Entscheidend is’ auf’m Wasser

Im Hausboot auf der Themse

Ein Reiher steht im Schilf der Penton Hook Marina wie ein Denkmal seiner selbst aus grauem Stein. Ein Haubentaucher schaukelt unterdessen vor ihm auf und ab und hin und her. Dann, hast du nicht gesehen, ist er weg, taucht vor der Bootswand wieder auf, kippt noch einmal nach vorne und wiederholt das Spiel, sooft wir ihn beobachten. Wir sehen ihn am Swan Hotel vor Staines, in Windsor an der großen Wiese, bei den kleinen Inseln in der Themse und an den Ufern voller Weißdorn und Kastanien. Wir sind die Hasen aus dem Märchen, unterwegs in einem Wohnmobil zu Wasser, zwölf Meter achtzig lang. Er stellt den Igel dar mitsamt der Igelfrau, in Henley, Marlow oder Maidenhead, von Chertsey bis an die Brücke von Sonning. Wohin wir kommen, schaut er uns mit kecken Augen an: Ik bün all hier! Wenn wir einen Wappenvogel brauchten: der Haubentaucher wäre ideal.

Man kann den Mont Ventoux besteigen, ohne an Petrarca zu erinnern. Das Schweizer Emmental kommt ohne Jeremias Gotthelf aus wie Dublin ohne Joyce. Am Ende könnte man sogar nach Danzig-Langfuhr reisen, ohne Oskars zu gedenken. Doch eine Reise auf der Themse ohne »Three Men in a Boat« und Jerome K. Jerome wäre eine Unbedachtheit, eine leichtfertig verspielte Chance. Denn die Themse ist seit diesem kleinen Buch von 1889 nicht bloß ein Reiseziel, sie ist der Ausdruck einer Daseinsform. »To be on the river«: Das heißt, die Seele baumeln lassen, von den Beinen nicht zu reden, die Leichtigkeit des Seins nicht zu beschwören, sondern sie vor Ort zu wiegen! Es heißt, sich Heraklit zu überlassen, den Wechsel als Garanten des Bestehens zu begreifen. Kein Zufall also, dass die Nebenflüsse, die hier münden, River Wey und River Bourne, etymologisch allesamt dasselbe meinen: Wasser eben, Fluss, so wie bereits der Name »Themse«. Jeromes Erzählung hat dieses emblematische Gewässer und seine Fährnisse neu definiert. Und die Themse dankt es ihm seither, indem sie ihn unsterblich hält, auch wenn sein übriges Gesamtwerk beim Lesepublikum vergessen ist.

Die drollige Geschichte seiner Hochzeitsreise auf der Themse sowie, vermutlich, zahlreicher ähnlicher Paddeleien, in die Unternehmung einer von sich selber überzeugten Männerwelt verwandelt, erinnert auch daran, dass »Humor« ursprünglich »Feuchtigkeit« bedeutete und eine Angelegenheit der Körpersäfte war. Hier ist die Welt ein einziger Fünf-Uhr-Tee mit Gurkensandwiches und scones mit clotted cream, und die Szenerie der Uferlandschaft mit ihren schönen falschen Tudorhäusern, palladianischen Palästen, mit weiß lackierten Wintergärten und wohlgesetzten Bäumen, erinnert an die korkbeklebten Untersetzer, auf denen überall der Tee serviert wird. So reisen wir dem Fluss entgegen – von Bild zu Bild genau wie von Brettchen zu Brettchen.

Die Flecken East and West Molesey vor den Toren Londons klingen schon nach Nether Addlethorpe und Middle Fritham, doch wir steigen erst in Chertsey zu, bei Shepperton, wo damals George die Fahrt begann mit einem Banjo als Gepäck, das die beiden anderen für eine Pfanne hielten. Ein bezeichnendes Versehen: Niemand geht an Bord mit einem Banjo! Eine Pfanne aber wäre praktisch. Doch nach der Lektüre wird man eher mit dem Unverhofften rechnen. Und wenn man auch ins Wasser fiele: Mutmaßlich müsste man lachen, weil man beim ersten Lesen schon gelacht hat. Drei Mann in einem Boot – mit Hund und ohne Dosenöffner! Und dabei war das Buch zunächst gedacht als Reiseführer. So behauptet jedenfalls Nigel Williams, der 1993 wieder ein Themsebuch schrieb und mit dem Titel voller Ehrfurcht räuberte: »2 ½ Männer im Boot«. Erst der Lektor habe nachträglich, durch bloßes Streichen des doch eigentlich Bestellten, aus der Zweckschrift »eins der witzigsten Bücher der englischen Literatur« gemacht. Williams wohnt, nebenbei, in Putney, wo seit 1845 das Ruderrennen zwischen Oxford und Cambridge ausgetragen wird. Auch er ist von der Themse infiziert.

