6

 

Als die Nebel des Betäubungsgases sich hoben und Danes Kopf wieder klar wurde, fand er sich auf einem niedrigen, weichen Bett liegend, zugedeckt mit einer seidenweichen Decke. Rianna lag bewußtlos neben ihm, Dallith auf einer ähnlichen Liege nahebei. Aratak war auf dem Fußboden ausgestreckt. Als Dane sich aufsetzte, reckte sich der große graue Echsenmann wie unter Schmerzen, stöhnte und setzte sich auch auf. Er sah sich um, und seine Augen trafen die von Dane.

»In einer Hinsicht sagten uns unsere Gegner wenigstens die Wahrheit«, meinte er ruhig. »Wir sind nicht verletzt worden. Wie geht es den Frauen?«

Dane lehnte sich über Rianna; ihre Brust hob und senkte sich natürlich wie im Schlaf. Dallith begann, sich verschlafen zu strecken; sie setzte sich auf und blickte mit plötzlichem Schrecken um sich, erkannte die anderen und entspannte sich lächelnd.

»Da wären wir also alle wieder«, sagte Dane.

Der Raum, in dem sie lagen, war sehr groß, besaß hohe Decken und Pfeiler und Säulen und war einmal mit einer Art Tonfarbe gestrichen worden; aber die Farbe wirkte verblaßt und alt, und in den Ecken hingen Spinnweben und Staub, obwohl der Raum sonst einigermaßen sauber aussah. Hohe Fenster ohne Scheiben, aber teilweise durch Rolläden aus schmalen, bambusartigen Leisten verdeckt, ließen ein seltsames rötliches Licht herein. Draußen vor den bogenförmigen Fenstern hörte man Stimmen und das plätschernde Geräusch von Wasser. Dane stand auf, ging zum Fenster und spähte durch die Ritzen.

Draußen sah er eine Gartenwildnis blühende Büsche, lange Steinpfade, niedrige Bäume mit goldfarbenen Zapfen oder langen, roten Samenschoten; überall das überwältigende Grün, obwohl kein einziger Baum ihnen vertraut vorkam.

Unirdisch, dachte er, und das ist eine sehr genaue Beschreibung. Der Himmel senkte sich rötlich herab, bedeckt mit großen, grauen Wolkenmassen des Sonnenuntergangs, und am Horizont hing tief und rotglühend der riesige Mond, den er aus dem All gesehen hatte, und ergoß ein eigenartiges, feurig-rotes Licht über die Bäume, die Pfade, die Blumen und die Wasserfontänen, die überall in dem großen Garten zu fließen und zu murmeln schienen.

Auf den Pfaden bewegten sich Leute. Leute, so wie Dane sie seit seinen Tagen auf dem Sklavenschiff der Mekhar verstand; nicht ein Gemisch aus Leuten und seltsamen Tieren, sondern eben verschiedenartige Menschen. Sie alle trugen Tuniken vom gleichen Ziegelrot wie die Wände des Raumes, die menschlichen wie die nichtmenschlichen.

Es gab Wesen unter ihnen, die Dane alles andere als menschlich zu sein schienen, wenn er sich selbst als Maß nahm. Einige erinnerten ihn vage an die Mekhar; zumindest einer war mit feinem, wolligem Haar bedeckt und sah aus wie ein größerer und wachsamerer Gibbon oder Menschenaffe. Es waren zu viele, als daß er alle auf einmal sehen oder einordnen konnte. Doch ein Sklavenmarkt? Nein, der Mekhar hatte zuletzt gesagt, daß sie zu tapfer und zu mutig für Sklaven seien, was auch immer das heißen mochte. Aber die einheitlichen, ziegelroten Tuniken und die feste Einzäunung des Gartens verrieten ihm, daß sie die Freiheit noch nicht erlangt hatten.

Die Vielzahl der Wesen im Garten erinnerte ihn daran, daß sie fünf an der Zahl gewesen waren, als sie das Raumschiff verlassen hatten; und er schaute sich nach dem Mekhar um, der zuletzt mit ihnen eingeschlossen gewesen war. Er entdeckte ihn, zusammengekauert, den Kopf zwischen den Händen versteckt, auf einer der weichen, seidigen Liegen, offensichtlich noch schlafend.

