20. SCHÖNHEIT IST SOZIALE MACHT!
Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast.
Goethe
Wir haben uns da selbst ein schönes Grab geschaufelt. Bei den Griechen war alles noch Theorie. Zwar aus Marmorstein, aber immerhin ein Einzelstück. Heute ist die Schönheit überall. Wir sind geradezu besessen von ihr. Selbst wer sagt, er lege keinen Wert auf Schönheit, erkennt ihre Bedeutung an, indem er sich zu ihr äußert. Außerdem lügt er, aber dazu später.
Wie konnte es geschehen, dass die Schönheit so viel Macht über uns gewann? Welcher Teufel hat uns da geritten, eine an sich schöne Sache im Alltag an jeder Stelle und jeder Nase zu fordern? Nun, einmal ist jeder dran und die Schönheit musste lange warten, um zu ihrem gesellschaftlichen Recht zu kommen. Obsessiv an ihr interessiert sind wir erst seit ca. fünfzig Jahren. Ihren globalen Kreuzzug hat sie sogar noch später angetreten, so ziemlich genau 1989, als der Ostblock zusammenfiel. Hatte sie dreißig Jahre zuvor als Schmiermittel im Kapitalismus (das Geld ist das Öl) gedient, so ist sie dann urplötzlich aufgestiegen in ein weltweites Währungsmittel, das überall gehandelt wird. Der Vorteil der neuen Währung Schönheit ist, dass sie jeder versteht und jeder annimmt.
Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern auch in einer bestimmten Sprache. Schönheit drückt sich in bestimmten Codes aus: Diese sind, sind sie erst mal den Encodern bekannt, leicht zu entschlüsseln. Diese Codes versprechen Fähigkeiten, sind Signale und vermitteln Haltungen. Schönheit ist das unsichtbare Rauchzeichen unserer Zeit. Wer sie lesen kann, versteht die Welt. Durch die globale Kommunikation, durch das Zusammenwachsen der Welt mussten sich die Menschen auf ein Grundkommunikationsmittel verständigen. Eine Sprache, die jeder spricht. Eine Sprache, die in der Lage ist, viele komplexe Botschaften zu übertragen, die trotzdem in kürzester Zeit verstanden werden müssen.
Die Notwendigkeit solch ein Kommunikationsmittel zu schaffen, ergibt sich aus dem Druck des Überlebens. Nur wer Waren mit Tauschwert hat, bleibt auf dem Markt. Durch das Zusammenwachsen der Welt konzentriert sich die Sehnsucht auf einige Hot Spots: Sie können hier einsetzen, was Sie wollen: Es sind Regionen, Länder und Gegenden, die Sicherheit, Wohlstand und Wachstum versprechen. Die Grundbedürfnisse der Welt. Wer nun diesen Markt betritt, ins Rennen einsteigt, braucht erst mal eine Eintrittskarte: Diese Eintrittskarte ist zugleich die Einladung. Es ist wie in einem elitären Klub: Wer schön ist, darf rein, wer Geld hat auch. Aber Schönheit ist das Alternativwährungsmittel, auf das man sich festgelegt hat. Aber warum Schönheit? Wäre es nicht viel klüger die Klugen, Guten, die Fleißigen, die Talentierten reinzulassen?
Denken Sie daran: Dies ist kein oberflächlicher Klub, sondern die Gesellschaft, in der Sie sich befinden … also zuerst die bittere Wahrheit: es gibt mehr schöne als kluge Menschen, deshalb siegt hier die Masse über Klasse.
Die stärkere Währung setzt sich durch. Aber das Problem geht viel tiefer. Talent und Klugheit ist kein Code, den man sofort lesen kann. Sie sind das Bonusmaterial, das den Wert der ganzen Ausgabe natürlich anhebt, aber sie sind nicht der Hauptfilm. Schönheit fächert sich auf in viele verschiedene Codes, die folgendermaßen zu lesen sind: Natürlich müssen Sie nicht schön sein im klassischen Sinn, im griechischen, das sind nur die wenigsten: Stattdessen müssen Sie müssen versuchen, so gut wie möglich auszusehen: Klare, reine Haut signalisiert Gesundheit, gepflegte Haare und Kleidung signalisieren Verlässlichkeit und Disziplin. Schlankheit signalisiert Fitness und Durchhaltevermögen, weiße Zähne eine gesunde Ernährung, klare Augen Wachheit, Stimme und Haltung signalisieren Vitalität und Durchsetzungsvermögen.