Die Penton Hook Marina ist mit fünfhundertfünfundsiebzig Ankerplätzen die größte ihrer Art im Inneren des Landes, in dem kein Flecken mehr als hundertzwanzig Kilometer entfernt ist vom Meer, dieser ganz gewiss nicht. Unser Schiff heißt »Classique« und sieht entsprechend aus, nicht so ein Zweier-Ruderboot, in dem schon die Konflikte der Besatzung programmiert sind. Hilfreich ist die DVD des Anbieters, um Kapitän zu lernen. Doch entscheidend, wusste Adi Preißler, entscheidend is auf’m Platz. Also auf dem Wasser.

Die Einweisung ist kurz und knapp: Richard, der uns das Boot überantwortet, stammt aus Penzance. Das liegt an Cornwalls Küste, wo jeder mit dem Wasser groß geworden ist und jeder denkt, das sei auch andernorts nicht anders. Und deshalb: Well, folks, links ist links und rechts ist rechts. Das Gas nach vorne heißt: voran, nach hinten heißt es rückwärts. Ganz so wie Autofahren. Nur dass ein Boot acht Tonnen wiegt und keine Bremsen hat. Ein Auto lenkt man vorne und die Straße hält still. Unser Boot lenkt hinten, und die Wasserstraße gluckst und gluckert. Bis Teddington ist sie ein Spielball der Gezeiten, hier aber fließt sie uns entgegen, doch die Oberfläche scheint im Wind der Quelle zuzufließen. Für die Flussfahrt hat das solche Folgen, dass die Schleusenwärter im Tidenbereich andere Rettungswesten tragen müssen als hier oberhalb. Unser Haubentaucher kost sein Weibchen, dass die beiden dünnen Hälse sich zu einem Herz vereinen. Wir drehen eine Pirouette, rumpeln zweimal an die Wand der Schleuse, dann öffnet sich das Tor von Penton Hook: Die Fahrt geht los. Gedrosselte acht Stundenkilometer schnell, sechzig Kilometer themseaufwärts durch das Herz von England. Hier liegen rechts im Grünen Runnymede und Magna Charta Island. Hier siegelte 1215 König Johann Ohneland die Magna Charta, hier trafen sich zwei Jahre darauf Henry III. und Ludwig VIII. Auch seine Tochter war hier überall – wie unser Haubentaucher: »Wo man auch hinkommt, man wird das Weib nicht los«, notiert Jerome.

»Und wenn’s regnet?«, fragt in der Erzählung Harris: Wir haben ebenso gedacht. Es gibt genügend Gründe für die Annahme, dass sich die Praxis der Wettervorhersage seit 1889 sternenweit verbessert hat: Mit soliden Prognosen wie »a couple of showers«, »considerable cloudiness« und »rain and drizzle« hilft uns das Internet beim Kofferpacken. Dann aber scheint die ganze Zeit die Sonne, und Jerome kann sich die Hände reiben: Schlechtes Wetter ist schon schlimm genug, wenn es denn da ist. Uns treibt der Wind die Regenwolken fort und drückt das Hausboot an den Liegeplatz, wenn wir in die Schleuse navigieren wollen. Aber rain und drizzle bleiben aus. »It might clear up!«, die Tröstung aus dem Buch, das Prinzip Hoffnung der britischen Mentalität seit Thomas Mores »Utopia«, die Wendung, die wir in diesem Leben dutzendfach erfahren haben, bleibt in diesen Tagen ungehört.

An der Bell Weir Lock hat der Schleusenwärter Feierabend, als wir kommen. Die grünen Bedienungspodeste an Schwanz und Kopf verlangen stumm nach Studium und Initiative. Was ist sluice und was ist gate – und wie spielen sie zusammen? Wir drücken zuversichtlich alle Knöpfe nacheinander, dann in Mustern. Das Wasser wartet weiter, ungerührt. Da kommt der lock keeper zurück, zivil, will heißen, ohne seine rote Rettungsweste, und verteilt erst einmal Faltblätter über »Locks and Weirs in the River Thames«. Dann drückt er auf dieselben Knöpfe, und nun schiebt sich die schwarze Mechanik der Auslaufschütze in die Höhe, stückweise, mit zwei Minuten Pause, wie uns Richard angekündigt hatte. In der Tiefe wühlt das Wasser, das Untertor öffnet sich, und wir gleiten in die Kammer. Wir schlagen die Seile um die Poller, dann wird das Einlaufschütz geöffnet, Wasser schießt von allen Seiten um das Boot, wir halten die Seile straff und geben wieder nach, das Stemmtor öffnet sich, wir fahren weiter. »Thank you, folks«, ruft er, »well done!« Höflich bis zur Selbstverleugnung.