»Die Wirkung des Gases läßt bei meiner Art am schnellsten nach«, sagte Aratak von dem Fensterplatz, wo er kauerte. »Ich war schon wieder bei Bewußtsein, noch bevor die Landefähre hier aufsetzte. Ich vergalt es ihnen, indem ich keinen Widerstand leistete. Ich wollte nicht von euch getrennt werden, meine Gefährten. Jetzt seid ihr aufgewacht und der Mekhar schläft noch. Offensichtlich unterscheidet sich ihr Stoffwechsel irgendwie von unserem. Ich hoffe, er ist nicht tot. Vielleicht sollten wir ihn untersuchen und sehen …«

»Mir ist es egal, ob er tot ist oder nicht«, sagte Rianna. »Aber sicher haben wir nicht so viel Glück; die Mekhar müssen wissen, welche Dosierung des Betäubungsmittels auf ihre eigene Art wirkt.«

»Wie auch immer, er atmet«, sagte Dallith. Dane ging einen oder zwei Schritte auf die schlafende Katzengestalt zu. Sie schlief nicht nur, sie schnurrte sogar im Schlaf. Wenn es nicht so widersinnig gewesen wäre, hätte Dane gelacht; der große wilde Mekhar, schnurrend wie das Schoßkätzchen eines Kindes.

»Nun, er wird entweder aufwachen oder nicht«, sagte Dane. »Hoffentlich beginnt er seinen neuen Tag nicht damit, daß er versucht, sich an uns zu rächen, weil wir ihn hierher gebracht haben! Ich werde jedenfalls ein Auge auf ihn haben. Und sonst? Hier sind wir, aber wo ist hier? Rianna, bevor wir das Schiff verließen, hatte ich den Eindruck, du wüßtest etwas über die Jäger. Ich schlage vor, du erzählst es uns.«

Rianna richtete sich auf, schwang ihre nackten Beine über den Rand der Liege und kam zum Fenster. Das rötliche Licht ließ ihr flammendrotes Haar und die erhitzte Haut glühen. Sie sagte: »Die meisten Leute halten sie für eine Legende. Als ich Nachforschungen anstellte, fand ich heraus, daß das nicht zutrifft. Sie bezeichnen sich selbst mit einem Namen, der einfach Jäger bedeutet, und offensichtlich denken sie auch in dieser Weise von sich. Sie haben sich geweigert, sich dem Galaktischen Bund anzuschließen nicht daß der Bund sie so, wie sie sind, aufgenommen hätte versteht sich aber sie zogen es vor, lieber dem Bund fernzubleiben, als ihre Lebensart zu ändern.«

Dallith kam direkt zum Kern der Sache: »Warum werden sie Jäger genannt? Was jagen sie?«

Dumpf sagte Rianna: »Uns.«

Aratak richtete sich zu voller Größe auf. »Dieser Verdacht war mir schon gekommen. Dann sind wir ihnen also zu ihrem Jagdvergnügen verkauft worden?«

Rianna nickte. »Nach allem, was ich gehört und in den Bibliotheken des Bundes gesehen habe und das ist nicht viel, weil sie sich geweigert haben, irgendwelche Außenstehende hier landen zu lassen –, ist die Jagd zu ihrem einzigen Zeitvertreib, ihrer Freude, ihrer Religion geworden. Sie hören niemals auf, nach Beutetieren zu suchen, die ihnen einen fairen Kampf liefern können. Wie ich hörte, haben sie seit Hunderten von Jahren keine anderen Geschäfte mit fremden Welten gemacht als dieses: Sie pflegten Beutetiere für ihre Jagden zu kaufen.«

Dane sagte, während er den schlafenden Mekhar aus den Augenwinkeln beobachtete: »Ich hatte das eigenartige Gefühl, daß es fast zu leicht war; daß sie aus irgendeinem Grund wollten, daß wir einen Fluchtversuch unternahmen. Und das ist offensichtlich die Methode, wie sie die Sklaven von denjenigen trennen, die sie an die Jäger verkaufen können!«

Rianna lachte ein freudloses, dünnes Lachen. »Dann funktioniert ihr Test nicht besonders gut. Wenn ich etwas nicht habe, dann ist das Tapferkeit.«

Dallith sagte ruhig: »Wahrscheinlich ist ihnen die Tapferkeit nicht so wichtig wie die Verwegenheit.«

»Das erklärt also, warum sie von einer Chance des Entkommens sprachen«, sagte Dane. »Aber was für eine Chance ist das?«

Der schlafende Mekhar streckte sich plötzlich mit einem lauten Gähnen und sprang im selben Moment auf. Als er die vier beim Fenster zusammenstehen sah, duckte er sich vorsichtig. Dane straffte sich zum Angriff. Aber der Mekhar ging einen Schritt zurück.

