19. Kapitel
Sie hat sich vor 36 Stunden mit einem Fünf-Alpha abgemeldet, Sir, und sie hat keinen Flugplan eingereicht.
- GA-StealthX-Techniker, Coruscant, zu Luke Skywalker
HAPES-STERNENHAUFEN
Jacen konnte nicht feuern.
Nicht aus Rücksichtnahme auf Mara, weil sein erster Instinkt gewesen war, sie ins Visier zu nehmen und den Knopf zu drücken, sondern weil sie so dicht war, dass die Explosion auch ihn erwischt hätte. Die Panzerung von StealthX-Raumjägern war größtenteils zugunsten von Sensorstörern geopfert worden. Allerdings erwies sich das lediglich in Momenten wie diesem - in Momenten, zu denen es nie hätte kommen sollen, zu denen es nie hätte kommen dürfen - als Problem.
Er drehte ruckartig nach links bei. und sie tat es ihm gleich, und nach rechts und nach links, und trotzdem war sie immer noch so nah an seinem Heck, dass er sich aus dem Reflex heraus für den Aufprall wappnete.
Keiner hatte einen Vorteil: Sie flogen den gleichen Raumjäger-Typ. Kein Vorsprung: Sie war eine genauso gute Pilot in wie er. Keine Zuflucht: Sie befanden sich im offenen Weltraum. Unterm Strich lief es darauf hinaus, wer wen mehr hasste und wer bereiter war zu sterben, um den anderen auszuschalten.
Alles, woran Jacen denken konnte, war, dass es Mara war, die ihm gefolgt war und nun über Tenel Ka Bescheid wusste. Ihre Drohungen bezüglich der Sache mit Ben wirkten mit einem Mal bedeutungslos. Er hatte ein völlig neues Problem.
Sein Komm knisterte erneut. Er war darauf gefasst, dass seine Tante ihm über Funk Gift und Galle entgegenspie. Doch es war die Stimme von jemand anderem.
»Ich hab sie, Jacen.«
Lumiya. Vielleicht seine Retterin, doch sie hätte ebenfalls nicht hier sein sollen. Also wussten wahrscheinlich Lumiya und Mara von Tenel Ka und Allana. Und Lumiya wusste mit Sicherheit, dass er mit diesem Wissen keine der Frauen am Leben lassen konnte. Nun klebten ihm zwei Mörderinnen am Heck, und er konnte sich nicht darauf verlassen, dass eine von ihnen ihn nicht umbrachte oder verriet.
Laserfeuer flackerte über seine Backbordseite, und er spülte den Treffer im Flugwerk, aber er war immer noch in einem Stück. Er roch Rauch. Gleißend weißes Licht füllte das Cockpit. Lumiya - falls sie Mara ins Visier nahm, falls sie nicht versuchte, ihn im Zuge irgendeiner bizarren Sith-Prüfung zu töten - hatte das gleiche Problem: Mara flog so dicht bei ihm, dass die Explosion ihres Jägers auch ihn zerriss; zumindest würden ihre Trümmer auf diese Entfernung seine Schilde durchschlagen.
Jacen tat, was er schon so viele Male getan hatte: Er ließ sich einfach nach unten fallen, indem er die Schnauze um 90 Grad senkte und einen Looping flog. Er musste Platz zwischen sie bringen, und außerdem musste er sich irgendwie einen Vorteil verschaffen, um ihr die Stirn bieten zu können.
Mittlerweile hatte Mara vermutlich eine Nachricht an Luke geschickt, die alles enthüllte. Sie wollte maximalen Schaden anrichten. Sein Geheimnis war ebenso eine Waffe, die gegen ihn eingesetzt werden konnte, wie die Laserkanonen ihres Jägers.
Als er den Looping beendete, schaute Jacen nach oben durch die Kanzel, verzweifelt auf der Suche nach irgendwelchen Reflektionen oder Hinweisen auf Bewegung. StealthX-Jäger waren nicht dazu entworfen, gegeneinander zu kämpfen. Ihr fast völliges Fehlen von Sensorspuren machte es unmöglich, Mara zu orten. Das war auch der Grund, warum sie ihm so dicht am Heck klebte. Sie konnten einander nicht verlässlich lokalisieren, abgesehen durch die Macht oder indem sie die Umrisse des anderen vor dem Sternenfeld ausmachten.
Und Mara schien in der Lage zu sein, sich kurz in der Macht zu zeigen und dann wieder zu verschwinden, genau wie er. Genau wie Ben.