Bei Old Windsor Lock entdecken wir die Hochwassermarkierungen des 19. Jahrhunderts. Dann sehen wir zum ersten Mal den runden Turm von Windsor Castle mit dem Royal Standard obenauf: Sie ist daheim. Fast bilden wir uns ein, die Königin schaue uns womöglich zu. Zumindest teilen wir uns mit ihr für diesen Tag und für den halben morgigen eine der meistgenutzten Flugschneisen der Welt. Im Minutentakt donnern die Jets der Abendsonne zu, ehe sie nach rechts und links abkippen und sich auf ihre fernen Zielen richten. Zur Linken wechselt das Gelände: Platanen stehen abgezählt vor grünen Weiden, auf den Weiden die glücklichen Ochsen der Queen, überm Wasser regelmäßig Schilder: »Crown Estate. No landing or mooring.« So geht es schnurgeradeaus. Wir fühlen uns wie Douglas Fairbanks junior in Eastman Color: Die rechte Hand am Ruder, mit der Linken winken wir dem Polizisten unter den Platanen, der irgendeinen Hintereingang der Royal Horse Show zu bewachen hat. Und dann noch die Regatta. Im Gegenlicht. Geschrei vom Ufer, Kommandos von allen Seiten. Die Jungs von Eton, und tatsächlich alle im gestreiften Blazer. Von wegen, Mister Williams, »niemand trägt mehr Blazer beim Rudern«! Und einer sieht tatsächlich aus wie Harry, ungelogen, Henry Charles Albert David Mountbatten-Windsor, Prinz Harry von Wales. Aber der ist doch inzwischen älter und derzeit bei der Royal Air Force.

In Datchet bringen wir die Nacht zu, schlafen fest wie Steine, auch wenn die Handpumpe, mit der wir Themsewasser in die Toilette pumpen und von der Toilette in den Tank, bei jedem Zug zum Steinerweichen kreischt. Mit hundertfünfzig herausgeputzten Teenagern, schätzungsweise einem Viertel der Bevölkerung, die ausgerechnet hier ihr Abitur zu feiern haben, gestatten wir uns einen nightcap im nahen Hotel. Den Laden für die Mütter haben wir schon unterwegs gesehen: Margaret Partingtons Hutverleih, bekannt in der Welt, doch zu Hause in Datchet. Am Morgen dann erwachen wir neben »Lady Sophia« im schlecht gemachten Bett aus weißem Bio-Schaum, tänzelndem Abfall und den ungezählten gelben Blättern einer Weide.

»Dead Slow« steht an der alten Windsor Bridge von 1824. Das passt: Die gusseisernen Bögen rissen uns, buchstäblich um ein Haar, den Scheitel ab, wenn wir denn einen hätten. Auch die Brücke hat schon Schläge abbekommen. 1969 fand man Risse, am 10. April 1970, um vier Uhr nachmittags, fuhr das letzte Auto hinüber. Seither geht man von Windsor nach Eton zu Fuß – oder nimmt die Autobahn. In den Alexandra Gardens nah dem Ufer dreht sich ein Riesenrad mit Namen »Royal Windsor Wheel«. Vier weiße Schwäne halten themseabwärts auf uns zu, im Tiefflug, flügelklatschend, um gleich hinter uns mit nackten Latschen bei den anderen zu landen. Die Schwäne nah dem Windsor-Ufer wirken zahllos und werden dennoch jedes Jahr im Juli gezählt, gewogen und geprüft, als Eigentum der Queen. Das sind sie seit Jahrhunderten, als man noch Schwäne aß. Seit 1186 ist das sogenannte »Swan Upping« schriftlich belegt, tatsächlich ist es wohl weit älter; und in eleganten hölzernen Booten und mit alten, bunten Uniformen ist es jedes Jahr ein gesellschaftliches Ereignis auf der Themse. Den Schwänen sind die alten Sitten piepegal, »hold«, wie Hölderlin sie nannte, sind sie bei Weitem nicht. Zwar tunken sie das Haupt ins Wasser, »heilignüchtern« oder nicht, doch nur auf der Suche nach Fressen. Sie betteln lautlos, aber sichtlich jeden an, der stehen bleibt, und verspielen ohne Hemmung jenes würdevolle Bild, das man sich von ihnen macht. Und heimlich himmeln sie Columbus an, der Amerika entdeckt hat und den Truthahn, der ausgewachsen besser schmeckt als sie, vor allem nicht so tranig.

