Siebtes Kapitel

In welchem in geheime Tiefen vorgedrungen wird

Lewis erwartete den Tod.

Um ihn herum war es finster und grabesstill. Nur mit Mühe konnte er atmen, Staub drang ihm in Mund und Nase, so dass er glaubte, ersticken zu müssen. Er spürte, wie die gesamte Last des Berges sich auf seiner Brust sammelte, um ihn langsam und qualvoll zu erdrücken, und dann, dann würde er für immer in diesem schwarzen Grab verschlossen sein, bis zum jüngsten Gericht.

Er spürte den harten Boden unter seinem Rücken. Er lag noch immer, wie er gefallen war, denn eine Lähmung hatte seine Glieder ergriffen, die einer Totenstarre ähnlich war. Die Kälte aus dem Stein sickerte durch seinen Rock und sein Hemd tief in sein Fleisch, und doch spürte Lewis es kaum. Seine Gedanken kreisten um den Tod und das Sterben, das hoffentlich schnell über ihn kommen mochte, um die Qualen des lebendig Begrabenseins zu beenden. Er versuchte, sich von diesem offenen Erwarten ins Schattenreich hinübertragen zu lassen, denn etwas in seinem Geist pochte leise gegen die Mauern der Ergebenheit und erinnerte ihn an seine furchtbare Situation.

Lewis presste die Lider fester zusammen und versuchte zu sterben.

Als er glaubte, es beinahe geschafft zu haben – denn das Pochen war verstummt –, bemerkte er einen Schimmer, der durch seine Lider drang. Immer heller wurde dieses Licht, und sein Leuchten erwärmte ihn, erfüllte ihn mit tiefem Frieden. Er war tot. Das Leiden hatte ein Ende, kaum dass es begonnen hatte. Ihm waren die verzweifelten Schreie, welche die Lunge zerfetzten und das letzte Quäntchen Luft aus dem Leib trieben, erspart geblieben. Auch das verzweifelte Scharren, das die Nägel der Finger zersplittert, deren Fleisch zerrissen und die Knochen darunter geschliffen hätte, hatte er nicht auf sich nehmen müssen. Das Licht hüllte seinen Körper in überirdisches Leuchten und lockte ihn, es mit offenen Augen zu schauen.

Lewis blinzelte – und war überrascht, dass ihm dabei Staub in die Augen geriet und höllisch schmerzte. Rasch zuckten seine Hände zum Gesicht, als die Starre von ihm abfiel. Doch nur für einen Augenblick, dann verharrten seine Arme auf halbem Wege, von unsichtbarer Kraft aufgehalten. Lewis spürte eisenharten Druck auf seinen Knochen und das Brennen in den Augen, und er fühlte sich scheußlich lebendig.

„Lassen Sie die Finger von den Augen, Sie machen es nur schlimmer!“, schalt eine Stimme und fügte gleich darauf milder hinzu: „Warten Sie ...“

Dann spürte Lewis, wie ein weiches Tuch leicht über sein Gesicht glitt. „Jetzt lassen Sie die Augen zu. Versuchen Sie, ein paar Tränen zu produzieren, das wäscht den Staub aus.“

Die Stimme gehörte beglaubigt Goethe, wenn sie auch etwas rau und belegt klang. „Aber geraten Sie nicht ins Jammern, so schlimm ist unsere Lage keineswegs.“

Lewis tat, wie ihm geraten, und dachte nach. Tot war er nicht, und das Licht um ihn herum verhieß Gutes. Abgesehen vom langsam nachlassenden Schmerz in den Augen fühlte er sich nicht sonderlich übel. Nun, da war der kalte, steinige Boden, der Geröll in seinen Rücken drückte, das Atmen war wenig erquickend, und in seiner Kehle machte sich ein Kratzen bemerkbar. Aber sonst schien seine Lage bestens – seine unheilvollen Gedanken zuvor schienen unbegründet. Alles sprach dafür, dass er einige Zeit besinnungslos gewesen war und nun schon längst gerettet unter dem hellen Sonnenlicht lag. Der untergehenden Sonne allerdings, wenn er es recht bemerkte, denn der Schein war recht schwach. Lewis fragte sich, warum nichts weiter zu hören war als das Atmen Goethes und ein leises Klappern – und warum bewegte sich die Luft nicht, wenn er unter freiem Himmel lag?

Nun konnte er es wagen, die Augen zu öffnen, das Brennen hatte nachgelassen. Durch den Schleier seiner verklebten Lider sah er Goethe im Lichtkreis einer Laterne kauern. Gerade entflammte er den Docht der zweiten, und deren Schein beleuchtete deutlicher die Szenerie. Dunkle Schatten, graue Wände. Fels und Geröll. Sie waren noch in der Erde eingeschlossen!

Lewis schrie.

Goethe ließ klappernd die zweite Laterne fallen und schüttelte die Hand, deren Finger durch die Flamme gefahren waren. Er starrte Lewis an, das Antlitz flackernd von unten beleuchtet, so dass es aussah wie eine Höllenfratze. Lewis schrie noch mehr und setzte sich hastig auf, wobei er hektisch mit Armen und Beinen strampelte. Staub wirbelte auf, Steinchen rollten, und als Lewis mit dem Rücken gegen die Stollenwand prallte, rieselte es breitflächig an ihr herunter. Goethes Augen weiteten sich, und er schoss hoch, setzte mit einem Sprung zu Lewis hinüber und packte ihn an den Schultern. Er zerrte den Engländer von der Wand weg, und als der immer noch schrie, schüttelte Goethe ihn grob.

