11
Die Vielzahl der Diener hatte Dane auf einen hohen Stand der Technologie vorbereitet; als sie in die Nacht hinausgingen, war er daher auf das kleine Raumschiff gefaßt, das bereitstand, um sie an Bord zu nehmen. Wie die Dinge auch lagen, sogar der Erdenmond war schon vor langer Zeit erreicht worden. Dieser Mond war jedoch offensichtlich kein atmosphäreloser Brocken, sondern ein Planet, auf dem Lebensbedingungen für dieses buntgemischte Wild herrschten.
Dane konnte nicht sehen, wer am Steuer des kleinen Raumschiffes saß. Aber er hatte sehr stark den Eindruck, als ob es Diener – oder einer von seiner Art – war. Er saß zwischen Dallith und Rianna und hielt von jeder eine Hand, aber sie sprachen nicht. Es war entweder zu spät oder zu früh dazu. Er versuchte, zumindest teilweise um Dalliths willen, Ruhe und Zuversicht zu bewahren; sie würde seine Verfassung übernehmen. Auf der anderen Seite war es sinnlos, eine völlige Ruhe vorzutäuschen, die er nicht besaß. Sie würde merken, daß es nicht echt war.
Aratak faßte seine Gedanken in Worte, wie es manchmal seine Gewohnheit war. »Der Mann, der sich ohne Grund fürchtet, ist ein Narr; aber ein doppelter Narr ist, wer sich nicht fürchtet, wenn es Grund dazu gibt.«
»Das mag alles wahr sein«, murmelte Cliff, »aber oft gibt das Sprechen von der Angst ihr erst Gestalt und Inhalt.« Rianna sagte verbissen: »Es sieht so aus, als hätte diese hier schon jede Menge Gestalt und Inhalt.«
Dane fragte sich, ob die Jäger sich in dem Schiff befanden; er sah Dallith fragend an, aber sie schüttelte den Kopf. »Ich spüre so oder so nichts. Aber … es sind so viele Fremdartige anwesend, und die meisten sind uns feindlich gesinnt – es wäre schwer zu sagen.«
Dane sah sich in der halb dunklen Kabine um und fragte sich ein bißchen grimmig, ob dies alles Gefangene waren oder ob einige von ihnen, unter sie gemischt, Jäger waren, die ihre Beute von nahem beobachteten; aber er mochte den Gedanken nicht noch einmal aussprechen.
Es schien eine lange Zeit des Wartens vergangen zu sein – obwohl er vermutete, daß es nicht mehr als eine Stunde war –, bevor der Bildschirm mit einem Bild des Roten Mondes zum Leben erwachte. Der Mond wurde größer und größer und prallte scheinbar genau auf sie. Etwa zur selben Zeit ertönten ein paar metallische, einleitend kratzende Töne aus dem Lautsprecher am vorderen Ende der Kabine. Dallith umklammerte Danes Hand schmerzhaft in der Dunkelheit.
»Ehrenwertes und Heiliges Wild.« Die Stimme war der der Diener nicht unähnlich, hatte aber eine andere Qualität … vielleicht das Original, nach der die Stimme der Diener entwickelt worden war? Dane fühlte eine verrückte, atavistische Erregung in sich aufsteigen und wußte, daß die Haare an seinen Armen sich aufrichteten. Cliff fuhr wachsam auf. Seine Schnurrhaare und der vollendet gelockte Bart, den er sich für das Fest gebürstet hatte, sträubten sich.
