Der kleine Unterschied

Mecklenburg und Vorpommern

Nein, nein, muss ich oft erklären. Ich bin keine Mecklenburgerin. Ich komme aus Vorpommern. Und dann guckt man mich immer so an, als nähme ich es etwas zu genau. Aber Mecklenburg ist nun mal Mecklenburg und Vorpommern ist Vorpommern. Und dass da ein kleiner Unterschied ist beziehungsweise eine kleine Disharmonie herrscht, darauf lässt schon ein Sprichwort schließen: Weißt ok warüm de preußsche Adler de Tung utstreckt? – Weil hei den Meckelborger Büffel mal an’n Moors licken kann. (Weißt du, warum der preußische Adler die Zunge rausstreckt? Weil er den Mecklenburger Büffel mal – Verzeihung – am Arsch lecken kann.) Die Fahne Mecklenburgs ist rot-gelb-blau mit oder ohne Ochsenkopf, die Fahne Vorpommerns: blau-weiß mit oder ohne roten Greif.

Auch wenn die Ostseewellen ein und desselben Meeres an den Strand ein und derselben Regionen trecken und sowohl die einen als auch die anderen wendische Wurzeln haben und sowohl die einen als auch die anderen Fischköppe sind und sich in ihrer Bräsigkeit und dickschädeligen Art ähneln, so wollen doch nicht alle Mecklenburger Ochsen und preußschen Adler über einen Kamm geschoren werden; der Mecklenburger eher etwas verschlafen, der Pommer eben ein Preuße. Als es nach der Wiedervereinigung um Grenzen innerhalb des Landes ging, wollten einige Vorpommern lieber zu Brandenburg gehören. Der Bindestrich, der die Mecklenburger und die Pommern vereint, existiert noch nicht lang genug, als dass man sich hier im Norden daran gewöhnt hätte, wo immer eine ganze Weile länger an dem festgehalten wird, was man hat. Und da sowohl die Mecklenburger als auch die Vorpommern so gut und gerne festhalten, wird manches noch eine Weile länger dauern.

Da Pommern vor 1945 doppelt so groß war wie Mecklenburg und jetzt als Vorpommern gerade mal ein Drittel Mecklenburg-Vorpommerns ausmacht und obendrauf die Bezeichnung Vorpommern vier Jahrzehnte lang verboten war, muss man den kleinen Minderwertigkeitskomplex Vorpommerns verstehen. Wenn es etwas zu verteilen gibt, denkt selbst Schwerin, wir gehören schon zu Polen, hörte ich schon manchen Vorpommern, den der Mecklenburger auch gerne Vorpole nennt, schimpfen. Womöglich war es auch ein sich benachteiligt fühlender Vorpole, der die A 20 abgemessen und festgestellt hat, dass sie in Vorpommern 25 Zentimeter schmaler ist.

Die Grenze zwischen M und V zieht sich zwischen dem Fischland und dem Darß (zwischen Wustrow und Ahrenshoop) schräg hinunter in die Polen-Brandenburg-MV-Ecke. Das bedeutet, Vorpommern hat die schön herausgeputzten Inseln, allerhand Küste, von der Seenplatte hat es nichts und auch keine der beiden größten Städte Rostock oder Schwerin.

Da ich mich in Lokalen nicht gerne in die Mitte setze, sondern eher an den Rand, muss ich sagen, ich mag das Gefühl eine Vorpommerin zu sein; niemanden im Rücken, der mir unerwartet von hinten auf die Schulter klopft. Dafür ist der Mecklenburger vielleicht einen Funken weltoffener und selbstbewusster. Er sagt zwei, drei Worte mehr und hat mit seiner Vergangenheit weniger zu hadern. Für einen Außenstehenden ist das schwer nachzuvollziehen. Er spürt weder die grundsätzlichen Unterschiede noch die Nuancen. Und man kann sie auch nicht erklären. Dafür gibt es aber einen Test, mittels dem der unwissende Tourist herausfinden können soll, ob er sich in Mecklenburg oder Vorpommern befindet, den Gurkentest. Und der geht so: Man kauft in Mecklenburg-Vorpommern 100 Gurken. Bekommt man 101, ist man in Mecklenburg; bekommt man 99, ist man in Vorpommern. Ich finde den Test allerdings nicht besonders zuverlässig. Als ich ihn mit einem Zehn-Gurken-Kauf ausprobierte, habe ich sowohl in Mecklenburg als auch in Vorpommern tatsächlich zehn Gurken bekommen.

