14. Kapitel

Wenn ihr glaubt, ihr könntet uns abschrecken, indem ihr auf Schmusekurs mit den Mandalorianern geht, dann habt ihr euch ganz schön geschnitten, Käferbursche.

- Hebanh Del Dalhe, murkhananischer Handels-und Industrie-minister, zum Botschafter von Roche während einer Auseinandersetzung übergewerbliche Schutz-und Urheberrechte

BEVIIN-VASUR-FARM, KELDABE, MANDALORE

»Zu viele Holonachrichten sind schlecht für dich«, sagte der Mann, der im Türrahmen des Nebengebäudes stand.

Fett hatte ihn kommen sehen - es war schwer, das nicht zu tun. Seine Rüstung war außergewöhnlich. Eigentlich gab es keinen rechten Grund für Fett, auf Mandalore derart auf der Hut zu sein, doch andererseits hatte auch Jaster Mereel einst geglaubt, er wäre inmitten seines eigenen Volks vollkommen sicher. Vorsicht war immer besser als Nachsicht.

Fett fuhr damit fort, seinen Helm zu putzen, die Füße hochgelegt. »Das ist wirklich fesselnd«, sagte er und nickte in Richtung des Monitors, den er auf den Tisch gestellt hatte. Die Nachrichten-sprecher und Kommentatoren waren wegen des gewaltlosen Putschs regelrecht in Ekstase. »Jacen Solo, der Junge, der wie Vader sein will, wenn er mal groß ist. Er hat's endlich geschafft.«

»Vermutlich sieht er beim Zähneputzen in den Spiegel und redet sich ein, das wäre sein Schicksal.«

»Und wer bist du?«

»Venku.«

Er hatte keinen richtigen Keldabe-Akzent. Wenn überhaupt klang er. als hätte er einige Zeit auf Kuat verbracht und vielleicht auch auf Muunilinst. Das war für Mandalorianer nichts Ungewöhnliches, und nun, wo so viele dorthin zurückströmten, was Beviin als Manda'yaim bezeichnete, war es sogar noch alltäglicher.

Das war der ursprüngliche Name des Planeten, nicht Mandalore. Fett hatte das nie gewusst. Jeder Tag war eine Lehrstunde, die ihm verriet, wie fremd ihm sein eigenes Volk war.

»Setz dich, Venku.« Fett deutete auf den einzigen anderen Stuhl im Raum. Er versuchte, wie ein Anführer zu denken und nicht wie ein Kopfgeldjäger. »Was immer es ist, spuck's aus.«

Venkus Rüstung bestand aus so vielen verschiedenen Teilen, wie Fett es noch nie gesehen hatte. Es war Brauch, Teile von Rüstungen eines toten Verwandten oder Freundes zu tragen, doch bei Venku passten keine zwei Platten zusammen, und jedes Teil hatte eine andere Farbe; die Palette reichte von Blau, Weiß und Schwarz bis hin zu Gold-und Cremefarben, Grau und Rot.

»Was ist mit deinem Gefühl für die Mode passiert? Hat es jemand erschossen?«

Venku stand noch immer, ignorierte den Stuhl. Er senkte den Blick und schaute auf die Schutzplatten seiner Rüstung, als würde er sie zum ersten Mal bemerken. »Die Brustplatte, der buy`ce und die Schulterstücke stammen von meinen Onkeln.

Die Unterarmrüstungen sind die meines Vaters, die Oberschenkelrüstungen sind von meinem Cousin, und der Gürtel war der meiner Tante. Dann ist da noch ...«

»Schon gut. Große Familie.«

»Die, die tab'echaaj'la sind, und die, die noch leben, ja.«

Fett hatte es aufgegeben, um Übersetzungen zu bitten. Mittlerweile verstand er die generelle Bedeutung. »Ich bin mit dem Polieren meines Eimers fast fertig.«

»Und da behauptet man. Charme wäre nicht deine starke Seite. In Ordnung, ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich erleichtert über deine Entscheidung bin, ein richtiger Mand'alor zu sein. Die Mando`ade kehren heim. Vermutlich nimmst du nicht viel Notiz von dem, was jenseits deines eigenen Lebens vorgeht, aber dies ist deine Bestimmung.«

Fett sah sich selbst nicht als der lockere Typ, doch normalerweise konnte man ihn nicht genug erzürnen, damit er Idioten ins Gesicht schlug, wenn er nicht dafür bezahlt wurde. Dieser Mann machte auf ihn nicht den Eindruck eines Idioten, doch er hatte einen Nerv getroffen, auch wenn Fett sich nicht ganz darüber im Klaren war, warum er das tat.

