4. Kapitel
An: Leiter der Verteidigungslogistik
Von: Oberbefehlshaberin, Verteidigungsstreitkräfte der Galaktischen Allianz
CC: Staatschef, Büro der Garde der Galaktischen Allianz, Leiter des Verteidigungswesens
Betreff: Flottenversorgung und Beschaffungsanliegen
Der Mangel an Vorräten auf dem Schlachtfeld und der Umstand, dass die Ausrüstung nicht den Standardnormen entspricht, ist untragbar. Sie sind angewiesen, Colonel Solo, Oberbefehlshaber der GGA, jegliche Kooperation zu gewähren, um diesen Zustand so schnell als möglich zu beheben. Dies hat für Sie höchste Priorität, und Colonel Solo ist bevollmächtigt, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um dieses Ziel zu erreichen.
-Admiralin Cha Niathal, Oberbefehlshaberin GAVA
VERTEIDIGUNGSBESCHAFFUNGS- UND -VERSORGUNGSAMT, CORUSCANT
»Bist du sicher?«
Jacen hatte keinen Grund, an einem Rechtsanalysedroiden zu zweifeln. Metallanwälte waren sogar noch akribischer als die aus Fleisch und Blut. HM-3 klapperte neben ihm her, als sie den scheinbar grenzenlosen Korridor zu den Büros des Leiters des Beschaffungsamts entlangschlenderten, und erklärte ihm unterwegs die eilig zusammengetragenen Daten. Für Jacen war es wichtig, den Feind zu verstehen, und das bedeutete auch, sich durch das langweilige Kleingedruckte zu ackern. Er war ganz versessen darauf, dieser planetengroßen Blase der Bürokratie mit seinem Lichtschwert zuzusetzen.
»Ja, Sir, das ist Routine.« HM-3 erinnerte ihn ein bisschen an C-3PO - von menschlicher Gestalt, mit einer absolut pedantischen Persönlichkeit -, doch er war in nüchternem Dunkelgrau gehalten und von einer beruhigenden Aura solider, professioneller Autorität umgeben. »Ein Stück Gesetzgebung, bei dem eine Reform längst überfällig ist. Möchten Sie die vollständige Erörterung hören oder eine vereinfachte Laienversion?«
»Betrachte mich als den größtmöglichen Laien.«
»Nach aktuellem Stand der Gesetzgebung ist die Zustimmung des Verteidigungsausschusses vonnöten, um die Bestimmungen der Ausrüstungsbeschaffung zu ändern. Das soll Staatsdiener daran hindern, die Vorschriften zu umgehen, um ihre eigenen Taschen zu füllen. Oder um zu verhindern, dass irgendjemand ohne das Wissen des Senats eine ganze Armee und die dazugehörige Flotte für seine Zwecke einspannt, was, wie ich glaube, vor gar nicht allzu langer Zeit tatsächlich geschehen ist... Sie sollten sich vielleicht mit den letzten Jahren der Republik beschäftigen, Sir.«
Jacen grübelte darüber nach und versuchte, das Ganze auf das Wesentliche zu reduzieren. »Also müssen irgendwelche Senatoren den Papierkram absegnen, der nötig ist, um etwas für die Flotte zu kaufen, und bestimmen auch, welchen Geschmack die Trocken-rationen für die Soldaten im Feld haben. Eine monumentale Zeit-und Geldverschwendung, wenn du mich fragst.«
»Ich gebe zu, dass dieses Prozedere hochrangige Entscheidungsträger für jede niedrigrangige Entscheidung nötig macht, Sir. Aber so ist das Gesetz. Jedes Mal, wenn man bezüglich der Versorgung irgendetwas ändern möchte oder in irgendeiner anderen geringfügigen Verwaltungsangelegenheit, muss jemand wie Staatschef Omas oder Admiralin Niathal oder ein anderer vergleichbar hoher Offizier die Genehmigung dafür erteilen. Bei den anderen Abteilungen ist es genauso - Gesundheit, Bildung, bei allen davon.«
HM-3 machte ganz den Eindruck, als müsste er sich rechtfertigen. Jacen hatte nur wenig Geduld mit Leuten, die Gefallen an unveränderlichen Regeln und Ritualen fanden: Er wollte, dass die Dinge getan wurden.
»Ich will nicht jede einzelne Beschwerde über Hydrospanner und Treibstoffinduktionsspulen durch irgendwelche Komitees schleusen.« Wann bin ich eigentlich zum Beschaffungssachbearbeiter geworden? Will Niathal mich aufs Abstellgleis manövrieren? Macht nichts. Ich lerne schnell. »Gibt es eine Möglichkeit, das zu umgehen?«
»Tatsächlich ist dem so.«
»Schieß los.«
»Es geht einfach bloß darum, adäquaten Offizieren bei der GA - im landläufigsten Sinne - die Macht zu verleihen, die Bestimmungen zu ändern. Die Notwendigkeit aus der Welt zu schaffen, dass jede Kleinigkeit über die Senatoren abgewickelt werden muss.«
»Und wie stellen wir das an?«
»Indem wir die Erfordernis der Genehmigung durch die Mitglieder des Verteidigungsausschusses aufheben. Soll ich den Entwurf für eine Gesetzesänderung formulieren, Sir?«
»Wie funktioniert das?«
»Ich formuliere ein Gesuch, das bestehende Gesetz zu ändern, um die Regulierungshürden zu verringern, sodass die Befehlsgewalt sachkundigen Personen wie etwa ranghohen Militäroffizieren und Staatsministern übertragen wird, ohne dass die Angelegenheit irgendwelchen Komitees, Gremien oder sogar dem kompletten Senat vorgelegt werden muss.« HM-3 erschauerte; ein sehr menschlicher Wesenszug. »Man gibt ihnen etwas, worüber sie debattieren können, und je trivialer es ist, desto mehr Stunden werden sie darauf verwenden, weil sie die kleinen Konzepte besser erfassen können, verstehen Sie?«
»Ja, aber was passiert mit der Gesetzesänderung? Und wie lange wird das dauern?«
»Wenn ich die Änderung heute unterbreite, dann ist das Prozedere vor der Verfahrens-und Betriebsmittelsitzung in zwei Tagen abgeschlossen, und als adäquate Persönlichkeit, die bereits die Einwilligung des Staatschefs hat, können Sie am nächsten Tag damit beginnen, zu ändern, was Ihnen nötig erscheint.«
Jacen verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und dachte darüber nach. Damit schufen sie ein neues Gesetz, das es ihm erlaubte, Gesetze zu ändern.
Bizarr.
»Ich frage mich, wie viel das Verteidigungsministerium für Auslegeware ausgibt«, sagte HM-3 verdrießlich, während er den Boden in Augenschein nahm. Droiden zogen glatte Oberflächen vor. »Das ist auch ein Bereich, in dem sie wirtschaftlicher verfahren könnten.«
Während er ging, rechnete Jacen nach, wie viele einfache Entscheidungen durch derartige Genehmigungsverfahren behindert wurden, doch er hatte das Gefühl, dass jemand seine Aufmerksamkeit zu erregen versuchte. Das Ganze fand allein in seinem Kopf statt; er fragte sich, ob es wieder diese Stimme war, und dann wurde ihm bewusst, dass es sein gesunder Menschenverstand war, der danach schrie, angehört zu werden.
Du änderst Gesetze darüber, wie und wann man Gesetze ändern darf. Denk mal darüber nach.
Jacen hatte bloß eine vage Ahnung davon, wozu ihm dies einmal nützlich sein konnte, abgesehen davon, an ordentliche Ausrüstung heranzukommen, doch es schien ihm ein viel versprechendes Gebiet zu sein, also würde er sich näher damit befassen.
»Wo lägen dann meine Grenzen?«, fragte er.
»Nun, es muss eine Rückversicherung im Wortlaut geben, ansonsten kriegen Sie Beschaffung und Versorgung nie dazu, dem zuzustimmen. Aber wenn ich das Ausmaß dieser Gesetzesänderung begrenzen müsste, etwa, indem man sagt, dass das vorhandene Budget nicht überschritten werden darf, dann würde sie das zufrieden stellen.«
Gesetzgebung war rettungslos langweilig. Nein, das hätte es sein sollen. Doch irgendetwas daran legte den Samen einer Idee in Jacens Verstand. »Wäre es möglich, es so zu formulieren, dass ich, falls ich im Zuge dessen auf weitere dämliche Bürokratie stoße, das ebenfalls ändern kann? Selbst wenn ich nicht weiß, wo genau ich suchen muss, um das Problem zu finden? Ich will nicht, dass irgendein Wichtigtuer lebenswichtige Vorräte zurückhält, weil ich den entsprechenden Unterabschnitt irgendeiner obskuren Bestimmung nicht genauer spezifiziert habe.«
»Das würde es etwas ... unbefristet machen.«
»Aber das ist bloß eine Verwaltungsangelegenheit. Es geht hier nicht um die Verfassung oder eine Alltagscharta.«
HM-3 mahlte leise mit seinem Getriebe. »Ich werde es allgemein formulieren, sodass Sie jeden Verwaltungsprozess ändern können, den Sie ändern müssen. Die andere Rückversicherung besteht darin, dass bloß autorisierte. Individuen hiervon Gebrauch machen können, und das kann sich auf diejenigen beschränken, wen auch immer der Staatschef hierfür bestimmt. Auf diese Weise wird es keine Ausgabeorgien an geheime Armeen geben, und lediglich einige wenige sehr klar definierte, rechenschaftspflichtige Leute können darauf zurückgreifen. Das wird die V-und B-Mitglieder besänftigen.« HM-3 schwieg einen Moment lang, um seinen Terminplaner zu Rate zu ziehen. »Ich glaube, übermorgen ist ein sehr, sehr geschäftiger Tag für V und B, Sir. Ich denke, die Gesetzesänderung wird wesentlich schneller durchgehen, als gewöhnlich.«
Das war ein guter Tag, um die Legislativ-und Statutengesetzes-änderung einzubringen. Jacen lächelte.
»Du wirst mir noch eingehender erläutern müssen, wie sich das mit dem Notstandsgesetz vereinbaren lässt, das Staatschef Omas bereits in Kraft gesetzt hat.«
»Die vollständige Erläuterung oder ...«
»... die ausführliche Zusammenfassung für Laien, bitte.«
»Für die Dauer des Krieges können Sie drei alles tun, was Sie für nötig erachten. Mit Admiralin Niathal sind Sie im Grunde ein Triumvirat. Darüber muss ich Senator G'vli G'Sil noch in Kenntnis setzen, ungeachtet seiner Position als Leiter des Sicherheitsausschusses. Das Verteidigungsgremium winkt einfach nur alles durch - wenn es denn tatsächlich mal zusammenkommt, natürlich.«
Der Gedanke erstaunte Jacen. Er hatte seine eigenen Pläne für das Umstülpen der Galaxis, aber die waren umfassend, strategisch und auf Ordnung, Gerechtigkeit und den verträglichen Einsatz militä-rischer Gewalt konzentriert. Die belanglosen Details der Bürokratie waren ihm in diesem Kampf um Ordnung bislang nicht als Waffe in den Sinn gekommen.
Er hatte fünf Jahre damit verbracht, die geheimnisvollsten Macht-Techniken der Galaxis zu erlernen, aber - wieder einmal - musste er keine einzige Macht-Fähigkeit einsetzen, um Einfluss zu erlangen. Es ging einfach nur darum, die Leute um ihn herum mit Psychologie zu manipulieren.