Ostseeküste und Seenplatte

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung forderte der Journalist Norbert Thomma ganz richtig, mäßig begabte Werbetexter an der tiefsten Stelle des Plauer Sees für ihre werbende Beschreibung von Natur pur zu versenken. Natur pur – da denken Sie vielleicht, dass die Natur bei Ihnen zu Hause auch ganz schön ist. Und Sie denken, dass Mecklenburg-Vorpommern schon mehr zu bieten haben müsste, um Sie zu locken. Da fahren Sie lieber nach Finnland oder nach Kanada, da gäbe es auch Natur pur. Bitte fahren Sie doch nach Finnland oder Kanada. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie beides auf einmal haben können, und das ohne einen anstrengenden Flug. Auch in Finnland oder Kanada müssten Sie für ein bisschen Trubel meilenweit fahren und sähen nichts außer Seen und Wälder. Führen Sie nach Mecklenburg-Vorpommern, bekämen Sie Seen und Wälder satt und hätten es für den Trubel auch nicht weit. Die Weltstadt Berlin ist in zwei Stunden zu erreichen, die Reeperbahn ebenfalls.

 

Es verhält sich nämlich so: Mecklenburg-Vorpommern besteht gar nicht nur aus diesen Seebädern, mondän oder beschaulich, da gibt’s nicht nur die weißen aufgemotzten Villen, die Seebrücken mit den runden Laternen und den Möwen auf dem Geländer, nicht nur die Touristen, die nebeneinander im Sand liegen und ihre Bäuche grillen. Es gibt in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur ein Meer, es gibt auch über tausend Seen und kleine Stege, die dort seebrückenartig hineinragen, und es gibt die unglaublich schönen fliegenden Edelsteine, genannt Eisvögel, und ein Grillplätzchen am Wasser. Es gibt nicht nur Fähren und Zeesenboote und Dampfer und größere Schiffe, sondern auch kleinere, indianerartige; Ruderbote, Kajaks, Kanus – so was. Es gibt nicht nur die Ostseeautobahn A 20 und die Deutsche Alleenstraße, sondern auch die Lehm- und Backsteinstraße, und die führt nicht zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, sondern in den Müritz Nationalpark, der größten zusammenhängenden Seenplatte Mitteleuropas. Ins Eldorado für Wassersportler, wie es in ausnahmslos jedem Reiseführer heißt, in dem man mit Sicherheit auch noch die Formulierungen Die Stadt lädt zum Verweilen ein undbefindet sich der Mensch im Einklang mit der Natur finden wird müssen.

Und obwohl es offensichtlich keine ernst zu nehmenden Gebirge in Mecklenburg-Vorpommern gibt, kann man wandern – Wasserwandern. Tagelang kann man mit dem Kanu, Kajak oder Ruderboot über die zumeist miteinander verbundenen Seen fahren, vorbei an Schilf und an Orchideenwiesen. Was auf der Route 66 die Motels, in den Gebirgen die Hütten, sind in Mecklenburg-Vorpommern die Zeltplätze, auf denen es zu nächtigen gilt. Hier eine feuchte Seebrise, da ein Fichtenduft, so ähnlich formulierte es Theodor Fontane, der noch weiter ging mit seiner Bewunderung für eine außergewöhnliche Region. Er verglich das Herzstück, die Müritz (zweitgrößter Binnensee Deutschlands), mit dem Tanganjikasee in Ostafrika. Finnland, Kanada (Bären gibt es im Bärenwald Müritz auch), Ostafrika – all das bietet die Mecklenburgische Seenplatte zwischen Schwerin und Neubrandenburg. Was immer Sie wünschen.

Inmitten weiter Wiesen, Felder, Wälder, Moore und Heidelandschaften liegen die kleinen und großen und noch größeren Pfützen, die den weiten Himmel über sich spiegeln. Die Müritz, der Plauer See, Krakower See, Malchiner See, Tollensesee, Kölpinsee und all die unzähligen anderen, auf denen Boote oder Seerosen schwimmen, die im Gegensatz zu bayerischen zugebauten Großseen für jedermann beinahe jederorts zugänglich sind. Es ist an Ihnen, abgeschiedene Stille, entlegene Winkel zu entdecken. So wie man einen gemeinsamen Song haben kann, kann jedes Pärchen seinen eigenen See haben, der der ganz persönlichen Geschichte, ein ganz persönliches Plätzchen schenkt. Wer aussteigt, landet in einem der mecklenburgischen Dörfer mit spätmittelalterlichem Flair. Abgesehen vom Kölpinsee, den es als Seebad auch auf Usedom gibt, tragen Binz, Heringsdorf und Kühlungsborn an der Seenplatte folgende Namen: Waren, Plau und Röbel.

Angeblich ist es nach Jahren wieder schick, an der Ostsee Urlaub zu machen, noch schicker vielleicht an der Seenplatte. Als die Großmutter in Erich Kästners Emil und die drei Zwillinge das erste Mal am Strand ist, sagt sie: Endlich weiß ich, wozu ich eine alte Schachtel geworden bin. Die hätte man aber auf einem Paddelboot auch nach Waren schicken können, dann hätte sie es sicherlich auch gewusst.

Wer auf Italien steht, fahre an die Ostsee; wen Finnland oder Ostafrika reizen, komme zur Seenplatte.

 

Fortbewegen im Gebiet der Mecklenburgischen Seenplatte:

Boot: Leihen Sie ein Hausboot, denn Urlaub auf dem Hausboot ist laut Tochter einer Freundin: Echt cool und viel cooler als im Hotel auf Mallorca oder so, wo Steffi immer hin muss. Ihr Bruder Huckleberry hatte fürs Floßmieten gekämpft, konnte sich aber nicht durchsetzen (zum Beispiel www.tomsawyertours.de oder www.floßverleih-treibgut.de).

Kutsche: Wer sich weder fürs Hausboot noch das Floß begeistern lässt, dem sei eine Postkutschenreise (www.postkutschenreisen.de) ans Herz gelegt, denn die bringt auch Freude. Auf Tages- oder Mehrtagesfahrten werden Sie in alter Tradition durch die Seenlandschaft kutschiert, durch mittelalterliche Städte, vorbei an Schlössern, Feldern, Wäldern und Wiesen.

Auto: Die Lehm- und Backsteinstraße führt den Touristen zwischen Ganzlin, Lübz und Plau durch die Region. Lehm ist heute wieder ein moderner Baustoff. Umweltschonend und gesund. Zusammen mit Sand, Ton und Wasser gebrannt, wird er zum Backstein, dessen rote Farbe vielen meck-pommerschen Dörfern und Städten ihre roten Gesichter verleiht.

Fahrrad: Moore, Quellen, Findlinge, Höhenzüge – Die Eiszeitroute Mecklenburgische Seenplatte führt den Radfahrer durch die eiszeitlich modellierte Endmoränenlandschaft.

Bodden und Meer

Und wo isses?

Was?

Das Meer?

Na, da hinten.

Und wie soll ich da baden?

Warten, bis es wieder da ist.

Großartig!

Diesen Dialog oder so ähnlich führte ich mit meiner Mutter, als wir das erste Mal gemeinsam vor der von mir so gepriesenen Nordsee standen. Ehrlich, ich habe mit der Nordsee kein Problem. Ich finde sie ziemlich okay. Das ist keineswegs selbstverständlich – für einen Meck-Pommer. Der Ostsee ge- und verwöhnte Meck-Pommer meldet zum Teil starke Zweifel an der Ebenbürtigkeit des Nachbarmeeres an. Es ist ja nie da, wenn man es braucht. Der Meck-Pommer verlässt sich lieber auf etwas, das bei ihm bleibt. Mein Argument gegen die Nordsee ist ein anderes. Von mir aus soll sie ruhig mal verschwinden und dann wiederkommen. Ich komme mit diesem katzengleichen Verhalten klar, worin ich aber einen entscheidenden Vorteil der Ostsee sehe, ist deren Farbe. Die Nordsee ist grau, bestenfalls braun, aber die Ostsee gibt es in diversen Blau- und Grüntönen. Dafür aber ist die Nordsee wilder und riecht nach Salz, wie es sich für ein Meer gehört. Es macht Krach, wenn es stürmt. Die Ostsee ist ganz brav. Ostsee?, werde ich hin und wieder hämisch gefragt? Meer? Du kommst doch nicht vom Meer, du kommst von einem zu groß geratenen Brackwassertümpel!

Es stimmt. Stralsund liegt überhaupt nicht am Meer, sondern am mit Brackwasser gefüllten Bodden. Der Bodden ist ein durch Landzungen von der Ostsee abgetrenntes flaches Küstengewässer, gewissermaßen eine große Lagune. Aber Lagune klingt dem Meck-Pommer zu romantisch. Also haben wir keine Lagune, sondern den Bodden. Und weil das im Bodden vorhandene Brackwasser nur einen Salzgehalt von 0,1 bis 1 Prozent aufzuweisen hat, wundert’s auch nicht, dass in meiner Heimat der Salzgeruch fehlt.

Mecklenburg-Vorpommern hat zwei Seiten – das Meer auf der einen, auf der anderen den Bodden. Die Touristen stürmen gerne zum offenen Meer hin, zu den Seebrücken und den weißen Villen mit bezaubernden Namen, dabei bietet die Boddenseite der Inseln und Halbinseln vielerorts soviel Schönes zu entdecken.

Das Meer ist Pathos und der Bodden Poesie. Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber ich bin einverstanden. In der Poesie finden seltene Tiere und Pflanzen zueinander. Eng nebeneinander und verzahnt liegen Land und Wasser, bilden unterschiedliche Lebensräume, die besonders für Vögel als Schlaf-, Brut und Ruheplätze interessant sind. Die Vegetation ist bunt, Nelkenrosa, Moosgrün, Schilfgelb. Schutz bot der Bodden zu DDR-Zeiten nicht nur den Tieren, sondern auch dem Regime. Um Republikfluchten zu vermeiden, war zum Beispiel Surfen auf der Ostsee verboten – auf den kontrollierbaren Boddengewässern erlaubt.

Würde ich mich zwischen Nordsee, Ostsee und Bodden entscheiden müssen – ich wählte freiwillig den Bodden, die Lagune. Das Auge isst schließlich mit.

Mole und Buhne

Natürlich ist Kommunikation an sich schon ein recht schwieriges Unterfangen. Selbst bei gleicher Sprache und gleicher Wortwahl ist ein Verständnis zwischen zwei oder mehr miteinander kommunizierenden Menschen keine Leichtigkeit. Noch schwieriger wird es, wenn man zwar die gleiche Sprache spricht, aber nicht die gleichen Worte kennt. So staunt der aus dem Westen stammende Deutsche über den Pragmatismus des Ostdeutschen, was zum Beispiel Objektbeschreibungen betrifft. Über Waschtasche amüsiert sich der Westdeutsche, hingegen der Ostdeutsche die Nase beim Kulturbeutel oder gar Necessaire rümpft. Aber im Allgemeinen wird doch früher oder später klar, um was es sich handelt. Wenn jedoch das Objekt selbst auf Unkenntnis stößt, dann wird es fast unmöglich. Darum möchte ich gerne ein für alle Mal die Bedeutung zweier Worte erklären, die in Mecklenburg-Vorpommern oft gebraucht und im Binnenland kaum gekannt werden: Mole und Buhne.

Während mein Bruder als Kind gerne auf einer Bühne stand, reichte es mir stets, auf einer Buhne zu balancieren. Eine Buhne ist ein in ein Meer oder auch Fluss gebauter Küstenschutz. An der Ostseeküste sind es zumeist kleine Holzpfähle. Das Laufen auf Buhnen ist gefährlich und auch verboten, weil sie von grünem Moos bewachsen und sehr glatt sind.

Ebenfalls Verwunderung ruft das Wort Mole hervor.

Wo habt ihr denn geangelt?

Von der Mole.

Wo?

Von der Mole.

Was ist das denn?

Die Mole in Stralsund ist für mich ein ganz entscheidendes Accessoire meiner Herkunft. Eine Mole ist eine Art Damm, ein Wellenbrecher aus Stein, der ins Meer hineinragt. Die Mole kann man wunderbar auf und ab spazieren, etwas hinein ins Meer und wieder zurück, hin und her, und man kann auch ganz vorne stehen bleiben und, von Wasser umgeben, knutschen oder sich so seine Gedanken machen und hin- und herlaufen, auf und ab, und dabei hört man die Wellen gegen die Mauer schlagen, die einen schützt, und man kann sich auch auf die Mauer draufsetzen und drauf spazieren, wenn man übermütig wird. Die Mole ist so was wie ein kurzer Weg um den Block, mal frische Luft schnappen, etwas für Erwachsene. Die Buhne ist eher so was wie eine Mutprobe für Kinder, ein Klettergerüst für Frechdachse. Beide dienen dem Küstenschutz.