»Ich bin froh, dass ich nützlicher war als ein Türstopper.«

»Was der Grund dafür ist. dass ich ebenso erleichtert darüber bin, dir das hier zu geben.« Venku öffnete ein Fach an seinem Munitionsgürtel - dem Gürtel seiner Tante, hatte er gesagt, also musste sie eine typische Mando—Frau gewesen sein - und stellte einen kleinen, dunkelblauen, rechteckigen Behälter auf den Tisch. »Und fass das nicht fälschlicherweise als Bewunderung oder Sentimentalität auf. Du schuldest es deinem Volk. Es wird schon sehr bald jemanden brauchen, der es führt.«

Venku wandte sich zur Tür. während sich das Wort führen in Fetts Schädel bohrte. »Also, dann: Whoa.«

Venku blickte über seine bunte Schulter zurück. »Versuch nicht, es selbst zu machen. Es muss direkt ins Knochenmark injiziert werden, und das ist schmerzhafter, als du für möglich hältst. Lass es jemanden tun, der dafür qualifiziert ist. Dann schmerzt es zwar immer noch, aber zumindest platziert er es richtig.«

Also war dies einer von Jaings Lakaien. Er hatte zweifellos nicht den Kleidungsstil seines Bosses, obwohl er teure dunkelgrüne Lederhandschuhe trug, und Fett hatte nicht die geringste Ahnung, was oder wer das Leder dazu beigesteuert hatte.

»Sag ihm, wir sind quitt«, sagte Fett. »Und ... dank ihm von mir.«

Venku setzte an, etwas zu sagen, hielt dann aber inne, als würde er über seinen Helm eine Nachricht empfangen. Fett neigte den eigenen Helm auf seinem Schoß ein wenig, sodass er die HUD-Anzeige sehen konnte, die mit der externen Überwachungskamera der Slave I verbunden war. Ein Mann torkelte an dem Schiff vorbei, seinem Gang nach zu urteilen ziemlich alt. Dennoch trug er eine komplette Kampfrüstung und blieb stehen, um das Raumschiff zu betrachten. Dann bewegt e er sich in Richtung des Gebäudes, außer Reichweite der Kamera.

Nicht einmal einen senilen Mandalorianer konnte Fett als mögliche Bedrohung ausschließen: Wenn der Grandpa lange genug überlebt hatte, um so alt zu werden, hatte er entweder ungewöhnlich viel Glück gehabt, oder er war ein verdammt guter Kämpfer. Doch Fett blieb sitzen, die Füße hochgelegt, und wischte mit einem Saponlappen über das rote Schimmerseidenfutter seines Helms, brennend vor Neugierde, die er jedoch perfekt verbarg.

Der alte Mann erschien im Türrahmen, quetschte sich an Venku vorbei und starrte Fett an. »Dass ich so lange am Leben geblieben bin, um diesen Tag noch zu erleben«, sagte er. »Su'cuy. Mand'alor, gar shabuir.«

Das war nicht unbedingt die höflichste Begrüßung, die Fett jemals zuteilgeworden war, für einen todkranken Mann jedoch war es mit Sicherheit die zutreffendste. Und es war die einzig mögliche Art, auf die Krieger und Söldner einander grüßen konnten: »Dann lebst du also noch.« Mittlerweile war er auch dahintergekommen, was shabuir bedeutete, doch er beschloss, es eher als derbe Gewogen-heit zu deuten denn als Beleidigung.

Der alte Mando ging mit arthritischer Würde hinaus, blieb an der Tür erneut stehen, um Fett anzusehen, und schritt dann davon.

»Du hast ihm den Tag versüßt «, sagte Venku.

