»Genau so«, bestätigte Herr Fleck. »In der Form einer Spirale.«

»Aber warum bloß?«

»Weil es nicht anders ging. Die Wälder dort oben sind sehr felsig, und man hätte zahllose Tunnel und Schneisen bauen müssen, um einen kürzeren Weg zur Sternwarte einzurichten. Das Gestein erwies sich als besonders hart und widerspenstig, und nachdem bei einer missglückten Sprengung mehrere Arbeiter ums Leben gekommen waren, gab man das Vorhaben auf. Lieber passte man den Verlauf der Gleise den natürlichen Gegebenheiten an. Sie wurden durch die bestehenden Täler und Schluchten gelegt, und dabei ergab sich diese Form.«

Lisa schüttelte ungläubig den Kopf. »Aber eine exakte Spirale? So verlaufen doch keine natürlichen Schluchten!«

»Diese schon«, erklärte der Archivar achselzuckend. »Es ist, als hätte der liebe Gott sie einst mit einem riesigen Zirkel gezogen – oder wer sonst diese Wälder vor Urzeiten geschaffen hat.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Kyra argwöhnisch.

»Ihr wisst ja, dass die Gegend rund um Giebelstein schon immer ein wenig … nun ja, ungewöhnlich war. Als die römischen Legionen vor fast zweitausend Jahren hier einmarschiert sind, entdeckten sie, dass in dieser Region eine besonders große Zahl uralter heidnischer Heiligtümer existierte. Die Kelten und später die Germanen schickten junge Mädchen hierher, damit sie zu Hohepriesterinnen ihrer zahlreichen Götter geweiht wurden. Die Wälder sind noch immer voll von den Überresten der einstigen Heiligtümer, von Steinkreisen und Monolithen und Begräbnisstätten. Euer Hügelgrab ist auch ein gutes Beispiel dafür. Die meisten dieser Orte lagen seit jeher in den Wäldern im Norden. Von dem Hügel aus, auf dem später die Sternwarte errichtet wurde, haben schon die keltischen Druiden die Gestirne beobachtet. Die ganze Anlage steht auf antiken Ruinen, viele tausend Jahre alt.«

»Tempelruinen?«, entfuhr es Lisa.

Herr Fleck verzog das Gesicht. »Die Kelten bauten keine Tempel für ihre Götter, wie es etwa die Griechen oder Römer taten. Aber sie errichteten Steinkreise wie zum Beispiel Stonehenge in England, oder sie legten heilige Haine an, kleine Wälder, von denen sie annahmen, dass dort die Götter ein und aus gingen. Eine solche Anlage muss auch auf dem Hügel gestanden haben, und Reste davon liegen gewiss immer noch tief unter den Fundamenten der Sternwarte begraben.« Er seufzte leise. »Nach all den Unglücken zu urteilen, die im Laufe der Jahre rund um die Sternwarte geschehen sind, war es offenbar kein freundlicher Gott, der dort verehrt wurde.«

Chris legte die Stirn in Falten. »Sie denken, irgendwas davon ist … hm, irgendwie übrig geblieben?«

»Etwas von einem heidnischen Gott?«, fragte Lisa mit großen Augen.

»Zumindest der Ort, an dem er verehrt wurde«, bestätigte der Archivar.

»Bestimmt hat man dort auch Menschenopfer gebracht«, mutmaßte Kyra. Lisa schenkte ihr einen strafenden Seitenblick.

Herr Fleck lächelte. »Die keltischen Druiden haben keine Menschen geopfert, das ist nur ein Gerücht. Es gibt keinerlei Beweise dafür.«

Kyra ließ nicht locker. »Wenn die Anlage aber schon vor den Kelten existiert hat? Auch von Stonehenge weiß keiner so genau, wann es errichtet wurde – und von wem.«

Der alte Mann nickte bedächtig. »Theoretisch ist das natürlich möglich. Sicher ist nur, dass der Sternwartenhügel schon in uralter Zeit ein Ort war, von dem die Menschen glaubten, er sei dem Mond und den Sternen besonders nahe. Und natürlich ihren dunklen, grausamen Göttern.«

Die Erwähnung des Mondes erinnerte Lisa unangenehm an ihre Erlebnisse mit dem Dornenmann. Damals hatte eine Hexe des Arkanums den Mann im Mond heraufbeschworen. Und so harmlos, so kindisch die Vorstellung auch war – er hatte sich als schreckliche Kreatur aus purem Mondschatten in Giebelstein materialisiert und den Freunden eine Hetzjagd auf Leben und Tod geliefert. Erst am Hügelgrab war es ihnen gelungen, ihn zu besiegen, weil von dort aus eine unbegreifliche magische Verbindung zum Mond bestanden hatte. Wie viel stärker musste solch eine Verbindung dann aber erst zwischen dem Mond und dem Hügel in den nördlichen Wäldern sein?

