1.   HÖREN SIE AUF ZU LÄCHELN!

 

Ein freundliches Lächeln ist der kürzeste Weg zum Verhängnis.

Brasilianisches Sprichwort

 

Eine der seltsamsten Regeln im erfolgreichen Umgang mit Menschen ist, dass Sie nicht zu viel lächeln dürfen. Lächeln ist eigentlich eine Errungenschaft der Kommunikation. Höflichkeit, Zuspruch, Offenheit, Sympathievorschuss, Zustimmung und Zugehörigkeit können mit dieser kleinen Geste wortlos ausgedrückt werden. Lächeln ist ein zutiefst emotionaler Vorgang. Wer ehrlich lächelt, ist ein guter Mensch. Ja und nein.

Ein seltsamer Wandel hat sich in unser Gesellschaft vollzogen. Wie in vielen Dingen kam der Wandel schleichend. Nur wenige haben ihn bemerkt. Die, die sich nach ihm richten, tun es meist intuitiv.

Alles, was oft gebraucht wird, erhält mehrere Deutungen. Sein Funktionsbereich erweitert sich. Sie haben ein besonders scharfes, spitzes Messer, das eigentlich für Sehnen genutzt wird? Jetzt nutzen Sie es auch zum Schälen, zum Stechen, zum Brot schneiden. Vorsicht! Jetzt steigt die Gefahr, dass Sie sich daran schneiden. Genauso verhält es sich mit dem Lächeln.

Lächeln ist eben nicht nur gesellschaftlich angemessen, sondern auch Ausdruck von Harmlosigkeit. Wer lächelt, beißt nicht. Der Biss ist aber immer wichtiger geworden in unserer schnellbissigen Zeit.

Biss ist Ausdruck für Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit. Lächeln ist nur nett. Natürlich ist nicht immer der Nette der Dumme. Eher der Kellner. Denn nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation wird das Lächeln inflationär gebraucht, sondern auch im Dienstleistungsgeschäft ist das Lächeln Teil des Handwerks geworden und erst recht in der Werbung.

Da wird gelogen, ähhh gelächelt, bis sich die Balken biegen. Das Lächeln ist jetzt Handlanger und Wegelagerer der Waren- und Konsumgesellschaft: Wie ein mutiger Einzelkämpfer steht es an vorderster Front, wenn es darum geht, Ihnen etwas anzupreisen.

Der Mensch ist aber lernfähig und er hat beschlossen, dass das Lächeln nicht mehr die Zugkraft besitzt, die es einst besaß. Es wurde wieder zurechtgestutzt auf das, was es einmal war.

 

Happy Guys Finish Last! lautet der Titel einer aktuellen Studie aus den USA. Laut dieser Untersuchung finden Frauen lächelnde Männer unattraktiver als ernste:

 

"Smiles tend to be socially appropriate across many situations, but there are contexts in which the appearance of sexual attractiveness is valued over social correctness. The present results suggest that men may need to choose between these competing social goals, but women do not." Aus: Tracy, L. Jennifer: Happy Guys Finish Last: The Impact of Emotion Expressions on Sexual Attraction, Department of Psychology, University of British Columbia, 2011.

 

Ja, es ist sogar wissenschaftlich bewiesen: Wer lächelt, der spielt mit, aber produziert keine Spermien, denn das kostet schließlich Kraft – wer Gewichte stemmt, lächelt nicht, wer arbeitet, lächelt nicht.

Lächeln ist Laut der Studie der Inbegriff von Harmlosigkeit geworden. Sie lächeln so, was wollen Sie mir denn schenken oder verkaufen? Am liebsten wollen wir aber das, was wir uns verdient haben. Was wir uns erarbeiten mussten, und da war nun mal alles im Spiel, nur kein Lächeln.

 

Insbesondere für Frauen gilt: Wer lächelt, darf auf meinen Hund aufpassen, aber nicht in mein Bett. Lächeln Serienkiller auch nicht immer so komisch?

Den Krimis, der Werbung und den allzu beflissenen Kellnern verdanken wir den schlechten Ruf des Lächelns. Es ist gefährlich, manipulativ oder will Trinkgeld. Aber können wir uns denn nur wegen ein paar aktuellen Ausreißern erlauben, das Lächeln so zu verpönen?

Was sagen denn die Philosophen und Literaten zum Lächeln? Leider auffällig wenig. Das Lächeln ist kein lohnenswerter Gegenstand, den man philosophisch deuten kann, aber schon Honoré de Balzac fand in dem Roman Verlorene Illusionen eine schöne Umschreibung für das allzu häufig eingesetzte Lächeln:

Dieser Edelmann war einer der kleinen Geister, die sich behutsam zwischen der harmlosen Nichtigkeit, die noch versteht, und der hochmütigen Dummheit, die nichts annehmen und nichts von sich geben will, bewegen. Er war von seinen Pflichten gegen die Welt durchdrungen und bemühte sich, ihr angenehm zu sein, und so bildete nun das Lächeln eines Tänzers seine einzige Sprache. Ob er zufrieden oder unzufrieden war, er lächelte. Er lächelte bei einer Unglücksbotschaft eben sowohl wie bei der Nachricht von einem glücklichen Ereignis. Dieses Lächeln war durch den Ausdruck, den ihm Herr von Bargeton gab, gut für alles. Wenn eine direkte Zustimmung unumgänglich notwendig war, verstärkte er sein Lächeln durch ein freundliches Lachen, und nur im äußersten Notfall gab er ein Wort von sich. Ein Zusammensein unter vier Augen war die einzige Verlegenheit, die sein vegetatives Leben störte; er war dann gezwungen, in der Unendlichkeit seiner inneren Leere nach etwas zu suchen.