»Ich sollte besser nicht fragen, womit.«

»Dann tu's nicht.« Venku seufzte, dann legte er seine Hände an seinen Helm, um die Versiegelung zu lösen. Das Rascheln von Stoff dämpfte seine Stimme, als er den buy'ce abnahm. »Also, in Ordnung...«

Boba Fett blickte in das Gesicht eines Mannes, der vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre jünger war als er: Er hatte dunkles Haar mit großzügig gestreuten grauen Strähnen, kräftige Wangenknochen und sehr dunkle braune Augen. Vor zwanzig Jahren hatte er selbst fast genauso ausgesehen. Die Nase des Mannes war schärfer geschnitten, und der Mund war der eines Fremden, aber der Rest ... Es war ein Fett-Gesicht.

Er schaute in seine eigenen Augen - und in die Augen seines längst toten Vaters.

»Ich bin Venku«, sagte der Mando mit der bunt zusammengewürfelten Rüstung. »Aber du kennst mich vermutlich besser als Kad'ika. Interessant, dich endlich kennenzulernen ... Onkel Boba.«

OSARIANISCHES TAPCAFE, CORUSCANT

»Ich wusste nicht, wem ich es sonst erzählen sollte«, sagte Ben. »Oder wer mir sonst überhaupt zugehört hätte.«

Mara fragte sich, ob er wegen Lekauf oder wegen Jacens unglaublichen Verrats geweint hatte. Wegen irgendetwas hatte ei jedenfalls geweint, auch wenn es ihm ziemlich gut gelang, das zu verschleiern.

»Ich glaube dir, Ben.«

»Vielleicht habe ich es mir bloß eingebildet.«

»Das hast du nicht.« Nein, dass Lumiya eine freundliche Unterhaltung mit Jacen führte, sie miteinander die Reihe ihrer Erfolge durchgingen und darüber sprachen, wann ihnen Niathal nicht mehr länger von Nutzen sein würde - das hatte er sich mit Sicherheit nicht eingebildet.

Und auch nicht, dass sie über ihre Lügen gesprochen haben, Lumiya hätte eine Tochter gehabt, die sie rächen wollte - und dass sie Bens Erinnerung darüber gelöscht haben, was Nelani zugestoßen ist.

Ben hatte die wertvolle Gabe, sich erstaunlich genau an das zu erinnern, was er gesehen oder gehört hatte. Maras Kopfhaut zog sich zusammen und kribbelte, als sie ihren Sohn, ihr so geliebtes Kind, die Worte dieses Sith-Cyborgs und ihres Komplizen exakt wiedergeben hörte, so als würde ein von einem Dämon besessener Unschuldiger sprechen.

Komplize.

Mara wurde bewusst, dass sich ihre Perspektive um ein paar Parsec verschoben hatte. Jacen war kein eitles, selbstgefälliges, naives Opfer einer manipulierenden Sith. Er war ihr Komplize. Er war nicht so willensschwach, dass er so schnell so tief fallen konnte, es sei denn, er selbst wollte es so.

»Ich habe niemand anderem davon erzählt, und das will ich auch nicht«, flüsterte Ben. »Nicht einmal Dad. Ich meine, du kannst es ihm sagen, wenn du denkst, dass er es wissen muss, aber ich möchte nicht seinen Gesichtsausdruck ertragen, wenn er herausfindet, was für ein Trottel ich war.«

Aber ich habe Jacen eben falls verteidigt. Wie konnte ich nur so dämlich sein? »Kein größerer Trottel als der Rest von uns, Liebling.«

»Was sollen wir jetzt machen?«

»Ich werde dir nicht sagen, was du zu tun hast.« Mara hatte ihr Getränk kalt werden lassen. Sie konnte das Zeug ohnehin nicht schlucken, selbst wenn es nicht wie der Hydraulikflüssigkeits-überschuss des Millennium Falken geschmeckt hätte, da die Wut ihr die Kehle zuschnürte. »Aber ich fürchte, du hast keine große Wahl, Ben. Ich habe Jacen gesagt, dass Lumiya versuchen wird, dich zu töten, und er tat vollkommen ahnungslos.«

»Dann weißt du also über Ziost Bescheid ...«

»Nein, ich weiß nicht das Geringste über Ziost. Aber du wirst mir davon erzählen.«

Bens Gesicht fiel in sich zusammen. Sie musste so viele Informationen zusammentragen, wie sie konnte, doch abgesehen davon war es auch gut für Ben, wenn er lernte, wie leicht man versehentlich wertvolle Informationen preisgab. Allein das Wort Ziost genügte, dass auf einmal all die Puzzleteile ein schreckliches Bild ergaben.