Das ist es, was Jedi schwächer und träger macht. Sie greifen sofort auf Macht-Techniken zurück, ohne nachzudenken.
HM-3 hätte ihn nicht daran zu erinnern brauchen, sich den Niedergang der Republik vor Augen zu führen. In seinem Verlangen, das Umfeld zu verstehen, das seinen Großvater von Anakin Skywalker in Darth Vader verwandelt hatte, hatte er sich eingehend mit diesem letzten Jahrzehnt befasst. Palpatine schien den Großteil seiner Macht durch geniale Manipulation und das Ausnutzen der Schwächen bestimmter Leute erlangt zu haben, nicht einfach durch das Kanalisieren der Macht der Dunklen Seite.
Jacen und der Droide erreichten die mächtigen, geschnitzten Türen des Beschaffungsamts. Sie waren beinahe ebenso prächtig wie die Türen von Staatschef Omas' Büro. Nein, tatsächlich waren sie sogar noch opulenter. Jacen wandte sich an seinen unfehlbaren Rechtsberater.
»Glaubst du, es ist falsch, dass wir effektiv ein Triumvirat sind, HM?«, fragte Jacen. »Undemokratisch?«
»Ich bin nicht auf richtig und falsch programmiert, Sir.« HM-3 klang ein wenig enttäuscht, als hätte Jacen die Komplexität seiner Fertigkeit nicht vollends verstanden. »Ich kann Ihnen nur sagen, was legal und illegal ist, weil beides über Definitionen verfügt. Richtig hat keine Parameter. Ebenso wenig wie Gerechtigkeit oder gut. Solche Unterscheidungen müssen von Fleisch getroffen werden.«
»Fleisch ändert diese Unterscheidungen jeden Tag, mein Freund.« Jacen legte seine Hand auf die Türsteuerung, und das prachtvolle Relief eines antiken Coruscanti-Stadtbilds teilte sich, um ihm Zutritt zu den Beschaffungsbüros zu gewähren.
Ich kann ein Gesetz ändern, damit ich Gesetze ändern kann. Aber kann ich das Gesetz, das mich Gesetze ändern lässt. dazu benutzen, um dieses Gesetz selbst zu ändern?
Einen Moment lang ging ihm durch den Kopf, dass er gerade einige kindische Sekunden genoss, in denen er mit zirkulärer Logik herumspielte. Dann wurde ihm bewusst, dass er eben eine Erkenntnis von beträchtlichen Proportionen gehabt hatte.
»Colonel Solo«, sagte der Leiter des Beschaffungsamts, Tav Vello, ein nervöser Menschenmann, der aussah, als könne er dringend eine gescheite Mahlzeit gebrauchen. »Ich habe einen meiner Assistenten damit beauftragt, den Engpässen auf den Grund zu gehen. Möglicherweise handelt es sich einfach bloß um Verzögerungen beim Bearbeitungsvorgang.«
»Ist in dieser Versorgungslinie jemand vor der Flotte oder der GGA?«, fragte Jacen.
»Unsere Zulieferer haben noch andere Kunden.«
»Ich hoffe, die stehen auf unserer Seite.«
»Wir beziehen unsere Ausrüstung von Verbündeten.«
»Arbeiten Ihre Leute so schnell, wie sie können?«
»Natürlich tun sie das, Colonel Solo. Außerdem suchen wir nach Möglichkeiten, den Vorgang zu rationalisieren.«
Jacen lächelte. »Genau wie ich.« Er schaute sich in dem Büro um. »Also, was die Kanonenwartungspakete betrifft: Die Teile, die sie brauchen, müssen ständig ausgetauscht werden. Ich habe um eine Erklärung dafür gebeten, warum es so viele Fehlzündungen gibt.«
Vello konsultierte sein Datenpad mit den Bewegungen eines Mannes, der eine sehr gute Verteidigung hatte. Oder zumindest eine solide Ausrede. »Wir haben gestern zufällige Stichproben bei diesen Paketen durchgeführt, für alle wichtigen Kanonenspezifika-tionen, und die Wartungspacks, die wir einkaufen, sind ausreichend.«
»Aber wir wollen keine ausreichenden. Wir wollen die besten.«
»Wir haben Budgetauflagen. Sir.«
»Wurde diese Entscheidung von einer bestimmten Abteilung getroffen?«
»Es gibt einen Leitenden Einkaufsoffizier, ja.«
Jacen wusste, dass es nur einen Weg gab. Leute dazu zu bringen, einem ihre Aufmerksamkeit zu schenken, die nicht ganz begriffen, was ausreichend auf dem Schlachtfeld bedeutete. Er wandte sich an den Droiden. »HaEm, gibt es unter den gegenwärtigen Bestimmungen eine Möglichkeit, die es mir erlaubt, Zivilpersonal für Nachforschungen zweckzuentfremden?«
HM-3 summte einige Sekunden lang auf der Schwelle von Jacens normalem Hörbereich. »Ja, Sir.«
»Gibt es irgendwelche Einschränkungen bezüglich des Standorts und der Umstände?«
»Nein, Sir.«
»So was höre ich gern.« Jacen fand allmählich Gefallen an der üppigen Bandbreite von Möglichkeiten, die die Bestimmungen ihm boten. Sie schränkten seine Optionen überhaupt nicht ein, vielmehr schufen sie neue. Er begriff immer mehr, worin die Vorzüge der Buchstaben des Gesetzes lagen. »Ich möchte den Leitenden Beschaffungsoffizier sprechen, der die Kanonenpacks abgesegnet hat.«
Vello schaute gelinde verwirrt drein. »Ich trage die Verantwortung dafür, was mein Stab tut, Sir.«
»Das ist sehr lobenswert, aber ich will diesen Vorgang wirklich verstehen, und das bedeutet, dass ich die Leute verstehen lernen muss. Ich denke, die Situation einer anderen Person zu begreifen, ist der Schlüssel hierzu.«
Vello, immer noch verdattert, wollte den Beschaffungsoffizier über seinen Tischkommunikator herbitten.
»Mein, das ist nicht nötig«, sagte Jacen. »Ich gehe zu seinem Büro.«
HM-3 gab ein unergründliches Klicken von sich, als sie zu dritt den Turbolift in die Beschaffungsetage nahmen. Sie traten aus der Kabine in ein Großraumbüro, das ohne Probleme Platz für umherwandernde Herden geboten hätte. Gut. Jacen wollte Publikum. Herz und Verstand.
»Darf ich Ihnen Biris Te Gaf vorstellen?«, sagte Vello. »Er ist der Leitende Beschaffungsoffizier für technische Unterstützung.«
Te Gaf war sichtlich nervös, und sein Stab und seine Kollegen - größtenteils Menschen, aber auch Nimbanels, Gossam und Sy Myrthianer - taten so, als würden sie arbeiten, während sie sie verstohlen beobachteten. Jacen konnte die um sich greifende Beklommenheit spüren, die sich auf der gesamten Etage breitmachte. Gaf hielt ihm eine klamme Hand hin, um sie zu schütteln, und Jacen warf seinen gesamten Charme in die Waagschale. Te Gaf hatte jede Menge Daten darüber, warum die Kanonenpacks für die Aufgabe geeignet waren. Sie hätten sie zu einem sehr guten Preis bekommen, erzählte er Jacen.
»Aber wir haben mit Fehlzündungen und verschiedenen anderen Problemen zu kämpfen«, sagte Jacen. Er stellte sicher, dass alle ihn hören konnten, und aufgrund der kleinen Wellen in der Macht und ihrer Körpersprache war er sich ihrer Aufmerksamkeit bewusst. »Ich wüsste Ihre Hilfe in dieser Angelegenheit wirklich zu schätzen. Ich bitte Sie darum, die Kanonenpacks noch einmal neu zu bewerten.«
»Natürlich, Colonel Solo. Ich tue alles, was in meiner Macht steht, um zu helfen.«
HM-3 lehnte sich dicht heran und flüsterte Jacen zu: »Artikel fünf, Abschnitt C-20/7.«
»Ich hin froh, das zu hören.« Jacen lächelte den Beschaffungsoffizier an. »Aus diesem Grund versetze ich Sie hiermit gemäß Artikel 5. Abschnitt C-20/7 der Notstandsverordnung an die Front, und zwar auf jenes Schiff, das die meist en Kanonenfehlzündungen in der Flotte hatte, weil es keinen besseren Ort gibt, um Informationen zu sammeln, als direkt von den Leuten, die mit dieser Ausrüstung arbeiten müssen, und zwar genau dort, wo sie damit arbeiten müssen.« Jacen sah sich um. Selbst mit seinem Macht-verstärkten Gehör konnte er nur sehr wenig Atmen und überhaupt kein Schlucken hören. »Ich bin nur zu gern bereit, jedem diese Versetzung zur Front in Aussicht zu stellen, der sich einen besseren Eindruck von den Erfahrungen der Endverbraucher mit dem Beschaffungswesen verschaffen möchte. Sagen Sie einfach Bescheid. Wir sind stets darauf erpicht, Ihnen entgegenzukommen. Tatsächlich kann ich Ihnen sogar einen Logenplatz für das nächste Gefecht garantieren.«
Jacen lächelte mit all der diplomatischen Liebenswürdigkeit, die er von seiner Mutter gelernt hatte, und schaute sich im Raum um, in dem Wissen, dass er nicht von Freiwilligen überrannt werden würde.
Te Gaf wirkte wie vor den Kopf gestoßen. Jacen fühlte, dass er alle dazu angespornt hatte, die Bedeutung ihrer Jobs ernster zu nehmen, und dass sie jetzt wussten, was passieren würde, wenn sie der Meinung waren, ausreichend wäre gut genug.
Wenn ihr glaubt, die Ausrüstung ist gut genug, dann ist sie auch gut genug, dass ihr sie persönlich benutzt - an der Frontlinie.
HM-3 folgte Jacen aus dem Gebäude, und sie nahmen ein Lufttaxi zurück zum GGA-Hauptquartier. Das dauerte eine Weile, weil der Verkehr dichter als gewöhnlich war, und bis Jacen schließlich wieder in seinem Büro war, hatten die Vorbereitungen dafür, einen Zivilisten - Te Gaf, Biris J. - auf die Ocean zu versetzen, unter dem GGA-Personal bereits die Runde gemacht. Korporal Lekauf und zwei der anderen 967-Kommandosoldaten begrüßten ihn im Besprechungsraum wie einen Helden.
»Das war eine gute, saubere Sache, die Sie da durchgezogen haben, Sir«, sagte einer der Soldaten grinsend. »Meine Gewehrteile fühlen sich schon viel leistungsfähiger an.«
Lekauf hielt den Daumen hoch. »Ihr Großvater hätte dasselbe gemacht, Sir. Hübscher Schachzug.«
In dieser Kaserne war das ein aufrichtiges Kompliment und keine Warnung vor den Versuchungen der Dunklen Seite. Jacen zog das Urteil gewöhnlicher Soldaten den obskuren philosophischen Debatten des Jedi-Rates vor.
Das alles wird sich ändern.
Keine Kriege mehr, die in jeder Generation aufflammen.
Keine karrieresüchtigen Politiker mehr, die aus dem System alles für sich herauswringen, was nur irgend geht.