Make-up Kreativität und Persönlichkeit … usw. Schon Jean Harlowe wusste: „Menschen, die ein gutes Herz haben, haben fast immer eine schlechte Figur.“
Das sind die Merkmale, die Ihnen Vorteile verschaffen, weil die Menschen unbewusst nach solchen suchen. Sie mögen die schöne Haut bewundern, aber sie fühlen unbewusst, dass da jemand gesund ist. Es könnte auf mich abfärben. Sie sehen eine kräftige Statur: da kann jemand arbeiten. Sie sehen schöne Kleidung, das Signal für Wohlstand schlechthin. Schönheit existiert also nicht um ihrer selbst willen, sondern um anderen Menschen Signale zu geben, dass das, was sie suchen hier sei. Schönheit, so wird es ausgedrückt, ist soziale Macht.
Sie signalisiert zugleich Errungenschaften. All die oben beschriebenen Attribute sind erarbeitet, von Natur aus schön sind nur die wenigsten. Und das müssen sie auch nicht sein.
Man bewundert nicht nur Ihre Schönheit, sondern auch die Arbeit, die sie Ihnen macht. Schönheit ist wie ein kleiner Palast, den Sie besitzen und von dem sich die Menschen gerne blenden lassen: Wer darin sitzt, ist erst mal nicht so wichtig, auch Nicolae Ceausescu und Saddam Hussein wurden in ihren Palästen zugejubelt.
Wir haben das verinnerlicht und es sogar auf die Hässlichen angewandt. Es ist ein gefährlicher Umkehrschluss, den wir da ziehen, was nicht schön ist, ist krank, schwach, nicht willensstark, wenig überlebensfähig – es geht für viele Menschen sehr viel mehr um das Überleben, als Sie denken.
Auch wenn niemand den Druck zugibt, er ist da und jeder greift nach dem besten Strohhalm. Schönheit ist ein Signal für Erfolg geworden. Wenn Sie mithalten wollen, halten Sie sich daran. Wer Ihnen sagt, es mache ihm nichts aus, dass Sie dick und unsportlich sind, lügt oder ist mit Ihnen schon lange verheiratet. Das Thema Schönheit ist ein unangenehmes Thema, weil es den Sieg der Oberflächlichkeit beschreibt und eigentlich sollte man dies nicht unterstützen, aber auch hier wollen wir einfach nur die Realität beschreiben, ohne groß zu werten.
Wenn Sie nun sagen, diese Oberflächlichkeit interessiere Sie nicht, dann ist das zwar schön für Sie … da sie aber die meisten anderen Menschen interessiert, müssen Sie sich wohl oder übel damit abfinden, dass nicht Ihre Haltung zu den Dingen die Wahrnehmung der Menschen bestimmt, sondern das Diktat der Mehrheit das Zepter schwingt.
Schon Goethe hat es durchschaut:
"Was glänzt, ist für den Augenblick geboren. Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren" aus: Faust. Aus dem Vorspiel auf dem Theater. 1808.
Schönheit ist wie eine glänzende Münze, man nimmt sie gerne und wird sie schnell wieder los. Ohne allzu philosophisch zu werden, das gilt für den, der schön ist und den, der Schönheit sucht.
Das Obige sprach der Dichter in Faust. Der Narr antwortet darauf hin:
"Wer macht der Mitwelt Spaß,
den will und soll sie doch haben,
besonders aber lasst genug geschehen
man kommt zu schauen, man will am liebsten sehen
wird vieles vor den Augen abgesponnen
so dass die Menge staunend gaffen kann
da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,
ihr seid ein viel geliebter Mann
die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen."
Es sind auch hier wahre Worte, die Goethe formuliert:
Das Geld und die Schönheit sind die Währung unser Zeit. Sie verzichten ja auch nicht auf Geld, nur weil Sie es für oberflächlich halten.
Aber wie ich schon beschrieben habe: Suchen Sie nach gutem Bonusmaterial, damit kann man sich auch viel länger beschäftigen.
Böser Ratschlag Nr. 20: Vergessen Sie nie, wie wichtig den Menschen die Schönheit, die Oberfläche ist. Glauben Sie kein Wort, wenn Ihnen jemand etwas von Charakter und inneren Werten vorschwärmt. Meistens hat der oder diejenige das einfach nur gehört. Klingt ja auch gut. Aber fragen Sie mal nach drei Charaktereigenschaften, die gemeint sind. Sie werden viel Zeit mit dem Warten auf die Antwort verbringen.