»Jacen hat mich auf eine Mission nach Almania geschickt, um ein Amulett wiederzubeschaffen, das angeblich erfüllt war von der Dunklen Seite. Am Ende bin ich auf Ziost gelandet, und ein Raumschiff hat mich angegriffen, doch ich habe ein wirklich seltsames Gefährt gefunden und bin entkommen.«

»Du bist Lumiya einfach so entkommen?«

»Eigentlich war es gar nicht Lumiya. Es war ein Bothaner.«

»Und wie hast du dieses Schiff gefunden?«

»Es ... Hör zu, ich bin nicht verrückt, aber es hat zu mir gesprochen.«

»Oh ...« Nun hatte Mara genügend Teile des Puzzles, um die grobe Form des Bildes erkennen zu können. »Rund, orangefarben, wie ein großes Auge.«

Bens Gesicht wurde kalkweiß. »Ja.«

»Erzähl mir davon.«

Er haderte sichtlich mit sich. Mara vermutete, dass er zu Verschwiegenheit verpflichtet worden war. Aber Jacen hatte kein Recht mehr auf seine Loyalität; die hatte er sich verspielt.

»Ich habe das Schiff gesehen, Ben. Es hat auch mit mir gesprochen. Es sagte, es habe gedacht, ich wäre der >andere<, der so ist wie ich, und ich dachte, es hätte mich mit Lumiya verwechselt. Aber in Wahrheit warst du damit gemeint, nicht wahr? Irgendwie hat es unsere Gemeinsamkeiten registriert.«

Ben holte würgend Luft, als würde ihn die Erleichterung darüber, diese schreckliche Erfahrung mit jemandem teilen zu können, vor dem Ertrinken bewahren.

»Ich habe herausbekommen, wie man es fliegt. Es kommuniziert durch die Macht.«

»Und es ist durchdrungen von dunklen Energien. Ich weiß. Erzähl weiter.«

»Ich weiß nicht, wie es funktioniert, aber wenn man sich vorstellt, was es tun soll, dann tut es das. Es fährt Teile von sich aus und formt daraus irgendwie Kanonen, alle Arten von Waffen.«

Perfekt. Von Sekunde zu Sekunde wurde Maras Bild klarer. Lumiya konnte an das Schiff denken, und es eilte herbei, um ihrem Befehl Folge zu leisten - vielleicht sogar, um ein Kabel auszuspucken, es um Maras Kehle zu schlingen, sie wegzuzerren und sie beinahe zu erdrosseln.

Es war kein Druide. Ich wurde von einem lebendigen Schiff angegriffen - von einem Sith-Schiff

Auf einmal durchfluteten Mara wieder diese alte kalte Klarheit und diese erbarmungslose Zielstrebigkeit, und anstatt dass sich ihre Eingeweide zusammenzogen, wie es vermutlich bei jeder anderen Mutter der Fall gewesen wäre, die von den Gefahren hörte, denen man ihren Sohn ausgesetzt hatte, versetzte es sie in einen ruhigen und rationalen Zustand, der an Erhabenheit grenzte. Sie war wieder die Hand, plante ihren Schachzug.

»Aber was ist mit dem Schiff passiert, nachdem du es neulich gefunden hast und bevor ich gestern daraufgestoßen bin?«

»Wo hast du es gesehen?«

»Auf Hesperidium. Wo ich Lumiya aufgespürt habe.«

Bens Schultern sackten zusammen. Er verschränkte die Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf. Mara wartete und strich ihm über das Haar, weil sie annahm, dass er wieder weinte.

Er straffte sich, und seine Augen waren klar und trocken. »Ich bin mit dem Schiff zurück zur Anakin Solo geflogen und habe es Jacen übergeben.«

Die einzelnen Teile fügten sich mehr und mehr zusammen. Die einzige Frage, die noch offen war, war, wie sie alldem ein Ende bereiten würde. Doch das war ihre Spezialität, und es konnte noch warten, bis Ben in Sicherheit war.

