11. Kapitel
Eine Eilmeldung: Soeben erreichen uns Berichte, dass der corellianische Premierminister Dur Gejjen auf dem Raumhafen von Vulpter von einem corellianischen Terroristen erschossen wurde. Erste Meldungen besagen, dass der Flughafen nach dem tödlichen Schuss von bewaffneten Einheiten abgeriegelt wurde, bis sich der Attentäter auf dem Landestreifen mitsamt seinem Raumschiff in die Luft sprengte. Mehr hierzu in Kürze.
- HNE-Eilmeldung
SLAVE I, AUSSERHALB VON KELDABE, MANDALORE
Was die Nachrichten betraf, war dies ein sehr interessanter Tag.
Fett hatte seinen Cockpitmonitor auf den Nachrichtenkanal eingestellt und sah sich die Berichte aus dem Rest der Galaxis an. Er hatte all das schon häufig genug mit angesehen, um die Anzeichen von drohendem größerem Chaos zu erkennen.
Normalerweise bedeutete dergleichen eine Zeit guter Honorare und reicher Beute für Kopfgeldjäger. Er aber musste seine Prioritäten ein wenig anders verteilen, und er wartete auf einen Anruf aus dem Büro von Sass Sikili, des Verpinen, zu dessen Aufgaben es gehörte, im Namen von Koche mit Außenstehenden zu kommunizieren. Die Verpinen waren beunruhigt. Fett verstand zwar nicht, wie eine Spezies, die so viele hochwertige technische Meisterleistungen hervorgebracht hatte, unruhig werden konnte, aber so war das mit den Verpinen nun einmal. Ein einziger Insektoide wurde nervös, und durch ihr Schwarmbewusstsein wurden sie es dann alle.
Während er wartete, grübelte Fett über das Attentat nach. Er konnte nicht behaupten, dass ihm das Hinscheiden von Dur Gejjen leidtat. Trotzdem hätte Fett darauf gewettet, dass er länger im Amt geblieben wäre als ein paar kurze Monate, bevor man ihm die unvermeidliche Kugel in den Kopf jagte. Selbst nach den Maßstäben corellianischer Politik war das unangemessen verfrüht. Wer hatte ihn tatsächlich umgebracht? Nicht irgendein corellianischer nationalistischer Hinterwälder, das war sicher.
»Mandalore Fett«, sagte eine Stimme aus dem Komm. Sie war hoch, ein bisschen über Tenor, und surrte mit einem schwachen Widerhall. »Wir haben Ihre Rückkehr mit Freude zur Kenntnis genommen.«
»Gibt es jemanden, von dem Sie wollen, dass er schreiend in Ihren Bau geschleift wird, Sikili?«
»Nicht heute, vielen Dank. Wir haben allerdings ein geschäftliches Angebot für Sie.«
»Ich bin ganz Ohr.«
»Wir hören aufregende Gerüchte über Eisenvorkommen, von denen wir annehmen, dass sie der Wahrheit entsprechen ...«
» Tun sie.«
»... und aus mandalorianischem Eisen können viele höchst erstre-benswerte Dinge hergestellt werden. Wir würden gern etwas davon erwerben.«
»Wir verkaufen gern, in dem Fall, dass wir einen Überschuss für den Export haben.«
»Die instabile Natur der Galaxis in diesen vergangenen Monaten ist uns nicht entgangen, und die Lage wird sich nach dem Ableben von Premierminister Gejjen noch verschärfen, vermuten wir.«
»Ja. Gute Zeiten für den Waffenhandel.«
»In der Tat. Aber ebenso unruhige Zeiten für uns, wenn Murkhana auf unsere Märkte drängt, und nun spricht Kein Stor Ai von Krieg mit Murkhana, was für den Geschmack des Schwarms viel zu nah ist.«
»Ihr habt genügend Spielzeug, um Murkhana und Kern Stor Ai ebenfalls in Asteroidenfelder zu verwandeln. Sikili. die Hälfte von deren Ausrüstung kommt von Roche, also von euch. Spucken Sie schon aus, was Sie wollen.«
»Wir sind ein wahrheitsliebendes Volk, Fett.«
»Ich bin auch wahrheitsliebend. Also lassen Sie uns gemeinsam wahrheitsliebend sein.«
Sikili schwieg einen Moment. Fett konnte das leise Klicken seiner Maulpartien hören. »Jetzt, da Sie Beskar im Überfluss haben, wird sich Ihr Volk wieder bewaffnen, und beim letzten Mal, als Mandalore über reichlich Beskar verfügte, ist Ihr Sektor viel, viel größer geworden.«
Verpinen brauchten immer etwas Zeit, um zu erklären, worauf sie hinauswollten, aber am Ende kamen sie dann doch zur Sache.
»Ihr seid also besorgt darüber, dass wir so weit expandieren könnten, euch zu schlucken«, sagte Fett. »Dass wir in euren Sektor einfallen.«
»Nun, das ist doch die Spezialität Ihrer Rasse.«
»In letzter Zeit bleiben wir lieber zu Hause. Wir genießen es. die Füße hochzulegen und uns Holovideos anzuschauen.«
»Wenn Sie scherzen, beunruhigt das den Schwärm nur noch mehr, weil Sie kein Mann sind, der Scherze macht. Deshalb ...«
Die Sache wurde mühsam, und er wollte Sikilis Charakteranalyse nicht hören. Deshalb unterbrach er ihn mit dem Vorschlag: »Dann unterzeichnen Sie ein Abkommen mit uns!«
»Was für ein Abkommen. Fett?«
»Einen Nichtangriffspakt.«
»Ihr habt nichts von uns zu befürchten, also wollen Sie doch sicher etwas als Gegenleistung, weil Sie ein Söldner sind und ...«
»Kein Söldner, sondern Kopfgeldjäger«, verbesserte Fett.
»Also, was können wir für Ihr Volk tun, damit wir sicher sind?«
»Versorgen Sie uns mit exklusiven Produkten im Austausch gegen unser exklusives Metall. Unsere besondere Fähigkeit ist militärische Stärke, eure Verteidigungstechnologie und Qualitätskontrolle. Da sollten wir uns zusammentun und zusammenarbeiten, vielleicht sogar gemeinsam Projekte entwickeln.«
»Ah, ihr Mandalorianer habt euch schon immer ... die Technologien anderer zu eigen gemacht. Womöglich wollt ihr euch nun unsere mit Gewalt aneignen.«
»Mein Angebot liegt auf dem Tisch. Also was ist?«
Sikili verstummte erneut. Verpinen konnten durch irgendein Organ in ihrer Brust sofort mit allen anderen Schwarm-Mitgliedern kommunizieren. Fett vermutete, dass Sikili den Schwarm zu Rate zog.
»Vorschlag akzeptiert. Wir brauchen die Einzelheiten.«
»Ich werde meinen Leuten sagen, dass sie mit Ihren Leuten reden sollen.« Fett konnte sich die Reaktion darauf auf Coruscant - und auch auf Corellia - lebhaft vorstellen. »Wir freuen uns auf ein langes und produktives Bündnis mit Roche.«
»Wir werden diese freudige und beruhigende Nachricht verkünden. Guten Tag, Fett.«
Das Gute an wahrheitsliebenden Insektoiden war, dass sie ihre Geschäftsangelegenheiten transparent hielten: keine Spielchen. keine Mauscheleien und - normalerweise - kein Aussteigen aus getroffenen Abmachungen. Fett fragte sich, ob er das Ganze zuerst mit den Clans hätte besprechen sollen, doch es war sein Vorrecht, Mandalores Verbündeten auszuwählen, und dass sie sich mit den besten Technologen der Galaxis zusammentaten, würde niemanden verärgern - jedenfalls nicht auf Mandalore. Allen anderen hingegen würde diese Neuigkeit zweifellos den Tag ruinieren.
Dann denken die Leute also, wir rüsten auf. Das tun wir, aber nicht aus den Gründen, die sie annehmen. Das hier könnte ... interessant werden.
Er sicherte die Slave I, eher aus Gewohnheit, denn aus Misstrauen gegenüber seinem eigenen Volk, und fuhr mit dem Speederbike zu dem Waldstück hinauf, wo er die sterblichen Überreste seines Vaters erneut begraben hatte, nachdem er sie auf Geonosis exhumiert hatte.
Auch Ailyn lag hier zur Ewigen Ruhe gebettet, doch Mirta gefiel es offenbar noch immer nicht, dass sie sie nicht nach Kiffu zurückgebracht hatte. Sie schien das Grab hier als vorübergehende Zwischenstation anzusehen.
