11
Gut gelaunt, ja, fast ein wenig ausgelassen betrat Leopold am nächsten Morgen seine Arbeitsstätte. Er atmete die ein wenig abgestandene Luft im Café Heller ein wie eine frische Brise von der nahen Donau, die angenehm nach Wasser riecht und die Lebensgeister weckt. Er war mit sich zufrieden. Er befand sich auf dem besten Weg, den Fall zu lösen. Was fehlte, waren nur ein paar unwesentliche Kleinigkeiten, um seine Theorie zu untermauern.
Das Lokal lag unberührt und leer vor ihm da. Die Sessel und Tische lehnten ein wenig verschlafen herum und ließen sich gerade von den ersten kräftigen Sonnenstrahlen, die zum Fenster hereinlachten, wachküssen. Leopold warf die Kaffeemaschine an, dann verpasste er dem Mobiliar mit seinem Staubtuch eine letzte kleine Morgentoilette bis alles so war, wie es sich gehörte. Noch einmal atmete er tief durch. Es war Zeit, seinen Freund anzurufen. Solche Dinge konnte man nie früh genug erledigen.
»Juricek, Kommissariat Nord, Mordkommission.«
»Hallo Richard, hier Leopold.«
»Oh, meine Verehrung. Was steht an so zeitig am Morgen? Hast du den Fall schon aufgeklärt?«
»Du wirst lachen, aber so gut wie. Es fehlen nur noch ein paar Details.«
»Und da wendest du dich an uns? Das ist ja etwas ganz Neues!«
Leopold drückte ein wenig herum. »Ihr habt doch Ehrentrauts Computer unter eurer Obhut. Habt ihr ihn schon gründlich durchgefilzt? Aber nicht nur nach diesen Schmuddelbildern, sondern auch nach anderem Material?«
»Was suchst du? Mach es bitte kurz, ich bin noch ein wenig unausgeschlafen.«
»Irgendetwas über das Spiel, in dem Harry Leitner verletzt wurde, Margareten gegen Pötzleinsdorf vor zirka 15 Jahren. Habt ihr in dem Zusammenhang was gefunden?«
Statt einer Antwort kam eine erneute Frage: »Was ist daran so wichtig? Wen hast du in Verdacht?«
Wieder zögerte Leopold etwas. »Ich … ich weiß nicht. Ich möchte nichts Konkretes sagen, ehe ich es nicht beweisen kann. Aber meinem Gefühl nach hat die Sache mit diesem Spiel zu tun. Und mit Zelenys Tod.«
Juricek seufzte. »Kann ich es bitte ein bisschen detaillierter haben? Du versuchst schon wieder, Versteck mit mir zu spielen.«
»Ich habe gestern Abend mit Harry Leitner gesprochen.«
»Da hat er etwas Zusammenhängendes von sich gegeben? Meine Gratulation.«
»Nein, eigentlich nicht. Aber er reagiert ungemein sensibel, wenn man auf das Foul zu sprechen kommt, richtig aggressiv. Und dann ist da eine Verflossene von ihm im Spiel. Er hat intensiv von einer gewissen ›Angie‹ geschwärmt.«
»Viel ist das nicht gerade. Verdächtigst du etwa Harry?«
»Ehrentraut könnte ihn erpresst haben, vor allem, wenn er sich an Zeleny für das Foul gerächt hat, weil er dadurch seine große Liebe verloren hat. Und da muss er etwas gegen ihn in der Hand gehabt haben, verstehst du?«
Juricek räusperte sich. »Vielleicht ist da was dran. Wir werden uns darum kümmern.«
Das kam für Leopold nun ein wenig sehr schnell und unpersönlich. »Hast du auch schon eine Spur?«, wollte er wissen.
»Wir haben immer eine Spur«, hörte er Juricek gleichgültig sagen. »Das gehört zu unserem Beruf. Hör mal, ich muss jetzt Schluss machen. Schau doch heute Nachmittag bei diesem Schautraining vorbei. Ich komme auch hin. Da können wir über die Sache reden.«
»Ist gut, Richard. Und vergiss bitte nicht …«
»Wir sehen uns den Computer noch einmal an, keine Sorge«, sagte Juricek und legte auf.
›Komisch‹, dachte Leopold. ›Wenn ich ihn nicht informiere, meckert er, wenn ich ihm etwas Wichtiges sage, interessiert es ihn nicht.‹ Er ließ sich aber seine gute Laune dadurch nicht verderben. Er folgerte daraus, dass Juricek in dem Fall bisher nicht sehr weit gekommen war und die Zusammenhänge einfach nicht richtig erkannte. Das konnte ihm nur recht sein.
Sein Tatendrang an diesem Morgen war außerordentlich. Leichtfüßig brachte er eine Melange zu Frau Lind ans erste Fenster, geradezu heiter begrüßte er seine Chefin mit einem »Schönen guten Morgen, gnädige Frau«, als sie das Lokal durch die kleine Küche betrat, um ein erstes Mal nach dem Rechten zu sehen.
»Sie sind ja heute nicht wiederzuerkennen«, grummelte Frau Heller. Im Gegensatz zu Leopold befand sie sich in einer miesen Stimmung. Sie hatte schlecht geschlafen, weil sie fortwährend davon geträumt hatte, dass ihr Lokal von der Behörde zugesperrt worden war und sie ein großes Plakat mit dem Hinweis ›Bis auf Weiteres aus hygienischen Gründen geschlossen‹ an der Eingangstür anbringen hatte müssen.
»Gell, da schauen Sie. Aber das ist der Frühling, wenn er so beim Fenster hereinblinzelt. Er macht uns einfach alle zu anderen Menschen.«
»Ja, ja!« Nervös zog Frau Heller an ihrer ersten Zigarette. »Vielleicht hat dann auch heute wieder alles eine bessere Ordnung als an den Tagen vorher.«
»Aber selbstverständlich«, meinte Leopold begeistert. »Und wissen Sie was? Ich habe mir, das betreffend, meine Gedanken gemacht. Ich habe großartige Ideen, wie man die Abläufe optimieren kann.«
»Opti… was?«, fragte Frau Heller verständnislos.
