Es sah aus wie die Unterseite eines Seesterns, nur viel größer. Lebendiger. Kyra zählte sechs Spitzen oder Fangarme, die zu den Enden hin schmal ausliefen. Im Zentrum des pulsierenden Körperbalgs öffnete und schloss sich in raschem Rhythmus eine Vertiefung, die aussah wie ein Mund nach einem besonders üblen Faustschlag, aufgequollen und nässend; die zähe Flüssigkeit, die aus den Winkeln troff, glich sauer gewordener Milch und überzog die Scheibe mit einem schmierigen Fettfilm.
Während Kyra noch entgeistert zum Fenster blickte, lichtete sich der Nebel hinter der Kreatur für wenige Sekunden, und sie konnte durch die Zwischenräume der Sternarme eine ganze Armada schwarzer Ballons sehen, die über das Dach hinwegschwebten. Ganz kurz glaubte sie zu erkennen, wie einer von ihnen platzte, ein Ball aus schwarzem Fleisch in die Tiefe stürzte und sich im Flug zu einer Sternkreatur ähnlich der auf ihrem Fenster entfaltete. In Windeseile verschwand er aus Kyras Blickfeld.
Wurde etwa ganz Giebelstein von diesen Wesen heimgesucht? Einen Moment lang bekam sie vor Entsetzen kaum Luft.
Die weiche Öffnung der Kreatur schmatzte sabbernd gegen das Glas. Kyra sah Muskelstränge, die sich unter dem schwarzen Fleisch spannten, hörte plötzlich ein gläsernes Knirschen, dann ein Reißen und – Das Fenster explodierte in einer Kaskade aus Kristallsplittern.
Kyra schrie auf und riss ihre Bettdecke hoch, um den Scherbenregen abzuwehren. Sie hatte Glück, kein Splitter traf sie. Doch als sie die Decke wieder sinken ließ, war die Sternkreatur fort.
Sie musste jetzt irgendwo im Zimmer sein!
Kyra schleuderte die Decke von sich, zum einen wegen der Scherben, die darauf lagen, zum anderen aber, weil sie fürchtete, das grässliche Wesen könnte sich in den Falten verstecken. Auch wenn es dazu eigentlich zu groß war.
Plötzlich hörte sie ein schlabberndes Geräusch, gefolgt von einem trägen Schleifen.
Ganz, ganz langsam beugte sie sich vor und schaute vorsichtig über die Bettkante.
Der Stern kauerte pulsierend neben ihrem Bettpfosten, in einer Pfütze aus ekligem weißem Glibber, der aus seiner Bauchöffnung triefte. Von oben sah er einem Seestern noch ähnlicher. Seine schwarze Haut war runzelig, und er hatte an der Oberseite keine Augen oder andere Sinnesorgane. Trotzdem zweifelte Kyra nicht daran, dass das Wesen gerade versuchte, sie zu wittern.
Sie konnte eben noch den Kopf zurückziehen, als der schwarze Schleimstern in einer abrupten Bewegung nach oben schnellte, an ihr vorbeiraste und mit einem nassen Klatschen auf die Tapete neben ihrem Bett flatschte. Dort blieb er haften, während weißes Sekret die Wand herabsuppte. Kyra schüttelte sich vor Abscheu.
Augenscheinlich hatte das Wesen es auf sie abgesehen. Warum aber griff es sie dann nicht an? Es war fast, als hätte es Mühe, sie zu finden. Es schien zu ahnen, dass sie sich ganz in seiner Nähe befand, war aber nicht in der Lage, ihre genaue Position auszumachen.
Kyras Gedanken überschlugen sich. Das Auftauchen der widerlichen Viecher musste mit der Schattenshow zu tun haben, daran zweifelte sie nicht. Wenn das Wesen nicht in der Lage war, sie aufgrund ihres Geruchs, ihrer Atemgeräusche oder ihrer Bewegungen zu wittern, musste es sich offenbar auf etwas anderes verlassen. Welche Sinne mochte es benutzen, um sein Opfer aufzuspüren?
Wieder stieß sich der Stern mit seinen Spitzen von der Wand ab, schlingerte über das Bett hinweg – und klatschte gegen die Dachschräge genau über Kyra. Dort blieb er abermals kleben, zitternd und bebend wie ein gewaltiges Herz. Wenn er sich jetzt fallen ließ, würde er genau auf Kyra landen.
Ihre Instinkte gewannen die Oberhand. Sie rollte sich vom Bett auf den Teppich. Mit dem Gesicht landete sie auf der Stelle, an der eben noch der Stern gesessen hatte. Klebrige Nässe spritzte über ihr Gesicht. Der Ekel, gepaart mit dem Schmerz in ihrem Knöchel, ließ Kyra einen spitzen Schrei ausstoßen.
Doch noch immer saß der Stern glibberig und pastös an der Schräge. Nicht einmal das Rumpeln ihres Sturzes und ihr Aufschrei hatten ihn auf sie aufmerksam gemacht. Und trotzdem war sie vollkommen sicher, dass er gerade ganz angestrengt versuchte, sie aufzuspüren.