Er hatte die Gräber mit einfachen Steinen markiert, weil es ihm wichtig war, sie wiederzufinden, auch wenn es ihm noch nie gefallen hatte, Gräber zu besuchen.
Nicht einmal deins, Dad.
Diesmal würde er nicht drum rumkommen. Er hatte keine Ausrede. Er war keine Galaxis weit weg.
All die Male, die ich von Planet zu Planet gereist bin, all die Lichtjahre, die ich zurückgelegt habe, und ich bin nie nach Geonosis gekommen. um dir Respekt zu zollen.
Fett suchte in seinen mandalorianischen Wurzeln flüchtig nach einer Entschuldigung dafür. Beviin hatte ihm immer gesagt, dass es die Rüstung war, die für Mandalorianer zählte, und nicht die vom Geist verlassene, verwesende Hülle. Das habe ich getan, nicht wahr? Ich habe die Rüstung meines Vaters geborgen und nur seinen Körper zurückgelassen. Nomadenhafte Söldner hatten nun mal keine Friedhöfe, und sie konnten keine Leichen mit sich führen. Wahrscheinlich fußte das alles auf reinem Pragmatismus, aber Mandalorianer - mit einigen wenigen Ausnahmen wie dem Mandalores - hatten noch immer keine angemessenen Schreine und Gräber, nicht einmal hier.
Die Lichtung in den Wäldern war ein friedvoller, unberührter Ort, den die Yuuzhan Vong aus irgendeinem Grund nicht zerstört hatten. Hohe silberblättrige Galek-Bäume, Jahrhunderte alt. säumten einen Bereich mit luftigem Moos und kurzem gelbem Gras, was dem Platz selbst an einem bedeckten Tag einen Eindruck von permanenter sonnenbeschienener Ruhe verlieh. Noch bevor Fett mit dem Speederbike landete, sah er Mirta am Grab ihrer Mutter knien. Sie blickte darauf herab, und Ghes Orade, Novoc Vevuts Sohn, blickte auf sie herab. Ihre Helme hatten sie neben sich abgelegt.
Dieses Mädchen hatte eine seltsame Vorstellung von Romantik, aber Orade wirkte wie berauscht von ihr, und vielleicht war ihm nicht mal bewusst gewesen, wohin er ihr hatte folgen müssen. Beide sahen sie sich um und musterten Fett, während er sich näherte und dabei versuchte, nicht auf die Büschel feinblättriger Bernsteinfarne zu treten.
»Sagt mir, wenn ich euch störe«, sagte Fett. Orade schaute zu ihm auf und stemmte sich hoch. »Hier ist der Deal: Brichst du ihr das Herz, breche ich dir die Beine.«
»Abgemacht«, sagte Orade. Er hatte ein blasses Gesicht mit scharf gezeichneten Zügen und einem kurz geschnittenen hellblonden Bart, »Wir sehen uns später, Mirta.«
Mirta sah an Fett vorbei, um zu beobachten, wie Orade ging, erst dann sah sie ihn an. »Ich nehme an. das ist deine Vorstellung von Fürsorge, Ba'buir.«
»Das war mein Ernst«, sagte Fett. »Du bist für mich nicht von Nutzen, wenn du emotional aus dem Gleichgewicht bist.«
»Und wofür brauchst du mich?«
»Tue ich gar nicht. Ich bin bloß gekommen, um Dads Grab zu besuchen.«
Ihr starrer Blick wurde weicher, vermutlich aus Verlegenheit. Dieses eine Mal, da sie gemeinsam um Ailyn getrauert hatten, hatte keine emotionalen Schleusentore geöffnet und ihnen auch nicht das Gefühl gegeben, dass da eine Art Blutsbande zwischen ihnen war, die durch gemeinsames Leid zementiert wurde. Ihre Verbindung zueinander war von Skepsis und Zurückhaltung geprägt, und wahrscheinlich würde sich daran auch nie etwas ändern.
»Ich komme später wieder«, sagte Fett.
»Nein, ich wollte ohnehin gerade gehen.«
»In Ordnung, dann lass uns einfach eine Weile hier stehen, und dann nehme ich dich mit zurück in die Stadt.«
Aus irgendeinem Grund hatte sich Fett nie geschämt, die Liebe zu seinem Vater zu zeigen. Es kümmerte ihn nicht, ob ihn das weich wirken ließ. Die Leute sagten, dass es das nicht tat, aber vielleicht äußerten sie sich nur so, weil sie weiterleben wollten. Er hakte beide Daumen in seinen Gürtel und betrachtete die flache Senke im weichen, moosbedeckten Boden, und dabei wurde ihm bewusst, dass er das Grab mit mehr Erde hätte füllen sollen, damit es nicht absackte.
Ich mache mich gar nicht so übel, Dad. Musstest du jemals Innenpolitik betreiben, als du Mandalore warst, oder hast du bloß gekämpft? Ich nehme an, du weißt, dass ich sterbe.
Dieser letzte Gedanke überraschte ihn. Das Einzige, woran Fett glaubte, war Verwesung und ewiges Vergessen. Er hatte beides so häufig herbeigeführt, dass er wusste, was ihn erwartete. Es war Beviin und sein Gerede über die Manda. das ihn dazu verleit et hatte, dass ihm auf einmal diese dämlichen Gedanken über die Ewigkeit kamen.
»Ich wusste, dass du eigentlich ganz in Ordnung bist, als du das Feuerherz gespalten hast, um die Hälfte davon mit Mama zu begraben«, sagte Mirta leise.
»Ich bin nicht sentimental.«
»Ein wirklicher Schweinehund hätte den Stein in einem Stück gelassen und ihn verhökert.«
Fett ärgerte sich, dass sie seine - wenn auch recht einseitige - Unterhaltung mit seinem Vater störte. »Hätte ich ihn ganz gelassen, hätte jemand womöglich irgendwann die Informationen darin gelesen.« Er richtete sich auf. »Bist du hier fertig?«
Mirta zuckte mit den Schultern, hob ihren Helm auf und bewegte sich auf ihr Speederbike zu. In gewisser Weise war das auch eine Antwort.
Sie machten sich auf den Weg nach Keldabe. Es gab hier keine geraden Straßen. Das machte es viel einfacher. Möchtegern-In- vasoren in Hinterhalte zu locken und festzunageln.
»Was machen eigentlich die anderen mit ihren Leichen?«, fragte Fett.
»Fahr nach links, wenn wir zum Fluss kommen, und ich zeige es dir.«
Mirta schien diese wiedergeborene Mando-Sache sehr ernst zu nehmen. Fett hatte erwartet, dass sie aus der Rolle fallen und vollends zur Kiffar werden würde, wie ihre Mutter, doch sie hatte sich für das andere Extrem entschieden. Hätte er nicht gewusst, dass es nicht das Streben nach Wohlstand war, das sie antrieb, hätte er gedacht, sie würde sich in Position bringen, um sein Vermögen zu erben. Das wäre einfacher zu verstehen gewesen. Im Augenblick hatte er keine Ahnung, was ihr Motiv war.
»Übrigens wurde Gejjen ermordet«, sagte er und zog das Speederbike zur Seite, um dem Verlaut des Kelita-Flusses zu fol-gen. »Habs in den Nachrichten gehört.«
»Gut«, sagte sie. Sie war definitiv seine Enkeltochter. »Schleimiger shabuir.«
»Ich hab das komplette Honorar für Sal-Solo in einen Treuhand-fonds für dich eingezahlt.«
»Danke. Das hättest du nicht tun müssen.«
»Nein, hätte ich nicht.«
»Da ist es.«
»Was?«
»Das Grab.«
Fett konnte nichts erkennen, bloß saftige Auen, flankiert von üppigem Weideland, das selbst nach der Erntezeit noch in kräfti-gen Grün erstrahlte. Sie sagten, das Gebiet hätte den Versuchen der Yuuzhan Vong, die Umgebung zu vernichten, getrotzt, weil das schnell fließende Wasser des Flusses die Gifte flussabwärts getragen hätten. Selbst er erkannte, dass der Boden hier ausgesprochen fruchtbar war. »Wo?«
»Versuchs mit deinem Terahertz-Bodenradar.«
Mit einem Blinzeln aktivierte Fett sein Bodendurchdringungs-radar. Als er das Land dann betrachtete, sah er die Unterschiede in der Dichte und die Einschlüsse weniger kompakter Erde. Außerdem entdeckte er Ansammlungen von irgendwelchen Überresten, die so miteinander verknäult waren, dass er nicht bestimmen konnte, worum es sich dabei handelte.