»In Ordnung, ich denke, du weißt, wie ernst diese Angelegenheit ist«, sagte sie. Über den Tisch hinweg berührten sich beinahe ihre Köpfe. Für die Osarianer, die das Restaurant besuchten und nur sehr wenig Basis sprachen, wirkten sie wahrscheinlich wie Mutter und Sohn, die einen tränenreichen Streit wegen Hausaufgaben und schlechter Noten hatten. Sie hätten niemals vermutet, dass es dabei um das Schicksal der Galaxis ging.

Nein, hierbei geht es nicht um die Galaxis. Genug von der Galaxis. Die Galaxis kann sich für eine Weile um ihre eigenen Probleme kümmern. Hier geht es um mein Kind, um mein einziges Kind, und um eine dahergelaufene Sith-Schlampe, die versucht, meinen Sohn zu töten, während sein eigener Cousin, mein eigener Neffe, der eigentlich auf ihn aufpassen sollte, ihr dabei hilft.

Von diesem Moment an wurde alles sehr klar und einfach.

»Ben. würdest du einen Rat von mir annehmen?«

»Jeden, Mom. Es tut mir leid, es tut mir so leid ...«

»Hey, ich bin diejenige, der es leidtun sollte.« Ich habe einem Monster vertraut. Ich habe meinen Ehemann angeschrien. Ich habe jeden Hinweis darauf ignoriert, was mit Jacen vor sich geht. »Aber du schwebst in echter Gefahr, und das Ganze ist ein paar Nummern zu groß für dich. Deshalb möchte ich, dass du sehr vorsichtig bist. Ich will, dass du dich ausnahmsweise mal wie ein Feigling benimmst. Geh keine Risiken ein. Ich möchte, dass du dich krankmeldest und dich so weit wie möglich von Jacen fernhältst, bis ich die Sache in Ordnung gebracht habe.«

Ben nickte grimmig, mit sehr alt wirkenden Augen in einem schrecklich jungen Gesicht. Er war bloß ein vierzehn Jahre alter Junge, selbst wenn er sich wie ein Mann verhielt. Mit einem Mal war Mara so stolz auf ihn und wollte ihn zugleich so erbittert beschützen, dass der Instinkt, das, was immer ihn bedrohte, aufzuspüren und zu vernichten, nahezu übermächtig in ihr war.

Dazu war sie imstande. Das war ihre Bestimmung.

»Ich werde vorsichtig sein«, versprach er. »Jacen soll nicht merken, was ich rausgefunden habe - dass nämlich Lumiya ihn dazu bringt, das alles zu tun.«

Oh, gewiss tut sie das. »Das ist gut, Liebling.«

»Ich verspreche, dass ich mich nicht vor dir in der Macht verbergen werde, aber... Vielleicht muss ich es tun. um mich vor ihr zu verstecken. Oder sogar vor Jacen, wenn sie ihn so sehr unter Kontrolle hat, dass er ... die Regierung übernommen hat.«

Manchmal musste man es jemand anderen sagen hören, um es zu glauben.

Mara lächelte ihn an. »Warum zeigst du mir nicht, wie du das machst? Dann erkenne ich vielleicht, wenn du dich einfach bloß verbergen willst und wann ich echten Anlass zur Sorge habe.«

Ben nickte, den Blick niedergeschlagen.

Ab sofort waren alle Mittel erlaubt. Mara würde jeden miesen Trick und jede Waffe einsetzen, die ihr zur Verfügung stand, um das hier zu beenden.

Sie verbrachten den Rest des Tages damit, etwas zu tun, das sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gemacht hatten: Sie spazierten einfach in den Gärten des bothanischen Himmelsdoms umher, unterhielten sich und hatten Spaß - oder zumindest so viel Spaß, wie man haben konnte, während ein galaktischer Bürgerkrieg schwelte und eine Militärregierung die GA führte. Der einzige Hinweis auf die gewaltigen Umwälzungen bestand darin, dass der CSK-Beamte, der auf dem Platz patrouillierte, einen Sergeanten der Verteidigungsarmee der Galaktischen Allianz an seiner Seite hatte, der mit ihm Schritt hielt.