»Optimieren. Das funktioniert wunderbar, wenn wir die kommenden Ereignisse rechtzeitig antizipieren.«
»Was soll das? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?« In Frau Hellers verschlafenem Kopf war kein Platz für so viele komplizierte Wörter.
»Keineswegs, Frau Chefin. Wie gesagt, ich habe über die Dinge nachgedacht. Ich werde Ihnen gleich zeigen, was ich meine.« Leopold hantierte umständlich an der Kaffeemaschine herum, dann öffnete er eine Bierflasche und griff nach einem Glas. Schließlich sah es so aus, als ob er einen Tee zubereiten wollte. Dazwischen bat er Frau Heller um ein Briochekipferl und einen Gugelhupf.
Die fragte nur mehr kopfschüttelnd: »Für wen soll denn das alles sein?«
»Der große Braune ist für Frau Sandner, das Bier für Herrn Kommerzialrat Lorenz und der Tee für unsere zwei jungen Studentinnen, Sie wissen schon. Sie trinken ihn immer mit Milch. Die eine kriegt das Kipferl, die andere den Gugelhupf«, erklärte Leopold.
»Aber die sind ja noch gar nicht da.«
»Das ist ja der Trick. Optimierung unseres geschäftlichen Ablaufs, verstehen Sie? Alle vier werden gleich kommen, weil sie jeden Tag um diese Zeit kommen. Ihre Bestellungen haben wir aber bereits fix und fertig hergerichtet, sie brauchen nur mehr an ihren Platz gebracht zu werden. Das bringt jede Menge Zeitersparnis. Durch Antizipation.«
»Es könnte sein, dass sie später kommen. Viel später. Oder gleich gar nicht«, blieb Frau Heller skeptisch.
»Unsere Stammgäste finden sich immer pünktlich ein, Frau Chefin. Da gibt es keine Unregelmäßigkeiten«, beharrte Leopold. »Da ändert sich nichts über Tage, Wochen und Jahre. Und wenn einer unserer täglichen Besucher wirklich einmal ausfallen sollte, dann hat das einen schwerwiegenden Grund. Da muss er schon mindestens 39 Grad Fieber haben oder auf dem Operationstisch liegen.«
»Sie spinnen, Leopold.«
»Nein, ich antizipiere. Warum wir da nicht schon früher draufgekommen sind. Stellen Sie sich einmal vor, welche Vereinfachungen das mit sich bringt. Man muss nicht mehr warten, bis die Leute etwas bestellen, man kann gleich alles in der geeigneten Art vorbereiten. Das ist ja auch das Geheimnis der modernen Marktwirtschaft. Da wird nicht mehr auf einen Auftrag gewartet wie im Mittelalter, sondern das fertige Produkt ist zur Stelle, wenn der Kunde es wünscht.«
Wie zur Bestätigung von Leopolds Theorie kam Frau Sandner zur Tür herein. »Auf die Minute wie immer, gnä Frau«, säuselte er und brachte den Kaffee an ihren Tisch.
Trotzdem zeigte sich Frau Heller nicht gerade begeistert. »Was faseln Sie da zusammen, Leopold?«, fragte sie. »Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man glauben, Sie wollen aus unserem Kaffeehaus eine Imbissstube machen und nicht dieser ungehobelte Kanadier.«
»Liegt mir fern, Frau Chefin. Aber eine kleine, zeitsparende Innovation wird doch erlaubt sein.«
»Innovation?«, empörte sich Frau Heller. »Wir sind ein Traditionsbetrieb, Leopold.«
Inzwischen war auch der pensionierte Kommerzialrat Lorenz eingetroffen. »So, da ist Ihr kühles Blondes, Herr Kommerzialrat«, sagte Leopold und stellte vor dem perplexen Lorenz, der sich gerade einmal eben eine Zeitung holen wollte, das Bier ab. Beim Zurückgehen bemerkte er: »Es hilft, Frau Chefin, Sie werden schon noch draufkommen. Es bringt uns die kleinen Zeitfenster, die wir in unserem Job brauchen. Ich müsste zum Beispiel jetzt gerade telefonieren.«
»Na, in solchen Fällen müssen unsere Gäste halt wie eh und je ein bisserl warten«, meinte Frau Heller nur.
»Da stehen die zwei Tee mit Milch, wenn die Studentinnen kommen«, erklärte ihr Leopold beiläufig, während er sein Handy nahm und eine Nummer wählte. »Und das Kipferl. Und der Gugelhupf. Sie brauchen es nur noch zu servieren.«
Mit einer eindeutigen, kreisenden Handbewegung, die sie in der Mitte ihrer Stirn ausführte, zog sich Frau Heller wieder hinter die Theke zurück. Leopold aber fühlte sich so wohl und beschwingt wie schon lange nicht mehr. Am liebsten hätte er schnell die zwei Händetrockner besorgt und selbst installiert. Jetzt musste er allerdings ein paar Worte mit Gerry Scheit reden.
»Hallo?« Die Stimme am anderen Ende der Leitung war weiblich und klang unausgeschlafen.
»Bettina?«
»Ja! Wer spricht da?«
»Hier ist Leopold, Sie wissen schon. Eigentlich wollte ich mit Gerry Scheit reden.«
»Ach«, seufzte Bettina. Leopold versuchte sich vorzustellen, wie sie sich dabei mit der Hand durchs Haar fuhr. »Er schläft noch. In der Nacht arbeitet er, und in der Früh … da schläft er eben.«
»Wecken Sie ihn auf.«
»Muss das sein?«
»Bettina! Wie oft soll ich Ihnen sagen, dass es hier nicht um mich geht«, ermahnte Leopold sie ungeduldig. »Sie beide sind verdächtig, Ihren Mann Wolfgang umgebracht zu haben. Ich will Ihnen nur helfen, aus dem Schlamassel rauszukommen. Muss ich noch deutlicher werden?«
»Na gut.« Jetzt hörte Leopold ihr Trippeln durch die Leitung, wie sie nervös zum Schlafzimmer ging, um ihren Gerry wachzukriegen.
»Ja?«, krächzte Gerry dann rascher als erwartet in sein Handy.
»Haben Sie schon etwas gefunden?«, erkundigte Leopold sich.
