Drittes Kapitel
In welchem eine Kutsche stürzt und die Kleider fallen
Böttiger ließ es sich nicht nehmen, Lewis nach dem Mittagstisch auf den kommenden Abend vorzubereiten. Er hielt es für seine Pflicht, den, zumindest was Weimar anging, noch unerfahrenen Engländer mit all dem nötigen und unnötigen Wissen zu versorgen, um das gesellschaftliche Ereignis auf Schloss Tiefurt überstehen zu können. Beide saßen sich in Böttigers Arbeitszimmer gegenüber und konnten nicht unterschiedlicher sein: Böttigers rote Wangen strahlten im frischen, nach jeder Mahlzeit etwas feist erscheinenden Gesicht, das helle Haar war ordentlich in Wellen gelegt. Lewis hingegen wirkte ausgezehrt, und sein dunkler Schopf stand den Ringen unter seinen Augen in nichts nach. Das Mittagessen, geräuchertes Rindfleisch und Sauerkraut, das seinen Namen nach Lewis’ Geschmack wirklich und wahrhaftig verdient hatte, schien ihn nicht gestärkt, sondern noch weiter erschöpft zu haben. Er hatte dazu nur wenig weißen Wein getrunken, und er fragte sich, ob diese Menge nun zuviel oder zu gering gewesen war, um ihm zu bekommen. Während Böttiger seine Pfeife stopfte und kurz nachsann, mit welcher der illustren Personen er beginnen sollte, hockte Lewis also still und ein wenig blass auf seinem Stuhl. Er war am Morgen nach fiebrigen Träumen, die kurz vor der Dämmerung über ihn gekommen waren, aus den zerwühlten, klammen Laken gekrochen und hatte angsterfüllt den Kopf in den Händen geborgen. Auch jetzt senkte er das Kinn auf die Fäuste, während Böttiger seine Pfeife anzündete, und als Lewis vor den ersten Tabakschwaden zurückwich, um sich daraufhin wieder höflich nach vorn zu beugen, um Böttigers Ausführungen zu lauschen, fühlte er sich durch diese Bewegung an den Morgen erinnert. Er gähnte ein wenig, ohne den Mund zu öffnen ...
Er gähnte stark, um mit dem Atem die letzte Benommenheit aus seinem Kopf zu vertreiben. Während er sich auf der Bettkante vor und zurück wiegte, flogen seine Gedanken hin und her, von den Gesichten der Nacht zu der Niederschrift, die er am vorigen Tag vollbracht hatte. Scheu spähte er zum Sekretär hinüber, zu der Schublade, in der er die tintenschwangeren Blätter verborgen hatte. Mit einem Mal beschlich ihn ein Verdacht, oder vielmehr, es überkam ihn eine seltsame Idee. Was, wenn sich seine üblen Hirngespinste dort auf eine gewisse Art manifestiert hätten, greifbar geworden waren?
Lewis sprang auf, zerrte das Laken halb hinter sich her, stolperte fast und stützte sich schwer auf die Schreibplatte. Eilig zog er die Lade auf und zerrte die Papiere ans Licht. Die hastigen Linien darauf schienen Lewis nicht weniger fremd und unheimlich als am Tag zuvor. Er war froh, dass er sie kopfüber in den Händen hielt, so dass er die Blasphemien darauf nicht lesen konnte. Je länger er darauf blickte, ohne mit den Lidern zu schlagen, bis sein Gesichtsfeld zu verschwimmen begann, desto deutlicher schienen sich dennoch einzelne Worte herauszubilden. Sie krochen aus dem trüben Grau von Untergrund und Schrift und schienen sich zu drehen – zu drehen, um sich erkennbar zu machen. Lewis krallte die Finger zusammen, und das geräuschvolle Rascheln schreckte ihn ins Wachsein zurück. Er keuchte. Dann quetschte und drückte er das Papier in den Fäusten zusammen, knüllte es zu einem unförmigen Brocken und schleuderte das ganze Bündel fort. Aus den Augenwinkeln sah er, wie es einem scheuen Tier gleich unter dem Bett Zuflucht suchte. Fort damit, dachte er. Nie würde er ruhig schlafen können, solange diese Gespinste in seinem Schädel umherspukten. Hektisch schlug er seine Bücher auf und drosch mit Vokabeln und Grammatik auf seine fahrigen Gedanken ein, bis er immer ruhiger wurde und schließlich ganz in der Nüchternheit des Lernens versank ...
„Sie scheinen in Gedanken versunken, Master Lewis“, sagte Böttiger. „Wie ich erfuhr, ersetzten Sie das Frühstück heute durch Lektionen und waren auch vorhin kaum zu Tisch zu bewegen. Sehr löblich.“ Er sog an der Pfeife. „Es ist sehr gewissenhaft, sich vor dem Treffen heute Abend noch ein wenig firm zu machen.“
Was auch immer firm bedeuten mochte, Lewis war es nur recht, dass Böttiger die Sache so sah. Aber wie konnte er sie auch anders sehen, Schulleiter, der er war. Gleichwohl, diese Auslegung der Dinge hatte etwas für sich, und Lewis beschloss, sie zu übernehmen. Hauptsache, ihm blieben die Erinnerungen an den teuflischen Text erspart, mit welchem Selbstbetrug er dies auch erreichen mochte.
„Durchaus“, sagte Lewis also und setzte die Miene eines fleißigen Schülers auf, „und ebenso gewissenhaft möchte ich nun Ihren Ausführungen lauschen. Mit wem werde ich heute Abend zusammentreffen?“
Böttiger nahm die Pfeife aus dem Mund und hob den Stiel wie einen Taktstock. „Zunächst ist es für Sie bedeutungsvoll zu wissen, wo Sie sich aufhalten werden.“
„In Tiefurt.“ Lewis beeilte sich mit der Antwort auf die noch nicht einmal als rhetorisch zu bezeichnende Frage so sehr, dass er sich grauenhaft mit der Aussprache verhaspelte.
Böttigers Mundwinkel zuckte. „Richtig“, nickte er. „In Tiefurt. Der Sommerresidenz der Herzoginmutter Anna Amalia, nicht weit vor den Toren Weimars. Vor fünfzehn Jahren, als der Herzog die Regierungsgeschäfte übernahm, war geboten, auch seinem jüngeren Bruder, Prinz Konstantin, eine kleine Hofhaltung zu übergeben, und so bot sich Tiefurt an, da Ettersburg und Belvedere ...“ Böttiger sog Tabakrauch ein. „Aber das ist nicht besonders wichtig. Wichtiger ist, dass in den vergangenen Jahren in Tiefurt Kultur geschaffen wurde und wird, junger Master Lewis! Aristokratie und Bürgertum haben sich dort im Zeichen der Künste vereinigt und Theater gespielt, musiziert, Literatur verfasst, gelesen und diskutiert. Fast könnte man sagen, dass Sie heute Abend in das Herz Weimars eintreten werden, auch wenn es sich nicht direkt im Körper der Stadt befindet. Aber sein Puls ist so kräftig, dass es auch von dort aus alle wichtigen Köpfe mit frischem Blut versorgen kann.“
Lewis schluckte.
Böttiger bemerkte es und machte eine fast unmerkliche, entschuldigende Geste. „Aber davon werden Sie sich ja selbst ein Bild machen können, und da Sie dortselbst ebenfalls ein Anschauungsobjekt sein werden, so medizinisch das nun klingen mag, sollten Sie doch wissen, wer Sie dort mustern und sich ein Bild von Ihnen machen wird. Zunächst werden Sie Herzogin Anna Amalia vorgestellt werden. Ich zweifle nicht daran, dass Sie in Paris und Berlin die gewisse Etikette erlernt haben, also dürfte das Protokoll, auch wenn es hier etwas weniger streng gehandhabt wird, zweitrangig sein. Dass die hohe Frau sehr feinsinnig ist, haben Sie mittlerweile erfahren. Sie hat den großen Wieland als Prinzenerzieher nach Weimar geholt, was von großer Weitsicht und weiser Größe spricht, um es so spielerisch auszudrücken, und es zeigt, dass die Dame dann und wann einen Scherz liebt, welchen sie von Wieland allezeit erhalten mag. Zuweilen lässt die Herzogin sogar alle Fürstlichkeit zu Hause, ich erinnere mich an eine Mondscheinszene in Belvedere, wo Studentenlieder erklangen und der Jagdjunker von Wedel sogar anfing ...“ Böttiger schüttelte den Kopf. „Nein, ich schweife ab, dieser Herr braucht Sie nun wirklich nicht zu interessieren, nein, gewiss nicht.“
Er sah Lewis mit Nachdruck an, als hoffe er, dass dieser ein Zeichen von Interesse an eben dieser Episode zur Schau stellen würde, doch der junge Engländer zeigte keinen tieferen Ausdruck im Gesicht als den eines aufmerksamen Zuhörers.
