Sechstes Kapitel
In welchem Lewis über Stock und Stein geradewegs in die Hölle reitet
Da Lewis, ohne sich zu entkleiden, eingenickt war, konnte er Goethes Wunsch, so schnell als möglich zu ihm herunter zu kommen, ohne großen Zeitverlust entsprechen. Allerdings stieß er die Halbschuhe von den Füßen und stieg in seine Stiefel, die ihm dem Anlass angemessener schienen. Er warf sich seinen Mantel über, trat leise mit einer Kerze in der Faust aus dem Zimmer und schlich sich über die Stiege nach unten, sorgsam jegliches Geräusch vermeidend, das die Böttigers aus dem Schlaf reißen könnte. Ein Wunder, dass sie Goethes Kieselsteinkanonade nicht gehört hatten!
Unten an der Tür griff er an den Haken, an dem gemeinhin der Schlüssel hing, und entriegelte vorsichtig das Schloss. Karl Böttiger war stets darauf bedacht, seine ihm – und wahrscheinlich auch nur ihm – wertvollen Altertümer zu schützen. Lewis drückte sich durch die halbgeöffnete Tür nach draußen, zog sie zu und schloss einmal herum. Den Schlüssel schob er unter dem Türspalt ins Innere und bereute es sogleich. Was, wenn er Goethes Einladung – zu was auch immer dieser sie ausgesprochen haben mochte – nun doch nicht folgen wollte? Der Weg ins Haus zurück war ihm jetzt versperrt, und den Hausherrn aus seinem Schlummer zu reißen und um Einlass zu bitten, würde kein gutes Licht auf ihn oder vielmehr seinen Geisteszustand werfen. Sich mitten in der Nacht selbst auszusperren!
Lewis seufzte und atmete tief die kühle Nachtluft ein, wodurch er endgültig wach wurde.
Hätte er das nur schon vorher getan.
„Was starren Sie denn dauernd auf die Tür?“, fragte Goethe hinter ihm.
Lewis drehte sich um und sah den Geheimrat neben seinem Pferd stehen, ein zweites an den Zügeln haltend. In den Schatten konnte man die Farbe der Pferde kaum erkennen, wohl aber, dass es sich um zwei stattliche Tiere, eines heller, eines dunkler, handelte.
„Das sind zwei sehr schöne Pferde, die Sie da haben“, sagte Lewis, um von sich abzulenken.
Goethe sah von einem bemähnten Kopf zum anderen, als sähe er sie zum ersten Mal. „Wirklich?“, fragte er. „Sie kennen sich in derlei Dingen aus?“
Lewis sah kurz gen Himmel. Konnte der Mann nicht Besitzerstolz zeigen, wie es jeder Engländer getan hätte? Vielleicht sollte Lewis sich derlei Höflichkeiten verkneifen, wenn es um Goethe ging.
„Nur soweit nötig“, antwortete er und versuchte, einigermaßen nonchalant zu klingen.
„Wundervoll!“, gab Goethe zurück und reichte Lewis das zweite Paar Zügel. „Sie werden es brauchen. Wir haben einen etwas längeren Ritt vor uns, und schnell sollte es auch gehen.“ Er setzte den Stiefel in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel, dass sich sein weiter Mantel bauschte.
Lewis tätschelte seinem Pferd vorsichtig die Flanke. Immerhin schien es ein friedliches Tier zu sein. „Wenn ich fragen darf, worum geht es hier eigentlich?“
„Sie dürfen fragen“, antwortete Goethe mit kurzem Blick zu Lewis und sah dann in die Ferne, soweit dies in dieser Gasse möglich war. „Aber erst außerhalb der Stadt. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Er funkelte Lewis an und drückte den Hut, den er die ganze Zeit nicht abgenommen hatte, fester auf sein Haupt. „Los, steigen Sie auf!“
Lewis saß auf, nicht weniger gekonnt als Goethe, und nickte. „Wie Sie befehlen, Herr Geheimrat.“
Goethe versetzte sein Tier in leichten Schritt, und Lewis sah besorgt am Böttiger’schen Haus empor, als das Schlagen der Hufe auf dem Pflaster durch die Straße hallte. Es schien ihm, als müsse dieses Lärmen in der ganzen stillen Stadt hörbar sein, und er fragte sich, welche Stunde es wohl sein mochte. Kein Turmschlag, kein Nachtwächter war zu hören. Er trieb sein Pferd an und folgte Goethe. Als sie den nahen Kirchplatz erreichten, schloss er zu ihm auf. Gerade wollte er fragen, warum Goethe so zum Aufbruch gedrängt hatte, wo er jetzt doch geradezu betulich dahintrottete, als dieser ihm den Kopf zuwandte und knapp nickte. Im selben Moment gab Goethe seinem Pferd die Sporen und schoss mit Getöse in die nächste Gasse hinein. Lewis zögerte nur einen Lidschlag lang und setzte dann nach, wobei er seinen Hut festhielt. Was auch immer dies für ein Spiel sein mochte, er würde mitspielen.
Zunächst gestaltete sich dies jedoch schwierig, denn der dahinpreschende Goethe verschwand immer wieder für Augenblicke aus dem Sichtfeld, wenn er um eine Ecke bog. Gleichwohl konnte Lewis mithalten. Allerdings ritt er völlig orientierungslos dahin, denn in dieser Geschwindigkeit, geschweige denn in der Nacht, hatte er sich in Weimar noch nie bewegt, und der Lärm, den sie verursachten, erschien ihm laut genug, die gesamte Weimarer Garnison zu alarmieren und ausrücken zu lassen. Sie eilten an Häusern vorbei, hinter deren Fensterscheiben nur vereinzelt noch das Licht eines Wachenden schien. Lewis glaubte zu sehen, wie eine Katze vom Weg in einen Garten floh, den Bretterzaun mit einem jähen Satz überwindend. Plötzlich mischte sich ein Wutschrei ins Trommeln der Hufe. Ein später Fußgänger, dessen Gang allerdings reichlich schwankend schien, schüttelte die Faust hinter dem entschwindenden Goethe her, als auch schon Lewis ihn passierte. Der Mann drehte sich um die eigene Achse und fluchte wie ein Kutscher. Zumindest erkannte Lewis einige der Vokabeln wieder, die sein Postillion auf dem Weg nach Weimar verwendet hatte. Dann war er auch schon außer Hörweite. Weit vorn bog Goethe um eine Ecke. Er schien sich sehr sicher zu sein, dass Lewis ihm würde folgen können, und dieser war froh, den Geheimrat nicht enttäuschen zu müssen.
Als Lewis Goethe wieder sah, stand dieser vor einem der Weimarer Stadttore und redete mit dem Posten, der vor seinem hölzernen Schilderhaus stand. Aus der offenen Tür des dahinterliegenden Torhäuschens drangen Licht und Gelächter, Karten knallten auf eine Tischplatte. Als Lewis herankam, sah er den Soldaten heftig nicken. Im Licht der Laterne schimmerten dessen Frack und Hosen in kräftigem Grün, und Lewis fühlte sich an einen Laubfrosch erinnert. Nicht unbedingt ein Tier, das Respekt einflößte. Der Posten öffnete eifrig das ein wenig knarrende Tor, das zwischen einem spitzgiebligen Haus und einem gemauerten Pfeiler von doppelter Mannshöhe in seinen Angeln hing. Auf dem Pfeiler thronte ein steinernes Tier mit Wappenschild in den Pranken. Lewis konnte beides nur schwach erkennen, doch schoss ihm sogleich der Traum mit der Sphinx durch den Kopf, und dieses Tier flößte ihm gehörigen Respekt ein.
Da rief Goethe ihn zum Weiterreiten, und Lewis folgte, vermied es aber, am Pfeiler hochzuschauen, als er ihn passierte. Der Posten grüßte, und Lewis dankte knapp. Hinter ihm fiel das Tor knarrend wieder in seine Ausgangsstellung.
Goethe wartete unter einigen hohen Laubbäumen auf ihn, die den Platz vor dem Tor bestanden. Er klopfte sich auf den Schenkel. „So, nun da wir aus der Stadt heraus sind, können wir auch eine flottere Gangart anschlagen, nicht wahr?“
Lewis sah Goethe wortlos an. Ihm schwante Übles.
Goethe grinste verschlagen. „Da Sie ja recht gut haben mithalten können, dürften die nächsten acht Meilen auch kein Problem sein.“
Lewis fragte sich, warum Goethe diese relativ kurze Strecke als längeren Ritt bezeichnet hatte, nickte aber zuversichtlich. „Seien Sie so gut, Herr Geheimrat, und klären Sie mich über das Ziel dieser nächtlichen Reise auf.“
Goethe hob die Brauen. „Nein, ich denke, das sollte ich nicht. Folgen Sie mir einfach. Sie werden etwas sehen, das es nicht alle Tage zu sehen gibt.“ Er wurde für einen Augenblick ernst. „Ein Glück, möchte man meinen ...“ Dann packte er die Zügel fester. „Also denn!“, rief er und sprengte los, aus den Schatten der Bäume heraus und den mondbeschienenen Weg entlang, der mitten durch die Felder vor Weimar führte.
Lewis schüttelte den Kopf und folgte Goethe dicht auf den Fersen.
Unter dem hellen Mond jagten sie dahin, zwischen den Feldern hindurch, an kleinen Gehölzen und Hainen vorbei, dann und wann einen Wasserlauf überquerend. Goethe schien den Weg überraschend gut zu kennen. Die Sicht war gut in dieser Nacht, und er hielt kein einziges Mal inne, um sich zu orientieren, eine Karte zu befragen oder dergleichen.
Lewis hielt seinen Blick fest auf den wehenden Mantel vor ihm geheftet, achtete darauf, wann das vorauslaufende Pferd Steinen oder Löchern im Weg auswich und lenkte sein eigenes Tier dementsprechend.
Dann und wann schob sich eine einzelne Wolke vor den Mond, ohne dass jedoch die sich dadurch verstärkende Dunkelheit Goethe in seinem rasenden Ritt gebremst hätte, und zum wiederholten Male fragte sich Lewis, was den Geheimrat dazu trieb, diese Anstrengung zu dieser späten Stunde auf sich zu nehmen und was er selbst dabei zu suchen hatte. Da Goethe ihn mit seinem plötzlichen Auftauchen einigermaßen überrumpelt hatte, kam Lewis erst jetzt zum Nachdenken. Wie seltsam, dass Goethe schon in so kurzer Zeit nach der Begegnung in Tiefurt wieder mit ihm zusammentraf. Zwar hatte er Lewis zum Mittwochsclub geladen, aber dies hier war beileibe keine geistige Gesprächsrunde, geschweige denn, dass es Mittwoch war.
Lewis kniff die Augen zusammen. Das stete Schütteln des Rittes schien ihn zu verwirren, auch strengte die Dunkelheit seine Augen an. Es war kein rechtes Vergnügen, mitten in der Nacht in mörderischem Galopp durchs Weimarer Umland zu jagen, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und warum Goethe ihn dabei im Schlepptau haben musste. Vielleicht war es das Beste, den Geheimrat offen zur Rede zu stellen. Lewis fand, er habe das Recht zu erfahren, was hier vor sich ging.
Er stieß seinem Pferd die Hacken in die Weichen, um es noch weiter anzuspornen, und es gelang ihm tatsächlich, zu Goethe aufzuschließen. Wenn es ihm nun noch gelang, auf dem nicht sehr breiten Feldweg an Goethe vorbeizuziehen oder zumindest auf gleicher Höhe mit ihm zu reiten, dann könnte er eine gerechtfertigt empörte Frage hinüberrufen und um Erklärung bitten, nein, eine fordern!
Lewis trieb sein Pferd weiter. Rechts und links schossen Bäumchen vorbei, die am Rande der Gräben zu beiden Seiten des Weges wuchsen. Er kam langsam immer näher an Goethe heran. Ob er schon einmal rufen sollte? Doch es war zweifelhaft, dass Goethe ihn durch das Hämmern der Hufe und den Wind, der ihm um die Ohren pfiff, würde hören können.
Wieder hatte er sich um eine Armeslänge weiter herangeschoben. Zu allem Unglück stieg der Weg nun langsam an, so dass er zu seinem Mitleid die Anstrengungen seines Tieres noch weiter verstärken musste, und wiederum kam der flatternde Mantel Goethes näher, war schon fast zum Greifen nah.
Plötzlich war der Scheitelpunkt der Kuppe erreicht, und der Weg fiel wieder ab, in eine weite Bodensenke hinein, auf deren Grund ein langgestreckter Wald lag. Lewis sah dies mit Bestürzung, als sein Pferd nach vorn schoss, bergab an Geschwindigkeit gewann und nun sogar Goethe überholte. Der wehende Mantel streifte ihn, ein leichter Stoß und ein Laut des Missmuts folgten. Lewis warf den Kopf zurück, konnte jedoch nicht erkennen, was sich wohl auf Goethes Gesicht abspielen mochte, und richtete den Blick gerade noch rechtzeitig wieder nach vorn, um zu sehen, wie der Waldrand rasend schnell näher kam. Der helle Streif des Weges wurde von der Düsternis verschluckt, die sich als schwarze Masse selbst vom dunklen Himmel abhob.
Lewis zog sachte, dann immer stärker die Zügel an und brachte sein Tier zum Halten, als es einige Körperlängen in die Schatten des Waldes eingetaucht war. Um ihn herum verhallten die Hufschläge, und dann war es still.
Lewis konnte sich nicht mehr entsinnen, wann er zum letzten Mal nächtens in einem Wald gewesen war, aber diese Lautlosigkeit schien ihm unnatürlich.