Kein weiteres Gerede über Freiheit, die nichts anderes besagt, als dass eine Handvoll tun kann, was ihr beliebt, während der Rest ums Überleben kämpft.
Kein Wunder, dass die alte Garde Angst vor den Sith hatte, wenn es das war, was sie fürchtete - das Ende des Chaos, das bloß diesen wenigen diente.
Jacen erwiderte den hochgereckten Daumen von Lekauf. »Das war noch gar nichts.«
HM-3 fuhr ein Datenpad aus. »Ich halte Sie über den Fortschritt bei der Gesetzesänderung auf dem Laufenden, Colonel Solo. Wäre das alles für heute?«
»Möglicherweise konsultiere ich dich noch einmal. Du sorgst dafür, dass dies alles einfacher zu verstehen ist.«
»Das ist meine Aufgabe.«
Jacen wollte bloß sichergehen. In ihm keimte eine Idee. »Eine komische Sache, diese Gesetze und Bestimmungen, oder? Diese Gesetzesänderung gibt mir - und natürlich auch anderen - die Möglichkeit, das revidierte Gesetz selbst zu ändern, nicht wahr? Das Ganze ist ziemlich in sich geschlossen, richtig?«
HM-3 scherte sich nicht um richtig und falsch, bloß um legal und illegal. Falls Jacen die Absicht hatte, die Gesetzesänderung für Zwecke zu entfremden, die über die Beschleunigung der Verteilung medizinischer Vorräte hinausgingen, dann betrachtete der Droide das nicht als Teil seines Aufgabenbereichs.
»Ja«, sagte HM-3, »das ist es.«
Jacen nahm den Stapel Geheimdienstberichte, der sich auf seinem Tisch angesammelt hatte, mit erneuertem Enthusiasmus in Angriff. Die Luft war schwanger von drohendem Unheil, von den Dingen, die geschehen würden. Die endlosen Gedanken darüber, wen er würde töten müssen, um sein Opfer zu bringen, waren für eine Weile vergessen, aber sie würden zurückkommen. In der Zwischenzeit hatte er ein neues Werkzeug, mit dem er Veränderungen bewirken konnte.
Ich kann das Gesetz ändern, das es mir erlaubt, Gesetze zu ändern.
Wenn ich davon umsichtig Gebrauch mache, kann ich den Senat damit umgehen, falls ich muss.
Manchmal war die Kraft des schlichten gesunden Menschenverstands genauso wirkungsvoll wie die Macht.
TEKSHAR FALLS—KASINO, KUAT CITY, KUAT
»Was ist mit den Klonen passiert?«, fragte Mirta.
Kuat City stank nach Credits. Fett hatte nie verstehen können, wie eine Industriegesellschaft, deren Wohlstand auf Schwermaschinenbau fußte, noch immer eine antike Aristokratie haben konnte. Komischer Ort. Anachronistisch. Vor ihm glitzerte der kleinere Teil von Kuat City, eine industrielle Skyline mit eleganten Türmen und Spitzen, die wie ein veredeltes Echo der orbitalen Schiffswerften wirkte.
Er kannte Kuat gut. Einst hatte er die Werften des Planeten vor einem Anschlag bewahrt, bei dem sie zerstört werden sollten. Er hoffte, dass der Ort ihm ein wenig Dankbarkeit entgegen bringen würde.
»Kanonenfutter«, sagte er. um Mirta schließlich zu antworten. Er brachte das Speederbike bei einem Bogengang voller schicker Geschäfte zum Stehen. »Sie starben.«
»Nicht der, den ich gesehen habe. Er sagte, einige hätten die Armee verlassen.«
»Der einzige Ausweg«, sagte Fett, »war der Tod oder die Desertion.«
»Keiner von ihnen ist ausgeschieden?«
»Hängt davon ab, was du mit ausgeschieden meinst. Ich habe allerdings gehört, ein paar sind in Pflegeheimen geendet, die von wohlmeinenden Friedensaktivisten geführt wurden.«
Mirta schien zu überlegen, was ausscheiden für Männer bedeutete, die darauf trainiert waren zu töten, die von der normalen Gesellschaft ferngehalten worden waren und die eine künstlich verkürzte Lebensspanne hatten. Das unmerkliche Vorschieben ihres Kinns - ein sicheres Zeichen dafür, dass sie verärgert war - übertrug sich auf ihren Helm. Sie konnte nicht viel tun, um es zu verbergen.
»Hast du jemals Deserteure gejagt?«
»Nein.« Er hatte allerdings viele gekannt, die das getan hatten. »Haben nicht genug gezahlt.«
»Hast du dir Gedanken um sie gemacht, Ba´buir?«
In Ordnung, es tröstet sie, die Mando zu spielen. Aber ich werde mich nie an diesen Namen gewöhnen. »Nicht wirklich.«
»Sie waren deine Brüder.«
»Nein, das waren sie nicht.« Er bedeutete ihr, vom Speeder zu steigen. »Blut ist nicht alles. Du weißt, dass das der Mando—Weg ist.«
»Aber ich wette, diesem Klon wirst du etwas anderes erzählen«, sagte sie. »Wie willst du ihn sonst dazu bringen, dass er dir hilft? Indem du ihn dazu prügelst? Er wirkt so zäh wie du selbst.«
»Vielleicht frage ich einfach nur nett«, sagte Fett. »Im Augenblick muss ich erst einmal ins Tekshar und ein Schwätzchen mit Fraig halten. Das könnte für ihn ein bisschen unangenehm werden.«
Das Tekshar Falls war eines dieser Kunstwerke architektonischer Beinahe-Unmöglichkeit, mit denen sich die Kuati hervortaten. Auch andere Bauten in der Galaxis verfügten über eindrucksvolle Wasserelemente, doch das Tekshar war ein Wasserfall, ein tosender, rauschender Sturzbach von einem Fluss, der mit einem gewaltigen Aufwand in das Unterhaltungszentrum der Stadt umgeleitet worden war. Das Wasser lieferte die hydroelektrische Energie für das Gebäude und ebenso für die wilden Anordnungen von Scheinwerfern, die die Wasservorhänge durchstachen. Das Kasino war im Innern des Wasserfalls selbst untergebracht, teilweise eine Konstruktion, teilweise aus Naturstein, mit Türmchen, die wie Baumpilze aus dem Wasser ragten. Um zum Eingang zu gelangen, mussten Spieler durch das Wasser marschieren, das fünfhundert Meter in die Tiefe stürzte.
»Schade, ich habe mir gerade erst das Haar machen lassen«, sagte Mirta, von Kopf bis Fuß vollkommen in ihre Rüstung eingehüllt. »Hindern sie so das Gesindel daran, reinzukommen?«
»Wir sind das Gesindel«, sagte Fett. »Und wir gehen da rein.«
Er blieb stehen, um sich mit seinem HUD-System in die Datenbank der Kuat-Polizei einzuklinken. Ihnen würde das nichts ausmachen. Er trug bloß dazu bei. hier Recht und Ordnung durchzusetzen. Bilder von Mistkerlen, Kleinganoven und schweren Jungs - und Mädels - rollten über das Display in seinem Helm. Er wartete, und kurz darauf erschien FRAIG. L. Für Bandengewürm sah Fraig auffallend seriös aus: jugendlich frisch, das Gesicht von blonden Locken eingerahmt, die einer Mutter die Tränen in die Augen treiben mussten. Fett vermutete, dass Fraig, falls seine Mutter noch lebte, sie längst an einen Hutten verkauft hatte.
»Also willst du da einfach so hereinspazieren«, sagte Mirta.
»Ich will ihm bloß eine Frage stellen.«
»Es ist nie so einfach, oder?«
»Wir werden sehen.« Fett ging mit großen Schritten die baumgesäumte Prachtstraße entlang, die zum Fuß der Wasserfälle führte und sich darum herum gabelte. Bloß die unanständig Reichen hatten die Zeit, so früh zu spielen. Das verriet eine Menge über Fraigs Geschäftssinn. »Er hat keinen Grund, verärgert zu sein. Sorg bloß dafür, dass dein Raketenrucksack einsatzbereit ist.«
»Dann könnte es also sein, dass wir schnell verschwinden müssen«, sagte Mirta und hielt offenbar mühelos mit ihm Schritt, eine Erinnerung daran, dass er zunehmend langsamer wurde. »Werden sie Tamtam machen, weil sie uns so gekleidet nicht reinlassen wollen?«
»Es geht nur darum, Eindruck zu schinden.« Fett wischte die Gischt von seinem Visier. »Normalerweise finden die Leute meinen Aufzug akzeptabel. Früher oder später.«
Er marschierte geradewegs über die Brücke längs der Wand aus brüllendem Wasser und aufgewühltem weißem Schaum. Die Wasserfälle teilten sich wie ein Vorhang, um ein breites Portal zu schaffen. Dahinter erstreckte sich das Kasino als lebhaft erhellter - und vollkommen trockener - Hafen.
»Sehr beeindruckend«, sagte Mirta.
Das war ein hübscher Trick, für den automatisierte Kraftfelder verwendet wurden, die ein Bewegungssensor auslöste. Doch bei alldem ging es, wie er so häufig dachte, bloß um die Präsentation. Ein bisschen Theater. Das half immer.
»Weiter«, sagte er.
Die Lobby des Kasinos war eine Studie in Opulenz, als hätte jemand eine Wette darauf abgeschlossen, wie viele Credits sie für jeden Quadratmeter ausgeben könnten. Es gab alles, woran Fett keinen Gefallen fand: Unmengen von Wandteppichen, Vergoldungen, Spiegel und gedämpftes Licht, das ganze Drumherum der Illusion und noch dazu schwierig sauber zu machen. Die Lobby war in zwei Bereiche geteilt: Einer führte zum Restaurant und der andere zu den Spieltischen. Fett griff über sein HUD auf sein Investitionsportfolio zu. Er bemerkte den Punkt TIRUAL CONSTRUCTION-HOLDINGS.
»Lass uns nicht zu viel Schaden anrichten«, sagte er. »Ich glaube, ich habe Anteile an diesem Laden.«
Am Empfangstisch war ein Rezeptionist. und einige sehr große Assistenten - Menschen, Trandoshaner und Gran - gingen in langsamen, bedächtigen Kreisen um den dicken lila Teppich herum, der wie Teer an Fetts Stiefeln zog. Er hatte noch nie zuvor einen Trandoshaner in einem förmlichen Anzug gesehen und fragte sich, was der arme, alte Bossk davon gehalten hätte. Ebenso ungewöhnlich war es. dass ein Gran diese Art von Arbeit verrichtete. Es war klar, dass keiner von ihnen den Restaurantgästen dabei half, eine fundierte Auswahl aus der Weinkarte zu treffen.
Der Rezeptionist musterte einen Bildschirm in seinem Tisch: Vermutlich glich er Fetts Bild mit der Datenbank der Gäste ab. die er aus dem einen oder anderen Grund erkennen musste. Seinem plötzlichen Zurückzucken nach hatte er FETT gefunden.