»Hören Sie«, grummelte Scheit. »Ich habe nach wie vor andere Dinge zu erledigen, Jobs, für die ich das Geld bekomme, von dem ich lebe. Ich werde mich schon zu gegebener Zeit ein wenig umsehen.«
»Nicht zu gegebener Zeit, sondern jetzt«, versuchte Leopold, ruhig zu bleiben. Der Kerl schien über Nacht wieder stur geworden zu sein. »Sie können nicht mehr zuwarten. Schön langsam wird es eng für Sie. Also bemühen Sie sich bitte um Resultate.«
»Das ist nicht so einfach«, gab Scheit zu bedenken. »Es ist viel zu unklar, wonach ich suchen soll. Das dauert Stunden, vielleicht Tage. So viel Zeit habe ich nicht.«
»Ich kann mir vorstellen, dass Ehrentraut gern fotografiert oder gefilmt hat. Suchen Sie nach Fotos und Videomaterial, mit dem er jemanden erpressen konnte. Sie kennen doch sicher Harry Leitner?«
»Den ständig betrunkenen ehemaligen Fußballspieler?«
»Genau. Vielleicht gibt es Material über das Spiel, bei dem er so schwer verletzt wurde, Margareten gegen Pötzleinsdorf vor etwa 15 Jahren. Vielleicht finden Sie sonst etwas über ihn. Verstehen Sie?«
»Das ist immerhin schon ein wenig konkreter«, brummte Scheit.
»Na also! Der Bursche, der das mörderische Foul begangen hat, hieß Zeleny. Der ist ein Jahr später in seiner Badewanne ertrunken. Ich glaube, dass es Mord war. Aber um da dahinterzukommen, brauche ich seine letzte Wohnadresse.«
»Sie wollen dort nachfragen, ob sich jemand erinnern kann? Und Sie glauben, dass das alles mit dem Mord an Ehrentraut zu tun hat?«
»Sie sind ein schlauer Bursche. Also los, und schauen Sie, dass Sie bis heute Nachmittag alles beisammen haben.«
Jetzt schien Scheit aus allen Wolken zu fallen. »Wie soll ich denn das machen?«, fragte er.
»Ihr Problem, aber stellen Sie sich nicht so dumm. Es gibt das Meldeamt, das Internet und alte Telefonbücher. Es gibt Zeitungen von früher, in denen sicher etwas über Zelenys Tod gestanden ist. Es gibt die Vereine, bei denen er gespielt hat, zum Beispiel Pötzleinsdorf. Also fragen Sie nicht ständig herum, sondern beeilen Sie sich.«
»Ich werd’s versuchen«, sagte Scheit, aber es klang nicht sehr überzeugend. Dann klickte es in der Leitung. Er hatte aufgelegt, ohne sich zu verabschieden. Leopold fürchtete, dass er sich wieder in seinem Bett verkriechen würde, anstatt nach Beweismaterial zu suchen.
*
»Hello, Boys!« Mit diesen Worten betrat Joe Brown kurz vor dem Schautraining die Kabine der Kampfmannschaft von Eintracht Floridsdorf. Klaus Stary, der mit ihm gekommen war, hielt derweil draußen Wache.
»I have no idea, ob ihr wisst, wer ich bin, Boys«, fabulierte Brown in seinem unverwechselbaren Akzent. »Ich war ja schon ein paar Mal hier und habe mir eure Spielwiese angesehen, aber das tut nichts zur Sache, das ist wirklich nicht important. Mein Name ist Joe Brown. Ich bin Präsident von euren Kollegen, den Floridsdorfer Kickers. Really nice club! Wir können tatsächlich Meister werden, und wenn wir Champions sind, haben wir große Ziele. Dann wollen wir den anderen einmal Feuer unterm Arsch machen, wie man hier bei euch so sagt. Aber dazu fehlt noch ein kleines Stück.
Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin ja selbst aufgewachsen hier in Floridsdorf, und dann hinüber über den großen Teich nach Kanada. I had a dream, Boys, ich habe einen Traum gehabt. Da drüben gibt es nämlich viel Holz, und ich habe mir gedacht, es ist doch unnötig, wenn dieses ganze schöne Holz einfach im Wald stehen bleibt. Also habe ich die Ärmel aufgekrempelt. ›Des werd ma glei hob’n‹, habe ich gesagt, und was ist heute? Heute gehört mir eine der größten Möbelketten von Amerika, Boys, that’s for sure.
Und jetzt habe ich noch so einen Traum. Ich möchte was erreichen mit dem Football hier in Floridsdorf. Hat mich schon etliche Mäuse gekostet. Aber warum sollen zwei Klubs jeder für sich allein dahinvegetieren, habe ich mir gedacht. Sind wir nicht gemeinsam stärker, die Kickers und ihr? Wir wollen to the Top. Wir können zusammenwachsen. Nur eins: Wir müssen raus aus dieser Scheißliga, sonst könnt ihr das Projekt vergessen. Ein weiteres Provinzjahr interessiert mich nicht.
Also, wie schaut’s mit euren Träumen aus? Wollt ihr nicht auch mal ordentlich verdienen, anstatt für ein Butterbrot zu spielen?« Plötzlich wurde Brown durch einen dunkelhäutigen Spieler irritiert, der sich offenbar mehr für sein Handy interessierte als für seine Ausführungen. »He, du da«, rief er ihm zu. »He, schwarzer Mann. What are you doing? Du zuhören, kapiert?«
»Bis jetzt hab ich alles verstanden«, sagte der Dunkelhäutige in perfektem Deutsch.
»Wie heißen?«, wollte Brown wissen. »Wo kommst du her?«
Der Dunkelhäutige seufzte. »Ich heiße Said. Said Khairi. Aus Marokko.«
»Du schon lange hier?«
»Seit meiner Kindheit. Ich bin da aufgewachsen«, antwortete Khairi verärgert.
»Und Frau? Hast du Frau? Und Kinder? Viele Kinder?« Brown machte einige unmissverständliche Handbewegungen.
»Nein, aber was soll der Quatsch?«, fragte Khairi wütend.
