5. BEHALTEN SIE IHRE IDEEN FÜR SICH!
Über manchen Besprechungsteilnehmer muss man sich fragen: Hilft er eigentlich bei der Lösung oder gehört er mit zum Problem?
Robert Jungk
In jeder Organisation gibt es einen Menschen, der Bescheid weiß. Diese Person muss entdeckt und gefeuert werden, sonst kann die Organisation nicht funktionieren.
Cyril N. Parkinson
Kennen Sie die Erfindermesse in Nürnberg? Einmal im Jahr? Ach ja, das ist doch das Ding, worüber der Raab sich immer lustig macht. Das, wo im Spiegel dann eine amüsierte Vor Ort-Berichterstattung erscheint. Da, wo die komischen Typen sind. Mit den noch komischeren Ideen. Aber sind wir nicht alle irgendwo Erfinder? So wie Sie Ihren Schreibtisch anordnen, erfinden Sie ein System, das am besten zu Ihnen passt. So wie Sie Ihre Wohnung einrichten, erfinden Sie eine Umgebung, die Sie am besten unterstützt in Ihrem Leben. Schön für Sie, aber was, wenn Ihre Kreativität kein Halten mehr kennt?
Ideen durchschießen Sie manchmal wie Blitze und Sie sind ganz begeistert und müssen sie unbedingt jemand anders mitteilen? Sie freuen sich, dass Sie helfen können und die Situation für alle verbessern könnten? Wenn nur alle auf Sie hören würden? Tun Sie das nicht!
Mit Ideen machen Sie sich zunächst einmal nur verdächtig! Man wird Sie misstrauisch beäugen und eher infrage stellen, als wenn Sie die Klappe halten würden. Man wird Sie eher meiden, als auf einen Sockel stellen. Man wird über Sie reden und nicht über Ihre Idee. Man wird Sie ausschließen, anstatt Willkommen zu heißen. Aber wie kommt das? Sollten Ideen nicht das Öl unserer Zeit sein? Sollten wir nicht alle dankbar sein, wenn jemand eine Idee hat, die zur Verbesserung der Situation beiträgt? Schon, aber wie sieht die Realität aus?
Die meisten Menschen haben keine Ideen. Sie reflektieren einfach nicht regelmäßig ihre Umgebung, sondern akzeptieren sie so, wie sie ist. Solange alles einigermaßen funktioniert, gibt es schließlich keinen Grund, ständig neue Dinge auszuprobieren. Vielleicht kennen Sie den Spruch: „Never change a running system!“ Menschen mögen die Routine, den Alltag. Sie haben Angst, dass sich mit Veränderungen auch ihre Situation verändert. Sie denken nicht in langen Perspektiven, sondern in Kurzeit-Episoden. Zumindest solange alles rund läuft. Aber läuft denn wirklich alles rund, oder reden wir uns das nicht nur auch ein bisschen ein? Gehen wir mal den anderen Weg.
Was ist der Keim einer Idee? Irgendetwas funktioniert nicht so, wie man es haben möchte. Wie Sie es haben möchten. Also überlegt man, wie man es ändern könnte. Und da beginnen die Probleme. Sie wollen den Status quo ändern. Hier? In einer durchindustrialisierten Welt mit einem funktionierenden Gesundheitssystem und einem reichhaltigen Freizeitangebot bis spät in die Nacht?Was passt Ihnen denn daran nicht?
Sie sehen: Wer Ideen hat, der durchschaut Probleme, der weiß, was falsch läuft und noch schlimmer: Er hat sogar einen Plan, wie man es besser macht. Und was bedeutet das? Arbeit! Veränderungen! Neue Hierarchien und neue Aufgaben … Klingt das gut? Vielleicht in Ihren Ohren. Aber nicht unbedingt in denen, die davon betroffen sind. Und ganz sicher nicht in denen, die Ihre Umgebung geschaffen haben.
Und diese Umgebung haben Sie ja vermutlich freiwillig betreten. Sie haben sich Ihren Arbeitsplatz ausgesucht und solange die Ausschreibung nicht hieß: Ideengeber gesucht!, so lange sollten Sie auch bei Ihren eigentlichen Aufgaben bleiben. Was Sie machen, wenn Sie Ideen haben, irritiert das System. Und das System ist in diesem Fall jeder, der direkt mit Ihnen zu tun hat.