Er hätte Ben nie beibringen dürfen, wie man das machte.
Die Tatsache, dass Mara nicht mehr als vier Worte gesagt hatte, war das Verwirrendste überhaupt. Jetzt musste er sie auf ein Schlachtfeld seiner Wahl dirigieren. Er konnte Lumiya irgendwo an Steuerbord wahrnehmen, wie sie sich mit hoher Geschwindigkeit bewegte, und er hatte keine Ahnung, wozu die Sith-Sphäre in ihren Händen imstande war. Alles, was er wusste, war, dass die Sphäre uralt war - und alte Technik und rohe Gewalt waren komplexeren Systemen häufig überlegen.
»Ihre Kanzel«, brüllte er. Bens Bericht besagte, dass er in der Sith-Sphäre einen Magnetbeschleuniger benutzt hatte. »Lumiya, knack ihre Kanzel. Schwache Schilde.«
Er brauchte ihr nicht zu erklären, was er damit meinte. Mit einem Mal konnte er einen orangefarbenen Ball sehen, der auf Kollisions-kurs mit ihm heranschoss, und er jagte gerade noch rechtzeitig im 90-Grad-Winkel nach oben, dass er unter ihm hindurchschnellte. Das Nächste, was er hörte, war Lumiyas Stimme, die sagte: »Hüllenbruch! Sie verliert Atmosphäre!«
Als Jacen in einer Schleife wieder zurückkam, sich orientierend, indem er Mara einmal mehr in der Macht wahrnahm, konnte er eine dünne weiße Spur ausmachen, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf das Zentrum der Asteroidenansammlung zubewegte. Mara war getroffen und hatte ein langsam größer werdendes Leck, entweder in der Kanzel oder geradewegs in der Cockpit-Außenhaut, und sie versuchte zu landen, bevor sich der Riss ausbreitete und zu einem explosionsartigen Druckabfall führte. Selbst mit einem Pilotenoverall waren ihre Chancen, das zu überleben, gering.
Sie nahm Kurs auf Kavan. Das passte Jacen ausgezeichnet. Sobald er sie unten hatte, konnte er es mit ihr aufnehmen, denn selbst, wenn sie dann nach Unterstützung rief, wer würde schon jemandem zu Hilfe kommen, der in ein Gefecht mit Jacen Solo verstrickt war? Nicht die Hapaner. Wer würde ihr glauben? Nur eine Handvoll Leute, die viele Stunden weit weg waren.
In ihm war kein Gefühl von Gewalttätigkeit oder Bosheit, aber andererseits empfand er das im Kampf nie. Er verspürte ledig lieh das überwältigende Verlangen, zu gewinnen und zu überleben, und alle anderen Gefühle wurden davon in den Hintergrund gedrängt.
Er wandte seine Aufmerksamkeit Lumiya zu.
»Ist schon in Ordnung, Jacen«, sagte sie. »Ich weiß, was Ihr geheim halten müsst. Ich werde dafür sorgen, dass das auch weiterhin so bleibt.«
»Das wirst du mit Sicherheit«, sagte er und erfasste die Sith Sphäre mit allen acht Protonentorpedos. »Du hast mir beigebracht, so zu sein.«
Jacen feuerte auf sie und fühlte keinen Triumph oder Scham, bloß vorübergehende Erleichterung.
Doch er sah keine Explosion, keinen glühend heißen Feuerball oder eine sich ausbreitende Wolke glitzernder trudelnder Trümmer. Und die Systeme an Bord seines Jägers registrierten nichts.
Wo war sie? War das ein Abschuss oder nicht?
Er würde später nach dem Wrack suchen müssen. Im Augenblick hatte es für ihn Vorrang, Mara Jade Skywalker zum Schweigen zu bringen.
HAPANISCHER RAUM
Ben konnte seine Mutter nicht mehr wahrnehmen, doch er wusste, dass sie nicht tot war. Sie verbarg sich, genau wie er es ihr beigebracht hatte. Auch Lumiya war hier, in dem Sith-Schiff, schoss auf seiner Steuerbordseite davon, doch er hatte nicht vor, die Verfolgung abzubrechen. Sie war der Schlüssel zu alldem. Egal, ob lebend oder tot, sie war der Schlüssel. Ben wusste, dass er imstande war, sie auf die eine oder andere Weise zu erwischen.
Das Schiff sprach in seinem Kopf, so wie es das zuvor schon getan hatte. Vielleicht sprach es auch mit sich selbst, doch sowohl er als auch Lumiya konnten es hören, und es war zutiefst unglücklich.