„Nun denn, die Herzogin. Sie hat ihr fünfzigstes Jahr überschritten, war aber damals, als Wieland nach Weimar kam, eine sehr schöne Frau in den Dreißigern, und nach dem, was ich von dieser Zeit gehört habe ...“ Er machte eine bedeutsame Pause, während der sich Lewis fragte, auf welche der eben genannten Informationen nun die Bedeutung gelegt sein wollte. Die Zeit, von der Böttiger sprach, war seit zwei Jahrzehnten verstrichen, und somit konnte er sich nur auf fremde Quellen berufen, es war zweifelhaft, dass er als weit entfernt lebender Zwölfjähriger etwas davon aus erster Hand erfahren hatte. Dennoch fuhr der Schulmeister mit dem Gönnerton des Augenzeugen fort: „... so war der Herr Wieland der Regentin sehr zugetan und huldigte ihr in vollstem Enthusiasmus. Er hat derzeit sogar ein Geburtstagsvorspiel entworfen, um der Herzogin zum Wiegenfeste ohne Aufsehen die süßesten Dinge sagen zu können, und all das, während seine Frau von arger Krankheit geschwächt darniederlag!“ Böttiger schnalzte in leiser Entrüstung mit der Zunge. „Aber mittlerweile sind beide ja etwas gesetztere Herrschaften, von dort ist also kein Skandal zu befürchten.“
Lewis fragte sich, ob er tatsächlich einen Anflug von Verdrossenheit in der Stimme Böttigers vernommen hatte, wollte diesem aber solch eine Niedertracht nicht einmal in Gedanken vorwerfen. Obgleich er in den letzten Tagen ausreichend Kostproben von Böttigers Klatsch- und Tratschsucht erhalten hatte und wohl noch erhalten würde.
„Wiewohl, wenn ich an jene Landpartie zurückdenke ... zu acht waren sie damals von Tiefurt nach Denstedt gefahren – auf einem Heuwagen! Sehr pastoral, nicht wahr? Geradezu ein Hirtenstück, und auf halbem Wege brach ein Gewitter los und durchnässte die ganze Gesellschaft, besonders die Herzogin und ihre Hofdamen, die sommerlich gekleidet waren, bis aufs Hemd. Wieland bot höflich seinen Überrock an, dreimal dürfen Sie raten, wem. In Denstedt musste neue Garderobe herangeschafft werden. Natürlich wurde die ganze Expedition von allen Teilnehmern bejubelt, und als die Frau des örtlichen Pflegers, des Herrn von Lincker und Lützenwieck nun …“
Lewis hob die Hand. „Sagen Sie, Herr Böttiger, wen darf ich denn noch am Hofe zu Tiefurt ...“ – furchtbar, wie dieses Wort aus seinem Munde klang – „... erwarten?“
Der Gymnasialdirektor wirkte überrascht, ein Zug des Tadels huschte über sein Gesicht, doch dann bemerkte er seine Abschweifung und räusperte sich. „Natürlich. Die Lincker werden Sie dort nicht antreffen, aus diesem Grunde müssen Sie auch nicht unbedingt Näheres über sie erfahren. Aber ...“ – er senkte die Brauen ein wenig und versuchte finster und bedeutungsschwanger auszusehen, was ihm gehörig misslang, da seine Wangen allzu gesund gefärbt waren – „... Sie werden dort ein ganz anderes Frauenzimmer erleben. Geradewegs wie einem Ihrer favorisierten Schauerromane entstiegen. Ein garstiges Weibsbild, kurz gewachsen und bucklig, mit scharfer Zunge und glühendem Auge.“ Böttiger biss so heftig auf das Mundstück seiner Pfeife, dass es leise knirschte.
Lewis runzelte die Stirn. So hatte er Böttiger noch nicht erlebt, es schien, als sei dies eine persönliche Angelegenheit.
„Das Fräulein von Göchhausen, Master Lewis“, presste Böttiger zwischen den Zähnen hervor, „ist ein Geschöpf, vor dem Sie sich in Acht nehmen müssen. Sie ist die erste Hofdame der Herzoginmutter. Was sie an äußerlichen Reizen nicht besitzt, macht sie durch geschliffenen Spott und gelehrte Retouren wett. Der ist nicht beizukommen, also setzen Sie hier nicht allzu sehr auf das Interesse und Wohlwollen, das allen anderen Ihnen aufgrund Ihres Status, Ihrer Herkunft und Ihrer Person entgegenbringen werden. Sie haben in England doch die Fuchsjagd, nicht wahr?“
Lewis war konsterniert ob des plötzlichen Gedankensprungs. „Ja, sicher, aber ...“
„Stellen Sie sich als den Fuchs vor, und die Göchhausen ist – nein, nicht etwa ein Bluthund – sie ist eine Meute. Sie hat damals schon mit Erfolg Herrn von Goethe in die Fänge des Weimarer Zirkels gehetzt …“ Er brach ab, als spürte er, dass sein blutrünstiger Vergleich zu hinken begann. „Nun, die Herzoginmutter und ihre Hofdame hatten sich viel vom Dichter des Götz und des Werther versprochen und es auch erhalten. Ich will mich verbessern, natürlich geschah das zu beiderlei Vorteil, nicht nur weil Wieland sich für den Jüngeren einsetzte. Aber in Ihrem Fall, mein lieber Lewis, würde ich auf nicht allzu viel Schutz hoffen. Halten Sie sich sicherheitshalber mit allzu blumigen und galanten Reden zurück, besonders wenn die Göchhausen in Hörweite ist. Sie hört sehr gut, müssen Sie wissen.“
Böttiger lehnte sich zurück und schaute herablassend drein, als habe er einem Schüler die Weisheit des Lebens in einer Nussschale verpackt auf die große Reise in die weite Welt mitgegeben. Lewis wusste nicht, was er davon halten sollte, und nickte deshalb unverbindlich. Fraglich war allerdings, ob Böttiger ihn überhaupt sehen konnte, denn der paffte an seiner Pfeife, als würde damit seine offenkundige Wut auf das Fräulein von Göchhausen verrauchen.
Bis auf das leise Schmauchen war es still im Zimmer. Lewis konnte das Ticken der Uhr aus dem Nebenraum und die Geräusche draußen auf der Straße hören. Das Schweigen dehnte sich unangenehm. Böttiger paffte. Lewis ließ seinen Blick über die Wände, die gerahmten Stiche und die Regale wandern, mochte aber auf keinem Motiv verweilen. Er fühlte sich entkräftet. Die fiebrige Nacht und das angespannte Arbeiten forderten ihren Tribut. Langsam verschwamm das Bild vor seinen Augen, die Lider flatterten, und sein Oberkörper fiel schläfrig in sich zusammen. Ein paarmal ruckte er wieder in aufrechte Haltung, dann fiel ihm sachte das Kinn auf die Brust, während ihn die Tabakswolken aus der Pfeife des Schuldirektors wie Traumdunst umspielten.
„Herder hingegen ist ein sehr feiner und großer Mensch“, sagte Böttiger unvermittelt.
Lewis schrak auf, dass ihm das Herz bis in die Kehle zu springen schien. Aus dem Nebel schälte sich das Gesicht Böttigers, als dessen Atem die Tabakschwaden teilte. Lewis atmete aufgeregt ein und musste husten. „Bitte?“
„Johann Gottfried Herder, Generalsuperintendent und Hofprediger. Ebenfalls in Tiefurt oft und gern gesehen. Hochgebildet in Naturgeschichte und Mathematik, Stil und französischer Sprache ... er war auch einige Male in Italien ...“ Böttiger wies auf die Stiche an den Wänden, auf denen die römischen Ruinenlandschaften zu sehen waren. „Mit ihm habe ich so manches anregende Gespräch über derlei Themen geführt, und ich kann sagen, der Mann eignet sich wahrhaft zum Erzpriester des Menschengeschlechts. Da stimmt mir auch Wieland zu. Goethe ebenfalls, schließlich ist Herder erst durch dessen Fürsprache nach Weimar gekommen, und wir alle haben diese Entscheidung nicht bereuen müssen.“
Lewis war von diesem Überschwang beeindruckt, nicht allein, weil er in völligem Gegensatz zu den Boshaftigkeiten über das Fräulein von Göchhausen stand. Dieser Herder musste wirklich eine famose Persönlichkeit sein, denn bislang hatte Lewis keinerlei Anlass, an den Ausführungen Böttigers zu zweifeln. Auf die Begegnung mit Goethe und der Vulpius hatte ihn der Gymnasialdirektor trotz aller Blumigkeit seiner Vorwarnungen recht treffend vorbereitet.
„Ich darf nicht unterschlagen“, sprach Böttiger weiter, „dass ich meine jetzige Anstellung ebenfalls der segensreichen Vermittlung des Herrn Herder verdanke.“
„Das erwähnt er zum dritten Mal“, dachte Lewis und beschloss, Böttigers Urteil über Herder doch eher mit einem Körnchen Salz zu nehmen. Wie auch immer, er konnte sich ein Gähnen nicht mehr verkneifen. Kaum schaffte er es, die Hand vor den Mund zu nehmen.