»Man würde uns hier nicht kämpfen lassen.« Seine Stimme war wie ein tiefes, schnurrendes Rollen. »Unsere Geschicklichkeit und Kraft gehört jetzt den Jägern. Nun gut, wir waren Feinde. Vielleicht werden wir wieder Feinde sein. Aber für den Augenblick bitte ich um Waffenstillstand.«

Dane warf Aratak einen Blick zu. Der große Echsenmann entspannte sich zu einer Art Verbeugung. Er sagte: »Zumindest sind wir Gefährten im Unglück. Ich bin mit einem Waffenstillstand einverstanden. Wenn du dasselbe tust, schwöre ich beim Göttlichen Ei, daß ich dir, solange dieser Zustand gilt, kein Leid zufügen werde, weder im Wachen noch im Schlafen. Wirst du denselben Schwur ablegen?«

Der Mekhar knurrte: »Schwüre sind für diejenigen gut, die einen Wortbruch in Erwägung ziehen. Ich sage, daß ich euch kein Leid zufügen werde, und ich werde mein Wort nicht zurücknehmen, noch wird das einer von euch tun, der mir eine gleichbedeutende Bürgschaft gibt. Aber wenn einer unter euch ist, der mir sein Wort nicht geben will, werde ich ihn oder sie hier und jetzt bekämpfen, mit oder ohne Waffen, bis zum Tod oder zur Unterwerfung.«

Rianna und Dallith sahen Dane an. Er sagte: »Ich werde für uns alle sprechen. Wir sind alle in zu großen Schwierigkeiten, um uns untereinander zu bekämpfen. Ich liege nicht im Streit mit dir. Deine Leute hatten kein Recht, uns von unseren Heimatwelten zu entführen, aber wenn wir dich bekämpfen, würde das nichts wieder gutmachen. Deine eigenen Leute scheinen dir einen schlechten Streich gespielt zu haben dich der gleichen Kategorie zuzuschreiben wie uns!«

»Wage es nicht, so etwas zu sagen«, sagte der Mekhar. »Ich habe mir aus eigenem, freien Willen ausgesucht, auf diese Weise meine Ehre wiederherzustellen!« Seine langen, klauenartig gebogenen Fingernägel fuhren wütend aus und ein.

Dane sagte hastig: »Nun, wie auch immer, ich werde nicht mit dir über Ehrbegriffe diskutieren, da das Wort für uns sicherlich verschiedene Bedeutungen hat.« Er sagte zu sich selbst, daß jemand, dessen Ehrenkodex es erlaubte, Sklaven zu fangen, jedenfalls keine sinnvolle Diskussion über dieses Thema mit ihm fuhren konnte, Übersetzungsapparat hin, Übersetzungsapparat her. »Trotzdem wenn du uns in Ruhe läßt, werden wir dich in Ruhe lassen; und ich spreche auch für die Frauen.«

Der Mekhar beäugte sie vorsichtig. Seine gelben Augen verengten sich zu Schlitzen; dann entspannte er sich und ließ sich auf den Boden gleiten. »So sei es; solange unser Wort gilt, halten wir Waffenstillstand. Da ihr nicht länger Sklaven seid, sondern euren Mut bewiesen habt, werde ich eurem Wort Glauben schenken.«

Rianna sagte: »Ich weiß sehr wenig über die Jäger. Euer Volk handelt offensichtlich mit ihnen. Kannst du uns sagen, wie sie sind?«

Der Mekhar verzog seine Lippen aus Ärger oder Ironie. »Ihr wißt soviel wie ich; sie lassen sich niemals vor Außenstehenden blicken«, sagte er. »Der Jäger wird nur von der Beute erblickt, die er im Begriff ist zu töten.«

