Chris brachte mühsam die ersten Worte hervor. »Ich glaube, ich weiß, was das ist.«

Auch Lisa hatte einige der entstellten Grimassen erkannt. »Die Bewohner Giebelsteins«, stieß sie dumpf hervor. Ihr waren so viele der Gesichter vertraut, auch wenn sie noch keines davon in solcher Panik gesehen hatte. Da waren der Postbote und die Zeitungsfrau, der Schornsteinfeger und ein paar Verkäufer aus den Geschäften an der Hauptstraße. Sogar zwei ihrer Lehrer erkannte sie wieder, außerdem ein paar Jungs und Mädchen aus ihrer Klasse. Zum Glück konnte sie nirgends ihre Eltern entdecken, auch wenn sie insgeheim keinen Zweifel hatte, dass auch sie sich in diesem grauenvollen Hexenkessel befanden.

»Es sind nicht sie selbst«, sagte Chris beklommen. »Nur ihre Abbilder.«

»Bist du sicher?«

Er nickte. »Es sieht aus, als würden sie untergehen. Aber in Wirklichkeit zerlaufen sie, formen sich neu und zerfließen wieder. Wenn du genau hinschaust, kannst du es erkennen.«

Lisa konzentrierte sich auf eines der Gesichter, ganz nah am Ufer. Chris hatte Recht. Der Kopf tauchte mit aufgerissenen Kiefern und angstvollen Augen auf und floss dann wieder auseinander, um nach ein paar Sekunden von neuem zu entstehen.

»All die Leute sind nicht wirklich hier«, sagte Chris. »Es muss mit diesem Lichtfluss zu tun haben. Wahrscheinlich stellt er die Verbindung zu den Giebelsteinern her.« Während er sprach, folgte sein Blick dem Lichtbündel, das irgendwo im Zentrum des Kraters in den schwarzen Fluten verschwand.

»Wo Licht ist, muss es eine Energiequelle geben«, setzte Lisa seine Überlegungen fort. »Was, wenn es nun die Lebensenergie der Menschen ist, die den See speist? Wie eine übernatürliche Stromleitung. Deshalb nimmt die Oberfläche die Form all jener an, deren Kraft sie aufsaugt.«

Sie stockte. »Aber wozu das Ganze?«

Chris dachte nach. »Vielleicht ist die schwarze Brühe selbst ein Lebewesen? Mondschatten, der irgendwie ein Eigenleben gewonnen hat?«

»Der Körper des Dornenmannes. Der Mann im Mond!« Lisa hätte Chris nur zu gerne widersprochen, aber etwas sagte ihr, dass sie mit ihren Vermutungen ganz richtig lagen.

Als wollte auch der Krater selbst die Worte bestätigen, wölbte sich mit einem Mal seine Mitte empor, so als richtete sich jemand unter einer weiten schwarzen Decke auf. Ein riesenhafter Umriss zeichnete sich ab, eine menschliche Gestalt, viele Stockwerke hoch. Noch war sie nur zu erahnen, aber schon jetzt war klar, was das bedeutete: Die Energie der Giebelsteiner diente dazu, den finsteren Herrscher des Mondes zu neuem Leben zu erwecken. Nicht als vager Schemen, wie damals, als er als Dornenmann erschienen war; auch nicht, indem er Doktor Karfunkel für seine Zwecke missbrauchte; nein, der Mann im Mond wollte eine eigene, gewaltige, monströse Gestalt.

Der Umriss, den man in klaren Nächten auf dem Vollmond erkennen konnte, jener Mann im Mond, von dem schon uralte Märchen und Legenden erzählten, war zu schwarzem Schattenfleisch geronnen, das sich in diesem Krater gesammelt hatte. Aus ihm würde schon bald eine neue, viel gefährlichere Kreatur entstehen – ein schwarzer Riese, der in den zerfurchten Staubwüsten des Mondes umherstreifte. In manchen Nächten würde man ihn als groteske Silhouette sehen können, die wie ein Insekt über die weiße Kugel am Himmel kroch, jederzeit bereit, den Sprung zur Erde zu wagen und dort Tod und Verwüstung zu säen.

Lisa konnte all das vor sich sehen, teils als verschwommene Vision, teils als Anblick von solcher Klarheit, dass er ihr so real wie ein Fernsehbild erschien.

Eine kilometerhohe schwarze Gestalt, deren Schatten schon von fern über ganze Städte fiel, lange, bevor er sie erreichte und mit seinen Klauen zerfetzte; Menschen, die sich in abgelegenen Regionen versteckten und sich dabei doch nur selbst in die Enge trieben; ganze Kontinente, auf denen nichts mehr lebte, die überflutet waren von schwarzem Schattenfleisch; und dann wieder der Mann im Mond selbst, höher als der höchste Berg, sodass die letzten Satelliten aus dem All sein Bild aufnahmen, eine pechschwarze Gestalt, die mit weiten Schritten Wüsten und Wälder und Meere durchquerte, immer auf der Suche nach noch mehr Zerstörung, noch mehr Tod.