»Können Sie sich legitimieren. Sir?«
Fett berührte seinen Blaster. »Normalerweise genügt das vollauf.«
Der Rezeptionist - Mensch, männlich, zutiefst hässlich - schaffte es mit Bravour, sich nicht in die Hosen zu machen, das musste Fett ihm lassen. »Aha. Habe Sie schon seit einer ganzen Weile nicht mehr hier gesehen, Sir.«
»Ich bin hier, um jemanden zu besuchen.« Fett deutete mit dem Daumen auf Mirta. »Zusammen mit meiner Geschäftspartnerin.«
»Wird dieser Besuch Reparaturarbeiten nach sich ziehen?«
Fett klatschte einen Creditchip mit einem sehr hohen Nennwert auf den Tisch. »Behalten Sie das Wechselgeld, falls das der Fall sein sollte. Wo ist Fraig?«
Credits brachten Leute zum Reden. Blaster taten das ebenfalls, doch Credits konnten nicht minder drohend flüstern.
»Er ist Gastgeber einer privaten Sabacc-Partie in seiner Suite im dreißigsten Stock, Sir.« Der Rezeption ist lächelte tapfer und schnippte mit den Fingern in Richtung der angeheuerten Helfer. »Ich lasse ihn wissen, dass Sie auf dem Weg nach oben sind.«
Der geschniegelt gekleidete Trandoshaner kam seiner Aufforderung eilig nach. Er sah aus. als hätte er die falsche Verkleidung für eine Kostümparty gewählt.
»Bring ... den ... ähm ... Präsidenten von Mandalore hoch zu Master Fraigs Suite. Alle Getränke gehen aufs Haus.«
Also begriffen sie nicht ganz, was es bedeutete, der Mandalore zu sein. Das war in Ordnung, weil das auch für Fett galt. Mirta unterdrückte ein Lachen, doch nur Fett hörte es. Mit einem Blinzeln schaltete er aufs Helm-Kommlink um.
»Also hältst du tatsächlich Anteile hieran, Ba'buir«, sagte sie.
»Je nachdem, wie viele Gäste Fraig hat. könnte ich vielleicht deine Hilfe brauchen. Versuch sie nicht zu töten, solange sie es nicht darauf anlegen.«
»Jawoll, Herr Präsident!«
»Ohne Sinn für Humor warst du mir lieber.«
Er empfand keine Abneigung für Mirta. Sie hatte versucht, ihn zu töten, aber das lag schon einige Monate zurück, und die Dinge hatten sich geändert. Sie arbeitete hart und gab sich nicht mit oberflächlichen Belanglosigkeiten wie Mode und Holovideos ab. Sie war in jeder Hinsicht stark. Beviin - und Fett hörte auf Beviin - sagte, sie sei eine echte Mando'a, eine robuste mandalorianische Frau, weil sie schießen konnte, passabel gut kochte und die Schultern eines Rüstungsschmieds hatte. Die Mando'ade schätzten diese Art von Grenzlandfrauen, keine dekorativen Trophäen, die nicht einmal einen Schützengraben buddeln konnten.
Sie ist genau wie Sintas. Nicht ganz so hübsch, aber sie hat viel von ihr.
Er hatte Ailyn nicht lange genug gekannt, um zu sagen, ob Mirta nach ihrer Mutter kam. Sin. Ich habe sie Sin genannt, und sie nannte mich Bo. Hatte Mirta einen Spitznamen? Was hatte Sintas Ailyn über ihn erzählt, und was hatte Ailyn Mirta erzählt, um einen solchen Hass gegen ihn zu schüren?
Fett wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Gegenwart zu und folgte dem Trandoshaner; dabei war er sich des kompletten 360-Grad-Ausblicks um sich herum ebenso bewusst wie des dumpfen Schmerzes in seinen Eingeweiden und der Tatsache, dass er, je näher er dem Tod kam, zunehmend häufiger über Leute nachdachte, an die er schon seit langer, langer Zeit nicht mehr gedacht hatte.
Die Turbolifttüren öffneten sich zu einer Etage mit dem gleichen dicken lila Teppich wie in der Lobby. In den kleinen Salons ratterten Spieltische, sie klickten und brodelten vor ruinierten Leben und verlorenen Vermögen. Selbst durch den Filter seines Helms konnte Fett die widerwärtig süßliche Mischung von hunderten verschiedener Parfüms riechen, die aus vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Körperteilen von Tieren destilliert worden waren, an die er nicht einmal denken wollte.
Der Trandoshaner führte sie einen Korridor entlang, zu einem imposanten Paar vergoldeter Türen, dann zog er sich schwerfällig zurück. Die Türen teilten sich, und Fett fand sich Visier-an-Nase mit einem Hamadryas wieder, der aussah, als wüsste er nicht einmal, wie man blinzelt. Hinter ihm saß eine Gruppe von sechs stattlich gekleideten Spielern - drei Menschenmänner, zwei Frauen und ein Weequay - mit Fraig um einen blattgold-eingefassten Sabacc-Tisch. Neben der Küchentür standen zwei weitere Schwergewichte, vermutlich, um sich um die Getränke zu kümmern.
»Master Fett«, sagte Fraig, ohne vom Tisch aufzusehen. »Wie schön, Sie kennenzulernen.«
Fraig hatte ein großartiges Blatt. Fett konnte es auf der in den Tisch eingelassenen Anzeige sehen, als er über ihm aufragte. Es war eine Schande, die Partie zu unterbrechen. Fraigs Gäste versuchten, sich auf das Sabacc-Spiel zu konzentrieren, doch es war schwierig, den Karten seine volle Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, wenn einem zwei Kopfgeldjäger einen unerwarteten Besuch abstatteten. Alle fanden Gründe dafür, an die Bar zu gehen, um ihre Drinks nachzufüllen, während der Hamadryas stumm zuschaute, eine Hand auf sein Halfter gelegt.
»Ich habe ein paar Fragen an Sie«, sagte Fett. »Über Ihren Vorgänger.«
»Hängt davon ab, was Sie wissen wollen.« Fraig war so wortgewandt, wie sein Haar gut frisiert war. Sein Gangstervater musste ihn auf eine ausgesprochen exklusive Schule geschickt haben. Allerdings hatte man ihn nicht in der subtilen Kunst unterrichtet, seine Hand unbemerkt unter den Tisch zu schieben, um seinen Miniblaster zu überprüfen. Fett hoffte, dass er den Mann nicht erschießen musste, bevor er einige Antworten bekommen hatte. »Ich hoffe, Sie wurden nicht von Clients Partnern geschickt, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen.«
»Ich habe nicht die Absicht, Sie zu töten«, sagte Fett. »Wenn ich das täte, wären Sie nicht in der Lage, mir gewisse Dinge zu erzählen. Und ich will, dass Sie mir etwas erzählen. Ich bin ein neugieriger Mann.«
Der Hamadryas an der Tür hatte sein Halfter bereits geöffnet und umklammerte das Griffstück des Blasters, doch Mirta hatte ihn genau im Auge. Mittels ihrer HUD-Kommlinkverbindung konnte Fett sehen, dass sie ihn beobachtete; die Helmsensoren reagierten auf ihre Augenbewegungen.
Fraig zuckte mit den Schultern. »Was genau wollen Sie von mir wissen?«
»Der Mandalorianer, der Cherit umgebracht hat. Ich muss ihn finden.«
Fraig hatte diese Art Lächeln, das sich wie ein Riss im Eis ausbreitete. »Man hat mir schon einige hintersinnige Fragen gestellt, aber das ist eine besonders gute. Ich versichere Ihnen, dass ich Cherits Tod nicht in Auftrag gegeben habe.«
»Es ist mir egal, ob Sie einen Kranz geschickt und seine Witwe getröstet haben. Wissen Sie, wo ich den Mann finden kann, der ihn getötet hat?«
»Sollen wir nach draußen auf den Balkon gehen?« Fraig vollführte eine einladende Handbewegung und nahm seinen Drink auf. »Dieses Thema ist zu heikel, um es vor meinen Gästen zu diskutieren.«
»Wie Sie wollen«, sagte Fett und erkannte augenblicklich, wohin man ihn dirigieren wollte. Nach draußen gehen. Klar. Mirta stand bei den offenen Türen Wache, doch der Hamadryas-Leibwächter versuchte, sie aus dem Weg zu schieben. Er beging den Fehler, seine Hand auf ihren Rücken zu legen, und noch dazu ein bisschen zu weit unten. Sie hob ihre geballte Faust einfach auf Schulterhöhe und fuhr die Vibroklinge in ihrem Handschuh aus.
»Rühr mich noch mal an, Chakaar, und ich ramme dir das Ding in deine Halsschlagader.«
»Ich habe keine.«
»Dann werde ich so lange auf dich einstechen müssen, bis ich irgendetwas anderes finde, das stark blutet.«
Fraig ging dazwischen. »Serku, lass uns die Dame nicht verärgern, ja? Lass sie dort warten, wo immer sie möchte.«
Für einen Verbrecherboss machte Fraig an diesem Abend eine Menge Fehler. Dennoch war es gut, dass Fett stets mit dem Schlimmsten rechnete. Fraig dachte womöglich, dass der Balkon Fetts Möglichkeiten einschränkte, doch für einen Mann mit einem Raketenrucksack stellte das kein großes Problem dar. Fraig hatte keinen. Außerdem mangelte es ihm an einem Fiberschnurseil.
Es würde nicht lange dauern.
Amateure.
Fett musste dem Drang widerstehen, Fraig zu erklären, wie man dergleichen richtig machte. Draußen auf dem Balkon schimmerten die Lichter von Kuat City in der Abenddämmerung durch einen Schleier rauschenden Wassers. Einige Meter vor der Fassade des Gebäudes wurde der von einem Überbau geteilt.
Fett stützte sich mit einer Hand auf das Geländer und heuchelte beiläufiges Desinteresse, während er in Wahrheit die Stärke des Metalls testete. Er ließ den Blick über Fraig schweifen, um sein Gewicht zu schätzen. »Lassen Sie mich meine einfache Frage von eben wiederholen. Sagen Sie mir alles, was Sie über den Mandalorianer wissen, der Ihren Vorgänger fertiggemacht hat.«
»Damit hatte ich nichts zu tun. Cherit hat jede Menge Leute gegen sich aufgebracht. Berufsrisiko.«
»Das beantwortet nicht meine Frage. Ich wette, auch Ihre Organisation war scharf darauf, mehr darüber herauszufinden.«
»Wir wussten nicht, wer es war. Alles, was wir wissen, ist, dass er einen Groll gegen einen bestimmten Twi'lek-Clan hegte. In der Unterhaltungsindustrie machen wir Geschäfte mit Twi'leks.«
»Da bin ich mir sicher.« Fraig bezog sich auf Twi'lek-Mädchen. »Was für eine Art Groll?«
»Er war der Meinung, wir würden sie nicht angemessen behandeln. Dank ihm haben wir ein paar sehr beliebte Entertainer verloren.«
Fraig war ein elender Lügner. Der Klon in der mandalorianischen Rüstung hatte vielleicht für irgendwelche Twi'leks eine Rechnung beglichen, aber er war kein Kopfgeldjäger. Es war etwas Persönliches gewesen, nichts Geschäftliches.
Zeit. Er hatte keine Zeit für das hier.