»Immer mit der Ruhe, mein schwarzer Freund. Es ist besser, wenn man aufpasst, wenn ich was sage. Eines Tages wirst du nämlich Frau und Kinder haben, das ist bei euch so üblich. Statistik, you know? Und dann wirst du mit dem bisschen, das du hier bekommst, nicht weit kommen. Aber wenn du und alle anderen ordentlich mit dem Fußball abkassieren, dann seid ihr nicht abhängig von der Economy, ob ihr einen Job bekommt, mit dem ihr eure Family ernähren könnt.« Brown paffte ungeniert an einer großen Zigarre. Dabei stand er genau dort, wo ein Schild ›Rauchen verboten‹ angebracht war. »As I said, betrifft das euch alle hier«, fuhr er fort, nachdem er genüsslich den Rauch ausgeblasen hatte. »Money makes the world go around. Ich kann euch was bezahlen, ich kann euch Geld geben, Kohle, Pinkepinke. Aber jetzt hört zu: Meine Floridsdorfer Kickers müssen dazu Meister werden. Dann drehen wir die Lichter hier ab, gehen zusammen in ein neues Stadion vom Feinsten und schreiben Fußballgeschichte.«
»Die meisten von uns werden nach so einer Fusion gar nicht dableiben dürfen«, meldete sich Hermann König, der Kapitän der Mannschaft, zu Wort. »Da heißt es doch nur vielen Dank und tschüss.«
»He, junger Freund, bist du afraid? Natürlich wird ein wenig aussortiert, das ist so wie beim Obst oder beim Fleisch.« Brown begann lauthals zu lachen. »Die Guten bleiben, die anderen gehen. Das ist die Leistungsgesellschaft, do you understand? Aber es soll niemand seinen Schaden daran haben. Beim letzten Händedruck wird sicher eine kleine Aufmerksamkeit für die Betroffenen mit dabei sein.«
Eine leichte Unruhe beschlich die Spieler, die bis jetzt ruhig dagesessen waren.
»Wie viel ist das?«, hörte man Einzelne fragen.
»Nur keine Panik«, sagte Brown zwischen Rauchwölkchen. »Es ist für alle genug da. Aber noch ist es nicht so weit. Der Tisch ist noch nicht gedeckt. Eine Kleinigkeit fehlt. Die Kickers müssen am Sonntag hier gewinnen.«
»Sie wollen, dass wir verlieren«, stellte König fest.
»Sagen wir es so: Eure Zukunft liegt in eurer Hand. Für einen Sieg bekommt ihr nur die paar Kröten, die ihr mit eurem Präsidenten ausgehandelt habt. Und sonst? Jeder 5.000 Euro, bar auf die Hand. Also: Zahlt es sich da aus, sich anzustrengen, wo es für euch praktisch um nichts mehr geht? Bei der Hitze? Am Ende einer anstrengenden Saison, wo sich doch keiner mehr weh tun möchte? Überlegt euch das doch mal, Jungs, just think about it.«
»Das möchten wir schriftlich haben«, kam es von den Spielern.
Brown schnippte nur kurz die Asche von seiner Zigarre und meinte: »Boys, ihr seid crazy. Über solche Dinge gibt es keinen Vertrag, you know? Aber ich halte mein Wort, darauf könnt ihr euch verlassen. Des werd ma scho moch’n. So, und nach dem Training kauft ihr euch jeder eine Tüte Eis.« Mit einem flotten Griff hatte Brown ein Bündel Hunderteuroscheine aus seiner Hosentasche gefischt, die er mit einem großzügigen Lächeln unter den Spielern verteilte.
Im selben Augenblick zischte Klaus Stary herein: »Es wird Zeit, dass wir verschwinden. Sturm und Sonnleitner sind im Anmarsch!«
Aber da tauchten die beiden schon vor dem Kabinentrakt auf und sahen nicht so aus, als ob sie in friedlicher Absicht kämen. »Was tun Sie hier?«, rief Sturm mit erhobener Stimme in Richtung Brown. »Was haben Sie hier zu suchen?«
Brown zuckte nur mit den Achseln und verteilte den Rauch seiner Zigarre in die laue Mailuft. »Sorry, Trainer«, grinste er Sturm entgegen. »Aber es hatte bisher niemand Wert darauf gelegt, mich der Mannschaft vorzustellen. Und wenn ich schon heute als Sponsor für dieses Training auftrete, damit ein bisschen Schwung in die Bude kommt, habe ich mir gedacht …«
»Nichts da, nichts da«, unterbrach ihn Sturm. »Sie haben in dieser Richtung nicht zu denken. Wenn Sie hier auf Ihre eigenen Kosten ein Kasperltheater veranstalten, dann geht mich das nichts an. Aber die Mannschaft ist mein Revier. Machen Sie sich hier also nicht wichtig. Sie gehören ja nicht einmal zum Verein.«
»Immer dieser Kleingeist«, konstatierte Brown kopfschüttelnd. »Könnte es nicht sein, dass Sie bloß eifersüchtig sind, weil Sie hier bald alle miteinander nichts zu reden haben? Es fällt euch schwer, die neuen Verhältnisse zu akzeptieren, I see. Drum wollt ihr heute noch anschaffen, weil es morgen nicht mehr geht. There is no tomorrow for you, kapiert? Des werd ma scho moch’n.«
»Sie haben versucht, die Mannschaft zu bestechen«, attackierte ihn Sturm geradeheraus.
»Überlegen Sie sich, was Sie da sagen«, kam es jetzt lauernd und ein wenig drohend von Brown.
»Da brauche ich nicht viel zu überlegen, das ist ja offensichtlich«, donnerte Sturm wütend. »Da legt man eben ein bisschen Geld hin, damit am Sonntag ja nichts schief geht. Sie denken, mit Geld können Sie alles regeln, nicht wahr? Wie ich sehe, haben Sie schon ein neues Maskottchen gekauft, das Ihnen nicht von der Seite weicht.«
Stary brauchte lange, bis ihm dämmerte, dass er damit gemeint war, dann ging er aber sofort mit einem »Du pass auf« auf Sturm los. Sturm schien nur darauf gewartet zu haben, um die in ihm aufgestauten Aggressionen loszuwerden. Er parierte Starys ersten Angriff und wollte ihm nun seinerseits einen Denkzettel verpassen. Ehe sich aus dem Gerangel jedoch eine handfeste Rauferei entwickeln konnte, ging Sonnleitner dazwischen.