»Es ist ein Massengrab«, erklärte Mirta.
Fett stoppte das Speederbike. und sie stiegen ab, um sich umzuschauen. Seine Stiefel stampften das nasse Gras platt, und obwohl dies hei weitem nicht das erste Mal war, dass er über eine Ansammlung Toter schritt, fühlte er sich vage unbehaglich.
»Wir haben eine Menge Leute verloren«, sagte er. Mehr als eine Million. Fast ein Drittel der Mandalorianer war bei der Verteidigung des Planeten gestorben. Mirta schien irgendein staatsmännisches Verhalten von ihm zu erwarten, also bemühte er sich darum. »Und es gibt keine Gedenkstätte.«
»Das hier ist kein Kriegsgrab«, sagte Mirta. »Mando´ade werden für gewöhnlich in Massengräbern beigesetzt. Wir alle werden zu einem Teil des Manda. Wir brauchen keinen Grabstein.«
Mit einem Mal ergab die Fruchtbarkeit des Bodens Sinn. Es gab keinen Anlass, organisches Material zu vergeuden.
»Manda.«
»Das kollektive Bewusstsein. Die Überseele. Wir glauben nicht an den Himmel.«
Fett wand sich. »Ich weiß, was das ist.«
»Und wir geben den Lebenden zurück, was wir können. Du als Mand'alor bekommst natürlich ein speziell gekennzeichnetes Grab. Es sei denn, du entscheidest dich dagegen.«
»Vermutlich tut man das bloß, um sicherzugehen, dass der alte Mandalore nicht plötzlich wieder auftaucht, um den Titel nochmals für sich zu beanspruchen.«
»Vielleicht tut man's bloß, um Respekt zu zeigen.«
»Ist dir schon mal in den Sinn gekommen«, fragte Fett, »dass dies nur die logische Folge davon ist, dass wir Mandalorianer ständig unterwegs waren und daher keine Gräber pflegen konnten, obwohl wir eine Menge Leichen loswerden mussten? Und dass das kostenloser Dünger ist?«
Mirta nahm ihren Helm ab, vermutlich, um ihn die ganze Donner-wolke ihrer Missbilligung sehen zu lassen. »Es gibt nichts Tiefgrün-diges, das du nicht zur Banalität degradieren kannst, oder?«
»Ich bin Pragmatiker.«
»Wir sind ein pragmatisches Volk.« Wir. Kiffu hatte für sie aufgehört zu existieren. »Doch es ist nichts falsch daran, das größere Ganze zu sehen.«
»Kann ich mich dem Manda verweigern? Ich habe nicht vor, die Ewigkeit zusammen mit Montross oder Vizsla zu verbringen. Oder nehmen wir auch Gäste von anderen Spezies auf? Wenn wir sie zu Lebzeiten adoptieren, macht es doch Sinn, dass wir sie danach auch bei uns aufnehmen, oder? Aber ... hm, was ist mit dem Rest der Galaxis?«
Mirta schien drauf und dran, ihm irgendetwas Galliges ent-gegenzuspucken, doch dann seufzte sie stattdessen, setzte mit einem Ruck ihren Helm wieder auf und machte kehrt, um zum Speederbike zurückzugehen. Fett grübelte darüber nach, wie lästig es sein würde, wenn es wirklich so etwas wie ein Leben nach dem Tode gab. insbesondere wenn dort jeder hinkonnte. Die einzige Person, die er wiedersehen wollte, war sein Vater. Die übrigen Toten - geliebte und gehasste, aber größtenteils einfach nur ungeliebte und von ihm abgewiesene Typen - konnten ruhig tot bleiben.
Er beschloss, künftig den Mund zu halten. Das war in der Vergangenheit stets die beste Vorgehensweise gewesen, und sinnstiftende Unterredungen waren eines der wenigen Dinge, die er offenbar nicht meistern konnte.
Er folgte dem gewundenen Verlauf des Kelita, glitt über die Mäander und Flussklippen hinweg und brachte sie ins Zentrum von Keldabe. Der uralte Fluss bahnte sich wieder Schritt für Schritt seinen ursprünglichen Weg, indem er geduldig an den Ufern nagte, und es hatte den Anschein, als würde eine einzige solide Flut genügen, um die schmalen, ins Wasser ragenden Bodenzungen wieder wegzuspülen. Eine rasche Überprüfung mit dem Bodenradar seines Helms zeigte ihm ausgetrocknete Flussarme, die sich wie Hufab-drücke in das Land zu beiden Seiten pressten. Bis die Krabbenbengel aufgetaucht waren, war Mandalore so gewesen, wie es schon vor der Ankunft der Menschen gewesen war: urtümlich und wild. Fett hasste die Yuuzhan Vong. weil sie das ruiniert hatten.
Novoc Vevut, Orades Vater, baute und reparierte Waffen. Er befand sich im Hof der Werkstatt, die ihm zugleich als Haus diente, und bearbeitete Blasterteile. Fett landete das Speederbike am Eingang der Werkstatt, und Mirta glitt vom Sattel.
Vevut schob sein durchsichtiges Schutzvisier hoch und schenkte ihnen beiden ein breites Grinsen.
»Ah, schön zu sehen, dass ihr zwei zusammen was unternehmt«, sagte er. »Osi'kvr, Fett. Sind wir also bald miteinander verwandt?«
Mirta sah ihn mit einer Warme an. die sie ihrem eigenen Großvater nicht entgegenbrachte. Fett war nicht klar gewesen, wie weit die Beziehung zu Vevuts Sohn bereits fortgeschritten war. »Wenn Rüstungen aus Beskar so gut sind, wie kommt es dann, dass du so viele Narben hast, Buir'!«, neckte sie ihn. »Hast du vergessen, deinen Helm aufzusetzen?«
Sie hatte ihn Papa genannt. Vevut grinste. »Ich hab mich beim Rasieren geschnitten.«
»Mit einem Trandoshaner.«
»Heirate Ghes, und ich mache für dich einen Blaster, mit dem du einem Dutzend Trandoshanern mit einem einzigen Schuss die Köpfe wegpusten kannst.«
»Du weißt, was Mädchen hören wollen«, sagte sie, nahm ihren Helm ab und zog ihre Stiefel aus, bevor sie im Haus verschwand.
Vevut bürstete glänzende Feilspäne von der Werkbank. Seine langen, wolligen schwarzen Flechtzöpfe waren mit einem Stück Schnur zurückgebunden, während er arbeitete, doch die goldenen Klammern, die wie Trophäen darin eingearbeitet waren, schepperten und klirrten, wenn er sich bewegte. Zusammen mit den auffallenden Narben auf seiner ebenholzschwarzen Haut wirkte er dadurch ungemein kampfgestählt. Beviin sagte, das Gold hatten ihm seine Abschüsse im Laufe der Jahre eingebracht, und dass er es eingeschmolzen hatte, um daraus die Zierklammern herzustellen. Dagegen wirkten Fetts geflochtene Wookiee-Skalps bescheiden.
»Als ich Ghes adoptiert habe«, sagte Vevut, ohne seinen Blick von der Werkbank zu heben, »ist es uns anfangs auch schwergefallen, einander zu akzeptieren.« Er feilte funkelnde Späne von dem Metallstück, das er in Form brachte, und hielt es hoch, um die Kanten zu überprüfen. »Und da kannte ich ihn schon sein ganzes Leben lang. Seine Eltern waren meine Nachbarn. Bloß weil Mirta dein eigen Fleisch und Blut ist, bedeutet das nicht, dass du es mit ihr einfacher haben wirst.«
»Ich werde das im Hinterkopf behalten.«
»Irgendwelche Einwände gegen Orade?«
»Mirta ist schon einiges älter als dreizehn. Sie kann ihre eigenen Entscheidungen treffen.«
»Er ist ein guter Kerl.«
»Ich weiß.« Fett gestand sich ein, dass er selbst unfähig zu einer Partnerschaft war. Da sollte er sich in dieser Hinsicht lieber nicht in die Entscheidungen seiner Enkelin einmischen. Allerdings hatte er es ernst gemeint, als er Orade androhte, ihm die Beine zu brechen, wenn er ihr das Herz brach. Das war ein väterlicher Reflex, der aus dem Nichts kam. »Ich habe heute ein Geschäft mit der Verpinen-Regierung abgeschlossen. Wir haben jetzt einen Nichtangriffspakt mit Roche, unter der Voraussetzung. dass sie ihre Technik mit uns teilen.«
Vevut hörte auf, an den Kanten des Metallstücks herumzufeilen. »Hey, und dabei habe ich nicht einmal gehört, dass wir irgendwelche Schüsse abgefeuert hätten ...«
»Dafür haben sie das Wort Beskar gehört.«
»Dann, glaube ich, stehen uns gute Zeiten bevor, Mand`alor.«
»Wenn du dabei sein willst, wenn wir mit ihnen über Waffen reden, wären deine Ansichten sicher hilfreich.«
»In Ordnung. Ich werde mein Insektenspray als Zeichen des Respekts zu Hause lassen.«
»Ich sollte es den Clans lieber erzählen. Für den Fall, dass irgendjemand vorhat, sich von Kern Stor Ai anheuern zu lassen. Darüber wären die Verpinen mit Sicherheit verärgert.«
Es war eine gute, entspannte Art und Weise, eine Nation zu führen. Fett verbreitete die Neuigkeit über sein Datenpad und wartete auf Einwände, ohne irgendwelche zu erwarten. Abgesehen von Fragen wie der, wie hoch wohl ihr Rabatt beim Kauf maßgefertigter Verpinen-Waffen sein mochte, nahmen die Clanführer die Nachricht ohne Entgegnung auf.