„Master Lewis, Sie scheinen ermüdet! Doch nicht etwa wegen meines vorbereitenden Unterrichts?“ Böttiger schien teils ungehalten, teils belustigt.
„Aber nein. All das war sehr aufschlussreich und wird mir helfen, auf dem gesellschaftlichen Parkett nicht zu versagen.“ Lewis verschluckte ein weiteres Gähnen.
„Das werden Sie aber, wenn Sie müde sind. Es ist noch Zeit bis zum Abend, und Sie sollten sich noch etwas hinlegen und Schlaf nachholen.“
Der schulmeisterliche Ton missfiel Lewis, aber als Böttiger auf väterliche Weise lächelte und eine scheuchende Geste machte, schien es klüger, dem Vorschlag nachzukommen.
„Das wird das Beste sein. Ich fühle mich sehr ermattet.“
Lewis bedauerte, dass er mit Böttiger nicht über seinen Zustand sprechen konnte. Im Zweifel würde dieser ihm nur Überspanntheit wegen der bevorstehenden gesellschaftlichen Ereignisse attestieren, zumal er manchmal zu vergessen schien, dass der Engländer sich schon sicher an den Höfen in Paris und Berlin bewegt hatte. Auch schien Böttiger Weimar für den Nabel des geistigen Lebens in Deutschland, vielleicht sogar auf dem europäischen Kontinent zu halten.
Möglich, dachte Lewis, und gähnte nochmals. „Ich werde auf mein Zimmer gehen. Wann, sagte Herr Goethe, wollte mich die Kutsche abholen?“
„Ich werde Sie beizeiten wecken.“ Böttiger nickte und wies mit dem Kinn auf Lewis’ Kleidung. „Sie sollten sich etwas weniger leger kleiden. Ich bezweifle, dass ein Heuwagen vorfahren wird.“ Er lächelte und schmauchte an seiner Pfeife.
Lewis erwiderte das Lächeln und ging aus dem Zimmer, als sich Böttiger auch schon seinem Schreibtisch zuwandte.
Auf seinem Zimmer betrachtete Lewis seinen eigenen Schreibtisch und fragte sich, ob er sich nicht noch zur Sicherheit eine Lektion vornehmen sollte. Dann musste er wieder gähnen. Also setzte er sich aufs Bett, knöpfte die Weste auf und ließ sich zurücksinken. Während er noch einige Male „Tiefurt, Tiefurt“ vor sich hin murmelte und dabei jedes Mal die Stirn in Falten legte, dämmerte er langsam weg.

Die Träume von buckligen Weibern und Bluthunden, die Lewis, der einen Mantel mit Fuchspelzbesatz trug, heimsuchten, waren nicht ganz so furchtbar wie die Tatsache, dass jäh die Tür aufflog und ein hektischer Böttiger Lewis aus dem Schlaf rüttelte.
„Es ist schon spät!“, rief der und zeigte die Zähne, was dem schlaftrunkenen Lewis fürchterlich erschien, aber nur ein Zeichen für Böttigers Verlegenheit war. „Ich habe am Schreibtisch die Zeit vergessen. Sie müssen sich sputen!“
Lewis zwinkerte. „Ich muss ... was?“
„Eilen, Sie müssen sich eilen! Jeden Augenblick kann die Kutsche ankommen!“
Lewis sah zum Fenster, um am Sonnenlicht die Tageszeit abzuschätzen, doch er war noch zu benommen. Außerdem fuchtelte Böttiger mit den Händen. „Schnell, ein reines Hemd! Strümpfe!“ Er riss die Kleidertruhe auf und griff hinein. Lewis richtete sich mühsam auf, und schon hatte er die Wäschestücke in Reichweite, die Böttiger aufs Bett geworfen hatte.
„Wo ist Ihr guter Rock? Sie haben doch einen Frack, aus Samt vielleicht?“
„Ja, ja“, stotterte Lewis und wechselte die Kleidung, während er ständig Böttiger im Auge behielt, der ihm den Rücken zugewandt hatte und in Lewis’ Garderobe forschte. „Ah, in Weinrot, und die passende seidene Weste, die Halsbinde – mit Spitze, sehr schön – und ebensolche Ärmelbündchen, ja, das mag gehen. Gottlob sind die Schuhe geputzt ...“
Lewis versuchte, in die Hosen zu steigen und wurde langsam wach, hellwach sogar. Böttiger ging noch einmal die Kleidungsstücke durch und nickte. Er ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen und fuhr sich über die feuchte Stirn. Diskret schaute er über die Bücher und Schriftstücke, um nicht in Lewis’ Richtung blicken zu müssen und diesen vielleicht verlegen zu machen.
Lewis hingegen bekümmerte weniger Böttigers Anwesenheit als vielmehr die Tatsache, dass dieser bei seinem hastigen Eintreten versäumt hatte, die Tür zu schließen. So stand Lewis halb bekleidet mitten im Raum, die Tür gähnte weit offen und bot freien Blick auf den Flur – und vom Flur ins Zimmer. Was, wenn jetzt Eleonore ... Lewis ließ die Finger fliegen, um sich zu bedecken. Erst an den Westenknöpfen wurde er langsamer, was nötig war, denn zuvor hatte er oft genug den Knopf ins falsche Loch genestelt.
Böttiger hingegen hatte seine Begutachtung der Lewis’schen Sprachbemühungen abgeschlossen, auch war seine Aufregung verflogen, und so redete er auf den mit seiner Garderobe ringenden Lewis ein, nahm den Faden des Gesprächs vom frühen Nachmittag wieder auf, als seien die vergangenen Stunden nur ein Lidschlag gewesen.
„Unzweifelhaft werden Sie in Tiefurt auch den Herrn Bertuch treffen, den herzoglichen Schatullenverwalter …“
„Den – was bitte?“ Lewis schlang gerade die Halsbinde um seinen Nacken. Zunächst fragte er ganz automatisch nach dem ihm unbekannten Wort, doch dann überkam ihn die Verblüffung, dass Böttiger so unvermittelt und der Situation unangemessen mit seinem Schulungsvortrag fortfuhr.
Der Gymnasialdirektor deutete dies anders: „Oh, keine Bange, Sie werden nicht mit Finanziersgeplauder gelangweilt werden. Bertuch ist neben seinem Beruf als Unternehmer auch Schriftsteller, Übersetzer, ja Verleger! Möglicherweise genau der richtige Mann, um ihn in einer kleinen Unterhaltung auf Ihre eigenen Avancen hinzuweisen ...“
Lewis konnte nichts entgegnen, zu absonderlich erschien ihm die Szene, in der er sich mit seiner galanten Kleidung mühte, die verrinnende Zeit wie ein unerbittlicher Verfolger auf seinen Fersen, der ihn hetzte und hetzte, während Böttiger wieder in aller Seelenruhe in Hemdsärmeln am Schreibtisch saß und über illustre Weimarer Bürger plauderte.
„Eine Idee, wie gesagt“, fuhr Böttiger fort. „Denn natürlich ist an dem Mann nicht alles ganz zum besten gestellt. Er ist ein akademischer Zwitter, womit ich sagen will, dass er zunächst Theologie, dann aber Jura studiert und somit auf beiden Gebieten nicht allzu viel geleistet hat. Dafür ist er ein umso eifriger Kassenverwalter: Nicht von ungefähr lässt er sich in alle seine Röcke und Mäntel gleich vier Taschen machen.“
Das Lachen, das hierauf folgte, bezog Lewis zunächst auf sich, da er nur mit halbem Ohr zugehört hatte und etwas unkonzentriert den Bund seiner Kniehosen schnürte. Er blickte hastig auf und verlor beinahe das Gleichgewicht.
„Vorsicht, Master Lewis“, mahnte Böttiger, noch immer in sich hinein lachend. „Seien Sie nicht tollpatschig, das mag sich leicht rächen. Gerade fällt mir ein, da ich Bertuch erwähnte, dass Sie hier in eine recht scherzfreudige Runde eintreten werden. Gerade Goethe hat sich in der vergangenen Zeit als Bertuchs Plagegeist erwiesen. In dessen Hochzeitsnacht trieb er es mit dem Schabernack so weit, dass Bertuchs Frau dem Geheimen Rat auf mehrere Jahre nicht begegnen konnte, ohne blass oder rot zu werden! Damals hatte nämlich …“
In diesem Moment polterte es auf der Stiege, und einen Augenblick später erschien Eleonore Böttiger an der Tür. Sie atmete rasch. „Draußen ist der Wagen vorgefahren. Der Kutscher bittet Herrn Lewis einzusteigen.“ Dann blickte sie den jungen Engländer an und legte den Kopf schief.
Lewis fühlte sich unangenehm gemustert, zumal er einen seiner Schuhe in der Hand hielt und ansonsten auf Strümpfen dastand.