Deshalb sind die meisten Menschen skeptisch gegenüber Ideen. Ja, sie sind sogar verpönt. Ideengeber haben immer einen Hauch von Revolution, von Aufrührertum. Was ändert sich denn alles, wenn die Idee durchkommt? Habe ich dann immer noch meinen Job? Noch schlimmer: Wenn Sie eine Idee haben, was bedeutet das dann an Arbeit für andere?
Denken Sie daran, Ihre Ideen sind auch immer der Schweiß anderer. Ideen sind immer ein Problem, weil sie Probleme ansprechen, aber keine Lösung haben, sondern erst mal nur dagegen sind: „Wir müssen mehr machen“, ist die stumm formulierte Anklage jeder Idee. Wir. Und ich habe die Idee.
Wer Ideen hat, ist ein Theoretiker. Ideen sind was für Bücher.
Außerdem verraten Ihre Ideen, dass Sie mit der Situation unzufrieden sind und sich Gedanken machen. Dann arbeiten Sie also nicht!
Ideen helfen nicht, Probleme zu lösen. Sie schaffen neue Probleme. Das ist die leidliche Erfahrung vieler Menschen. Ob sie recht haben oder nicht, steht uns gar nicht zu, zu beurteilen. Wir müssen akzeptieren, dass es so ist und auf dieser Grundlage sehr vorsichtig mit Ideen umgehen. Ideen sind nämlich doch das Gold und Öl von heute.
Denn es kommt noch der Neidfaktor hinzu. Irgendwie weiß doch jeder: Ideen sind ein äußerst kostbares Gut. Und das besitzen Sie! Sie unterscheiden sich jetzt von anderen. Bedenken Sie das zuerst, wenn Ihnen eine Idee kommt.
Sie dürfen sie nur dann äußern, wenn Sie wirklich danach gefragt werden! Die normale Konversation oder das Gespräch kennt keine Idee. Es ist dazu da, sich zu vergewissern, dass alles so läuft, wie es laufen soll. Wenn Sie nun aber eine Idee haben, kündigen Sie an, selbst im Mittelpunkt zu stehen, die Dinge anders zu sehen und nun eine andere Richtung einschlagen zu wollen.
Das ist vielen Menschen schlicht zu mühsam, und es fällt auf sie in unangenehmer Erfahrung zurück. Wer sieht schon gerne den Reichtum anderer? Zumal er auch noch Arbeit für uns bedeutet?
Arthur Schopenhauer hat es schön formuliert:
Was für ein Neuling ist doch der, welcher wähnt, Geist und Verstand zu zeigen wäre ein Mittel, sich in der Gesellschaft beliebt zu machen! Vielmehr erregen sie, bei der unberechenbar überwiegenden Mehrzahl, einen Hass und Groll, der um so bitterer ist, als der Fühlende die Ursache desselben, ja sie sogar vor sich selbst verhehlet. Der nähere Hergang ist dieser: merkt und empfindet einer große geistige Überlegenheit an dem, mit welchem er redet, so macht er im Stillen und ohne deutliches Bewusstsein, den Schluss, dass in gleichem Maße der andere seine Inferiorität und Beschränktheit merkt und empfindet. Dieses Enthymem erregt seinen bittersten Hass, Groll und Ingrimm. Mit Recht sagt daher Gracián: „Das einzige Mittel beliebt zu sein, ist, dass man sich mit der Haut des einfältigsten Tieres bekleide.“ Ist Geist und Verstand an den Tag legen, nur eine indirekte Art, allen andern ihre Unfähigkeit und Stumpfsinn vorzuwerfen.
Aus den Aphorismen, 1844.
Und hier die Fast Food - Variante von Oscar Wilde:
„Jeder Erfolg, den wir erzielen, verschafft uns einen Feind. Um beliebt zu sein, muss man ein unbedeutender Mensch sein.“ Aus den Aphorismen, 1899.
Böser Ratschlag Nr. 5:
Vergessen Sie nie: Fleiß wird belohnt, Verstand beäugt. Ihre Ideen unterscheiden Sie von anderen Menschen. Das hat Gründe, und bevor Sie Ihre Ideen jemanden mitteilen, sollten Sie sich genau überlegen, warum gerade Sie die Idee hatten und nicht Ihr Gegenüber.