24. Kapitel

Nachricht an: Hapanisches Flottenkommando

Ursprungsstation: Terephon

Das unregistrierte und unidentifizierte Raumschiff, das Jedi-Meister Skywalker uns gemeldet hat, wurde ohne Genehmigung aus Tu'ana-Stadt entwendet. Bitte teilen Sie Meister Skywalker mit, dass wir diesen Diebesakt bedauern, da das Raumschiff unter unsere Zuständigkeit fiel, und alles tun werden, den daraus entstandenen Schaden wiedergutzumachen.

MANDALMOTORS-LANDESTREIFEN, KELDABE, MANDALORE

Boba Fett krümmte die Finger, damit sich seine Handschuhe darum schmiegten, und schaute zur offenen Cockpittür des Bes'uliik empor. Hinter seinem Visier erlaubte er sich ein äußerst persönliches breites Grinsen.

Beviin applaudierte lachend. »Mando-Jungs auf Tour! Komm schon, Bob'ika, nimm diesen Raketenrucksack ab, ehe du einsteigst. oder du wirst da oben einen unangenehmen, unfreiwilligen Ausstieg erleben ...«

Die Stimmung war ausgelassen. Soweit er sich erinnern konnte, hatte Fett seit dem Vongese-Krieg keine mandalorianische Streitmacht mehr angeführt. Es hatte vielleicht noch andere Kriege gegeben, aber das war der große gewesen, der, der wirklich zählte.

Es gab »Oya manda!«-Hochrufe, als die Prototypen des Bes'ulik-Raumjägers aus dem Hangar gerollt wurden. Die Leute machten Holoaufnahmen und deuteten auf die Feinheiten des Flugwerks, während sie die ihren Kindern erklärten. Die Stimmung um Fett herum fühlte sich wie eine berauschende Mischung aus Nostalgie und Optimismus für die Zukunft an, was vermutlich unangemessen war, bedachte man, dass sie vorhatten, in das Hoheitsgebiet von Murkhana vorzustoßen - natürlich bloß vorübergehend - und einige der murkhananischen Fabrikkomplexe bis in den Huttenraum zu bomben.

Man nahm erheblich viel Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Er hatte den Fabrikarbeitern und den Anwohnern in der wahrscheinlichen Explosionszone lange vorher eine Warnung zukommen lassen, damit sie das Gebiet evakuieren konnten. Es war nicht so, als würde sich das Mando-Geschwader anschleichen und ihnen ohne jede Vorankündigung eine Abreibung verpassen. Schließlich waren Mando'ade keine Wilden. Nun, zumindest nicht in letzter Zeit ... und sonst nur gegen Vongese, wenn sie aufweiche stießen.

Abgesehen davon wollte Fett anständige HNE-Aufnahmen des neuen Raumjägers in Aktion. Die waren in ihrer abschreckenden Wirkung genauso viel wert wie eine gepanzerte Division. Es gab nichts Schlampigeres, als eine Schlacht zu Ende zu bringen, bevor die Medien die Chance hatten, in Position zu gehen und sie aufzuzeichnen.

Dad hätte das hier gefallen.

Fett würde der letzte Pilot sein, der an Bord ging, und so sah er zu, wie die anderen Piloten in ihre Cockpits stiegen. Beviin hatte sich auf diese Sache gefreut wie ein Kind auf seinen Geburtstag. Medrit hob ihre Enkelkinder hoch, Shalk und Briila, sodass die Kinder ihre mit Farbe bemalten Hände gegen den Rumpf klatschen konnten, um dort ihre Abdrücke zu hinterlassen. Die Außenhaut war in dezentem Hellgrau gehalten, auch wenn Shalk darauf beharrte, dass ein guter verdyc-blutroter Farbton viel, viel besser gewesen wäre.

»Babuir!«, rief Mirta. »Hey, warte mal! Pure sol!«

Fett drehte sich um. Mirta lief über das Feld, ein Datenpad in der Hand, und Orade rannte neben ihr her. Entweder dachte sie. ihr Babuir wäre mittlerweile so senil, dass es ihm nicht gelang, lebend von einem einfachen Bombenangriff im kampfstärksten Raumjäger auf dem Markt zurückzukehren, oder sie wollte etwas Sentimentales tun. Er wappnete sich dafür, damit er bloß nicht verlegen wurde.

Doch sie sah nicht aus, als würde ein sentimentaler Augenblick bevorstehen. Sie wirkte - aufgelöst.