Eleonore Böttiger lächelte. „Sie sehen sehr stattlich aus. Der Rock steht Ihnen gut.“
Lewis spürte, wie etwas Wärme seine Wangen heraufkroch, und er ließ die Hand mit dem Schuh auf halber Höhe innehalten.
Böttiger stand auf und trat zu Eleonore. „Ja, durchaus, er kann sich sehen lassen, und wenn er sich so beredt gibt wie bei uns, so wird er in Tiefurt durchaus brillieren.“ Unüberhörbar schwang in diesem Satz mit, dass Böttiger einen gehörigen Teil des Erfolges, mit dem Lewis bei Hofe ankommen würde, für sich beanspruchte. Dann blickte er auf den immer noch unbeschuhten Engländer und fuchtelte wieder mit den Händen. „Nun, die Kutsche wartet!“ Dann wandte er sich ab und ging die Treppe hinunter, um vor der Tür um einen Augenblick Geduld zu bitten.
Eleonore Böttiger sah Lewis noch einmal an und ging ebenfalls zur Treppe. Lewis hatte sich nach Böttigers Ausruf gebückt, um in die Schuhe zu schlüpfen, und so war ihm der letzte Blick Eleonores entgangen. Was seiner Gesichtsfarbe zugute kam. Rasch griff er nach dem Hut, dem modischen runden, nicht dem Dreispitz, setzte ihn auf und nahm ihn dann wieder in die Hand. Als er sein Zimmer verließ, nur halb so bedächtig, wie er sich noch am Morgen den Aufbruch vorgestellt hatte, kam ihm Böttiger auf halbem Wege auf der Treppe entgegen.
„O je, o je!“, klagte der, und Lewis befürchtete etwas Tragisches, als Böttiger auch schon hektisch auf die Eingangstür deutete. „Sie fahren nicht allein nach Tiefurt – wie hätte ich das auch annehmen können –, in der Kutsche sitzt schon ein Fahrgast!“
Noch ehe Lewis auch nur den Hauch einer Frage hätte stellen können, sprach Böttiger schon weiter: „Es ist Wieland, er sitzt da und wartet!“ Lewis wollte sich gerade fragen, was an dieser Tatsache denn so schlimm sei, als Böttiger atemlos hauchte: „Ich konnte Sie gar nicht recht auf ihn vorbereiten!“
Nun lachte Lewis. „Lieber Herr Böttiger! Dann werde ich mich wohl ungerüstet in die Schlacht des gepflegten Dialoges begeben müssen. Der Schild, den Sie mir gezimmert haben, mag noch nicht ganz vollständig sein, aber ich bin sicher, er wird seine Dienste leisten.“ Er ging die letzten Stufen hinab. „Herzlichen Dank.“
Böttiger schaute drein, als würde er tatsächlich sein eigen Fleisch und Blut unvorbereitet ins Feld ziehen lassen müssen.
Lewis schmunzelte und sagte halblaut: „Ich werde Ihnen selbstverständlich in aller Ausführlichkeit berichten, was sich am heutigen Abend in Tiefurt ereignet.“ Diesmal hatte er den Ortsnamen fehlerfrei ausgesprochen. Er war aber der festen Überzeugung, dass dies nicht der Grund dafür war, dass Böttiger seine Leichenbittermiene ablegte und über beide Wangen zu strahlen begann.
Lewis verabschiedete sich von Böttiger und Eleonore, die die Hand hob, als wolle sie ihm die Halsbinde zurechtrücken, es aber dann doch nicht wagte und die Bewegung in eine etwas ungelenke Abschiedsgeste übergehen ließ. Dann trat der Engländer auf das Pflaster vor dem Haus, wo im hellen Sonnenlicht die Kutsche stand. Der Fahrer saß schon auf seinem Bock, und dann schwang die Tür des Schlages auf, und eine volle Stimme ertönte: „Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, zum Ritt ins alte, romantische Land!“
Lewis erkannte den ersten Gesang aus Wielands Versepos Oberon, und er konnte mit einigem Nachsinnen gerade noch den anschließenden Teil zusammenbringen. „Wie lieblich um meinen entfesselten Busen der holde Wahnsinn spielt.“
Aus der Kutsche hörte er leisen Applaus, und dann beugte sich ein älterer Mann heraus und machte eine einladende Geste. Christoph Martin Wieland musterte den jungen Engländer scharf mit hellen Augen, um die schon einiges an Fältchen zu sehen war. Sein kräftiger Mund lächelte, als Lewis sich ihm gegenüber auf die Bank schob. „Eine erfreuliche erste Begegnung, Herr Lewis, ich fühle mich geehrt, dass Sie sich meiner Werke entsinnen.“
Lewis nickte. Er war froh, dass sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen hatte. Zum Glück waren es nur einige Zeilen vom Beginn des Epos gewesen, an andere Teile hätte er sich unmöglich erinnern können. Wenn er geahnt hätte, dass Wieland ihn derart prüfen würde, hätte er sich vorbereitet. Zu dumm, dass Böttiger ihm dieses Faible Wielands nicht mehr hatte mitteilen können. Lewis sah dem Poeten offen ins Gesicht, das eine dicke, fleischige Nase dominierte.
„Sie dürfen das nicht falsch verstehen“, zwinkerte Wieland. „Ich wollte Sie nicht auf die Probe stellen. Es schien mir eine hübsche Ironie, den vor unsere Kalesche gespannten Klepper als graziles Fabelwesen zu bezeichnen. Aber wenn ich meinen Scherz schon erklären muss ...“
„Verzeihung“, entgegnete Lewis halblaut, dem es schien, als zöge sich eine dichte Wolke über seinem Kopf zusammen, aus der sogleich der Dichterzorn auf ihn hinabfahren würde.
„Ich bitte Sie“, winkte Wieland ab. „Ich habe Sie auf Kosten meines Spaßes unterschätzt. Wie hätte ich ahnen können, dass Sie so beschlagen in ausländischer Dichtung, ja sogar in der meinen sind. Sie müssen wissen, das ist keineswegs üblich ...“
Er lehnte sich ein wenig aus dem Fenster, wobei er das Samtkäppchen festhielt, das auf seinem Kopf saß und unter dem an den Seiten dichtes, ergrautes Lockengekräusel hervorlugte. Er rief dem Kutscher zu loszufahren und ließ sich dann wieder gegen das Rückenpolster sinken. Durch diese Bewegung bot sich Lewis die Gelegenheit, Wielands Garderobe in Augenschein zu nehmen. Der trug einen dunklen Rock, der zwar sauber wirkte, aber keineswegs feierlich, und statt Lackschuhen Tuchstiefel, die bequem aussahen, aber dem bevorstehenden Abend unmöglich angemessen waren.
Ehe Lewis jedoch weiter über diese Dinge nachdenken konnte, führte Wieland seine Rede fort: „Sie sind ja ein ziemlich junger Mensch, und bei der Jugend sind meine Werke zunehmend unbeliebt, und das zehrt an mir, obgleich ich – wem ist das schon vergönnt – einer Werkausgabe in zweiundvierzig Bänden entgegensehe. Mein Verleger Göschen in Leipzig besorgt sie. Aber was nützt das? Schon vor zwanzig Jahren hat der Göttinger Hainbund – eine Gruppe junger sogenannter Geniedichter – einige meiner Bücher verbrannt, angeblich, um ein Zeichen für neue literarische Wege zu setzen. Sie können sich denken, dass ich seitdem ein gebranntes Kind bin. Demzufolge freut es mich, dass Sie sich so für die Schreibereien dieses alten Kauzes interessieren.“
Wielands Antlitz strahlte tatsächlich tiefempfundene Freude aus. Lewis war überrascht, wie unvoreingenommen der große Dichter auf ihn einging. Wie offen und gütig er schien.
Überhaupt musste Lewis feststellen, wie hilfsbereit die Menschen in Weimar bislang zu ihm gewesen waren. Der ihm mit gutem, wenn auch schwatzhaftem Rat zur Seite stehende Böttiger, der ihn in seinem Haus aufgenommen hatte, Goethe, der ihn sogleich eingeladen hatte und nun Wieland, der sich ihm als Mitreisender anbot und sich ihm gegenüber so väterlich gab.
Lewis saugte den gütigen Ausdruck, der auf dem Gesicht seines Gegenübers lag, mit jeder Faser seiner Seele auf. Der Gedanke an seinen eigenen Vater wandelte sich in seinem Mund zu einem bitteren Geschmack, und schon überkam ihn ein Gefühl des Misstrauens, als schliche sich diese Bitterkeit zurück in seine Gedanken. Vor ihm erschien das Bild Böttigers, der ihn als geduldigen Zuhörer für sein Getratsche gebrauchte. Das Antlitz Goethes, der ihn bei der Weimarer Gesellschaft scherzend als Exoten von den britischen Inseln vorführte, und nun auch dieser alternde Poet, dem die Leserschaft entglitt, die Anhängerschaft verlustig ging und der ihm sein Leid klagte. Lewis senkte die dunklen Brauen, und im gleichen Maße verzogen sich auch seine Mundwinkel.