Pünktlich um elf sind wir oben am Schloss. Am Denkmal für Victoria sind alle Bürgersteige schon besetzt, eine junge Polizistin in gelber Weste sorgt mit Stimmaufwand dafür, dass alles an der Bordsteinkante bleibt, dieweil die eigentlichen Sicherheitskräfte in gemischten Pullovern die Menge unauffällig inspizieren und Sprengstoffhunde vor der ersten Reihe patrouillieren. Dann die Musik und rote goldbetresste Uniformen an aufgetürmtem Bärenfell: Englands Größe kommt im Gleichschritt die Straße herauf, um die Ecke herum, und verschwindet durch das Tor zur Wachablösung, wo wieder zahllose Besucher stehen, um das Platzkonzert zu knipsen.

Unten ist der Fluss nun schon belebt. Es ist Sonnabend, die Jungs von Eton rudern zum Training der Themse entgegen, Familien in narrowboats, den langen, schmalen Transportern der Kanalschifffahrt, fahren ins Wochenende, ein altes Ehepaar mit eigenem Salat und allen Gewürzen des Gartens in Töpfen an Deck, gleitet gelassen vorüber. An den wenigen Schleusen des Nachmittags sitzen Ausflügler und schauen uns beim Manövrieren zu. Kleine Kinder winken, die Schleusenwärter haben alle Hände voll zu tun. Hier hat sich seit Jerome wohl nur wenig geändert. Das Tal der Themse ist eine Domäne der Männer. Die vierzehn Schleusenwärter, denen wir in diesen Tagen vor die Hütte kommen, sind allesamt Männer, freundlich, gut gelaunt, von solchem Sachverstand, dass sie das Schleusen wohl auch mit verbundenen Augen erledigen könnten. Einer hat tatsächlich eine schwarze Klappe vor dem linken Auge und schaut mit weißem Bart zum weißen Hemd und rotem Rettungskragen freundlich drein. Sie alle kennen ihr Revier. Der Wärter an der Bray-Schleuse runzelt die Stirn, als wir auf seine Frage nach dem Liegeplatz für heute »Maidenhead« entgegnen: »Aber man kann da immerhin gut essen.«

Wir essen gut in Maidenhead. Das Städtchen mit den Jungfrauen im Namen kehrt dem Fluss aus Gründen, die nicht klar erkennbar sind, den Rücken zu: nur Werften und Reparaturbetriebe, zwei Gasthäuser, die beide nach der Themse heißen. Der eigentliche Ort liegt eine öde Meile abseits und bietet auch nicht viel. Die Zeiten Jeromes, da es in den zahlreichen Hotels von »Lebemännern und Balletteusen« wimmelte, sind offenbar vorbei. Dabei hat die Backsteinbrücke von Brunel aus dem Jahre 1839 einen Weltrekord zu bieten: Mit jeweils neununddreißig Metern haben ihre beiden Backsteinbögen für die Great Western Railway die größte Spannweite der Welt. Der Vorstand der Gesellschaft wollte bei der Jungfernfahrt nicht glauben, dass die Ziegelsteingewölbe halten könnten und verlangte, dass die Montagekonstruktion aus Holz stehen bleibe. Der Baumeister sagte das zu, und zumindest sahen die Stützen auch weiter so aus. In Wirklichkeit indessen hatte er sie abgesenkt, sodass sie nichts mehr trugen. Dann riss die Flut die Hölzer weg – die Brücke widerstand und blieb. Bis heute. Turner hat sie so gemalt. Es hat dem Örtchen nichts geholfen.

Am Morgen tanzt gleißendes Licht auf den hellen Vorhängen. Eine Bachstelze schaut durchs Fenster herein. Draußen, am Ufergeländer, gibt sich eine Joggerin ganz selbstvergessen ihrer Dehnung hin. Mit Spannern von der Wasserseite hat sie nicht gerechnet. Vereinzelt gleiten Ruderer vorüber. Wer Deo benutzt, schlägt mit dem müßigen Arm von unten an das Sonnendeck. Das Frühstück besteht aus perfekten Spiegeleiern und halb verkohltem Speck. Der Gasbackofen erinnert uns daran, dass bei der Seefahrt Feuer nach wie vor die größere Gefahr darstellt als Wasser. Nach der Boulters-Schleuse passieren wir das herrschaftliche Cliveden-House. Seit George I. hat es alle britischen Könige beherbergt, bis es William Waldorf Astor erwarb und zum Gesellschaftstreffpunkt machte. Auch das falsche Tudorcottage nah am Fluss gehört dazu. Dort drüben, zwischen riesigen Buchen und Walnussbäumen, hat einmal Christine Keeler mit ihrem promovierten Zuhälter gewohnt, als sie »immoral earnings« bezog aus der zeitgleichen Verbindung mit dem britischen Heeresminister und dem Marineattaché der sowjetischen Botschaft, once upon a time, nämlich 1961.