Er hat versucht, uns irreparablen Schaden zuzufügen.
»Schiff, halt die Klappe«, sagte Lumiya. Ben konnte sie ebenfalls hören, als wäre das Schiff der Ansicht, ihre Antwort ginge auch ihn etwas an. »Er muss überleben, wir nicht.«
Aber die Regel besagt, dass man uns nicht angreifen darf!
Die Sphäre hatte eindeutig beschlossen, dass genug genug war, und jagte in einer Schleife in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war. Ben konnte sie auf seinen Vorderschirmen und den Sensoren sehen, aber ebenso auch in seinem Kopf, und es war so. als würde die Sphäre die Ärmel hochrollen, um demjenigen eine gewaltige Abreibung zu verpassen, wer immer es gewagt hatte, auf sie zu feuern.
»Schiff, abdrehen.«
Ich tue, was ich tun muss.
»Schiff!«
Mit kreischenden Triebwerken versuchte Ben, die Sphäre einzuholen. Im Weltraum gab es kein wirkliches Oben und Unten, aber ihm war, als würde er im Windschatten einer Raptor einen Sturzflug hinlegen.
»Schiff, meine Mom ist dort unten!«, flehte Ben. »Sie hat nicht auf dich gefeuert!«
Wenn die Meister gegeneinander antreten, sollten sie ihre Schüler nicht in ihren Kampf verwickeln.
»Schiff, Jacen hat einen Fehler gemacht. Tu's für mich, sodass ich meine Mom wiederfinden kann. Bitte, schieß nicht.«
Die Sphäre bremste dramatisch ab.
Wer ist der Feind?, fragte das Schiff. Solange ich das nicht weiß, kann ich nichts anderes tun, als auszuweichen und mich zu verteidigen.
»Das ist richtig«, sagte Ben. Shevu hatte ihm erzählt, dass es zur Polizeiarbeit gehörte, Verrückte hinzuhalten. Es ging darum, dass man sie reden ließ, um Zeit zu schinden - sobald Ben das Schiff im Visier hatte, hatte er auch Lumiya. »Schiff, was ist deine Aufgabe?«
Zu kämpfen und die Schüler zu unterweisen und zu beschützen.
»Was glaubst du, was ich bin?«
Ein Schüler.
»Und was ist die, die jetzt bei dir ist?«
Eine Schülerin.
Für Ben begann sich das Bild zu formen, das die Sphäre von der Welt hatte. Sie war jahrhunderte-, möglicherweise jahrtausendelang auf Ziost begraben gewesen. Sie hatte auf ihn reagiert, als er vom Orbit aus ins Visier genommen worden und mit einem verängstigten kleinen Mädchen um sein Leben gerannt war.
»Schiff, was meinst du damit - zu unterweisen?«
Ich lehre Schüler zu kämpfen.
Ben konnte spüren, wie Lumiya mit der Sphäre kommunizierte. Die Stimme des Schiffs in seinem Verstand war klar und deutlich zu verstehen, doch da war noch ein zweiter Strom lautloser Wörter, beinahe wie Störungen wegen überlappender Frequenzen bei einem Kommlink. Sie drängte die Sphäre dazu, auf Ben zu feuern, seine Raumfähre zu rammen, ihn zu töten.
Ja. Ich bin jetzt für die Schüler da, damit sie lernen und ihnen kein Leid geschieht. Das ist meine Aufgabe für die Meister im Kampf.
Plötzlich ergab die Sache für Ben einen Sinn. »Du bist ein Sith-Trainingsschiff.« Es betrachtete ihn als Schüler, weil er in gewisser Weise einer war, doch das mit Lumiya verwirrte ihn. »Warum glaubst du, dass die Frau, die jetzt in dir ist, eine Schülerin ist?«
Weil sie ein wenig über mich weiß. Wie du.
Ben wusste, dass er nicht so klug und intelligent war wie Jacen, doch er war in der Lage, alle Möglichkeiten durchzugehen, um dann die weniger wahrscheinlichen auszuschließen, genau wie seine Mom es immer tat. Er war in der Lage, die Wahrheit hinter edlem zu erkennen, einfach, indem er Frage um Frage stellte.
»Die Schülerin in dir hat auf uns schießen lassen, als wir Ziost verließen.«
Wir haben zurückgeschossen.