Es war, als würden sich die Mandalorianer ihre ganze Leidenschaft für zwei Dinge aufsparen: für ihre Familien und für ihre Kriege.
Fett kehrte längs des Flusses zu Beviins Farm zurück und hielt an. um den Blick erneut über das gewaltige Massengrab schweifen zu lassen.
Die meisten Spezies empfanden die Beschreibung nicht gekennzeichnetes Massengrab als grauenvoll, das schlimmstmögliche Lebensende. Und trotzdem entschieden sich Mandalorianer ganz bewusst dafür. Fett, der trotz seines Ehrentitels auf dem Scheitelpunkt zwischen Mando und aruetii stand, versuchte, sein Volk so zu sehen, wie die aruetiise es sah, versuchte, die Angst vollends zu begreifen, die einige wenige Millionen von ihnen bloß dadurch erzeugten, dass es sie gab. Wenn er ganz objektiv war, sah er eine Invasionsarmee vor sich, die ganze Rassen auslöschte, galaktische Kriege führte, alles vernichtete, das ihnen im Weg stand. Und er sah Söldner und Kopfgeldjäger, emotionslose, maskierte Händler des Todes. Das Bild von ihnen, das in die kollektive galaktische Psyche eingebrannt war, war das gewalttätiger Wilder, Diebe und Plünderer, deren vorübergehende Loyalität jedem außer dem eigenen Volk gegenüber zwar gekauft werden konnte, der man sich aber nie wirklich gewiss sein konnte.
Tatsächlich stimmte das sogar - abgesehen von dem Teil über Loyalität. Die meisten Leute begriffen nicht, was einen Kontrakt wirklich ausmachte.
Und sie kannten die Mandalorianer auch nicht in Friedenszeiten. Nun, das war auch nicht vielen Mandalorianern vergönnt. Dies war eine ruhelose Galaxis.
Fett fand sich damit ab, dass er in einem Niemandsland existierte - zu Mando für einen Außenstehenden, aber nicht Mando genug für die meisten Clans. Er kehrte zur Slave I zurück, die noch immer der sichere Hafen war, in dem er am liebsten schlief. Er hoffte, dass Beviin deswegen nicht beleidigt war. Sich um die Gefühle anderer zu sorgen, war für ihn ein Novum, und Fett wusste, was Beviin hinsichtlich seiner Psyche sagen würde, dass er lieber in einem Raumschiff schlief, obwohl ein gemütliches Haus - jede Menge Häuser - verfügbar war.
Als Fett das Schiff erreichte und die Einstiegsluke mit der Fernbedienung entriegelte, stellte er fest, dass man ihm eine Nachricht hinterlassen hatte. Man hätte sie auch direkt an sein HUD senden können, doch Jaing Skirata tat die Dinge auf seine eigene eigenwillige Weise.
WIE ICH HÖRE, HAST DU DAS RICHTIGE FÜR MANDALORE GETAN. ICH WERDE DAS RICHTIGE FÜR DICH TUN.
Also hatte sich Fett doch nicht in ihm getäuscht. Er ließ seine Dosis Kapseln in die Handfläche fallen und spülte sie mit einer Mischung aus Wasser und dem Cocktail flüssiger Medikamente herunter, den Beluine ihm verordnet hatte. Die Arzneien verlangsamten nur seinen Verfall, hielten ihn jedoch nicht auf.
Aus Jaings Botschaft ging nicht hervor, ob er Erfolg gehabt hatte.
Der Tod ist ein Ansporn, keine Bedrohung. Du hast noch immer Dinge zu erledigen, bevor du zu Dünger wirst. Du musst sie bloß früher erledigen als geplant.
Fett schaltete den Bildschirm in seinem beengten Quartier ein und lehnte sich mit einer Packung Trockennahrung zurück, um sich die Nachrichten anzusehen: Corellia stand am Rande des Zusammenbruchs, und die Verpinen-Regierung von Roche erklärte, dass man sich in Gesprächen mit Mandalore auf einen gegenseitigen Hilfs-und Handelsvertrag geeinigt habe.
Fett holte das schwarze Buch hervor, das ihm sein Vater hinterlassen hatte. Er hatte sich jede darin aufgezeichnete Botschaft schon mehr als hundert Mal angehört und seines Vaters Gesicht darin studiert. Immer, wenn er fürchtete, es zu vergessen, nahm er das Buch und spielte die Nachrichten wieder ab.
Er hatte nichts vergessen: keine Pore, kein Haar, keine Falte. Doch er prägte sich trotzdem alles noch einmal ein und beschloss, dass morgen ein sehr guter Tag war, um mit dem Bes`uliik an die Öffentlichkeit zu gehen.
JEDI-RATSKAMMER, CORUSCANT: KRISENSITZUNG
»Das«, sagte Meisterin Saba Sebatyne, »würde belegen, dass die Allianz nichts mit Gejjens Tod zu tun hat. Sein Ableben war unnötig.«
Luke konnte es ihr nicht verübeln, dass sie voreilige Schlüsse zog. Das war auch sein erster Gedanke gewesen, und sein zweiter war, dass die Agenten der GA - oder vielleicht sogar Jacen - bei der Sache ihre Hand im Spiel hatten. Doch es hatte den Anschein. als hätte sich der Attentäter in seinem Schiff verschanzt und es dann in die Luft gejagt, ein auf Corellia registriertes Schiff, das vollkommen mit Hinweisen, die auf Corellia deuteten, zugepflastert war. Luke hatte schon verrücktere Dinge gesehen als das. Das Ganze sah wie die Tat eines Fanatikers aus und war nur allzu alltäglich.
»Es gibt jede Menge Corellianer, die Gründe hatten, Gejjens Tod zu wollen«, sagte er. Wo war Mara hin? Halb erwartete er, dass sie mit großen Schritten durch die Türen marschieren würde, Lumiyas Kopf triumphierend in den Händen haltend. »Ich werde meine eigenen Nachforschungen anstellen.«
Corran Horn schaute von seinen zusammengefalteten Händen auf. die er mit äußerster Konzentration studiert hatte. Es konnte für ihn nicht leicht gewesen sein, wie man seinen Heimatplaneten mit Beschuldigungen und Schuldzuweisungen überhäuft hatte. »Es geht weniger darum, wer es tatsächlich getan hat, als vielmehr darum, von wem die verschiedenen Gruppierungen glauben, wer dahintersteckt, und das wird sich nicht von etwas so Irrelevantem wie nackten Tatsachen beeinflussen lassen.«
»Nun, ich muss es wissen, und ich will es nicht von HNE erfahren«, sagte Luke. »Kyp, kannst du während unseres Treffens die Schlagzeilen im Auge behalten?«
»Das waren noch Zeiten«, sagte Kyp Durron, »als die aktuelle Regierung den Jedi-Rat regelmäßig über alles informiert hat und wir nicht auf die Medien angewiesen waren.«
Ja, Luke war ebenfalls aufgefallen, dass der Rat nicht länger auf dem Laufenden gehalten wurde. Er kehrte wieder zum Hauptthema zurück. »Also, was, wenn wir es waren?« Bislang war es allen gelungen. Jacen nicht zu erwähnen.
