9. SAGEN SIE NIEMAND, WIE SCHLECHT ES IHNEN GEHT!
Das ist natürlich bitter!
Modernes Deutsches Mitleidsbekenntnis
In einem Buch über die bitteren Lehren des Lebens darf natürlich ein Ratschlag von Franz Kafka nicht fehlen. Sie kennen ihn natürlich als Käfermeister und gnadenvollen Sezierer der deutschen Bürokratie, aber einer seiner kürzesten Texte fasst so ziemlich alles zusammen, was er über die Menschen sagen konnte. Lesen und schweigen Sie mit mir, denn ich glaube, es ist selten Wahreres in weniger Worten gesagt worden:
Kleine Fabel
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“
„Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
Aus Franz Kafka: Ein Landarzt und andere Prosa.
Uff! Hätte die Maus vielleicht besser ihren Mund gehalten? Hätte es etwas an ihrer Situation geändert? Vermutlich nicht, aber so war ihr sogar noch der Spott sicher. Und wie ist das mit uns?
Es geht Ihnen eigentlich nicht so gut? Sie können aber unter Menschen, es ist nicht so schlimm, dass Sie zum Arzt müssen, aber Sie sind einfach schlecht drauf? Die Mauern kommen immer näher? Sie haben Sorgen. Geldsorgen, Liebesprobleme, Karrieresorgen, Gesundheitssorgen. Und jetzt, wo Sie jemand fragt: „Hey, wie geht es dir?“, da könnten Sie schon ein offenes Ohr gebrauchen? Einfach mal kurz die Luft raus lassen, zeigen, dass Sie auch nur ein Mensch sind? Dass eben nicht alles immer so toll ist? Sie ahnen es … tun Sie es nicht! Beißen Sie sich auf die Zunge oder hacken Sie sich einen Finger ab, wenn Sie es doch tun.
„80 % don’t care about your problems and 20 % are happy, that you have them. 100 percent are happy, that they don´t have them”, heißt es im Amerikanischen.
Ist das so? Ja und nein, aber allein diese Erkenntnis sollte Sie davon abhalten, jemals wieder irgendwem (nicht Ihrem Mann oder bestem Freund) aber allen anderen irgendein Problem Ihrerseits mitzuteilen. Aber das geht natürlich noch etwas tiefer. Zunächst werden Sie nämlich auf offene Ohren stoßen:
Menschen hören gerne die Probleme anderer. Nicht, weil sie helfen wollen, sondern weil es Ihnen dann besser geht …
Dass der andere auch einen kleinen Benefit, nämlich das Loswerden seiner Sorgen hat, ist ein frommer Wunsch, aber nicht Vater der Aktion.
Natürlich gönnt Ihnen niemand das Schlimmste, eher andersrum … man will schon, dass es Ihnen gut geht, man arbeitet oder studiert oder lebt ja schließlich mit Ihnen zusammen, aber da ist noch etwas anderes: Probleme entstehen nicht aus dem Nichts.
Natürlich, wenn Sie nichts tun, dann können Probleme aus diesem Nichts entstehen, aber das ist hier nicht gemeint. Klage ist auch immer Eingestehen persönlichen Scheiterns. Wenn Sie sagen, es gehe Ihnen nicht gut, geben Sie zu, vielleicht hier und da ein bisschen nachlässig, unaufmerksam und gedankenlos gewesen zu sein.
Wo haben Sie die falsche Abzweigung genommen? Der Fragende interessiert sich dafür in aller Regel viel mehr als für Ihre aktuelle Misere. Er will wissen: Was hat Sie denn dazu gebracht, heute so verdammt schlecht auszusehen … kann ich da mal was für mich mitnehmen?
Was sollte ich vermeiden zu tun, was dieser arme Teufel nicht unterlassen konnte? Er soll mir eine Warnung sein, besser ich nehme so viel Information mit wie nur möglich …
Sie sehen, es geht gar nicht mehr um Sie, sondern nur noch um Ihre Klagemauer. Ihre Probleme werden Medizin und gute Ratschläge für andere. Wollen Sie ein abschreckendes Lebendbeispiel sein?
Gut, wenn Sie ein Samariter sind, und das sind gute Menschen ja meist, dann nehmen Sie das hin, aber ein Geschmäckle bleibt schon, wenn Ihnen das bewusst ist. Sorgen Unbeteiligten mitzuteilen, ist wie Rasseln Affen zu geben:
Gut, sie freuen sich darüber, sie schenken ihnen Aufmerksamkeit, spielen damit und probieren sogar einiges aus … sie werfen sie zum Beispiel anderen Affen zu, aber sie wissen nie, wie sie wirklich mit den Dingern umgehen sollen.