Das Schiff erkannte ihn, und es hatte entschieden, dass sowohl er als auch Lumiya Novizen waren, die seinen Rat und seine Fürsorge brauchten. Es hatte seine Mutter daran gehindert. Lumiya auf Hesperidium zu töten, weil das seine Aufgabe war: Schülern beizubringen, wie man kämpft. Ben fragte sich, wie viele Chancen es Sith-Schülern einräumte, bevor es zu dem Schluss gelangte, dass sie Schwächlinge waren, die es verdienten. ums Leben zu kommen.
Es war ihm unmöglich, die Sphäre dazu zu überreden, Lumiya einfach zu töten, und Lumiya konnte sie andersherum auch nicht dazu bringen, ihn anzugreifen. Ben schwebte in keiner konkreten Gefahr - seine Mutter hingegen schon, doch die Gefahr ging nicht von diesem Schiff aus. Jemand anderes wollte sie umbringen.
Er musste seine Mom finden, sank auf Reboam zu, und die Sith-Sphäre begleitete ihn, mit Lumiya darin, außerstande, irgendetwas zu unternehmen.
Ben hatte eine Sith gefangen. Doch er hatte keine Ahnung, wie er das zu seinem Vorteil nutzen konnte.
KAVAN, HAPES-STERNENHAUFEN
Mara setzte den StealthX mitten im Nirgendwo auf und ermahnte sich, dass es lediglich eine Frage der eigenen subjektiven Sichtweise war, ob man der Jäger oder die Beute war.
Zweifellos glaubte Jacen, er habe sie zur Landung gezwungen, sodass er ihr hier unten den Rest geben konnte. In Wirklichkeit war sie notgelandet, um ihn irgendwo hinzubekommen, wo sie ihre Kampfkünste besser zu ihrem Vorteil nutzen konnte.
Es ging bloß darum, wer wen als Erstes fand.
Ich kann das hier jederzeit beenden, wenn ich will.
Da war immer noch die Mara in ihr, die trotz allem, was sie gesehen und gehört hatte, nicht wirklich glauben konnte, dass ihr Neffe gemeingefährlich und hoffnungslos böse war.
Wenn du es nicht tust, wer dann? Und wirst du dir hinterher nicht vorwerfen müssen, nicht gehandelt zu haben, als man ihn noch hat aufhalten können? So wie damals bei Palpatine? Bist du nicht schlau daraus geworden?
Genau deshalb war sie hier. Sie wusste, dass ihr eine sehr schwere Zeit bevorstand, wenn sie ihn tötete, doch sie wusste auch, dass es getan werden musste. Und Jacen dachte vermutlich ebenso. Sie waren vom gleichen Schlag. Keiner von ihnen war dem anderen moralisch überlegen, dennoch wusste Mara. dass sie lieber Jacen tot sehen wollte als Ben oder Luke oder sich selbst. Überleben ... Es war nichts Falsches daran, überleben zu wollen.
Luke streckte in der Macht permanent seine geistigen Fühler nach ihr aus, zunehmend besorgt, und versuchte sie aufzuspüren. Doch sie wagte es nicht, darauf zu reagieren.
Sie packte ihre Tasche, stopfte alles hinein, was sie im Cockpit fand und das sich als Waffe einsetzen ließ, dann suchte sie sich eine Deckung, während sie auf ihrem Datenpad Karten und Übersichten über Kavan aufrief. Der Planet war mit verfallenen Monumenten übersät und von Tunneln durchzogen. Gut. Wenn ich ihn in ein Gebiet locken kann, wo seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, kann er nicht seine gesamten Machtfähigkeiten einsetzen, aber ich habe die Möglichkeit, das Beste aus dem zu machen, was mir zur Verfügung steht. Sie beschloss, sich ihren Weg in das Labyrinth verschütteter Stollen zu bahnen und Jacen dazu zu bringen, ihr zu folgen.
Sie befand sich abseits jedes bewohnten Gebiets, was bedeutete. dass sie auch weit von jeder Hilfe entfernt war. Sie hatte ohnehin nicht die Absicht, welche zu rufen, es sei denn, um seine Leiche wegtragen zu lassen.
Sie verstaute all die Waffen, die sie in ihrer Jacke, an ihrem Gürtel und in ihren Stiefeln mit sich schleppte, und sprintete auf den ersten Tunnel zu, dessen Eingang sie sah. Es wurde von Minute zu Minute einfacher, ihre Präsenz in der Macht zu verbergen. Doch nun musste sie sichtbar sein, ein Leuchtfeuer für Jacen. um ihn zu locken.
Komm und hol mich, Colonel Solo.