»Hört auf euch zu schlagen wie kleine Kinder!«, ordnete er an. »Man muss sich ja genieren. Überhaupt Sie, Stary. Wer sind Sie hier eigentlich wirklich? Nichts, außer vielleicht das Liebkind von Herrn Brown, und der ist ebenfalls nichts, wie wir gerade erfahren haben. Ich muss mich sehr über die Unverfrorenheit wundern, mit der Sie beide in die Kabine unserer Spieler eingedrungen sind. Ich muss Sie bitten, das in Zukunft zu unterlassen.«
»Ich habe nur versucht, der Mannschaft ihre Position klarzumachen«, sagte Brown. »Offenbar wissen Sie ja selbst nicht einmal, was los ist.«
»Oh doch, das weiß ich«, entgegnete Sonnleitner. »Glauben Sie, ich bin blind? Ich sehe schon seit Tagen, wie versucht wird, den Verein zu unterwandern. Nicht einmal Wolfgang Ehrentrauts Tod hat Sie und Ihre Leute davon abgehalten. Aber ein wenig werden Sie sich noch gedulden müssen. Noch bin ich da. Vielleicht haben Sie gehofft, dass ich freiwillig das Feld räume, aber ich habe es mir überlegt. Wenn die Leute wollen, dass ich bleibe, so bleibe ich. Schauen wir mal, was bei der Generalversammlung tatsächlich herauskommt.«
»Mal sehen«, hörte man undeutlich von Brown, der sich bereits umgedreht hatte. Er ließ den Stummel der Zigarre bei seinem Abgang achtlos zu Boden kullern. Stary folgte ihm nach wie ein treuer Soldat. Nach einigen Augenblicken machte sich auch Sonnleitner wieder auf den Weg.
Sturm schaute kurz zu seinen Spielern in die Kabine. Während andere so taten, als sei nichts geschehen, winkte ihm Hermann König mit dem Hunderteuroschein, den er soeben von Brown erhalten hatte.
»Kurz locker auf dem Trainingsplatz aufwärmen«, befahl Sturm. »In zehn Minuten gehen wir auf das Hauptfeld und lassen den ganzen Rummel über uns ergehen.« Dann stapfte er Richtung Kantine, vorbei an den Bierständen, wo sich die Leute drängten, um zu ihrem Freigetränk zu kommen, und wo Brown sichtbar seine Männer postiert hatte, um noch rasch Mitglieder zu werben.
Sein Kopf war voll von Dingen, die ihn sehr nachdenklich machten.
*
Thomas Korber und Leopold saßen in der halbleeren Kantine. Das große Treiben lief heute draußen im Schein der kräftigen Abendsonne ab, wo langsam so etwas wie Biergartenstimmung aufkam, eine Band zu spielen begann, und der Lautsprecher verkündete, dass die sportliche Zukunft Floridsdorfs in diesen Minuten beginnen würde. Alles lief ohne gröbere Zwischenfälle ab. Die ›Freunde der Eintracht‹ schienen sich mit ihrem Aufstand zurückzuhalten, um in aller Stille den großen, entscheidenden Schlag vorzubereiten.
Leopold war gerade dabei, Korber zu beruhigen, der Klaus Stary draußen vorbeihuschen gesehen hatte. »Glaubst du, der hat jetzt Zeit für einen Wickel mit dir? Der hat im Moment andere Sorgen«, sagte er.
»Meinst du?«
»Sicher. Der muss sich doch bei Brown wichtig machen und überhaupt allen zeigen, was für ein Wunderwuzzi er ist, damit er den Job, auf den er aus ist, auch bekommt. Du kannst dich also entspannen. Das heißt, einen kleinen Gefallen könntest du mir vorher tun.«
»Kommt nicht infrage«, wehrte Korber gereizt ab.
»Du weißt doch gar nicht, was ich von dir will.«
»Das ist nicht schwer zu erraten. Irgendeine Schnüffelei wird’s wohl sein.«
Tatsächlich war Leopold bei seinen Versuchen, herauszufinden, wer Harry Leitners Angie war, nicht weit gekommen, und das wurmte ihn. Selbst ›Fips‹ Ziegler, sonst verlässlicher Eintracht-Chronist, hatte sich an keine Frau dieses Namens in Zusammenhang mit Harry erinnern können. »Harry hat zu seiner Zeit bei uns eine Menge Frauen gehabt«, hatte er nur gemeint. »Er war da nicht sehr wählerisch. In seiner stärksten Phase jede Woche eine andere. Da hat es immer jede Menge Gerüchte gegeben. Aber eine Angie oder wofür der Name auch stehen könnte war sicher nicht dabei.«
Leopold deutete kurz Richtung Theke. »Schau mal nach vorn«, forderte er Korber sanft auf. »Wer steht dort einsam und verlassen und versaut unserer Gretl Posch den Tag? Richtig, unser Freund Harry. Er sieht noch relativ nüchtern aus. Geh und ziehe ihn in ein vertrauliches Gespräch. Vielleicht sagt er dir heute mehr als mir gestern.«
»Geh doch selber hin«, blieb Korber stur.
»Ich kann nicht. Mich kennt er schon. Ich bringe aus ihm nichts mehr raus.«
Korber schüttelte den Kopf und deutete auf sein Fruchtsaftgetränk: »Ich kann auch nicht. Ich bin heute alkoholfrei unterwegs.«
»Das hält bei dir ohnehin nicht lange an«, meinte Leopold. »Hab doch ein Einsehen. Ich muss unbedingt wissen, was das für eine Angie war. Du als geschulter Pädagoge bist meine letzte Hoffnung. Harry wirkt auf mich wie ein kleiner Junge, der Angst vor einer Schularbeit hat und sich ein wenig Mut antrinkt. Bei so jemandem erreichst du am ehesten etwas.«
»Ich weiß nicht so recht. Das ist doch gefährlich. Du hast selbst gesagt, dass du Harry für den Mörder hältst.«
»Ach was«, versuchte Leopold ihn zu beruhigen. »Wenn er zu viel hat, schreit er herum, ist aber im Grunde harmlos. Außerdem bin ich ja auch noch da.«
Korber zögerte, stand dann aber doch auf und ging nach vorn. Leopold hörte, wie er bei Gretl Posch zwei kleine Bier und einen Weinbrand bestellte.