Die Schattenshow!, durchfuhr es sie. Natürlich, das musste es sein! Er ist auf der Suche nach meinem Schatten! Er wittert nicht den Geruch von uns Menschen oder unsere Laute – er wittert unsere Schatten!
Kyra aber besaß keinen Schatten mehr. Beim Übergang in die Anderswelt war er verloren gegangen wie ein abgelegtes Kleidungsstück. War einfach fort.
Bisher hatte sie sich noch keine allzu großen Gedanken darüber gemacht; die meiste Zeit vergaß sie völlig, dass sie überhaupt je einen Schatten gehabt hatte. Wer achtete schon ständig darauf, ob sein Schatten ihm nun überall hin folgte oder nicht?
Jetzt aber, im Angesicht dieser Kreatur, war Kyra mit einem Mal dankbar für den Verlust. So wie es aussah, hatte er sie gerettet.
Was war jedoch mit all den anderen Menschen in Giebelstein? Wie viele dieser Kreaturen regneten gerade auf die Stadt herab? Ein Dutzend? Fünfzig? Hundert?
Für Chris und Lisa kam gewiss jede Warnung zu spät – sie befanden sich im Zentrum dieses ganzen Unglücks. Sicher wussten sie längst, was geschehen war. Und wie stand es um Nils? Die Ballons, die sie durchs Fenster gesehen hatte, waren von Norden gekommen, aus der Richtung des Bahndamms. Der Erkerhof aber lag im Süden. Gut möglich also, dass die Ballons das Hotel noch gar nicht erreicht hatten.
Sie musste irgendwie zum Telefon gelangen. Nils hatte einen eigenen Anschluss in seinem Zimmer, doch der Apparat der Rabensons befand sich im Treppenhaus, eine Etage tiefer im ersten Stock. Allein bei dem Gedanken an den Weg die Stufen hinunter verdoppelte sich der Schmerz in ihrem Knöchel.
Flaaaaatsch!
Der Stern katapultierte sich über sie hinweg und schlug mit ausgebreiteten Spitzen auf die Tapete neben der Tür. Dort blieb er mit vibrierenden Muskelsträngen haften.
Kyra zögerte nicht länger. Sie kroch auf allen vieren zum Eingang und griff nach der Klinke. Dann zog sie die Tür gerade weit genug auf, dass sie hindurchkriechen konnte. Es hatte keinen Zweck, wenn sie versuchte, sich auf die Beine zu stemmen – mit ihrem geschwollenen Knöchel würde sie gleich wieder einknicken und die Treppe hinunterstürzen.
Sie robbte durch den Türspalt und behielt dabei den pochenden Schleimstern so lange wie möglich im Auge. Aber wieder schenkte er ihr keine Beachtung.
Im Treppenhaus war es dunkel, und sie wollte keine Zeit damit vertrödeln, nach dem Lichtschalter zu tasten. In alten Häusern wie diesem lagen die Schalter besonders hoch, und sie hätte sich erst halb an der Wand aufrichten müssen, um an ihn heranzukommen.
Langsam schleppte sie sich die schmalen Holzstufen hinunter. Obwohl sie wusste, dass die Kreatur in ihrem Zimmer sie nicht hören konnte, verursachte ihr das verräterische Knirschen der Treppe Übelkeit. Schlimmer noch waren die Schmerzen, die bei jeder einzelnen Stufe durch das Bein fuhren.
Endlich erreichte sie den Treppenabsatz des ersten Stockwerks. Die kleine Kommode mit dem Telefon stand nur noch wenige Meter entfernt, an der Mündung des kurzen Flurs.
Etwas zischte von oben an Kyra vorüber und verfing sich mit elastischen Fangarmen am Treppengeländer. Der Stern baumelte an den Streben wie ein schwarzer Tintenfisch, die Tentakel verheddert, der Körper halb unsichtbar in der Dunkelheit.
Kyra ließ sich nicht beirren. Sie packte den Telefonhörer und wählte Nils’ Nummer. Nach dem sechsten Klingeln nahm er endlich ab. Er klang müde und schlecht gelaunt. Kyra hatte fast vergessen, dass er immer noch krank war.
»Hör zu«, unterbrach sie ihn, als er begann, ihr einen Vortrag über die Uhrzeit, seine Windpocken und den »blöden Nebel da draußen« zu halten. In wenigen Sätzen erklärte sie ihm, was geschehen war, und erstickte seinen Widerspruch im Keim. Er begriff rasch, wie ernst es ihr war. »Falls diese Dinger bei dir auftauchen«, riet ihm Kyra, »sorg dafür, dass nirgends Licht brennt. Nicht das kleinste bisschen Helligkeit, hörst du? Wenn es völlig finster ist, wirfst du keinen Schatten. Dann können sie dich nicht finden.«
Sie hatte den Satz kaum beendet, als Nils ein scharfes Stöhnen ausstieß.
»Was ist?«
Er klang mit einem Mal sehr aufgeregt. »Irgendwas ist gerade gegen mein Fenster geknallt.«
»Lauf raus in den Korridor.« Kyra versuchte verzweifelt, sich an jedes Detail des Hotels zu erinnern. Auf dem Gang vor Nils’ und Lisas Zimmern gab es keine Fenster. Solange alle Türen geschlossen blieben, musste es dort stockfinster sein.