Das Bild des höflichen älteren Mannes verschwamm vor seinen Augen.
„Nun, junger Herr Lewis, ich muss mich entschuldigen“, sagte Wieland plötzlich. „Ich spreche von mir, dabei sind Sie es, der als Gast Aufmerksamkeit verlangt. Also denn“, er klatschte sich mit den Händen auf die Knie, „frisch heraus, was erwarten Sie vom heutigen Abend?“ Er klatschte erneut, zweimal kurz hintereinander, als wolle er Lewis aufmuntern. „Nicht so grimmig dreingeblickt! Mir scheint, als zögen noch alle Nebel Britanniens durch Ihren Kopf und verdüsterten Ihr Gemüt!“
Lewis fühlte sich beschämt und rang sich ein schwaches Lächeln ab. Er durfte diesem Mann nicht mit Arg begegnen, das war unrecht. Was trug der für eine Schuld an seinen eigenen, missmutigen Gedanken? Keine. Vielmehr hatte Wieland verstanden, was an seiner Seele nagte. Zwar war es nicht das Klima, aber doch etwas aus seiner Heimat, nämlich das, was er dort zurückgelassen hatte und doch stets bei sich trug, den Gedanken an Vater und Mutter, die beide auf eine gewisse Art gestorben waren.
Lewis zwang sich, Wielands Frage zu beantworten. „Nun, ich hoffe, dort im Umgang mit der hohen Gesellschaft den Schliff und die Etikette zu erhalten, für die mich mein ... für die England seine Söhne auf den Kontinent entsendet.“
„Groß und gut gesprochen, junger Master Lewis“, lachte Wieland, und seine gewaltige Nase bebte. Dann nahm er sein Gegenüber näher in Augenschein. „Aber vergessen Sie nicht, dass wir uns auf dem Weg zu einem künstlerischen Beisammensein befinden, nicht zu einem höfischen Zeremoniell. Tiefurt ist der Sommersitz der Herzoginmutter. Sommersitz! Allein das Wort strahlt so viel Leichtigkeit aus, dass es sich verböte, dort Strenge und Steifheit herrschen zu lassen. Glauben Sie mir, es ist höchst angenehm.“
„Dann möchte ich mich aufs Angenehmste überraschen lassen. Nehmen Sie nichts vorweg, ich habe bereits durch Herrn Böttiger …“
„Ah, Böttiger! Ich kann mir vorstellen, dass Sie durch ihn bereits so einiges erfahren haben. Sagen Sie – und verspüren Sie keine Scheu, offen zu sein –, was hat der Gute über meine Person zu berichten gewusst? Ich kann mir vorstellen, er hat Sie ausführlich unterrichtet ...“
Lewis zuckte die Achseln. „Ich muss Sie enttäuschen. Zu Ihnen ist er nicht mehr gekommen.“ Die Bemerkungen, die Böttiger in Bezug auf Wieland und die damalige Herzogin gemacht hatte, konnte und wollte er nicht wiedergeben.
„Prächtig!“, rief Wieland und lachte wieder. „Dann sitzen Sie also mit dem großen Unbekannten in einer Kutsche. Denn wenn Sie nur das parat haben, was Sie selbst in Erfahrung brachten – wie unwissend sind wir doch alle ohne Böttigers Nachhilfe in Sachen Mensch.“
„Ja, das mag stimmen“, meinte Lewis. Er wollte lächeln, dachte aber an seine vorangegangenen Überlegungen zurück und ließ es. „Wie weit ist es bis Tiefurt?“
„Nicht weit. Eine gute halbe Stunde Fußwegs außerhalb von Weimar.“ Wieland bemerkte Lewis’ Blick. „Aber eine alte Eule wie ich lässt sich gern nach Athen tragen. Beziehungsweise fahren.“
Lewis wusste nicht zu ergründen, worauf Wieland anspielte. Aber tatsächlich mochte er mit seinem hellen, wachen Blick und der prägnanten Nase an diesen Vogel erinnern. Die dunkle Kopfbedeckung tat ihr Übriges.
„Außerdem“, fügte Wieland hinzu, „werden wir noch jemanden mitnehmen.“
Lewis hatte während des Gesprächs nicht auf den Weg der Kutsche geachtet – was ihm aufgrund seiner mangelnden Ortskenntnis ohnedies wenig Aufschluss gegeben hätte –, aber noch befanden sie sich mitten in der Stadt.
„Oh“, entfuhr es ihm. „Um wen handelt es sich denn?“ Im Geiste ging er die Personen durch, die Böttiger erwähnt hatte.
„Eine Bekanntschaft, die Ihnen zusagen wird. Gottfried von Herder.“ Wieland lächelte geheimnisvoll.
Herder. Der Gottesmann und Förderer Böttigers. Die Aussicht, mit Herder und Wieland, mit diesen beiden Größen auf engem Raum in einer Kutsche sitzen zu müssen, behagte Lewis wenig. Wieland schien umgänglich, doch ... nein, Böttiger hatte nur das Beste zu berichten gewusst, selbst wenn man seine Befangenheit bedachte.
„Herr von Herder“, wiederholte Lewis.
„Ganz recht“, sagte Wieland und lächelte wieder.
„Ich vermeine mich aufgrund der Worte von Herrn Böttiger zu erinnern“, merkte Lewis an, „dass die Wohnung des Herrn von Herder nur unweit vom Haus der Böttigers liegt. Warum also die lange Fahrt?“
Wieland hob die Brauen, bis sie fast an den Rand des Samtkäppchens stießen. „Ein aufmerksamer junger Mann, in der Tat.“
„Ich hatte einen guten Stadtführer, und es schien mir höflich, gewissenhaft zuzuhören.“
„Richtig. Nun, dann wird Ihnen auch nicht fremd sein, dass sich nicht jeder Mann immer in seinem Haus aufhält.“
Lewis konnte sich aus dem geheimnisvollen Spiel von Wielands Mundwinkeln keinen Reim machen. Er nickte. „Sicher.“
„Gut, denn wir sind schon nahezu ...“ – Wieland blickte aus dem Fenster zur Rechten – „... da.“
Lewis sah ebenfalls hinaus. Gerade bog die Kutsche in eine Straße ein, und in einiger Entfernung, am Ende der Häuserzeile, konnte er eine Gestalt stehen sehen. Keine weiteren Fußgänger waren unterwegs, so dass sich dieser Mensch deutlich vor den Häusern abhob. Dann lenkte der Kutscher ein, und Lewis war der Blick in die Ferne verwehrt, nur Fenster und Türen zogen vorbei. Wieland streckte den Kopf nach draußen und winkte, dann rief er dem Kutscher zu, er möge halten. Im Fenster erschien zunächst ein dunkelblauer Rock mit blanken Knöpfen, darüber ein schneeweißer Kragen und darüber wiederum ein gefälliges, jugendliches Gesicht. Wieland grüßte und öffnete den Schlag.
Ein junger Mann stieg in die Kutsche, die Kopfbedeckung in der Hand. Lewis war verdutzt. Dies sollte Herder sein? Der, der sich jetzt neben Wieland setzte, war unzweifelhaft in seinem eigenen Alter. Was für einen Scherz hatte sich der Schriftsteller hier ausgedacht?
Wieland stellte die beiden einander vor. „Matthew Lewis aus England – Gottfried von Herder.“
Herder grüßte höflich, was Lewis erwiderte, jedoch nicht, ohne fragend dreinzuschauen.
Wieland legte den Finger ans Kinn. „Vielleicht hätte ich präziser sein sollen. Dies ist Wilhelm Gottfried von Herder, der Sohn unseres verehrten Johann Gottfried von Herder. Aber dies bleibt immer noch Matthew Lewis.“
„Matthew Gregory Lewis“, sagte der, obwohl er seine Taufnamen – der eine der des Vaters, der andere der Nachname der Großmutter väterlicherseits – seit jeher verabscheute. „Um präzise zu sein.“
Wieland lachte und Herder mit ihm, was Lewis Gelegenheit gab, den jungen Mann zu mustern. Wilhelm Herder hatte volles, dunkles Haar und ebensolche Augen unter kräftigen Brauen. Seine Nase war gerade, der Mund schön geschwungen, das Kinn charakteristisch. Seine Zähne schimmerten, als er schmunzelte. Die Stimme war angenehm dunkel, als er das Wort an Lewis richtete. „Herr Wieland bot mir an, in seiner Kutsche mitzufahren, statt meinen Vater nach Tiefurt zu begleiten. Vermutlich wollte er Sie nicht mit ihm allein lassen, um Sie nicht allzu ungeteilt seiner Ironie auszusetzen.“
„Wie wahr“, sagte Wieland und zwinkerte. „Wie laufen die medizinischen Studien bei Hufeland?“
„Danke, gut. Da der Herr Hofmedikus im kommenden Jahr die Professur in Jena annehmen wird, werde ich ihm wohl dorthin folgen.“
„Sehr schön.“ Er sah von Herder zu Lewis. „Während ich die Menschheit nur mit Ironie seziere, werden Sie es bald mit dem Chirurgenmesser erledigen.“
„Au, Herr Wieland“, machte Herder und grinste. „Das saß! Wie ich erwähnte, gut, dass ich hier bin, um meinen Teil einzustecken.“
„Ja, es ist ein ziemlich gefährliches Talent, das zu haben ich mich rühme. Zum Glück hat mich die Natur mit einem unschuldigen, anständigen Wesen gesegnet. Mein Menschenhass ist nur gespielt. Ich liebe die Menschheit, und wenn ich auch über die Gebrechen der einen und über die Schwachheiten der anderen spotte, so geschieht es in der Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen wagt.“
„Wohl gesprochen“, meldete sich Lewis zu Wort und nickte erst Wieland und dann zögerlich auch Herder zu.