Im selben Augenblick stürzte Helmut Sturm, aufgewühlt von den Ereignissen vorher, zur Tür herein. »Eine Flasche Mineralwasser«, rief er Gretl hastig zu. Dann stieß er plötzlich Thomas Korber an. »Was tun Sie da?«, empörte er sich. »Warum zahlen Sie Harry ein Bier und einen Schnaps? Wollen Sie, dass er sich zu Tode säuft? Ihr dürft ihm nichts mehr geben, ein für allemal«, beschuldigte er Gretl.
Die schien nur darauf gewartet zu haben, ihre schlechte Laune an jemandem auszulassen. »Was heißt, wir dürfen ihm nichts mehr geben«, fauchte sie entrüstet. »Willst du mir etwa vorschreiben, was ich an wen zu verkaufen habe? Heute nehmen sie mir mit dem Freibier sowieso schon das ganze Geschäft weg. Und den Bertl halten sie auf dem Kommissariat fest.«
»Ach so?«, fragte Sturm. Auch Leopold wurde gleich hellhörig.
»Ja, jetzt verdächtigen sie ihn auch schon wegen dem Mord. Und dann kommst du, und möchtest mir Befehle erteilen. Ich glaube, ich sperre den Laden demnächst zu. Heute ist kein guter Tag.«
»An Betrunkene darf kein Alkohol ausgeschenkt werden, so einfach ist das«, erklärte Sturm.
»Jetzt willst du mir auf meine alten Tage erklären, wer betrunken ist«, sagte Gretl Posch und kippte in ihrer Aufregung wieder einmal einen Klaren hinunter. »Weißt du was? Geh lieber zu deiner Mannschaft, solange du noch eine hast.«
Sturm nahm sein Mineralwasser und ein Glas und stellte sich wortlos an einen der Stehtische.
»Entschuldigung«, redete Leopold ihn an und stellte sich neben ihn. »Ich möchte mich da nicht einmischen, aber vor zwei Tagen habe ich gesehen, wie Sie selbst Harry ein Bier und einen Schnaps spendiert haben. Was ist so schlimm daran, wenn ihm heute mein Freund was bezahlt?«
Sturm wirkte nervös. Seine Hände, die jetzt eine Zigarette hielten, zitterten leicht. »Ach wissen Sie«, erklärte er. »Vielleicht bin ich momentan etwas schief gewickelt, weil ich gerade Ärger hatte. Aber man kann es nicht zulassen, dass sich dieser Mensch jeden Tag volllaufen lässt. Das richtet ihn ja zugrunde. Ich als sein Freund habe es vielleicht auch lange Zeit zu gut mit ihm gemeint. Damit ist jetzt Schluss.«
»Ist alles mit dem Foul gekommen, nicht wahr?«, sinnierte Leopold. »Schon tragisch, wie so etwas einen Menschen verändern kann.«
»Ja, furchtbar«, pflichtete Sturm ihm gedankenverloren bei. Er trank hastig von seinem Mineralwasser und schaute auf die Uhr.
»Sie waren doch damals Harrys Trainer. Wie ist es eigentlich zu diesem schweren Foul gekommen?«, wollte Leopold wissen. »Hat es vorher vielleicht eine Auseinandersetzung zwischen Harry und diesem Robert Zeleny gegeben?«
»Roman Zeleny, nicht Robert«, korrigierte Sturm. »Nein, nein, was denken Sie. Früher wurde in der Landesliga einfach wahnsinnig hart gespielt. Man wollte es den Großen in der Bundesliga nachmachen, aber Kraft und Kondition dazu haben gefehlt. Da hat es dann schon böse Attacken gegeben, wenn der Ehrgeiz größer als das Können war. Und jetzt stellen Sie sich diesen Roman Zeleny vor, ein Bär von einem Mann, ein Riese. Allerdings hat er es schon ziemlich schwer gehabt, mit dem Tempo mitzuhalten. Harry, schnell wie ein Pfeil, war an ihm vorbei, und dann kam die böse Blutgrätsche.«
»Also keine Absicht?«
Sturm zuckte mit den Achseln. »Sicher nicht so, wie Sie denken. Es ist eben passiert. Wer weiß denn, wie alles wirklich war, nach so vielen Jahren. Das Training, Sie wissen schon.« Er stürzte den Rest von seinem Glas hinunter und machte eine entschuldigende Handbewegung.
»Vielleicht können Sie mir eine letzte Frage beantworten«, blieb Leopold hartnäckig. »Hatte Harry damals eine Freundin, die Angie hieß?«
»Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen«, meinte Sturm im Gehen. »Harry hat es nämlich mit seinem weiblichen Bekanntenkreis ein wenig übertrieben. Dadurch hat er sich hier zeitweise nicht gerade beliebt gemacht. Das war auch ein Grund, warum er dann mit mir als Trainer zu Margareten gewechselt ist.«
»Angie könnte eine Freundin von Zeleny gewesen sein.«
»Vielleicht. Möglich. Sehen Sie, auf diese Idee bin ich gar nicht gekommen. Aber wie gesagt, es ist alles schon lange her. Und ich muss jetzt wirklich zum Training.« Sturm öffnete die Kantinentür, drehte sich aber noch einmal in Richtung Theke und rief, drohend mit dem Zeigefinger winkend: »Schenk Harry nichts mehr ein, Gretl. Ich meine das ernst.«
*
Leopold verließ die Kantine ebenfalls, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Der Lautsprecher plärrte nach wie vor, die Fußballer der Eintracht Floridsdorf schossen sich zum Gaudium der Umstehenden aus allen Positionen ein, und unter den immer zahlreicher werdenden Zuschauern floss das Freibier in Strömen. Es fehlte offenbar nicht mehr viel zur allgemeinen Glückseligkeit. Von der Unruhe, die am Dienstag vor der Ermordung Ehrentrauts geherrscht hatte, war nichts zu merken. Natürlich gab es lebhafte Diskussionen, aber was für die Zukunft am besten sein würde, darüber war man sich nicht einig. Ein Sieg der Eintracht am Sonntag? Dann hätte man den Floridsdorfer Kickers zwar ordentlich den Tag versaut, würde sich aber auf Jahre damit begnügen müssen, in der Landesliga zu spielen, wenn, ja, wenn es überhaupt mit der Eintracht weiterging. Und eine Niederlage? Dann durfte man so gut wie sicher am Erfolg der Kickers mitnaschen, aber um den Preis, wohl auf immer mit dem ungeliebten Bezirksrivalen verbunden zu sein und langsam in ihm aufzugehen. Die meisten taten das, was man in Wien in solchen Situationen üblicherweise tut: Sie hofften auf den lieben Herrgott, und dass schon alles gut ausgehen würde.
