchem ihn Traumgespinste schrecklichster Art verfolgten.

Einsam stand er in grellweißer Leere, und von allen Seiten umtanzten ihn die Schemen jener, die er in den vergangenen Monaten in Weimar kennengelernt hatte. Goethe und Böttiger, Wieland und der alte Herder, Bode und Bertuch, Voigt und all die anderen. Als bein- und fußlose Gestalten schwebten sie dahin, die Leiber endeten in schwarzen, rauchartigen Schlieren, die Fährten von Ruß und Asche auf ihrem ätherischen Weg zurückließen. Einzeln kamen sie ihm näher, hielten ihre Gesichter dicht an das schweißbedeckte, bange Antlitz des jungen Engländers, und kaum, dass sie dies getan hatten, kaum, dass ihr Atem die wächserne Haut des Bebenden streifte, da rissen sie sich die Haut von den Schädeln, wie Larven, derer man sich am Ende des Maskenballes entledigte. Darunter waren die Gesichter bis oberhalb der grausamen Münder von höllischer Dunkelheit, nachtfarben wie die Masken der Schwarzen Brüder, und aus den Höhlen leuchteten feurig die Augen hervor, sengten mit infernalischen Flammen über die von Furcht erstarrten Züge des bangen Lewis. Immer stärker wurde die Hitze, bis schließlich die fratzenhaften Gesichter von ihr verzehrt wurden und nur noch verkohltes Fleisch und aschenweiße Augäpfel übrigblieben.

Im Traum atmete Lewis auf, der Spuk schien vorüber. Doch da bewegten sich die dunklen Gesichter, drehten sich um und um, und aus ihnen entsprossen Leiber und Gliedmaßen, bis Lewis sich von einer Schar dunkler Menschen umringt sah, die nur mit verblichenen Fetzen bekleidet waren. Lewis entsann sich der Berichte seines Vaters von dessen Plantagen auf Jamaika, auf denen afrikanische Sklaven ihr karges, fronreiches Dasein fristeten. Doch diese hier, die Lewis mit geisterhaften Bewegungen umtanzten, schienen jeglicher menschlicher Lebendigkeit entledigt, waren tot, und doch waren sie es nicht. Manche der Sklaven, so hatte Lewis gehört, huldigten einer heidnischen Gottheit primitiver Gestalt. Den Glauben an diese hatten sie von ihren fernen afrikanischen Gestaden mitgebracht. Sie zelebrierten Rituale eines fremden Kultes, Wodu genannt, dessen Zwecke darin bestanden, die Toten wiederzuerwecken, wie in einer blasphemischen Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts. Diese lebendigen Toten, auch Jumbees geheißen, wandelten danach auf Erden und gehorchten den Befehlen ihrer Erwecker, führten seelen- und gewissenlos jegliche Taten aus, so gotteslästerlich sie auch sein mochten.

Lewis sah, wie sich im Zentrum des Kreises der tanzenden schwarzen Sklaven eine bleiche Gestalt aus dem Erdboden erhob, in ein Leichentuch gehüllt, das ihre Züge bedeckte. Der Kreis der schwarzen Männer öffnete sich, diese traten in den Hintergrund, die blinden, weißen Augen auf Lewis gerichtet, der jedoch nur Blicke für die verhüllte Gestalt hatte. Das Gespenst glitt auf Lewis zu, die Arme langsam erhebend, das Leichentuch wie eine Schleppe hinter sich herziehend. Lewis sah, wie unter dem Schleier ein Strich roter Glut aufleuchtete, der sich quer über das unkenntliche Antlitz der Gestalt zog. Dieses feurige Mal erinnerte Lewis an jemanden, doch noch bevor dieser vage Gedanke an Deutlichkeit gewann, traf ihn wie ein eiskalter Guss die schreckliche Wahrheit. Die furchtbare Erscheinung, durch unheilige Riten aus dem Grabe getrieben, war niemand anderes als der Magister Gottwerth Heinrich Löber!