Lisa atmete tief durch. Ihr kam eine böse Vorahnung. Plötzlich hatte sie eine Gänsehaut.

»Aber was hat das alles mit unseren Waggons zu tun?«, fragte sie in die Runde.

Chris räusperte sich. »Wenn die Gleise tatsächlich bis zur Sternwarte führen, kann der Zug eigentlich nur von dort gekommen sein, oder?«

»Oder von irgendwo aus dem Wald«, gab Lisa zu bedenken. Vor ihrem inneren Auge formte sich erneut das Bild, das die Worte des Archivars heraufbeschworen hatten: riesige, schemenhafte Gestalten, die bucklig über den Bahndamm gebeugt standen, ihre mannslangen Krallen unter die Stahlgleise schoben und sie mit bloßen Händen aus den Verankerungen rissen, sie verdrehten und verbogen wie weichen Kupferdraht. Muskulöse Giganten mit zottigem Haar, wilde Kreaturen, halb unsichtbar im Nebel.

Im Nebel?

Wieso sah sie Nebel in dieser Szene? Vielleicht lag es an dem bedrückenden Wetter. Der Gedanke, dass es vermutlich schon dunkel sein würde, wenn sie die Archivgewölbe verließen, ließ sie noch stärker frösteln. Dunkelheit und Nebel waren wirklich zu viel des Guten.

»Wir müssen auf jeden Fall um Mitternacht zu dieser Show«, sagte Kyra entschlossen.

»Noch hat keiner Lisas Frage beantwortet«, sagte Chris beharrlich. »Wo ist die Verbindung zwischen diesen Waggons, den Wäldern und der Sternwarte?«

»Und den alten Göttern«, fügte Lisa halblaut hinzu und spürte dabei ein Rumoren im Bauch. Die anderen sahen sie an, als hätte sie die Pointe eines guten Witzes verdorben – mit dem Unterschied, dass die Umstände wirklich alles andere als lustig waren.

Herr Fleck fand als Erster seine Sprache wieder. »Vielleicht ist es besser, wenn ihr euch heute Nacht vom Bahndamm fern haltet. Aus den Wäldern im Norden kann nichts Gutes kommen.« Das klang ganz schön abergläubisch, aber ihre gemeinsamen Erfahrungen hatten sie eines Besseren belehrt.

»Könnten wir nicht versuchen, in der Sternwarte anzurufen?«, schlug Chris vor. »Nur um zu hören, ob dort alles in Ordnung ist.«

Der Archivar maß ihn mit einem langen Blick.

»Diese Waggons bereiten dir ziemliche Sorgen, nicht wahr?«

»Sie hätten dabei sein sollen«, kam Lisa Chris zur Hilfe. »Das waren keine normalen Bahnwaggons. Sie sahen aus wie etwas, das überhaupt nie gebaut worden ist.«

»Wie etwas Lebendes«, ergänzte Chris.

Einen Moment lang herrschte bedrückende Stille in dem Kellergewölbe. Den Freunden war klar, dass sie nur eine Möglichkeit hatten, den geheimnisvollen Vorgängen am Bahndamm auf die Spur zu kommen: Sie mussten zur Show gehen. Welche andere Wahl blieb ihnen denn auch? Falls der seltsame Zug tatsächlich etwas Dämonisches nach Giebelstein gebracht hatte, würde die Begegnung früher oder später unvermeidbar sein. Da war es besser, wenn die Siegelträger ihren Gegnern zuvorkamen – oder zumindest versuchten, so rasch wie möglich mehr über sie herauszufinden.

Zuvor ließ Kyra es sich jedoch nicht nehmen, von Herrn Fleck einen großen Stapel Bücher auszuleihen – bis auf das Buch ihrer Mutter, das Herr Fleck nicht aus den Händen geben wollte. Chris bot an, ihr ein paar der kiloschweren Bände abzunehmen, aber Kyra war der Meinung, dass sie das auch allein hinbekäme.

Ein Trugschluss, wie sich bald herausstellte.

Auf der engen Wendeltreppe nach oben verlor sie das Gleichgewicht, stolperte nach hinten und polterte in einem Wirbel aus Büchern und flatterndem Papier gegen Chris. Er versuchte noch, sie aufzufangen, konnte sich dann aber selbst nicht mehr halten. Fluchend stürzten sie rückwärts die Treppe hinunter und prallten unten auf den staubigen Steinboden. Dabei schlug Kyra mit dem rechten Fußknöchel so hart auf die Kante der unteren Eisenstufe, dass sie einen Augenblick lang benommen in sich zusammensackte.