Kyle Katarn meldete sich zu Wort. »Ist die Ermordung von Staatschefs rechtmäßig?«
»In einem Krieg, glaube ich, durchaus.«
»Für Omas ist das ein guter Zeitpunkt, dass er verreist ist«, meinte Katarn. »Wäre ich ein paranoider Typ, würde ich sagen, es ist schon gruselig, dass er zur gleichen Zeit, da Gejjen erschossen wird, mit unbekanntem Aufenthaltsort auswärts weilt. Man sollte ihn auf ballistische Rückstände hin untersuchen, wenn er wieder zurück in sein Büro kommt.«
»Über so etwas macht man keine Witze«, sagte Kyp.
»In Ordnung, tut mir leid. Aber Omas' Timing ist wirklich lausig.«
Luke fand, dass es Niathal lobenswert gut gelungen war, in den Medien ruhig und besonnen zu wirken. Es war einige Stunden her, seit die Neuigkeit die Runde gemacht hatte, und seitdem hatten die Nachrichtenkanäle jeden Analytiker, Politiker und Lufttaxipiloten zu Wort kommen lassen, der jemals irgendeine Meinung zu Dur Gejjen gehabt hatte. Niathals Auftreten, ziemlich stattlich in ihrer weißen Uniform, war beeindruckend gewesen. Sie sah aus, als wäre das Amt der Staatschefin bloß ein weiterer Job, den sie erledigte, weil alle anderen gerade zu beschäftigt dafür waren. Sie hatte eine Menge Punkte gesammelt.
Und Luke hatte noch keine Gelegenheit gehabt, Han oder Leia anzurufen. Das war seine nächste Aufgabe, sobald er dieses Treffen hinter sich hatte. Falls überhaupt irgendjemand wusste, was tatsächlich vorging, dann sie.
Komm schon, Mara. Wo steckst da?
»Also, inwieweit verändert das die Dinge?«, fragte Kyle. »Wer wird die Konföderation jetzt anführen? Bleibt das weiterhin die Sache der Corellianer?«
»Möge uns die Macht davor bewahren«, sagte Corran, »dass es die Bothaner sind.«
Luke wartete noch immer auf eine Nachricht von Niathal. Der Jedi-Rat gehörte nicht zur Regierung, und während Omas fort war, würden sie keine zeitnahen Antworten bekommen. Luke wurde bewusst, wie fragil und informell die Beziehung zwischen der Regierung und dem Rat auf einmal war. wenn andere Leute die Zügel in der Hand hatten.
»Bloß, um der Angelegenheit noch etwas Würze zu verleihen:
Die Mandalorianer haben sich mit den Verpinen verbündet.« Dem glasigen und defokussierten Blick seiner Augen nach, verfolgte Kyp über seinen Ohrhörer die Nachrichten. »Wonach hört sich das für euch an?«
Luke dachte an Fetts tote Tochter, an der er Jacen die Schuld gab. Der Mandalorianer hatte sich in dieser Angelegenheit auffallend ruhig verhalten. Besorgniserregend ruhig.
»Sie rüsten auf«, sagte Luke.
»Sie sagten, sie würden neutral bleiben«, sagte Durron.
Kyle schüttelte bedächtig den Kopf und schnippte einen nicht existierenden Fussel von seinem Gewand. »O ja, würde die Geheimpolizei der GA meine längst verloren geglaubte Tochter zu Tode foltern, würde ich auch neutral bleiben. Das wäre das Erste, was mir in den Sinn käme - mich umzudrehen und mich sehr, sehr neutral zu verhalten.«
»Man muss nicht auf einer von zwei Seiten stehen, um aufzurüsten, oder sich auch nur an einem Krieg beteiligen wollen«, erklärte Luke.
Noch immer hatte niemand das J-Wort gesagt. Doch Luke konnte den Namen im Hinterkopf eines jeden vernehmen.
»Nun, einige Fakten sind uns bekannt.« Kyle zählte sie an seinen Fingern ab. »Erstens: Mandalorianer sind nicht unbedingt für ihr sozialverträgliches Wesen und ihre mitfühlende Art bekannt. Zweitens: Sie verfügen über einen brandneuen Vorrat ihres besonderen Eisens, um daraus Kriegsgerät herzustellen. Drittens: Das Bündnis mit den Verpinen macht sie zum mit Abstand größten Produzenten für moderne Waffentechnologie. Viertens: Wie ich höre, sind sie immer noch erzürnt darüber, dass sie nach dem Krieg keine Wiederaufbauhilfen erhalten haben, obwohl sie sich für die Neue Republik gewaltig weit aus dem Fenster gelehnt haben.«
»Das ist nicht gut, oder?«, sagte Corran.
»Ich wette, in den nächsten paar Tagen werden sie sich mit Corellia zusammentun.«
»Angeblich soll Fett Sal-Solo ermordet haben, oder zumindest ist einer seiner Mando-Schläger dafür verantwortlich. Wo stehen sie also?«
Luke hatte von Han die wahre Geschichte erfahren. Noch nie hatte er die guten alten Tage der Rebellion gegen das Imperium, in denen alles so eindeutig zwischen Guten und nachweislich Bösen unterteilt gewesen war, so sehr vermisst wie in diesem Augenblick. Das Problem damit, das unzweifelhaft Böse auszumerzen, bestand darin, dass das Vakuum, das es hinterließ, von allen möglichen Arten nebulöser Bedrohungen, Rivalitäten und Fehden gefüllt wurde. Es wurde zunehmend schwieriger, zu beurteilen, von wo die Gefahr tatsächlich kam.
Wäre das Ganze nicht so tief in der Natur der meisten Spezies verwurzelt gewesen, hätte Luke eine Verschwörung der Sith vermutet. Das hätte alles so viel einfacher gemacht.
»Ich denke, wir sollten sowohl der GA als auch Corellia Jedi-Meditation anbieten, soweit es das Attentat betrifft«, sagte er. »Ich weiß, dass das inmitten eines Krieges seltsam klingt, aber es gibt Kriege mit Regeln, und dann gibt es Kriege, in denen alle Mittel erlaubt sind, und wir müssen ...«
Die Türen öffneten sich, und Mara kam herein. »Verzeiht die Verspätung. Ich bin über einige Probleme gestolpert.«
Luke starrte entsetzt auf ihr Gesicht. Sie hatte ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe und ihrer Körperhaltung nach schmerzten ihre Rippen. Sie ließ sich mit langsamer Vorsicht in ihren Sessel nieder.
»Sieht eher so aus, als wärst du über eine Panzerdivision gestolpert«, sagte Kyp mit weit aufgerissenen Augen. »Was ist mit dir passiert, und wo sollen wir die Blumen für den anderen Kerl hinschicken?«
»Dabei habe ich doch schon eine Heiltrance hinter mir.« Sie lächelte, und es war ein aufrichtiges Lächeln, doch dahinter befand sich eindeutig auch Besorgnis. Luke konnte es fühlen. Er war drauf und dran, das Treffen auf der Stelle abzubrechen. Warum hatte er nicht gespürt, was ihr zugestoßen war?
»Tut mit leid, euch zu unterbrechen«, fuhr sie fort. »Ich nehme an, es geht um die Folgen von Gejjens Tod.«
»Und über die mandalorianische Aufrüstung.«
»Vergesst das bitte mal einen Moment lang«, sagte Luke. »Mara, ich muss wissen, was geschehen ist.«
»Vielen Dank, Schatz, dass du dich danach erkundigst. Mir geht es bestens. Bloß eine Fleischwunde.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, allerdings wohl eher über sich selbst. »Ich habe Lumiya aufgespürt. Lind glaub mir, ihr Zustand jetzt ist übler als meiner.«
»Und?«
»Die Situation ist unter Kontrolle.«
»Wo ist sie?«
»Ich verfolge sie momentan mithilfe eines Peilsenders zu ihrem Versteck.«
Alle elf Ratsmitglieder warteten in völligem Schweigen auf Maras nächste Worte. Sie sah die anderen Jedi um sich herum an, verdrängte Lukes unausgesprochene Frage und Besorgnis aus ihrem Denken und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Luke konnte nicht genau bestimmen, warum, aber unter ihrer Fassade brodelte es gewaltig.
»Ihr solltet mich nicht so anstarren«, sagte sie. »Ich diskutiere nicht darüber, ich bringe diese Mission allein zu Ende.«
»Mara hat gesprochen«, sagte Kyp. »Aber das hindert mich nicht daran, zu fragen, wo Lumiya ist und was sie im Schilde führt.«
»Netter Versuch, aber du kannst gerne losziehen und dir deinen eigenen geistesgestörten Dunkelseiter suchen«, entgegnete Mara, »denn Lumiya gehört mir.«
Corran schenkte Luke ein wissendes Lächeln. »Ihr geht's gut.«
Mara war zweifellos mit irgendetwas zufrieden, doch etwas anderes gefiel ihr noch deutlich weniger. Luke würde später herausfinden, was. Er setzte die Zusammenkunft fort.