Rianna schauderte. Dallith trat dicht an Dane heran und ließ ihre Hand in seine gleiten. Sogar Aratak schien einen Augenblick lang erschrocken zu sein. »Heißt das, sie sind unsichtbar?«

»Sichtbar oder unsichtbar, ich weiß es nicht«, sagte der Mekhar. »Ich weiß nur, daß noch niemals irgend jemand einen Jäger gesehen hat und überlebte, um es erzählen zu können.«

Er schwieg einen Moment, und Dane dachte an Bratpfannen und Feuer. Er war glücklich, aus dem Sklavenschiff der Mekhar herausgekommen, aber es schien, daß er der Sklaverei nur entkommen war, um den sicheren Tod durch die Hand schrecklicher, unbekannter Jäger zu finden. Er dachte, daß sogar der Mann, der gesagt hatte: Gebt mir die Freiheit, oder gebt mir den Tod, so freundlich gewesen war, dem die Erklärung vorauszuschicken, er wisse nicht, welchen Weg andere wählen mochten. Abgesehen davon hatte Dane nicht die Wahl zwischen Freiheit und Tod, sondern nur zwischen Sklaverei und etwas, was ohnehin wie der sichere Tod klang.

Dallith, mit ihrer jetzt vertrauten Methode, seine Stimmungen abzulesen, sagte ärgerlich: »Warum sprach der Mekhar-Kapitän dann von einem ehrenvollen Entkommen als Alternative zum ehrenvollen und blutigen Tod?«

Der Mekhar blickte sie erstaunt an. »Ich dachte, ihr wüßtet das«, sagte er. »Selbstverständlich würden wir kein tapferes Wesen zum sicheren Tode verurteilen! Die Jagd wie alle wissen sollten, die Jäger kennen dauert von Dunkelheit zu Dunkelheit des Roten Mondes. Diejenigen, die noch leben, wenn die Finsternis wieder heraufzieht, sind frei. Frei, und zwar mit einer großen Belohnung und großer Ehre. Warum wäre ich sonst hier?«

Der Mekhar drehte ihnen mit zuckenden Schnurrhaaren den Rücken, und Dane stand da und beobachtete ihn und versuchte das Gesagte zu begreifen.

Eine Chance zu entkommen aber einem wilden Volk, so wild, daß es keinen anderen Namen hatte, als den der Jäger, ein Volk, das sogar die Mekhar fürchteten. Ein Feind, den noch nie jemand gesehen hatte, außer in dem Moment, in dem er von ihm getötet wurde. Man mußte also kämpfen oder fliehen oder ihnen irgendwie entkommen, in der Zeitspanne zwischen zwei Dunkelheiten wie lange das auch immer sein mochte nicht wissend, welche Gestalt der Feind annehmen oder ob er unsichtbar aus der Luft kommen würde.

Für einen Augenblick wünschte er sich feige, wieder auf dem Sklavenschiff zu sein. Er hatte sein ganzes Leben lang nach Abenteuern Ausschau gehalten, aber eine Reise quer durch die Galaxis, selbst als Sklave, war genug Abenteuer für ein ganzes Leben.

Dann besserte sich seine Laune ohne rechten Grund. Wenn die Jäger ein quasi religiöses Ritual aus der Jagd machten, würde ein Teil ihres Vergnügens sicher schon in dem Risiko liegen. Jäger auf der Erde fanden es nicht gerade aufregend, hinauszugehen und Hasen zu schießen. Fuchsjäger machten ein großes Theater darum, den Fuchs nicht zu schießen. Das wahre Geheimnis der Jagd schien für die, die daran teilnahmen, auch auf der Erde, im Anschleichen, der Gefahr, dem Kitzel, dem Risiko zu liegen. Darum würden die Menschen, die daran teilnahmen oder von welcher Rasse ihre Beute auch sein mochte so etwas wie eine faire Chance bekommen.