„Um Himmels Willen! Kommen Sie zur Besinnung! Sie lösen noch einen Sturz aus!“

Lewis öffnete die Augen wieder und sah im Licht der Laterne Goethes zorngefurchtes Gesicht nur eine Handbreit von seinem eigenen. Er erschrak, versteifte sich in Goethes Griff und wurde dann schlaff. Seine Unterlippe zitterte. „Yes, father ...“

„Was?“, rief Goethe und reckte das Kinn vor. Im selben Moment sah er, was in Lewis’ Zügen vor sich ging, dass die Panik einer Mischung aus Scheu und Furcht gewichen war, die dem jungen Mann den Anschein eines verschreckten Kindes gaben. Goethe löste die Finger von den Schultern des Engländers und musste sogleich wieder zupacken, als dessen Knie nachgaben. Er ließ Lewis sanft zu Boden sinken, bis dieser mit hängendem Kopf sitzenblieb. Dann ging Goethe zu den Laternen, entzündete die zweite erneut und brachte beide mit zu Lewis.

Der atmete schwer und stockend, es schien Goethe beinahe wie ein Schluchzen.

„Lewis?“

Der hob plötzlich den Kopf und sah Goethe an, als erkenne er ihn nicht. Vielmehr schienen seine Augen leblos und matt, und Goethe fürchtete, die Gefühlsentladung des Engländers sei ein letztes Aufbäumen des geschundenen Geistes gewesen, und nun sei Lewis in die Dämmerung des Wahnsinns getreten. Der Geheimrat erinnerte sich an Lewis’ Äußerung, dass er an Angst vor dem lebendig Begrabensein leide, und mit einigem Schmerz musste Goethe sich eingestehen, dass er Lewis in just diese Lage gebracht hatte, indem er ihn zu diesem Stollenbesuch ermunterte. Dennoch – es wäre nicht dazu gekommen, wenn die beiden Männer, Muntzer und Weihrach, nicht dieses erst seltsame, dann verzweifelte Gebaren an den Tag gelegt hätten.

Goethe verzog die Lippen und biss die Zähne aufeinander. Was für ein Verrat war hier im Gange? Muntzer hatte Weihrach erschossen, dessen Leiche jetzt unter den Steinen begraben lag. Goethe ballte die Fäuste. Diesen Mord galt es zu sühnen, die Hintergründe aufzuklären, außerdem den jungen Lewis aus diesem Grab hinauszuschaffen, bevor er tatsächlich dem Wahnsinn anheimfiel.

Goethe schob Lewis, der den Kopf wieder hatte sinken lassen, die Finger unters Kinn und drückte dessen Antlitz ein wenig nach oben. Dann hob er die Laterne und hielt sie über ihre Köpfe.

„Lewis? Antworten Sie mir, ich bin es, Goethe“, sagte er langsam und schaute Lewis fest ins Gesicht.

Lewis ließ keine Regung erkennen, er sah vermeintlich durch Goethe hindurch, als sei der nur ein Schleier aus Staub.

„Lewis! Hören Sie mich?“ Er schwenkte die Laterne ein wenig, um Lewis’ Aufmerksamkeit vielleicht durch diese Bewegung zu erlangen, doch ohne Erfolg. Goethe setzte die Laterne ab, zog die Hand unter Lewis’ Kinn weg, der prompt den Kopf auf die Brust sinken ließ, und stand auf. Er tastete in den Innentaschen seines Rockes nach dem Riechfläschchen, das er gemeinhin bei sich trug, und fand es nicht. Er konnte sich nicht erinnern, ob er es nicht eingesteckt oder es verloren hatte. Immerhin fand er in der betreffenden Tasche ein Loch, doch der Ärger darüber nutzte ihm nur wenig. Goethe grunzte, rieb sich das stoppelige Kinn und ärgerte sich noch mehr, als er daran dachte, dass in seinem Reisemantel, draußen auf dem Wagen, eine Taschenflasche mit einem stärkenden Schluck immer wärmer wurde, während hier die unterirdische Kälte umherkroch.

Er stapfte auf dem wenigen Raum, den der Stollen bot, hin und her und zermarterte sich das genialische Hirn. Weniger, wie man sich aus dieser misslichen Lage befreien konnte – da war er auf eine unbekümmerte Weise guter Dinge –, als vielmehr, wie er Lewis wieder unter die Wachen und Lebenden befördern konnte. Goethe stieß die Fäuste in die Rocktaschen und gab einen unterdrückten Schmerzenslaut von sich. Schnell zog er die Hände wieder heraus, hob die Rechte vors Gesicht und sah, wie im schwachen Licht zwei dunkle Tröpfchen aus den Fingerspitzen quollen. Er hob die Brauen, als erstaune ihn das Blut, und dann griff er beherzt, aber vorsichtig erneut in die Tasche und förderte das zerbrochene Prisma hervor. Er drehte es zwischen den Fingern und betrachtete, wie sich der Schein der Laternen darin brach. Dann richtete er den Blick auf den vor sich hindämmernden Lewis.

„Wenn er schon wie mesmerisiert dasitzt, vielleicht ...“, brummte Goethe und setzte sich vor den Engländer in den Staub. Er platzierte die beiden Laternen links und rechts in gleicher Distanz zu sich und Lewis und hob erneut dessen Kopf an.

Lewis blinzelte schwach.

Goethe hob das gesplitterte Prisma und fing das Licht ein, das sich farbig brach und in Lewis’ Augen zu glänzen begann. Der Geheimrat bewegte das Kristallglas auf und ab, hin und her und musterte aufmerksam das Antlitz des jungen Mannes, ob sich eine Regung darin zeigte. Nach einigen Augenblicken ließ Goethe das Prisma sinken, doch dann hob er es erneut und begann wiederum mit dem Lichterspiel.

„Lewis ... Lewis ... hören Sie mich ...?“ Er versuchte, seiner Stimme einen beschwörenden, monotonen Klang zu geben, wobei ihm ersteres gut gelang, letzteres weniger. Goethe wiederholte seine Worte und funkelte Lewis an, sowohl mit dem Prisma als auch mit den Augen. Das vollzog er ein paarmal, doch dann gab er es auf. Er wusste auch nicht recht, was er da tat. Einen Versuch war es allemal wert gewesen, denn vielleicht hätte Lewis auf diesen – wenn auch laienhaften – Versuch des Mesmerisierens ähnlich reagiert wie vor Tagen in Tiefurt.