 

Aus Balzac: Verlorene Illusionen, 1844.

 

Lächeln kann alles sein, wie dieser Ausschnitt uns schön demonstriert. Aber eben auch nichts.

Die große Liebe entsteht nicht durch Lächeln. Das Lächeln ist das geheimnisloseste Gefühl, was es gibt, aber nur Geheimnisse sind der Kern von Interesse und Liebe. Wer lächelt, hat selten Geheimnisse. Denken Sie an die berühmten Ritter! Der Wunschtraum vieler Prinzessinnen von damals und heute … Ihnen sieht man gar nicht an, ob sie lächeln oder nicht. Sie tragen schließlich ein Visier, aber die Prinzessin strahlt. Wildern Sie also nicht in fremdem Terrain.

Dass wir heute viel lächeln, verdanken wir einem Missverständnis: Lächeln wird mit Humor gleichgesetzt und es hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, dass Humor die Menschen anziehend macht. Das tut er nicht mehr als alle anderen positiven Sachen auch. Aber das Lächeln hat eben auch noch einen anderen Aspekt: Lächeln signalisiert Unterwürfigkeit. Man tut Ihnen nichts, damit kommen Sie aber auch nicht weit.

Vermutlich müssen Sie sich ab jetzt immer wieder ermahnen: Jetzt nicht lächeln! Denn wer einmal das Lächeln angefangen hat, der wird es so schnell nicht wieder los. Das Lächeln wiegt Sie in trügerischer Sicherheit.

Wirklich schlecht reagieren Menschen nie auf das Lächeln. Und es gibt kaum noch Situationen, wo das Lächeln völlig unangemessen ist. Sogar Patienten lächeln Ärzte an. Frauen lächeln Polizisten an, Trickbetrüger lächeln jeden an. Sie erkennen das Muster: Wer lächelt, hat Schuld, braucht Hilfe oder lügt. Lächeln kostet nichts. Fragt sich nur wen?

Wenn Sie ein Lächler sind, sollten Sie sich fragen: Was glauben Sie, verbrochen zu haben? Nicht mal bei einer ernsthaften Entschuldigung lächelt man.

Habe ich das Lächeln sinnentleert und verwende ich es nur, weil mir gerade nicht anderes einfällt?

Glauben Sie nicht, dass das nicht auffällt. Ihr Lächeln wird zwar nicht kritisch kommentiert, aber öfter hinterfragt, als Sie lächeln. Unterschätzen Sie nicht das Misstrauen der Menschen. Die Welt ist hart, böse und ungerecht. Zumindest in jeder anständigen Predigt, die etwas auf sich hält.

Auch jeder noch so optimistische Mensch hat sich deshalb einen gesunden Misstrauensvorrat angelegt, der mit jedem Lächeln angezapft wird. Wenn Sie lächeln, erreichen Sie meist genau das Gegenteil von dem, was Sie wollen. Gehen Sie also sparsamer damit um. Denken Sie daran: Lächeln macht Sie schöner. Das ist wie mit einer ständig geschminkten Frau, die man plötzlich ohne Make-up sieht. Die sieht ja gar nicht so gut aus, denkt man.

Lassen Sie die Menschen die Welt positiv sehen. Lächeln Sie selten!

Der Anblick seltener Kostbarkeiten erfreut das Auge mehr als ständig existenter, glitzernder Plunder.

Ansonsten lassen Sie das Lächeln da, wo es zurzeit hingehört: In die Werbung, ins Kaufhaus und zu den Ted Bundys dieser Welt. Das Lächeln nimmt man uns nicht mehr so leicht ab, denn wir sind meist einfach schlechte Schauspieler. Zur Einführung überlassen wir die ersten Schlussworte Oscar Wilde:

 

Schauspieler sind so glücklich dran. Sie können sich aussuchen, ob sie in einer Tragödie oder in einer Komödie auftreten wollen, ob sie leiden oder vergnügt sein, lachen oder Tränen vergießen wollen. Aber im wirklichen Leben ist das anders. Die meisten Menschen sind gezwungen Rollen zu spielen, für die sie nicht geeignet sind. Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.

 

Aus den Aphorismen, 1899.

 

 

Böser Ratschlag Nr. 1: Versuchen Sie, in der nächsten Zeit etwas weniger zu lächeln. Erst recht, wenn Ihr Lächeln gespielt ist. Heben Sie sich Ihr Lächeln für die Menschen auf, die Ihnen wirklich etwas bedeuten. Beobachten Sie die Reaktionen Ihrer Umwelt.