Eine Gestalt, die sich auf dem gewaltigsten Gipfel der Erde aufrichtete, die Arme zum Himmel reckte und ein triumphierendes Brüllen ausstieß …

»Nein!«, entfuhr es Lisa. »Wir müssen ihn aufhalten!«

Die Umrisse im See waren noch immer vage und fließend, aber es gab keinen Zweifel, dass sie mit jeder Minute an Festigkeit gewannen, zu einem Albtraum geronnen.

»Wir müssen den Energiefluss unterbrechen.«

Chris hatte die Worte kaum ausgesprochen, als sie endlich eine Antwort auf die Frage erhielten, warum man sie hierher gebracht hatte.

Schwarze Fangarme explodierten aus der Oberfläche, rissen dabei ein Dutzend der fließenden Gesichter in Stücke und ringelten sich mit zuckenden Spitzen auf Lisa und Chris zu.

»Vorsicht!« Chris gab Lisa einen Stoß, der sie rückwärts die Kraterböschung hinabrollen ließ, an scharfen Felsen vorbei, die sie entzweigeschnitten hätten, wäre sie ihnen im Sturz zu nahe gekommen. Als sie unten aufkam, weich gefedert in einem Bett aus grauem Mondstaub, war Chris schon bei ihr, halb stolpernd, halb stürzend, und half ihr auf die Beine. Gemeinsam blickten sie zurück zu der Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatten. Wie ein Nest öliger Würmer peitschten dort die Schattententakel umher, zu kurz, um sie am Fuß der Kraterwand zu erreichen.

Lisa schaute sich um. In der Ferne, dort, wo sie die Oberfläche des Mondes betreten hatten, waren weitere Besucher der Schattenshow aufgetaucht. Fast zwanzig Jungen und Mädchen standen eng beieinander, viel zu verstört, um sich von der Stelle zu bewegen. Im Gegensatz zu Lisa und Chris wussten sie nicht, was mit ihnen geschehen war. Vermutlich glaubten sie, Opfer einer besonders schlimmen Massenhalluzination zu sein. Wahrscheinlich war es am besten so. Keiner von ihnen hatte den Versuch unternommen, den Fußspuren zu folgen, die Lisa und Chris im Staub hinterlassen hatten.

Lisa blickte nach rechts. Dort verlief, in etwa drei Metern Höhe, der gleißende Lichtstrang. In unregelmäßigen Abständen pulsierten besonders helle, flirrende Energieklumpen daran entlang und verschwanden jenseits der Kraterwand.

»Okay«, stieß Lisa mit einem Seufzen aus. »Ich weiß, was wir tun. Komm mit!«

Sie löste sich von Chris und lief voraus, bis sie genau unterhalb des Lichtbündels stand. Sie blickte nach oben und spürte auf ihrem Gesicht deutlich eine sanfte Wärme, fast tröstlich in dieser Ödnis aus Staub und Schrecken.

»Irgendwer muss es ja tun«, sagte Lisa entschlossen und sah Chris an, der neben ihr zum Stehen kam. »Du musst mir helfen. Ich werde mich auf deine Schultern stellen.«

Chris begriff, auf was sie hinauswollte. »Das kannst du nicht tun!«

»Anders geht’s nicht. Du bist zu schwer, als dass ich dich tragen könnte.«

»Aber du weißt doch überhaupt nicht, was passieren wird!«

Sie lächelte schwach. »Wenn man eine Stromzufuhr unterbricht, schaltet sich das Gerät ab. Vielleicht ist es hierbei ja nicht anders.«

Chris wirkte immer hilfloser. »Aber das ist … das ist … kein blöder Toaster. Du könntest dabei sterben.«

»Das werden wir alle, und zwar ziemlich bald, wenn wir nicht irgendetwas unternehmen.« Lisa deutete auf die peitschenden Schattententakel, die allmählich länger zu werden schienen und sich den Hang herabschlängelten. »Komm schon, Chris.« Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. »Wenn ich Kyra wäre, würdest du nicht so lange rumdiskutieren.«

»Kyra ist auch eine Hexe. Zumindest eine halbe.« Chris war zugleich wütend und verzweifelt.

»Ich will einfach nicht, dass dir was passiert«, sagte er leise.

Lisa legte den Kopf schräg und sah Chris in die Augen. Ganz kurz streichelte sie ihm über die Wange, bevor sie sich vorbeugte und ihn auf den Mund küsste. Ziemlich lange. Länger, als sie es sich in diesem Moment eigentlich leisten konnten.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Chris sie schließlich losließ und »Okay« murmelte. Er bückte sich und ließ zu, dass Lisa auf seine Schultern kletterte. »Halt dich gut fest!«

Ganz langsam richtete er sich auf. Beide schwankten, aber irgendwie gelang es Lisa, ihr Gleichgewicht zu halten.

Sie sah das Lichtbündel über sich näher kommen, blitzend und flimmernd.