»Können wir hier und jetzt tatsächlich etwas in Bezug auf die Gejjen-Krise unternehmen?« Im Kreis ertönte ein Chor aus widerwilligen Verneinungen. »Dann ist alles, was wir tun können, die Situation im Auge zu behalten. Außerdem liegt mir ein Ersuchen von Omas' Sekretär vor, der darum bittet, dass ich mich mit Omas treffe, sobald er zurück ist.«
»Du weißt, was passiert, wenn Staatsoberhäupter während einer Krise fort sind«, merkte Kyp an. »Sie beziehen in den Umfragen Prügel, und das ist dann der Anfang vom Ende. Machen wir das Beste aus unserer Verbindung zu Omas, solange wir noch können.«
»Wer von uns steht Niathal am nächsten?«
Alle drehten sich um, um Cilghal demonstrativ anzusehen. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, um Luke mit einem Auge zu mustern. »Bloß weil wir beide Mon Cals sind, Luke, bedeutet das nicht, dass zwischen uns automatisch Harmonie herrscht. Wir kommen aus unterschiedlichen Denkschulen.«
»Ihr seid Ackbars Nichte, und ich wette, bei einer Mon-Cal- Admiralin zählt das eine Menge.«
»Dann werde ich mein Bestes tun.«
Das Treffen war vorüber, doch Mara blieb sitzen. Corran tätschelte ihr beim Vorbeigehen den Kopf wie ein nachsichtiger Onkel und schwenkte dann schweigend einen warnenden Finger: Zahl ihr das mit dem blauen Auge heim. Luke wartete, bis alle draußen waren, und er ging zu Mara. um sich vor ihr hinzukauern und seine Hände auf ihre Knie zu legen.
»Ich lasse nicht zu, dass du so was für mich einstecken musst.«
»Ich habe ihr eine Kopfnuss verpasst, das ist alles. Metallkiefer, nicht-metallischer Kopf.«
»Wenn du so nah rangekommen bist, wie konnte sie dann entkommen?« Oh, schlechte Frage. Luke bereitete sich auf einen neuerlichen Rüffel hinsichtlich seines Händchenhaltens vor. »Ich meine ...«
»Ich glaube, sie hatte einen Droiden bei sich. Irgendetwas hat mich jedenfalls von hinten angesprungen, und es war nichts Organisches.« Mara zeigte ihm ein verfärbtes Mal wie von einer Seilabschürfung vorn an ihrem Hals. »Was auch immer es war. es kann ein Metallkabel ausspucken. Und sie hat dieses verrückte kugelförmige Raumschiff, wie ein körperloses orangefarbenes Auge.«
»Findest du nicht, dass all das gute Argumente dafür sind, sie nicht allein zu jagen?«
»Sie will, dass ich sie einhole. Nächstes Mal werde ich mehr als bereit sein - und es wird ein nächstes Mal geben.«
Er hatte es ihr versprochen. Wenn irgendjemand es mit Lumiya aufnehmen konnte, dann Mara, und er wusste, dass er seine eigene Fixierung auf Lumiya aus seinen Gedanken verbannen musste - dass er aufhören musste, davon sein Urteilsvermögen trüben zu lassen. Er würde Mara noch etwas mehr Zeit geben, auch wenn er sich fragte, wie er sich fühlen würde, wenn sie erneut so angeschlagen oder vielleicht schwerer verletzt nach Hause kam.
Dunkle Jedi zu jagen war wesentlich schwieriger und zeit-aufwändiger, als ihm lieb war. Manchmal fragte er sich, warum Lumiya und Alema so viel schwieriger aufzuspüren und auszuschalten waren als das gesamte Imperium. Nun, eigentlich lag die Antwort darauf auf der Hand: Allein durch seine schiere Größe und Ausbreitung war das Imperium überall gewesen.
Es war schwer, nicht darauf zu stoßen, doch zwei Jedi mit Tarnfähigkeiten konnten in einer riesigen Galaxis sehr gut untertauchen. Man musste sie dazu bringen, dass sie zu ihm kamen - oder zu Mara.
»Aber heute zum Abendessen bist du wieder zu Hause«, sagte Luke. »Arbeite nicht wieder die ganze Nacht durch.«
»Glaub mir, ich werde zu Hause sein«, sagte sie. »Ich mache mich jetzt nämlich auf den Weg dorthin.«
»Und ich werde mir anhören, was Han und Leia in Bezug auf Gejjen zu sagen haben, und dann werde ich im Senat auf Omas warten.«
»Wenn ich um Mitternacht immer noch mit einem Teller kaltem Nerf-Auflauf zu Hause auf dich warten muss ...«
»In Ordnung. Abendessen um acht. In Permabeton gemeißelt.«
Zusammen mit ihr ging Luke schweigend den Korridor hinab, und sie schenkte ihm ein verschwörerisches Grinsen, als sich die Hälften der Turbolifttür schlössen. Er aktivierte sein abhörsicheres Kommlink und rief Han an.
»Ich trage keine Trauer«, sagte Han auf seine absolut kaltschnäuzige, charmante Art. Luke wusste, dass er nichts auf Gejjen gab und es nie getan hatte: Es war schwer, einen Mann zu beweinen, der einen aufgefordert hatte, seinen eigenen Cousin zu töten, selbst wenn dieser Cousin ein erstklassiger Mistkerl gewesen war. »Kein Grund, meine Gefühle zu schonen. Es war bloß eine Frage der Zeit, bis er sich einen Kopfschuss einfängt.«
»Wie ist die öffentliche Stimmung drüben bei euch?«
»Es hat nicht gerade einen Ansturm auf Trauerkleidung gegeben, aber die Leute sind nervös.«
»Und wer hat in Coronet jetzt das Sagen?«
»Sie prügeln sich noch darum. Fürs Erste wird's ein Komitee sein.«
»Wer, glaubst du, war es?«
»Die größte Herausforderung von CorSic ist die, wie sie die Scharen von Verdächtigen handhaben sollen. Nicht, dass sie irgendwelche ausgraben müssten - hier haben bereits zwei verschiedene Terrorgruppen die Verantwortung für den Anschlag übernommen. Ja, wir haben so was ebenfalls.«
»Mir ist nie bewusst gewesen, wie uneins ihr alle seid.«
»Wenn es um Corellia geht, sind wir nie uneins. Bloß bei der Frage, wer es führen soll.«
»Geht es dir und Leia gut?«
»Ja, wir sind in Ordnung, und nein, ich verrate dir nicht, was wir im Augenblick machen. Hör auf, dir darüber Gedanken zu machen.«
Fast hätte Luke erwähnt, dass auch die GA als Auftraggeber für den Anschlag in Frage kam. Es war nichts Ungewöhnliches, einen Mordanschlag zu verüben und es nach einer anderen Fraktion aussehen zu lassen, um die größtmögliche Zwietracht zu säen. Doch er überlegte es sich anders, weil das Ganze nach Jacen roch, und Han brauchte nicht zu wissen, dass sein bester Freund seinen Sohn verdächtigte, die Hand im Spiel zu haben, so fremd sie einander auch geworden sein mochten. Seinen Freunden gegenüber war es am besten, zunächst mal einige Dinge zu bereinigen. Sobald Lumiya zu Fall gebracht worden war, würde Luke seine Zeit darauf verwenden, Jacen wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. Das war das Mindeste, das er für Han tun konnte.
Omas hätte sich keinen schlechteren Tag aussuchen können für seine Reise. Es war schlimm genug, dass es Gejjen nicht mehr gab, denn er war wenigstens eine bekannte Größe gewesen, und Luke hatte sich an seine Denkweise gewöhnt. Wenn es nun auch um Omas' Zukunft schlecht bestellt war ... Nun, das war eine Unbekannte zu viel.
MILITÄRRAUMHAFEN, CORUSCANT
Noch lange, nachdem die Bodenmannschaft die Landestützen gesichert hatte und die Triebwerke völlig abgekühlt waren, saß Ben im Frachtraum des Raumschiffs.
Es war beinahe tröstlich, die Schottwand gegenüber anzustarren, und er hatte fast Angst davor, den Blick davon abzuwenden. Wenn er das tat. würde die betäubende Meditation, in die er sich geflüchtet hatte, aufbrechen, und dann musste er denken.
Jori Lekauf war tot. Das war eine der Tatsachen, die er nicht begreifen konnte, obwohl er mit angesehen hatte, wie es passiert war. In der Nacht zuvor war der Bursche noch gesund und munter gewesen, sogar noch vor Stunden, und nun existierte er nicht mehr. Ben konnte einfach nicht glauben, dass er tot war.