Lewis floh. Seine traumschweren Beine wollten ihm den Dienst versagen, doch kämpfte er sich Elle um Elle voran, versuchte, dem untoten Magister zu entkommen, der die klauenhaften Leichenfinger nach ihm ausstreckte und mit bösartig verzerrten blauen Lippen dem jungen Menschlein hohnlachte. Lewis spürte die Grabeskälte, die die lebende Leiche ausstrahlte und die ihm wie Frost durch die Glieder fuhr. Er stand im Dunkeln, und mit einem Mal leuchtete die Geistergestalt Löbers vor ihm auf. Wieder wollte er fliehen, doch dieses Mal waren seine Sohlen wie am Grund festgefroren.

Reglos musste er mit ansehen, wie Löber die Arme vorreckte, die Finger wie kalte Zangen um seinen Hals legte – und zudrückte.

Lewis erwachte mit einem Aufschrei. Kälte und Finsternis drangen auf ihn ein, und als die anfängliche Benommenheit von ihm wich, erkannte er, dass er sich nicht mehr auf dem Zimmer befand, sondern auf der nächtlichen Straße stand, die bloßen Füße bis zu den Knöcheln im Schnee.

Ungläubig sah er sich um, ließ die Arme hängen und schüttelte den Kopf. Er war offensichtlich schlafgewandelt, getrieben von den Bildern, die er im Traum gesehen hatte. Er sah an der Vorderseite des Hauses hoch, wo noch einige wenige Fenster schwach erleuchtet waren. Dort, wo sich das Zimmer befand, das Herder bewohnte, herrschte Dunkelheit. Dieser war scheinbar noch nicht wieder von seinen amourösen Eskapaden heimgekehrt, sonst hätte er Lewis’ somnambule Wanderung sicher bemerkt und ihn geweckt, oder er wäre ihm zumindest gefolgt.

Lewis schlang die Arme um den Körper. Er fror schrecklich, der Atem stand ihm in dichten Wolken vor dem Mund. Endlich fiel die Verwirrung über seinen Zustand von ihm ab, und er wandte sich dem Eingang des Hauses zu, der einige Schritte entfernt war. Da bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung, und er drehte sich um.

Ein Mann kam auf ihn zu, die Arme wie zum Gruß ausgebreitet. Im schwachen Licht der Gasse konnte Lewis nicht recht erkennen, wer der Mann war, doch etwas an diesem schien ihm vertraut.

Er lächelte kläglich, mit vor Kälte zitternden Lippen. „Wilhelm! Endlich kehrst du heim! Du wirst kaum glauben, was mir widerfahren ist, schau nur ...“

Lewis stutzte. Der Mann kam näher, ohne auch nur ein Anzeichen, seine Worte gehört zu haben. Jetzt erkannte Lewis, dass jener in ein weites, weißes Gewand gehüllt war, das einem Leichenhemd glich. Wo der Stoff die Brust des Mannes bedeckte, war ein fremdartiges Symbol gemalt, mit einer Farbe, die den Ton getrockneten Blutes hatte. Die ausgebreiteten Arme des sich träumerisch nähernden Fremden schienen nun nicht mehr zu grüßen, sondern wirkten wie eine Drohgebärde. Jetzt richteten sie sich gar auf Lewis, die Hände griffen nach ihm.

Dann erkannte Lewis den Mann. Es war Gottwerth Heinrich Löber, den er für tot gehalten hatte! Doch hier, in dieser dunklen, nächtlichen Gasse, kam er geradewegs auf ihn zu.

Als das matte Licht sein Antlitz erhellte, erstarrte Lewis vor Schrecken. Denn was ihn hier mit getrübten, weißlichen Augen anblickte, war das Antlitz eines Toten, und doch streckte dieser seine zu Krallen gebogenen Finger nach Lewis’ Hals aus und schloss sie mit eiserner Gewalt.

Lewis spürte die grabeskalten Finger an seiner Kehle und ächzte. Schwach hob er die Hände, legte sie um die Gelenke Löbers, aber er vermochte nicht, den tödlichen Griff zu brechen. Dicht vor sich sah er das leichenweiße Antlitz Löbers, auf dessen Wange die rote Narbe glühte, wie im Alptraum zuvor, der nun grauenvolle Wirklichkeit zu werden schien.

Die Finger verstärkten ihren Druck, und vor Lewis’ Augen begannen sich feurige Räder zu drehen, Sterne explodierten in glühenden Funkenkaskaden. Aus diesem Lichtersturm formte sich der einzige Gedanke, zu dem Lewis noch fähig war: Wie war dies möglich? Doch die Antwort, sollte Lewis sie überhaupt noch ersinnen können, ging in der Not unter, in der sein Geist und sein Körper nach Luft schrien.