Ich bin weichlich geworden, dachte Dane, ich bin nicht in Form. Ich war in guter Kampfform diese Unterrichtsstunden in Aikido und Karate in Japan, die rastlose Knochenarbeit des Einhandsegelns Tag und Nacht –, aber drei Wochen kompletter Untätigkeit haben mich verweichlicht. Aratak könnte es gelingen; er ist groß und stark. Die Frauen nun, wenn es auf Körperkraft ankam, mußte zumindest Dallith beschützt werden obwohl sie wild genug gewesen war, als sie gegen den Mekhar gekämpft und ihn erschreckt hatte! Aber die Mekhar hatten nicht ihre Körperkraft getestet, erinnerte sich Dane. Was die Mekhar geprüft hatten, war ihre Verwegenheit, ihr Mut, ihre Bereitschaft, Risiken einzugehen, und die Fähigkeit, das für die Flucht offen gelassene Schlupfloch zu finden. Das mußten also die Qualitäten sein, die die Jäger an ihrer Beute schätzten, damit sie ihnen einen guten Kampf lieferte. Er sagte laut: »Vielleicht haben wir trotzdem eine Chance. Keine gute. Aber eine Chance.«

Dallith schnappte nach Luft und faßte nach seinem Arm, denn die Tür am gegenüberliegenden Ende des Raumes glitt auf. Dane drehte sich um und fragte sich, ob sie jetzt den ersten der mysteriösen Jäger zu Gesicht bekommen würden. Statt dessen sah er eine große, schmale Metallsäule, die wie auf unsichtbaren Rädern vorwärts zu gleiten schien. Das Ding hatte schmale, von einem Metallgeflecht bedeckte Schlitze und kleine blinkende Lichter oder Linsen, und nach einer Weile, noch ehe es mit derselben mechanischen Stimme zu sprechen begann, die er aus dem Schaltpult des Mekhar-Raumschiffes gehört hatte, stellte Dane fest, daß es eine Art Roboter sein mußte.

»Willkommen in diesem Hause des Heiligen Beutewildes«, sagte er mit leiser, metallischer Stimme. »Euch wird Essen gebracht von der Art, die Ihr wünscht, wenn Ihr Eure bevorzugten Nahrungsbedürfnisse äußert. Wir haben auch für Euch …« die Metallsäule surrte, drehte sich ein wenig und fuhr einen langen, metallenen Arm aus »… Gewänder, die der Ehrbarkeit Eures Standes entsprechen. Bitte badet in einem der Becken oder Brunnen, ganz wie Ihr es wünscht und wie es Euren Bräuchen entspricht, und bekleidet Euch damit.« Die von dem metallenen Arm gehaltene Kleidung war von derselben ziegelroten Farbe, die Dane an den anderen in dem großen Garten gesehen hatte. Dann gehörten sie also auch zum wie lautete das Wort, das der Roboter benutzt hatte Heiligen Beutewild? Sie alle? Dane fragte sich plötzlich, ob die Jäger jeden von ihnen einzeln jagen würden oder alle zusammen.

Der Mekhar wandte sich an den Roboter und knurrte: »Du metallenes Nichts, es ist nicht Brauch in meinem Volk, andere als unsere eigene Kleidung zu tragen.«

Der Roboter sagte ohne Gemütsbewegung: »Es ist unmöglich, eine Kreatur, die aus Metall gebaut ist, zu beleidigen, indem man sie als solche beschreibt, aber wir folgern, daß dies Eure Absicht war, und die beabsichtigte Beleidigung ist registriert und als solche erkannt.«

Der Mekhar blickte finster drein und sagte: »Du meinst, wenn ich dich beleidige, werden es deine Herren, die Jäger, als eine Beleidigung ihnen gegenüber betrachten?«

»O nein.« Die Stimmlage des Roboters blieb unverändert. »Wir sind jedoch davon unterrichtet worden, daß es frustrierend für ein intelligentes Wesen ist, eine andere Kreatur zu beleidigen, wenn der Beleidigte sich der Beleidigung nicht bewußt ist. Wir möchten unbedingt vermeiden, irgendeinem aus der Schar des Heiligen Beutewildes Grund zur Frustration zu geben, darum haben wir Euch versichert, daß wir die Absicht der Beleidigung verstanden haben. Bitte, seid nicht frustriert.«

Dane brach in ein glucksendes Gelächter aus. Er konnte nicht anders. Der Roboter glitt auf ihn zu und fragte besorgt: »Habt Ihr irgendwelche Schwierigkeiten?«