Er wandte sich um. Jenseits der Stämme, wo das Licht des Mondes ungehindert auf den Weg fiel, hätte er Goethe heranreiten sehen müssen. Doch er vermochte ihn nicht einmal zu hören.
Lewis zog sein Pferd am Zügel herum und ritt zum Waldrand zurück. Der Hufschlag verklang im Wald, und plötzlich konnte Lewis ein Rascheln aus dem Unterholz am Rande des Weges vernehmen. Mit einem Mal schrie auch ein Kauz von einem entfernten Baum hinab, und es war so still, dass er gar eine einsame Grille zirpen hörte.
Lewis schüttelte den Kopf. Natürlich war der Wald mit allem, was darin lebte, verstummt, als er wie von Furien gehetzt hineingeritten war. Wie unsinnig, der Stille nun eine andere Bedeutung oder Ursache beizumessen.
Allerdings, so fragte sich Lewis, nachdem er angespannt gelauscht und geschaut hatte, wo blieb Goethe? Mit Schrecken erinnerte sich Lewis, dass er den Geheimrat im Vorbeireiten gestreift hatte. Was, wenn dessen Pferd gescheut und ihn abgeworfen hätte? Lewis schoss es heiß den Nacken hinauf. Natürlich! Nur das konnte das Fehlen jeglicher Hufgeräusche erklären: Goethe lag mit gebrochenen Beinen und verrenkten Gliedern auf der Wegkuppe und verschied langsam und qualvoll, während er selbst dumm im Wald stand.
Schnell stieß Lewis dem Pferd die Absätze in die Seiten und schoss aus dem Wald hinaus, die Kuppe hinauf. „Herr Goethe! Herr Geheimrat!“, rief er.
Was, wenn es tatsächlich zur Katastrophe gekommen war? Einer der angesehensten Bürger der Stadt Weimar, vielleicht gar der angesehenste, dahingerafft auf einem Feldwege, durch die Schuld eines jungen Engländers mit zweifelhaftem Ruf, der einen Hang zur Geisterseherei hatte. Was würde das für Schlüsse nahelegen? Bestürzt erinnerte sich Lewis an den hetzenden Ritt durch die Gassen – welcher zufällige Betrachter hätte nicht denken mögen, dass er, Lewis, der hinter Goethe ritt, diesen gejagt hatte? Gejagt, um ihn vor den Toren der Stadt zu Tode kommen zu lassen, aus welchem dunklen Grund auch immer. Mitten in der Nacht, fern jeder Menschenseele!
Lewis erreichte die Kuppe, schon sah er Goethes Pferd, das am Wegesrand graste, und da, am Boden, eine dunkle Gestalt, zusammengekrümmt im Stadium der letzten Agonie, und tatsächlich: Da sickerte ein dunkles Rinnsal durch den Staub. Das Mondlicht brach sich im Blut des Poeten. Lewis schlug erschüttert die Hand vor den Mund und stöhnte.
„Recht haben Sie, dass Sie sich schämen“, brummte Goethe und richtete sich auf, wobei er sich den Staub von den Knien klopfte. „Mich so anzurempeln! Die Weinflaschen sind hin, und mein Prisma hat den Fall auch nicht überstanden.“
Er hielt eine Glasscherbe in die Höhe, deren Glitzern Lewis wie ein Freudenfeuer schien.
„Oh Gott“, stieß er befreit hervor. „Sie leben!“
„Natürlich“, gab Goethe schmallippig zurück, „aber nicht sonderlich gut, angesichts der Tatsache, dass mir ein schmackhafter Schoppen als Erfrischung nach dem weiteren Ritt vorenthalten bleiben wird.“ Er steckte den zerbrochenen Kristall in die Rocktasche, gab dem tropfnassen Beutel am Boden einen Tritt, dass er klirrend in die Wiese rutschte, und stieg dann wieder in den Sattel.
„Weiter jetzt, wir haben Zeit verloren, und dieses Mal bleiben Sie hinter mir, junger Master Lewis!“, knurrte Goethe.
Lewis blieb nichts anderes übrig, als unter dem scharfen Ton des Geheimrats ergeben zu nicken, und so ritten sie beide die Kuppe hinab und in den Wald hinein. Dort schlug Goethe wieder eine Geschwindigkeit an, die Lewis unbehaglich war. Zwar war der Weg breit genug, so dass die Schneise, die er durch die Stämme zog, einiges an Licht auf den Boden fallen lassen konnte, aber dennoch war der scharfe Galopp den Sichtverhältnissen keineswegs angemessen. Lewis fragte sich, ob der Geheimrat möglicherweise das Sehvermögen einer Eule besaß oder ob ihn eine Art Instinkt leitete, wohin auch immer der Ritt führen mochte. Zumindest sollte er, wie Lewis nun wusste, an einem Ort enden, an dem man Wein hätte trinken können, was dem ganzen einen recht harmlosen Anstrich verlieh. Goethe übertrieb anscheinend maßlos mit seiner Heimlichtuerei. Dann mochte es eben sein, dass der Geheimrat Landpartien nicht wie andere Leute im hellen Tageslicht, sondern bei Nacht bevorzugte.
Seltsam, aber nicht weiter verwerflich, es sei denn ...
Lewis schüttelte jeden weiteren Gedanken ab und konzentrierte sich auf den Weg. Nicht, dass es ihm selbst so erging wie den Weinflaschen des Geheimrats und er durch eine Unachtsamkeit vom Pferd fiel. Erfreulicherweise war der Weg jedoch frei von jeglichen Hindernissen, seien es Steine oder Zweige, und so ritt Lewis in stetem, ungebremstem Galopp hinter Goethe her. Ab und an durchquerten sie einen Schwarm Glühwürmchen, der in der sommerlichen Nachtluft schwebte, und Lewis kamen sie wie ein willkommener Abglanz der Sterne über ihm vor, der für ein paar Lidschläge Abwechslung ins Dunkel des Waldes brachte.
Nach kurzer Zeit lichtete sich das Dickicht endlich, und sie stoben wieder ins freie Feld hinaus. Lewis hatte jedes Zeitgefühl verloren und fragte sich, wie lange sie nun ritten. Die von Goethe genannten acht Meilen hatten sie jedenfalls längst hinter sich.
Lewis kam es in den Sinn, zu Goethe aufzuschließen, er ließ den Gedanken aber sogleich wieder fallen, nicht allein, weil es schon einmal schiefgegangen war, sondern weil ihm am Horizont, an dem sich eine dunkle Waldkette abzeichnete, plötzlich etwas auffiel: Ein heller, rötlicher Schein war dort zu sehen. Die Sonne ging auf, dachte Lewis zunächst, doch dann schüttelte er den Kopf. Hatte der Ritt durch den Wald, der Ritt über Land so viel Zeit in Anspruch genommen, dass bereits der Morgen dämmerte? Er lachte unzufrieden auf. Dann war Goethes Hinweis auf die acht Meilen also nur ein Vorwand gewesen, ihn zur Teilnahme an dieser Reise zu bewegen.
„Ah, Sie haben es auch bemerkt“, rief Goethe, der seinen Ritt etwas verlangsamt hatte, zu ihm zurück. Anscheinend war Lewis’ Lautäußerung lauter gewesen, als er gedacht hatte.
„Ja“, rief er zurück und machte keinen Hehl aus seinem Missmut. „Die Sonne geht auf!“
Goethe warf den Kopf herum. „Die Sonne?“ Er sah um sich und schüttelte den Kopf. „Ach was, da vorn ist unser Ziel!“
Lewis wollte dies nicht hinterfragen, sondern rief: „Außerdem haben wir weit mehr als acht Meilen zurückgelegt!“
Goethe lachte. „Selbstverständlich, wenn Sie englische Meilen meinen. Ich sprach aber von deutschen, und die sind fast fünfmal so lang. Ich nahm an, Sie wüssten das.“
Mit einem Mal wurde Lewis bewusst, warum er sich immer gewundert hatte, dass seine Reisen nach Berlin und Weimar so unverhältnismäßig lang gedauert hatten, obwohl die Kutscher stets von so geringen Entfernungen gesprochen hatten. Er biss sich auf die Lippen. Wie peinlich, dies nicht bedacht zu haben! Aber auf der anderen Seite hatte er in England die Karten studiert und die Entfernungen dort ...
Goethe riss ihn aus seinen Überlegungen. „Na los, keine Schwäche, jetzt, da wir das Ziel vor Augen haben! Los!“
Lewis verschob seine Berechnungen auf später, um mit Goethe mithalten zu können, der nun sein Pferd antrieb, als schimmere am Horizont nicht die Sonne, sondern ein Topf voll Gold, den es zu erreichen galt. Aber halt, verbesserte sich Lewis, die Sonne war es ja offenbar nicht – und selbstverständlich auch kein Gold. Aber was vermochte dieses Leuchten auszulösen? Dann kam ihm eine Idee. Je weiter sie sich dem Leuchten näherten, desto sicherer wurde er seiner Vermutung, und schließlich bewahrheitete sich diese.

Lewis und Goethe ritten auf den Vorhof der Hölle zu. Das lodernde Inferno lag in der Sohle eines Talkessels und sandte grelles Leuchten über die bewaldeten Hänge. Flammen schlugen hoch zum rotglühenden Himmel, und Funken stoben in die Nacht. Ein leiser Wind trug den Geruch von Feuer heran.
„Eine brennende Siedlung“, erkannte Lewis, und ihn schauderte. Er konnte im flackernden Licht kleine Gestalten zwischen den brennenden Häusern, Hütten und Scheunen sehen, Menschen, die zwischen den hohen Flammen und den riesenhaften Schatten, die diese ihnen anhefteten, herumliefen. Schreie waren zu hören, sowohl von Menschen als auch von Tieren.
Lewis konnte kaum glauben, dass Goethe ihn geweckt und durch Feld und Wald gehetzt hatte, um nun diesem schrecklichen Schauspiel beizuwohnen. Was für ein schrecklicher Mensch war dieser Geheimrat, sich an Elend und Verdammnis anderer zu weiden? Es schüttelte ihn vor Abscheu, und doch starrte er selbst wie gebannt auf die verheerende Macht, die dort unten wütete.
Goethe, der sich neben ihm auf dem Pferd nach vorn reckte, stieß ihn an. „Schauen Sie nicht! Lassen Sie uns hinabreiten und diesen armen Leuten helfen!“
Schon lenkte Goethe sein Pferd zu Tal, und Lewis folgte, wobei er zum erneuten Male nicht wusste, was er nun denken sollte.
Zum grellen Licht der Feuer kam nun auch die sengende Hitze, die sich wie eine Decke um die Ankömmlinge legte, und da war auch der Lärm. Das Flammenmeer fraß sich prasselnd durch Holzbalken und strohgedeckte Dächer. Männer schrien einander Worte zu, rannten mit Eimern, Krügen, Schaufeln und Beilen umher. Wasser spritzte Schwall um Schwall in die Glut, verwandelte sich zischend in Dampf, der mit dem Rauch die Sicht erschwerte. Schatten tanzen auf den gekalkten Wänden der Gebäude, die weiter von den Bränden entfernt waren und die eine Leinwand bildeten für ein groteskes Schattentheater verzerrter, unmenschlich wirkender Gestalten.
Lewis und Goethe hatten die nervösen Pferde am Eingang des Dorfes angebunden und waren rasch zum Brandherd gelaufen. Lewis fühlte sich wirklich in die Hölle versetzt. Die rußgeschwärzten Männer, die ihren nahezu aussichtslosen Kampf gegen die Flammen fochten, wanden sich im zuckenden Licht wie geschundene Seelen, und das Weinen und Jammern der Frauen und Kinder trug sein Übriges zu diesem infernalischen Eindruck bei.
Lewis hob die Hand vor die Augen. Nicht, um sie vor diesem Anblick zu schützen, sondern damit die Hitze ihm nicht die Lider versengte. Er atmete flach, um nicht zu viel beißenden Rauch in seine Lungen zu ziehen. Das Brausen des Flammenmeeres war ohrenbetäubend, das Wirbeln der Lohen zog Lewis in seinen Bann, so dass er nur dastand und starrte, beobachtete, wie das Feuer sich am Leib des Dorfes nährte.
Ein barscher Ruf lief ihn aufschrecken. Jemand drückte ihm einen schweren Eimer in die Hand. Es war Goethe, der seinen Rock abgelegt hatte und nun mit aufgerollten Hemdsärmeln Lewis zur Hilfe aufforderte. Der sah sich um. Innerhalb der wenigen Augenblicke, in denen er sich in der Betrachtung der Flammen verloren hatte, war er zum Glied einer Eimerkette geworden, die rettendes Wasser herbeischaffte. Er gab den Eimer rasch weiter an einen Mann, in dessen Augen sich das Feuer widerspiegelte. Irgendwo zischte es auf, als Wasser auf Glut traf, und schon spürte Lewis den nächsten Eimerhenkel in der Faust.
Lange Zeit gab Lewis sich dieser eintönigen Arbeit hin, um ihn herum nur sengende Hitze, rotes Licht und schwarzer Rauch. Das verschüttete Löschwasser tränkte seine Kleidung, die zu dampfen begann und in der Hitze trocknete, bis ihn ein erneuter Schwall durchnässte. Er spürte, wie seine Füße zu schmerzen begannen und erschrak, weil er plötzlich befürchtete, dass das Wasser in seinen Stiefeln zu sieden begonnen hatte. Rasch trat er vom Brandherd zurück, soweit es möglich war.
Dann kam Wind auf und trieb Funken wie glühende Meeresgischt vor sich her. Wo schon Stunden zuvor Häuser in sich zusammengesunken waren, blinzelte tückische Glut auf, loderten erneut Flammen empor. Die Löschenden gruppierten sich um, und Lewis folgte. Sein Gesicht und seine Augen brannten, und in seine Kehle schnitt der Durst. Kurz trank er aus einem Löscheimer, und das Wasser schmeckte nach Kohle und Ruß. Dann reichte er den Eimer weiter und nahm von der anderen Seite den nächsten Eimer und wieder den nächsten und wieder, ohne dass er die verstreichende Zeit wahrnahm.