»Haben Sie ihn seitdem gesehen?«
»Nein.«
»Wollen Sie mir verraten, wer die Twi'leks waren?«
»Warum wollen Sie diesen Mann unbedingt in die Finger bekommen? Es muss etwas Großes für Sie sein, dass Sie ihn jagen.« Fraig betrachtete seine manikürten Fingernägel. »Oder vielleicht bedauern einige meiner Geschäftspartner Cherits Ableben, weshalb man Sie angeheuert hat, um mich zur Strecke zu bringen.«
»Momentan bin ich nicht zu engagieren.« Fett würde nie begreifen, warum sie nicht zuhörten. Sie hörten nie auf das, was er sagte. Er redete Klartext, und sie suchten immer nach dem Haken daran. »Ich will den Mando in einem Stück. Ich brauche ihn, damit er etwas für mich tut.«
Fraig hatte seine Chance vertan. Fett schaltete auf das Helmkommlink um und weckte Mirtas Aufmerksamkeit, die ohnehin auf ihn - und den Hamadryas - gerichtet war. »Ich werde unserem Freund jetzt dabei helfen, sich an ein paar Dinge zu erinnern.«
Sehr nützlich, diese Fiberschnur.
Fett ließ das Seil in einer Schlinge aus seinem Rucksack schießen und schlang es um Fraig, dann rammte er den Kletterhaken zwischen die Gitterstäbe und stieß Fraig über das Geländer. Das alles dauerte zwei Sekunden. Fraig schrie, klammerte sich an die obere Strebe, doch ein harter Hieb mit dem Blasterkolben auf die Fingerknöchel sorgte dafür, dass er losließ. Fraig stürzte nach unten, und Fett wappnete sich für den unvermeidlichen Ruck, wenn das Seil auslief, indem er sich gegen das Geländer stemmte. Es raubte ihm fast den Atem. Fraig prallte von der Wand ab und drehte sich in der einschnürenden Schlinge des Seils, noch immer kreischend. Fett hatte sicherheitshalber ein paar Meter Schnur in der Einbauwinde in Reserve behalten.
Mirta kümmerte sich unterdessen um den Hamadryas. Sie hatte die Transparistahltüren halb vor ihm geschlossen, doch der Leibwächter zwängte seinen Körper in den Spalt und versuchte, durch die Öffnung einen Blasterschuss abzugeben. Sein Arm war gefangen. Fett verfolgte beeindruckt, wie Mirta der Wache einen zweiten Kopfstoß verpasste, die Vibroklinge in seinen Oberschenkel rammte und ihn durch die Türen nach hinten zwang - vor Schmerz kreischend, hübsche Aktion sodass sie krachend zufielen. Dann feuerte sie ein paar Mal in die Steuertafel.
»Beeil dich. Ba'buir.« Sie beugte ihre Schultern, wie um ihre verspannten Nackenmuskeln zu lockern. »Die Türen sind vielleicht blastersicher, aber früher oder später werden sie sie aufbekommen.«
Fett spähte über die Kante. Fraig zappelte hilflos wie ein an einer Angelschnur aufgespießter Wurm und gab keuchende Laute von sich. Die Schnur war eng um seine Taille und seine Brust geschlungen. Er baumelte fünfzehn Meter unter dem Geländer.
»Strampeln Sie nicht rum, und beruhigen Sie sich«, rief Fett. »Das hilft Ihrer Erinnerung auf die Sprünge. Und außerdem verhindern Sie so, dass Sie aus der Schlinge rutschen.«
»Sie sind verrückt! Dafür lasse ich Ihnen die Kehle durchschneiden ...«
»Du hängst am Ende des Seils, ich habe festen Boden unter den Füßen. Denk mal darüber nach.«
»Sie sind ein toter Mann!«
»Scharfsinnig bis zuletzt. Gib mir Namen, Abschaum!«
»Ich sagte Ihnen schon, dass ich den Mando nicht bezahlt habe. Ich bin froh, dass der Cherit erledigt hat, aber ich habe ihn nicht dafür bezahlt, das zu tun!«
»Versuchs noch mal.«
Fraigs Stimme wurde vom Brüllen des Wasserfalls hinter ihm fast übertönt. »Die Twi'leks gehörten zu einer Familie namens Himar.«
»Guter Anfang.« Mit einem Ruck ließ Fett einen weiteren Meter Schnur nach. Fraig kreischte, als er weiter auf den Permabeton. das Gestein und das reißende Wasser hundert Meter weiter unten zuglitt. »Hilft das? Häufig braucht das Gedächtnis bloß einen kleinen Ansporn.«
Himar. Jeder Mando, der sich in die Bresche warf, um für ein paar Tänzerinnen den Helden zu spielen, würde in der Twi'lek-Gemein-schaft kein Unbekannter sein. Dergleichen kam nicht allzu häufig vor. Niemand scherte sich normalerweise darum, was mit Twi'lek-Mädchen geschah. Fett hatte seine Spur. Irgendwo hatte er einen Kontaktmann, der ihm weiterhelfen würde - und falls er keinen hatte, dann hatte ihn Beviin. Beviin würde nicht wissen wollen, wofür Fett ihn brauchte.
»Hast du sonst noch was auf dem Herzen?«
»Ich kenne den Kerl nicht, Fett. Aber ich weiß, dass Sie das hier bereuen werden.«
Fett konnte die dumpfen, rhythmischen Schläge von Fraigs Leibwächtern hören, die versuchten, die Tür zu zertrümmern. »Wenn ich dahinterkomme, dass du Müll erzählt hast, werde ich zurückkommen und die Sache zu Ende bringen.«
Er stemmte seinen Stiefel gegen die untere Geländerstrebe und begann, den Gangster nach oben zu hieven. Mirta stand neben ihm, ihren Blaster auf die Türen gerichtet.
»Du wirst langsam weich. Warum ziehst du ihn wieder hoch?«
»Ich will die Fiberschnur wiederhaben. Das ist die Ultradünne, die mag ich am liebsten.«
»Wenn du ihn auf dem Balkon hast, werde ich ihn betäuben ...«
»Und dann zurück zur Slave I. Auf der Aussichtsroute.«
»Du hast Glück, dass wir die Raketenrucksäcke mitgenommen haben.«
»Ich wäre nicht hier raufgekommen, wenn dem nicht so wäre.« Fett spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach und sein Rückgrat hinablief. Vor ein paar Jahren wäre ihm diese Aufgabe um einiges leichter gefallen. »Und viel höher als dreißig Stockwerke wäre ich ohnehin nicht gegangen.«
»Warum?«
»Hundert Meter Seil. Für den Fall, dass ich mich abseilen müsste.«
Fraigs Gesicht war noch zwei Meter vom Balkon entfernt. Er hatte aufgehört zu schreien und beschränkte sich auf mühsames Atmen.
»Ich habe kein hundert Meter langes Seil«, sagte Mirta.
»Dann kannst du von Glück reden, dass du einen Raketenrucksack mitgenommen hast.« Er wuchtete Fraig als verschnürten Haufen über das Geländer, und Mirta verpasste ihm einen Roundhouse-Schlag, der den Mann außer Gefecht setzte. Falls das ihre Betäu-bungsbehandlung war, war sie die geborene Medizinerin. »Zeit, zu verschwinden.«
Mirta schoss in gefährlichem Winkel davon und donnerte durch den Wasservorhang vor ihm; hier oben war kein Kraftfeld aktiv, um die Wasserfälle zu teilen.Als Fett nach unten schaute, konnte er sehen, wie auf dem Platz zu beiden Seiten der Prachtstraße Speeder hin und her zischten. Er musste dort unten landen und das Speederbike suchen. Raketenrucksäcke waren großartig für schnelle Abgänge, doch die Flamme machte sie beide am Nachthimmel zu auffälligen Zielen.
Er hatte das Speederbike mit einem Sprengsatz versehen in den Büschen am Rande des Parks versteckt. Sowohl die Schmerzmittel als auch das Adrenalin ließen gleichzeitig nach, und Fett war sich über den Grund für seine Suche nie klarer gewesen als in diesem Augenblick.
Er hob ab und nahm mit Höchstgeschwindigkeit Kurs auf den Landestreifen, über Frachtspuren, auf denen der wenigste Verkehr herrschte. Er sah Mirta, die mit beiden Händen fröhlich einen Granatwerferaufsatz an ihrem Blaster anbrachte, während sie sich mit den Knien am Sattel des Speeders festhielt. Sie wirkte, als wäre sie an schnelle Fluchten gewöhnt.
»Für einen toten Mann schlägst du dich ziemlich gut, Ba'buir.«
»Dein Dad hat dich auch gut ausgebildet.«
»Das meiste davon habe ich von Mama gelernt.«
»Nun, sie hat ihre Sache gut gemacht.«
Fett nahm eine Hand vom Lenker und fuhr die Slave I mittels Fernsteuerung hoch. Die Triebwerke des Schiffs würden startbereit sein, wenn sie da waren. Er konnte das Bike in den Frachtraum steuern und innerhalb einer Minute von diesem Planeten verschwinden. Per HUD-Anzeige durchforstete er die Datenbanken bereits nach dem Namen dieser Twi'lek-Familie.
Dies war die einzige Zeit, zu der er sich wahrhaftig aufregend lebendig fühlte: Wenn er gewann, der Beste war, überlebte. Ist es das? Ist das alles, was ich kann? Beinahe beneidete er die Beviins und Carids dieser Welt, die sich an einfachen Dingen wie gutem Essen und Familie erfreuen konnten. Doch die Gefahr brachte saubere, unkomplizierte Erfüllung. Sie löschte Sorgen und Ängste und Erinnerungen aus. Es ging bloß um diesen Augenblick und darum, ihn zu überleben.
Fett konzentrierte sich darauf, sich gut zu fühlen und den Schmerz zu ignorieren, bis zu dem Moment, da im Rückspiegel die Scheinwerfer von Speederbikes auftauchten, die schnell näher kamen. Mirta drehte sich um, um ihren Blaster in Anschlag zu bringen.
»Die müssen unseren Kurs angepeilt haben«, sagte sie. »Sind das Fraigs Schläger oder Sicherheitskräfte? Was meinst du?«
»Solange du diesen Blaster nicht abfeuerst, bleibt uns die Aufmerksamkeit der Polizei erspart.« Seine Bewegungssensoren zeigten zwei Speederbikes, die sie verfolgten, an der Kreuzung weiter vorn näherten sich zwei weitere von rechts, und noch ein einzelnes Speederbike zischte von links heran. Es konnte sich um gewöhnliche Bürger handeln, die das Pech hatten, auf derselben Strecke unterwegs zu sein wie sie. Möglicherweise wollten sie ihnen aber auch den Weg abschneiden. Wenn er es zeitlich richtig abpasste, konnte er zwischen ihnen hindurch schlüpfen und Mirta freies Schussfeld auf die Bikes hinter ihnen verschaffen. Er gab Gas.
Fett zählte die Sekunden runter. Er war schon fast bei der Kreuzung, doch er würde es nicht schaffen. Von rechts setzte sich eines der Speederbikes vor ihn. Fett hob den Arm, um dem Typ eine Flammenwerfersalve zu verpassen, doch mit einem Mal kippte der Fahrer zur Seite und krachte zu Boden, ohne dass ein Schuss abgefeuert worden wäre. Zwei Speederbikes, die aus der anderen Richtung kamen, stiegen höher, um ihm auszuweichen. Fett verfolgte, wie das Bike, das von links herannahte, vor ihm vorüberzischte, ohne auch nur abzubremsen.
Er hörte ein lautes Krachen, aber kein Ba-dapp eines sich entladenden Blasters. Waren sie zusammengestoßen? Hatten sie jemanden getroffen, der zufällig zur falschen Zeit auf der falschen Straße unterwegs war?