»Ehrenwertes und Heiliges Wild! Wir begrüßen Euch zu dem neunhundertfünfundsiebzigsten Jagdzyklus dieser überlieferten Ära«, sagte die seltsame Stimme. »Ihr werdet nun sehr bald in den Jagdgründen freigelassen, die seit Anbeginn der überlieferten Zeit der Jagd geweiht sind. Euch wird die Zeitspanne bis zur Dämmerung bleiben, um Euch zu zerstreuen und Euch die vorteilhafteste Stellung zu suchen. Ihr habt unser Wort, das seit siebenhundertdreizehn Jagdzyklen nicht gebrochen worden ist, daß ihr nicht verfolgt werdet, bis die Sonne vollkommen über dem Horizont steht.«
Dane flüsterte: »Ich möchte wissen, was vor siebenhundertdreizehn Zyklen passiert ist.«
Rianna sagte drängend: »Pst!«
»Die Jagd wird jeden Abend bei Einbruch der Dunkelheit unterbrochen, damit Jäger und Gejagte sich stärken und erfrischen können. Die Bereiche, die mit gelben Lichtern erleuchtet und von Dienern bewacht sind, gelten als neutrale Gebiete, und von der Dämmerung bis Mitternacht darf kein Jäger näher als viertausend Meter an sie herankommen.«
Danes Translatorscheibe hatte ihm offenbar die genaueste Entsprechung gegeben; auch alle anderen schienen die Abmessung zu begreifen. »Andere Bereiche sind den Jägern vorbehalten, und kein Wild wird sie betreten dürfen unter Androhung des sofortigen und unehrenhaften Todes.«
Das war etwas. Es wies darauf hin, daß die Jagd in einem Maße formalisiert und ritualisiert war, daß es unwahrscheinlich schien, daß die Jäger außerhalb der neutralen Zonen auf sie warten und einen nach dem anderen aufgreifen würden.
Die Stimme hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: »In Kürze wird das Schiff landen. Die Jagd beginnt in der Morgendämmerung. Bis wir dann in tödlichem Zweikampf auf Euch treffen, grüßen und ehren wir Euch, unser Heiliges Wild. Diejenigen, die am Leben bleiben, werden sehen, wie großzügig wir die Tapferen unter Euch belohnen. Wir wünschen Euch allen ein ehrenvolles Überleben und Belohnungen – oder einen blutigen und ehrenvollen Tod.«
Knackend erstarb die Stimme; und im selben Moment gab es einen leichten Ruck, als ob das Schiff völlig zum Stehen gekommen sei. Es war ein kurzes Zischen wie von Druckkammern zu hören, dazu ein tiefes Rumpeln, als die Türen langsam aufglitten.
Dane faßte nach dem Griff seines Schwertes und bewegte sich zur Tür hin, indem er Aratak auf den Fersen folgte. Er konnte die große bärenartige Kreatur auf die Tür zutapsen sehen. Dallith hielt sich an seinem Ellenbogen, Rianna und Cliff folgten ihnen dicht auf. Dallith sagte mit zitternder Stimme: »Panik … jede einzelne Identität geht ihre eigenen Wege … halt mich ganz fest, Dane. Ich … ich möchte rennen, mich verstecken …«
»Ruhig.« Er hielt ihre Hand fest in der seinen. »Das bist nicht du. Du hast keinen Grund zur Panik. Du übernimmst es von den anderen.«
»Aber angenommen … angenommen, ich kann mich nicht davon freimachen …?«
Sie drangen durch einen engen Korridor zum Ende einer Treppenflucht vor. Dane blieb einen Moment stehen, bevor der Ansturm der anderen in seinem Rücken ihn hinunterschob, und blickte hinunter auf die Oberfläche des Roten Mondes.
Er stand ein Stück über einer dunklen, ruinenhaften Landschaft, zerklüftet und hügelig und, in der fast völligen Dunkelheit, mit dichtem, schwärzlichem Unterholz bedeckt. Hinter ihm erhoben sich dunkle Hügel, und über ihm hing ein dunkelblauer Himmel mit dünn gesäten, blassen Wolken, die durch das Gesicht des riesigen Himmelskörpers, der darüber hing, kaum zu sehen waren: die Welt der Jäger, ziegelrot glühend am Himmel und größer, roter und gewaltiger als der Rote Mond selbst, auf dem sie standen. In dem brennend roten Weltlicht, heller als das hellste irdische Mondlicht, sah Dane dunkle Gestalten, die von einer Ecke der Landschaft in die andere flohen. Dallith machte einen stolpernden Schritt vom Schiff weg, und Dane ergriff ihre Hand; seine andere Hand umfaßte Cliffs behaarten Unterarm. Er sagte eindringlich: »Nicht rennen! Es liegt kein Vorteil darin! Bleibt stehen und denkt nach! Denkt nach! Denkt daran, was wir beschlossen haben!«
Aratak glühte am ganzen Körper schwachblau in der Dunkelheit. Ruhig führte Dane seine Fünfergruppe in langsamem und ruhigem Tempo, bis sie ungefähr eine Viertelmeile vom Schiff der Jäger entfernt waren.