Lisa und Herr Fleck waren sofort bei ihnen.

Chris rappelte sich auf. »Nix passiert«, stöhnte er.

Leider galt das nicht für Kyra. Ihr Knöchel begann in Windeseile anzuschwellen und wurde so rot wie ein Granatapfel. Herr Fleck betastete ihn fachkundig – »Das hab ich im Krieg gelernt«, murmelte er düster – und kam zum Schluss, dass der Knöchel verstaucht war.

»Das war’s dann wohl«, keuchte Kyra und ließ sich von ihren Freunden hochhelfen.

Lisa warf Chris einen Blick zu. »Wir bringen dich nach Hause, Kyra. Und dann schauen wir uns zu zweit am Bahndamm um. Ich meine, irgendwer muss ja was unternehmen, oder?«

War da ein kurzes Blitzen in Kyras Augen, ein ganz winziger Augenblick der Erkenntnis? Nein, Lisa musste sich getäuscht haben.

Kyra konzentrierte sich schon wieder ganz auf ihre Schmerzen und fluchte wie ein Rohrspatz über ihr Missgeschick. Lisa und Chris legten je einen Arm um sie und halfen ihr beim Erklimmen der Treppe. Die Bücher ließen sie unten liegen. Herr Fleck versprach augenzwinkernd, sie später zu stapeln und für Kyra bereitzulegen; sie würden ihr schon nicht davonlaufen, schließlich lägen sie seit Jahrhunderten hier unten im Archiv.

Einen Telefonanruf später traf Tante Kassandra in ihrer klapprigen Ente ein, ungeachtet des dichten Nebels. Gemeinsam luden sie die schimpfende Kyra in den Wagen, und Lisa und Chris mussten ihrer Freundin versprechen, vorsichtig zu sein und auf gar keinen Fall etwas Voreiliges zu unternehmen.

»Und das sagt gerade sie«, meinte Lisa mit einem Lächeln, als der Wagen in den weißen Schwaden verschwand.

Chris nickte. »Kyra hilflos im Bett – Oh Mann, ich möchte jetzt nicht in der Haut ihrer Tante stecken. Die schlechte Laune …«

Lisas Blick fiel auf eine Telefonzelle, die nahe beim Eingang des Rathauses stand. Sie musste an Chris’ Vorschlag denken.

»Wie sieht’s aus, wollen wir’s versuchen?«

»Was denn?« Chris war in Gedanken offenbar noch immer bei Kyra.

»In der Sternwarte anrufen.«

»Oh, sicher. Gute Idee.«

Na, dachte Lisa mit einem Stirnrunzeln, du bist ja ganz schön durcheinander.

Das Telefonbuch in der Zelle war uralt und ganz zerfleddert von den vielen herausgerissenen Seiten. Lisa verzog angeekelt das Gesicht, als sie beim Blättern auf einen zurückgelassenen Kaugummi stieß. Doch dann hatten sie Glück und entdeckten tatsächlich die richtige Nummer. Chris benutzte seine Telefonkarte und wählte. Dabei rückte er ein wenig, damit Lisa mithören konnte. Als sie ihr Ohr nah an den Hörer brachte, berührten sich fast ihre Wangen. Lisa spürte, dass sie eine Gänsehaut bekam – diesmal allerdings nicht aus Angst.

»Geht keiner ran«, sagte Chris nach dem zehnten oder elften Freizeichen. Er drückte die Gabel hinunter, wählte erneut und horchte. Das gleiche Ergebnis.

»Vielleicht ist die Sternwarte wirklich längst verlassen«, vermutete Lisa, »und dieser Doktor Karfunkel und seine Leute sind schon vor Jahren abgezogen.«

Chris nickte nachdenklich und hängte den Hörer ein. »Würd ich gerne glauben. Aber solange die Telefonnummer freigeschaltet ist –«

»Du denkst, da draußen ist vielleicht irgendwas passiert, oder?« Natürlich hatte Lisa diese Möglichkeit selbst in Erwägung gezogen, aber aus irgendeinem Grund hatte sie gehofft, sie nicht aussprechen zu müssen.

Chris zuckte nur mit den Schultern.

Schließlich schwangen sie sich auf ihre Räder und fuhren los, die Hauptstraße hinauf Richtung Norden.

In Richtung der Wälder.

Lisa erkannte, dass ihre Sorge berechtigt gewesen war: Nebel und Nacht vermischten sich zu einer Schwärze so finster wie die Bosheit im Herzen einer Arkanumhexe.

Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr.