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Menschen wie Harry Leitner sind oft wie Kinder: nicht dumm, aber bockig; nicht schlimm, aber mit kleinen Verhaltensstörungen behaftet; nicht sehr mitteilungsfreudig, aber man kann ihnen doch etwas herauslocken. Meistens ist alles mehr oder minder eine Sache des Vertrauens. Und Thomas Korber war es gelungen, ein solches Vertrauen aufzubauen und die Tür zu Harry Leitners Welt stets um ein Stück weiter aufzumachen. Doch gerade als Harry etwas gesprächiger geworden war, hatte Gretl Posch jede weitere Getränkezufuhr verweigert und die beiden mit ihrem erdigen Charme aus der Kantine hinauskomplimentiert. So waren sie ein Stück weitergezogen, in ein kleines Eckcafé namens Zur Christl. Leitners Verstand wurde dort bei einem Bier und einem Weinbrand klarer, als man befürchten musste. Doch Korber wusste, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde. Wenn er von Harry etwas herausbekommen wollte, dann jetzt.

»Wissen Sie, dass ich auch einmal Fußball gespielt habe?«, bemerkte er beiläufig.

»So?« Harry Leitner schien tatsächlich an Korbers Ausführungen interessiert.

»Ja, aber nur bis zu meinem 17. Lebensjahr«, erinnerte Korber sich. »Und komischerweise bei den Kickers und nicht hier, obwohl mein Herz immer für die Eintracht geschlagen hat. Ich hatte einen Freund dort.«

»Welche Position?«

»Rechtes Mittelfeld, eher defensiv. Aber bei Freistößen und Eckbällen war ich immer vorne.« Korber deutete auf seinen Kopf. »Mit dem da war ich ganz schön stark.«

»Kopfballspezialist, ha? Und warum hast du dann aufgehört?« Leitner ging ganz formlos zum Du über.

»Ich weiß nicht mehr so recht. Wahrscheinlich hat es mich irgendwann angezipft[22], jedes Wochenende auf dem Fußballplatz zu stehen, oder, noch schlimmer, auf der Ersatzbank zu sitzen.«

Harry Leitner nickte: » Ja, das macht einem irgendwann zu schaffen, wenn man jung ist. Da hat man genug andere Sachen im Kopf. Und wahrscheinlich hast du da auch gerade deine ersten Mädchen gehabt.«

»Nicht unbedingt.« Korber hatte sich erst relativ spät für das weibliche Geschlecht interessiert, das war ihm jetzt komischerweise peinlich. »Und du?«, fragte er.

Leitner sah ihn an wie ein Wesen von einer anderen Welt. »Ich war ständig mit einer anderen unterwegs. Das musst du doch wissen. Das hat sich herumgesprochen.«

»Ja, ich weiß«, spielte Korber den Eingeweihten. »Und deine Lieblingsfrau hat dann Angie geheißen.«

Aus Harrys Körper rang sich ein tiefer Seufzer ins Freie. »Angie«, sagte er, und seine Augen bekamen einen seltsam glasigen Blick. »Ja, Angie war toll. Das war nicht nur so ein Mädchen. Das war eine Frau … für immer.« Er bestellte noch ein Bier. »Weißt du, dass ich sie hier kennengelernt habe?«, vertraute er Korber dann an.

»Nein.«

»Ja, genau hier. Komisch, was? Sie war schlecht drauf. Sie hatte Streit mit ihrem Freund.«

»Wie hat sie eigentlich wirklich geheißen? Angelika? Oder Angelina?«

Wieder schaute Harry Leitner irritiert drein. »Nein, warum? Barbara. Barbara war ihr Name. Warum soll sie denn anders geheißen haben?«

›Barbara‹, dachte Korber. ›Alles klar. Ein Name wie aus einer dieser ständigen Quizsendungen im Fernsehen: Frauenname mit drei ›A‹.‹ Er erwiderte: »Ganz einfach, weil du sie Angie nennst.«

Leitner lächelte traurig in sich hinein. »Du hast keine Ahnung. Sie haben damals hier in der Musikbox das Lied gespielt. Ich habe mit ihr zu tanzen begonnen, zu dieser Zeit konnte ich das ja noch. Ich hab ihr kurz mal an die richtige Stelle gegriffen, und die Sache war geritzt. ›Angie‹, hab ich ihr ins Ohr geflüstert, ›Angie‹. Und dann ist mir der Name nicht mehr aus dem Kopf gegangen.« Er begann das Lied zu summen, erst leise, dann immer lauter, bis er »Angie« herausschrie und sich dafür einen bösen Blick vom Serviermädchen einfing.

»Schon gut, schon gut«, versuchte Korber, ihn wieder zu beruhigen. »Es ist ja nicht üblich, dass man seine Mädchen nach Songtiteln benennt.«

»Nicht üblich? Was soll das heißen? Bei mir ist das so, verstanden?«, polterte Leitner. Es trat das ein, was Korber befürchtet hatte: Leitner verlor zusehends die Kontrolle über sich selbst. »Man wird zu einer Frau ja wohl Angie sagen dürfen. Und man wird doch Frauen haben dürfen, so viel man will. Ist das verboten? Warum regen sich dann alle darüber auf?«

»Ruhig, Harry. Hat es Probleme gegeben?«, fragte Korber vorsichtig.

»Probleme? Ja, ja, natürlich. Drum bin ich weg von diesem … diesem Scheißverein damals. Und Helmut tut das jetzt auch. Der hat auch die Nase voll. Und er hat versprochen, dass er mich mitnimmt.« Leitner begann, ›We are the champions‹ zu grölen.

»Komm, Harry, lass das«, mahnte Korber.

»Lass mich in Ruh«, pfauchte Leitner und versetzte ihm ohne Vorwarnung einen Stoß, dass er ein paar Schritte nach hinten taumelte.

Die Kellnerin war sofort zur Stelle. »Du gehst jetzt«, sagte sie streng. »Du hast schon wieder zu viel. Dein Freund hat ohnedies vorhin angerufen und sich erkundigt, ob du da bist. Er macht sich Sorgen um dich. Er muss gleich da sein.«

Leitner fixierte sie mit einem angriffslustigen Blick. Seine Augen ermatteten aber in Bruchteilen von Sekunden. »Komm, geh«, forderte ihn die Kellnerin erneut auf. »Draußen ist es warm genug. Da kannst du singen, soviel du willst, bis dein Freund kommt.«

Leitner nahm sich einen Anlauf, etwas zu sagen, drehte sich dann aber einfach um und verschwand zur Tür hinaus. Korber, der seinen Abgang vorsichtig beobachtet hatte, wagte sich nun wieder zur Theke vor.

»Seien Sie bitte nicht böse«, entschuldigte sich die Kellnerin bei ihm. »Ich kenne ihn noch nicht lange, aber so ist er immer, wenn er einen über den Durst getrunken hat. Ich mache mir dann nur Sorgen, ob er gut nach Hause kommt. Gott sei Dank holt ihn manchmal sein Freund mit dem Auto ab.«

»Und wer ist dieser Freund?«, erkundigte sich Korber.

»Ein Trainer vom Fußballplatz drüben. Ich glaube, er ist so ziemlich der Einzige, der sich um ihn kümmert.«

»Na, dann ist ja alles in Ordnung«, meinte Korber gedankenverloren.

»Nicht ganz«, erinnerte ihn die Kellnerin. »Gezahlt hat der gute Mann nämlich nichts, wie Sie selbst gesehen haben. Ich bekomme genau 14 Euro und 80 Cent.«

 

*

 

»Sag einmal, wo steckst du?«

»Dasselbe wollte ich dich auch gerade fragen.«

»Komm, sei nicht so komisch.« Leopolds Stimme klang verärgert. »Plötzlich warst du mit Harry verschwunden. Also, was ist? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

»So ist’s recht«, sagte Korber. »Du willst, dass ich deinen mutmaßlichen Mörder aushorche, und dann machst du dir Sorgen. Aber beruhige dich, ich lebe. Wir haben von der Posch Gretl nichts mehr bekommen, da bin ich mit Harry in dieses kleine Eckcafé Zur Christl gegangen.«

»Schon gut, schon gut. Auf dem Eintracht-Platz ist mehr oder minder tote Hose. Das Training ist aus, und die Gretl hat ihre Kantine zugesperrt. Ich wollte gerade aufbrechen, um dich zu suchen. Hast du was herausgefunden?«

»Ja! Stell dir vor, unsere Angie heißt gar nicht Angie. Harry hat sie einfach nur so genannt, weil sie sich bei dem Lied näher kennengelernt haben. Sie heißt Barbara. Ich habe dir ja gesagt, der Name, den ich neulich aufgeschnappt habe, erinnert mich an diese Dauerquizsendungen im Fernsehen. Frauenname mit drei ›A‹: Barbara.«

»Das hab ich mir so vorgestellt. Jetzt wird mir einiges klarer. Hat er sonst noch was gesagt?«

»Nichts von Bedeutung. Er ist dann wieder in sein Delirium verfallen und hat herumgeschrien. Du hast behauptet, dass er in diesem Zustand nicht gefährlich ist. Das sehe ich anders. Gestoßen hat er mich, dass ich beinahe auf der Erde gelegen wäre. Das ist ein ziemlich aggressiver Typ, ich halte ihn jetzt auch für den Hauptverdächtigen. Schließlich hat ihn die Kellnerin hinausgeworfen. Ein Freund soll ihn dann mit dem Auto aufgelesen und nach Hause gebracht haben.«

»Welcher Freund?«, fragte Leopold misstrauisch.

»Ich habe ihn nicht gesehen, aber der Beschreibung nach waren es Helmut Sturm oder Robert Moser.«

Einen Moment lang war es ruhig in der Leitung. »Ja, das könnte hinkommen«, stimmte Leopold dann zu. »Wo bist du jetzt?«

»Ich trinke hier noch gemütlich ein Achtel Wein. Ich habe ohnehin die ganze Zeche bezahlen müssen, und da habe ich mir gedacht …«

»Am besten, du denkst jetzt einmal überhaupt nichts«, unterbrach Leopold seinen Freund. »Gott sei Dank haben wir heute das Auto genommen. Ich hole dich ab. Wir müssen den beiden nach. Ich habe da so ein ungutes Gefühl.«

»Warum? Es ist doch alles im Lot. Wenn du möchtest, kannst du deinem Freund Richard deine neuen Erkenntnisse mitteilen und morgen …«

»Nicht morgen, jetzt. Richard rufe ich von unterwegs an. Trink aus, ich erkläre dir alles später. Ich denke, ich weiß, wo Harry Leitner wohnt. Hoffentlich sind sie dorthin gefahren. Wenn wir uns nicht beeilen, passiert vielleicht tatsächlich ein Unglück.«

Für Thomas Korber war alles ein Rätsel. Allerdings wusste er, dass wirklich Feuer am Dach sein musste, wenn Leopold plötzlich so aufgeregt war.

 

*

Die kleine Wohnung war einfach, aber zumindest zum Teil neu eingerichtet. Sie wirkte leer wie ein Ort, dem nach und nach das Leben abhanden gekommen ist. Harry Leitner benutzte sie wahrscheinlich nur zum Schlafen, Aufstehen und wieder Fortgehen. Sie war ein Dach über seinem Kopf, eine Bleibe. Im Grunde bedeutete sie ihm nichts.

Er ließ sich in einen Sessel fallen, die Arme hingen schlaff herab. In keiner der müden und abgehackten Bewegungen ließ sich die frühere sportliche Eleganz und Wendigkeit erahnen. Der Alkohol hatte das Feuer in ihm gelöscht, nur ab und zu leuchtete es noch in seinen Augen.

»Du hast schon wieder zu viel getrunken. Jeden Tag trinkst du zu viel. Du trinkst, bis du dich nicht mehr auskennst.« Helmut Sturm sagte es vorwurfsvoll, gereizt.

»Lass mich! Bring mir lieber ein Bier«, kam es aus Harry Leitner heraus.

Sturm hörte gar nicht hin. »Du vermasselst alles«, redete er weiter. »Du denkst überhaupt nicht nach, was du sagst. Du schwafelst irgendeinen Unfug und plauderst damit alles aus. Diesem Lehrer hast du sicher wieder einiges erzählt, ich seh dir’s an. Wahrscheinlich von deiner geliebten Angie.«

Harry Leitner wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Ja, Angie«, murmelte er.

»Hör zu«, sagte Sturm. »Das ist vielleicht meine letzte Chance, vom Amateurfußball wegzukommen und in die erste Liga zu gehen. Da kann ich keine großartigen Schwierigkeiten brauchen, kapierst du?«

»Nimmst du mich mit?«, fragte Leitner. »Du hast gesagt, du nimmst mich mit.«

Sturm schüttelte den Kopf. »Ich kann dich nicht mitnehmen. Schau dich doch an. Schau, was der Alkohol aus dir gemacht hat. Ich habe am Anfang nicht gewusst, wie sehr du das Zeug brauchst. Aber jetzt? Wo soll ich dich denn bei einem Profiverein unterbringen? Die nehmen dich nicht einmal als Zeugwart.«

»Du musst mich mitnehmen«, beharrte Leitner.

»Es geht nicht«, versuchte Sturm ihm klarzumachen. »Ich habe das hier mit der Wohnung für dich erledigt, habe ein paar schicke Möbel organisiert. Ich zahle die Hälfte von deiner Miete. Was soll ich denn noch machen?«

»Ich bin dein Freund.«

»Mein Freund? Was weißt du denn von Freundschaft? Ja, du warst überall mit dabei, und auf dem Spielfeld haben wir uns geschworen: Einer für alle, alle für einen. Aber wenn du ein Mädchen gesehen hast, und es hat dir gefallen, dann war es dir egal, ob sie einem deiner Freunde gehört hat oder nicht. Dann hast du sie vernascht.«

»Angie hat mich geliebt und nicht dich.«

»Das ist doch jetzt egal.«

»Es ist nicht egal«, polterte Leitner. »Und du nimmst mich mit.« Er versuchte aufzustehen, plumpste aber sofort wieder in seinen Sessel zurück.

»Na gut, du willst es nicht anders.« Sturm stieß es leise heraus, gefährlich. »Du möchtest etwas trinken? Von mir aus.« Er nahm eine Flasche Weinbrand aus einer kleinen Tragtasche und stellte sie auf den Tisch. »Aber wenn schon, dann ordentlich. Schauen wir einmal, wie viel du verträgst.« Er holte ein Glas aus dem Schrank, gab es Leitner in die unsichere Hand und schenkte ein. »Prost«, sagte er dann. »Prost darauf, dass dich deine Angie, oder Barbara – oder Barbie, wie ich zu ihr gesagt habe, bevor du sie mir weggeschnappt hast – so sehr geliebt hat.«

Leitner kippte den großzügig bemessenen Inhalt des Glases hinunter, Sturm schenkte nach. »Trink auf all deine Eroberungen aus früheren Zeiten. Und auf die Freundschaft. Und merk dir eins, Harry: Man haut einen Freund nicht in die Pfanne – wegen einem Mädchen.«

»Was … was soll das denn werden?«, lallte Harry Leitner.

»Das wirst du schon sehen. Aber zuerst trinkst du das aus«, herrschte Sturm ihn an.

»Ich mag nicht mehr.«

»So, du magst nicht mehr? Auf einmal?«, fragte Sturm. »Du willst mich wohl ärgern, was? Das kommt überhaupt nicht infrage. Du bist doch sonst nicht so kleinkariert. Diese schöne Flasche habe ich für dich gekauft, und du wirst sie austrinken – du ganz allein.«

Leitner machte eine abwehrende Bewegung, aber Sturm führte ihm die Hand mit dem Glas an die Lippen, bis er es beinahe widerstandslos leerte. Dann goss er sofort wieder nach. »Du hättest nie wieder nach Wien kommen sollen, Harry«, stellte er dabei fest. »Das war ein Fehler. Und mein Fehler war es, dass ich mich deiner angenommen habe. Ich hätte das nicht tun sollen. Du hast mir leid getan. Dabei war es das Leben, das dich bestraft hat, jawohl, das Leben. Es hat alles so kommen müssen, Harry. Trink!« Er reichte ihm das Glas.

Leitner schüttelte nur mehr den Kopf, zu keiner anderen Gegenwehr mehr fähig. Er versuchte, die Lippen zusammenzupressen, doch Sturm war schneller. Er schüttete ihm den Weinbrand in den Mund, und in einer gewohnheitsmäßigen Reaktion schluckte Leitner ihn hinunter.

»So ist es brav, Harry. Und es ist doch auch eine schöne Art zu sterben, oder?«, meinte Sturm beinahe beiläufig. »Du wirst sterben, wie du gelebt hast. Denn ich kann dich leider nicht am Leben lassen. Zuerst habe ich geglaubt, ich kann dir eine Chance geben. Aber du trinkst und trinkst und weißt gar nicht mehr, was du redest. Es wird jeden Tag schlimmer. Du erzählst schon jedem von deiner Angie und plauderst weiß Gott was für Zeug aus. Was hast du denn mit dem Lehrer gesprochen? Ich sehe es schon kommen, Harry. Irgendwann bildest du dir ein, ich sei schuld an deinem ganzen Unglück. Dann wirst du davon schwafeln, ich hätte Zeleny zu dem Foul angestiftet. Dabei ist das doch gar nicht wahr. Ich habe immer versucht, dein Freund zu bleiben, trotz allem.«

Leitner hörte die Worte, aber er verstand sie kaum mehr. Wieder nahm Sturm die Flasche. Diesmal schob er Leitner den Hals in den Mund. Er hob die Flasche an und drückte gleichzeitig sein Gesicht nach hinten. Leitner schluckte und kotzte einen Teil wieder heraus. Sturm setzte die Flasche ab.

»Ich wollte dein Freund sein, aber du hast mich angekotzt, genau so«, redete er auf den willen- und praktisch besinnungslosen Leitner ein. »Und irgendwann wirst du alles auskotzen, wenn du so weitermachst, alles, deine ganzen Fantasiegebilde. Du bist kein Freund, Harry, du bist ein kleines Kind. Ich muss jetzt auch ein wenig an mich denken. Das verstehst du doch, oder?«

Erneut setzte Sturm die Flasche an. Leitners Schluckbewegungen kamen automatisch, ebenso wie die vergeblichen Versuche seines Körpers, sich zur Wehr zu setzen. Wieder kam ein Teil der Flüssigkeit hoch, dazu Röcheln, bellendes Husten, Angst vor dem Ersticken. Auf Leitners Hose bildete sich ein großer, nasser Fleck. Auch dort war alle Beherrschung verloren gegangen.

Sturm redete weiter, redete nur mehr zu sich selbst. »Und dann der Ekel, den ich ständig in deiner Nähe empfinde. Du bist verfallen, verdreckt, verwahrlost. So wie du jetzt bist, das ist dein wahres Ich. Wenn ich daran denke, dass du mir einmal die Barbie ausgespannt hast, muss ich direkt lachen. Und dass ich mir bis vor Kurzem Sorgen um dich gemacht habe, ist auch lächerlich. Ich muss das alles vergessen. Ich muss die Sache zu einem Ende bringen.« Zufrieden nahm er die Flasche und hob sie in die Höhe. »Wenigstens hast du  beinahe ausgetrunken, Harry«, nickte er anerkennend. »Eine große Leistung, die einzige, zu der du noch fähig bist. Dafür hast du einen wunderbaren Tod, glaube mir, einen, von dem du nichts mitbekommen wirst. Das heißt, eine kleine Unsicherheit bleibt. Du verträgst verdammt viel. Vielleicht bist du gar nicht gleich tot. Vielleicht kommst du morgen wieder zu dir, als ob nichts gewesen wäre. Und das wollen wir doch nicht, Harry. Nehmen wir die Badewanne, wie bei Zeleny? Nein, das würde auffallen. Aber ein Zigarettchen in Ehren wird niemanden stören. Du wirst leider auch ersticken und verbrennen, Harry. Gleich wirst du hier ein hübsches Feuerchen haben.«

Sturm nahm eine Zigarette und zündete sie genüsslich an. Dann wischte er den Filter mit einem Taschentuch ab, ehe er sie Leitner in den Mundwinkel steckte. Er brauchte jetzt nur noch eine Zeitung und den Polster von der Couch, den er ein wenig mit dem übriggebliebenen Weinbrand tränkte und ihm in die Hand drückte.

Von alledem merkte Harry Leitner nichts mehr. Seine kleine Angie war gekommen und hatte ihn besucht. Sie gehörte jetzt ihm allein. Alles andere zählte nicht mehr.

Er hörte auch nicht, dass es an seiner Tür plötzlich heftig klingelte und klopfte.

 

*

 

»Aufmachen!«, rief Leopold, so laut er konnte. »Hören Sie mich, Harry? Aufmachen! – Er hört nicht«, stellte er dann verzweifelt fest.

»Warum auch? Er schläft seinen Rausch aus«, bremste Korber seinen Freund.

»Wie kannst du nur so begriffsstützig sein. Ich habe dir doch gesagt, dass Sturm so gut wie sicher der gesuchte Mörder ist. Es fehlt nur der letzte Beweis.« Leopold war am Explodieren.

»Und wer oder was, zum Teufel, sagt dir, dass Sturm jetzt da drinnen ist und Harry etwas antun will? Er kann ihn ganz normal abgeliefert haben und nach Hause gefahren sein.«

»Mein Gefühl sagt mir das, verstehst du? Für solche Sachen habe ich einen Riecher. Es war heute schon auf dem Fußballplatz so eine komische Situation, als du mit Harry an der Theke gestanden bist. Und nach dem Training hat sich Sturm sofort wieder nach Harry erkundigt und ihn sogar mit dem Auto abgeholt. Da ist doch was faul. Richard kommt zwar hoffentlich gleich, aber jede Minute ist kostbar.« Er klopfte und läutete erneut. »Aufmachen, Polizei!«, schrie er dabei.

»Dürfen wir uns eigentlich als Polizei ausgeben?«, wollte Korber wissen.

»Wer lange fragt, bleibt über«, erklärte Leopold ungeduldig. »Es rührt sich nichts. Wir müssen die Tür aufbrechen.«

»Das geht doch erst recht nicht«, protestierte Korber.

»Freilich geht’s«, beharrte Leopold.

»Da ist er«, rief Korber jäh.

»Wer? Wo?«

»Sturm. Draußen!«

»Die Wohnung liegt im Erdgeschoss. Er muss durch das Fenster entkommen sein.«

»Sollen wir ihm nach?«

Leopold schüttelte den Kopf. »Der kommt nicht weit. Wir müssen durch das Fenster zu Harry in die Wohnung. Komm, schnell.«

Tatsächlich stand ein Fenster offen, aus dem leichter Rauch kam. »Mach mir die Räuberleiter. Ich gehe hinein und öffne dir dann die Tür«, befahl Leopold.

Korber erkannte endgültig den Ernst der Lage. Eilig formte er seine Hände zu einem Steigbügel, über den Leopold hinauf zum Fenster gelangte und in Leitners Parterrewohnung einsteigen konnte. Ein Feuer brannte, aber Gott sei Dank so schwach, dass Leopold keine Schwierigkeiten hatte, die Flammen mit einer Decke zu ersticken. Die brennende Zeitung war ebenso wie der Polster zu Boden gefallen, ohne größeren Schaden anzurichten. Offenbar war Sturm in letzter Sekunde durch Leopold und Korber gestört worden.

Für Harry Leitner sah es freilich auf den ersten Blick nicht gut aus. Er reagierte auf keinen der Versuche Leopolds, ihn aus seinem Dämmerzustand ungewissen Grades herauszuholen. Sturm und der Weinbrand hatten ganze Arbeit geleistet. Als er sah, dass er hier nicht helfen konnte, ging Leopold rasch, um seinem Freund die Tür aufzumachen.

Durch das offene Fenster hörte man auch schon die Polizeisirene. Augenblicke später standen die Beamten in der Wohnung.

»Natürlich, es kann ja nicht anders sein. Der Herr Ober ist wieder einmal als Erster am Tatort«, kam es unwirsch von Bollek. Ein genauer Beobachter hätte diesmal freilich erkennen können, dass sich hinter der strengen Fassade des beinahe purpurroten Gesichtes eine Spur der Erleichterung verbarg.

»Ah, Leopold, da bist du ja. Wie sieht es aus?«, fragte Juricek. »Wie es scheint, seid ihr gerade noch zur rechten Zeit gekommen.« Nach einem kurzen Blick auf Leitner bedeutete er einem seiner Männer, einen Krankenwagen zu verständigen.

»Es war Sturm. Er ist durch das Fenster abgehauen«, berichtete Leopold.

»Den kriegen wir schon«, sagte Juricek. »Es ist zu dumm! Ich hatte ohnehin einen Beamten auf ihn angesetzt, um kein Risiko einzugehen, aber der hat ihn im entscheidenden Moment aus den Augen verloren. Sturm muss geahnt haben, dass er von uns beobachtet wird und hat ihn ausgetrickst. Hoffentlich geht die Sache mit Leitner halbwegs gut aus.« Er nahm Leopold auf die Seite. »Endlich hat der Posch Bertl den Mund aufgemacht und geredet«, teilte er ihm mit. »Natürlich hat er Sturm nach dem Mord vom Tatort wegrennen gesehen. Aber er hat es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verraten, weil er ihm eigentlich einen Gefallen getan hat. Gemeinsam mit seiner Frau haben wir ihn schließlich zur Vernunft gebracht.«

Leopold nickte. »Eigentlich haben wir’s uns ja auch so gedacht«, meinte er.

»Ja, aber uns haben die Beweise gefehlt. Die Videoaufzeichnung allein war zu wenig.« Juricek kratzte sich an der Stirn, während er zu Leitner hinüberschaute. »Weißt du, das sind die Augenblicke, wo es mir dann wieder schlecht geht«, sagte er. »Da liegt ein Mensch, und man fragt sich, ob man auch alles richtig gemacht hat. Man macht sich Vorwürfe. Vielleicht hätte man diesen letzten Auswuchs verhindern können.«

»Aber wenn du sagst, dass Sturm euch abgetäuscht hat …«

Juricek machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich hätte ihn gleich aufs Kommissariat mitnehmen und Bertl Posch gegenüberstellen müssen. Dann wäre das da nicht passiert.«

»Ich glaube, du hast richtig gehandelt«, tröstete Leopold ihn. »Von den beiden wäre keiner mit der Wahrheit herausgerückt, das hätte gar nichts gebracht. Gretl war da schon das schwache Glied, bei dem man ansetzen musste. Und ich glaube, Thomas und ich sind gerade noch rechtzeitig gekommen.«

»Das sagt sich alles so leicht«, sinnierte Juricek. »Was ist, wenn’s für den hier doch zu spät war? Oder wenn ihm was bleibt? Da kann man nicht so einfach mit der Hand drüberwischen und sagen: Ist halt so. Das verfolgt einen. Da träumt man davon.«

Rettung und Spurensicherung trafen nacheinander ein. Mitten in den Abtransport Leitners hinein läutete Juriceks Handy. Er lauschte kurz. »Gut«, sprach er dann in den Apparat hinein. »Sehr gut.«

»Haben sie ihn?«, wollte Leopold wissen.

Juricek nickte. »Er war in seiner Wohnung. Er hat sich widerstandslos festnehmen lassen. Er hat gewusst, dass es aus ist.« Mit starr zum Fenster hinaus gerichtetem Blick fügte er kaum hörbar hinzu: »Wenigstens etwas.«