Chris stand jetzt fast aufrecht. Dann drückte er die Knie durch.

Lisa schloss die Augen.

Der Energiestrom floss über ihr Gesicht, über ihren Hals, und als sie schließlich hoch aufgerichtet auf Chris’ Schultern stand, bohrte sich der Lichtstrom in ihre Brust, genau an der Stelle, wo ihr Herz schlug.

Hinter ihrem Rücken brach der Energiefluss schlagartig ab. Doch das nahm sie gar nicht mehr wahr.

Ihre eigenen Empfindungen endeten auf einen Schlag. Helligkeit überschwemmte ihre Sinne, und ein Hagel aus Gefühlen, fremden Gefühlen, brach über sie herein. Sie vergaß, wer sie war, war plötzlich viele, spürte die Leben all dieser Menschen aus Giebelstein an sich vorüberziehen, ihre Wünsche und Ängste, ihre Gedanken. Gute und böse, schöne und gemeine Gedanken. Kälte und Hitze. Kraft und Schwäche. Spürte all das und viel mehr – und dann war sie wieder sie selbst, und sie fühlte, wie sie zu Licht zerfloss, ein einziges Bündel Mensch in diesem Sturm aus Energien und Mächten, die so fremd und zugleich so vertraut waren.

Irgendwo, unendlich weit entfernt, vernahm sie einen Schrei, wie ihn kein Lebewesen ausstoßen konnte, verspürte eine Woge von Zorn und Hass auf sich zurasen.

Chris, dachte sie.

Und noch einmal: Chris …

Dann erlosch die Helligkeit, und am Himmel standen wieder Sterne, und unter ihr war nicht mehr Chris, sondern weiches Gras und steiniger Boden.

»Lisa?«

Eine Stimme.

»Mein Gott, Lisa …«

Ihre Augenlider flimmerten. Ihre Sicht war verschwommen, klärte sich nur allmählich. Wie im Reflex fuhr ihre Hand an die Brust, spürte den Herzschlag unter ihrer Kleidung, unter der Haut. Sie lebte.

»Frau Rabenson?«, brachte sie schwach hervor. »Sind … sind Sie das?«

Kyras Tante hatte Tränen in den Augen, als sie nickte. Sie konnte nicht sprechen, musste nach Atem ringen, aber grenzenlose Erleichterung stand in ihrem Blick. Ihr lockiges Haar war feucht und zerwühlt; manche Strähnen waren mit schwarzem Schleim verklebt. Auch ihre Wangen waren davon überzogen.

Lisa schaute um sich. Sie lag im Gras am Fuß des Bahndamms, am Rand der Kieselwiese. In einiger Entfernung rappelten sich weitere Gestalten hoch, halfen sich gegenseitig auf die Beine.

»Wo ist Chris?«, fragte Lisa.

»Hier«, sagte eine Stimme außerhalb ihres Sichtfelds. »Ich bin hier.« Dann war er bei ihr und drückte sie fest an sich.

Hinter Kassandra stand ihr klappriges Auto. Die Hintertür stand offen. Zwei Gestalten schleppten sich von dort aus auf sie zu.

Nils musste Kyra stützen, aber sie zeigte den Schmerz nicht, den ihr Knöchel ihr bereitete. Sie winkte Lisa mit der freien Hand zu und strahlte über das ganze Gesicht. Lisa nahm an, dass Kyra und ihr Bruder eine Menge zu erzählen hatten – wenn auch nicht halb so viel wie Chris und sie selbst.

Mal sehen, ob sie Kyra wirklich alles erzählen würden.

Chris’ Augen glänzten. »Ich hatte solche Angst um dich«, flüsterte er.

Lisa lächelte schwach. »Ging mir nicht anders.«

Dann blickten beide zum Bahndamm hinauf. Die Schattenwaggons waren fort. Wo sie gestanden hatten, sah es aus, als habe es schwarzen Schleim vom Himmel geregnet. Sogar die Brombeersträucher am Hang waren damit getränkt.

In einer besonders widerlichen Schleimpfütze, gar nicht weit entfernt, lag ein alter Zylinder. Mehr war nicht übrig vom ehrenwerten Doktor Karfunkel. Die Macht des Mondmannes hatte ihn und seine neun Diener am Leben erhalten; doch als die Energie aus Giebelstein versiegt war, war alles Menschliche von ihnen abgefallen und zu schwarzem Schleim zerflossen.

Der Nebel hatte sich gelichtet. Der Nachthimmel über ihnen war klar, und die Sterne glänzten wie Diamanten in der schwarzen Samtauslage eines Juweliers. Dazwischen hing der Mond und blickte auf sie herab wie ein bleiches Auge. Deutlich war darauf eine Silhouette zu erkennen, eine Form aus schattigen Kratern.

Der Mann im Mond.

Reglos. Starr. Tot.

Chris zog Lisa zu sich heran. Er lachte und küsste sie sanft.

Und alle sahen zu.