In diese scheinbar endlose Eintönigkeit, die Lewis umfangen hielt, drangen mit einem Mal ein durchdringender Schrei und ein furchtbares Krachen.
Lewis erschrak, ein Eimer entglitt ihm und stürzte zu Boden, ein Wasserschwall durchtränkte Boden und Stiefel endgültig. Lewis sah auf und erkannte, dass ein wenig abseits ein Dachstuhl eingestürzt war, und die gewaltige Wolke aus Funken, die in die Luft gewirbelt worden war, senkte sich wie feuriger Nebel über die Szene. Schon loderten die Flammen neu auf, und das Heulen und Brüllen der Umstehenden übertönte für einen Augenblick das Fauchen und Prasseln. Kohlschwarze Schemen liefen durcheinander, und Rufe gellten. Lewis glaubte zu verstehen, dass einer der Löschenden unachtsam nahe an eine der lohenden Ruinen getreten war, just in dem Moment, als die glutzerfressenen Balken nachgegeben hatten.
Lewis versuchte, Näheres auszumachen. Aus den Trümmern des Hauses, die wie ein teuflischer, bizarrer Kamin geformt waren, drang ein Schreien. Der Mann schien noch zu leben! Die Retter versuchten, mit langen Stangen und Harken die rauchenden Balken zur Seite zu zerren und den Eingeklemmten zu befreien. Dieser schrie und brüllte, als sein Haar Feuer fing und mit heller Flamme von seinem Kopf gesengt wurde. Seine Bekleidung begann zu rauchen, und bald glühte er von Kopf bis Fuß. Der schreckliche Geruch kohlenden Fleisches drang bis zu Lewis hinüber, der dastand, die Hände halb erhoben und mit von Rauch und Entsetzen tränenden Augen ungläubig das grausame Geschehen betrachtend. Die anderen um ihn hatten ebenfalls innegehalten, die rettende Eimerkette war unterbrochen, und ringsherum brannte und loderte es ungezügelt. Doch schien in diesen Augenblicken die Rettung dieses einen Mannes wichtiger als das ganze Dorf.
Die gellenden Schmerzensschreie wurden mit einem Mal schwächer. Die Männer mit den Stangen und Harken packten zu und zerrten den Körper aus den glühenden Trümmern. Lewis wusste nicht, ob der Mann leblos oder nur ohnmächtig war, die geschwärzte Gestalt hing regungslos in den Armen der Retter. Als sie ihn vorübertrugen, sah Lewis im wirren Licht der Feuer die Brandwunden auf der Haut des Mannes, die schwarz und rot hervorsprangen und von denen sich sachter Rauch in Fäden kräuselte. Lewis bedeckte Mund und Nase mit der Hand, als ihn der Odor des Flammentodes erreichte, und voller Entsetzen schrak er zurück, als der gebrochene Blick aus den Augen des Mannes sich mit seinem kreuzte.
Da stieß jemand Lewis an, ein Henkel drückte sich in seine Hand, nass schwappte es um seine Füße, und schon war er wieder ein Glied in der unermüdlichen Kette von Händen und Wassereimern, die das Feuer bekämpften.

Nach langer Zeit, in der die stete Bewegung sich so seiner bemächtigt hatte, dass er nicht mehr an den schrecklichen Anblick des Toten dachte, bemerkte Lewis, wie es um ihn herum heller zu werden schien. Er fürchtete schon, es seien weitere Feuer ausgebrochen, doch ein Blick zum Himmel zeigte ihm, dass die aufgehende Sonne nun die zuvor vom Feuer gefärbten Wolken beschien. Mit dem Tagesanbruch war der Brand gelöscht. Doch kein Jubel erhob sich über den schwelenden Ruinen, allein Husten, Keuchen und schwaches Klagen.
Lewis sah suchend umher, um in der Menge der rußigen Geschöpfe Goethe zu finden. Ungekannte, tiefe Ermüdung überfiel ihn und auch zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Deutschland das Gefühl, sich einsam in völliger Fremde zu befinden. Um ihn herum war kein bekanntes Gesicht, man mochte nicht einmal glauben, dass es sich bei diesen schwankenden Gestalten um Menschen handelte. Die alten Bäume, die im Ort verteilt gestanden hatten, ragten bar jeden Astes zum Himmel und ähnelten schwarzen Kaminen, aus denen das Feuer der Erde rauchte. Die hohlen Stämme glühten von innen heraus.
Lewis fand Goethe schließlich, wie er flüsternd und mit rauer Stimme zu einem Mann sprach. Goethe entdeckte Lewis und winkte ihn heran. Mit schmerzenden Sohlen schleppte Lewis sich hinüber. Er strauchelte, und Goethe fing ihn auf, legte stützend einen Arm um Lewis’ zitternde Schultern.
„Wacker, junger Lewis“, sagte er und hustete ein wenig. „Der gute Lienhard hier wird uns Logis in seinem Haus gewähren.“
Der Mann, dessen Schopf und Bart wohl weiß gewesen sein mochten, jetzt aber durch den Ruß schwarz überpudert waren, nickte schwach, und seine von Anstrengung und Müdigkeit rotgeäderten Augen blickten freundlich. „Ich kenne den Herrn Geheimrat schon lange. Er war oft mit seiner Hoheit dem Herzog und dessen Husaren hier.“ Er wandte sich zum Gehen, blieb auf einen Wink Goethes aber stehen und ergriff Lewis’ andere Schulter.
„Very kind, dear Sirs“, murmelte der und ließ sich dabei helfen, langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen, um das schwarzgebrannte Herz des Dorfes zum Ortsrand hin zu verlassen.
Schließlich tauchte vor seinen rußblinden, sonnengeblendeten Augen ein Haus auf, mit hellem Putz, das nach all den schwarzen Ruinen so fröhlich und lebendig schien, dass Lewis es mit schwach erhobener Hand grüßte.
Lienhard und Goethe sahen sich kurz an, als Lewis matt und unverständlich englische Halbsätze zu murmeln begann. Dem jungen Engländer fielen immer wieder die Augen zu, und das letzte, was er bewusst wahrnahm, war das Niedersinken auf ein weiches Lager, das alle Annehmlichkeiten hatte, die er sich in diesem Moment wünschte: keine Hitze, keine Flammen und keinen Rauch.
Lewis stürzte von einem zum anderen Augenblick in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf, doch das, was in diesen Stunden dennoch wach blieb in ihm, durchlebte erneut auf schreckliche Weise die Höllenbilder der Nacht.
Die Szenerie war seltsam verändert: Statt der rußschwarzen Ruinen des niedergebrannten Dorfs waren um ihn die moderdunklen Mauern eines unterirdischen Verlieses, und doch herrschte eine drückende Hitze, die mit schwefligen Dünsten durchzogen war, welche das Atmen auf beklemmende Weise erschwerten. Lewis sah vor sich einen brennenden Körper, doch es war nicht der jenes armen Bauern, der in den Trümmern seines Hauses einen feurigen Tod gefunden hatte. Es war ein brennender Leib, der die Gestalt eines Engels hatte, und er trug das Merkmal eines Blitzes des Ewigen. Ein verbranntes Braun war über alle Züge gebreitet, seine Hände und Füße waren krallenbewehrt. Aus seinen Augen strahlte ein düsteres Feuer, welches selbst das standhafteste Herz mit Schauder erfüllt hätte. Auf den überaus großen Schultern trug er große, schwarze Flügel, statt der Haare hingen von seinem Haupt lebendige Schlangen herab, die sich um seine Stirn unter grässlichem Zischen bewegten. In der einen Hand hielt er eine Pergamentrolle, in der anderen eine eherne Feder. Lewis, in seiner Traumgestalt, spürte, wie sein Blut zu Eis wurde, während er dieses Wesen betrachtete. Der Flammende richtete den Blick auf Lewis, reichte ihm das Pergament, und Lewis nahm es. Dann hob die Gestalt die eherne Feder und stach mit ihr in eine Ader seiner linken Hand, und die Feder fasste das ausströmende Blut. Der Flammende reichte Lewis die Feder, und der ergriff sie. Dann begann er zu schreiben. Wort um Wort, Zeile um Zeile fügte er aneinander, und je mehr er schrieb, wie rasend und mit Schweiß, Ruß und Schwefel auf der Stirn, desto deutlicher erkannte er, dass das, was er da schrieb, dieselben Worte waren wie jene auf dem entsetzlichen Manuskript, das aus seinem Zimmer verschwunden war.
„Nein!“, rief Lewis, und die brennende Gestalt lachte, ergriff ihn mit ihren Krallen am Kopf und hob ihn empor. Die Mauern des Kerkers stürzten ein und enthüllten eine beklemmende Landschaft. Ringsum sah Lewis nichts als düstere Höhlen und steile Felsen, von denen einer auf den anderen getürmt war und die ihre Gipfel in den Wolken verbargen. Einige einsame Bäume standen weit voneinander entfernt, und der Wind, welcher mit Widerstand durch ihr dickes Laub drang, ließ ein eintöniges Rauschen hören, welches das heisere Geschrei der Adler, die hier nisteten, gelegentlich unterbrach. Von geschmolzenem Schnee angeschwollene Flüsse brausten, und nachdem sie sich in Abgründe gestürzt und ihren Weg in einen langen, unermesslich tiefen See genommen hatten, brach sich in ihnen der Schein des Mondes am Fuße des Felsens, von dem aus die Gestalt mit Lewis in den Krallen emporstieg. Immer höher flog sie auf ihren Schwingen hinauf, und so unvermittelt, wie sie Lewis ergriffen hatte, ließ sie ihn niederstürzen. Lewis fiel auf die emporragende Spitze eines Felsens, wurde im Fall von Abgrund zu Abgrund gewälzt, bis er zerstoßen, zerschmettert, verstümmelt am Ufer eines Flusses liegenblieb. Doch noch hatte er sein Leben nicht ausgehaucht. Vergebens bemühte er sich aufzustehen. Seine zerbrochenen Gliedmaßen versagten ihm den Dienst, und wie angeheftet war er an den Ort, auf den er gefallen war. Die Sonne ging auf, ihre sengenden Strahlen fielen wie Blei auf das Haupt des Sterbenden. Millionen Insekten, durch die Wärme geweckt, krochen auf ihn und saugten Blut aus seinen Wunden. Er konnte sich nicht bewegen, um sie zu vertreiben. Sie fraßen sich hinein, brachten ihm neue Wunden bei, bedeckten ihn fast, und jeder Biss war der Anfang neuer Leiden. Die Adler flogen vom Gebirge auf ihn herab, rissen sein Fleisch in Stücke und gruben ihm mit ihren krummen Schnäbeln die Augen aus. Von brennendem Durst verzehrt hörte er das Rauschen des Flusses neben sich und konnte sich doch nicht zu ihm hinschleppen. Da erhob sich ein Gewitter, die rauschenden Winde erschütterten die Felsen und stürzten die Wälder um. Am Himmel zogen blitzschwangere Wolken auf, der Regen floss in Strömen herab, ließ den Fluss anschwellen und trieb ihn aus seinen Ufern. Die Wellen gewannen den Ort, wo Lewis lag, und schleppten seinen Leichnam mit sich in den Ozean.
Lewis erwachte durch einen milden Lufthauch, der durch das geöffnete Fenster hereinströmte und seinen Schweiß trocknete. Verwirrt fuhr er sich mit der Hand durchs nasse Haar. Er blinzelte gegen das helle Licht, das ins Zimmer fiel, und erschrak. Ein dunkler Schatten, die Silhouette eines Mannes stand da, die Hände auf den Fensterrahmen gestützt. Lewis sog scharf die Luft ein, und dieses Geräusch ließ Goethe sich umdrehen. Er nickte Lewis zu.
„Sie sind gewiss hungrig, nicht wahr? Es ist schon Mittag.“
Lewis hustete und rieb sich die Augen.
Goethe lachte. „Ich schätze, das war eine Zustimmung. Kommen Sie hinunter, wenn Sie sich angezogen haben.“ Dann verließ er die kleine Kammer und polterte auf der Stiege nach unten.
Lewis schlug die Hände vor das Gesicht, als ihm die Traumbilder der Nacht in seine Erinnerung trieben, noch stärker als die Eindrücke des wirklichen Schreckens der Feuersbrunst. Rasch sprang er aus dem Bett und ans geöffnete Fenster, atmete tief ein.
Hell war es draußen und freundlich. Das Fenster lag auf der Seite des kleinen Hauses, die der verbrannten Dorfmitte abgewandt war.
Lewis sah auf einen Gemüsegarten und auf Bäume, die den Blick auf entferntere Teile der Landschaft verbargen. Das Grün der Blätter beruhigte Lewis und lenkte ihn von den Bildern der Schluchten und Schründe ab, durch die er im Traum gestürzt war. Dass dies alles nur ein Gespinst der Geschehnisse aus der Feuernacht war, wollte Lewis nicht leugnen. Doch beunruhigte ihn, auf welch scheußliche Art sich dies mit dem verschwundenen Manuskript verbunden hatte.