Dane gelang es, Gesicht und Stimme unter Kontrolle zu bringen, und er versicherte dem gesichtslosen Roboter, daß mit ihm alles in Ordnung sei. Der Roboter kehrte zu dem Mekhar zurück, der ihm den Rücken kehrte, und glitt ruhig um ihn herum, um ihm wieder ins Gesicht sehen zu können. Der Mekhar schwieg seufzend; und als ob er niemals unterbrochen worden wäre, fuhr der Roboter fort: »Was Eure Ablehnung betrifft, die Kleidung der Heiligen Beute anzulegen, so ist es Brauch, sie zu tragen. Bekleidet mit der Farbe, die das Heilige Wild ausweist, werdet Ihr in jedem Teil des Jagdreservates zugelassen, und Ihr werdet weder durch einen Unfall noch aufgrund einer disziplinarischen Maßnahme getötet werden.«

»Du wirst nicht gewinnen, alter Freund«, sagte Dane zu dem Mekhar und versuchte vergebens, sein Gelächter zu zügeln. »Landesbräuche und so weiter. Hör mal, du …« Er wandte sich an den Roboter, und die ausdruckslose Stimme sagte: »Ihr könnt uns mit Diener anreden.«

»Gib mir die gebräuchlichen Kleider oder was auch immer; ich werde sie tragen.«

Aratak sagte mit leiser Stimme zu Dane: »Wenn ich gejagt werden soll, möchte ich in anständiger Verfassung sein. Mal sehen, ob das Ähem, ich habe ein Problem. Diener …« sagte er zögernd.

Der Roboter, der sich selbst Diener nannte, rollte geräuschlos auf ihn zu. »Wir sind hier, um Euch zu bedienen.«

»Diener, deine Anwesenheit stellt ein Problem für mich dar«, sagte Aratak. »Bist du ein intelligentes Wesen?«

Diener stand regungslos vor dem gewaltigen Echsenmann. »Die Frage interessiert uns weder, noch ergibt sie einen Sinn für uns«, sagte er.

Aratak sagte: »Dann laß mich die Frage noch einmal formulieren: Bist du Teilhaber der Allumfassenden Weisheit? Soll ich dich als unabhängig denkendes Wesen betrachten? Es ist offensichtlich, daß deine Antwort sich auch auf unvorhergesehene und unprogrammierte Ereignisse beziehen. Für was soll ich dich also halten?«

»Es ist nicht nötig, uns als irgend etwas Spezielles zu betrachten«, sagte Diener. »Ihr seid Heiliges Wild und daher vergänglich, und wir stellen einen Dauerzustand dar. Aber verzeiht, Heiliges Wild, wenn wir vorschlagen, mögliche Diskussionen, Dispute und philosophische Fragen über das Wesen unserer Natur zurückzustellen, bis Eure materiellen Bedürfnisse befriedigt sind. Habt Ihr einen materiellen Wunsch, den wir Euch erfüllen können, oder sind wir frei, Eure Gefährten zu bedienen?«

»Ich habe einen materiellen Wunsch«, sagte Aratak. »Du sprachst vom Baden. Auf der Reise badet man, wie man kann oder muß, um der Hygiene Genüge zu tun, aber kannst du mir zur Wiederherstellung meiner Außenhaut ein warmes Schlammbad besorgen?«

Dieners Antwort kam augenblicklich. »Wenn Ihr durch die Tür neben dem Torbogen geht und weiter den Pfad entlang in Richtung auf die Schatten, werdet Ihr ein Becken mit Schlamm zum Baden finden. Wenn sich die Temperatur als unpassend für Eure Haut erweist, berichtet es uns heute Abend, dann werden wir die Bedingungen herstellen, die Euch am genehmsten sind.« Er rollte zu den anderen hin und sagte: »Es gibt heiße und kalte Bäder, Eisbäder, Dampfbäder und trockene Sandbäder, je nachdem, was Ihr bevorzugt; macht freien Gebrauch davon. Wenn Ihr jetzt Eure Nahrungswünsche äußern würdet.«