»Es ist eine gute Idee, dort wegzukommen«, sagte er ruhig. »Wenn es wieder startet – nun, ich weiß nicht, was für eine Art Treibstoff ihre Schiffe benutzen, aber es ist nicht anzunehmen, daß es besonders gesund ist, ihn einzuatmen. Jetzt laßt uns hier rasten und beraten, was zu tun ist. Wir haben bis zur Morgendämmerung Zeit, unsere Jagdstrategie auszuarbeiten; nach der Art zu urteilen, wie die anderen sofort in allen Richtungen davongelaufen sind, würde ich sagen, wir haben schon einen guten Start gehabt. Wir sind fünf, nicht einer. Jeder Jäger, der uns entgegentritt, wird sich in Schwierigkeiten begeben. Dallith …«
Ihre Stimme zitterte, aber sie antwortete fest: »Hier bin ich, Dane. Was kann ich tun?«
»Auf dem Mekhar-Schiff merkten wir zu spät, daß es eine Falle war. Wenn ich auf dich gehört hätte, hätte ich es vielleicht gewußt. Du bestandest darauf, daß sie aus irgendeinem Grund wollten, wir würden sie angreifen. Ich glaube, deine Hauptwaffe wird für uns dein Einfühlungsvermögen sein. Glaubst du, daß es dir möglich sein wird, uns zu warnen, wenn jemand uns beschleicht und uns angreifen will?«
»Ich werde es versuchen«, sagte sie.
»Sag mir: hast du jemals irgend etwas … irgendeine Art von Gefühl oder persönlichem Bewußtsein … bei einem der Diener gespürt?« Wenn sie tatsächlich die Jäger waren, hätte Dallith in der Lage sein müssen, es zu entdecken, dachte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich fühlte sie genauso, wie irgendwelche anderen Roboter. Der Gedanke an telepathischen oder empathischen Kontakt mit einem Roboter …« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann es mir nicht einmal im entferntesten vorstellen, also versuchte ich nicht, irgend etwas aufzunehmen.«
Es war jetzt wahrscheinlich sowieso zu spät, darum ließ Dane es auf sich beruhen und sagte: »Also gut – Dallith ist unser frühzeitiges Warnsignal und unser Bote auf weite Entfernungen. Dallith, wenn du jemanden wahrnimmst, der uns definitiv angreifen will, dann zögere nicht! Nimm sie mit deiner Schleuder unter Beschuß. Mach sie kampfunfähig, wenn du sie nicht töten kannst.«
»Aratak, du bist der Schwergewichtskämpfer; versuche jeden, der Dalliths Reichweite durchbricht, durch dein pures Gewicht zu zerschmettern. Und ich habe das Schwert, um jeden niederzuschlagen, der näher herankommt. Rianna und Cliff werden Hand in Hand den hautnahen Nahkampf bestreiten. Zusammen sollten wir fast allem gewachsen sein, was sie uns entgegenwerfen. Habt ihr euch alle mit etwas Essen versorgt während der Feier?« Dane hatte einige Süßigkeiten in die geräumigen Taschen gesteckt, die er in seiner Tunika entdeckt hatte; er hatte den anderen geraten, dasselbe zu tun.
Plötzlich gab es ein Brüllen und einen roten Flammenstoß, und das kleine Schiff, das sie hierher gebracht hatte, raste aufwärts und war verschwunden. Sie waren kurze Zeit geblendet, aber dann, als ihre Augen sich angepaßt hatten, betrachteten sie die hell erleuchtete Landschaft. Hügel, Unterholz, Täler; am Rande des Gesichtskreises ein Wasserfall, auf dem Lichter funkelten, als er hinunterrauschte; und weit hinten am Horizont einige dunkle und merkwürdig regelmäßige Umrisse. Dane fragte sich, ob es Gebäude waren oder die Gebiete der Jäger, in die unter Androhung eines ›sofortigen und unehrenhaften Todes‹ kein Wild eindringen durfte. Eigenartig, daß sie diesen Satz der Mekhar wörtlich übernommen hatten, dachte Dane. (Oder war das völlig egal?) Jedenfalls – wenn diese Jäger eine Vorstellung von ehrenhaftem und unehrenhaftem Tod hatten, dann bestand für sie vielleicht mehr Hoffnung, als er dachte.