Ein Aufschrecken aus der momentanen Starre wäre ein Gewinn gewesen.

Goethe steckte das Prisma wieder ein. Er schnaubte kurz. Dann sagte er noch einmal: „Lewis?“

Als keine Antwort kam, holte Goethe aus und versetzte dem Engländer eine kräftige Ohrfeige. Das Klatschen hallte scharf von den Wänden wider. Wenn Lewis’ Wange ebenso brannte wie seine Hand, dachte Goethe, müsste er tatsächlich tot sein, um dies nicht gespürt zu haben. Er hielt die Hand erhoben und wollte ein weiteres Mal ausholen, als Lewis zurückzuckte und sich traumwandlerisch an die Wange fasste. Er keuchte und hob den Blick, der wieder völlig klar schien. „What ...“

„Wunderbar!“, rief Goethe. „Sie sind wieder Sie selbst!“ Er rieb sich die Hände. „Ich wusste, dass all der übersinnliche Aberglaube nichts ist gegen handfeste ...“

Lewis rieb sich die Wange. „Haben Sie mich geschlagen?“

„Keineswegs!“, sagte Goethe schnell. „Ich habe Sie ins Land der Lebenden zurückgebracht. Sie waren gehörig weggetreten.“

Lewis sah sich um, an Goethe vorbei, und schon wurde sein Blick wieder matt. „Wir sind unter der Erde ...“

Goethe klatschte beide Hände rechts und links in das Gesicht des Engländers. „Schauen Sie mich an! Sie werden jetzt nicht wieder diesen Unsinn veranstalten! Bleiben Sie wach! Ihren Marotten nachgehen können Sie, wenn wir wieder aus diesem Gang heraus sind.“

Lewis sah Goethe groß an und blinzelte nervös.

„Haben Sie mich verstanden?“, blaffte Goethe und schaute grimmig drein, bis Lewis seine Zustimmung hauchte. Dann drückte er ihm eine Laterne in die Hand. „Auf die geben Sie acht. Scheren Sie sich um nichts um sie herum. Achten Sie auf die Laterne und auf mich. Folgen Sie mir!“

Goethe stand auf und reichte Lewis die Hand, der sich mit zitternden Knien auf die Füße stellte. Dann ging Goethe tiefer in den Stollen hinein, den Blick alle paar Atemzüge nach hinten werfend, um zu sehen, ob der Engländer ihm folgte.

Lewis’ Welt war auf die matte Lichtsphäre der Laterne beschränkt. Er versuchte, nicht daran zu denken, was sich um ihn befand, sich nicht die Massen an Gestein vorzustellen, die jenseits der Stollenwände lauerten. Vor ihm bewegte sich der Schattenriss Goethes, und er folgte diesem wie ein Wanderer im Moor dem Irrlicht. Seine Wangen brannten noch immer von den Schlägen, die ihm der Geheimrat versetzt hatte. Sie brannten aber auch vor Zorn und Scham darüber, was geschehen war. Lewis schalt sich selbst, weil er sich hatte gehenlassen, weil er sich derart panisch aufgeführt hatte, mit seiner Furcht vor der Dunkelheit und der Erde. Er hatte Goethe in seiner Verwirrung für seinen Vater gehalten, und dieser Schreck hatte ihn in eine noch tiefere Starre fallen lassen. Sein Vater, Matthew Lewis, dessen Namen er mit Ekel trug, war der Mann, der seine Mutter ins Unglück gestürzt hatte, mit seinen Affären und seiner schlussendlichen Scheidung. Ein herrischer, widerlicher Mensch, der sein übles Wesen auch auf den Plantagen in Westindien und auf Jamaika auslebte. Lewis spürte bei diesen Gedanken, wie der Hass in ihm aufstieg und seine Furcht vor der kalten, feuchten, düsteren Umgebung überrannte. Wie hatte er nur den Geheimrat, diesen großartigen Menschen für seinen abstoßenden Erzeuger halten können?

Lewis atmete tief und spie aus, wie um den letzten Staub aus seinem Körper zu würgen. Er musste sich auf den Moment besinnen: Wohin führte ihn Goethe? Sie waren zweifellos in dem engen Stollen verschüttet und mussten wieder hinaus, aber warum lief der Geheimrat immer tiefer in den Berg hinein, wo es doch naheliegender gewesen wäre, an der Einsturzstelle auf Hilfe von außen zu warten? Immerhin, jener Teil des Stollens war vielleicht nicht mehr sicher, die Wände mürbe und die Decke verwittert. Wer wusste, was der Schuss des verräterischen Muntzer noch beschädigt hatte? Vielleicht war der Stollen schon zuvor marode gewesen, und die beiden hatten ihn und Goethe dorthin gelockt, um ein Attentat zu verüben? War dies ein Auswuchs des Grolls gewesen, von dem Lewis auf dem Marktplatz von Weimar erfahren hatte? Er dachte an den erzürnten Bergmann in Ilmenau und an diesen geheimnisvollen Menschen, der sich Krafft nannte. Vielleicht waren dies Mosaiksteinchen, die es zu einem Bild der Verschwörung zusammenzusetzen galt.

Er beschloss, Goethe seine Überlegungen mitzuteilen und ihn dazu zu befragen. Tief in seinem Kopf sagte ihm etwas, dass es heilsam für ihn sei, sich mit derlei Dingen zu beschäftigen, als an ihre, nein, an seine Lage hier unter dem Berg zu denken, und seine Kehle sagte ihm unmissverständlich, dass er schrecklichen Durst litt.