Die harten Klauen Löbers krallten sich in Lewis’ Kehle, schnürten sie unbarmherzig zu. Die toten Augen regten sich nicht, starrten nur auf ihr Opfer, wie auch der blasse Mund ohne jegliche Regung blieb. Lewis sah, wie sein Gesichtsfeld sich einengte, wie völlige Finsternis von den Rändern herankroch, sich wie ein schwarzsamtener Vorhang von allen Seiten schloss, bis das wenige, was er trübe wahrnehmen konnte, das monströse Gesicht von Löbers Leichnam war.

Das war das Ende, erkannte er, und er fügte sich. Ehe sich die völlige Nacht über ihn senkte, glaubte er, aus weiter Ferne eine bekannte Stimme zu vernehmen, die aufschrie. Dann spürte er, wie der qualvolle Druck auf seinen Hals nachließ, und er wusste, dass ihn der mordende Löber aus seinem Griff entlassen hatte, da nun alles Leben aus ihm gewichen war.

Lewis sank langsam in sich zusammen, fühlte, wie sein Körper zerdrückt wurde, um die Seele aus ihm zu entlassen – und dann war da nichts mehr.

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Lewis glaubte, ein Licht zu sehen. Ein mattes Licht füllte seinen Gesichtskreis aus, und in seinem Glanz bewegten sich undeutliche Gestalten um ihn her. Flüsternde Stimmen waren zu hören, und ihr Klang war milde und weich. Lewis spürte keinen Schmerz, der schreckliche Druck auf seine Kehle war gewichen, sein Körper schien ihm weich gebettet und schwerelos. Ein gütiges, möglicherweise vertrautes Antlitz näherte sich ihm, sprach freundliche Worte, und dann netzte ein labender Trank seine Lippen. Sein Hals schmerzte.

Lewis, der sich noch immer matt fragte, warum er noch einen Körper besaß, den er spüren konnte, schluckte und fühlte, wie ihn ein frischer Hauch erfüllte. Die seltsame Empfindung verging, als sich wieder sanfte Dunkelheit um ihn schloss.

Nach einer Weile, deren Dauer Lewis nicht zu bestimmen wusste, war wieder das Licht vor ihm. Die Eindrücke waren die gleichen wie zuvor, nur erschien ihm diesmal ein anderes Gesicht, das ihm ebenso vage bekannt vorkam wie jenes zuvor. Eine Stimme perlte sachte, doch Lewis konnte den Sinn der Worte nicht erfassen. Wieder trank er etwas oder vielmehr schien er etwas zu trinken, denn wie sollte ihm dies ohne einen körperlichen Leib möglich sein? Dann schlief er wieder ein, so es denn Schlaf war und nicht einfach das Ruhen seines ätherischen Ichs im Nichts.

Die Zeit, die ihm nichts bedeutete, verrann, was er daran zu erkennen meinte, dass in den kurz verweilenden Augenblicken, in denen er etwas wahrnahm, mal Helle, mal Düsternis herrschte. Irgendwann, nachdem ihn bislang nur Engel umschwebt hatten – denn wo anders konnte er sich befinden als im Himmel? –, erschien über ihm eine mächtige Gestalt, die mit gebieterischer und doch höflicher Stimme sprach. Wer anders konnte es sein als Gott selbst, der da befahl, ihn von diesem Ort zu bringen und in elysische Gefilde zu verschaffen? Lewis zeigte sich ob der Ehre erfreut, und ehe er noch spürte, wie er hinweggehoben wurde, fragte er sich, warum der Gottvater gar keinen wallenden weißen Bart trug und überhaupt irgendwie dem Geheimrat Goethe ähnelte ...

Als Lewis das nächste Mal erwachte oder zu erwachen glaubte, spürte er eine seltsame Vertrautheit mit dem Ort, an dem er sich befand. Hier war es nicht ganz so hell, es waren nicht mehr die vielen Stimmen zu hören, und der Geruch schien anders. Lewis bemerkte mit Verwunderung, dass er riechen konnte. Aber vielleicht war dies auch im Himmel nötig, um die süßen Rosendüfte der Psalmen, den Honiggeruch des Manna und das Odeur der weißen Lilien wahrnehmen zu können, die ...