Mirta feuerte eine Granate ab. »Hab dich!« Ein Feuerball erhellte die Nacht. »Einer hin, einer im Sinn. Lade nach.«
»Ich kann das dritte Bike nicht sehen.«
»Vielleicht ist es abgestürzt.«
»Wir haben nur ein paar Minuten, bevor die Polizei auftaucht«, mahnte Fett.
»Hey, wo kommt der ...«
Hinter ihnen ertönte das gewaltige Wuuusch einer glühendheißen Explosion. In der Rückansicht seines HUD sah Fett die Trümmer heiß und rot zu Boden regnen. »Guter Schuss.«
»Das war ich nicht. Ich hab nicht gefeuert.«
»Was ist das? Eine Unfallepidemie?«
»Ich glaube, wir haben Unterstützung.«
»Ich hasse Unterstützung, um die ich nicht gebeten habe.«
Aber es war eine Unterstützung, also nahm er die Atempause widerwillig mit dankbarer Vorsicht an. Vielleicht hob ihr unsichtbarer Wohltäter sie für sich selbst auf.
Die Slave I stand zwischen zwei ramponierten Frachtern. Für jemanden, der das Schiff nicht kannte, sah es nach nichts Besonderem aus, bloß eine alte Firespray, die Triebwerke im Leerlauf.
Fett setzte das Speederbike auf und lief auf das Schiff zu. Warum sollte jemand Fraigs Handlanger für ihn ausschalten? Großmut dieser Art hatte für gewöhnlich ihren Preis. Fett überließ es Mirta, das Bike im Frachtraum unterzubringen, und kletterte hinauf ins Cockpit.
»Komm schon, Mädchen, was dauert da so lange?« Er betätigte die Schalter der Steuerkonsole, und die Slave I fuhr jaulend zu voller Energie hoch. Ein schwaches Zittern lief durch das Flugwerk des Schiffs, das Sicherheit verkündete, das Zuhause verkündete. Es war das beruhigendste Geräusch, das er kannte. »Du hast zwanzig Sekunden, bevor ich die Frachtluke schließe.«
Es kam keine Antwort, und just, als ihm dieser Umstand gewahr wurde, leuchtete die Zutrittswarnlampe der Slave I auf. Es war noch jemand anderes an Bord. Die Systeme erkannten nicht, wer.
»Mirta? Mirta!«
Die internen Sicherheitskameras zeigten nichts als das Speederbike. Fett packte seinen Blaster und ging nach achtern, um nachzusehen. Selbst durch die Helmfilter konnte er einen starken, öligen Gestank riechen, den er seit Jahren nicht wahrgenommen hatte.
Er konnte ihn nicht recht einordnen, aber er kannte ihn.
Das Speederbike war verstaut. Die Luke stand offen. Er hob den Blaster und fragte sich, ob er die Luke einfach versiegeln und mit der Slave I starten sollte, um sich dafür für den Rest seines Lebens - was noch davon übrig war - selbst zu hassen.
Dad hätte dich nicht einfach so zurückgelassen. Er hätte alles für dich riskiert.
Im Laufe der Jahre hatte Fett eine Menge Leute im Stich gelassen. Beim letzten Mal, als er sie gesehen hatte - beim allerletzten Mal -, hatte er sogar Sintas verwundet zurückgelassen. Damals schien es die richtige Entscheidung zu sein.
Und du wunderst dich, warum deine Tochter und deine Enkelin versucht haben, dich zu töten.
Fett blieb auf einer Seite der Luke stehen. Seine Sensoren zeigten ihm zwei Gestalten auf der Rampe, die eine humanoid und die andere tierisch; die Umrisse des letzteren Wesens waren nicht klar definiert. Er zählte bis drei und trat hervor, Blaster und Flammenwerfer im Anschlag.
Mirta, ohne ihren Helm, wurde von einem Mandalorianer in grauer Rüstung fest im Schwitzkasten gehalten, und ein großes Tier mit goldenem Fell hatte seine gewaltigen Kiefer um ihr Bein geschlossen, einen Geiferbart um die Schnauze. Es rührte sich nicht, nagelte sie jedoch fest - und stank.
Und Mirta wirkte nicht verängstigt, bloß verlegen.
Fett starrte den Lauf eines modifizierten Verpinen-Gewehrs hinab, das einhändig auf ihn gerichtet war. und begriff, warum er kein Blasterfeuer gehört hatte, als die Speederbikes vom Himmel gefallen waren. Diese Gewehre waren lautlos.
»Sieh an, sieh an«, sagte der Mandalorianer in der grauen Rüstung. Er trug tatsächlich ein sehr schönes Paar graue Lederhandschuhe. »Es ist der kleine Bob´ika. Als wir uns das letzte Mal begegnet sind, hat mein Bruder deinen Kopf in die Toilette gedrückt, um dir Manieren beizubringen. Was willst du von mir, ner vod?«
EINSATZBESPRECHUNGSRAUM DER
GARDE DER GALAKTISCHEN ALLIANZ,
GGA-HAUPTQUARTIER, CORUSCANT
Ben war froh darüber, wieder unter Leuten zu sein, denen er vertraute.
Das Meer schwarzer Uniformen wäre für einige Leute vermutlich ein unheimlicher Anblick gewesen, doch für ihn wirkten sie wie eine Bruderschaft, wie Familie. Er war in dieser seltenen Position, jung genug zu sein, dass er trotz seines Offizierstatus wie einer der Soldaten behandelt wurde, und das gefiel ihm. Das Gefühl von Kameradschaft und das Wissen, dass jeder dem anderen den Rücken freihielt, waren gleichermaßen beruhigend wie aufregend.
Im Einsatzbesprechungsraum ließ er sich in einen Sessel am Ende einer Sitzreihe sinken. Ein Soldat namens Almak knuffte ihn. »Hübschen Urlaub gehabt? Schön, dass Sie uns in Ihren engen Terminkalender quetschen konnten, Sir.«
»Ich konnte es kaum erwarten, zurückzukommen.«
»Sie haben nicht viel verpasst«, sagte Almak. »War ein bisschen ruhiger als sonst. Ich denke, wir haben dem corellianischen Spionagenetzwerk den Rücken gebrochen.«
»Warum verpasse ich eigentlich immer die guten Sachen?«
Einige der anderen Soldaten in der Reihe vor ihnen drehten sich in ihren Sitzen um und klinkten sich in die Unterhaltung ein. »Wir werden Ihnen schon etwas Aufregung verschaffen.«
»Oder etwas Aktenablage ...«
»Die Waschräume müssten auch mal gründlich geschrubbt werden. Hier ist eine Zahnbürste.«
Ben grinste und warf ein Papierkügelchen nach ihnen. Es war gut, Teil eines Teams zu sein. Es war gut, Freunde zu haben. Sie sahen in ihm nicht den Sohn von Skywalker. dem Furcht einflößenden Jedi. Er war einfach nur Ben, und sie passten so auf ihn auf, wie sie es bei jungen Offizieren, die sie mochten, eben taten.
Und sie fragten ihn nie danach, wo er gewesen war. Alles spielte sich auf einer Muss-ich-nicht-wissen-Basis ab.
Doch fürs Erste schien die Welle der Bombardements vorüber zu sein. Nun ging es vor allem darum, herauszufinden, wen man im Auge behalten und als Nächstes aufmischen musste. Corellianer, Bothaner - und jetzt Fondorianer.
Captain Lon Shevu marschierte auf das Podium im vorderen Teil des Raums. Er wirkte so engagiert wie eh und je, doch Ben fühlte den Widerwillen und die Bedenken in ihm. Das Gleiche konnte er auch bei einigen anderen Soldaten im Raum wahrnehmen, normalerweise bei denen, die bei der CSK gewesen waren. Jacen folgte Shevu und hatte augenblicklich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Jacen konnte das. und Ben war sich nicht sicher. ob er ihn darum beneidete oder nicht. Es war interessant, dass er es zu genießen schien, bei gewöhnlichen Geschöpfen im Mittelpunkt zu stehen, sich aber andererseits vor Machtsensitiven verbarg. Es war, als wollte er bloß von der alltäglichen Welt gesehen werden.
Ich muss lernen, wie man das macht. Mom sagt, dass ich das als kleines Kind konnte, dass das aber reiner Instinkt war, so wie bei schwimmenden Babys. Ich will lernen, wie man es so macht, wie Jacen es tut.
»Einsatzbesprechung für die nächsten 48 Stunden, Ladys und Gentlemen«, sagte Jacen. »Uns steht eine neue Phase bevor. Priorität hat jetzt, nach Profis zu suchen - nach Geheimagenten der Konföderation. Also, normalerweise würden wir das unseren Kollegen vom Allianz-Geheimdienst überlassen, doch in Anbetracht der Tatsache, dass wir weit besser sind als die ...« Applaus und Gelächter unterbrachen ihn. Erwartete mit einem breiten Grinsen und nahm den Faden dann wieder auf: »... und weil wir den Weizen von der Spreu getrennt haben, werden wir ihnen aushelfen. Darüber hinaus werden wir Staatschef Omas und einigen wichtigen Ministern Personenschutz leisten, um die CSK zu entlasten, und für sie die Augen offen halten. Verhöre haben ergeben, dass wir es möglicherweise mit gezielteren und professionelleren Attentats-versuchen zu tun bekommen - ausgeführt von Regierungsagenten, nicht bloß von verärgerten Amateuren und Kopfgeldjägern.«
Vorn ging eine Hand in die Höhe. Ben konnte nicht sehen, wem sie gehörte. »Was bedeutet die Augen offen halten in diesem Zusammenhang. Sir?«
Jacen rief ein Holobild auf den Bildschirm hinter sich. Es zeigte ein Diagramm verschiedener Wege, wie man an GA-Minister herankommen konnte, physikalisch oder virtuell: Büros, Privatadressen, Privatclubs, Routen zum Senat, Kommlinks. »Das hier«, sagte er.
»Haben wir die Erlaubnis, die Kommlinks von Senatoren abzuhören, Sir?«, fragte Shevu.
»Gemäß der Notstandsbestimmung sind wir befugt, sämtliche erforderlichen Überwachungsmaßnahmen zu ergreifen, um Gewalt-akte gegen Staatsminister und ihre Gäste zu verhindern.«
Shevus Gesichtsausdruck war undeutbar, doch Ben spürte, dass ihm diese Sache Sorge bereitete und ihn bedrückte. Also das war ein Bursche, der das, was er dachte, zu verbergen wusste. Ben fragte sich, ob das womöglich eine nützlichere Fähigkeit war, als sich in der Macht zu verstecken.
Abgesehen von Shevu schien sich niemand im Besprechungsraum daran zu stören, die Kommlinks von Senatoren abzuhören. Auch Ben konnte das Problem daran nicht sehen. Es war ja zu ihrem eigenen Schutz. Jacen teilte die Einheiten für ihre jeweiligen Aufgaben ein, und dann kam die Sprache auf die Ausrüstung.