Er rieb sich die Augen und musterte seine Hände. Schmutz und Asche waren zumindest oberflächlich entfernt. Auch trug er ein zerschlissenes, aber sauberes Nachthemd. Es schien, als seien die zerrenden Adlerschnäbel des Traumes helfende Hände gewesen und die Fluten der Wolkenbrüche ein Waschzuber. Lewis wandte den Kopf und sah auf einem wackligen Stuhl seine Kleidung liegen. Auch diese war zwar etwas klamm, aber gereinigt. Von dem vormals schneeigen Weiß seines Hemdes war allerdings nur ein trüber, grauer Schleier übrig. In der feuchten Kleidung – seine Stiefel waren erfreulicherweise trocken – fröstelte ihn, als er im Luftzug von Fenster und Tür stand, und so folgte er rasch Goethe nach unten. Vor dem Haus, einem Gasthof, wie Lewis an dem bemalten Schild erkannte, unter dem er herausgetreten war, stand Goethe im Sonnenlicht. Lewis ging zu ihm und wärmte sich an den Strahlen der mittäglichen Sonne. Dann folgte er Goethes Blick und sah die Rauchfäden, die sich in der Dorfmitte zum Himmel kräuselten.
„Meine Ideen über Feuerordnung haben sich erneut bestätigt“, sagte Goethe, ohne sich direkt an Lewis zu wenden. „Nach der Bauart unserer Siedlungen müssen wir so etwas eigentlich täglich erwarten. Es ist, als sei der Mensch genötigt, einen kunstvoll errichteten Holzstoß zu bewohnen, der genau dazu zusammengetragen wäre, das Feuer schnell aufzunehmen.“ Er atmete tief, als röche er die entfernten Schwelbrände. Dann sah er Lewis ernst an. „Aber der Mensch ist Mensch und die Flamme eine Bestie. Da kann ich zehn Leben lang Minister für Brandschutz und anderes sein, ich werde es kaum ändern können.“
Lewis nickte sachte genug, um den ersten Teil von Goethes Worten zu bejahen, aber keine Zweifel an den Fähigkeiten des Geheimrats erkennen zu lassen. „Woher wussten Sie, dass das Dorf brannte?“, fragte Lewis schwach.
„Ich habe schon vor Jahren Order gegeben, dass mir jeder Brand in der Umgebung Weimars gemeldet werden soll. Halten Sie es bitte nicht für ein makabres Vergnügen von mir, ich will nur anwesend sein, um Schlüsse zu ziehen und neue Verfügungen zu entwickeln. Außerdem weiß ich, dass meine persönliche Hilfe spätere Befehle aufs Beste unterstreicht. Die Bürger müssen auch im Kleinen sehen, dass man für sie da ist.“
„Warum haben Sie mich ...“
Goethe biss die Zähne aufeinander. „Nachdem der Bote mich aus dem Bett geklopft hatte, kam mir die Idee, Ihnen doch einmal etwas anderes zu zeigen als ...“ Goethe seufzte. „Ich hatte nicht geglaubt, dass das Feuer bei unserer Ankunft noch so stark wüten würde, und ich hätte Ihnen nur zu gern den Anblick des armen Verunglückten erspart.“ Er schaute zu Boden.
Lewis stand peinlich berührt dem reumütigen Geheimrat gegenüber und suchte nach Worten. „Nun, Sie konnten dies nicht wissen ...“, begann er zögernd. „Seien Sie versichert, dass ich es Ihnen nicht übelnehme. Ich bin wieder einigermaßen hergestellt.“
Goethe hob den Kopf und beäugte Lewis. Der kam sich in seiner klammen und zerknitterten Garderobe recht elend vor, und man sah es ihm deutlich an.
Goethe schmunzelte wieder. „Aber nun ist ein spätes Frühstück recht, nicht wahr? Oder vielmehr ein Mittagessen! Das muntert auf!“
Er packte Lewis an der Schulter und schob ihn wieder ins Haus. In der Wirtsstube, die still und einsam war und auf deren Tischen noch die halbgeleerten Becher und Gläser der vergangenen Nacht standen, aßen Lewis und Goethe von dem Brot und dem Rauchfleisch, das der Wirt bereitgestellt hatte. Lewis aß mit großem Appetit und versuchte, die Blicke nicht auf die kreuz und quer an den Tischen stehenden oder gar umgestoßenen Stühle zu lenken, die deutlich vom hastigen Aufbruch der Gäste beim Verkünden des Feueralarms berichteten. Zum Aufräumen hatte der Gastwirt noch keine Zeit gefunden. Goethe zufolge war er wieder an der Brandstelle, um dort weiterhin zu helfen.
Lewis fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, hier in aller Ruhe etwas zu essen, und rasch flackerten die Bilder der Nacht in seinem Kopf auf. Doch fühlte er sich schwach und gestand sich ein, dass er kaum eine Hilfe bei den Aufräumungsarbeiten sein würde. So konzentrierte er sich auf das Mahlen seiner Kiefer und hoffte, das flaue Gefühl in seinem Inneren werde sich bald legen. Er sah zu Goethe hinüber.
„Wer hat“, fragte er zwischen zwei tiefen Zügen aus seinem Becher mit Wasser, „meine Kleidung gerichtet?“
„Lienhards Gemahlin“, meinte Goethe, als hielte er diese Frage für närrisch. Er setzte seinen Wein ab. „Oder dachten Sie etwa, fleißige Heinzel ...“ Er grunzte leise und nahm einen weiteren Schluck.
Lewis griff nach dem Brot. „Heinzel? Wer ist das?“
Goethe lachte. „Ich dachte, Sie seien durch allerlei Lektüre mit der hiesigen Geisterwelt vertraut. Kleine Erdmännlein sind das, freundlich manchmal, manchmal auch nicht. Bei Ihnen heißen sie Leprechauns, wenn ich nicht irre ...“
Lewis verzog das Gesicht. „Die gibt es nur in Irland, und dort sollen sie auch bleiben.“
Goethe lachte erneut. „Goblins dann, mein treuer Engländer! Kobolde heißen sie bei uns.“ Er trank noch mehr Wein und aß auch noch einen Bissen. „Da fällt mir ein: Wussten Sie, dass diese beiden Worte sich aus derselben lateinisch-griechischen Wurzel herleiten, und noch viel interessanter: dass die Bergleute das Mineral Kobalt nach diesen Erdgeistern benannten, weil sie glaubten, es sei durch diese verhext und verunreinigt? Oder die kleinen Diebe hätten das aus den Adern gestohlene Silber dadurch ersetzt?“
„Nein“, sagte Lewis, „das wusste ich nicht.“ Da er in dem Blick Goethes wiederum eine Anspielung auf seine Lektüre und seine Erlebnisse zu erkennen glaubte, fügte er hinzu: „Ich habe mich kaum mit Bergbau beschäftigt.“
Goethe lachte. „Na, wie herrlich trifft es sich, dass ich seit Jahren in der Bergbaukommission tätig bin.“
Lewis fühlte das Verlangen, die Achseln zu zucken, unterdrückte es jedoch und schnitt sich ein weiteres Stück Speck ab.
Goethe wartete, bis Lewis ihn wieder ansah. „Noch viel trefflicher ist es, dass wir uns hier ganz in der Nähe von Ilmenau befinden, wo man seit einiger Zeit schürft. Ich habe vor acht Jahren den Johannisschacht eröffnet.“ Er stockte kurz, als sei die Erinnerung daran doch nicht so erfreulich. Dann schmunzelte er wieder.
„Ich denke, es ist nicht verkehrt, wenn wir einen kleinen Ausflug dorthin unternehmen. Das wird lehrreich sein, und zudem ist die Landschaft dort, die Höhen und Wälder, genau das Richtige, um die schrecklichen Ereignisse letzter Nacht zu vergessen. Wir haben tüchtig angepackt, da haben wir uns Zerstreuung verdient, ehe wir nach Weimar zurückkehren.“
Lewis fuhr auf und stieß dabei fast seinen Becher um; Goethes Hand schoss vor und hielt das kippende Gefäß auf. Lewis hob die Hand zur Stirn. „Gute Güte! Was werden die Böttigers denken, wo ich doch einfach mitten in der Nacht verschwunden bin? Sie werden sich sorgen!“
„Ach, Lewis“, sagte Goethe leise und füllte Wein in den Becher des Engländers, um ihn ihm dann wieder zuzuschieben. „Seien Sie unbesorgt. Ich hatte das selbstredend bedacht und schon am gestrigen Abend verfügt, dass sich heute in aller Frühe ein Diener zu Böttiger begeben würde, um ihn – und seine Frau – von unserer Exkursion in Kenntnis zu setzen. Niemand wird sich sorgen.“
Lewis nahm den Wein, trank und verschaffte sich damit eine kurze Denkpause, in der er darüber nachsann, was Goethe mit der seltsam betonten Erwähnung von Eleonore Böttiger wohl hatte andeuten wollen. Er kam zu keinem Ergebnis, leerte den Becher bis auf den Grund und setzte ihn fest auf die zerschrammte Tischplatte, ohne sich wieder zu setzen. Der Wein fuhr ihm warm in den Leib und verscheuchte die Gedanken an die Feuersbrunst der Nacht. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Nun denn, Herr Geheimrat. Dann bin ich gespannt, welche Zerstreuung Sie mir bieten können!“
Goethe stand auch auf und lachte in sich hinein, weil er erkannte, dass die Wangen des jungen Engländers nicht allein vom Wein rötlich gefärbt waren.
Draußen stiegen sie auf. Goethe hatte Proviant nebst einiger Flaschen Wein in seinen Satteltaschen, für die er dem Wirt eine Summe Geldes in der Schankstube hinterlegt hatte. Goethe versetzte sein Pferd, es war ein Apfelschimmel, wie Lewis nun im Tageslicht erkannte, in leichten Trab und lenkte ihn zunächst zur Dorfmitte hin.
Lewis spürte einen leichten Stich. Ihm lag wenig daran, noch einmal den Ort der Geschehnisse sehen zu müssen, noch dazu bei Tage, wo sich das Ausmaß der Zerstörung noch schonungsloser offenbaren würde. Er hielt die Zügel seines Fuchses fest und rief Goethe zögerlich nach: „Wollen Sie dem Wirt noch einen Abschiedsgruß entbieten?“
Goethe drehte sich im Sattel um. „Wozu? Das habe ich schon getan, nachdem ich sie geweckt hatte. Nun los, ein Ritt durch den fröhlichen Sonnenschein wird Sie aufmuntern, und falls Ihnen die Füße auch nur halb so weh tun wie mir, dann sind Sie doch ebenso froh, einige Zeit im Sattel zu sitzen und nicht etwa zu laufen, nicht wahr?“ Er trabte weiter, nun deutlich auf den Ausgang des Fleckens zu.
Lewis seufzte ergeben, trieb sein Pferd an und schloss auf.

Der Ritt nach Ilmenau war zu Lewis’ Freude geruhsamer und erfrischender als die nächtliche Hatz zum brennenden Dorf. Irgendwann fiel ihm zwischen den lichten Buchen und Lärchengehölzen ein, dass er den Namen des Ortes gar nicht kannte. Er konnte sich auch nicht erinnern, ob Goethe ihn genannt hatte. Schließlich kam er aber mit sich überein, auf dieses Wissen verzichten zu können. Es drängte ihn nicht danach, diesem Vorgeschmack auf Hölle und Fegefeuer einen irdischen Namen zu geben, der ihm dies alles noch tiefer ins Gedächtnis brennen würde. Als in ihm die Frage aufstieg, ob noch weitere Einwohner in den Flammen zu Tode gekommen waren, zwang er sich, auf das Lichterspiel der Sonne zwischen den Zweigen und den Singsang der Vögel zu achten, und gerade, als sich wieder Flammen und Rauch durch seine Gedanken sengen wollten, sprang Goethe mit einem Male vom Pferd, brach in den Wald hinein, lärmte durchs Unterholz und tauchte erst nach einer bangen Weile wieder auf.
Auf Lewis’ Rufen hin hatte Goethe ihn einige Male vertröstet, er werde sogleich wieder auf den Weg kommen, und schließlich tat er das auch, mit breitem Grinsen, das schrecklich blaue Lippen und Zähne zeigte. Er reichte Lewis ein Taschentuch mit einer guten Handvoll Heidelbeeren. „Sie schauen so säuerlich, da dachte ich, Ihnen täte etwas Süßes gut.“ Darauf schwang Goethe sich wieder in den Sattel und ließ den sichtlich berührten Lewis hinterdrein reiten.
Langsam verdunkelten sich die Wälder um sie herum, wandelten sich zu hohen Forsten aus schwarzen Fichten. Goethe pfiff vor sich hin, gut gelaunt, als freute er sich auf etwas, das kurz bevorstand. Lewis fragte sich, warum der sonst so mitteilsame Geheimrat den recht gemächlichen Ritt nicht zur Konversation nutzte, aber im Grunde war er ihm dafür dankbar. Allmählich fühlte er sich trotz der schrecklichen nächtlichen Ereignisse ähnlich unbelastet wie am Tage zuvor in den Parks an der Ilm, zumindest bis er sich an seinen Verfolger erinnerte.
Da kam ihm in den Sinn, was er am Abend der Rückkehr aus Tiefurt aus der Kutsche von Herder und Goethe gehört hatte, und er beschloss, Goethe danach zu fragen. Rasch trieb er seinen Fuchs an, lenkte ihn neben Goethes Apfelschimmel und wollte gerade zu seiner Frage ansetzen, als sich der Wald vor ihnen öffnete und den Blick auf ein breites Wiesental freigab, durch den sich ein rasch fließender, klarer Fluss zog.
Goethe schaute nach vorn und wollte den vermeintlich hinter ihm reitenden Lewis neben sich rufen, als er diesen schon an seiner Seite sah. Erfreut richtete er sich im Sattel auf und sagte laut: „Anmutig’ Tal! Du immergrüner Hag! Mein Herz begrüßt euch wieder auf das Beste!“ Dann strahlte er Lewis an. „Schön, nicht?“
„Durchaus ...“, begann der und versuchte, sich im Geiste seine Frage zurechtzulegen, die der lyrische Ausbruch Goethes hinweggefegt hatte. Aber dann schien es ihm nicht der rechte Augenblick zu sein. Goethe schien sehr glücklich und bewegt, und Lewis mochte dies nicht mit dumpfen Ahnungen zerstören.