Aratak sagte: »Warten wir hier bis zur Morgendämmerung?«
»Ich wüßte nicht, warum ein Ort einem anderen vorzuziehen wäre«, sagte Dane langsam. »Ich vermute, daß alle offensichtlichen Verstecke die Stellen sind, an denen die Jäger warten, um das weniger vorsichtige Wild zu empfangen. Das ist auch ein Test, denkt daran. Sie werden wahrscheinlich die leichtere Beute zuerst töten und Zeit und Energie für ein vollendetes Duell der Kraft – oder der Intelligenz – mit den Gefährlicheren aufsparen. Vergeßt nicht, sie haben für uns mehr bezahlt, weil wir schon vorgetestet und als definitiv gefährlich bestätigt waren. Sogar auf der Erde gehen die Jäger auf verschiedene Weise an die Sache heran. Sicher gibt es einige hier, die nur eine leichte Beute machen und mit einer Trophäe nach Hause kommen wollen.« Wild und abwegig ging ihm die Frage durch den Kopf, wie die Jagdgesetze aussehen mochten und ob es eine Art Beutebeschränkung für jeden Jäger gab. »Laßt mich nachdenken. Aratak, was ist dein Vorschlag?«
Der große Saurier sagte: »Es liegt keine Weisheit in der Müdigkeit. Ich schlage vor, wir schlafen oder ruhen uns aus bis ungefähr eine Stunde vor der Morgendämmerung und halten abwechselnd Wache, damit uns das Tageslicht nicht im Schlaf überrascht. Wenn das Licht heller wird – aber lange vor Sonnenaufgang –, können wir uns mit Verstand nach einem Versteck umsehen, das keine offenkundige Falle ist.«
Das leuchtete ihnen allen ein. Aratak stellte sich freiwillig für die erste Wache zur Verfügung. »Es ist ohnehin eine reine Formalität«, sagte er, »der Jagdbeginn liegt noch Stunden vor uns.«
»Und ich werde mit ihm wachen«, fügte Cliff hinzu, »da meine Spezies zumindest teilweise ein Nachtleben führt und ich jetzt wach bin.«
Dane, Rianna und Dallith wickelten sich in die warmen Umhänge, die ihnen mit den Kampftuniken übergeben worden waren, und legten sich nieder. Der Boden unter ihnen war an dieser Stelle mit einem Gemisch aus Felsen und weichem Moos bedeckt, mehr Steine als Moos, und es dauerte eine Weile, bis sie bequeme Ruheplätze gefunden hatten. Aber schließlich streckten sie sich Seite an Seite aus, Dane zwischen den Frauen. Rianna schlief schnell ein, entspannte sich und atmete tief, aber Dane war zu erregt, um gleich schlafen zu können. Er vertraute Aratak völlig – es gab Zeiten, da vergaß er, daß der riesige Saurier kein Mensch in jedem Sinn des Wortes war –, aber Cliff, der Mekhar, war ein anderer Fall.
Nach einiger Zeit glitt er in einen dunklen, unwirklichen Dämmerzustand, der von Alpträumen durchzogen war. Es war aber nie tiefer als ein Halbschlaf. Es mußte ein paar Stunden später sein, als Dane wieder wach wurde (der Kopf eines Samurai, auf dem ein schreckliches Albtraumgrinsen festgefroren war, schaute von der Wand eines Frankensteinlaboratoriums herunter; Jäger in tausend wechselnden Gestalten, die ineinander flossen wie Wasser, grüßten ihn mit erhobenen Kelchen) und spürte, wie Dallith zitterte, als sei ihr kalt. Er zog eine Ecke seines Umhangs um sie, vorsichtig, um ihren Schlaf nicht zu stören, aber sie drehte sich um und murmelte: »Ich bin wach«, und er zog sie beschützend an seine Schulter.
»Du solltest dich ausruhen«, sagte er sanft. »Morgen wird es einen harten Tag geben.« Er war sich der lächerlichen Untertreibung seiner Worte in dem Augenblick, als er sie aussprach, bewußt und fühlte von irgendwoher ein idiotisches Lachen in sich aufsteigen, das er als Hysterie erkannte und schnell unterdrückte.