Instinktiv sah sich Fett in der Menge um, um sicherzugehen, dass alle, deren Überleben für ihn wichtig war, immer noch da und in einem Stück waren. Mirta brachte eindeutig schlechte Neuigkeiten, die nicht warten konnten.

Na ja, so was kommt vor.

»Babuir«, keuchte sie. »Ich will, dass du dich darüber jetzt nicht aufregst. Ich weiß nicht recht, wie ich dir das sagen soll.« Sie schwang ihr Datenpad, als wollte sie zeigen, dass sie Beweise hatte und dass sie es ernst meinte. »Es ist ... Ich weiß nicht...«

»Spuck's aus.«

»Du weißt doch, dass ich angefangen habe, mich mit diesem Phaeda-Zeug zu beschäftigen?«

»Ja.«

»Ich habe alles verfügbare Archivmaterial nach Namen wie Resada und Rezoda durchforstet.«

Fett wurde klar, dass er ihr die Sache Stück für Stück aus der Nase ziehen musste. »Ja.«

»Rezodar, ein Gangster. Ein toter Gangster, um genau zu sein. Starb vor ungefähr 38 Jahren. Das ist der Name, der in dem Feuerherz gespeichert ist.«

Fett fiel auf, dass Orade Mirta ansah, als würde er sich ausnahmsweise einmal mehr Sorgen um sie als um Fetts Zorn machen. »Ich nehme an. das Ganze läuft auf eine wichtige Pointe hinaus.«

»Tut es. Ich habe herausgefunden, dass er ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hat. Auf Phaeda fällt es unter die Bestimmung, dass es niemandem gehört, wenn kein Testament vorliegt und auch niemand Anspruch darauf erhebt. Der Staat kann es nicht für sich beanspruchen, also lagern sie es ein. Der vom Staat beauftragte Anwalt ist echt sauer, dass er das Zeug immer noch aufbewahren muss, und er sagt, wenn wir einen Besitzanspruch darauf geltend machen, würden wir ihn zu einem glücklichen Mann machen. Das wird allerdings einige Zeit dauern.«

Fett fragte sich, ob diese Hinterlassenschaften eines längst toten Drecksacks es wert waren, ihn hier und jetzt damit zu behelligen. Doch Mirta war kein melodramatisches Mädchen. Das hier musste etwas mit Sintas' Tod zu tun haben, das ihn sehr, sehr interessieren würde.

»Mirta«, sagte er nachdrücklich; er benutzte ihren Namen nur selten. »Rück endlich mit dem raus, was du mir sagen willst.«

Sie reichte ihm das Datenpad. Der Bildschirm zeigte Aufnahmen von Rezodars Hinterlassenschaft, alles säuberlich nummeriert von der Erbschaftsrechtsabteilung. Fett schaltete mit dem Daumen durch die Aufnahmen.

»Schau dir die Karbonitplatte an, Ba buir.«

Fett gefiel nicht, wie sich das anhörte.

Als er zu dem Bild kam, konnte er das Ding nicht richtig er kennen, deshalb vergrößerte er die Aufnahme.

O fierfek...

Er wollte es laut rufen, doch es kam kein Laut über seine Lippen. Seine Beine drohten, unter ihm nachzugeben. Er gab ihr das Datenpad wieder zurück und nahm einen tiefen Atemzug, in dem Versuch, das Zucken in seinen Eingeweiden unter Kontrolle zu bringen.

»Was brauchst du von mir, damit man es dir aushändigt?.. Fett war sich sicher, dass seine Stimme bebte. »Credits? Eine Unterschrift?«

»Ist das alles?«, wollte Mirta wissen.

»Sag's mir einfach.« Das kann nicht wahr sein. Das kann einfach nicht sein.

»Ich schaffe das schon allein.« Sie wirkte verletzt, was bei einem Mädchen mit einer derart ausdruckslosen Miene nicht einfach war. »Tausend Credit s.«

»Ich bezahle das.« Fett konnte kaum glauben, dass die Worte tatsächlich aus seinem Mund kamen, alles mit der gelassen klingenden Stimme eines Fremden. »Immerhin war sie ... ist sie meine Ex-Frau.«

Sintas lebte.

Sintas Vel. seine erste und einzige Frau, lebte - vorausgesetzt, dass beim Karbonisierungsprozess nichts schiefgelaufen war.

Sie würde einiges aufholen müssen in Bezug auf die Galaxis - und ihre zerrüttete Familie.

Ailyn, was soll ich dazu sagen?