Nach einigen Minuten, in denen sie das Schimmern des Lichts auf den flachen Wellen der Ilm und den Halmen der Wiesen betrachtet hatten, räusperte sich Goethe. „Da unten liegt Manebach. Kehren wir dort ein.“
Nach kurzem Weg am Fluss entlang konnte Lewis die schieferblauen Dächer des Dorfes sehen, das in enger Tallage zwischen zwei bewaldeten Höhenzügen kauerte.
Goethe wies nach oben. „Dort links ist der Kickelhahn, zur Rechten der Schwalbenstein. Auf beiden Gipfeln liegen für mich recht bedeutungsvolle Orte ... schöne Erinnerungen ...“ Versonnen trabte er auf seinem Pferd dahin, und Lewis ließ ihn gewähren.
In Manebach aßen sie in einem etwas überfüllten Gasthaus, Goethe fragte beim kahlköpfigen Wirt, den er ebenfalls kannte, nach dem Befinden des Kantors und erfuhr, dass dieser nicht zugegen war.
„Schade“, sagte er daraufhin zu Lewis. „Das Gärtchen neben dem Pfarrhaus ist sehr gefällig. Aber uns steht der Sinn nach Höherem!“
Noch ehe Lewis dies richtig entschlüsselt hatte, befand er sich schon in Goethes Schlepptau und stampfte mit wehen Füßen bergan, zum Schwalbenstein hinauf. Es ging steil den Fichtenberg empor, und oft glitt Lewis auf dem glatten Nadelboden aus. Er fragte sich, ob Goethe ihn auf diesen Gipfel führte, um ihm tatsächlich die Landschaft Thüringens näher zu bringen, oder ob ihm doch eher daran lag, seinen englischen Gast von den Schrecknissen der Nacht abzulenken. Lewis ließ sich von der warmen Luft und dem Duft der Fichten umfangen, sog alles in sich ein und vertrieb mit einiger Mühe die letzten Gedanken an das Inferno. Schon wollte er wieder über den beängstigenden Traum grübeln, da wurde der Aufstieg steiler, und er musste achtgeben, nicht zu straucheln und mit Goethe Schritt zu halten. Schließlich kamen sie auf einen ebenen, grasbewachsenen Weg und folgten ihm bis zu einigen verwitterten Tränktrögen. Lewis sah sie sehnsüchtig an, denn es war ihm recht warm, und er verspürte Durst nach diesem Aufstieg. Doch Goethe munterte ihn auf und trieb ihn noch ein etwas steileres Stück hinan, wo eine Quelle sprudelte. Lewis trank gierig und benetzte sich Gesicht und Nacken, während Goethe schon weiterschritt.
Der Schwalbenstein klammerte sich hoch über dem Tal an einen Hangsturz. Eine roh gezimmerte Schutzhütte stand da, und Goethe baute sich neben ihr auf, blickte in die Landschaft.
„Schauen Sie! Muss man hier bei heiterem Wetter nicht einfach dichten? Ich konnte an einem einzigen Tag einen kompletten Akt eines Schauspiels verfassen. Aber das ist mehr als zwölf Jahre her.“
Lewis war außer Atem. „Ich erinnere mich“, begann er, „an das, was Sie in Tiefurt sagten. Dass Sie keinen Sinn mehr in der Dichtung sehen, nachdem die Revolution in Frankreich ausgebrochen ist. Dass Ihnen allein die Wissenschaft Ansporn für den Geist gäbe.“
Goethe presste die Lippen zusammen. „Ja. Ich sagte dies und will davon auch kein Iota abrücken. Aber schließlich zehrt der Mensch auch von der Erinnerung, nicht?“
Er blickte wieder in die Ferne. „Vielleicht kommen auch wieder andere Zeiten“, flüsterte er und schlug dann jäh wieder einen lebhaften Tonfall an. „Wer kann sich schon der Natur verschließen? Ob mit dem Blick des Dichters oder des Wissenschaftlers betrachtet, eine Augenweide ist sie allemal!“
Er wandte den Kopf, als suche er etwas. Dann hob er den Finger. „Hören Sie! Ein Waldlaubsänger, und dort ein Zilpzalp!“ Mit ein paar raschen Schritten war er unterwegs zu den Bäumen.
Lewis blieb noch ein Weilchen stehen und schaute über das Tal der Ilm auf den hellgrünen Wald des jenseitigen Berges.

Als sie wieder hinabgestiegen waren, fiel die Sonne schon schräg durch die Tannen. Der Geheimrat ließ es sich nicht nehmen, in den Lesesteinhaufen der Felder unterhalb der Manebachwand nach Kreuzottern zu forschen.
Lewis war es zufrieden, dass sich die Geschöpfe als genauso scheu erwiesen, wie Goethe sie beschrieben hatte, denn nach einer Begegnung mit Reptilien stand ihm nicht der Sinn. Vielmehr verspürte er nach diesem Bergausflug einen großen Appetit, und so stutzte er, als Goethe ihn vor dem Wirtshaus bat, doch draußen zu warten, während er selbst für einige Augenblicke hineinhuschte.
Er kam mit einem Säckchen über der Schulter wieder heraus. „Vesper“, meinte er knapp, als er Lewis’ fragenden Blick bemerkte.
„Aber warum können wir das nicht drinnen zu uns nehmen?“, fragte Lewis nach, als ihm aufging, was das fremde Wort bedeutete.
„Weil es dann zu spät würde, um noch bei anständigem Licht den Kickelhahn zu besteigen“, versetzte Goethe knapp und stapfte los.
„Aber Herr Geheimrat!“, rief Lewis. „Gute Güte! Noch ein Berg?“
„Kommen Sie“, sagte Goethe, ohne sich umzudrehen. „Sie sind um einiges jünger als ich, und Sie müssen zugeben, dass dies doch erheblich erquickender ist, als in Zimmern und Salons sich dem Gespräch hinzugeben! Wir halten Dialog mit der Natur!“
Lewis eilte hinter Goethe her. „Ich muss gestehen, dass mich meine Füße schmerzen, von den Beinen ganz zu schweigen.“
Goethe blickte kurz an Lewis hinab. „Das liegt daran, dass Sie nicht richtig gehen!“ Der Geheimrat schlug einen furchtbar schulmeisterlichen Ton an, der Lewis an Böttiger erinnerte. „Sie müssen mit dem ganzen Fuß auftreten. So.“ Er machte es vor, und Lewis schaute verdutzt. „Natürlich übertreibe ich jetzt, aber im Prinzip ist es so richtig! Nun los, machen Sie es einfach nach – Sie werden sehen, das hilft!“
Lewis kam der Aufforderung nach, und so schritten sie in jener seltsamen Gangart die Straße entlang. Als die beiden die Ilm-Brücke nach Kammerberg querten, begegnete ihnen ein Pferdefuhrwerk. Der Bauer und seine beiden Knechte schauten ungläubig auf das seltsam dahinschreitende Paar, und Lewis war ein weiteres Mal froh, dass er in diesem Land fremd und unbekannt war.
In Kammerberg angekommen berichtete Goethe vom dortigen Bergbau, wenn auch nur im Vorbeigehen, denn er strebte mächtigen Schrittes dem Waldberg zu.
„Dort liegen die Steinkohlengruben, in die ich ab und an mit dem Herzog eingefahren bin. Dort finden sich neben der profanen Kohle auch immer wieder interessante fossile Pflanzen ...“
Lewis nickte. „Sie sprachen schon von den Bergwerken. Aber ich dachte, Sie wollten mir diese zeigen, und nun steigen wir erneut einen Berg hinauf statt in einen hinein?“ Er hoffte bei sich, den Geheimrat von seinem neuerlichen Gipfelsturm abhalten zu können, indem er bergbauliches Interesse vorgab. Auch wenn die Hitze im Tal merklich nachgelassen hatte, perlte ihm dank des strammen Tempos, das Goethe anschlug, der Schweiß über die Stirn.
„Oh nein“, antwortete Goethe, „hier werden wir uns nicht ins Erdinnere begeben. Die Stollen sind hier so niedrig, dass die Hauer die Kohle auf der Seite liegend losbrechen müssen, und um sie herauszubefördern, müssen sie kriechen, wobei sie kleine Karren, die am Fuß angebunden sind, mit sich ziehen.“
Er sah, wie Lewis das Gesicht verzog. „Außerdem“, fügte er hinzu, „haben wir gestern genug Ruß und Asche abbekommen, nicht wahr? Warum also noch Kohlenstaub hinzufügen?“
Lewis erschauerte, nickte ergeben und sah plötzlich die bevorstehende Bergpartie in einem anderen Licht.
Kaum hatten sie die Waldgrenze erreicht, brach er kurzerhand einen kräftigen Ast von einem gestürzten Baum und benutzte ihn als Wanderstock, wodurch er um einiges bequemer vorankam. Im schrägfallenden Licht standen die Fichten am Wegesrand aufrecht und ungebeugt da, wie gepanzert mit ihren harten Stämmen. Dazwischen fanden sich, seltsam deplatziert in diesem sonst dunklen und ernsten Wald, hier und da einige lichte Buchen. Oft nur strauchhaft klein und mit bebenden Blättern, als seien sie eingeschüchtert zwischen den Nadelhölzern. Lewis sah das als Sinnbild für sich und Goethe: Der spazierte munter pfeifend voran, groß und aufrecht, während Lewis mit seinem Stock hinterdreinstolperte. Er blickte stur auf Goethes Rücken und den dort schwankenden Leinenbeutel, in dem sich Nahrung und Trank befanden.
Während Lewis Goethe folgte wie der Esel mit dem Karren der vorgehaltenen Karotte, grübelte er darüber nach, wie er Goethe zur Sache der schwarzen Reiter befragen könnte. Keineswegs wollte er in Verdacht geraten, ein privates Gespräch belauscht zu haben, aber nun, die Kutsche hatte an jenem Abend in Hörweite gestanden, schließlich hätten Goethe und Herder mit ihrem Gedankenaustausch auch noch einige Zeit warten können. Lewis war froh, dass ihm der Atem fehlte, Goethe hier und jetzt zu befragen, denn er war noch zu keiner befriedigenden Lösung gekommen, wie er das heikle Thema würde anschneiden können. Er grübelte unablässig und hatte keinen Blick für die Rodungen und Waldplätze, die sich hier und da aus dem Dickicht schälten. Schließlich schleppte er sich nur noch stumpf voran, während er allmählich Mühe hatte, den voranschreitenden Goethe zu erkennen.
Dann endlich hatten sie den Gipfel erreicht, und im frühabendlichen Rotgold lag erneut das Ilmtal unter ihnen. Lewis schnaufte und fühlte sich auf verwirrende Weise an den Blick wenige Stunden zuvor auf der anderen Seite erinnert. Er folgte Goethe zu der einfachen, aus Brettern gefügten Pirschhütte, die neben den Bäumen stand. Selbst diese ähnelte frappant ihrem Gegenstück jenseits des Tales. Der einzige erfreuliche Unterschied war der Inhalt des Proviantsackes, den Goethe nun auf einer Bank vor dem Eingang ausbreitete.
Lewis ließ sich schwer auf die raue Sitzfläche fallen und lehnte seinen Stock an die Bretterwand, an der er sogleich geräuschvoll zur Seite rutschte und zu Boden fiel. Lewis würdigte ihn keines Blickes und atmete nur schwer. Goethe sah verzückt auf das Tal hinaus, trank einen Becher und überließ die feste Nahrung seinem Gefährten.
So entstand eine Pause, in der man nur gelegentliche Ess- und Trinkgeräusche hörte, leises Schnaufen und Seufzen und Räuspern, sowie deutlich vernehmbares Knacken in Lewis’ Kniegelenken, wenn er die Beine anders richtete. Lange sprach keiner von beiden ein Wort.
Als der erste Abendwind aufkam und die Äste bewegte, fühlte sich Lewis einigermaßen bei Kräften, sowohl körperlich als auch geistig. Er streckte die Beine von sich und versuchte, so etwas wie das Geräusch eines zufriedenen Gemütsmenschen von sich zu geben, um Goethe aufmerksam zu machen.
Der Laut misslang ihm gehörig, aber nichtsdestoweniger blickte Goethe ihn an.
„Nun, Herr Lewis, wie gefällt es Ihnen auf den Thüringer Bergen? Sie können nun wirklich behaupten, unsere kleine Welt von beiden Seiten gesehen zu haben.“
Er war so augenfällig wohlgelaunt und stolz, dass Lewis es nicht übers Herz brachte, sich auch nur einen höhnischen Gedanken über diese Äußerung zu erlauben.
„Sehr gut gefällt es mir“, antwortete er stattdessen. „Ich freue mich, dass man hier so rein und klar über alles nachdenken kann. Das alles heilt die Wunden, die die Ereignisse gestern geschlagen haben, und ich freue mich auch, Ihnen hier Gesellschaft leisten zu dürfen.“ Nun versuchte er die Überleitung und war der Ansicht, dass sie ihm gut gelang. „Nun, da sich diese beiden glücklichen Zustände zusammenfügen, kommt mir etwas in den Sinn, was ich Sie gern fragen möchte.“
„Nur zu!“, meinte Goethe launig und hob den Becher zum Mund.