Er räusperte sich, und Goethe drehte sich um, ohne seinen zügigen, wegen der niedrigen Decke etwas gebeugten Gang zu verlangsamen. „Geht es Ihnen gut?“

„Ich habe nur eine sehr trockene Kehle.“

„Ich auch, glauben Sie mir. Ich denke seit einiger Zeit an nichts anderes als die Kiste Port aus Bremen, die vor zwei Tagen bei mir ankam und die ungeöffnet meiner harrt. Sobald wir hier heraus und wieder in Weimar sind, das verspreche ich Ihnen, werden wir uns gemeinsam ihrer bemächtigen und nicht mit dem Trinken aufhören, bis die Flaschen geleert sind!“

Lewis wollte dieses großzügige Angebot nicht mit der profanen Bemerkung abtun, ihm sei ein Becher klaren Wassers in diesem Moment mehr wert als aller Wein Portugals. Dazu fiel ihm auf, dass dieser Art Portweinkonsum den Geheimrat geradezu zu einem Engländer ehrenhalber machen würde. Des Weiteren fragte er sich, wo der Deutsche sein passables Englisch gelernt hatte. Auch kannte er sich mit diesen und jenen britannischen Dingen recht gut aus, wie Lewis sich erinnerte, als er an das Gespräch im Gasthaus zurückdachte.

„Sie haben eine recht englische Zunge, Herr Geheimrat“, sagte er, „und zwar in beiderlei Belang.“

„Oh, durchaus“, rief Goethe zurück und lächelte, was im schwankenden Licht der Laternen jedoch zu einer argen Grimasse geriet. „Port ist mir ein sehr geschätztes Getränk. Ich erinnere mich an ein Gelage mit dem Herzog, dem Prinz von Preußen und dem Dichter Varnhagen, das so etwa siebzehn Jahre zurückliegt. Der Herzog beliebte, sich früh zurückzuziehen, doch mit dem Prinzen hatte ich meinen Spaß, was das Wetttrinken anging. Varnhagen meinte später, ich könne geradezu fürchterlich trinken. Im Gegensatz zu ihm hatte ich jedoch am nächsten Morgen kein Kopfweh und fühlte mich sehr wohl.“

Goethe schien in der Ferne etwas zu erblicken und schaute dann wieder zu Lewis. „Aber wir sollten nicht mehr vom Trinken reden, sondern uns darauf freuen. Wir sind schon so gut wie aus dem Berg heraus.“

Lewis versuchte, an Goethe vorbei etwas zu erkennen, sah aber nur Schwärze. Plötzlich hielt Goethe an, und auch Lewis blieb stehen.

„Schauen Sie“, sagte Goethe und lächelte, diesmal von etwas vorteilhafterem Licht beschienen, da er die Laterne ruhig in der Hand hielt.

Lewis sah einen hellen Fleck auf dem Boden des Stollens. Er trat hinzu und war mit einem Mal in Licht gehüllt. Den Kopf in den Nacken legend konnte er einen schmalen Schacht hinaufblicken, der weit oben in einem strahlenden Stück Tageslicht endete, das Lewis blendete.

„Was ist das?“, fragte er Goethe.

„Eines der Lichtlöcher, die jeden Stollen mit der Oberfläche verbinden, für Bewetterung und Gegenortbetrieb ... aber das soll uns einerlei sein, für uns ist es der Weg in die Freiheit.“

Lewis räusperte sich. „Ich bin froh, dass Sie sich mit Bergwerkskunst so gut auskennen. Ich hätte an der Einsturzstelle gewartet, bis Hilfe gekommen wäre.“

„Das ist kein unkluger Gedanke, im Grunde genommen. Mir aber schien es zu unsicher, in diesem mürben Stollen zu bleiben. Deshalb musste ich Sie auch so schnell als möglich wieder auf die Beine bekommen.“ Goethe verzog den Mund. „Ich bitte Sie für die Maulschelle um Entschuldigung. Leider hatte nichts anderes gefruchtet.“

Lewis hob unwillkürlich die Hand ans Gesicht und rang rasch die unwillkürlich auftauchenden Gedanken nieder. „Nein, das war gerechtfertigt ... Sie mussten ...“

„Es tut mir ebenso leid, dass ich Sie hier in die Erde hineinkomplimentiert habe, und das Ganze nach dem höllischen Dorfbrand.“ Mit einem Mal legte er den Kopf schief und zwinkerte, als sei ihm eine Erkenntnis gekommen. „Da ich Sie auch zweimal in luftige Berghöhen entführt habe, bitte ich Sie inständig, von einer Schiffsreise mit mir abzusehen. Falls Sie nicht unbedingt die vier Elemente durchspielen wollen ...“ Er zuckte die Achseln, und dabei fiel etwas Staub von seinen Schultern. „Ts, ts.“ Goethe schnalzte mit der Zunge.

Lewis grinste. „Nur wenn Sie mir versprechen, dass wir hier nicht zu Staub zerfallen.“

Goethe lachte. „Ironie! Sehr gut, das baut auf. Mir scheint, Sie sind wieder auf dem Damm.“ Er blinzelte ins Licht. „Mir selbst flößt das Sonnenlicht auch neue Kraft ein, und die brauchen wir.“ Goethe stellte die Laterne neben sich auf den Boden, Lewis behielt seine fest in der Hand.

„Wollen Sie damit sagen, wir müssen dort hinaufklettern? Ich bezweifle, dass ich dazu in der Lage bin, es erscheint mir sehr hoch, und ich bin keineswegs ein geübter Kletterer.“

Der Engländer war noch bleicher geworden, als er ohnehin erschien, und Goethe führte das auch nicht auf das fahle Licht zurück, das durch den Schacht auf ihn fiel. Lewis sah gespenstisch aus, seine Augen lagen tiefer in den Höhlen als sonst, das Haar fiel staubig und verworren in die Stirn, und seine Wangen waren von schwarzem Bartwuchs beschattet. Goethe zweifelte nicht daran, dass er einen ähnlichen Anblick bot, aber Lewis strahlte neben all diesem immer noch ein gewisses Maß an geistiger Verwirrung aus. Goethe machte sich Sorgen um den Engländer, der seinen Zustand tapfer überspielte, aber dennoch, wie es schien, kurz davor stand, erneut die Nerven zu verlieren. Schweiß schimmerte auf Lewis’ bleicher Stirn, und Goethe war sicher, dass dieser nicht von dem Lauf durch den Stollen herrührte.