Zufällig stand er in diesem Moment neben Rianna, und nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte sie: »Ich wünsche eine bekömmliche Diät für Protosimianer, und ich bin eine Mischung gewöhnt, die ungefähr zu einem Drittel aus Proteinen, zur Hälfte aus gemischten Kohlehydraten und Pflanzenanteilen und ansonsten aus Fett besteht. Meine bevorzugten Geschmacksrichtungen sind entweder süß oder salzig, wobei ich nichts gegen leicht Saures habe. Ich mag kein stark saures oder bitteres Aroma. Ist das angemessen ausgedrückt?«

»Wir loben Eure Deutlichkeit«, sagte Diener, »und wir werden unser Bestes tun, dem zu entsprechen. Wird diese Kombination auch Eure anderen protosimianischen Gefährten angemessen ernähren?«

Dane sagte: »Für mich ist es recht.« Nach Riannas wissenschaftlicher Analyse der menschlichen Diät wäre es ihm dumm vorgekommen, ein Steak zum Mittagessen zu verlangen, obwohl es ihn interessiert hätte, wie Diener auf eine solche Bitte reagieren würde.

Dallith sagte: »Für mich ist es auch in Ordnung, mit der Einschränkung, daß ich keinen salzigen Geschmack mag, aber nichts gegen einen leicht bitteren habe. Außerdem ist es in meiner Rasse nicht üblich, tierisches Fleisch zu essen.«

Diener nahm das mit einem leichten Augenblinzeln zur Kenntnis und wandte sich an den Mekhar, der barsch sagte: »Ich bin Fleischesser.«

»Ihr zieht eine Diät vor, die fast ausschließlich aus tierischen Proteinen und Entsprechendem besteht?« fragte Diener. »Es wird Euch gebracht werden. Was Euch betrifft, verehrter Philosoph …«

Arataks Kehllappen glühten schwach bläulich, als er sich vor der metallenen Kreatur verbeugte. Er sagte höflich: »Der philosophische Mensch konsumiert, was die Natur ihm über den Weg schickt. Glücklicherweise ist unser Stoffwechsel so weitgehend angepaßt, daß ich fast alles verdauen kann, vorausgesetzt, es ist genug da. Ein Vorteil in einer harten Welt, wo das Überleben von der Anpassungsfähigkeit abhängt.«

»Wir werden versuchen, nicht nur Eure Verdauung, sondern auch Euren Gaumen zufrieden zu stellen«, sagte Diener und rollte davon, während Dane darüber staunte, daß ein metallener Roboter fast mit Aratak in höflichem Philosophieren konkurrieren konnte!

Aratak war offensichtlich verwirrt. »Ich muß nachdenken über diesen Ort in der Allumfassenden Weisheit, der von intelligenten Wesen bewohnt ist, die aber eher künstlich zu sein scheinen als durch die Gnade des Göttlichen Eis entwickelt. Wenn Ihr mich entschuldigt, werde ich die gebräuchlichen Kleider an mich nehmen und mich in ein Becken mit heißem Schlamm begeben, um meine Außenhaut wiederherzustellen.«

Er ging schwerfällig auf die Tür zu, die Diener ihm gezeigt hatte.

Rianna sagte zu Dallith: »Ein heißes Bad klingt herrlich. Sollen wir gehen und eins suchen?«

Dallith drehte sich zögernd zu Dane um. »Sollten wir nicht besser zusammenbleiben?«

»Ich vermute, hier sind wir ziemlich sicher. Geht nur und nehmt euer Bad vor dem Essen.« Er wußte nicht, ob gemischte Bäder in den Welten der Frauen gebräuchlich waren, aber das war kein Thema, über das er gerade jetzt reden wollte. Allein gelassen mit dem Mekhar, fragte er: »Was für ein Bad benutzt du für gewöhnlich? Du ich kann dich nicht immer nur du nennen wie heißt du?«

Der Mekhar brummte: »Ich bin als Klippen-Kletterer bekannt; du kannst mich der Einfachheit halber Cliff nennen. Und ich ziehe ein Bad mit kühlem Wasser vor, am liebsten in stehendem Wasser, wo Schwimmen möglich ist.«

Nun, dachte Dane, es gibt diesen einen Berührungspunkt der Natur, der die ganze Welt miteinander verwandt macht. Ich hätte nie geglaubt, daß ich irgend etwas mit einer großen intelligenten Katze gemein habe. Laut sagte er: »Schwimmen würde mir auch gefallen. Laß uns dort draußen ein Becken suchen.«