»Ich bin froh, daß Rianna schlafen kann«, sagte sie, dann waren sie still. Dane lag ruhig. Rasende Bilder gingen ihm durch den Kopf, und er nahm den weichen Körper des Mädchens wahr, der in dem Umgang warm gegen seinen geschmiegt lag. Ich begehre sie. Ich liebe sie. Dies ist eine verteufelt schlechte Zeit, darüber nachzudenken. Was hat Rianna gesagt? Blinder Instinkt im Angesicht des Todes. Warum sollte ich anders sein als alle anderen Protosimianer? Dallith würde nicht wollen, daß es so geschieht. Sie hat es mir gesagt … sich wie die Tiere im Angesicht des Todes aneinander klammern!
Ihre Arme legten sich in der Dunkelheit um ihn, sanft und mit unendlichem Mitgefühl. »Ich will, was du willst«, flüsterte sie. »Ich kann nichts dagegen tun. Vielleicht ist es nicht, was ich selbst wollen würde. Aber es ist wahr, Dane, es ist wahr.«
Er zog sie dicht an sich und entspannte sich in ihrer nachgiebigen Zustimmung, und für kurze Zeit, zum ersten Mal seit Tagen, vergaß er den großen, ziegelroten Himmelskörper, die Welt der Jäger, vergaß das Samuraischwert und den Todesschatten und die Jäger selbst. Später bettete sie seinen Kopf an ihrer kleinen Brust und flüsterte zärtlich: »Schlaf jetzt ein bißchen, Dane. Schlaf solange du kannst«, und er fiel in einen gedankenlosen, bodenlosen Abgrund von Ruhe und Schlaf.
Die Dunkelheit hatte sich beträchtlich vertieft, und die rote Welt der Jäger stand tief am Horizont, als Arataks Hand auf seiner Schulter ihn weckte. »Entschuldige, daß ich dich störe, Dane«, murmelte er, »aber ich bin halb eingeschlafen. Cliff schläft schon seit ein paar Stunden.«
Er setzte sich auf, machte sich sanft von Dallith los, die in seinen Armen ruhig weiterschlief, und nickte Aratak zu, während er sie mit ihrem Umhang zudeckte. »Gut. Ruh dich ein bißchen aus.«
Er nahm Arataks Platz auf dem höchsten Punkt des Abhanges ein; der große Saurier legte sich hin, bedeckte seinen Kopf mit dem Umhang und war still. Cliff lag zusammengerollt da, nur ein dunkler schnarchender Ball. Nach ein paar Minuten bewegte sich eine dunkle Gestalt in den Schatten. Dane war sofort hellwach, aber Rianna flüsterte: »Ich habe genug geruht. Laß Dallith schlafen; ich glaube, sie war fast die ganze Nacht wach …«
Er nickte, und das Mädchen ließ sich an seiner Seite nieder und saß still da. Kurz danach stahl sich ihr Hand – klein und fest und ein wenig schwielig – herüber und faßte nach seiner; er erwiderte den Druck leicht, und sie saßen da in der sich lichtenden Dunkelheit und hielten nach dem Schimmer am Horizont Ausschau, der die heraufsteigende Dämmerung ankündigen würde. Einmal sagte Rianna, während sie zu Aratak hinübersah, der seinen Umhang beiseite geworfen hatte und in der Dunkelheit über und über blau glühte: »Das könnte gefährlich werden. Bevor es dunkel wird heute Abend, müssen wir etwas dagegen tun«, und Dane nickte. Aber die meiste Zeit saßen sie still Seite an Seite und waren wachsam.