Er war froh, dass er Lewis eine vergleichsweise positive Mitteilung machen konnte. „Seien Sie beruhigt. Alles, was Sie zu tun haben, ist, mir alles nachzuahmen ...“

Lewis musterte Goethe mit angsterfülltem Gesichtsausdruck. Dann öffnete er den Mund, als der Geheimrat kurzerhand die Rockschöße anhob und sich im Schneidersitz auf dem Boden niederließ. „Setzen Sie sich. Das ist doch nicht schwer!“ Lewis zögerte und schaute verständnislos auf Goethe hinunter, der sich leicht mit dem Oberkörper hin und her wiegte und sich den Staub von den Schultern wischte. Dann hob er wieder den Kopf. „Setzen Sie sich. Etwas Ruhe kann Ihnen nur guttun.“

Lewis warf den Kopf von einer Seite zur anderen und gestikulierte mit der freien Hand. „Aber wir müssen hier heraus!“

Goethe schnaubte. „Klettern wollen Sie nicht, warten wollen Sie nicht. Sie wollen doch nicht etwa graben?“ Er musterte den fahrig zappelnden Engländer und überlegte ernsthaft, ob er dem jungen Mann ein weiteres Mal eine langen sollte. Eine saftige Watsche würde ihn zur Besinnung bringen. Aber der Geheimrat hielt sich zurück. „Setzen Sie sich. Wir können nichts weiter tun, als zu warten!“

„Worauf?“, fragte Lewis scharf, und Goethe bemerkte, wie der Akzent des Engländers wieder stärker wurde, wie er die Beherrschung zu verlieren drohte. Es schien ihm vernünftig, den jungen Mann zu besänftigen, in dem er ihn einer der Schwierigkeiten, in der er sich befand, entledigte. So sprach Goethe Lewis auf Englisch an.

„We’re waiting to be saved. It should not last too long. The crash has surely been heard. And even if Mr. Muntzer – cursed be his name – should have thought about a hanebüchene story on his flight, someone is going to search for us.“

Lewis war überrascht – allein wegen des flüssigen Wortschwalls, der ihm in seiner heimischen Zunge entgegenkam. Goethe hatte keine treffende Vokabel für die Bewertung von Muntzers möglicher Geschichte gefunden und in seiner Eile das deutsche Wort gebraucht, aber Lewis verstand, was der Geheimrat meinte.

„And“, fuhr Goethe fort, „they are going to do this in the tunnel as well as near the chimneys. So, would you please sit down and be calm?“

Lewis nickte mechanisch und immer noch verwundert, ließ sich aber nieder. „Sie haben recht, ich muss mich beruhigen. Aber bitte, sprechen wir auf Deutsch weiter, so muss ich meine Sinne beisammenhalten, und das mag helfen.“

„Wie Sie wünschen“, meinte Goethe. „Es wäre aber keine Schwierigkeit, wenn es Ihnen anders doch mehr behagt – damit Sie sich entspannen können.“

„Nein, es ist recht.“ Lewis sah nach oben, wo das Licht verlockend strahlte und Freiheit verhieß. Er spürte, wie ein sachter Luftstrom auf ihn herabfiel und den kalten Schweiß auf seiner Stirn trocknete. „Sagen Sie bitte“, begann er, als er sein Gegenüber wieder ansah, „wann haben Sie so trefflich meine Sprache gelernt?“

Goethe fühlte, wie der junge Mann sich von seiner Umgebung abzulenken suchte, und so antwortete er ihm rasch. „In meiner Jugend, ich war ein paar Jahre jünger, als Sie es jetzt sind. In Frankfurt war das, da gab mir der gute alte Schade meine Lektionen im Angelsächsischen, und da Unterricht alleine nicht fruchtet – Sie wissen dies ja und halten sich löblich daran ...“ – Goethe nickte wohlwollend – „... konnte ich mich glücklich schätzen, einen muttersprachlichen Bekannten zu haben. Ein junger Engländer war das, wie Sie, er hieß Arthur Lipton, nannte sich jedoch Harry. Ein netter Geselle, er wohnte bei einem früheren Diener des Haushaltes meiner Eltern, Pfeil hieß er, wenn ich mich recht entsinne. Die Englischstunden und das Parlieren fanden übrigens im größeren Familienkreis statt, und so kam es, dass sich in dem jungen Mann Gefallen an meiner Schwester Cornelia fand.“ Der Geheimrat kratzte sich an der Nase. „Nicht einseitig, möchte ich hinzufügen.“ Dann schmunzelte er und sah Lewis verschlagen an. „Aber sagen Sie, Lewis, wie verhält es sich bei Ihnen in dieser Sache? Ich vermeine mich zu erinnern, dass meine ...“

Wieder stockte Goethe, wie Lewis auffiel, als wolle er „meine Frau“ sagen, dies aber für unangebracht hielt. Lewis selbst ahnte die Wendung, die dieses Gespräch zu nehmen drohte, und fühlte sich bedrückt – ganz so, als wolle der Fels um ihn herum wieder auf ihm lasten.

„... Christiane“, sprach Goethe weiter, „mir berichtete, dass Sie bei Ihrem Besuche mit Böttiger im Jägerhause sich sehr ritterlich der jungen Matilde gegenüber verhalten haben.“

„Nun ... “ Lewis stockte und wusste nichts zu antworten. Dieses Thema war ihm unangenehm, vor allem, weil ihm mit einem Male durch den Kopf schoss, dass die gemordete Braut seiner Vision in Tiefurt die Züge dieses Mädchens besessen hatte – und noch die einer anderen ...

„Sprechen Sie doch frei heraus, hier kann uns niemand belauschen“, scherzte Goethe.

„Wenn Sie erlauben, Herr Geheimrat“, begann Lewis mit einigermaßen fester Stimme, „so möchte ich dazu nichts sagen – weil es nichts zu sagen gibt.“

Goethe schaute süffisant, was Lewis wenig behagte.

„Zudem ...“ – Lewis suchte nach irgendeinem Schlusswort – „... zudem ist mir das Fräulein noch ein Tuch schuldig, das sie versprach, zurückzugeben.“ Er nickte mit Nachdruck, aber kaum überzeugend. „Damit dürfte jede Spekulation ausgeräumt sein.“

„Oder ganz im Gegenteil“, provozierte ihn Goethe. „Allerdings kann ich mich entsinnen, ebenfalls gehört zu haben – und mit einigem Spott in der betreffenden Stimme –, wie sich eine gewisse junge Maid besonders mühte, Flecken aus einem Tuch zu waschen und dies auch ...“ Goethe hob mit einem Mal die Brauen und schloss den Mund langsam. „Oh“, gab er leise von sich. Dann nickte er. „Aber Sie haben recht, was habe ich damit zu schaffen? Verzeihen Sie mir mein Benehmen, ich wollte Sie nicht bedrängen.“

Er klatschte in die Hände und sah den Schacht empor. „So langsam müssten sich die Herren aber bequemen, uns zu finden.“ Der Wechsel des Gesprächsthemas war hastig und doch beiden genehm.

Lewis sah auch nach oben. „Was, wenn man uns für tot hält und gar keine Suche unternimmt?“, fragte er zögerlich.

Goethe zischte: „Unsinn! Einen Minister unter Trümmern begraben lassen! Das wäre ja noch schöner!“

Lewis zuckte zurück, als sich der Geheimrat so ereiferte. „Aber was ...“, begann er erneut.

„Wittern Sie etwa ein Komplott?“ Goethe winkte schnell und ungestüm ab. „Sie lesen zu viele Geschichten, Lewis. Die Wirklichkeit sieht anders aus!“

„Allerdings“, dachte Lewis. Goethe schien nichts von den tatsächlichen Umständen zu ahnen. Wie konnte er sich dem Augenscheinlichen nur so verschließen?

„Aber Herr Geheimrat! Wir wurden mit einer Waffe bedroht, und die beiden Herren legten ein sehr seltsames Verhalten an den Tag.“

„Sie meinen unter Tag“, murmelte Goethe.

„Bitte?“ Lewis begriff nicht gleich, worauf der Geheimrat hinauswollte, dann dämmerte es ihm. „Wie können Sie nur über dies alles scherzen! Sie haben doch selbst bemerkt, wie ernst es den beiden war.“

Goethe wiegte den Oberkörper hin und her. „Sicher, ich war überrascht, wie sich die beiden verhielten, aber je nun: Wenn es ums liebe Geld geht ...“

Lewis schüttelte ungestüm den Kopf. „Der Mann mit der Pistole hat deutlich angemerkt, es ginge ihm nicht darum! Vielmehr um höhere Werte, wie die Freiheit.“

„Lieber junger Lewis“, begann Goethe und neigte den Kopf ein wenig, „ich will Ihnen nicht vorhalten, dass Sie sich möglicherweise erneut verhört haben – wie damals bei dieser übertriebenen Sache mit jenen schwarzen Reitersmännern. Was Sie erlebt haben, war einer der üblichen Auswüchse, die im Dunst der Geschehnisse in Frankreich auch auf deutschem Boden sprießen.

Lewis öffnete den Mund. Also wusste Goethe, worum es hier ging. Es war dumm gewesen, ihm im Stillen Ahnungslosigkeit gegenüber diesen Dingen vorzuwerfen.

Der Geheimrat sprach weiter: „Derlei Geschwätz und übergeschnapptes Verhalten finden sich heute oft. Aber glauben Sie mir, unsere Regierung ist nicht so schwach wie bei den Franzen und wird sich dem Pöbel nicht beugen!“

Goethes Wangen hatten einen leicht hektischen, roten Farbton angenommen. „Wir werden das Revoluzzertum gnadenlos niederschlagen. Wir haben Mittel und Wege, das keimende Unkraut aufzuspüren und an der Wurzel auszureißen, machen Sie sich mal keine Sorgen.“

Lewis dachte an den Marktplatz von Weimar und an den Spitzel, den er entdeckt hatte. „Nein, das tue ich auch nicht“, bestätigte er halbherzig.

„Mein guter Engländer! Wir verstehen einander. Ich kann Ihnen versichern, all dies hier wird wesentlich glimpflicher ablaufen als die Probleme, die Sie und die Krone mit den abtrünnigen Kolonien in Amerika hatten. Ich darf Ihnen mitteilen, dass ich damals, vor gut zwölf Jahren, als Kriegskommissär tätig war und den Verkauf von einem anständigen Kontingent tapferer Weimarer Soldaten für diesen Krieg bewilligt habe.“

„Soldaten wurden verkauft?“, staunte Lewis. Zumal Goethe offenbar einen ähnlichen Posten innegehabt hatte wie sein eigener Vater.

„Na ja, ich habe mich hinreißen lassen, sie Soldaten zu nennen. Im Grunde waren es Zuchthäusler, die wir den englischen und preußischen Werbern anheimgaben. Das leerte die Gefängnisse, senkte somit die laufenden Kosten, für Verpflegung etwa, und zudem gab es für jeden Straffälligen, der Soldat wurde, ganze fünf Taler für die herzogliche Schatulle.“

„Das ist ...“

„Ach, Lewis! Soweit ich weiß, besitzt Ihr Vater eine Plantage in Westindien, auf denen Sklaven arbeiten, die er nicht viel anders, ja, eher noch ärger beschafft hat.“

Lewis schwieg.

„Das Anwerben von Soldaten ist erheblich gerechter, schließlich werden sie besoldet und dienen einer größeren Sache, im Gegensatz zu Sklaven oder Fronbauern. Die niedere Bevölkerung kann sich geehrt fühlen, in den Krieg zu ziehen, schließlich geht es um die Freiheit.“ Goethe verzog das Gesicht. „Aber nicht um diese verdrehte Art, wie sie in den französischen Köpfen spukt.“

Dann klatschte er in die Hände und stand auf. „Aber das wird sich alles zum Guten wenden. Ich gebe zu, dass ich nicht übel Lust verspüre, selbst an der Kampagne teilzunehmen, Zeuge bei etwas Weltgeschichtlichem zu sein!“

Er sah zu Lewis hinunter und streckte die Hand aus. „Kommen Sie! Wir sollten uns wieder um unsere persönliche Lage kümmern, als große Probleme zu wälzen.“

Lewis zögerte, die Hand zu ergreifen. Zu ähnlich war Goethe jäh seinem abscheulichen Vater geworden. Das Benehmen, die Ansichten, und hier, in diesem dämmerigen Licht, schien sich auch die Physiognomie des Geheimrats wieder in die des Kriegssekretärs Matthew Lewis zu verwandeln. Mit einem Mal traten auch die Wände des Stollens wieder hervor, drangen auf Lewis ein und wollten ihn mit steinerner Umarmung erdrücken. Er wich zurück, bis er mit dem Rücken an den feuchten Fels stieß und gepresst aufschrie.

Goethe griff mit beiden Händen zu, riss Lewis an den Schultern hoch und stellte ihn auf die Füße.

„Lewis! Sehen Sie nach oben! Nur nach oben!“ Der Geheimrat drückte das Kinn des Engländers etwas gröber als nötig nach oben. Lewis blickte in den senkrecht aufragenden Tunnel des Schachtes und auf das Fleckchen Himmel, das sich an dessen Ende abzeichnete, und wie ihn zuvor die Stollenwände bedrängt hatten, so zog und lockte ihn nun das Licht, das den Weg an die Oberfläche wies.

„Wir müssen hier heraus. Heraus!“, stieß er hervor, und seine Stimme schwankte dabei.

Goethe räusperte sich. „Wir müssen auf uns aufmerksam machen. Die Retter müssten ganz in der Nähe sein. Wir sollten schreien.“

„Ha!“, schrie Lewis.

„Schon ganz ordentlich“, urteilte Goethe, „aber etwas langgezogener und lauter würde ...“

„Nein, schauen Sie, dort oben!“, unterbrach Lewis ihn und deutete hastig den Schacht hinauf.

Goethe folgte mit seinem Blick den zitternden Fingern des Engländers, und tatsächlich, es hatten sich mit einem Mal zwei dunkle Flecke in das Rund des Schachtes über ihnen geschoben, die nur die Köpfe zweier Menschen sein konnten, die in die Tiefe herabblickten.

„Na bitte“, lachte Goethe zufrieden. Dann nahm er die Laterne auf und schwenkte sie über dem Kopf. „Hier unten!“, rief er nach oben, und sogleich scholl freudiges Rufen von oben herab. Neben einem der Köpfe wuchs ein Arm hervor, der offensichtlich einige Nebenstehende heranwinkte.

„Sind Sie wohlauf?“, drang es zu Lewis und Goethe, und letzterer bejahte heiser. Dann brüllte einer der Helfer, sie würden gleich ein Seil hinablassen, sobald ein genügend langes herangeschafft sei. Goethe schrie hinauf, die Männer möchten sich beeilen.

Dann sah er Lewis an. „Nun denn. Es ist so gut wie vorbei. Nur noch einen Augenblick ...“

Lewis nickte, und seine Unterlippe zitterte.

Goethe sprach ihm ruhig zu: „Am besten, Sie achten allein auf das, was über Ihnen geschieht. Wenn das Seil herabgelassen wird, werden Sie als erster hinaufgehen, dann kann ich Ihnen helfen. Nur Mut!“

Lewis schaute Goethe dankbar an, und der vollführte eine gönnerhafte Geste. Dann räusperte er sich. „Nun wäre mir sogar Wasser recht. Der Hals ist mir staubtrocken.“

Lewis schien es nötig, wieder etwas Willenskraft zu zeigen. Er deutete hinter sich und versuchte sich an einem fröhlichen Lächeln. „Es ist zwar nicht der beste Trunk, aber ich glaube, hier sickert Wasser aus dem Fels.“

Goethe riss die Augen auf. Dann packte er Lewis und zerrte ihn zur Seite. Mit fliegenden Fingern tastete er das Gestein ab und zog dann die Hände zurück. Sie schimmerten feucht. Lewis war erstaunt, wie der Durst Goethe zu so einer fahrigen Handlung treiben konnte, stutzte aber, als Goethe mit der Laterne den Stollen ableuchtete. Goethes Sohlen machten leise Geräusche, und so blickte auch Lewis zu Boden. Hier und da hatten sich bereits kleine Wasserlachen gebildet, auf denen Staub schwamm und deren Oberfläche sich zu bewegen schien. Dies mochte noch auf Goethes Schritte zurückzuführen sein, es erklärte aber nicht, warum die Lachen sich auszudehnen schienen. Jetzt sah Lewis im unebenen Boden winzige Rinnsale, die das Wasser heranführten und die langsam, aber stetig anschwollen.

„Was geschieht hier?“, rief er Goethe zu.

Der sprang an seine Seite und sah hastig nach oben, wo einer der Köpfe verschwunden war, der andere jedoch ausharrte und hinuntersah.