Heuherberge und Gutshaus

Es begann kurz nach der Wende. Die ersten Nachbarn kauften einen schwarzen Edding und schrieben Zimmer frei auf die Rückseite einer Quelle-Paket-Pappe. Aus den anfänglichen Pappschildern wurden peu à peu moderne Schautafeln, aus Zimmer frei – Bed & Breakfast. Geblieben sind die Worte, mit denen damals wie heute die Ferienzimmersaison im Land der sturen und maulenden Fischköppe endet: Und nächstes Jahr vermieten wir nicht! Ferienzimmer finden Sie in Mecklenburg-Vorpommern an jeder Ecke, und es ist definitiv die zuverlässigste Art, mit einem Einheimischen ins Gespräch zu kommen.

Wir hatten gestern telefoniert.

Ah ja.

Ja.

Aha.

Tja, wir sind et.

Ah, Sie sind it. Ihr Zimmer ist das da oben.

Der Blick richtet sich nach oben, dann kehrt der Zahnlose den Rücken und die Berlinerin zischt zu ihrem Gatten: Ich hasse Gardinen. (Szene im April 2008 in Stralsund, Ortsteil Devin).

Ferienzimmer sind das solide Mittelmaß, wenn es um die Urlaubsunterkunft in Mecklenburg-Vorpommern geht. Sie können es auch feudaler und teurer oder ursprünglicher und billiger haben, Gutsherr oder Stallknecht sein. Landschlösser, Herrenhäuser und (Sand)Burgen sind nirgends in der europäischen Region so dicht gesät wie in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert hatte sich dort die für Nordostdeutschland typische Gutsstruktur entwickelt. Burg Schlitz und Basedow sind die meistbesuchten Schlösser. In Ulrichshusen befindet sich eines der bedeutendsten Renaissanceschlösser Mecklenburgs. Etwa zweitausend Schlösser und Herrenhäuser gibt es insgesamt, wovon etliche touristisch genutzt werden. Dienten sie nach der Bodenreform zu DDR-Zeiten noch als Kinder- und Ferienheime, Internate und Schulen, stehen sie Ihnen nun schön aufgemöbelt als Veranstaltungsort, Museum oder – vor allem – als Hotel zur Verfügung. Was an der Ostseeküste die weiße Bädervilla, ist im Landesinneren das Gutshaus.

Ich sehe Sie vor mir, wie Sie auf dem Weg ins ausgesuchte Gutshaus – Tipp: Auch mal bei eBay suchen – sind. Sie reisen mit dem eigenen PKW und werden wohl oder übel Antenne Mecklenburg-Vorpommern hören müssen oder sogar treffsicher die Ostseewelle einstellen, den beliebtesten Sender des Landes. Sie werden sich wundern, warum, obwohl doch die meck-pommersche Jugend auf und davon sein soll, im Dreißig-Minuten-Takt Rednex oder Roxette mit einem neu unterlegten Beat zu hören ist. Und wenn Sie sich darüber genug gewundert haben, dann fangen Sie sich an zu fragen, wie Sie eigentlich an Benzin kommen sollen. Als ich mit siebzehn an einer Sportveranstaltung teilnahm, liefen ich und meine Mannschaftskameraden im Keine-A-20-T-Shirt auf. Jugendliche Torheit würde ich das heute nennen, konnte ja nicht ahnen, dass ich erwachsen werden, mein Glück außerhalb des Landes suchen und froh sein würde, nicht mehr über die schlechte Hubbelautobahn nach Stralsund zu müssen. Heute würde auf meinem Trikot stehen: Keine A 20 ohne genügend Tankstellen. (Bitte denken Sie daran, in Berlinnähe zu tanken, wenn Sie an die Küste wollen.) Sie werden also vielleicht die Nerven verlieren, weil sich der Tankinhalt auf der neuen Autobahn der Illusionen, wie die Zeit sie nannte, langsam aber sicher dem Ende zuneigt, Sie Rednex jetzt nicht mehr ertragen können und zu allem Übel, je näher Sie der Küste kommen, Rowdys nerven, die fahren, als wären sie geradewegs auf dem Weg in die Hölle. Wären Sie jetzt in der Gegend von Braunschweig, hätten diese Verkehrsrowdys ein GIF für Gifhorn auf ihrem Nummernschild, in der Nähe von Hamburg, hätten Sie einen PI (Pinneberg) vor sich. In Mecklenburg-Vorpommern ist es entweder ein RÜG (Rügen), NVP (Nordvorpommern), NWM (Nordwestmecklenburg) oder ein OVP (Ostvorpommern). Sehen Sie diese Buchstabenverbindung durch die Windschutzscheibe oder im Rückspiegel, halten Sie bitte genügend Abstand und geben Obacht.