»In Ordnung.« Mirta hatte sich wieder gefangen und musterte ihn. »Spiel vor deinen burc'yase ruhig den harten Mann, aber mittlerweile kenne ich dich.«

Fett hatte vorgehabt, vor dem Einsatz noch den Waschraum aufzusuchen. Dies war ein sehr guter Zeitpunkt dafür. »Ich wette, dass du das tust.«

Er marschierte davon, derselbe wie immer, weil es das war, was jedermann von ihm erwartete, dann schloss er die Türen des Waschraums und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Er rutschte ganz daran hinunter und kauerte dort, den Kopf in den Händen und zitternd.

Sintas lebte.

Er wartete einige Minuten, dann kam er auf die Füße und ging wieder hinaus auf den Landest reifen, um sich zu seinem Bes'uliik zu begeben, als wäre nichts geschehen.

TAGESKABINE DES CAPTAINS,
STERNENZERSTÖRER ANAKIN SOLO

Jetzt verstehe ich es.

Ich weiß, was ich am meisten liebe and was getötet werden musste.

Jacen hatte stundenlang auf seiner Koje gelegen und versucht, das letzte Teil in das Puzzle einzufügen, das ihn so quälte. Es war die Prophezeiung. Sie passte einfach nicht zu alldem.

Er wird seine Liebe unsterblich machen.

Erst, als Jacen darüber nachgrübelte, ob er das Ganze vielleicht gar nicht auf sich selbst beziehen durfte, sah er die Prophezeiungen in ihrer ganzen komplexen, facettenreichen Vielschichtigkeit. Sie hatte nicht bloß eine Bedeutung - sie hatte viele.

Und das ist der Grund, warum ich jetzt der Lord der Sith bin.

Es hatte keine Feuerwerke gegeben und keine kataklysmische Verschiebung in der Macht, und dennoch blickte Jacen von dort.

wo er sich jetzt befand, zurück auf eine Landschaft, die sich vollkommen gewandelt hatte. Sie hatte sich Schritt für Schritt verändert, Tat um Tat, Tod um Tod, ein Wechsel, der so allmählich und schrittweise vonstatten gegangen war, dass er ihn kaum wahrgenommen hatte bis ...

Bis jetzt.

Er war nicht mehr derselbe Jacen Solo, der schockiert gewesen war, als Lumiya ihm sagte, dass er dazu bestimmt war, ein Sith-Lord zu sein.

Wenn er weit genug zurückblickte, sah Jacen die Anfänge dafür in Vergeres sonderbar besorgten Aviaraugen, als er körperliche Qualen erlitten hatte, die ihn für immer veränderten, ihm gezeigt hatten, dass es nichts gab, was er nicht ertragen konnte, und dass er noch darüber hinausgehen konnte, wenn er dazu gewillt war.

Und er hatte keine Person umgebracht, die er liebte, sondern etwas Kostbares, mit dessen Fehlen er nur schwer zurechtkommen würde. Es sengte bereits ein Loch in ihn. Es hatte ihm etwas bedeutet. Und trotzdem war es noch immer, als wäre es am Leben, doch das war reine Illusion.

Was er geliebt und getötet hatte, war Bens Bewunderung und seine Zuneigung zu ihm gewesen. Jacen hatte diese Vergötterung zu lieben gelernt - und er hatte es geliebt, Luke die Rolle des bewunderten Vaters und Mentors abzunehmen.

Er wird seine Liebe unsterblich machen ... wobei unsterblich »tot« bedeutet.

Und Ben ... Er kannte Ben gut genug, um zu wissen, dass er nicht eher ruhen würde, bis der Mörder seiner geliebten Mutter zur Rechenschaft gezogen worden war. Für alle Ewigkeit würde sie für Ben ein Symbol für die perfekte Verschmelzung von Schönheit und Tapferkeit sein.

Bens Liebe ist jetzt unsterblich. Sie wird so lange währen, wie er lebt. Und so lange wie der Hass, den er gegen mich empfinden wird, wenn er erführt, was ich getan habe. Auch das wird ewig währen.

Jacen erhob sich und betrachtete sich wieder im Spiegel an der Schottwand. Er musterte sich selbst und suchte nach Veränderungen, nach Anzeichen dafür, dass sich sein Sith-Status in seinem Fleisch offenbarte. Er sah aus wie immer.

Dafür sah er immer wieder Bens Gesicht vor sich, als er durch den Tunnel zu ihm gegangen war und ihn vorfand, wie er über seine tote Mutter wachte. Seine Augen ... Ben wusste, dass da etwas war, was sich enthüllen und ihn zerreißen würde.