»Stellt eine Wunschliste zusammen«, sagte Jacen strahlend. »Ich denke, die Versorgungssituation hat sich erheblich verbessert. Oder besser gesagt: Sie wird sich verbessern, bis zum Ende dieser Woche.«
Es folgte eine Welle des Gelächters. »Haben Sie die Typen davon überzeugt, die Dinge auf unsere Weise zu sehen, Sir?«
»Oh, ich habe bloß dafür gesorgt, dass der Papierkram anständig erledigt wird.«
Noch mehr Lachen und Applaus. Einen Moment lang spürte Ben eine verschwörerische Nähe zwischen Jacen und den Soldaten. Das war vollkommen ungekünstelt: Jacen ließ sein Charisma nicht spielen, damit diese Leute taten, was er wollte, obwohl er sehr gut darin war. Er genoss die Gesellschaft seiner Truppen, und sie genossen seine. Im Geiste machte Ben sich Notizen über die Kunst der mühelosen Führerschaft.
Die Einsatzbesprechung war vorüber. Ben blieb zurück, um mit Jacen zu reden, ließ ein paar scherzhafte Kommentare über seine jüngste Abwesenheit über sich ergehen, während die Soldaten nach draußen strömten, und teilte so viel aus, wie er einsteckte. Er spürte einen plötzlichen Druck an seinem Hinterkopf, und als er sich umschaute, musterte Jacen ihn von der Seite des Podiums aus, mit einem stillen Lächeln im Gesicht.
»Sie mögen dich«, sagte er. »Das ist gut für einen Offizier, solange man aus den richtigen Gründen gemocht wird.«
»Ist es nicht wichtiger, respektiert zu werden?«
»Was ist Respekt, Ben?«
Ben grübelte über die Frage nach, hörte die subtile Prüfung darin. »Zu denken, dass jemand etwas Richtiges tut und dass er das besser macht als man selbst, sodass man in positiver Hinsicht zu ihm aufschaut.«
»Ausgezeichnet.«
»Aber das ist nicht dasselbe wie gemocht zu werden, oder?«
»Nicht im Geringsten. Wir können auch die respektieren, die wir nicht mögen«, sagte Jacen. »Du wirst von diesen Männern gemocht, weil sie glauben, dass du ihr Leben niemals achtlos aufs Spiel setzen würdest, dass ihr Wohlergehen an erster Stelle steht und du nichts von ihnen verlangen würdest, was du nicht auch selbst zu tun bereit wärst. Du teilst ihre Herausforderungen und ihre Siege mit ihnen, obwohl du keiner von ihnen bist, und sie wissen, dass es so und nicht anders sein muss - weil sie wissen, dass ein Offizier Entscheidungen zu treffen hat, die Leben kosten, und das ist etwas, wozu man nur imstande ist, wenn man hinlänglich eigenständig bleibt.«
Ben hatte bislang noch keinen Soldaten des 967sten Kommandotrupps verloren. Tatsächlich war es zu keinerlei Verlusten oder auch nur ernsten Verletzungen gekommen. Soweit es den Rest des Militärs betraf, führten sie ein nahezu behütetes Leben. Er hatte keine Ahnung, wie er sich fühlen würde, wenn er sie in eine Situation bringen musste, in der Tote unvermeidlich waren.
Einmal mehr schien Jacen seine Gedanken zu lesen. »Solange man diese Entscheidungen nicht treffen kann, ist man kein guter Anführer.«
»Aber es ist einfacher, wenn man bereit ist, selbst sein Leben für die Sache zu lassen, richtig?« Mit einem Mal fühlte sich Ben wegen Lumiyas Anschlag auf sein Leben um einiges besser. Es war ihm klar geworden, dass sie dahintergesteckt hatte, nachdem er das, was auf Ziost geschehen war, und das, was seine Mom ihm erzählt hatte, in Verbindung gebracht hatte. Aber das war in Ordnung. Nun konnte er jedem der Soldaten vom 967sten in die Augen sehen. »Denn am Ende kommt es bloß darauf an, dass man bereit ist, das gleiche Opfer zu bringen wie sie.«
Jacen beugte sich dicht zu ihm. »Das beflügelt sie. Das ist die ultimative Ehrerbietung für deine Truppen.«
Ben wusste, dass das die Art war, wie Jacen führte, und weshalb ihm alle so treu ergeben waren. Er führte von der Frontlinie aus, und er liebte es, im dichtesten Kampfgetümmel zu stecken. Die Tatsache, dass er als Jedi bessere Überlebenschancen hatte als sie, schien ihnen nicht mal in den Sinn zu kommen.
»Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden werde, wenn die Zeit dafür kommt«, sagte Ben. »Das weiß niemand vorher. Aber ich werde versuchen, zu tun, was das Richtige für die Mehrheit ist.«
Einen Moment lang wurde Jacens Lächeln zu einem Strahlen, doch dann verblasste es, als hätte er sich an etwas Schreckliches erinnert. Seine Machtpräsenz verschwand für einige Sekunden und kehrte dann zurück. Das war sonderbar, dachte Ben. Jacen stand direkt neben ihm; vor wem also versteckte er sich?
»Kannst du mir das beibringen?«, fragte Ben. »Sich in der Macht zu verbergen?«
Jacen wirkte aufgewühlt. »Warum?«
»Weil Lumiya mich umbringen will. Ich dachte, da könnte es sich als ganz nützlich erweisen.« Und manchmal, um mich vor Mom und Dad zu verstecken, ja. das wäre wirklich sinnvoll. »Mom sagt, dass sie Beweise dafür hat. dass ich ... also, dass Lumiya denkt, ich hätte ihre Tochter getötet. Ich kann mich nicht an das Geringste von dem erinnern, was auf diesem Asteroiden passiert ist, Jacen, aber vielleicht spielt das auch keine Rolle, weil Lumiya es glaubt, und ich wette, dass sie hinter dem steckt, was auf Ziost passiert ist.«
Jacen war sorgsam darum bemüht, sein Gesicht ausdruckslos zu halten. Ben konnte nicht sagen, was er gerade dachte, nicht einmal mithilfe der Macht.
»Ja, warum nicht?«, sagte Jacen leise, fast zögerlich. »Mach dir keine Sorgen wegen Lumiya. Sie ist dir nicht gewachsen.«
»Wann können wir anfangen?«
»Es ist sehr einfach.«
»Mit Sicherheit«, sagte Ben zweifelnd.
»Nein, das ist es. Die Theorie ist einfach - die Praxis ist das Schwierige daran. Möglicherweise brauchst du Jahre, um es schließlich zu beherrschen.« Jacen bedeutete ihm, sich auf den Fußboden zu setzen. »Komm. Meditationspose.«
Ben setzte sich im Schneidersitz hin und schloss automatisch die Augen, nahm tiefere und langsamere Atemzüge, bis er jenen Zustand erreichte, in dem die Welt rings um ihn her fern wirkte und er seinen eigenen Körper überdeutlich wahrnahm, selbst das Fließen des Bluts in seinen Adern.
Jacens Stimme schien von einem anderen Ort und aus einer anderen Zeit zu kommen. »Du ruhst in dir selbst. Die Welt kann dir nichts anhaben.«
»Ja.«
»Jetzt durchbrich die Hülle. Durchbrich die Grenzen.« Jacens Tonfall war gleichmäßig und beruhigend. »Sieh die Welt als die Atome, aus denen sie besteht. Sieh dich selbst auch als Atome. Finde die Linie, an der du selbst endest und die Welt beginnt.«
Ben stellte sich den Raum um sich herum vor und die Luft darin. Sie wurde zu gefrorenem Schneefall von unterschiedlicher Dichte, einige Partikel dicht zusammengedrängt, andere verstreut. Dann schaute er in sich selbst und sah die mikroskopischen Unebenheiten seiner Hautoberfläche und die einander überlappenden Keratin-fasern seines Haars und schließlich darüber hinaus, dorthin, wo er genau wie der Raum um ihn herum war: ein Schneesturm aus Molekülen. Ein Teil des Raums war in Form von Sauerstoff und Staub in ihm, und ein Teil von ihm war im Raum, als Fragmente von Haut und Wassertropfen.
Es gab keine Linie. Da war keine Kante, die Ben Skywalker von dem Raum abgrenzte. Oder von Coruscant. Oder von der Galaxis. Er verschmolz mit alldem, und es verschmolz mit ihm. Da war nichts Festes, bloß ein warmes, wogendes Meer aus Molekülen, von denen sich einige lange genug lose zusammenfügten, um Ben Skywalker zu sein.
»So macht man das ...«
Jacens Stimme driftete von weit weg zu ihm. Mit einem Mal fühlte sich Ben, als würde er sich auflösen und nie wieder zu einem Ganzen werden. Panik erfasste ihn. Mit einer gewaltigen Anstrengung, als würde er Felsen mit bloßen Händen spalten, riss er seine Augen auf - mit einer so enormen Anstrengung, dass er anschließend nach Luft schnappte.
»Oh ... Wow...«
»Jetzt«, sagte Jacen sanft, »verstehst du, warum dafür Übung nötig ist. Ohne die Technik dabei außer Acht zu lassen.«
»Wie kann ich mich dadurch verbergen?«
»Du verschmilzt mit dem Universum. Betrachte es als Machttarnung. Der Trick besteht darin, dass es dir so in Fleisch und Blut übergeht, dass du jederzeit in diesen Bewusstseinszustand hinübergleiten kannst, dich auflöst, aber noch immer voll aktions-fähig bleibst und bei vollem Bewusstsein.«
Ben brachte nicht einmal ein weiteres Wow zustande. Er war absolut entschlossen, diese Technik zu erlernen, und gleichzeitig ängstigte es ihn, weil es sich wie ein verführerischer, behaglicher Tod anfühlte. Er hatte Angst, dass er womöglich so tief darin versank, dass er nie wieder daraus hervorkommen würde.
Näher war er noch nie daran gewesen, gleichzeitig zu wissen und zu fühlen, was die Macht war. Er fühlte, dass er nie wieder derselbe sein oder die Welt auf dieselbe Weise sehen würde wie zuvor.
Wow.
Hätte sich doch nur all sein Machtwissen so schnell und derart lebhaft offenbart.
»Du musst regelmäßig üben«, sagte Jacen.
Ben nickte und sorgte sich, dass er womöglich zu enthusiastisch wirkte. Jetzt war das Ganze mehr als bloß eine nützliche Methode, um sich vor seinem Vater zu verbergen. Die Sache selbst war es wert, dass er sie weiterverfolgte, allein schon aus reiner Neugierde.
»Das mache ich«, sagte er. Der Augenblick ekstatischer Offen-barung war vorüber, und er fühlte sich irgendwie verfroren. »Irgendwelche Befehle für mich? Oder soll ich jetzt irgendwelche Kommlinks abhören?«
»Oh, ich habe einen Auftrag für dich.«
»Wie das Amulett.« Vielleicht hätte er das nicht sagen sollen, aber diese Sache war ziemlich übel gewesen, nicht nur Verschwendung eines Menschenlebens, sondern auch nicht annähernd so bedeutsam, wie man ihn glauben gemacht hatte. Er hasste es, zum Narren gehalten zu werden. »Ich kann die Wahrheit verkraften, Jacen. Du wärst überrascht.«
Jacen war ganz heitere Gelassenheit. »Ich habe eine Aufgabe für dich, die nur du allein bewältigen kannst, und sie ist wichtig. Vielleicht willst du diesen Auftrag gar nicht übernehmen.«
»Befehl ist Befehl.«
»Hör dir lieber zuerst an, worum es geht.« Jacen griff in seine Jacke und holte ein Datenpad hervor. »Lies das. Das sind die Originalunterlagen des Geheimdienstes, die ich erhalten habe, sodass du dir selbst ein Bild machen kannst.«
Ben nahm das Datenpad und betrachtete den Bildschirm. Da waren Abschriften von Kommlinkgesprächen und sogar grobkörnige Aufnahmen eines Treffens, die aus einem so sonderbaren Winkel aufgenommen worden waren, dass sie von einem Spionagedroiden an einem sehr ungünstigen Ort gemacht worden sein mussten, vermutlich oben von einem Schrank aus. Männer in teuren Anzügen und Gewändern, die Kaff nippten und sich mit gedämpften Stimmen miteinander unterhielten - und ein Mann mit gut geschnittenem dunklem Haar, jünger als Jacen. Ben erkannte ihn als Dur Gejjen.