»Sie sind da!«, zischte Nils. »Ich muss Schluss machen.«
Ein Klicken, und er hatte eingehängt.
Kyra legte auf und atmete tief ein und aus. Dabei blickte sie wie gebannt auf das schmierige Knäuel aus Schattenfleisch am Treppengeländer.
Langsam wanderte ihr Blick zur nächstgelegenen Tür. Tante Kassandras Schlafzimmer.
Die Tür stand nur einen Spalt weit offen, zu schmal, um hineinzuschauen. Trotzdem wehte ein eiskalter Luftzug heraus ins Treppenhaus.
Tante Kassandras Fenster waren nachts grundsätzlich geschlossen, sie klagte ständig über kalte Füße. Dennoch ließ der Luftzug keinen Zweifel, dass es heute nicht so war.
Jemand – etwas – hatte das Fenster geöffnet.
Hatte es von außen eingedrückt.
Kyras Blut schien zu gefrieren. Sie gab der Tür einen Stoß, der sie nach innen schwingen ließ.
Im hellen Licht der Leselampe glitzerten die Glasscherben am Boden wie blitzende Münzen aus Kristall.
Das Erste, was Kyra zwischen ihnen auffiel, war ein Schatten.
Und vom Bett ertönten schlabbernde Geräusche.
Nils schleuderte den Hörer auf die Telefongabel und wirbelte herum. Von Schränken und Regalen grinsten die Fratzen seiner Monstermaskensammlung herab.
Die Nachttischlampe warf ihr Licht auf einen pulsierenden Umriss außen am Fenster. Ein gezackter Riss zog sich durch das Glas; durch ihn quoll weiße Flüssigkeit ins Innere.
Mit einem Schlag fegte Nils die Lampe vom Tisch. Der Stecker wurde herausgerissen, das Licht erlosch. Der Nebel vor dem Fenster aber schien beinahe aus sich selbst herauszuleuchten – eine der Laternen, schoss es Nils durch den Kopf, die bei Nacht draußen den Vorplatz erhellten. Ihr Licht reichte aus, um ihn die sternförmige Silhouette erkennen zu lassen.
Und um einen vagen Schatten zu werfen.
Nils zögerte nur eine Sekunde, dann rannte er zur Tür. Hinter ihm zerbarst das Fenster in einer Wolke aus Splittern.
Er stürmte auf den Flur und warf die Tür hinter sich zu. Etwas klatschte von der anderen Seite dagegen, mit dem Geräusch einer platzenden Wasserbombe. In dem langen, holzgetäfelten Korridor flammten die Deckenleuchten auf. Zu beiden Seiten des Gangs führte ein Dutzend hoher Eichentüren in leer stehende Hotelzimmer. Alle waren geschlossen.
Die Bewegungsmelder!, durchfuhr es Nils. Natürlich, weder er noch Kyra hatten in all der Aufregung daran gedacht, dass die Korridorlampen sich automatisch einschalteten, sobald jemand aus einem der Zimmer trat. Nils’ und Lisas Eltern hatten den Mechanismus einbauen lassen, als sie Teile des Gemäuers mit der Erbschaft einer entfernten Verwandten renoviert hatten.
Der Schaltkasten, mit dem sich die Automatik deaktivieren ließ, lag am anderen Ende des Korridors. Gut vierzig Meter entfernt.
Ein Knirschen ertönte. Nils traute seinen Augen nicht, als er sah, dass etwas von innen die Klinke seiner Zimmertür herabdrückte. Sein erster Impuls war, mit beiden Händen dagegenzuhalten. Aber er hatte die üble Ahnung, dass das Schleimvieh auf der anderen Seite stärker war als er, auch wenn es aussah, als sei es gerade erst aus irgendeinem Tümpel gekrochen.
Nils lief los.
Lief, so schnell er konnte.
Hinter ihm stieß die Klinke an ihren Anschlag. Die Tür öffnete sich. Wie eine schwarze Zungenspitze schob sich ein Fangarm um die Ecke.
Zehn Meter. Fünfzehn Meter. Nils keuchte. Er lag jetzt seit Tagen im Bett, und das Fieber war noch immer nicht verschwunden – ganz abgesehen von den roten Pusteln, die seinen Körper bedeckten. Die Windpocken hatten ihn ziemlich geschwächt. Er stolperte mehr vorwärts, als dass er rannte, und schon jetzt ging ihm die Puste aus.
Die Tür war inzwischen weit offen. Der Stern aus Schattenfleisch kroch um den Rahmen herum auf den Gang. Der Körperbalg im Zentrum der schwabbeligen Spitzen blähte sich schneller, so als zehrte er von dem hellen Licht, das den Korridor erfüllte. Er witterte den Schatten seines Opfers mit der gleichen Deutlichkeit, mit der Haie frisches Blut riechen. Das Wesen hätte Nils wahrscheinlich über hunderte von Metern wahrgenommen. Schatten waren alles, was es kannte; es selbst war aus ihnen geschaffen.