„Ein Wassereinbruch. Irgendwo ist eine Wasserader angeschlagen. Oder ein Kunstgezeug gebrochen. Oder sonst etwas.“ Goethe blickte zu seinen Stiefeln, die nun schon über die Sohlen im Wasser standen. „Auf jeden Fall steigt es rasch an.“

Dann sah er Lewis fest ins Gesicht. „Es wäre ratsam, wenn wir schnell hier herauskämen.“ In den Schacht hinauf brüllte er: „He! Es eilt! Der Stollen läuft voll!“

Die kleine Gestalt vor dem Fleckchen Himmel hob die Hand an den Kopf und fuchtelte dann wild. Rufe hallten im Schacht wider.

Lewis beobachtete bestürzt, wie das Wasser seine Knöchel zu umspülen begann. Er versuchte, einen ermutigenden Blick von Goethe zu ergattern, doch der starrte mit zusammengebissenen Zähnen nach oben. Lewis sah sich hektisch im Stollen um. Woher das Wasser eindrang, war nun nicht mehr auszumachen, mittlerweile strudelte es durch den Gang, schlug an die Wände und brach sich spritzend an einigen grob gehauenen Vorsprüngen. Seine Laterne war untergegangen, und so spendete nur die in Goethes Hand ein wenig Licht.

Als das Wasser Lewis’ Waden erreichte und über die Ränder der Stiefelschäfte schwappte, fühlte er die eisige, unterirdische Kälte. Dieser Schock riss ihn aus seinem Starren, und er schlug ungestüm mit der Faust gegen die Stollenwand. „Ja, Himmel, hilft denn keiner? Was treiben die da oben?“

Goethe wich zurück, ohne ihn anzusehen.

Plötzlich spritzte Wasser zwischen ihnen beiden auf. Lewis fürchtete im ersten Augenblick, sein unbedachter Schlag gegen die Wand hätte einen neuerlichen Einsturz zur Folge gehabt, als er erkannte, dass es das lange Ende eines Seiles war, das in das schenkeltiefe Nass gefallen war. Aus den Fluten ragte der mit Knoten versehene Strang in die Höhe, wuchs den Schacht empor und endete im Himmel. Lewis erschien es wie das Mangobaumwunder, von dem er gehört hatte, indische Fakire könnten es vollbringen. Zögerlich griff er nach dem Seil, als Goethe es ihm auch schon fest in die Hand drückte.

„Los! Klettern Sie!“, rief er, während er sich gegen die nahezu hüfthohe Strömung stemmte. „Der eingestürzte Gang ist dem Wasser ein Hindernis, und so staut es sich noch rascher als erwartet!“

Lewis umfasste das Seil, zog sich ein Stück hoch und setzte die Stiefel auf einen der Knoten. Prompt rutschten seine nassen Sohlen ab, und er klatschte mit den Füßen ins Wasser zurück. Schmerzlich schoss das Seil zwischen Fingern und Handfläche hindurch. Er versuchte es erneut, und es misslang wieder.

„Ich kann mich nicht halten, ich bin zu geschwächt“, klagte er.

Goethe drückte ihm die Laterne in die wunden Finger, bückte sich und verschwand bis zu den Schultern im Wasser. Er kam mit dem Seilende in der Faust wieder nach oben, schlang das dünne Tau um Lewis’ Brust und knüpfte einen Knoten, den er fester zog, als es möglicherweise nötig gewesen wäre. Dann schrie er: „Zieht ihn rauf! Los!“

Lewis schenkte er einen munteren Blick, als er die Laterne wieder entgegennahm. „Das wird schon gelingen!“ Dann schlug er ihm auf die Schulter, und im gleichen Augenblick riss es Lewis nach oben, in den Schacht hinein. Er blickte zurück und sah Goethe bis zur Brust im Wasser stehen, die Laterne hoch erhoben. Dann schlug er schmerzhaft mit der Schulter gegen die Schachtwand und begann, sich zu drehen. Er musste nach oben schauen und mit den Händen das Seil greifen. Es begann, ihm die Luft abzuschnüren, und er atmete schwer. Das Rauschen des Wassers von unten wurde schwächer, und schon hörte er die ersten deutlichen Stimmen von oben: Männer, die einander beim Ziehen am Seil anfeuerten. Er scharrte erneut an der Schachtwand entlang, die nun nicht mehr nur aus Gestein bestand, sondern aus nasser, lehmiger Erde.

Da griffen kalte, knorrige Hände nach ihm, und er erschrak! Längst war er nicht am oberen Ende des Schachtes angekommen, der Himmel über ihm war nur ein Fleck, und rings um ihn war noch erdige Dunkelheit. Die Hände und Klauen rissen an seiner Kleidung, an seinem Haar und schabten über sein Gesicht. Er schrie und schlug um sich, schützte seine Augen mit den Händen, als plötzlich dürre Arme seinen Brustkorb umfingen und ihm die Luft abschnürten. Seine Schreie wurden erstickt, und seine Gegenwehr wurde schwächer.

Er wollte schon verzweifeln, als es plötzlich strahlend hell und warm um ihn wurde. Menschliche Hände ergriffen ihn und zogen ihn in die milde Sommerluft, legten ihn in weiches Gras. Schemenhafte Gestalten warfen Schatten auf ihn, doch er blinzelte ihnen nur schwach entgegen. Eine Klinge blitzte in der Sonne und zerschnitt die Schlinge um seine Brust. Er atmete tief ein. Rufe klangen um ihn herum, und dann wandten sich die Gestalten so rasch ab, wie sie erschienen waren.

Lewis blinzelte erneut. Ein Antlitz kam in sein Blickfeld, ein Männergesicht mit klaren, einnehmenden Zügen. Lewis glaubte, es schon einmal gesehen zu haben, schob den Gedanken aber wieder von sich, da es doch zu unauffällig und üblich schien.

„Willkommen über der Erde, junger Herr“, sagte Johann Heinrich Krafft und lächelte.

Dann sank Lewis ins Dunkel.