Lewis war erstaunt, zu welchen Gedanken und Erinnerungen er fähig war, doch bevor er dies näher erörtern konnte, sank er wieder ins Vergessen.

Die, die über ihn wachten, waren andere als zuvor, bemerkte er, als er wieder einmal seine Sinne erlangte. Sie waren immer noch verschleiert, und er war sich auch nicht sicher, ob es überhaupt menschliche, körperliche Sinne waren, die ihm Eindrücke vermittelten. Dennoch wurde er gewahr, dass ein weiblicher Engel sich um ihn sorgte, dessen Haar golden schimmerte, dessen Augen blau leuchteten und dessen Lippen und Wangen sich rötlich von dem elfenbeinfarbenen Antlitz abzeichneten. Lewis glaubte, sich in leisem Entzücken selbst seufzen zu hören, doch war dies undenkbar, da er wusste, dass im Himmel fromme, stille Genügsamkeit herrschte.

Dann und wann flatterte ein kleiner, feister Cherub um den Engel und um ihn selbst und seine wolkenweiche Lagerstatt, und in schöner Regelmäßigkeit trat ein Mann mit haushofmeisterlichem Gebaren hinzu, der kein anderer als der heilige Petrus sein konnte, dessen Gesicht aber seltsamerweise ebenfalls kein Bart zierte. Es schien, als seien die biblischen und altväterlichen Zeiten im Himmel vorüber, und die Herren schabten sich die Gesichter.

Dem schien in der Tat so zu sein, denn Lewis spürte dann und wann, wie es an seinem ätherischen Kinn schäumte und kratzte und wie jemand es daraufhin warm und feucht umhüllte. Seltsam, dachte er. Überhaupt schien alles um ihn herum bei jedem Erwachen irdischer zu werden: Er vermeinte, bekannte Nahrung zu schmecken, vertraute Dinge zu sehen und zu hören. Doch immer wieder fiel er zurück in dunkles Nichts.

Irgendwann vernahm er Glockenschall und fromme Gesänge, die feierlich umherschwebten und lange Zeit währten. Jetzt war Lewis sicher, dass er dort war, wo er sich zu währen glaubte, und er ließ los und lauschte und achtete auf nichts mehr. Vor seinen Augen tanzten Bilder von furchtbaren Geschehnissen, die auf ihn eindrangen, aber von denen er spürte, dass es ein letztes, endgültiges Mal war. Er sah den untoten Löber, der ihn würgte. Er sah Löber, wie er die bluttriefende Klinge in Herders Leib tauchte. Er sah sich in ein schwarzes Loch bodenloser Tiefe fallen. Er sah sich eingeschlossen in Gestein und umspült von strudelnden Wassern. Er sah sich von Flammenmeeren umgeben.

Lewis warf sich hin und her. Der Himmel war vergangen, nun war er in die Hölle niedergestürzt, wo er wegen seiner blasphemischen Schriften auf Ewigkeit Qualen leiden musste, und sein Wächter war nicht der gehörnte, bocksbeinige Teufel, sondern – viel grausamer, wie es schien – dessen uralte Großmutter, die greinend dasaß, von geisterhaft grünem Licht umspielt. Gebeugt war sie über allerlei Blätter, die sich auf einem Tisch häuften, und sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und seufzte.

Lewis ächzte entsetzt auf, und die Alte wandte ihm ihr gefurchtes, graues Gesicht zu, die Augen leuchteten auf wie die einer Katze. Da wusste Lewis, dass er die Ewigkeit unter diesen schrecklichen Augen verbringen musste, unter den Augen der jammernden Greisin, des Gespenstes, das das Haus der Witwe Recknagel heimsuchte.

Lewis schrie auf, und mit einem Mal brach die Wirklichkeit über ihn herein wie ein Felssturz aus Farben und Tönen und Gerüchen, alles gemeinsam in einer Kakophonie der Sinne, die in ihn hineinfegte und alle Mattigkeit von ihm nahm. Er saß aufrecht im Bett, in seiner Stube, im Haus der Böttigers. Eleonore sprang vom Sekretär auf, an dem sie lesend gesessen hatte, und schlug die Hände vor den Mund, die Augen leuchteten erst in Schrecken, dann vor Freude auf.