Der Tourist, der die Knechtvariante wählt, reist meistens auf dem Fahrrad an. (Die empfehlenswerte Broschüre Mit dem Rad durch den Norden kann beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern unter der Rufnummer 0180/5000223 kostenlos bestellt werden.) Ich kenne sie alle, die touristischen Fahrradfahrer, die Rügen beradeln. Bin oft genug mit ihnen auf dem Schulweg zusammengestoßen, wenn sie während des Fahrens die Landkarte lesen, die in Landkartenhalterungen für Lenker klemmen. Selbstverständlich kann man mit dem Fahrrad von Gutshaus zu Gutshaus fahren, aber Sie als Knecht fahren natürlich von Heuherberge zu Heuherberge, schlafen auf dem Dachboden oder in der Scheune, erfüllen sich endlich den Traum, den Sie seit den Fünf Freunden haben: morgens mit einem Frühstück, bestehend aus einem Kanten Brot und einem Glas frischer Milch, direkt vom Stroh aus in den Tag zu starten.

 

Für Schlossherren:

www.auf-nach-mv.de (bis zu den Schlössertouren durchklicken)

www.gutsdorf.de

Für den Stallknecht:

www.m-vp.de/system/1651/heuherbergen.htm

Zugezogen und Einheimisch

Einheimisch (Ina, 36, Dipl.-Sozialpädagogin, Geburtsort Demmin)

Warum MV? Weil hier meine Wurzeln sind.

Freiwillig hier? Fast immer.

Was fehlt? Vielfalt und Offenheit.

Was ist anders? Weite, Stillstand, Einfachheit.

 

MV ist… schön.

Der MV sagt… wenig.

Der MV denkt… langsamer.

 

Auf eine einsame Insel nähme ich aus MV mit… Kartoffeln und Sämereien.

 

Von woanders brächte ich MV mit… Leben.

 

Ich + MV Das passt.

MV + Ich Das passt auch.

 

Der Zugezogene braucht… Wasser, frische Luft, Natur.

Der Einheimische will… Perspektiven.

Der Tourist soll… Wirtschaftsfaktor sein.

Ich würde MV verlassen, wenn… es für mich wichtig wäre.

MV ist MV weil… es so ist.

MVs Zukunft Morgen.

MVs Gegenwart Heute.

MVs Vergangenheit Gestern.

MV als Schauplatz in welcher Art Film? Ostalgischer Spielfilm, Originalschauplätze vorhanden.

 

Zugezogen (Kathleen, 40, Lehrerin, Geburtsort Görlitz)

Warum MV? Der Zufall wollte es… oder war es Schicksal?

Freiwillig hier? Nein, aber ich habe mich auch nicht gewehrt.

Was fehlt? Arbeitsplätze in bergiger Umgebung.

Was ist anders? Die Luft und die Unendlichkeit des Horizontes.

 

MV ist… sanft und bescheiden.

Der MV sagt… Ich liebe das Leben.

Der MV denkt… Mann, seh ich gut aus.

 

Auf eine einsame Insel nähme ich aus MV mit… Das einmalig anziehende Licht.

 

Von woanders brächte ich MV mit… Gesprächige Arbeitsplätze.

Ich + MV = Fahrradfahrendes Team.

MV + Ich = Harmonie.

 

Der Zugezogene braucht… ein Fahrrad und eine Fahrradkarte.

Der Einheimische will… seine Ruhe.

Der Tourist soll… die Ruhe respektieren.

 

Ich würde MV verlassen, wenn… die Ostsee leer wäre.

MV ist MV weil… das Land Mega Vielseitig ist.

 

MVs Zukunft Bunt.

MVs Gegenwart Rosig.

MVs Vergangenheit Blass.

 

MV als Schauplatz in welcher Art Film? Wirtschaftsthriller.