In Marlow, liest man, habe Mary Shelley ihren »Frankenstein« beendet. Wir bewundern die Lage des Städtchens am Fluss, die weißen Häuser, die herrliche Hängebrücke von 1832, die einzige am Fluss, ehe er von den Gezeiten heimgesucht wird. Sie geriet ihrem Erbauer, William Tierney Clark, so überzeugend, dass er sie ein paar Jahre darauf noch einmal bauen durfte, nun zwischen Buda und Pest. Hier, an der alten Brücke, sitzen wir zur Mittagszeit im Compleat Angler. Das herrliche Hotel ein wenig oberhalb des breiten Wehrs, benannt nach Izaac Waltons Bibel für den Angler von 1653, war das erste öffentliche Restaurant, in dem die Queen gespeist hat, 1999. Wir sitzen auf dem Rasen, trinken Pimm’s mit Erdbeeren und Gurkenstückchen. Beim Mittagessen schaukelt unser Hausboot vor dem Fenster. Und wir verachten den Ferrarifahrer, der sein phallisches Gefährt mit Röhren vor der Rezeption zum Halten bringt. Wir hätten ein Signalhorn für den Zweck. Aber wir sagen nur »Cheers!«.

Temple Lock, Hurley Lock, Hambledon Lock, Sonntagnachmittag am Fluss. Wanderer an beiden Ufern, hie und da wird ein Grill aufgebaut. Wir gleiten durch die schönste Wasserlandschaft, reihen uns geduldig in die Schleusenschlange ein und prosten dann und wann den talwärts Fahrenden in ihren Booten zu. Jeder sitzt für sich in seinem Boot, und doch sitzen alle im selben. Das ist es: To be on the river! Der Wind spielt in den Weiden. Und nach jeder Biegung steht ein neues Krötinhall am Fluss. Nach einer engen Biegung Temple Island mit einem Folly auf der Spitze. Die Fishing Lodge von 1771 trägt auf ihrem Dach ein Krönchen in Gestalt einer Rotunde. Unser Haubentaucher sieht mit seinem Krönchen eleganter aus. Seit 1839 findet in Henley-on-Thames die Regatta statt, seit 1851 als »Royal Regatta«, und bei Temple Island liegt der Start. Der Rest der Ufer ist Tribüne, zweitausendeinhundertzwölf Meter bis zum Ziel. Die Häuser sind schon so gebaut, als gäbe es in Henley nur auf dem Wasser was zu sehen, aber weil das noch lange nicht reicht, werden vor dem Ort Gerüste aufgestellt. Im Juli ist Henley die Hauptstadt des gesellschaftlichen England, wie vorher Aintree, Wimbledon, Goodwood und Ascot.

Am nächsten Morgen kreist ein Roter Milan über dem Fluss. Dicht unter ihm zwei Kanadagänse, die ihre frische Brut zu neuen Futterplätzen manövrieren. Der Wind drückt die Themse zum Schein in das Land, sodass die Gänseküken im geschlossenen Verband flussabwärts umso geschickter wirken. Der Schatten der Gabelweihe kreuzt mehrmals dieses Bild von einem Frühstück auf dem glitzernden Tablett, doch der Räuber stößt nicht zu und dreht zur Uferwiese ab. In Henley grüßt uns Vater Themse in der Brücke; die Stadt zeigt ihren alten Reichtum weit den Fluss hinauf mit der Kirche von St. Mary, um das Jahr 1400 erneuert im perpendicular style der späten Gotik und hohen, kräftigen Fialtürmen an allen vier Ecken des mächtigen Turmes. Zwei Inseln und zwei Schleusen weiter ist von Henley nichts mehr zu entdecken. In Sonning legen wir am Great House vor der engen Backsteinbrücke an, schlagen einen Häring in die Wiese und binden das Heck an den Stamm einer Erle. Bye-bye, great crested grebe! Der Bus, so ist es abgemacht, bringt uns zurück nach Heathrow. Doch wenn wir könnten, wie wir wollen, nähmen wir das Boot. Oder, um es noch mit Nigel Williams zu sagen: »Gegen glückliche Menschen ist kein Kraut gewachsen.«