„Karl!“, rief sie laut. „Karl, komm schnell! Herr Lewis ist wach!“

Dann stürzte sie auf Lewis zu und umarmte ihn herzlich.

Es war, wie Lewis erfuhr, der zweite Weihnachtstag, an dem er aus seiner langen Bewusstlosigkeit erwacht war. Was er in den wenigen Momenten, in denen er aus diesem Schlaf aufgetaucht war, wahrgenommen hatte, waren Fetzen der Geschehnisse in den vergangenen Wochen gewesen. Eleonore und Karl Böttiger hatten den ohnmächtigen Lewis gepflegt, nachdem er schon einige Zeit in einem Spital in Jena verbracht hatte. Dort waren Herder und Hardenberg nicht von seiner Seite gewichen, hatten sich beim Wachen an des Freundes Bett abgewechselt. Mitte Dezember war Goethe von der Kampagne in Frankreich nach Weimar zurückgekehrt, hatte durch Krafft – welchen Herder informiert hatte – erfahren, wie es um Lewis stand und war sogleich nach Jena gefahren. Dort hatte er verfügt, dass Lewis nach Weimar gebracht werden sollte, in die Obhut der Böttigers.

Diese wussten nichts Näheres von den Umständen, die Lewis in diesen Zustand versetzt hatten, es hieß, er sei übel gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen. Er selbst, der langsam wieder zu Kräften kam, zweifelte an seiner eigenen Erinnerung, die er an jene Nacht hatte. Er musste einen doppelten Alptraum gehabt haben, insofern, dass er von einem in den nächsten hinübergeglitten war, obgleich ihm schien, er sei erwacht. Hierbei musste er wohl die Stube, das Haus in Jena verlassen haben, war dann auf der schneeglatten Straße ausgeglitten und hatte sich den Kopf verletzt. Alles, woran er sich mit dem vagen Gefühl des tatsächlich Erlebten erinnerte – der geisterhafte, zu schauerlichem Leben jenseits des Grabes wiedererweckte Löber und dessen Angriff auf Lewis –, musste ein Traum gewesen sein. Nein, schalt sich Lewis: Es konnte nur ein Traum gewesen sein, denn jenseits des Grabes gab es nichts, und selbst der teuflische Löber konnte dem Tod nicht entfliehen. Doch was, wenn Löber wirklich nicht tot war? Lewis sank in diesen Stunden mehrmals mit jenen Gedanken in die Kissen zurück und schlief unruhig, aber mit heilsamer Wirkung.

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Kurz nach Weihnachten besuchte ihn Herder. Lewis konnte bereits wieder das Bett verlassen und herumgehen, fühlte sich aber noch schwach.

„Matthew!“, rief Herder und kam mit ausgebreiteten Armen die Treppe hinauf. Unten vor der Tür stand Eleonore Böttiger, die ihn eingelassen hatte und zufrieden lächelte. Lewis’ Herz schlug fröhlich beim Anblick des Freundes, und doch versetzte ihm etwas einen bangen Stich: Mit dieser Geste war ihm im Traum der mörderische Löber entgegengetreten und hatte dann ...

„Wie gut, dich wieder wohlauf zu sehen!“, sagte Herder und umarmte Lewis.

Der zuckte zusammen.

Herder schaute besorgt. „Oh, verzeih! Ich muss vorsichtiger mit dir umspringen, du bist noch sehr entkräftet!“ Er schob Lewis in Richtung Bett und drückte ihn darauf. Dann griff er sich selbst einen Stuhl.

„Liebe Grüße von Friedrich soll ich dir bestellen und von Herrn Krafft die besten Wünsche und ... ach, ich bin so froh, dich wiederzusehen.“ Er beugte sich vor und sprach leiser. „Frau Böttiger scheint ja eine nette und gute Person zu sein, aber sie hatte es mir und jedem anderen strikt untersagt, dich zu besuchen, kaum dass sie dich hier in diesen Wänden hatte.“

Lewis nickte, denn das konnte er sich nur allzu gut ausmalen.

