12.                    LERNEN SIE ZU LÜGEN!

 

Wahre Worte sind nicht schön. Schöne Worte sind nicht wahr.

Laotse

 

Das, was du sagst, sollte nicht zu viel mit dem zu tun haben, was du meinst.

Demosthenes

 

Sie müssen lügen können, es aber nicht tun.

Wissen Sie, was eine der faszinierendsten Erkenntnisse der modernen Psychologie ist? Menschen lügen auch dann, wenn es absolut nicht nötig ist. Selbst dann, wenn es Ihnen überhaupt nichts bringt. Sie lügen, weil sie glauben, dass es SOZIAL ERWÜNSCHT ist.

Die moderne Psychologie hat den Begriff der sozialen Erwünschtheit hervorgebracht. Er bedeutet, dass Menschen auch dann etwas sagen, das nicht ihrer Überzeugungen entspricht, wenn man sie explizit nach ihrer Überzeugung fragt. Sie sagen das, was sozial erwünscht ist. Das, von dem sie glauben, das es das Richtige ist. Wir lernen, wie die Dinge sein sollen, damit nicht allzu viel Chaos herrscht und ob wir das so sehen oder nicht, stellen wir zurück, wenn wir danach gefragt werden. Denn soziale Lügen sind schöne Lügen. Wir lügen uns die Welt schön.

Was bedeutet das? Die Welt will belogen werden. Und am liebsten belügen wir uns selbst. Das effektivste Prinzip zur Selbsterhaltung ist die Selbsttäuschung. Weil wir in der Lage sind, uns Alternativen vorzustellen und diese nach unseren Wünschen zu modellieren, gehen wir nicht an der Realität zugrunde. Wir haben noch immer die Hoffnung, dass es besser werden könnte. Eine fantastische Eigenschaft des menschlichen Geistes. Wir können uns Trost und neuen Antrieb spenden, wenn wir uns die Realität einfach anders vorstellen, als sie ist. Kant erkannte dies als Erster: Wir formen die Welt nach unseren Vorstellungen.

Wir sehen sie dann nicht so, wie sie ist.

Und wir sind gut darin. Die kleine Lüge ist inzwischen überall angekommen: Was zählt, ist der Charakter. Geld ist mir nicht wichtig! Ich sehe doch noch gut aus, also finde ich schon noch jemanden.

Und das sind Lügen, von denen wir wissen, dass sie Lügen sind. Wir lassen Sie nur einfach durchkommen. Wir denken uns: Es ist nicht ganz so, aber die Richtung passt schon. Die Lüge hat also ganz schön Karriere gemacht in der Moderne. Schuld daran ist auch Hollywood. Menschen akzeptieren die Traumwelten aus Hollywood inzwischen als alternative (mögliche) Lebensentwürfe, nach denen man sich richten kann. Früher war allen klar, dass der Hollywoodfilm per se lügt und es machte uns nichts aus: Wir haben es mit einem Augenzwinkern akzeptiert. Doch dann vollzog sich ein Wandel: Disney-Filme waren plötzlich nicht mehr kitschig, sondern schön. Wer vor dreißig Jahren sagte: „Ich liebe alle Disney-Filme“, der galt als liebenswerter, aber harmloser Einfaltspinsel. Heute beziehen Studentinnen ihr Weltbild aus Arabella und Pocahontas. Folklore und Märchen werden zu angestrebten Wunschträumen, in denen man sich verwirklicht fühlt. Die Lüge wird nicht mehr als Lüge wahrgenommen. Wer heute erklärt, wie Hollywoodpropaganda funktioniert, der erntet nur noch ein spöttisches Lächeln. Man wird als verklemmt und konservativ dargestellt, tatsächlich erzählen aber die Hollywoodfilme genau die klassischen Märchen, in denen Arme zu Reichtum aufsteigen und Schwache große Krieger werden.

Es sind die Märchen, die immer erzählt wurden, um das Volk bei Laune zu halten. Um Aufruhr zu verhindern, um die Leute abzulenken.

 

Die Lüge hat eine ruhigstellende Funktion und sie wird immer da eingesetzt, wo Leute unzufrieden sind. Die Lüge hilft, Menschen zum Nichtstun anzuleiten. Sie hilft, die Zustände zu akzeptieren, wie sie sind und sich mit der ungeliebten Situation abzufinden.

Wir können es den Mächtigen aber auch nicht vorwerfen. Sie tun nur das, was sie ihren Stand verteidigen lässt. Die Lüge ist eine Waffe wie jede andere auch. Eine Clevere, aber sie hat das gleiche Ziel wie alle Waffen: Den Status Quo zu erhalten.

Aber die Lüge hat sich auch noch weiterentwickelt, und wir haben sie für uns entdeckt. Und das ist das eigentliche Problem: Menschen belügen sich selbst, obwohl sie es eigentlich besser wissen. Wir können die Wahrheit nicht ertragen, denn die Wahrheit macht uns eins klar: Wir sind am Arsch. Wer die Wahrheit kennt, weiß meistens, dass ein Haufen unbezahlter Arbeit vor ihm liegt. Er weiß, dass es nicht so laufen wird, wie er es sich vorstellt und dass es auch nicht viel bringen wird, was er tut.

Denn meistens sind unsere Möglichkeiten begrenzter, als wir es wahrhaben wollen.

Wo lügen wir noch? Nun da, wo wir es eigentlich nicht tun sollten: Im Internet, im Interview, überall da, wo wir glauben vermeintliche Vorteile zu erhalten, wenn wir uns konform verhalten. Und irgendwann glauben wir dann unserer Lüge selbst. Schon zu Goethes Zeiten gab es das Disney-Problem:

 

„Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle

hochgelehrten Schul--und Hofmeister einig; dass aber auch Erwachsene

gleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht

wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebenso wenig nach wahren

Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser

regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich dünkt, man

kann es mit Händen greifen.“ Aus: Die Leiden des jungen Werther, Goethe.

 

Fazit: Die Lüge ist nicht tot zukriegen. Merken Sie sich das einfach, wenn das nächste Mal einer sagt: „Wenn ich ehrlich bin, dann …“

Dann hören Sie garantiert eine Lüge.

 

Am schlimmsten wird es aber, wenn Sie dieses Prinzip durchschauen und anfangen zu mosern. Raten Sie mal, wen man dann als Lügner beschimpft?

 

Böser Ratschlag Nr. 12: Umarmen Sie die Lüge! Die Welt will belogen werden. Lassen Sie sich von anderen belügen … „Aufrichtigkeit ist die edelste Form der Dummheit“, sagte Karl Liebknecht.

Sagen Sie nie, was Sie denken! Denken Sie nie, was Sie sagen! Sie werden überrascht sein, wie viele Menschen Ihnen plötzlich zuhören.