»Das ist der corellianische Premierminister«, sagte Ben.
»Das sind alles Geheimdienstinformationen, die von unseren Kontakten bei der corellianischen Regierung gesammelt wurden. Lies weiter.«
Es wurde darüber diskutiert, einen Keil zwischen Hapes und die Galaktische Allianz zu treiben. Alles klang wie der übliche politische Eiertanz, der Ben jedes Mal langweilte, bis er sich wiederholende Formulierungen las, wie Königinmutter und die Nachteile sehen, sich auf Seiten der Allianz zu stellen.
Und dann gab es Hinweise darauf, Hindernisse zu beseitigen. Das alles ergab einen Sinn, als er zum nächsten Holobild umschaltete und sich die Unterhaltung um geeignete Kopfgeldjäger drehte, sowie darum, wer davon gewillt wäre, im hapanischen Königshaus in Aktion zu treten.
Politik mochte Ben vielleicht langweilen, doch er musste sich damit befassen, wenn er überleben wollte.
»Dabei geht's um Tenel Ka.«
»Korrekt.«
»Dann hat Gejjen den Angriff auf sie tatsächlich geplant.«
»Ja. Endlich haben wir handfeste Beweise dafür, und jetzt können wir handeln.«
Ben wusste, dass er Empörung hätte empfinden müssen, doch was ihn in diesem Augenblick erfüllte, war die Verzweiflung darüber, dass es Leuten so leichtfiel, sich miteinander zu verschwören, um jemanden zu töten. Das war seiner eigenen Familie und ihm selbst widerfahren.
Die waren alle verrückt. Die hatten alle den Verstand verloren. Oder war das die Art und Weise, wie die Welt der Erwachsenen wirklich funktionierte: all die dämlichen, grausamen, zerstörerischen impulsiven Dinge zu tun, von denen sie schworen, sie wären daraus herausgewachsen?
»Was soll ich tun?«, fragte Ben, ziemlich sicher, wie die Antwort lauten würde.
»Gejjen eliminieren.« Jacen rieb sich müde die Stirn. »Er ist ein harter Brocken, und er wird unsere Verbündeten von uns trennen. Mit einem Mann, der so regelmäßig auf staatsgesponserten Meuchelmord zurückgreift wie er, kann man nicht verhandeln. Die Corellianer müssen wissen, dass wir einen langen Arm haben und sie ebenfalls erwischen können. Bringen wir sie ein wenig zur Vernunft. Die sind zu eingebildet.«
»Aber machen wir das nicht schon längst? Worin unterscheidet sich unser Attentat von deren? Würde das nicht bloß zu noch mehr Morden führen?«
»Willst du das hier genau nach Vorschrift angehen? In Ordnung, ruf den corellianischen Sicherheitsdienst an und zeig Gejjen wegen Verschwörung zum Mord an. Oh, und auch dafür, dass er Thrackan Sal-Solo ermorden ließ, selbst wenn wir meinen Vater nicht in den Zeugenstand rufen können, um das zu bestätigen. Schauen wir mal, wie schnell sie ihn verhaften werden.«
»Ich weiß ...«
»Du musst das nicht tun.« Jacen hatte diesen leicht verletzten Tonfall, der genau das Gegenteil besagte. »Aber bei der Centerpoint-Mission hast du bewiesen, dass du dich hervorragend auf verdeckte Operationen verstehst, und du kommst wesentlich leichter nah an Gejjen heran als irgendein großer, haariger Kommandosoldat wie Duvil. Du kannst wie ein harmloser Jugendlicher wirken.«
Ich bin ein Jugendlicher - und für gewöhnlich bin ich ziemlich harmlos. Aber Jacen hatte recht. Wenn es irgendjemand tun musste - und der Umstand, dass Jacen darüber sprach, bedeutete, dass er sich darüber bereits hinlänglich Gedanken gemacht hatte dann hatte tatsächlich Ben die besten Chancen, dicht genug an Gejjen heranzukommen.
Jacen blickte ihn an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, mit diesem Beinahe-Lächeln, das besagte, dass er sicher war, dass Ben Ja sagen würde.
»Ich kann nicht gerade Boba Fett darum bitten, das zu erledigen, oder?«, fragte Jacen leise.
»Sie schließen Wetten darauf ab. wie und wann er versuchen wird, dich zu töten.« Ein Offizier sollte von seinen Soldaten nichts verlangen, was er nicht auch selbst tun würde. Das hier kann ich keinem vom 967sten überlassen. »In Ordnung. Ich gebe zu, dass Gejjen bis ins Mark verdorben ist. Und sobald wir mit dieser Sache an die Öffentlichkeit, gehen können ... Dann wird der Haftbefehl für Onkel Man und Tante Leia aufgehoben, richtig?«
»Das kann ich nicht machen, Ben.« Jacen seufzte. »Jedermann weiß, dass sie nichts mit dem Attentatsversuch zu tun hatten. Aber sie arbeiten immer noch für Corellia, und ich kann keine Haftbefehle außer Kraft setzen, bloß weil sie zur Familie gehören. So fängt Korruption immer an. Abgesehen davon - was für einen Eindruck würde das den Truppen vermitteln? Würden sie uns je wieder vertrauen, wenn Offiziere zugunsten ihrer Familie die Regeln brechen?«
Ben wurde einmal mehr daran erinnert, dass er nicht nach seinem Vater kam, der darauf bestanden hätte, Gejjen zu verhaften.
Es war Drecksarbeit, aber das hätte ihm mittlerweile klar sein müssen. Wenn er sich selbst als Mann sehen wollte - oder als Offizier konnte er das niemand anderem überlassen.
»Ich werde dir gute Verstärkung mitgeben«, sagte Jacen. »Shevu und Lekauf. Unsere Kontaktpersonen auf Corellia arbeiten gerade Zeit und Ort aus. Du musst bereit sein, jeden Moment aufzu-brechen.«
Ben fragte sich, wie er Gejjen töten sollte. Es wäre wie ein Sakrileg, dafür ein Lichtschwert zu benutzen. Er konzentrierte sich auf die praktische Anwendbarkeit und die Logistik, grübelte kurz darüber nach, wo der Anschlag wohl stattfinden würde, wie dicht er herankäme und was am besten funktionieren würde - Blaster, Projektil oder etwas Ausgefalleneres.
Da war die Vibroklinge seiner Mutter, doch Ben war sich nicht sicher, ob er hartgesotten genug war, um sie kaltblütig einzusetzen. Er wusste bloß, wie er sich und andere verteidigen konnte, nicht, wie man allein um des Tötens willen tötete.
»Du schaffst das«, sagte Jacen, der stets seine Gedanken zu kennen schien. »Dieselben Techniken, die du immer einsetzt - bloß aus einem anderen Blickwinkel. Geh und rede mit dem Scharfschützenteam.«
Die beste Person, die er bezüglich der präziseren Einzelheiten eines Attentats zu Rate ziehen konnte, war seine Mutter. einst die Hand des Imperators, die beste Attentäterin ihrer Zeit. Hey, Mom, ist ein Kopfschuss am besten? Zwei Treffer oder drei? Glaubst du. ein Blaster mit Schalldämpfer ist eine bessere Wahl als ein Lichtschwert?
Ben wusste, dass das eine Unterhaltung war, die er nie mit ihr führen würde.
Nachdem Ben den Besprechungsraum verlassen hatte, nahm Jacen einen tiefen Atemzug. Das war alles, was er tun konnte, um seinen Atem ruhig zu halten und ihn nicht zu einem Seufzen werden zu lassen.
Ich kann das nicht tun.
Ich kann ihn nicht töten.
Hätte die Macht die Dinge klarer gemacht, detailliert erklärt.
was er zu tun hatte - geh hierhin, töte diesen da, rezitiere das dann wäre es vielleicht einfacher gewesen. Es war das Nichtwissen, das unerträglich war; nicht zu wissen, ob er zu viel in die ungewissen Interpretationen geknoteter Quasten hineinlas, in Lumiyas vage Erklärungen oder in die Parallelen zwischen sich und seinem Großvater, die womöglich nicht einmal wirklich existierten. Er wusste besser als alles andere, dass es sein Schicksal war, ein Sith-Lord zu sein, doch es war diese letzte Prüfung, die ihn in qualvolle Unruhe stürzte.
Was, wenn ich mich irre? Was, wenn Lumiya sich irrt? Was, wenn ich überhaupt niemanden töten muss, und ich töte Ben, weil ich irgendeine dämliche Prophezeiung nicht richtig deuten konnte?
Die Prophezeiung besagte: Er wird seine Liebe unsterblich machen.
Sie sagte auch noch eine Menge anderer Dinge, wie etwa, dass er sich ein Haustier nehmen würde. Er hatte immer noch nichts Flauschiges, Schuppiges oder Gefiedertes in seinem Gefolge, und das auf den treuen Korporal Lekauf zu beziehen, der ihm ebenso selbstlos diente, wie er seinen Großvater Vader gedient hatte, ging eindeutig zu weit.
Unsterblich machen muss nicht töten bedeuten.
Aber er hatte keine Ahnung, was es sonst heißen sollte. Das war das Schlimmste an den Lehren der Sith. Es gab nicht bloß zwei Deutungsmöglichkeiten für alles, sondern drei, vier, fünf...
Also streben allein die Sith nach dem Absoluten, was, Obi-Wan? Das hast du zu Vader gesagt, oder zumindest behauptet Lumiya das. Du Lügner. Die Sith streben nach allem anderen als dem Absoluten, weil...
Weil das Leben nun einmal so war. Eine Million Entscheidungen mussten getroffen werden, von denen man mit jeder einzelnen leben musste und jede den Mut der Überzeugung erforderte.
Bloß einen Hinweis. Woran werde ich es erkennen ? Wie wird das Zeichen aussehen ?
Auch Lumiya wusste es nicht, oder falls sie es tat, würde er ihr nicht zuhören. Genug der Spielchen, genug des Rätselratens.
Ich halte nach Zeichen und Omen Ausschau wie ein Ryn-Wahr- sager. Es muss rationaler sein als das.
Das war es auch.
Bens Bemerkung bei der Unterhaltung, die sie eben erst beendet hatten, kam ihm in den Sinn.
Ein Offizier muss Entscheidungen treffen, die Leben kosten.
Das sei zum Wohle der Mehrheit, hatte er gesagt. Und wenn sich Ben mit diesem Gedanken abfinden konnte, dann musste Jacen das ebenfalls.
Er dachte darüber nach, aktivierte die Sicherheitsschlösser an den Türen des Besprechungsraums und setzte sich in eine Ecke, den Kopf auf die Knie gelegt .
Als er sein Gesicht in den Händen vergrub, merkte er. dass es feucht von Tränen war.