Abgesehen davon wirkte niemand besorgt. Mara fragte sich, ob alle katastrophalen Ereignisse in der Geschichte lediglich einer Handvoll Wesen aufgefallen waren. Wie Ben bloß wenige Tage zuvor - fast prophetisch - beim Mittagessen gesagt hatte, war es unter dem Imperium vielleicht genauso gewesen, und das Leben der meisten Leute war unter Palpatine nicht anders verlaufen als unter der Republik. Sie wollte sich nicht vorstellen, dass das der Wahrheit entsprach. Luke hätte dem mit Sicherheit widersprochen.

»Komm schon, Mom«, sagte Ben. »Suchen wir uns ein nettes Fleckchen auf dem Rasen, und ich bringe dir bei, wie man in der Macht unsichtbar wird.«

Es hieß, es sei ein sicheres Zeichen dafür, dass man selbst alt wurde, wenn die eigenen Kinder anfingen, einem Dinge beizubringen. Sich in der Macht zu verbergen war eine einfache Sache, aber andererseits war Diäthalten das auch, und dennoch konnten das nicht viele Leute durchziehen. Ben war ein bemerkenswert geduldiger Lehrer. Nach einigen Stunden schaffte sie es eine oder zwei Minuten lang, ohne sich an irgendetwas Solidem festhalten zu müssen.

»Das mit Lekauf tut mir leid«, sagte sie später und legte beim Gehen ihren Arm um ihn. »Es tut mir leid, dass ich nicht sonderlich nett zu ihm war. Hört sich an, als wäre er einer der Besten gewesen.«

»Er hat es getan, um sicherzustellen, dass ich entkomme. Wie kann ich mit so einem Opfer leben, Mom?«

»Ich denke, indem du dafür sorgst, dass dein Leben etwas zählt, damit er seins nicht vergeudet hat.«

Näher als in diesem Moment hatte sie sich Ben nie zuvor gefühlt, und vielleicht zum ersten Mal war zwischen ihnen ein richtiges Band entstanden. Das machte sie zutiefst glücklich. Dabei entging ihr die Ironie nicht, dass dies ausgerechnet während einer der größten Bedrohungen geschah, denen sie sich jemals gegenübersahen. Zeiten wie diese machten einem schmerzlich bewusst, worauf es wirklich ankam.

»Ben, vermutlich wirst du in Kürze eine Seite von mir zu sehen bekommen, die nicht die der guten alten Mom ist.« Er roch so wundervoll nach Ben, ein Duft, den sie so sehr genossen hatte, als er noch winzig gewesen war, und der immer noch unter dem Geruch von Militärseife und Waffenschmiermittel steckte. »Aber ich will, dass du weißt, dass ich dich liebe, ganz gleich, was ich tue, ganz gleich, wie sehr du das Gefühl hast, ich würde zu einer Fremden werden. Ich will, dass du weißt, dass mein Herz dir gehört, jede Faser davon. Nichts ist für mich wichtiger, als du es bist.«

Sie blieb stehen, um ihn zu umarmen, und er umarmte sie ebenfalls, statt diese »Demütigung« einfach bloß über sich ergehen zu lassen, wie er es normalerweise tat. So blieben sie für eine Weile stehen.

»Weißt du, warum ich dir das glaube, Mom? Weil du mir nicht gesagt hast:, dass ich dir vertrauen soll. Jeder andere sagt mir, dass ich ihm vertrauen soll, und das ist für gewöhnlich ein Hinweis darauf, dass ich das lieber nicht tun sollte.«

Bei diesen Worten sah Mara kurz jenen Mann vor sich, der ihr Sohn einst sein würde, und sie fand, dass sie am Ende ihre Sache als Mutter doch nicht ganz so schlecht gemacht hatte.

Sie wusste nur zu gut, was jetzt auf dem Spiel stand - und was sie zu tun hatte.

JACEN SOLOS APARTMENT, CORUSCANT

»Ben?«

Jacen schaute sich im Apartment um, aber von seinem jungen Cousin war nichts zu sehen. Vermutlich war er bei seinen Eltern. Er brauchte immer noch ihren Trost in Bezug auf die düsteren Unvermeidbarkeiten des Lebens. Momentan steckte er in einer schwierigen Phase: auf der einen Seite die unbekümmerte Gelassenheit eines Kindes, auf der anderen bekam er die manchmal grausamen Konsequenzen seines Handelns zu spüren. Im Augenblick war Ben noch zu feinfühlig und hatte zudem zu wenig Lebens-erfahrung, um mit dem Schmerz zurechtzukommen, der mit dem Leben einherging, wenn man anfing, Verantwortung zu tragen.