»Es ist eigenartig«, sagte sie einmal in die völlige Dunkelheit und Stille, als die Welt der Jäger hinter einem fernen Hügel versank. »Ich bin Wissenschaftlerin. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, Überbleibsel vom Leben anderer Völker zu studieren, und ich war glücklich dabei. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, daß ich je so sehr in … in einen Kampf um mein bloßes Leben verwickelt sein könnte. Der Gedanke hätte mich zu Tode erschreckt. Ich frage mich, ob ich weniger zivilisiert bin als ich dachte?«
»Jemand von meinem Volk hat gesagt, die Zivilisation sei nur ein dünnes Furnier über dem Uraffen.«
»Ich fürchte, in meinem Fall ist die Auflage ziemlich dünn. Ich bin nicht wirklich unglücklich über all dies, Dane. Nicht … nicht in der Art, wie Dallith es ist. Sie ist wirklich zivilisiert.«
Dallith. Dane spürte sie immer noch auf seiner Haut. Er sagte: »Das ist die Frage. Sie reagiert so stark auf alles, was sie umgibt. Vielleicht ist sie zivilisiert, weil sie mit zivilisierten Leuten zusammen ist …«
»Vielleicht. Dane, was hältst du von alldem?«
»Von der Jagd?« Er machte eine Pause, um nachzudenken. Ihm wurde klar, daß er noch nicht wirklich darüber nachgedacht hatte. Er war ärgerlich gewesen, ängstlich, hatte widerstrebend Notwendigkeiten eingeräumt. Und doch, tief auf dem Grund, unter allem anderen, wurde er sich bewußt, daß vom ersten Moment an ein Kern tiefer Bejahung da gewesen war … Sein ganzes Leben lang war er ein Abenteurer gewesen, der die Zivilisationen hinter sich ließ, um in ein abwegiges Interesse nach dem anderen zu tauchen. Die Kriegskünste. Einsames Bergsteigen. Einhandsegeln um die Welt. Und war dies hier nicht das endgültige Abenteuer, das letzte Risiko, ein Spiel, das mit tödlichem Ernst gespielt wurde, mit seinem Leben als Preis und einem Gegner, der nicht blind und unbewußt wie die Stürme auf See waren, sondern gewandt, lebendig und wachsam und auf der anderen Seite – ein Gegner, der seiner würdig war?
»Ich vermute«, sagte er langsam, »ich bin auch nicht sehr zivilisiert.«
Dann schwiegen sie wieder.
Eine weitere Stunde verging, bis das heller werdende Licht am Himmel – sie konnten jetzt ihre Gesichter klar erkennen – Dane widerstrebend sagen ließ: »Wir sollten die anderen besser aufwecken.« Auf seltsame Weise tat es ihm leid, dieses Intervall der Ruhe zu unterbrechen, nicht nur wegen der würgenden Angst vor der Jagd, sondern auch, weil er in den letzten paar Stunden im wachsenden Bewußtsein seiner eigenen Gefühle und durch Riannas Zugeständnis ihrer völligen, inneren Bejahung der Jagd festgestellt hatte, daß sie eine tiefere Vertraulichkeit teilten als den sexuellen Kontakt der letzten paar Wochen.
Rianna hatte recht, dachte er, und Dallith ebenso; es ist menschlich im Angesicht des Todes, es ist natürlich und sogar unvermeidlich und darum kein Grund, sich schuldig zu fühlen. Ich war ein Narr, was das betrifft. Aber es ist auch nicht so wichtig.
Nicht jetzt.
Jetzt existiert nichts mehr, außer – der Jagd!
Cliff streckte sich mit einem tiefen Schnurren in der Kehle und wachte auf. Er spreizte seine Klauen, sprang auf und fiel kurz in eine Kampfpose. Dann entspannte er sich und schaute mit wildem Grinsen um sich.
»Dort gibt es Wasser«, sagte er. »Ich werde mich schnell waschen und etwas trinken und dann – bringt mir die Jäger!« Er hüpfte in Richtung des rauschenden Wasserfalls davon, und Dane fühlte, als er ihm langsam folgte und beim Zurückschauen Dallith sah, wie sie sich erhob und ihre Tunika und ihren Mantel umband, eine tiefe Welle der Vertrautheit. Es war gut, auch einen wie Cliff auf seiner Seite zu haben.
Dane hielt seinen Kopf unter den Wasserfall, fühlte die schneidende Kälte des Wassers wie einen Schock und bemerkte, daß sein Kreislauf mit Adrenalin überflutet war. Gut, ich werde es brauchen. Er sah Aratak mit Zuneigung an, als der drei Meter große Saurier sich zu ihnen gesellte. Alles sah sehr klar und scharf umrissen aus in dem heller werdenden Licht, prägte sich hart ins Bewußtsein, mit sauberen, deutlichen Kanten, als ob alles neu sei aus der Hand der Schöpfung, er selbst eingeschlossen; neu und nur ein bißchen unwirklich.
Dane sah alle seine Kameraden an, erfüllt mit etwas, was der Liebe sehr ähnlich war, bevor er aufmunternd sagte: »Es bleibt uns noch eine Stunde bis zum vollen Sonnenaufgang. Laßt uns anfangen, über eine Deckung nachzudenken.«