Wieland kniff die Augen zusammen und fixierte Lewis. „Nun, auch Sie haben, wie ich hörte, ein gefährliches Talent.“
Lewis runzelte die Stirn. „Ja?“
„Sie können Leuten Furcht einjagen mit dem, was Sie fabulieren.“
„Fabulieren?“ Lewis schoss es kalt durch den Magen. Was mochte das Wort bedeuten? Was um Himmels Willen erzählte man über ihn, schlimmer noch, warf man ihm vor?
„Erzählen. Mit dem, was oder vielmehr wie Sie es erzählen. Goethe sagte, Böttiger hätte so etwas bemerkt.“
„Ja, ich habe Ambitionen, was das Dichten angeht. Wie erfolgreich diese sein mögen, kann ich nicht entscheiden.“ Lewis wollte nicht an das schreckenerregende Manuskript unter seinem Bett denken.
„In welcher Art möchten Sie arbeiten? Lyrik, Epik ...?“ Wieland wischte ein Stäubchen von seiner Kniehose und versuchte, so beiläufig zu klingen, dass Lewis so etwas wie eine rhetorische Falle witterte. Er hütete sich, mit Wieland konkurrieren zu wollen und flüchtete sich kurzerhand nach vorn: „Dramatik. Ich habe in Paris so häufig und mit Begeisterung das Theater besucht, dass auch ich mich an einem Stück versuchen möchte.“
„Auf den Spuren Shakespeares“, sagte Wieland versonnen. „Auf den Spuren eines der Größten. Sehr enthusiastisch für einen jungen Mann, der reüssieren will. Aber immerhin haben Sie einen Vorteil ...“
Lewis hatte schon einen stummen Seufzer ausstoßen wollen, als er Wielands Worte vernahm. Ihn mit Shakespeare zu vergleichen war mehr Spott, als er ertrug. Jetzt aber horchte er auf – folgte etwa eine Ermutigung?
„Welchen?“
„Sie sind ebenfalls Engländer.“
„Das ist“, seufzte Lewis, „herzlich wenig.“
„Nein“, antwortete Wieland ohne Anzeichen von Unernst. „Wenn Sie sich anstrengen, mag es reichen.“
„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen ...“, begann Lewis, aber Wieland schnitt ihm das Wort ab. „Warten Sie ab. Warten Sie ab.“ Er wandte sich an Herder und schüttelte den Kopf. „Immer diese Jugend, so ungestüm!“ Dann runzelte er die Stirn, als erkenne er erst jetzt, wen er angesprochen hatte. „Ach, Jungvolk!“ Herder lächelte gewinnend, und Lewis fühlte sich angesteckt.
Mittlerweile hatte die Kutsche die Stadt hinter sich gelassen und war auf eine Kastanienallee gefahren. Die tiefstehende Sonne schien zwischen den Bäumen hindurch, die Bewegung der Kutsche machte daraus ein ständiges Flackern und Aufblitzen von Licht.
Wieland sah seine Mitreisenden an. „Ich werde jetzt für einige Zeit meinen Mund halten, heute Abend werde ich noch genug Unterhaltungen führen müssen. Ich werde ein wenig dösen, während sich die beiden jungen Herren miteinander bekanntmachen. Auf Tiefurt wird auch dafür wenig Zeit bleiben.“ Er lehnte sich zurück, so dass das Käppchen ein wenig nach vorn rutschte, und schloss die Augen. „Ich bitte, mich zu wecken, wenn wir da sind.“ Dann begann er, ruhig und tief zu atmen.
Herder schien dies nicht zu überraschen, während Lewis etwas ungläubig auf den augenscheinlich Schlafenden blickte. Er wollte etwas bemerken, als Herder ihm zuvorkam.
„Was meinte Herr Wieland damit, dass Sie Leuten Furcht einjagen?“
Lewis setzte sich auf. „Ich hatte bei meinem Gastgeber, Herrn Böttiger, das eine oder andere von meiner Reise berichtet, und da ich offen gestanden dem Wein ziemlich zugesprochen hatte, gerieten meine Ausführungen recht eindrucksvoll.“
„Vermutlich um so eindrucksvoller, da Sie nicht in Ihrer Muttersprache redeten.“
Lewis hob die Schultern. „Denkbar. Ich vermute, der Wein hat geholfen und auch der vorangegangene Lesestoff.“ Herder gegenüber verspürte er nicht die Scheu, die ihn davon hatte absehen lassen, Wieland etwas von seinen Faibles und Erlebnissen schauerlicher Art zu berichten. Lag es daran, dass Herder kein Autor, keine Berühmtheit, vor allem aber kein achtbarer älterer Herr war?
„Als da wäre?“, fragte Herder und schaute interessiert.
„Nun“, begann Lewis, und fast schämte er sich etwas, seiner Stimme einen geheimnisvollen Klang zu geben. Er wusste nicht genau, ob er es tat, weil Wieland jetzt nicht mehr mit Bemerkungen darauf eingehen konnte oder weil er Herder beeindrucken wollte. „Die verschiedenen Schauergeschichten, wie Schillers Geisterseher oder Webers Teufelsbeschwörung.“
Herder schüttelte den Kopf. „Kenne ich nicht.“
„Ich habe auch noch anderes gelesen. Den Genius. Den Hochwaldnebel.“
„Romane lese ich nicht, ich habe es mehr mit den medizinischen Büchern.“ Er neigte den Kopf in Richtung des schlummernden Wieland. „Wie gesagt, dort gibt es genug Ängste und Schrecken. Das mag mir reichen. Von den Dingen in den Leibern sollte man besser schweigen.“
Lewis nickte schweigend. Herder sah aus dem Fenster. Draußen verdichtete sich die Allee zu einem Wald. Das Licht wurde schwächer, wodurch die vereinzelten Sonnenstrahlen umso heller schienen.
„Der Webicht“, sagte Herder. „Jenseits des Forstes liegt Tiefurt.“ Als er sich Lewis wieder zuwandte, leuchtete sein Gesicht auf, bestrahlt durch das Funkeln zwischen den Stämmen.
Lewis kniff die Augen zusammen und sah dann rasch hinaus, wo sich die vorbeiziehenden Baumstämme zu einem Schleier verwischten. Eine Weile schwiegen die beiden. Die Kutsche rüttelte, und im Rattern der Wagenräder über den harten Grund ging jedes Geräusch unter, das vom schlafenden Wieland herrühren mochte. Lewis sah zögerlich zu Herder hinüber, doch der blickte aus dem Fenster. Sein Profil schimmerte golden, und immer noch flackerten die Lichter darüber, die Lewis blendeten und verwirrten. Lewis blinzelte, als er spürte, wie ihn das Lichterspiel immer mehr gefangennahm. Plötzlich schob sich ein schwarzes Schemen vor die Sonne, ein Schatten, der das Licht verdeckte und Lewis wachrüttelte. Sicher war es nur ein Baum gewesen, doch hatte es nicht die Umrisse einer Gestalt gehabt? War da nicht ein Kopf gewesen? Unmöglich, eine solche Größe erreichte kein Mensch. Er musste sich das eingebildet haben.
Er räusperte sich. „Sagen Sie ...“
Herder wandte sich ihm zu. Das Ruckeln der Kutsche wurde heftiger. „Ja?“
„Ich fragte mich ...“
Da ging ein heftiger Stoß durch den Wagen, die Pferde wieherten, und der Kutscher fluchte laut. Lewis warf erschrocken den Kopf von einer Seite zur anderen. Was ging da draußen vor sich?