Lewis fasste sich ein Herz und sprach frei drauflos. „Ich habe am Abend der Rückkehr aus Tiefurt einige Bruchstücke der Unterhaltung zwischen Ihnen und dem jungen Herrn Herder mit angehört.“ Lewis konnte nicht umhin, den Sachverhalt etwas abzuschwächen. „Sie erinnern sich, vor dem Hause der Böttigers, als Sie mit Herrn Herder darüber sprachen, dass auch Sie einige der schwarzen Reiter gesehen hatten. Möglicherweise die, die den Unfall mit der Kutsche verursachten ...“
Goethe hatte den Becher auf halbem Wege wieder sinken lassen. Als er sah, dass Lewis es bemerkt hatte, hob er ihn wieder und trank einen hastigen Schluck, als sei nichts gewesen. „Aha“, sagte er und schwieg dann, als fordere er Lewis auf, weiterzusprechen.
„Ich hörte, wie Sie einige Vermutungen bezüglich der Herkunft dieser Männer äußerten ...“
Goethe trank noch einmal und setzte den Becher ab. „Nun ...“, sagte er dann langsam und sah Lewis ernst an.
Der schluckte. Goethes Miene konnte nur eines bedeuten: Nun folgte die Enthüllung einer schrecklichen Wahrheit. Lewis spürte, wie in ihm die Ungeduld wuchs, und gleichzeitig nahm sein wacher Geist wahr, wie sehr diese Szenerie einer Passage aus einem Schauerroman gleichen mochte. In den dunklen Nadelbäumen rauschte der Wind, die alte Hütte knarrte ein wenig, und Wolkenfetzen schoben sich vor das ersterbende Sonnenlicht. Lewis hielt den Atem an, als Goethe den Mund öffnete. Jetzt würde sich das ganze Ausmaß der Ränke offenbaren, deren lang reichender Arm jene Schergen in dunklen Umhängen waren.
„Nun“, begann Goethe, „ich denke, Sie haben da einiges missverstanden, junger Herr Lewis.“
Lewis glaubte allerdings, etwas missverstanden zu haben, nämlich die eben von Goethe geäußerten Worte.
Der Geheimrat sprach weiter, in einem Ton, der zwischen Beschwichtigung und Tadel schwankte. „Was Sie da mit angehört haben, war allein die Rekapitulation der Geschehnisse, die Herr Herder und Sie am eigenen Leibe erlebt haben. Die ungehobelten Reiter, die sich, wie ich Herrn Herder sagte, benahmen wie gemeine Strauchdiebe. Ach ja, und weil Sie etwas über deren Herkunft zu vernehmen glaubten: Ich hatte darauf hingewiesen, dass die berüchtigtsten dieses Schlages gemeinhin italienischer Herkunft sein sollen. Der Bruder meiner ... Christiane, der herzogliche Bibliothekssekretär Christian Vulpius, trägt sich seit einiger Zeit mit dem Gedanken, etwas über einen solchen Gesellen zu schreiben, vielleicht sind auch Sie interessiert ...“
„Aber nein, Herr Geheimrat! Ich bin mir ganz sicher, dass ich etwas völlig anderes ...“ Lewis bemerkte zu spät, dass er laut geworden war. Er presste die Lippen aufeinander, als Goethe weitersprach. Sein Tonfall hatte sich jetzt etwas gemildert.
„Natürlich sind Sie sicher, etwas anderes gehört zu haben. Tatsache ist jedoch, dass ich nur ganz allgemein geplaudert habe. Bedenken Sie, dass Sie an diesem Abend recht angegriffen waren, was den Geist angeht, und das mag sich auch, nein, das wird sich ganz sicher auf Ihr Urteilsvermögen ausgewirkt haben.“
Lewis schüttelte den Kopf.
Goethe ignorierte es. „Sie wollen sich nicht eingestehen, sich verhört zu haben. Das ist der beste Beweis, dass ich recht habe.“ Er hob die Weinflasche ins schwache Licht. „Schauen Sie, nur noch ein Schluck. Den sollten Sie sich zu Gemüte führen, Sie haben es nötig!“ Er drückte Lewis die Flasche in die Hand. „Dann wollen wir aufbrechen. Sie scheinen ein weiches Bett nötig zu haben. Daran bin ich natürlich zu einem guten Teil schuld.“ Er stand auf. „In der Hütte sind Laternen, ich gehe und hole eine für den Rückweg. Wir wollen ja nicht im Finsteren wandeln, wer weiß, was dort lauern mag ...“ Er klopfte Lewis auf die Schulter und verschwand ins Innere der Hütte.
Lewis saß auf der Bank, die Weinflasche in der Hand, und wiegte den Kopf. Sollte er wirklich einer Täuschung erlegen sein? Hatten sich die Gedanken an Verschwörungen und dunkle Machenschaften so in sein Hirn gedrängt, dass er Dinge sah und hörte, die bei ruhigem Nachsinnen und hellem Tageslicht gar nicht so waren? Vielleicht hatte er sich auch den Verfolger im Park nur eingebildet. Es mochte sein, dass all die neuen Eindrücke und das strenge Lernprogramm ihn mehr angestrengt hatten, als er gedacht hatte. Lewis schüttelte den Kopf über sich und seine Lage. Höchstwahrscheinlich brauchte er tatsächlich nur ein weiches Bett und einige Stunden guten Schlafs.
Er trank den Wein, stellte die Flasche ab und folgte Goethe in die Hütte. Dort flackerte schon eine Laterne und erleuchtete das Innere. Goethe stand vor einer der grobhölzernen Wände und musterte versonnen eine Inschrift. Lewis hatte beim Eintreten geglaubt, einen Seufzer zu hören, doch wahrscheinlich war es nur der Wind gewesen, der durch einen Spalt in den Brettern gefahren war. Er trat zu Goethe und las den Vers, der dort geschrieben stand:
„Über allen Gipfeln ist Ruh’,
In allen Wipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.“
Lewis ließ die Worte kurz nachklingen. „Das ist sehr schön und passend an diesem Ort.“
Goethe nickte. Lewis glaubte, in seinen Augen etwas schimmern zu sehen, doch es war vielleicht nur das schwankende Licht der Laterne.
„Wer mag das wohl geschrieben haben?“, fragte Lewis und strich über die Lettern an der Wand.
„Oh“, brummte Goethe, „irgendwer.“
Dann verließ er die Hütte, und Lewis folgte ihm.

Die Nacht verbrachten sie im Manebacher Gasthaus, da Goethe zu Lewis’ Erleichterung von einem nächtlichen Ritt nach Ilmenau absah. Die Betten waren einfach und bestanden nur aus Strohsäcken auf Holzlatten. Doch Lewis kümmerte das wenig, er sank sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf, kaum dass er sich niedergelegt hatte.
Am nächsten Morgen brachen sie früh auf und ritten durch das Ilmtal nach Osten, am Fluss entlang. Die Sonne kroch gerade über die Berge, und aus den Klammen dampfte es die Fichtenwände herauf.
„Was meinen Sie, wie dieses Schauspiel von dort droben am Hermannstein aussieht!“, rief Goethe und wies halb im Sattel umgedreht hinter sich. „Ich war so frei, Sie nicht auch noch mit der Höhle darunter bekanntzumachen, die mir selbst so lieb und wert ist.“
Lewis bemerkte erneut diesen halb verzückten, halb wehmütigen Anflug auf Goethes Zügen.
„Ich habe dort“, fuhr der fort, „im Porphyrstein eine Inschrift hinterlassen, die von früheren Tagen kündet und die ich, nun ... man soll Vergangenes auch ruhen lassen.“
„Mir scheint, es ging Ihnen an den beiden anderen Orten ähnlich. Stein und Fels scheinen es Ihnen angetan zu haben“, sagte Lewis.
Goethe lachte, und Lewis begriff nicht, was er denn Lustiges gesagt haben mochte. Bevor er jedoch nachfragen konnte, sprach Goethe weiter: „Nun, bevor ich aus Italien zurückkehrte, fand ich meine Sinnen- und Seelenweide in Klüften, Höhlen, Wäldern, in Teichen, unter Wasserfällen – bei den Unterirdischen, kann man sagen. Das hat sich ein wenig geändert, aber doch, wenn ich wieder hier bin, rührt mich all dies erneut an.“
Derweil hatte sich der waldige Höhenzug zur Linken etwas gesenkt, und Goethe deutete hinüber. „Da drüben befinden sich die ersten Bergwerksstollen. Der Bergbau hier hat vor dreihundert Jahren begonnen. Nach Silber und Kupfer hat man geschürft. Der Boden ist durchzogen von Gräben zur Entwässerung, denn das Grubenwasser, das aus den Klüften der Gebirge zuläuft, bringt große Schwierigkeiten.“ Er schaute ernst. „Nicht von ungefähr hat man alles immer wieder aufgegeben, das letzte Mal vor fünfzig Jahren. Aber dann ...“ Goethe machte eine bedeutungsschwere Pause.
Lewis sah ihn interessiert an.
„... habe ich die Sache in die Hand genommen! Hoffen wir, dass es endlich klappt!“ Er grinste breit und hob die Brauen.
„Sie?“, fragte Lewis. „Sie gehen tatsächlich, wie heißt es, unter Tage?“
„Nein. Ich gehöre der Bergwerkskommission an, und als ich vor fünfzehn Jahren den Bergbau im Harz kennenlernte, habe ich festgestellt, wie vom unterirdischen Segen die Bergstädte fröhlich nachwachsen und wie viele Menschen damit in Lohn und Brot stehen. Das war vor hundert Jahren in Ilmenau auch so. Warum also nicht den heutigen armen Maulwürfen helfen? Der Herzog dachte auch an die Kassen, denn der silberhaltige Kupferschiefer in den Bergen hier hatte damals einiges Geld fließen lassen. Also haben wir die Bergwerke wieder eröffnet.“ Er klatschte in die Hände.
„Einfach so?“ Lewis war wieder einmal von den zahlreichen Talenten Goethes beeindruckt, mochte aber nicht ganz an die Leichtigkeit des Ganzen glauben.
„Nein. Zum tatenfrohen Sinn und der beharrlichen Geduld kam natürlich auch mühevolle Arbeit – wenn auch nicht in körperlichem Sinne, falls Sie glauben, ich hätte mit Haue, Kratze und Schaufel zugelangt. Nein, ich hatte die verwickelten Rechtsansprüche zu studieren. Ich musste mich auch auf geologischem und bergmännischem Gebiet bilden, damit ich Vorschläge prüfen und Entscheidungen treffen konnte, und mit den Einzelheiten der Finanzierung will ich erst gar nicht beginnen!“
„Beachtlich“, meinte Lewis. „Dann werden Sie mir also ein kenntnisreicher Führer bei den Unterirdischen sein?“
Goethe schüttelte den Kopf. „Nein, ich hoffe, der Bergdirektor oder der Hauptmann sind da, die werden das noch kenntnisreicher gestalten können.“ Dann legte er den Finger ans Kinn. „Aber natürlich könnte ich das auch ... keine Frage!“
Sie ritten weiter, und schon rief Goethe: „Dort liegt Ilmenau!“ Tatsächlich war schon die Stadtkirche zu erkennen, deren Turm sich über die Hausdächer erhob. Goethe wies, während sie sich näherten, auf einige Gebäude am Flussufer. „Dort sind die Schmelzhütten, die eine neben dem Gasthof Zur Tanne, da sind die Rohhütte und das Pochwerk.“
Schließlich ritten sie durch das Tor am Endleich in die Stadt. Goethe scheute sich nicht anzumerken, dass man die dort stehenden Linden auf seine Anregung hin gepflanzt hatte. Quer durch die Gassen ritten sie und wurden von einigen Passanten gegrüßt, bis sie schließlich am Marktplatz ankamen.
Dort entdeckte Goethe einen Mann auf einem Wagen, den er offenkundig persönlich kannte, und bat Lewis, einen Moment auf ihn zu warten und sich doch umzusehen, während er selbst voranritt. Lewis sah, wie der Handschlag zwischen den beiden Männern sich als schwankende Angelegenheit herausstellte, da Goethe im Sattel blieb und der andere ebenfalls nicht vom Kutschbock stieg. Sie begannen ein offenbar sehr freundliches Gespräch.
Währenddessen betrachtete Lewis die beiden großen, hellen Bauwerke, die den Platz an einer Seite begrenzten. Ein kolossaler, fensterreicher Bau mit einem schiefergrauen Türmchen auf dem Dach, von dem eine Wetterfahne blinkte, sah nach Repräsentation und Amtsgewalt aus, und so stieg Lewis vom Pferd, griff die Zügel und trat näher. Unter dem Türmchen befand sich eine Uhr, darunter ein Wappenschild, und das ornamentierte, steinerne Portal im Putz schien älter als der Rest des Gebäudes zu sein.
Eine harsche Stimme riss Lewis aus seiner Betrachtung. „Prächtig, nicht wahr?“
Lewis sah einen grimmigen, schmutzigen Mann mit Halstuch und verschlissenem Hemd vorbeigehen.
„Ja, sicherlich“, antwortete Lewis vorsichtig.
Der Mann blieb stehen, musterte Lewis und schien sich zu fragen, woher dessen seltsame Aussprache kam. Dann schimpfte er weiter. „Wenn das Rathaus niederbrennt, ist Geld da, es wieder herzurichten, aber uns den Lohn zahlen, in der Bergmannsstube, nee, da wird man vertröstet!“ Er spie auf den Boden, dass Lewis einen Schritt zurückwich.
„Na, guter Hauer“, fuhr Goethes Stimme plötzlich scharf dazwischen. „Ihr seht das etwas einfach. Es gibt verschiedene Säckel, und jedes ist für etwas anderes da. Wartet ab, wenn sich das Erz zeigt, gibt’s auch zuverlässig Geld! Man kann nicht immer den Gewerken neue Zubußen auf den Kux abverlangen. Also, wie auch immer, ängstigt mir nicht die Gäste.“
Der Mann sah zu Goethe auf, der immer noch auf seinem Schimmel saß, blickte dann Lewis an, verzog das Gesicht und ging seines Weges.