Jacen besah sich den Inhalt des Kühlschranks und beschloss, etwas in einem Restaurant zu bestellen und es sich liefern zu lassen. Ihm wurde bewusst, dass sich allmählich ein Muster abzeichnete: Er hatte die Figuren in Position gebracht, die Macht agierte entsprechend, doch es lag an ihm, die wichtigen Entscheidungen zu treffen, sobald ihm die Macht die Möglichkeit dazu gab. Es war ein Wechselspiel.

Auch Lekauf war Teil dieses Musters gewesen. Dennoch versuchte Jacen immer noch dahinterzukommen, warum es nicht Ben gewesen war, den es auf der Mission erwischt hatte. Er war sich beinahe sicher gewesen, dass das so hätte enden sollen.

Ich dachte offenbar, das Schicksal würde mich vom Haken lassen. was Ben betrifft. Aber so leicht ist es nicht.

Jacen bestellte per Kommlink ein fettarmes, toydarianisches Drei-Gänge-Festessen und ließ im Badezimmer eine Wanne voll heißem, schäumendem Wasser ein. Der Dampf kondensierte auf den verspiegelten Wänden, und er ertappte sich dabei, wie er mit seiner Fingerspitze etwas auf die beschlagene Oberfläche schrieb.

ER WIRD SEINE LIEBE UNSTERBLICH MACHEN.

Das ergab immer noch keinen Sinn. Wenn es bedeutete, dass er die Person töten musste, die er am meisten liebte, wie Lumiya gesagt hatte, dann war er eher bereit, sein eigenes Leben zu geben, als Allana zu opfern. Ihr werdet wissen, wenn es so weit ist. Lumiya war sich dessen gewiss, und Jacen glaubte ebenfalls daran.

Unsterblich machen. Etwas unsterblich machen. Geschichte schreibe?!. Etwas von Dauer schaffen. Warum nicht einfach bloß töten? Vielleicht habe ich die Quaste falsch gedeutet.

Viele Leute lasen in der Badewanne Holozine, um sich zu entspannen. doch Jacen - so stellte er fest - benahm sich stattdessen wie ein Junggesellenlümmel und verzehrte sein geliefertes Essen in der Wanne. Er war erschöpft. Er hatte das Gefühl, dass er sich allmählich der Spitze der Welle näherte und dass die Dinge, wenn er schließlich den Kamm erreichte - diese letzte Hürde zu seinem Sith-Schicksal -, leichter werden und Sinn ergeben würden.

Jacen legte die Gabel auf den Rand der Badewanne und überschrieb die Prophezeiung im Kondensdampf noch einmal.

ER WIRD SEINE LIEBE UNSTERBLICH MACHEN.

Zu töten, was man liebte, war der ultimative Akt der Gehorsamkeit und der Hingabe für ein höheres Ziel. Auf den Holokanälen hatte er einen Film über einen Stamm gesehen - er konnte sich nicht daran erinnern, über welchen und wo und wann er existiert hatte -, dessen Mitglieder ihre Elitesoldaten formten, indem sie ihnen einen Nusito-Welpen gaben, wenn sie sich dem Kadettenprogramm anschlossen. Sie wurden dazu ermutigt, eine Bindung zu dem Welpen einzugehen, ihn gegen die Welpen anderer Kadetten Rennen laufen zu lassen und ganz allgemein zu lernen, ihn zu lieben. Dann, bevor der Kadett seinen Abschluss machen konnte, erhielt er den Befehl, seinen Welpen zu erwürgen. Falls er das nicht konnte oder wollte, wurde er rausgeworfen. Er musste in der Lage sein, seine Pflicht auch gegen seine Gefühle zu erfüllen.

Das bin ich. Das ist es, was ich tun muss.

