6. BIETEN SIE IHRE HILFE NICHT AN!
Ungebetene Hilfe wird selten gedankt!
Deutsches Sprichwort aus dem Mittelalter
Hilfe ist eine Errungenschaft der Zivilisation. Und zugleich etwas zutiefst Menschliches. Hilfe wird mit allen großen Ereignissen in der Geschichte assoziiert. Gott half Abraham. Alexander der Große half, ein kulturelles Reich aufzubauen. Die arabische Welt erfand die Mathematik mit dem numerischen System, die Kirche half den Armen. Die Demokratie den einfachen Menschen. All dies waren Hilfe, um die Welt besser zu machen. Hilfe gehört zum Menschen wie das Reden und Denken, das Essen und Schlafen, das Arbeiten und der Müßiggang.
Hilfe ist als etwas Mächtiges. Das freundliche Gesicht der Macht, wenn Sie so wollen. Und Sie? Sie helfen auch gerne. Man hat Ihnen beigebracht, wenn jemand in Not ist, dann muss man helfen. Man muss Hilfe anbieten, dort wo sie gebraucht wird. Ja, das ist richtig. Das ist humane Erziehung. Sie sind auf dem richtigen Weg.
Erziehung hat aber mit dem Leben so viel zu tun, wie das Lesen mit dem Kämpfen. Das eine sollten Sie tun, das andere müssen Sie tun.
Kämpfen ist Alltag im Leben und wir haben es so internalisiert, dass uns der Kampf normal vorkommt. Tatsächlich müssen wir täglich Entscheidungen treffen, die uns Schmerzen, Verzicht und Verlust zufügen.
Wann haben Sie das letzte Mal drauf verzichtet, das nächste Bier zu trinken? Wann die Schokolade im Regal gelassen? Den teureren Urlaub zu buchen, obwohl sie wussten, dass Sie es nicht bereuen würden? Brauchten Sie dazu Hilfe? Vermutlich haben Sie es allein geschafft.
Wir helfen uns heute mehr selbst, als wir es registrieren, als wir es merken und auf unser Pluskonto des Selbstbewusstseins legen. Was wir aber tun sollten. Wir leiden, obwohl wir uns gut tun. Wir helfen uns selbst, ohne die Hilfe als solche zu erkennen. Aber sie ist da.
Und was wir jetzt am wenigsten benötigen, ist jemand, der uns noch mehr Hilfe zukommen lassen will. „Who the fuck is he?“, denken wir.
„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, ist ein furchtbarer Satz, den niemand mehr hören will. Er stimmt auch nicht. „Hilf dir selbst und dir wird es besser gehen“, sollte er eigentlich lauten.
Er impliziert, dass Hilfe etwas von Gott Gegebenes ist, etwas für das wir zutiefst dankbar sein sollen, wenn wir es erhalten. Von wem auch immer. Hilfe bedeutet also, dass wir etwas nicht hinbekommen. Dass wir an den Realitäten scheitern. Wir können nicht mithalten. Hilfe ist auch immer ein Signal: Du scheiterst, wenn du so weitermachst. Du gehörst hier nicht her.
Deshalb sollten Sie mit Hilfe vorsichtig umgehen.
Man bietet Hilfe also nicht einfach an, weil die Leute sonst instinktiv denken, sie seien inkompetent. Sie denken und fürchten, dass sie eine gesonderte Aufmerksamkeit benötigen. Hilfe bedeutet, dass sie nicht das schaffen, was andere schaffen. Und für diesen Wink mit dem Rettungsanker sollen sie dankbar sein? Was erwarten Sie denn eigentlich noch?
Hilfe anzunehmen ist für die meisten Menschen ein Zeichen von Schwäche. Es bedeutet ihnen, dass sie nicht mehr voll und ganz zum Stamm dazugehören. Hilfe anzunehmen setzt einen erst mal herab. Das wird uns übrigens ständig in der großen weiten Welt der Politik vorgeführt. Welche Länder brauchen Hilfe? Ohh, die mit den kaputten Kassen! Da, wo Korruption und Vetternwirtschaft herrschen! Klar, bei denen, die sich selbst bekriegen und in Höhlen und Lehmhütten leben! Wir helfen denen, die wir für unterentwickelt und rückständig in jeder Hinsicht halten. Hilfe hat also auch immer etwas Gönnerhaftes. Hilfe ist eine schöne Machtdemonstration. Hilfe lenkt - der Helfende legt die Regeln fest. Dies gilt auch im Kleinen: Wenn Sie anderen ungefragt Hilfe anbieten, glauben diese auch, Sie denken, man stehe über ihnen und wolle nun mit seinen Fähigkeiten imponieren.
Und letztendlich weiß jeder: Eine Hand wäscht die andere. Man wird glauben, Sie spekulieren auf Gegenleistungen. Anstatt dankbar zu sein, wird man sich fragen: Was will er oder sie von mir? „Guter Rat hilft immer demjenigen, der ihn erteilt“, sagte Balthasar Gracián, einer der größten spanischen Schriftsteller der Frühen Neuzeit. Er erhielt übrigens Publikationsverbot, weil seine Wahrheiten zu provozierend waren.
Nehmen wir seinen Ratschlag ernst:
Helfen Sie nicht ungefragt, die anderen denken alles, nur nicht, dass Sie hilfsbereit sind. Vielmehr denken die meisten, dass Sie sogar pervers sind und irgendwie Anschluss suchen! Geben Sie auch keine Ratschläge!