Dabei ging es um mehr als die biologischen Fakten, und das wusste er nur zu gut. Die ehemaligen CSK-Offiziere in der GGA hatten ihm faszinierende Geschichten über die Forensiklabore der Polizei erzählt, aber zu wissen, wie man den Tod brachte und wie er aussah, änderte nichts an der Tatsache, dass sein Freund für immer fort war und dass er ihn nie wiedersehen würde, und alles, was Jori Lekauf zu einem Teil des Gefüges des Universums gemacht hatte, zu jemandem, der etwas bedeutet hatte, schien verloren.
Und das war Bens Schuld. Lekauf war gestorben, um ihn zu schützen.
»Komm schon. Ben. Die Techniker wollen anfangen, diese Kiste auseinanderzunehmen.« Captain Shevu stand im Schott.
Ben hatte das Gefühl, dass sich die ganze Welt in ihre Einzelteile auflösen würde, wenn er sich bewegte. »Ich bin in einer Minute so weit.«
Shevu wartete einen Moment, dann kam er herüber, um sich zu ihm zu setzen. Ben vermutete, dass Shevu vermutlich harscher mit ihm umgegangen wäre, wäre er ein erwachsener Mann gewesen, doch er glaubte, dass Ben immer noch ein Kind war, zu jung, um auf eine Mission dieser Art geschickt zu werden, ganz gleich, ob er nun ein Jedi war oder nicht. In vielerlei Hinsicht hatte Shevu recht. Andererseits war niemand jemals alt genug, um einen Freund zu verlieren, ohne dass ihm der Schmerz bis mitten in die Brust drang. Sollte Ben je so alt werden, würde er nicht weiterleben wollen.
»Wir von den Sondereinsatzkräften verlieren nicht viele Soldaten. Das macht es härter, wenn es dann mal doch geschieht, denke ich. Für mich ist es jedenfalls hart.«
Ben rang mit sich, ob er darüber reden sollte oder nicht. Er nahm einen Atemzug und wartete darauf, dass alles um ihn herum in Stücke sprang.
»Er hätte nicht sterben müssen, Sir.« Sobald er seine eigene Stimme hörte, hatte Ben das Gefühl, nicht atmen zu können. »Er hätte starten können. Wir hätten fliehen oder uns sogar gefangen nehmen lassen können, und der Job wäre trotzdem immer noch erledigt gewesen.«
»Ben ... Unsere Befehle lauteten, es nach einem corellianischen Schisma aussehen zu lassen und uns nicht erwischen zu lassen oder eine Spur zu hinterlassen. Wir können es uns nicht leisten, dass Jedi als Attentäter gebrandmarkt werden, besonders nicht du. Wir mussten dich da wegschaffen.«
»Ich hätte gar nicht dabei sein müssen. Jeder beliebige Soldat hätte den Auftrag ausführen können. Ich wollte meine Pflicht erfüllen, aber wenn ich es nicht gewesen wäre, wenn Jori nicht das Gefühl gehabt hätte, meine Identität schützen zu müssen, wäre er noch am Leben.«
»Ben, was glaubst du, wäre mit ihm geschehen, wenn sie ihn nach Corellia gebracht hätten?« Shevu senkte die Stimme. »Du hast gesehen, was wir hier mit Gefangenen machen. Denkst du, so etwas passiert nicht auch in Coronet?«
»Na und, was wäre denn schon gewesen, wenn man mich erwischt hätte? Hätte das meinen Vater gedemütigt? Hat Jori sein Leben dafür gegeben, nur damit Dad nicht sauer auf mich ist?«
»Ich könnte dir eine ganze Liste mit Gründen geben, warum es für die GA wichtig ist, dass Corellia denkt, dass es einer von ihnen getan hat. Aber im Augenblick willst du davon ohnehin nichts hören.« Shevu stand auf und bedeutete Ben mit einem Winken, ihm zu folgen. Es war ihm ernst damit. »Es gibt Anti-Gejjen-Fraktionen, die die Verantwortung für den Anschlag übernehmen, also ist die Mission gutgelaufen - strategisch gesehen. Jetzt geh nach Hause, und nimm dir ein paar Tage frei. Falls du es nicht ertragen kannst, bei deiner Familie zu sein oder ... oder bei Colonel Solo, komm rüber zu mir. Meiner Freundin macht das nichts aus.«
Es war das erste Mal, dass Shevu andeutete, es wäre nicht unbedingt das Beste für Ben, sich in Jacens Nähe aufzuhalten. In diesem Augenblick war es Ben ziemlich egal, doch der rationale Teil seines Verstandes, der nicht in schockierter Trauer ertrank, registrierte es sehr wohl.
»Danke.«
»Jetzt muss ich es seinen Eltern sagen. Ich muss mir eine verdammt gute Geschichte ausdenken und der Vorsehung dafür danken, dass es keine Filmaufnahmen von ihm gibt, die jetzt rund um die Uhr in den Nachrichten laufen, denn das wäre ein wirklich beschissener Weg, zu erfahren, dass dein Sohn tot ist.«
Shevu klang niedergeschlagen. Vermutlich hatte er Lekauf sehr nahegestanden, auch wenn er es nie erwähnt hatte. Ben hatte an diesem Tag eine Lektion darüber gelernt, was es bedeutete, ein Offizier zu sein, und die lautete, dass manchmal zum Erreichen eines Ziels Leben geopfert werden mussten. Das war ihm schon vorher klar gewesen, doch wenn man Seite an Seite mit den Leuten arbeitete, die aufgrund der Entscheidungen, die man traf, womöglich die verloren, die sie liebten, gewann das eine völlig neue Bedeutung.
»Ich glaube nicht, dass ich je aufhören werde, mich deswegen schuldig zu fühlen«, sagte Ben, erleichtert darüber, dass es ihm bislang gelungen war, nicht in Tränen auszubrechen.
»Ich auch nicht«, sagte Shevu. »Weil eigentlich ich derjenige sein sollte, der das Schiff in die Luft jagt, wenn die Dinge schieflaufen.«
»Das haben wir nie geplant...«
»Du nicht. Wir schon. Du solltest bloß wissen, was du unbedingt wissen musstest.« Shevu hielt einen vorbeikommenden Boden-mannschaftsspeeder an und befahl dem Fahrer, Ben ins Hauptquartier zu bringen. »Wasch dir dieses Zeug aus dem Haar, und geh nach Hause.«
Eine Stunde später sah sich Ben in den Waschräumen im Hauptquartier seinem vertrauten Spiegelbild gegenüber, trocknete sich mit einem Handtuch das Haar ab und fragte sich, ob Jacen ihn reingelegt hatte.
Ich hätte den Auftrag nicht übernehmen müssen. Jeder von uns wäre unbemerkt in den Raumhafen hineingelangt.
Doch das war eine späte Einsicht. Jacen hatte ihn bereits mit dieser Aufgabe betraut, bevor irgendjemand gewusst hatte, wo das Treffen stattfinden würde. Ben hatte immer noch das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, konnte aber nicht genau bestimmen, was.
Er hatte gerade einen Freund verloren. Vielleicht brachte einen das dazu, verrückte Dinge zu denken. Als er das Gebäude verließ, in dem sich das Hauptquartier befand, und in die Spätnachmittags-sonne hinaustrat, völlig durcheinander vom ständigen Wechsel der Planetenzeiten in den letzten 48 Stunden, senkte er den Kopf und spazierte einfach ziellos dahin, die Hände in den Taschen.
Plötzlich fühlte er jemandes Hand auf seiner Schulter. Er hätte beinahe losgekreischt, denn er hatte alles um sich herum ausgeblendet. Dann aber sah er in das Gesicht seiner Mutter. Doch irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung.
»Mom! Wer hat dich geschlagen?«
»Vergiss das, Ben.« Sie drückte ihn an sich, und es war eine irgendwie verzweifelte und erdrückende Umarmung. »Ich habe einige Fragen an dich, und diesmal werde ich mich auf keinen Fall abwimmeln lassen.« Sie packte ihn an den Schultern und musterte ihn, als würde sie nach Verletzungen suchen. »Das hier bleibt zwischen dir und mir, das schwöre ich. Dein Vater wird nichts davon erfahren.«
Schließlich landeten sie in einem Tapcafe im Osarianer-Viertel. Der Tisch war schmierig, und jedes Mal, wenn er sich darauf stützte, blieben die Ellbogen von Bens Jacke daran kleben. Doch hier kannte sie niemand. Selbst wenn das Essen schmackhaft und nicht sengend heiß gewesen wäre, hätte Ben es nicht angerührt, denn er hatte keinen Appetit.