Den Magen voll von toydarianischem Sauergebratenem, müde und eingelullt von dem warmen Wasser, ließ Jacen seine Gedanken schweifen und streckte in der Macht seine Fühler aus, um Allana und Tenel Ka zu berühren. Mittlerweile riskierte er das nur noch mit nachlassender Regelmäßigkeit. Der letzte Anschlag auf ihr Leben war eine deutliche Warnung gewesen, wie heikel die Situation seiner Familie war. Er hatte noch nie gehört, wie Allana ihn Daddy nannte. Vermutlich würde er das auch nie.

Meine Familie. Ja, das ist meine Familie. Nicht Jaina, nicht Mom. nicht Dad - sondern mein kleines Mädchen und ihre Mutter. Natürlich musste ich mich in eine Frau verlieben, deren Sitten ihr verbieten, jemals den Namen des Vaters ihres Kindes zu nennen.

Er hätte schwören können, dass Allana seine mentale Berührung erwiderte. Er war so aufgeregt, dass er die Augen öffnete, und dann wurde ihm klar, dass er damit nur wieder jemandem die Möglichkeit bot, sie ausfindig zu machen und ihr Schaden zuzufügen. Lumiya bildete da keine Ausnahme. Das war der Weg der Sith. Jemanden leiden zu lassen und seinen Hass auf sich zu ziehen, stärkte bloß ihre Sith-Kräfte.

Er würde Tenel Ka besuchen, sobald er sicher war, dass er und Niathal die Machtübernahme über die Bühne gebracht hatten und dass der Krieg künftig mit mehr Vernunft geführt werden würde und mit weniger Rücksichtnahme darauf, unbedeutende Welten bei Laune zu halten.

Als Nächstes muss ich mich um die Bothaner kümmern. Dabei kann Lumiya unter Beweis stellen, dass sie für mich tatsächlich von Nutzen ist.

Er konnte die Augen nicht weiter offen halten. Er döste zwar nicht ein, doch die Machtvisionen wollten ihn nicht in Ruhe lassen. Es war, als würde ihn die Macht an den Schultern rütteln und ihm sagen, dass er Acht geben und weitermachen sollte, weil die Zeit ablief. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er das Vertrauen, das Ben ihm entgegenbrachte, und die Lügen, die er dem Jungen aufgetischt hatte, und die Gefahr, in die er ihn gebracht hatte. Und trotzdem konnte Ben immer noch nicht genug davon bekommen. Er war verzweifelt bemüht, das Richtige zu tun. Und dann sah Jacen ihn deutlich vor sich, den Kopf in den Händen vergraben, schluchzend: »Der Preis ist zu hoch.«

Welcher Preis? Lekauf? Nein. Es würde noch viele, viele Lekaufs geben. Kriege waren geradezu überfüllt von Lekaufs. Das war einer der Gründe, warum Jacen den Kämpfen ein Ende machen musste, ganz gleich, wie.

Vielleicht ... war es nicht Ben. aber jemand, der wiederum Ben nahe stand.

Warum grüble ich darüber immer wieder nach? Warum bin ich so besessen davon? Weil ich es leugne. Weil ich nicht akzeptieren kann, dass er es ist. Er muss es sein.

Es würde einfach sein, Ben zu töten, weil Ben ihm vertraute. Jacen wusste, wie schlecht er sich danach fühlen würde. Das war genauso, wie einen Nusito-Welpen zu erwürgen.

Du willst das Unvermeidliche nicht sehen, nicht wahr?

Jacen trocknete sich ab und verbrachte den Rest des Abends damit, sein persönliches Waffenarsenal zu warten. Er überprüfte sein Lichtschwert und seinen Blaster und wusste, dass sie trotz allem nicht genügen würden, wenn Luke und Mara kamen, um an ihm Vergeltung für Bens Tod zu üben. Er holte die Schachtel mit verschiedenen Giften und Krankheitserregern hervor, die mittels Pfeil oder Projektil verabreicht werden konnten. Er hatte alle Bereiche abgedeckt: chemisch, biologisch, mechanisch.

Er wollte bloß, dass all dies ein Ende nahm.

Wenn Ben tot war, wer sollte dann sein Schüler werden? Unmittelbar, bevor er einschlief, ging ihm durch den Kopf, dass Admiralin Cha Niathal eindrucksvoll bewiesen hatte, dass sie eine »Zweierherrschaft« hervorragend für ihre Zwecke zu nutzen wusste.

Bloß gut, dass sie keine Macht-Nutzerin war.