Leopold schritt den Platz ab, auf dem er als Kind und Jugendlicher so oft, zuletzt aber so selten gewesen war. Dabei überkam ihn ob der ungewissen Zukunft ein bisschen Wehmut, gleichzeitig dachte er angestrengt nach. Von seiner frühmorgendlichen Hochstimmung war nur wenig übrig geblieben. Er hatte wieder das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Kein Wunder, es tat sich ja nichts. Keine Spur von Angie und von denjenigen, die Antwort auf seine offenen Fragen finden sollten.
Da läutete sein Handy. Endlich.
»Hallo«, schnarrte Gerry Scheit hinein.
»Was gibt’s?«
»Sie werden’s kaum glauben, aber ich habe die Adresse. Vierter Bezirk, Argentinierstraße 50.«
»Wie haben Sie es denn herausgefunden?«, wurde Leopold neugierig.
»Fragen Sie mich nicht.« Scheit klang ein wenig erschöpft. »Es war nicht einfach, aber schließlich hat’s geklappt. Ich habe mich dort auch ein wenig umgehört. Und ich habe Glück gehabt.«
»Inwiefern?« Leopold konnte sich kaum mehr zurückhalten.
»Beim Bazi-Wirt hat sich der Inhaber erinnern können. Zeleny war an dem Abend, wo er starb, in seinem Lokal. Mit zwei anderen Männern.«
»Tatsächlich? Hat er einen der beiden gekannt?«
»Nein. Zeleny war dort Stammgast, aber die beiden anderen waren zum ersten Mal dort. Ohne Foto war da nichts zu machen.«
»Ist dem Wirt vielleicht etwas Besonderes aufgefallen?«
»Langsam, langsam«, beschwichtigte Scheit. »Die drei haben an diesem Abend ordentlich gebechert. Zuerst waren sie ganz lustig, dann sind sie ziemlich anstrengend geworden. Sie haben zu streiten begonnen, der Wirt weiß aber nicht mehr, worüber. Er wollte schon eingreifen, aber dann haben sie sich wieder beruhigt. Schließlich sind sie gegangen.«
»Zusammen?«
»Ja. Zeleny war angeblich stockbesoffen. Niemand hat sich gewundert, dass ihm das in der Badewanne passiert ist, so wie der drauf war. Noch etwas: Einer von seinen Begleitern hat am Anfang ständig fotografiert.«
»Ehrentraut?«
»Vielleicht. Na, was sagen Sie? Das ist immerhin etwas. Und wie gesagt, mit Fotos von verdächtigen Personen kann man vielleicht mehr aus dem Wirten herauslocken«, sagte Scheit zufrieden. Man konnte förmlich hören, wie stolz er auf sich war. »Bettina und ich sind doch jetzt aus der Sache draußen?«, fragte er selbstsicher.
»Das liegt nicht in meiner Hand«, schränkte Leopold ein. »Es sieht zumindest einmal nicht schlecht aus. Haben Sie in der Wohnung etwas gefunden?«
»Ich kann nicht überall gleichzeitig sein«, wurde Scheit jetzt wieder aufmüpfiger. »Bettina hat ein wenig nachgeschaut, aber ohne Ergebnis. Außerdem: Wenn Ehrentraut seinen Mörder wirklich erpresst hat, ist es da nicht wahrscheinlicher, dass das entsprechende Material mittlerweile beim Täter ist?«
Das war natürlich nicht von der Hand zu weisen. »Ist möglich«, gab Leopold zu. »Halten Sie sich auf jeden Fall zu unserer Verfügung«, ordnete er dann an, als ob er schon offiziell mit der Lösung des Falles betraut wäre.
»Sie können versuchen, mich anzurufen. Ich habe auf jeden Fall zu tun. Eine Observierung«, legte Scheit nach. Dann beendete er das Gespräch wieder grußlos.
Leopold hatte sich an dieses ungeschliffene Benehmen bereits gewöhnt. Er dachte kurz nach. Irgendetwas störte ihn zwar an Scheits Bericht, aber er wusste nicht so richtig, was. Jedenfalls gab es einen Zeugen, der sich gut an damals erinnern konnte. Und dass Zeleny von einem seiner beiden Begleiter ermordet worden war, stand für ihn so gut wie fest. Er war also doch einen Schritt weitergekommen.
Vielleicht hatte Thomas Korber in der Zwischenzeit etwas von Harry Leitner herausbekommen. Er ging wieder in die Kantine. Aber der Platz vorne an der Theke war, wie mittlerweile der gesamte übrige Raum, leer. Gretl Posch wusch Gläser ab und schaute nicht sehr glücklich drein.
»Was ist mit den beiden?«, fragte Leopold.
»Ich hab sie fortgeschickt«, sagte Gretl gleichgültig. »Ich möchte wegen Harry keine Schwierigkeiten bekommen. Ich sperr jetzt endgültig zu. Hier herinnen ist ohnedies nichts los, und der Rummel draußen geht mir auf die Nerven. Außerdem ist mein Mann immer noch auf dem Kommissariat.«
Thomas Korber war also mit Harry auf Tour, irgendwo, wo es etwas zu trinken gab und man nicht so knauserig war wie Gretl Posch. Er war jetzt ganz auf sich allein gestellt. Leopold konnte sich nicht helfen, aber das gefiel ihm überhaupt nicht.
*
Leopold überlegte. Sollte er Thomas Korber anrufen, suchen, oder überhaupt nichts dergleichen tun? Ergab es Sinn, sich während des Trainings ein wenig in der Menge umzuhören? Da fanden seine Augen Oberinspektor Juricek, der soeben den Fußballplatz betrat. Leopold winkte ihm und bekam den Gruß zurück.
»Da bist du ja«, stellte Juricek fest, während er kurz seinen Sombrero lüftete und sich mit der Hand übers Haar fuhr. »Na, was gibt es Neues?«
»Das müsste ich eigentlich dich fragen, Richard«, entgegnete Leopold. »Ihr haltet den Bertl Posch am Kommissariat fest?«
»Stimmt«, kam die knappe Antwort.