Mara senkte die Stimme. »Ich will wissen, warum du auf Vulpter gewesen bist.«
Ben war sprachlos. Woher, bei allen Welten, wusste sie das? Wer hatte geredet? Das Ganze war streng geheim. Selbst bei der GGA waren die meisten darüber nicht informiert.
»Da war ich nicht.«
»Du kannst dir das Spielchen sparen. Ich weiß, wo du warst, und ich habe das schreckliche Gefühl, dass ich weiß, warum du dort warst. Der ganze Planet hat es in den Nachrichten gesehen.«
Mara schaute ihn einfach an. ohne zu blinzeln, und mit einem Mal war sie nicht mehr seine Mom. Man hatte ihn angewiesen, alles zu leugnen. Er starrte schweigend zurück.
»Ich könnte Jacen fragen, Liebling, aber ich bin mir nicht einmal sicher, dass ich ihm glauben könnte, wenn ich ihn nach der Uhrzeit frage.«
»Du weißt, dass ich nicht über meine Arbeit sprechen kann, Mom.«
»Oh, das weiß ich. Ich habe meine Vergangenheit nie vor dir verheimlicht, und ich weiß genau, was deine Arbeit mit sich bringt. Ich werde mit dir wie mit einem Erwachsenen reden. Ben, denn wenn man erst mal die Art Job gemacht hat, die du machst, ist man kein Kind mehr. Verstehen wir uns?«
Ben dachte an Jori Lekauf, und sein Magen verknotete sich. Er wollte verzweifelt damit herausplatzen, dass sein Kumpel gestorben war und dass er die Zeit zu dem Moment zurückdrehen wollte, bevor er in dieses Schlamassel hineingeraten war, und dass ... dass ...
»Mom ...« Er brachte es nicht über die Lippen. Sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie. »Mom, wenn ich es dir sage, verrätst du mir dann, wer dich geschlagen hat?«
»In Ordnung. Es war Lumiya. Ich habe sie aufgespürt, aber sie ist entkommen. Aber vorher habe ich ihr eine anständige Tracht Prügel verpasst, und beim nächsten Mal wird sie nicht wieder davon-kommen. Jetzt du.«
Ben nahm einen tiefen Atemzug. Das hier würde entweder alles besser machen, oder es war der Anfang von etwas Verheerendem. Er vermochte es nicht zu sagen, all seine Machteindrücke hatten ihn im Stich gelassen.
»Ich war es, Mom.«
»Warst du daran beteiligt - oder hast du es getan?«
Bens Mund übernahm ohne seine Erlaubnis die Kontrolle. »Eine Karpaki mit Klappschaft, Splittergeschoss.«
Mara lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, und ihre linke Hand bewegte sich, als wäre sie drauf und dran, sie vor ihren Mund zu legen, während die rechte Hand seine nach wie vor fest umklammert hielt.
»Okay«, sagte sie dann.
»Lekauf wurde getötet, Mom.« Ben konnte sich nicht entsinnen, ob sie Lekauf kannte oder nicht. Es spielte keine Rolle. Er musste seinen Namen sagen und es irgendjemandem erzählen. »Jori wurde getötet - er wurde getötet, um meine Haut zu retten.«
Mara beschäftigte sich damit, an der Tasse vor sich zu nippen. Osarianer mochten sehr stark duftende Kräuter, und Ben wusste, dass es ihm niemals wieder möglich sein würde, dieses Aroma zu riechen, ohne an diesen entsetzlichen Augenblick zu denken.
»Warum hast du das getan. Ben?«
»Befehl. Ich war dafür am besten geeignet.«
»Fehlt es deiner ganzen Kompanie plötzlich an Scharfschützen? Auf wessen Befehl hin?«
»Jacens.«
Mara gelang es recht passabel, sich nichts anmerken zu lassen, aber Ben ließ sich nicht täuschen. Sie war fuchsteufels-wütend. Er konnte es daran erkennen, wie weiß ihre Haut auf einmal war, und der Kontrast zu den gelb werdenden Blutergüssen rings um ihr Auge machte es bloß noch deutlicher.
»In Ordnung, Liebling«, sagte sie. »Einigen wir uns darauf, es nicht deinem Dad zu erzählen, weil er Jacen in der Stimmung, in der er momentan ist, dafür den Kopf abreißen würde. Hältst du es aus heimzukommen?«
»Ich glaube nicht, dass ich einfach dasitzen und zu Abend essen und nicht darüber mit ihm reden kann.«
»Okay, und wo hast du dann vor hinzugehen?«
»Nach Hause. In Jacens Apartment.« Ben konnte sehen, dass sie von dieser Idee nicht begeistert war. »Oder zu Captain Shevu.«
»Geh dorthin, wo immer du dich am sichersten fühlst, Ben. Ich werde dich nicht dazu zwingen, mit mir zu kommen, solange du mir schwörst, dass du in der Sekunde, in der du Probleme hast, sofort mit mir Kontakt aufnimmst. In Ordnung?«
»In Ordnung.«
»Das mit deinem Freund tut mir leid. Das tut es wirklich.«
»Niemand wird je erfahren, wie tapfer er war.«
»Ich weiß.«
»Bist du wütend auf mich? Blöde Frage. Das musst du sein.«
»Wie könnte ich das. nach allem, was ich getan habe?« Sie ergriff seine beiden Hände, als hätte sie Angst, er wurde weglaufen. »Wir haben dich so gemacht, nicht wahr? Wir wollten, dass du so bist. Wir wollten, dass du ein Jedi bist und deine Pflicht tust...«
Mara schwieg eine Weile, blickte durchs Fenster auf die mit Verkehr vollgestopfte Skylane und dachte offenbar angestrengt nach.
»Du hast mir immer noch nicht gesagt, woher du es weißt. Mom.«
Ruckartig, blinzelnd, kehrte sie zu der Unterhaltung zurück. »Nein, das habe ich nicht. Aber ich weiß es, und ich bin die Einzige, die es weiß. Und ich weiß auch, dass du dich in der Macht verbergen kann, so wie Jacen, und das macht mir Angst, weil ich beim ersten Mal, als ich das gefühlt habe, dachte, du wärst getötet worden. Bitte, Ben. versteck dich nicht vor mir. Niemals.«
»Das habe ich nicht, Mom. Ich hab's bloß ausprobiert.«
»Okay.«
»Werde ich mich wegen des ... du weißt schon, wegen des an deren Kerls schlecht fühlen? Weil es mir im Augenblick ziemlich egal ist.«
»Ich habe mich wegen dem, was ich getan habe, nie schlecht gefühlt«, sagte sie. Sie hatte begriffen, dass er Gejjen meinte. »Nicht bis vor kurzem, und dann hat es sich nicht wie Schuld angefühlt. Bloß so ... als würde ich nicht ganz begreifen, warum ich es überhaupt getan habe, weil das. was ich war, nicht für alles eine Erklärung sein kann.«
»Ich sollte jetzt lieber gehen.«
»Du kommst wieder in Ordnung. Ich werde immer für dich da sein, vergiss das nicht. Ruf mich an.«
Ben beugte sich vor, um sie auf die Wange zu küssen. In diesem Moment liebte er sie so sehr. Welche andere Mutter konnte derartige Neuigkeiten so aufnehmen, schreckliche Neuigkeiten, und wäre anschließend noch immer für ihr Kind da?
Er lehnte sich noch weiter vor und flüsterte ihr ins Ohr: »Er hatte im Raumhafen ein geheimes Treffen mit Omas. Um über einen Waffenstillstand zu verhandeln.«
Als Ben sich aufrichtete, lächelte sie, doch in ihren Augen lag ein Funkeln, das verriet, dass sie alles andere als glücklich war.
»Vielen Dank«, sagte sie. »Ich liebe dich. Ben. Ruf mich an, okay?«
»Ich liebe dich auch, Mom.«
Ben konnte es nicht länger ertragen. Er verließ das Tapcafe und verbrachte die nächsten paar Stunden damit, umherzuwandern und in Schaufenster zu starren, ohne irgendetwas zu sehen, bevor er ein Lufttaxi zurück zu Jacens Apartment nahm und sich in seinem Zimmer einschloss.
Es würde lange Zeit dauern, um alldem einen Sinn zu verleihen. Er schob die Vibroklinge unter das Kopfkissen und fragte sich, was Captain Shevu wohl gerade Jori Lekaufs Familie erzählte.