Herder griff in seine Rocktasche und zog ein Schreiben heraus. „Hier, dies soll ich dir von Herrn Goethe überreichen. Selbst er durfte nicht an dich heran, was ihm jedoch nicht viel ausmachte. Er sagte, er habe sehr viel zu tun nach seiner Wiederkehr aus Frankreich, und das, was er dich wissen lassen will, könne er auch brieflich mitteilen.“

Lewis ergriff das Schreiben und legte es neben sich. Er würde es später lesen.

Herder redete weiter, war in seinem Überschwang kaum zu bremsen. „Herr Goethe hat aber gesagt, ich solle dir ausrichten, dass du zum Jahreswechsel in sein Haus eingeladen seiest. Er hätte dir schon im Sommer eine Plauderstündchen versprochen, hieß es, und es schien ihm angemessen, dieses Versprechen zu halten, sobald du wieder bei Kräften seiest.“

Lewis zog ein Gesicht, ihm war der Gedanke an eine Feierlichkeit nicht sonderlich angenehm.

Herder reagierte darauf mit gespielter Empörung. „Matthew! Bitte! Das kannst du dem Geheimrat nicht abschlagen. Zumal er es als Wiedergutmachung für all die Fährnisse sieht, in die du geraten bist ...“

Lewis wollte etwas anmerken, doch Herder redete bereits weiter. „Außerdem bin ich auch eingeladen, und Friedrich kann auch anwesend sein, wenn er mag!“ Er nickte begeistert. „Sag doch zu ...“

Lewis war von dieser Begeisterung reichlich überwältigt, und so bejahte er, einigermaßen abwesend. Irgendetwas wollte er doch noch ...

Herder lächelte breit. „Schön! Dann sehen wir uns dort. Ich komme dich dann am Silvesterabend abholen. Doch jetzt muss ich fort, nach Jena, einiges erledigen.“ Er beugte sich wieder vor und senkte die Stimme. „Zudem hat mir Frau Böttiger nur eine kurze Zeitspanne zugestanden, in der ich dich vom Gesundwerden abhalten darf.“

Herder stand auf und legte Lewis zum Abschied die Hand auf die Schulter. Lewis runzelte die Stirn. Die Übereiltheit Herders schien ihm seltsam, als wolle dieser einem Gespräch ausweichen. Er griff nach dessen Handgelenk und hielt es so fest wie möglich. Herder hob überrascht die Brauen.

„Wilhelm“, begann Lewis, ohne Herder anzusehen, „was ist in jener Nacht geschehen?“

Herder biss sich kurz auf die Unterlippe und sagte dann wie beiläufig: „Du hast es doch erfahren. Du träumtest schlecht, wandeltest im Schlaf und stürztest, auf den Kopf.“

Lewis drückte fester auf Herders Handgelenk. Nun fiel ihm etwas ein. „Warum hatte ich dann diese Schmerzen am Hals? Als sei ich dem Henkersstrick mit Mühe entronnen? Wo ich doch träumte, man würge mich? Wie fügt sich das zusammen?“

„Ich muss fort und kann nicht ...“, beschwor ihn Herder.

„Was kannst du nicht? Mir die Wahrheit sagen?“

Jetzt riss Lewis mit ungeahnter Kraft an Herders Handgelenk, bis dessen Gesicht auf einer Höhe mit dem seinen war.

Er sah Herder ernst an. „Was hat sich wirklich zugetragen? Gib es zu: Es war tatsächlich Löber, der noch lebte und der mich nochmals zu morden versuchte.“

Herder wand sich aus dem Griff, mit dem Lewis sein Handgelenk umfasst hatte, und trat einen Schritt zurück. In seinem Antlitz zuckte es. Dann setzte er sich wieder, wagte es kaum, Lewis anzusehen.