Lewis schüttelte den Kopf. „Was haben Sie gesagt? Ich habe kaum ein Wort verstanden ...“
Goethe sprang aufs Pflaster und griff die Zügel seines Pferdes. „Nun, jemand muss die Bergbauunternehmungen ja finanzieren, und das geschieht dadurch, dass Anteilsscheine, die man Kuxen nennt, ausgegeben werden. Deren Inhaber, die Gewerken, zahlen dafür eine gewisse Summe. Aber man musste in jüngster Zeit allzu oft Geld von ihnen nachfordern, für neue Wasserhaltungsmaschinen und so fort, und wenn dieses Geld ausbleibt, fehlt der Lohn für die Bergleute.“ Er seufzte. „Das Unternehmen kostet viel und ergibt zunächst wenig, also kann man die Gewerken verstehen, wenn sie unwillig sind, immer mehr und mehr Louisdor zu geben. Insofern war der Zorn des Mannes gerechtfertigt, wenn auch an die Falschen gerichtet.“ Lewis nickte und gab sich verständig.
Goethe führte ihn an dem großen Bauwerk vorbei, das rechtwinklig zum Rathaus stand. Ein breiter Mitteltrakt teilte die helle Fassade. Darunter führten einige Stufen zu einem sandsteinummauerten Tor.
„Das Amtshaus“, erklärte Goethe, „hier habe ich bei meinen ersten Besuchen zum Teil wochenlang gewohnt. Sehen Sie die Initialen über dem Eingang ...“ Er wandte sich um. „Habe ich da einen knurrenden Magen gehört?“
Lewis fühlte sich ertappt. „Nun ...“
Goethe stemmte die Fäuste in die Seiten. „Dann eben keine Stadtführung, sondern zum Essen in den Adler.“ Er stutzte. „Oder besser in die Sonne?“ Er überlegte. „Ja, wir gehen in die Sonne, da sind die Klöße besser! Kommen Sie!“
Lewis war es einerlei, wo sie einkehrten, denn er verspürte gehörigen Hunger, und so kam er Goethes Aufforderung allzu gern nach.

Eine halbe Stunde später waren sowohl die Pferde als auch die Reisenden gefüttert und getränkt. Goethe lehnte sich zurück und blinzelte ins Sonnenlicht, das in die Gaststube fiel.
„Ist das nicht herrlich“, meinte er, als er auf die Knochen auf den Tellern schaute. „Thüringer Rippenbraten. Es gibt nichts Besseres.“
Lewis nickte, während er versuchte, mit der Zunge unauffällig ein Fleischfitzelchen zu lösen, das sich zwischen den Zähnen festgesetzt hatte.
„Das Geheimnis liegt in der Soße“, sagte Goethe und senkte die Stimme, als sei es tatsächlich ein Geheimnis. „Da braucht es Thymian, Lorbeer und Portwein ...“ Er klopfte auf den Tisch und beugte sich vor. „Da kommt mir der Gedanke, dass ich Sie demnächst zu mir einlade. Ich habe lang nicht mehr selbst auf dem Zwiebelmarkt in Weimar eingekauft, und da er bei meinem neuen Haus geradewegs vor der Türe liegt ... ja, das mache ich, und dann wird dieser Braten noch übertroffen!“ Zur Bekräftigung hob Goethe sein Glas.
Lewis nickte nochmals, während er noch immer mit den Überbleibseln seiner Mahlzeit beschäftigt war. Dann sagte er: „Wer war eigentlich der Herr, den Sie so freundlich begrüßt haben, der auf dem Fuhrwerk?“
„Oh, das war der Glashüttenbesitzer Gundelach. Ich war mit dem Herzog mehrfach bei ihm zu Gast. Drüben in Stützerbach, am anderen Ende des Tales.“
„Ich hatte erwartet, es sei der Mann, der uns das Bergwerk würde zeigen können.“
„Nein, nein, der kommt noch, ich habe vorhin beim Wirt nach ihm schicken lassen. Wir werden dann den Schacht in Martinroda, dem Nachbardorf, besuchen. Zwar könnte man auch den Johannisschacht hier vor Ort besichtigen, aber ich möchte in Martinroda einer lieben, sehr lieben Bekannten einen guten Tag sagen.“ Er trank wieder Wein.
Ach, dachte Lewis. Christiane Vulpius, Corona Schröter, die Frau, die hinter der Nostalgie auf jenen Berggipfeln steckte, und jetzt diese. Goethe schien ihm immer beachtlicher zu werden, nicht nur, was seinen Weinkonsum anging.
Da öffnete sich die Tür, und ein Mann mit klarem, unauffälligem Antlitz und grauer Reisekleidung trat ein und kam an ihren Tisch. Er grüßte höflich.
„Johann Heinrich Krafft!“, rief Goethe plötzlich in einem Tonfall, als spiele er Theater und zwar ein sehr burleskes Stück. Dabei blickte er in den hinteren Bereich der Gaststube.
„In der Tat“, gab der Mann zurück und lächelte verschwörerisch, wobei auch er in die von Goethe angedeutete Richtung blickte.
An einem entfernten Tisch drehten sich zwei Herren um, die bei Lewis den Eindruck erweckten, als handle es sich um städtische Beamte, da sie auf eine unverwechselbare Weise mürrisch dreinblickten. Als sie Krafft sahen, wurden sie blass und wandten sich rasch ihren Speisen zu. Krafft und Goethe, die dies wohl bemerkt, möglicherweise sogar erwartet hatten, lachten leise in sich hinein.
„Herr Geheimrat“, sagte Krafft, „wie schön, Sie wiederzusehen. Ich hoffe, Sie sind zum Vergnügen in Ilmenau, genau wie ich?“
„Das bin ich“, entgegnete Goethe und bot Krafft einen Stuhl an. Dann stellte er Lewis und ihn einander vor.
Im Laufe des Gespräches trat zutage, dass Krafft gar nicht Krafft hieß und sowohl er als auch Goethe seine wahre Identität geheim hielten. Jahre zuvor hatte Goethe ihn als Agenten in die Stadtregierung eingeschleust, um den betrügerischen Filz der Finanzbeamten zu beseitigen und die schon längere Zeit aufgetretenen Unterschlagungen und Bestechungen aufzudecken. Goethe – als Leiter der Ilmenauer Steuerkommission – war es mit seiner Hilfe gelungen, den Steuereinnehmer Gruber zu überführen und bestrafen zu lassen. Danach hatte Goethe die Besteuerung im Amt Ilmenau umgestaltet und für alle Seiten gerechter gemacht.
Lewis wunderte sich immer mehr. Eigentlich hatte er erwartet, in Weimar nur den Poeten Goethe zu treffen. Was er jedoch tatsächlich vorfand, übertraf alle Erwartungen. Große Ehrfurcht ergriff ihn, und gleichzeitig war er erfreut und dankbar, dass Goethe sich ihm gegenüber so offen und umgänglich zeigte. Fast mochte er auch die kleinen Eigenheiten verzeihen, die der Geheimrat oft genug an den Tag legte.
Während sich Krafft und Goethe unterhielten und dann und wann auch Lewis ins Gespräch mit einbezogen, dachte der an den Abend vor Böttigers Haus zurück. Er war sich sicher über das, was er gehört hatte. Goethe hatte zwar widersprochen, doch Lewis mochte nicht recht daran glauben, dass ihm seine Wahrnehmung einen derartigen Streich gespielt haben sollte, sah aber auch keine einleuchtende Erklärung, warum Goethe ihn belügen sollte. Oder was dieser vor ihm geheim halten wollte. Dass der Geheimrat sich auf solches verstand, konnte er in diesen Momenten mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören: Krafft war der lebende Beweis für die Spiele, die Goethe mit anderen zu spielen wusste. Lewis fragte sich, ob der unauffällige Mann, der sehr sympathisch und gewitzt wirkte, noch immer in Goethes Diensten stand und worin diese bestehen mochten. Er schien der bestmögliche Mensch für geheime Angelegenheiten zu sein, denn obwohl seine Züge einnehmend waren, wenn man mit ihm sprach, so schienen sie doch vor dem inneren Auge zu verblassen, sobald man den Blick längere Zeit abwendete. Lewis bezweifelte, ihn nach einigen Stunden überhaupt beschreiben zu können, und Krafft schien sich dessen voll bewusst zu sein, so wie er sich gab. Er lachte, trank fröhlich Wein mit Goethe und zeigte sich sehr interessiert an Lewis und dessen Ansichten und Plänen.
Schließlich verschwand er so plötzlich, wie er aufgetaucht war, und verabschiedete sich in einer Art, von der Lewis nicht zu sagen vermochte, ob es ein Lebewohl oder ein Aufbald war.
Goethe gab sich unergründlich, blickte in sein Glas und fand es leer. „Es geht nichts über ein unerwartetes Wiedersehen mit einem alten Vertrauten ...“ Er winkte dem Gastwirt. „Noch Wein! – Lewis, was ist mit Ihnen?“
Lewis nickte und blickte immer noch zur Tür, durch die Krafft verschwunden war, als diese sich wieder öffnete und zwei andere Männer in den Schankraum traten. Sie trugen grobleinene Arbeitskleidung, die von dunklem Staub und Erde verunreinigt und nur oberflächlich gesäubert war.
Sie gingen stracks auf Goethe zu, der aufstand und die Arme ausbreitete.
„Schön, dass Sie kommen konnten, setzen Sie sich und trinken Sie mit uns!“
Der kleinere, untersetztere der beiden nahm zuerst Platz und wischte sich mit einem großen Schnupftuch den Schweiß von der Halbglatze und der Nase, die kräftig über einem kurzen, dunklen Vollbart hervorsprang.
„Bergfaktor Weihrach“, stellte Goethe vor, „und dies ist Ingenieur Muntzer, der all die Kunstgezeuge hat fertigen lassen, die die Schächte entwässern.“
Der schlaksige Mann mit rotblondem Haar und spitzem Kinn schob umständlich seine langen Beine unter den Tisch.
Der Wirt brachte den Wein für Goethe und Lewis und auf Wunsch der anderen Männer, die auch sogleich ihre Tabakspfeifen hervorholten, Bier.
Die nächste Stunde, vielleicht waren es derer auch zwei, schwamm an Lewis vorbei, der den Wein zu spüren begann und dem der Rauch ebenfalls zusetzte. Als sie die Sonne verließen, tat die Hitze draußen ihr Übriges. Selbst die Fahrt im von Goethe gelenkten offenen Wagen nach Martinroda vermochte Lewis nicht wiederzubeleben, denn die beiden Bergleute gaben sich alle Mühe, ihn mit den Feinheiten ihres Berufes vertraut zu machen. Untermalt von allerlei Gesten und Fingerzeigen in die vorbeiziehende Landschaft wurden sie es nicht müde, Informationen preiszugeben. Bald schwirrte Lewis der Kopf vor all den fremden Begriffen, die man ihm zwar erklärte, aber nicht allzu verständlich machte. Da war die Rede von Heinzenkunst und Schrämarbeiten, von Gefludern und Bermen, vom Abteufen und anderen Dingen, von denen Lewis noch niemals zuvor gehört hatte, ganz abgesehen davon, dass es sich um deutsche Begriffe handelte. Vielleicht hätte er ein munteres Fachgespräch beginnen können, wenn er aus Südwales gestammt hätte, aber so war er gezwungen, nur zuzuhören und dann und wann matt zu nicken.
Als der Wagen Martinroda, das zwischen waldigen Hügeln voller Eiben mit rotleuchtenden Früchten lag, fast erreicht hatte, hielt Goethe unvermittelt an.
„Nur ein kurzer Gruß, wie ich sagte“, meinte er und sprang vom Bock. Lewis sah sich um: Kein Mensch war zu sehen und auch kein Haus außer jenen, die noch ein gutes Stück Wegs entfernt die Grenzen des Dorfes markierten. Einzig eine alte, sehr dicke Eiche wuchs neben dem Weg. Goethe ging zu ihr, klopfte mit der flachen Hand auf die Rinde, wie er einem alten Freund wohl auf die Schulter geklopft hätte, und umrundete den Baum dann einmal. Lewis reckte den Kopf, um zu sehen, ob sich jemand hinter dem breiten Stamm verbarg, doch er konnte nichts erkennen. Schließlich kam Goethe zurück, zog die Revers seines Rockes gerade und stieg wieder auf den Wagen.
„Das ... war die liebe Bekannte, die Sie hier treffen wollten?“, fragte Lewis erstaunt.
Goethe nickte, als sei dies nicht ungewöhnlich. „Ja. Solange ich sie kenne, hat mich jeder Besuch bei ihr sehr erbaut.“ Er sah die drei Männer an. „Fahren wir weiter.“
Schließlich fuhren sie in Martinroda ein. Im Osten erhob sich auf einem Hügel die schiefergedeckte Kirche, sonst schien es ein belangloser, eher verschlafener Weiler wie hundert andere in Thüringen zu sein. Doch dann erreichten sie das Mundloch des Martinrodaer Stollens. Bergleute mit breitkrempigen Hüten und langen Westen liefen hier mit geschulterten Schaufeln und Hacken umher, andere schoben Karren mit Aushub, es herrschte eine rege Geschäftigkeit.
Die Männer stiegen vom Wagen und traten hinzu. Die Öffnung gähnte, und auf einmal sah Lewis weder das Grün der Wiesen und Wälder ringsum noch das Blau des Himmels und das Weiß der Wolken, sondern einzig die braunschwarze Düsternis, die sich da auftat. Auch die Bergleute sah er nicht mehr, und selbst Goethe schien ihm ein ferner Schatten.