Mit einem Mal wurden die Insassen von ihren Sitzen gehoben, und kaum dass sie auf die Bänke zurückgefallen waren, legte sich das Wageninnere schief. Lewis krallte die Finger in einen der Fenstervorhänge, stieß beinahe mit dem Kopf an die Seitenwand. Fast hätte er aufgeschrien – nicht vor Schmerz, sondern aus Angst vor dem, was geschah oder geschehen mochte. Die Bäume, zuvor einige Armlängen entfernt, kamen gefährlich nahe, dann schob sich die Kutsche schräg in den Graben. Lewis rutschte gegen die Seitenwand, und fast fürchtete er, sie würde nachgeben. Doch das Holz hielt, und die Kutsche bewegte sich nicht mehr. Die Pferde wieherten immer noch, der Kutscher fluchte nochmals, und dann war es still, von einem gelegentlichen Vogelruf abgesehen. Im Wagen selbst keuchte Lewis auf, betastete seine Schulter und war froh, keine allzu arg schmerzende Stelle zu erfühlen.
Wieland brummte zunächst unverständlich, dann schlug er die Augen auf und sagte: „Ich bezweifle, dass wir in Tiefurt angekommen sind. Warum wurde ich geweckt?“ Er rückte sein Käppchen zurecht und begutachtete die schrägstehenden Baumstämme. „Ein schiefer Wald, sieh an. Wo sind wir?“
Herder rieb sich die Schläfe, mit der er gegen den Fensterrahmen geprallt war. „Ich schätze, vom Weg abgekommen, warum auch immer.“
Er streckte den Kopf aus dem Fenster und rief den Kutscher an: „Heda, Mann! Was ist geschehen?“
Lewis drückte sich die Hand in den Nacken, der ihm von dem plötzlichen Stoß schmerzte.
Draußen rief der Kutscher etwas von Männern zu Pferde, die ihn geschnitten hätten, sowie von Bäumen und Wurzeln und Steinen, Lewis war etwas durcheinander, so dass er das ohnehin durch einen schweren thüringischen Akzent gefärbte Deutsch kaum verstand. Doch ihm wurde klar, dass der Schemen, den er gesehen hatte, einer der Reiter gewesen sein musste. Herder drehte sich zu ihm und Wieland um. „Um es kurz zu machen: Die Kutsche steckt im Graben.“
„Dann sollten wir helfen, sie da herauszuholen“, sagte Wieland und machte eine auffordernde Geste. Herder und Lewis nickten, erhoben sich schwankend von ihren Plätzen und standen dann gebückt da, die Köpfe unter dem niedrigen Dach geneigt. Der Boden der Kutsche fiel zur Waldseite steil ab und ragte zum Weg hin auf, sie konnten sich glücklich schätzen, dass sie nicht umgekippt war. Der Stamm eines querliegenden Baumes hatte sie abgefangen.
Herder versuchte, die untere Tür zu öffnen, aber es gelang ihm nicht. Ein schmaler Spalt zeigte sich, durch den man Gras und Rinde sehen konnte, dann schlug die Tür gegen ein Hindernis. Irgendetwas plätscherte. „Im Graben läuft ein Rinnsal“, sagte er, nachdem er kurz durch das Fenster hinausgeschaut hatte. „Die Räder stecken im schlammigen Grund.“
Lewis sah an sich hinab, dann auch auf Herders Garderobe. Fast war er froh, dass dieser Weg verwehrt war. „Mir scheint, wir müssen auf der anderen Seite aussteigen ...“
Beide kletterten auf das obere Fenster zu und schoben sich mit Entschuldigungen an Wielands Beinen vorbei. Schwer klappte die Tür gegen die Flanke des Aufbaus, nachdem Lewis sie aufgedrückt hatte. Herder stieß sich ab, machte einen Satz und landete auf dem Weg, wobei er ein Staubwölkchen aufwirbelte. „Kommen Sie“, sagte er, als er Lewis zögern sah. Der stützte sich ab, brauchte ein wenig länger, auch sah es weniger elegant aus, aber schließlich standen sie nebeneinander vor der Kutsche und betrachteten die Bescherung.
Schief hing der Wagen da, bedenklich schief. Die Deichsel ragte schräg empor, die vordere Achse stand quer, es schien, als habe allein der geistesgegenwärtige Kutscher sie vor Schlimmerem bewahrt. Der schlaksige Mann mit dem hageren, griesgrämigen Antlitz beruhigte gerade die Pferde, denen nichts geschehen zu sein schien, die aber nervös im Staub mit den Hufen scharrten. Herder trat auf ihn zu: „Bekommen wir den Wagen wieder heraus?“
Der Kutscher rieb sich das Kinn, das ein langer Schmiss verunstaltete. „Achsen und Deichsel sind intakt, wie es aussieht.“ Er beäugte die beiden jungen Männer. „Wenn Sie mit anpacken würden und schieben hülfen ... damit der verquere Zug nichts zerbrechen lässt.“ Er wies auf den Winkel, in dem die Pferde zum Wagen standen. „Ich muss die Tiere führen, damit nichts schiefgeht.“
„Natürlich“, sagte Herder. Er wandte sich zum Schlag, in dem es sehr still war. Lewis reckte den Hals. Hatte Wieland nicht auch aussteigen wollen?
„Herr Wieland?“, rief Herder.
Drinnen raschelte es, dann schoben sich Haupt und Oberkörper Wielands aus dem oberen Fenster wie der Holzvogel aus einer Schwarzwälder Kuckucksuhr. Wieland rückte das Käppchen zurecht, räusperte sich und sagte: „Ja?“
Herder und Lewis sahen einander an. Herder presste die Lippen aufeinander, als müsse er etwas zurückhalten, das sonst herausgeplatzt wäre. Lewis kam ihm zu Hilfe. „Herr Wieland, wir müssen die Kutsche aus dem Graben schieben.“
„Sehr schön“, sagte Wieland und sah sich um. Die tiefe Sonne blitzte durchs Gesträuch, die Vogelstimmen wurden langsam stiller. „Tun Sie das, diese Lage ist recht unbequem.“
„Möchten Sie nicht herauskommen?“ Lewis bezweifelte, dass Wieland helfen mochte oder gar konnte, aber das Manöver würde bedeutend leichter vonstatten gehen, wenn sich kein Fahrgast mehr im Inneren befände.
„Lieber Lewis, glauben Sie, ich sei ein so wendiger Springinsfeld wie Sie beide? Weder kann ich mich durch das Fenster da unten zwängen noch von hier oben hinabspringen. Vom Wollen ganz zu schweigen ...“
„Aber wir ...“, begann Lewis. Herder fiel ihm ins Wort: „... werden uns an die Arbeit machen.“ Er zog seinen Rock aus und ging zu Wieland. „Würden Sie sich dessen annehmen?“
„Aber sicher“, meinte Wieland. „Ihren auch, Herr Lewis?“
Der zögerte, schlüpfte aber schließlich auch aus seinem Samtfrack und gab ihn Wieland, der mit den beiden Kleidungsstücken über den Armen noch bizarrer aussah, als ihn seine Pose ohnehin erschienen ließ.
Schnell gingen Herder und Lewis um den Wagen herum. Dem Kutscher hatte Herder zugerufen, sie würden ihre Positionen einnehmen. Der Graben war mit reichem Grün bewachsen, mit Gräsern und Kräutern, genährt durch das Rinnsal, das die Walderde zu Schlamm verdünnte.
Lewis blickte auf die dreckigen Räder, die trotzig im Grund saßen. „Wir müssen da reinsteigen“, begann er.
Herder sah ihn an. „Natürlich. Sie wollen sich nicht schlammig machen?“
Lewis strich über sein makelloses Hemd und sah auf die weißen Strümpfe. Herder war ebenso gekleidet und nickte. „Ich auch nicht. Wir werden also Vorkehrungen treffen, um nicht wie Ferkel aus dem Koben in Tiefurt einzutreffen.“ Dann knöpfte er die Weste auf, zog sein Hemd über den Kopf und hängte beides an die Haken der Kutschenrückwand. Lewis sah ihn groß an. Er gestattete sich keinen Gedanken als den, dass Herder die Kutsche auch im Alleingang würde aus dem Graben schieben können. Herder machte eine auffordernde Geste, dass die Sehnen an seinen kräftigen Armen spielten. Zögernd begann auch Lewis, sich seiner Weste zu entledigen.
Bis auch er mit bloßem Oberkörper dastand, hatte Herder schon Strümpfe und Schuhe abgelegt und war in den Graben gestiegen. „Wir sind bereit!“, rief er und bedeutete Lewis, sich zu beeilen. Er zeigte die Zähne und hob aufmunternd die Brauen. Lewis seufzte und sprang neben Herder, der sich schon gegen ein Wagenrad stemmte. Seine Muskeln spielten und waren schon bald schlammverschmiert. Als Lewis’ Füße in das feuchte Bachbett drangen, überkam ihn ein Schauder. Ein Badevergnügen war das nicht. Aber das Bild von mit Schlamm und Grasflecken verunzierten Strümpfen und Schuhen ließ ihn sich dieser Unbill hingeben. Er stemmte sich gegen die Speichen und schob. Von vorn hörten sie den Kutscher rufen, die Pferde schnauben und Deichsel und Schirrzeug sich knirschend und knarrend dem Zug beugen. Lewis ächzte, Herder gab keinen Laut von sich, atmete nicht einmal schwerer. Die Kutsche bewegte sich kaum. Die Geräusche verstummten.