„Nein, Matthew, es ...“, begann Herder und überlegte dann. Schließlich atmete er tief durch. Er sah zu Lewis hinüber, mit so gefestigten Gesichtszügen, wie es ihm nur irgend gelang. „Ich will ehrlich sein. Es ist nicht recht, dass wir es vor dir geheim halten, denn du musst gewarnt sein, selbst wenn keine Gefahr mehr von ihm droht.“

Lewis schluckte. „Es war Löber, und ihr konntet ihn unschädlich machen.“

„Ich wünschte, es wäre so einfach.“ Herder rieb sich die Stirn, auf der sich leichter Schweiß gebildet hatte. „Ja, es war Löber, den wir für tot gehalten hatten. Zu Recht, muss man sagen, denn ...“

„Du hattest ihn doch mit deinem Schuss niedergestreckt, und er war in den Keller gestürzt und ...“ Dann glaubte er zu begreifen. „Löber war noch am Leben und konnte fliehen!“ Lewis rang die Hände, jetzt wo ihm die trügerische Sicherheit gewahr wurde, in der er in jenen Wochen gelebt hatte.

Aber Herder schüttelte den Kopf. „In jenem Keller hat man Löber auch gefunden. Krafft teilte es mir mit. Die Männer, die Voigt in jener Nacht zum Bereinigen der Szenerie dorthin geschickt hatte, bargen den Körper und schafften ihn fort. Es soll noch schwaches Leben in ihm gewesen sein. Aber es hieß, er starb, und dann verliert sich die Spur.“

Lewis schaute konsterniert. „Wie das?“

„Es scheint, als habe einer der Männer Voigts den Körper verschwinden lassen und sei danach selbst untergetaucht. Ein Verräter möglicherweise. Man hörte nichts mehr von Löber, bis er mit einem Mal wie aus dem Grabe entstiegen vor dem Haus erschien und dich angriff.“

„Also doch ...“, murmelte Lewis. „Es war kein Traum ...“

„Ein Alptraum, ein fleischgewordener.“ Herder sah Lewis kummervoll an. „Es ist schrecklich, Matthew, aber wenigstens kannst du sicher sein, nicht unter Hirngespinsten zu leiden.“

Lewis lachte bitter auf. „Wie trostreich! Mir wäre jede Ausgeburt meines kranken Geistes lieber als ein Mann, dessen Bedürfnis, mich zu töten, so groß ist, dass er sich noch in den letzten Zügen zu mir schleppt und mich angreift.“ Er krampfte die Finger ineinander. Dann ruckte sein Kopf hoch. „Aber wie konnte es geschehen, dass er sein blutgieriges Werk nicht zu Ende brachte? Dass ich hier sitze und lebe?“

Herder lächelte kurz verlegen, dann blickte er wieder ernst. „Ich kam gerade nach Hause, sah dich auf der Straße mit einer Person in tödlichem Kampf verstrickt und eilte hinzu, um dir zu helfen.“

„Aber Löber schien übermenschliche Stärke zu haben! Ist dir nichts geschehen?“

Herder blickte nachdenklich, Lewis glaubte, auch ein wenig Verwunderung in seinen Zügen zu erkennen.

„Das ist das Bizarre“, sagte Herder. „Noch ehe ich ihn hätte ergreifen können, brach er zusammen und riss dich mit zu Boden. Ich zerrte ihn von dir fort, sah im gleichen Atemzug, dass es sich um Löber handelte und erschrak. Ich war auf einen Angriff gefasst, hielt seine Reglosigkeit für eine Finte, doch dann begriff ich, dass er tot war.“

Lewis riss die Augen auf. „Tot? Aber wie?“ Er stutzte. „Oh, gewiss, er muss sich irgendwo versteckt gehalten haben, auf einen unbedachten Moment von mir wartend, und dann, als er mich angriff, verbrauchte er die letzten Kräfte seines geschwächten Körpers und starb – an den Wunden, die er Tage zuvor erhalten hatte.“

Herder schüttelte den Kopf. Er war blass, und Furcht sprach aus seinen Augen. „Nein. Als ich erkannte, dass von ihm keine Gefahr ausging, stieß ich ihn an, und er war kalt und leblos, als sei er schon lange Zeit tot. Alle Anzeichen wiesen darauf hin, und ich als angehender Arzt sollte es wissen.“

„Aber was bedeutet dies alles?“, fragte Lewis bang, der jedoch schon Übles ahnte. Er erinnerte sich seines Alptraums von den erweckten Toten.

Herder fuhr sich hilflos mit der Hand durchs Gesicht. „Es bedeutet, dass wir es mit Kräften zu tun haben, die unsere Vorstellungskraft übersteigen und dass es für uns ratsam wäre, diese nicht herauszufordern.“