Es war Mara, die dafür gesorgt hat. Ben fingt sich, warum sie nicht eins mit der Macht wurde. Früher oder später wird er es herausfinden. Du hast deinen Beitrag zur Erfüllung meines Schicksals geleistet, Mara.

Und wenn Ben schließlich dahinterkam, dass es Jacen gewesen war, der sie umgebracht hatte, würde Ben ihn mehr hassen, als sich Jacen auch nur vorstellen konnte. Er hatte Bens Liebe zu ihm ein langsam wirkendes Gift injiziert, das so sicher wirkte wie jenes, mit dem er Bens Mutter vergiftet hatte, und einen schrecklichen und wundervollen Hass gesät. Ein Sith brauchte diese überwältigende Quelle des Abscheus. um Größe zu erlangen. Womöglich würde Ben am Ende größer werden, als sein Jedi-Vater je sein konnte.

Unterdessen ging Jacens Krieg weiter, inzwischen sowohl auf der breiteren politischen Bühne als auch in der GGA.

Er hob den schwarzen GGA-Helm auf, den er selten trug, drehte ihn zwischen seinen Fingern und fühlte eine seltsame Übelkeit in seinen Eingeweiden, als er ihn aufsetzte. Es war ein Stück Standard-GGA-Truppler-Ausrüstung, der Kieferbereich mit einem gassicheren Dispersionsfilter versehen, das Visier ein einzelner flacher V-Streifen aus gehärtetem Duraplast, lediglich ein grundlegendes Werkzeug des Jobs. Er unterschied sich nicht besonders von den funktionellen Helmen, die Soldaten seit Jahrzehnten trugen.

Aber ich brauche ihn nicht, oder?

Er stand vor der polierten Durastahlschottwand. Die schwarze Silhouette vor ihm war verwischt und unscharf, bloß eine impressionistische Andeutung dessen, was er war. Er konnte kaum hingucken. Er war all das, was seine Gegner von ihm behaupteten. Er war beschämt: Ja, seine Scham überschattete jede Schuld.

Er hatte wieder und wieder getötet, und er hatte Mara Jade Skywalker umgebracht, die sowohl seine Freundin gewesen war, als auch zur Familie gehört hatte. Freunde ... Jetzt hatte er keine mehr, abgesehen von Tenel Ka und Allana, die ihn hassen würden, wenn die Wahrheit ans Licht kam.

In den Augen der gewöhnlichen Leute bin ich so tief gesunken, wie es nur geht.

Doch jetzt ist die einzige Richtung, in die es geht... nach oben.

Jacen dachte an eine kurze Unterhaltung mit einem der GGA-Truppler, einem ehemaligen Polizeibeamten von den Coruscant-Sicherheitskräften. Die meisten Morde, hatte der Beamte gesagt, wurden von Familienangehörigen und nahen Freunden verübt. Die wahllose Ermordung von Fremden kam relativ selten vor, selbst in den schäbigsten Vierteln der gewalttätigen, gesetzlosen unteren Ebenen.

Also bin ich gar nicht so ungewöhnlich.

Jacen nahm einen Atemzug und trat zwei große Schritte zur Seite. Daraufhin blickte er wieder in den Spiegel, der in die Schottwand seiner Tageskabine eingelassen war; kristallklar, scharf, erbarmungslos. Er sah sich einem Anblick von allumfassendem Schwarz gegenüber. Er wusste, was die Leute hinter seinem Rücken sagten: dass er versuchte, Vader nachzuahmen.

Und wenn schon? Ich bin stolz auf meinen Großvater, wenn auch nicht blind gegenüber den Schwächen, die ihn zu Fall gebracht haben.

Doch das war verletzter Stolz, der da sprach. Darüber muss ich jetzt erhaben sein. Er musste erhaben sein über die Furcht vor kleingeistigem Unverständnis und sogar über den Hass, der Ben Skywalker zu einem starken, ebenbürtigen und Angst einflößenden Erben auf den Titel des Dunklen Lords machen würde.

Doch das lag noch Jahre in der Zukunft. Jetzt war für den Mann, der einst Jacen Solo gewesen war, die Zeit gekommen, diese Verantwortung zum Wohle der Galaxis auf seine Schultern zu laden.

Jacen nahm den Helm ab, blickte in seine eigenen Augen und schreckte nicht zurück.

»Caedus«, sagte er. »Mein Name ist Darth Caedus.«