„Gleich nochmal!“, rief der Kutscher. „Auf meinen Ruf!“ Lewis hörte, wie sich die Pferde neu positionierten. Er schnaufte und wollte sich mit der Hand über die Stirn fahren, als er die erdfarbene Pranke am Ende seines Armes sah und es lieber sein ließ. In der Kutsche raschelte es, dann schoben sich Haupt und Oberkörper Wielands aus dem unteren Fenster. „Haben Sie Erfolg?“, fragte er unschuldig und fügte, als er die beiden Männer betrachtet hatte, hinzu: „Zumindest scheinen Sie sich anzustrengen.“ Lewis wusste, dass sich sein Antlitz von der Mühe bereits gerötet hatte, während auf Herders Stirn nicht einmal Schweiß lag.
Dieser Mann wollte Mediziner werden? Etwas Heldenhafteres schien ihm besser zu Gesicht zu stehen.
„Es wird schon gehen“, entgegnete Herder und sah Lewis aufmunternd an. Dann kam der Ruf des Kutschers, es krachte und knirschte, und die beiden stemmten sich in die Speichen.
Wielands Kopf verschwand wieder, und Lewis sehnte sich an Schreibtisch und Feder zurück.
Nach ein paar Anläufen stand die Kutsche wieder auf dem Weg. Der Fahrer dankte den jungen Herren und untersuchte Achsen und Räder auf Schäden. Lewis stand da und schnaufte, Beine und Oberkörper mit Schlamm und Pflanzenteilen bedeckt. Wundersamerweise war die Kniehose in fast makellosem Zustand. Umso mehr schmerzten seine Arme und Schultern, weil er sich, um die Hose zu schützen, auf sehr verdrehte Weise gegen das Gewicht der Kutsche gestemmt hatte. Herder sah an sich hinab, seine Hose starrte vor Dreck. „Wenn es getrocknet ist, kann man das ausbürsten.“
Wieland hatte während des Manövers noch einige Male Kuckuck gespielt, jetzt saß er offenkundig zufrieden wieder aufrecht auf seinem Platz. Er musterte die jungen Männer. „Meine Güte, Sie sehen aus wie wilde Burschen aus den Hängen und Hügeln Arkadiens. Ich bezweifle, dass Rousseau das mit der Rückkehr zur Natur meinte.“
Herder stemmte die Fäuste in die Hüften und lachte. Lewis wollte allzu gern einstimmen, fühlte sich aber ganz und gar nicht danach.
Wieland deutete den Weg hinab. „Es dürfte nicht mehr weit sein bis zur Brücke über die Ilm. Wie wäre es, wenn Sie vorgingen und sich wüschen, und wir folgen Ihnen, sobald hier alles in Ordnung ist?“
Herder nickte. „Eine gute Idee! Kommen Sie, Lewis.“ Er ging los.
Der junge Engländer hob kurz die Hand zum Gruß in Richtung Wieland, der eine scheuchende Geste machte und sich dann an den Kutscher wandte. Lewis hörte nicht hin, sondern schloss zu Herder auf. Steinchen drückten in seine Fußsohlen, aber es war erträglich.
Herder atmete tief ein. „Ah, Waldluft – und wie erfrischend dann und wann körperliche Arbeit im Ausgleich zum Bücherstudium ist!“
Lewis schmerzten die Knochen, und er war durstig. Derzeit konnte er der durchaus mitreißenden Heiterkeit Herders wenig abgewinnen. Er schleppte sich neben ihm dahin.
Herder wandte den Kopf. „Nun lassen Sie sich nicht so hängen. Sie haben sich tapfer geschlagen! Bedenken Sie, wir haben nicht allein die Kutsche, sondern auch Herrn Wieland bewegt, und in Anbetracht der Tatsache, was der Mann in seinem Kopf und Geiste hat, war das eine geradezu herkulische Arbeit.“
Lewis sah zu Herder auf, nicht etwa weil er wesentlich kleiner gewesen wäre. Ihm ging erneut die Bedeutung von Körperhaltung auf, denn während er mit hängenden Schultern trottete, schritt Herder mit gestraffter Brust dahin. Also richtete auch er sich auf, so sehr es auch schmerzte, und rang sich ein ehrliches Lächeln ab. „Das mag sein. Fast möchte man sagen, wir haben Herrn Wieland die Reputation, wenn nicht gar das Leben gerettet. Steckte die Kutsche noch im Graben, säße der große Schriftsteller vielleicht bis in alle Tage wie der Vogel in einer dieser Schwarzwälder Uhren und würde nur dann und wann hinausschauen, um eine Ironie von sich zu geben.“
Herder lachte. „Lewis, Sie sind spitzzüngig. Wieland hatte recht, als er äußerte, sie hätten ein gefährliches Talent. Nur konnte er nicht ahnen, dass es so nah an dem seinen liegen würde.“ Er zeigte die Zähne und lächelte.
Lewis fühlte sich geschmeichelt und wollte etwas entgegnen, als Herder stehenblieb. „Hören Sie das? Da vorne rauscht die Ilm. Wir kommen zu unserem verdienten Bad.“ Er lief los.
Lewis schaute ihm kurz hinterher, dann setzte auch er immer rascher einen wunden Fuß vor den anderen.

Am Ufer der Ilm wuschen sich die beiden Schweiß und Schlamm von Gesicht und Körper. Herder schaufelte mit beiden Händen das kühle Wasser aus der Strömung und prustete offenkundig vergnügt, als sei er ein Wassergeist, der gerade nach anstrengender Nixenjagd den Fluten entstiegen war. Lewis ging mit mehr Vorsicht zu Werke. Es gelang ihm, jede Handvoll Wassers heimlich ein wenig anzuwärmen, ohne allzu zimperlich zu erscheinen. Dann ließen sich die beiden, gesäubert und erfrischt, von der tiefstehenden, aber noch immer wärmenden Sonne trocknen. Als sie aus dem Wald getreten waren, hatte Lewis mit Erleichterung bemerkt, dass es wesentlich weniger spät war, als es im gedämpften Licht zwischen den Bäumen den Anschein hatte. Zumal glaubte er am Ende des Weges, der über die kleine Brücke führte, schon die ersten Häuser des Dorfes Tiefurt ausmachen zu können. Das Schloss durfte also nicht mehr weit entfernt sein.
Herder und Lewis saßen nun in ihren Kniehosen an der Brücke und plauderten. Des medizinischen Interesses wegen erzählte Lewis von seiner Zeit am Christ Church College, wo er im vergangenen Jahr etwas Algebra und Anatomie gelernt hatte. Den Trakt, in dem diese Kunst gelehrt wurde, hatten die Studenten gemeinhin als skeleton corner bezeichnet, was dem auch sonst recht gotischen Erscheinungsbild des Gebäudes entgegenkam. Herder zeigte sich trotz des schaurigen Themas amüsiert, was, wie Lewis meinte, wohl tatsächlich an seiner höchst irdischen Einstellung als künftiger Mediziner lag.
„Der Skelettwinkel. Oder besser, die Ecke der Gebeine? Ich frage mich, welcher Name wohl auf die entsprechende Örtlichkeit in Jena passen würde.“ Herder überlegte, kam aber zu keinem Ergebnis. „Wie auch immer, ich werde es Sie wissen lassen und unter meinen Kommilitonen verbreiten.“
Lewis nickte. Es war ihm nicht entgangen, dass Herder in Anatomie brillieren würde. Er musste sich nur im Spiegel betrachten, um vollendet ausgeprägte Gliedmaßen und Muskelstränge studieren zu können. Zudem zeigte seine Haut einen Farbton, der sein beständiges Bücherstudium in der Stube Lügen strafte. Lewis selbst kam sich sowohl äußerlich als auch innerlich recht blass vor.
Herder sah zum Waldrand hin. „Wo nur Herr Wieland mit der Kutsche bleibt?“
Beide standen auf und horchten. Die Sonne war noch weiter gesunken, und Lewis fragte sich, wie spät es sein mochte.
Da jagte auch schon mit Klappern und Rattern das Fuhrwerk aus dem Wald heraus und kam kurz vor der Brücke zu einem raschen Halt. Staub wirbelte auf, dem die frisch gewaschenen Jünglinge mit Mühe ausweichen konnten.
Wieland steckte den Kopf aus der geöffneten Tür. „Nun aber los, die Herren! Herein mit Ihnen!“
Die beiden stiegen eilig ein, wo ihre zusammengelegten Kleider auf den Sitzbänken warteten.
„Ich hoffe, Sie können sich auch hier drinnen ankleiden“, meinte Wieland. „Wir sind spät dran. Da werden gewisse Damen und Herren ziemlich ungehalten sein.“
Das hatte Lewis befürchtet. Sein erster Auftritt bei Hofe würde zu einem Debakel werden.
Die Kutsche fuhr eilig an und raste gen Tiefurt.