Allein schien er dazustehen, und das Innere der Erde, das hier so plötzlich offenbar war, wollte ihn anlocken und in sich aufnehmen, in sich hineinziehen. Lewis schwankte.
„Na, na“, rief Goethe und stützte den Engländer. „Ist Ihnen der Schoppen nicht bekommen? Oder die Fahrt?“ Er sah Weihrach und Muntzer an, die einen amüsierten Gesichtsausdruck an den Tag legten. Goethe schnalzte mit der Zunge. „Oder vielleicht waren die Ausführungen der Herren gar zu schwer verdaulich und liegen wie Steine in Ihrem Magen?“
Weihrach und Muntzer grinsten nicht mehr.
Lewis hob die Hand an die Stirn. „Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Die letzten Stunden und die Sonne waren doch recht anstrengend.“
„Also doch der Schoppen“, vermutete Goethe.
„Ich denke, der junge Mann meint wirklich die Hitze, nicht das Gasthaus“, sagte Muntzer. „Vielleicht sollten wir in den Stollen gehen, da ist es kühl. Er sollte auch etwas Wasser trinken.“
„Guter Vorschlag.“ Goethe führte Lewis am Arm auf den Eingang zu.
Lewis blinzelte. „Nein ...“
„Wollen Sie einen Hitzschlag bekommen? Sie wirken recht angegriffen“, sagte Goethe und übte etwas Druck auf Lewis’ Arm aus.
„Nein, es ist die Erde, das Loch ...“
Weihrach trat hinzu. „Haben Sie etwa Angst vor der Dunkelheit?“
„Nein, ich ...“, stotterte Lewis.
Goethe nickte. „Rein mit ihm, er ist schon ganz durcheinander. Weiß der Himmel, warum. Muntzer, besorgen Sie bitte einen Becher Wasser.“ Zusammen schoben sie den sich schwach widersetzenden Lewis in den Eingang.
Dort war es kühl und weit weniger bedrückend, als er gedacht hatte. Ein ausgedehntes Gewölbe war in den Fels gehauen worden. Grobe Bögen und Säulen erweckten den Anschein, als befände man sich in einer verwitterten, niedrigen Kapelle. Licht fiel durch weitere Seiteneingänge herein.
Weihrach zog einen Schemel heran und ließ Lewis darauf sinken. Muntzer kam mit einem Krug und schenkte ihm einen Becher Wasser ein. Lewis trank.
„Danke“, sagte er. „Sie müssen entschuldigen, aber ich habe von meiner Mutter die Angst vorm Erdinneren, dem lebendig Begrabensein geerbt, und beim Anblick des Eingangs kam mir dies auf grausige Weise wieder ins Gedächtnis.“ Er sah Goethe an. „Verzeihen Sie. Ich hätte dies schon früher erwähnen können. Aber ich muss gestehen, ich kam kaum zum Nachsinnen, so rasch, wie Sie mich von einem Ort zum anderen bewegten.“
Weihrach strich sich über den Vollbart. „Dann können Sie ja Ihrer werten Frau Mutter berichten, wie tapfer Sie diese Angst besiegt haben. Schließlich sind Sie wohlauf und trotzdem in der Erde.“ Er zwinkerte. „Sie müssen ja nicht erwähnen, dass wir Sie gewissermaßen hineingetragen haben.“
Lewis schüttelte den Kopf. „Leider lebt meine Mutter nicht mehr.“
Weihrach schaute betreten. „Dann bitte ich um Verzeihung für meine Unbedachtheit.“ Für einen Moment sprach niemand.
Goethe brach das Schweigen, indem er sich nach kurzem Blick auf Wände und Decke an Muntzer wandte. „Sieht ausgezeichnet aus. Wie geht es auf den unteren Örtern voran?“
„Gut“, antwortete Muntzer und löste den mitfühlenden Blick von Lewis, der seinen Kopf gesenkt hatte und in seinen Becher schaute. „Wir könnten ja hinuntersteigen ...“ Glücklich sah er bei diesen Worten allerdings nicht aus. „Aber in Anbetracht des Zustands Ihres Begleiters ...“
„Ach was“, sagte Goethe und wandte sich an Lewis. „Kommen Sie mit, machen Sie, dass Ihre Mutter stolz auf Sie wäre. Oder tun Sie es für sich selbst, als Beweis Ihrer seelischen Stärke!“
Weihrach fühlte sich von Goethes Worten ermutigter als Lewis, und so lächelte er breit, dass die Zähne in seinem Bart sichtbar wurden: „Ja, gehen Sie mit, am Ende finden Sie Geschmack, und es wird noch ein Knappe aus Ihnen!“
Lewis gab sich einen Ruck und stemmte sich hoch. Es schien ihm, als könne er dies am schnellsten beenden, wenn er all dem guten Zureden nachkam, einen schnellen Blick auf alles warf und dann geschwind wieder ans Tageslicht zurückkehrte. So würde er sich späterem Spott entziehen können. Es war nicht nötig, dass er half, den ihm jetzt schon zugeschriebenen Eigenschaften auch noch jene der Scheu und Feigheit beizufügen. Er seufzte und sehnte sich dabei in sein Studierzimmer in Weimar zurück. „Alsdann! Wohin führt uns der Weg? Ich bitte aber darum, mich nicht allzu nahe ans Purgatorium oder den Leibhaftigen zu führen.“ Lewis beschloss, sich mit einem Schlag all den Schrecknissen zu stellen, die ihn beschäftigten, rührten sie nun von seinem Erbe oder der vorigen Nacht her.
Weihrach und Muntzer bekreuzigten sich.
„Na, na“, ermahnte ihn Goethe. „Nicht so forsch mit dem blasphemischen Mundwerk! Wir sind hier bei achtbaren, gottesfürchtigen Leuten.“

Schließlich wanderten sie die Schächte entlang, Laternen in Händen, deren Licht die grauen, steinernen Wände ein wenig mit Leben versah, indem es die Schatten der Träger darüber gleiten ließ. Muntzer und Weihrach führten sie in einen Abschnitt, der momentan noch nicht bearbeitet wurde, um ungestört von den Hauern Goethe und Lewis weitere Erläuterungen zu geben.
Der Geheimrat zeigte sich unzufrieden. Die Arbeit ging nicht so schnell vonstatten, wie er es sich gewünscht hatte. Muntzer wies weitschweifig auf die schwierige Entwässerung hin, die den Vortrieb und Abbau verlangsamte.
„Aber hier ist doch alles trocken“, entgegnete Goethe. „Mir scheint es eher an Männern zu fehlen.“ Er überlegte. „Ich muss sagen, ich habe draußen nur recht wenige gesehen und hier drinnen auch nicht viele. Von Arbeitsgeräuschen ganz zu schweigen.“ Goethe deutete den Gang entlang, aus dem sie gekommen waren.
Muntzer und Weihrach sahen zu Boden, und Lewis schien es, als hätten sie vorher einen flüchtigen Blick ausgetauscht, den Goethe nicht bemerkt hatte.
Der begann nun, ungehalten zu werden. „Frei heraus! Woran fehlt es? Ich weiß, die Gewerken hinken oft mit den Zahlungen hinterher, die wir von ihnen verlangt haben. Aber wenn wir keine Erfolge liefern können, dürfen wir auch keine große Begeisterung erwarten.“
Muntzer und Weihrach schwiegen.
Goethe wurde laut. Seine Stimme hallte dumpf vom Fels wider. „Was sind Sie so schweigsam? Herrje, Muntzer! Sonst haben Sie doch immer nicht mit Ihrer Meinung und Ihren Forderungen hinterm Berg gehalten! Was Sie brauchten, wurde auch bewilligt – und Sie, Weihrach? Sonst so umgänglich, und nun? Drückt Ihnen der Fels auf die Seele wie unserem jungen Freund hier? Der sieht trotz seines Missbehagens aus wie das blühende Leben, während Sie beide blass sind wie die Schwindsüchtigen!“ Er fuhr ärgerlich mit der freien Hand durch die Luft. „Was ist?“
Weihrach öffnete den Mund. „Herr Geheimrat“, begann er, und seine Stimme klang schwach, beinahe furchtsam. „Ich ...“
Muntzer funkelte ihn an. „Ruhig!“, fauchte er.
Goethe schaute ernst vom einen zum anderen. „Was soll das? Weihrach, reden Sie!“
Weihrach versuchte, sowohl dem Blick Goethes als auch jenem Muntzers auszuweichen. Stattdessen blickte er Lewis an, als sähe er in ihm eine neutrale Person, einen Beichtvater. „Es ist so, dass wir seit einiger Zeit ... Sie waren ja länger nicht hier ...“
„Weihrach, halt’s Maul!“, zischte Muntzer und packte den Untersetzten grob am Ärmel.
Der riss sich los, und mit einem Mal trat wieder etwas Farbe in sein Gesicht. „Nein! Wir müssen es dem Herrn Goethe sagen. Wie kannst du nur mit deinem Gewissen vereinbaren, was hier geschieht? Wenn wir jetzt gestehen, kommen wir möglicherweise noch heil aus der Sache heraus ... und können das Schlimmste abwenden.“
Muntzer griff wieder nach Weihrach, diesmal nach seinem Kragen. „Zu ändern ist hier nichts, und wir stecken auch tief drin. Du hast es jetzt erst besiegelt.“
Goethe fuhr zwischen die beiden, indem er Lewis seine Laterne in die Hand drückte, um beide Arme frei zu haben. „Genug! Schluss mit dem Unsinn! Sie sagen mir jetzt, was hier vorgeht, oder ...“
Plötzlich sprang Muntzer zurück, ließ seine Laterne auf den Boden fallen, die schepperte, aber nicht erlosch, und zerrte eine kleine Pistole unter seiner Jacke hervor. Er spannte sie und drohte in Richtung der drei Männer, die bestürzt dastanden. Weihrach riss ängstlich die Augen auf, Goethe senkte langsam die Brauen und beobachtete scharf die Waffe in der ausgestreckten Faust Muntzers. Lewis wich mit seinen Laternen an die Wand zurück. Sein Rücken berührte das Gestein, und er spürte, wie es nachzugeben schien. Staub und Steinchen lösten sich und rieselten herab. Das schien ihm kein gutes Zeichen, doch konnte er dies kaum äußern, jetzt, da Muntzer rief:
„Nichts sagen wir! Weihrach, du Narr! Warum hast du die Nerven verloren? Der Besuch des Geheimrats kam zwar unerwartet, aber was sollte es uns scheren? Ich hatte uns beinahe herausgeredet!“ Muntzer schwenkte den Lauf der Pistole hin und her.
Goethe straffte die Schultern. „Weihrach“, sagte er ruhig, „wovon redet Muntzer? Sagen Sie es mir, dann kann es so kommen, wie Sie hoffen. Was immer es ist, es ist noch nicht zu spät.“
Muntzer schrie: „Es ist zu spät! Niemand kann es mehr abwenden! Auch du nicht, Weihrach, du Feigling!“
Er zielte auf Goethe. „Sie, Herr Geheimrat, sollten sich besser mit dem Mann befassen, der Sie mit der Waffe bedroht. Spielen Sie kein kaltes Blut vor!“
Goethe hob begütigend die Hände. „Muntzer. Auch für Sie gilt, was ich Weihrach sagte: Sagen Sie doch, worum es geht. Ich versichere Ihnen, dass ... geht es um Geld?“
Muntzer lachte. „Geld! Geld! Was ist das schon gegen das höchste Gut?“ Er fixierte Goethe über den Lauf seiner Waffe. „Ja, Sie denken, es sei allein Geld, das uns kleine Leute bewegt. Nur weil Sie und Ihresgleichen genug davon haben und denken, wir streben allein danach, es Ihnen gleichzutun. Ja, um Gleichheit geht es, aber anders als Sie ...“
In diesem Moment stürmte Weihrach vor. Er glaubte, seine Chance nutzen zu können, da sich Muntzer, nur auf Goethe achtend, in Rage geredet hatte. Aber kaum, dass er einen Schritt nach vorn gemacht hatte, riss Muntzer den Pistolenarm herum und schoss. Ein Feuerblitz zuckte durch den Stollen, und Donnerdröhnen betäubte die Ohren der Männer. Weihrach stürzte getroffen nach hinten und schlug schwer zu Boden. Ein weiteres Grollen erklang. Lewis löste sich rasch von der Stollenwand, als er spürte, wie sie zu beben begann. Staub rieselte von der Decke, kleine Steinchen fielen herab. Goethe ging in die Knie und fasste nach Weihrach. Alle spürten, wie der Boden bebte. Im Pulverdampf erschien die Gestalt Muntzers. Er blickte eilig auf die drei Männer und dann zur Stollendecke. Einige faustgroße Brocken lösten sich und stürzten zu Boden.
„Glückauf dann!“, rief Muntzer höhnisch, riss die Laterne vom Boden und rannte im Stollen zurück. Er verschwand hinter einem Vorhang aus Staub und Geröll, der dort niederstürzte, wo er zwei Lidschläge zuvor noch gestanden hatte.
„Rasch!“, schrie Goethe dem erstarrten Lewis zu. Schnell setzte er die Laternen ab, sprang herbei und half Goethe, den leblosen Körper Weihrachs weiter in den Stollen zu zerren, fort von dem einstürzenden Deckenteil. Doch es misslang ihnen. Große Bruchstücke fielen herab und begruben Beine und Leib des Mannes. Goethe und Lewis taumelten zurück, flohen vor dem Felssturz, der so plötzlich endete, wie er begonnen hatte.
Die umgestürzten Laternen erloschen, und Dunkelheit herrschte unter der Erde.