»Du glaubst, dass er der Mörder ist?«, fragte Leopold ungläubig. »Hast du Beweise?«
»Er war auf jeden Fall dort. Er ist durch das Loch im Maschendrahtzaun auf den Platz gekommen. Dabei ist er mit seinem Hemd hängen geblieben. Wir haben einen winzig kleinen Stofffetzen gefunden. Der passt zu ihm, keine Frage«, klärte Juricek ihn auf.
»Hat er schon etwas zugegeben?«
»Ja, dass er bereits vom Platz weggefahren war, aber noch einmal zurück wollte, um Ehrentraut zur Rede zu stellen. Die Geschichte mit der Kantine. Er behauptet jetzt aber, dass Ehrentraut schon tot war, als er hinkam. Angeblich hat er dann so schnell Reißaus genommen, dass die Sache mit dem Hemd passiert ist.«
»Du glaubst ihm?«
Juricek seufzte: »Nehmen wir einmal an, ich tue das. Das wirft dann einige offene Fragen auf. Erstens: War Ehrentraut mit Posch verabredet? Wenn ja, wie kam sein späterer Mörder dazu? Zweitens: Wenn Posch nicht mit ihm verabredet war, weshalb wusste er dann, wo er ihn finden würde? Drittens: Muss Bertl Posch dem Täter nicht irgendwie über den Weg gelaufen sein?«
»Du glaubst ihm also nicht?«
»Irgendetwas stimmt da nicht, verstehst du? Entweder hat Posch es getan, oder er verheimlicht uns etwas.«
Juricek wartete kurz, welchen Eindruck diese Worte auf Leopold machten.
Der fragte nur kurz: »Du glaubst mir und meiner Theorie also auch nicht?«
Ein Lächeln huschte über Juriceks Gesicht. »Das habe ich nicht gesagt. Aber dazu müsstest du mir jetzt endlich mitteilen, was es bei dir Neues gibt.«
Leopold erzählte ihm, was er soeben von Scheit erfahren hatte.
»Du weißt, dass Scheit ebenfalls der Tat verdächtig ist«, gab Juricek zu bedenken. »Und gerade mit dem machst du gemeinsame Sache?«
»Ich kann tun, was ich will«, verteidigte sich Leopold. »Ständig kritisierst du meine Vorgangsweise, aber wenn ich wirklich etwas von Bedeutung herausfinde, interessiert es dich nicht. So kommen wir natürlich nicht weiter.«
»Mag sein«, schmunzelte Juricek. »In einem Punkt hast du ja recht. Ehrentraut hat dieses ominöse Spiel damals wirklich mit einer Videokamera aufgenommen. Wir haben es auf seinem Computer gefunden.«
»Tatsächlich?«, strahlte Leopold triumphierend.
»Ja«, sagte Juricek. »Da kommt gerade Bollek mit seinem Laptop. Du wirst es nicht glauben, Leopold: Ich möchte, dass du dir die Szene mit dem Foul anschaust.«
Bollek murmelte einen kurzen Gruß in Richtung Leopold, sodass dieser aus dem Staunen gleich gar nicht mehr herauskam. Dann marschierten alle drei in Richtung Kantine, wo Gretl Posch gerade dabei war, alle Luken dicht zu machen.
»Wir schließen«, rief sie ihnen zu.
»Ein wenig werden Sie sich noch gedulden müssen, Frau Posch«, ordnete Juricek an. »Wir möchten uns hier kurz etwas ansehen. In der Zwischenzeit können Sie Ihren Mann anrufen und ihm klarmachen, dass es besser für ihn ist, wenn er uns die Wahrheit erzählt.«
Sie setzten sich an einen Tisch. Bollek öffnete den Computer und schaltete ihn ein. Mit ein paar Mal Klicken kam er zu dem gewünschten Filmdokument. Gespannt sahen drei Paar Augen auf den Bildschirm. Das Spiel zwischen Margareten und Pötzleinsdorf begann noch einmal vor ihnen abzulaufen, wenn auch nicht gerade in bester Bildqualität.
»Schau dir einmal die Kameraperspektive an«, sagte Juricek zu Leopold. Leopold brauchte kurze Zeit, bis er begriff, was sein Freund meinte, dann nickte er. Er begann zu verstehen, was da vor seinen Augen ablief.
Juricek bedeutete Bollek, vorzuspulen. Jetzt kam die Szene mit dem Foul. »Schau bitte genau hin«, bat Juricek. »Ich bin gespannt, ob du das denkst, was ich auch denke.«
Harry Leitner lief mit dem Ball an der linken Seitenoutlinie entlang. Es war ein anderer Harry Leitner als der der Gegenwart, einer, an den sich Leopold erst langsam wieder zurückerinnerte: schnell, jung, dynamisch, ohne äußere Zeichen eines vielleicht schon sündhaften Lebenswandels. Er zog zur Mitte, Richtung Strafraum, wo zwei Pötzleinsdorfer Spieler postiert waren. Plötzlich kam Zeleny von hinten mit mächtigem Antritt geradewegs auf Leitner zu. Eins war deutlich: Es gab dafür keine wie immer geartete sportliche oder spielerische Motivation. Umso schwerwiegender war dann der Zusammenstoß, das Krachen Bein auf Bein, der Aufschrei …
»So ein Schwein«, entfuhr es Bollek. »Das war volle Absicht.« Aber damit schien sich sein mechanisch operierender Geist auch schon wieder zufriedenzugeben. Er bemerkte nicht, dass da noch etwas war.
Juricek schaute an ihm vorbei zu Leopold, als suche er eine Bestätigung für all seine Ahnungen und Vermutungen.
Leopolds Augen blieben in freudiger Erregung an den Bildschirm gefesselt. »Natürlich, Richard«, sagte er. »Natürlich. Die Faust! Mein Gott!«
Juricek klopfte ihm kurz anerkennend auf die Schulter. »Sie können jetzt zusperren, Frau Posch«, rief er dann in Richtung Gretl. »Und wenn Sie fertig sind, darf ich Sie bitten, uns zu Ihrem Mann aufs Kommissariat zu begleiten.«