10.                    IGNORIEREN SIE MEHR, ALS SIE GRÜSSEN!

 

Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die das Leben so trübsinnig machen.
Jack London

 

Haben Sie schon von der geheimsten aller Künste gehört? Der Kunst der Ignoranz? Sie denken, Ignoranz entsteht durch Charakterschwäche und Selbstbezogenheit? Wer hat Ihnen denn das gesagt? "Man kann nicht nicht kommunizieren", heißt es.

Ignoranz wird genau so eingesetzt wie gezielte Aufmerksamkeit. Ignoranz ist wie ein lautloser chemisch-biologischer Kampfstoff, den Sie erst bemerken, wenn Sie sich schon über Ihren Zustand ärgern. Ignoranz fängt mit dem Grüßen an: Wer oben steht, sieht das weite Feld, aber nicht die Soldaten hinter ihm. Hier wird natürlich ignoriert. Viele Menschen erliegen dem Irrtum, wenn sie möglichst viel Menschen kennen und grüßen, steige ihr gesellschaftlicher Wert. Sie seien wer. Da werden Sie gerade kräftig verarscht und zwar von denen, die sie ignorieren …

Kennen Sie den Zeitungsverkäufer, den Bettler, der immer an der Litfaßsäule sitzt und jeden grüßt? Er sitzt auf dem Boden und schaut hinauf. Er grüßt nach oben. Warum grüßt man nach oben? Mit Grüßen macht man auf sich aufmerksam. Man kündigt an, da zu sein. Falls man eventuell stören sollte, erklärt man, nun bereit ansprechbar zu sein und wieder zu gehen, falls es gewünscht wird.

 

Grüßen ist also eine tiefe Form von Demut.

 

Der niedere Stand grüßt den oberen Stand zuerst. So ist das noch heute bei der Bundeswehr Pflicht! Der Gruß ist entstanden aus dem Militär. Er kündigt an, bereit zu sein und seine Pflicht zu übernehmen. Wenn Sie früher grüßten, sagten Sie: Welche Arbeit wollen Sie mir übergeben?

Wie kann ich Ihnen behilflich sein? Heute hat sich der Gruß wie manches gewandelt. Äußerlich schon. Wir grüßen freier und offener als früher, natürlich. Hier kommt nun der perfide Gedanke auf: „Wer mich grüßt, der akzeptiert mich. Nimmt mich wahr und tut vielleicht auch mal was für mich.“

Deshalb gibt es so viel Grüßer, die herumlaufen und Grüße sammeln, wie andere Kastanien auflesen. Es geht dabei um Selbstaufwertung.

Nun drehen Sie die Perspektive mal um und denken Sie an die, die viel gegrüßt werden …

Jeder Gruß ist eben kein potenzieller Kontakt, sondern auch ein potenzielles Versprechen: Ich tue etwas für dich.

Jetzt kommt unsere kleine biologische Waffe ins Spiel. Nicht zu grüßen ist ein kleiner Virus, das den anderen negiert, klein macht und so den eigenen Status aufwertet. Das ist die eigentliche Selbstaufwertung. Die Nachhaltige, wenn Sie so wollen.

Andere verschießen ihr Pulver mit ihren vielen Grüßen, Sie laden ihre Rohre auf. Ein Gruß ist wie ein spontaner Einfall, er trifft einen unvorbereitet, völlig aus dem Nichts, ist selten kontextgebunden und meistens eher nutzlos. Ignoranz versprüht ein kleines Gift, harmlos, aber nicht ohne Effekt, es bringt Sie ganz schön durcheinander und bleibt länger in Ihrem System, als Sie es wollen.

Sie müsse sich damit auseinandersetzen. Ein Paradoxon: Wer Sie nicht grüßt, oder wen Sie nicht grüßen, beschäftigt sich länger mit Ihnen, als umgekehrt. Die Aufwertung funktioniert hier also viel subtiler: Sie fallen nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern nehmen den Hintereingang, wenn man Sie dann bemerkt, sind Sie meistens schon drin.

 

Das Nichtgrüßen als Waffe wird öfter eingesetzt, als Sie vermutlich denken. Sie denken, man habe Sie übersehen. Ähhh … nein.

Was Sie sehen, sehen andere meistens auch. Reden Sie sich nicht das Unangenehme schön: Sie wurden Opfer eines kleinen hinterlistigen Angriffs auf Ihr Selbstwertgefühl. Die gute Nachricht ist, dass man Sie vielleicht auch respektiert und nicht nur kleinmachen will. Die Schlechte: Man will Sie eher kleinmachen. Der größte Fehler, denn Sie jetzt machen können, ist zum Grüßer werden. Na, Sie können es auch steigern, werden Sie zum Lächler und Grüßer, wenn Sie sich Ihr eigenes gesellschaftliches Grab schaufeln wollen:

 

Hier liegt

Grüßibald Lächler

Wir werden ihn lächelnd und grüßend in Erinnerung behalten

SIP

(Smile in peace)

 

Also eher umgekehrt: Schlagen Sie den Feind mit ihren eigenen Waffen. Setzen Sie das Grüßen genauso vorsichtig und bedacht ein wie das Lächeln.

Gehen Sie nicht davon aus, dass Nichtgrüßen eine Form von Unsicherheit ist. Es wird bewusst eingesetzt, um eben gesellschaftliche Grenzsteine zu setzen, die unsichtbar sind, aber über die man öfter stolpert, als man denkt. Ignoranz hat die Arroganz ersetzt. Arroganz kann man nicht verbergen. Ihr Einsatz ist schnell ein Bumerang. Dabei ist Ignoranz nichts anderes als clever eingesetzte Arroganz. Ignoranz ist nicht nachweisbar und immer eine Unterstellung. Das heißt, selbst wenn Sie sich über den ignoranten Typen beschweren, sind Sie immer der Miesepeter, der Schlechtmacher. Sie kommen da nicht raus, es sei denn, Sie tun es nach. Sie müssen lernen, Ignoranz einzusetzen. Nur so herrscht Waffengleichheit.

 

Böser Ratschlag Nr. 10: Grüßen Sie ab jetzt nicht jeden, der Ihnen bekannt vorkommt. Sie werden überrascht sein, wie viele Sie plötzlich kennen.