Man gibt keine Ratschläge, denn die Leute denken, man sei altklug und letztlich wollen sie auch nicht Ratschläge befolgen. Ratschläge sind wie Hilfe immer Aufforderungen, Verhalten zu überdenken. Ratschläge kommen nie gut an im echten Leben. Es sei denn, Sie haben gerade gemeinsam eine Flasche Wein geleert. Interessanterweise haben Untersuchungen gezeigt, dass die meisten Menschen auch gar keine Ratschläge im Alltag erwarten. Die meisten reagieren irritiert und überrascht, wenn sie ungefragt Ratschläge erhalten. Eine natürliche Reaktion, um erst mal das Gesicht zu wahren. Es ist wie mit dem Humor: Humor, Ratschläge und Weisheiten gehören in Sachbücher und Ratgebersendungen – dort sind sie legitimiert. Dann setzen wir uns ihnen auch gerne aus, denn wir fühlen uns nicht persönlich betroffen.
Suchen Sie auch keine Ratschläge!
Wer hangt, der langt! Ein altes fränkisches Sprichwort aus dem tiefsten Mittelalter. Es geht darum, dass die, die am Galgen hängen nach dem Strick greifen, um sich irgendwie aus der Schlinge zu ziehen. Wer hängt, der braucht Hilfe, heißt es. Der greift nach jeder Hilfe, die er kriegen kann. Auch wenn sie sein eigener Untergang ist. Und noch etwas ist in diesem schönen Sprichwort versteckt: Wer hängt, der hängt nicht ohne Grund. Es unterstellt dem, der sich um Hilfe bemüht, dass er irgendwie von selbst (selbst verschuldet) in diese Situation geraten ist und dass es schon einen triftigen Grund geben wird, warum es ihm so schlecht geht. Galgenvogel, ick hör dir trapsen.
Wenn Sie Hilfe suchen, demonstrieren Sie, dass Sie nicht Herr der Lage sind. Sie hängen leider an diesem Galgen und würde bitte irgendjemand kommen, um Sie loszuschneiden?! Egal wer. Sie nehmen jeden. Denn schließlich geht es um Sie! Und das ist die Botschaft: Wer Hilfe sucht, dem geht es nur um sich. Dem kann es nur um sich gehen. Aber auch das hat sich in den Köpfen von vielen Menschen gewandelt:
Interessanterweise gilt bei vielen Menschen der Versuch, nach Hilfe bei andern zu bitten, als sympathischer Wink, zu zeigen, dass man auch „nur ein Mensch“ sei und dass man die Probleme am liebsten gemeinsam lösen würde. Tun Sie das manchmal auch? Gemeinsam packen wir es?
Nach Hilfe suchen wird von vielen als Kommunikationsmittel benutzt. Sie wollen damit eine Gemeinschaft gründen. Sie denken, sie können sich damit integrieren.
Das ist falsch. Normale Menschen werden eigentlich nicht so gerne um Rat gefragt, denn wie wir schon gelernt haben, sind Fragen und Bitten im Grunde ihres Herzens eine unangenehme und anstrengende Sache.
Wie würden Sie reagieren, wenn ich Sie jetzt bitten würde, ein Review für dieses Buch zu schreiben? Könnten Sie das bitte jetzt machen? Sie würden mir damit auch helfen. Wirklich.
Sie würden erst mal innerlich stöhnen und Mittel und Wege suchen, es nicht zu tun. Es ist Ihr gutes Recht. Wir haben einen inneres Pendel entwickelt, das uns sagt, wann jemand wirklich Hilfe braucht und wann nicht. Danach richten wir uns. Nicht nachdem, was die Hilfe gesellschaftlich bedeuten könnte. Wenn Sie also irgendwie die Möglichkeit haben, ohne Ratschläge und Hilfe auszukommen, versuchen Sie es! Man wird es Ihnen ungefragt danken.
Merken Sie sich: Dem Hilfesuchenden zu unterstellen, dass er an seiner Situation selbst schuld ist, ist natürlich auch ein hervorragendes Mittel, um sich innerlich gegen Fragen und Hilfe zu verteidigen. Nach Hilfe zu suchen, markiert Sie als Schwachen und von Schwachen halten sich die meisten intuitiv fern.
Das allseits beschworene Helfersyndrom haben meist die, die selbst Hilfe am ehesten benötigen. Haben Sie nicht schon oft gehört, wie Drogenabhängige, Ex-kriminelle und Arbeitslose plötzlich ein Drang entwickeln, anderen den richtigen Weg zu weisen? Dies ist grundsätzlich lobenswert, aber schauen Sie mal genau hin! Die meisten dieser Samariter stecken noch selbst bis zur Brust im Schlamassel. Und das genau unterstellt man Ihnen, wenn Sie plötzlich gute Ratschläge verteilen.
Böser Ratschlag Nr. 6: Geben Sie keine Ratschläge. Es wird Ihnen nicht gedankt! Man dankt für etwas, um das man gebeten hat. Jemand, der ungefragt Ratschläge gibt, gilt als arrogant und besserwisserisch, im schlimmsten Fall als selbst hilfsbedürftig. Ironie an der Geschichte: Je besser die Ratschläge sind, umso mehr gilt dies.
Suchen Sie auch keine Ratschläge; die Leute sind davon belästigt, weil sie a) keine Ahnung haben und b) sich dann festlegen müssen. Wer hat dazu schon den Mut? Vor allem, wenn es nicht um ihn geht?