Irgendwann lassen sie die Rasseln einfach in der Ecke liegen. Aber erst, wenn sie genug Krach damit gemacht haben. Verstehen Sie? Wollen Sie so mit sich umspringen lassen? Wollen Sie die Rassel sein? Schlimmer noch, die Rasseln werden nicht besser dadurch.
Man wird mit Ihren Sorgen auch ein bisschen auf den Putz hauen. Das beste Geheimnis ist das, was nicht geteilt wird. Und das gilt auch für Sorgen!
„Die Lösung eines Problems ist ein neues Problem“, sprach Goethe und hatte wahrscheinlich nicht Ihr Problem im Kopf, aber er hatte recht. Ein Problem zu lösen, schafft neue Probleme, über ein Problem zu sprechen, bleibt ein Problem. Jemand anderes wurde da konkreter:
„Das größte Problem des Menschen ist, dass er nicht alleine sein kann“, sagte der berühmte Pessimist Schopenhauer. Er ahnte vermutlich, dass das Teilen von Problemen sie nicht kleiner macht. Schopenhauer erfand den Pessimismus, und er wäre der Letzte gewesen, der sich von anderen Hilfe versprach. Lag er richtig? Schopenhauer machte den Willen für alles verantwortlich. Ist der Wille nicht da, schafft man sich Probleme. Aber der Wille entzieht sich immer unsere Kontrolle.
Kontrolle benötigen wir aber. Wir können sie letztendlich nur aus uns selbst generieren. Das ist das Problem. Wenn wir mit anderen über unsere Probleme sprechen, geben wir die Kontrolle ab. Wir versuchen, unseren Willen auszutricksen. Jemand anderes soll ihn bändigen.
Sie sehen jetzt, dass das natürlich kein Job zwischen Tür und Angel ist. Sie trauen Ihren Mitmenschen ganz schön viel zu. Ist es da überraschend, dass Sie sich erst mal ein Bild der Lage verschaffen und ihre eigene Position bestimmen? Und wer geht schon gerne ins Gefecht, wenn er weiß, dass es sicher ist, wo er steht? Aber für ein paar kluge Ratschläge ist natürlich immer Platz.
Wollen Sie also Binsenweisheiten hören, dann sprechen Sie bei der erstbesten Gelegenheit über Ihre Probleme …
Überlegen Sie, wann ist Ihnen jemals ein Fall bekannt geworden, wo Ihnen ein Kollege oder Ähnliches, bei so einem Problem wirklich helfen konnte? Menschen helfen nur, wenn wirklich Not am Mann ist. Sie haben ein untrügliches Gespür dafür, ob jemand sich am eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen kann oder eben nicht.
Aber da man so was ja nicht alle Tage sieht, gesellen sie sich eben gerne dazu und sehen sich das Spektakel an.
Wir fassen zusammen: Wenn Sie über Ihre Sorgen reden, sorgen Sie dafür, dass sich andere besser fühlen. Sie sorgen dafür, dass man sich an Ihnen kein Beispiel nimmt und dass man Sie als kurzfristige Attraktion behandelt.
Jeder vernünftige Mensch winkt da natürlich dankend ab. Aber warum tun es doch so viele? Nun fragen Sie sich mal selbst! Wenn Ihre Sorgen vielleicht eigentlich darin bestehen, dass sich zu wenig wahrgenommen fühlen, haben Sie ein Invisible Princess-Syndrom? Verscheucht die Aufmerksamkeit Ihre Sorgen? War vielleicht fehlende Aufmerksamkeit Ihre Sorge?
Und jetzt versetzen Sie sich in die Lage von den Zuhörern … was denken die erst von Ihnen, wenn sie das durchschauen oder denken, Sie handeln deswegen? Obwohl es vielleicht gar nicht so ist?
Aber sie denken, dass sie als Aufmerksamkeits- und Trostventilator missbraucht werden? Das wollen wir lieber gar nicht wissen!
Böser Ratschlag Nr. 9: Sagen Sie nie jemanden, wie schlecht es Ihnen geht, es sei denn, Sie wollen, dass er sich wohlfühlt. Ach ja: Wenn Sie wollen, dass Menschen sich schlecht fühlen, sagen Sie ihnen, wie gut es Ihnen geht … Sad but true.