Sobald die neue Gesellschaft ihren Nachwuchs bis zum Mündigkeitsalter erzogen hat, bleibt jedem einzelnen seine weitere Ausbildung selbst überlassen. Jedes treibt und übt, wozu Neigung und Anlagen es drängen. Diese ergreifen einen Zweig der immer glänzender sich ausgestaltenden Naturwissenschaften: Anthropologie, Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Physik, Chemie, prähistorische Wissenschaft usw. usw., jene die Geschichtswissenschaft, die Sprachforschung, das Kunststudium usw. Diese werden aus Passion Musiker, jene Maler, Bildhauer, Schauspieler. Es wird künftig weder zünftige Künstler, noch zünftige Gelehrte und zünftige Handwerker geben. Tausende glänzender Talente, die bisher unterdrückt wurden, werden zur Entfaltung kommen und sich in ihrem Wissen und Können zeigen, wo die Gelegenheit sich bietet. Es gibt keine Musiker, Schauspieler, Künstler, Gelehrte von Profession mehr, aber um so mehr aus Begeisterung und durch Talent und Genie. Und was diese leisten, dürfte die gegenwärtigen Leistungen auf diesen Gebieten ebenso übertreffen, wie die industriellen, technischen und agrikolen Leistungen der künftigen Gesellschaft die der heutigen übertreffen werden.

 

Es wird eine Ära für Künste und Wissenschaften entstehen, wie sie die Welt nie gesehen hat, und dementsprechend werden die Schöpfungen sein, die sie erzeugt.

 

Welche Neugeburt die Kunst erfahren wird, wenn einmal menschenwürdige Zustände existieren, ahnte kein Geringerer als der verstorbene Richard Wagner, der sich schon 1850 in seiner Schrift "Kunst und Revolution" darüber aussprach. Diese Schrift ist besonders merkwürdig, weil sie unmittelbar nach einer eben erst niedergeschlagenen Revolution, an der sich Wagner beteiligt hatte, erschien. Wagner sagt voraus, was die Zukunft bringen wird; er wendet sich in ihr direkt an die Arbeiterklasse, die den Künstlern helfen müsse, die wahre Kunst zu begründen. Unter anderem sagt er: "Ist unseren zukünftigen freien Menschen der Gewinn des Lebensunterhaltes nicht mehr der Zweck des Lebens, sondern ist durch einen tätig gewordenen neuen Glauben, oder besser Wissen, der Gewinn des Lebensunterhaltes gegen eine ihm entsprechende natürliche Tätigkeit uns außer allen Zweifel gesetzt, kurz, ist die Industrie nicht mehr unsere Herrin, sondern unsere Dienerin, so werden wir den Zweck des Lebens in die Freude am Leben setzen und zu dem wirklichen Genuß dieser Freude unsere Kinder durch Erziehung fähig und tüchtig zu machen streben. Die Erziehung, von der Übung der Kraft, von der Pflege der körperlichen Schönheit ausgehend, wird schon aus ungestörter Liebe zum Kinde und aus Freude am Gedeihen seiner Schönheit eine rein künstlerische werden und jeder Mensch wird in irgendeinem Bezug in Wahrheit Künstler sein. Die Verschiedenheit der natürlichen Neigungen wird die mannigfachsten Richtungen zu einem ungeahnten Reichtum ausbilden!" Das ist durchaus sozialistisch gedacht und deckt sich vollkommen mit unseren Ausführungen.

 

In der Zukunft wird das gesellschaftliche Leben immer mehr ein öffentliches werden. Wohin es drängt, sehen wir am deutlichsten an der gänzlich veränderten Stellung der Frau gegen frühere Zeiten. Das häusliche Leben wird sich auf das Notwendige beschränken, dagegen wird dem Geselligkeitsbedürfnis das weiteste Feld eröffnet werden. Große Versammlungslokalitäten für Vorträge und Disputationen und zur Besprechung aller gesellschaftlichen Angelegenheiten, über die künftig die Gesamtheit souverän entscheidet, Speise-, Spiel- und Lesesäle, Bibliotheken, Konzert- und Theaterlokale, Museen, Spiel- und Turnplätze, Parks und Promenaden, öffentliche Bäder, Bildungs- und Erziehungsanstalten aller Art, Laboratorien usw., alles aufs bestmögliche ausgestattet, werden Kunst und Wissenschaft und jeder Art Unterhaltung die reichlichste Gelegenheit bieten, das Höchste zu leisten. Ebenso werden die Anstalten zur Pflege Kranker, Siecher, Altersschwacher den höchsten Anforderungen entsprechen.

 

Wie klein wird dagegen einst unser so viel gerühmtes Zeitalter erscheinen. Dieses Schweifwedeln um Gunst und Sonnenschein von oben, diese kriechende, hündische Gesinnung, dieser gegenseitige eifersüchtige Kampf mit den gehässigsten, niedrigsten Mitteln um den bevorzugten Platz; dabei Unterdrückung der wahren Überzeugung, Verschleierung guter Eigenschaften, die mißfallen könnten, Kastrierung des Charakters, Erheuchelung von Gesinnungen und Gefühlen – diese Eigenschaft, die man kurz mit Feigheit und Charakterlosigkeit bezeichnen kann, treten täglich widerlicher hervor. Was den Menschen erhebt und adelt, Selbstgefühl, Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit der Gesinnung und eigene Überzeugung, freies Herausgehen aus sich selbst, wird unter den heutigen Verhältnissen meist zu Fehlern und Gebrechen. Oft ruinieren diese Eigenschaften ihren Träger, kann er sie nicht unterdrücken. Viele fühlen ihre Erniedrigung nicht einmal, weil sie daran gewöhnt sind. Der Hund findet es selbstverständlich, daß er einen Herrn hat, der bei schlechter Laune ihm die Peitsche zu kosten gibt.

 

Mit den erwähnten Veränderungen im sozialen Leben wird auch die gesamte literarische Produktion eine gründliche Veränderung erfahren. Die theologische Literatur, die in den jährlichen Verzeichnissen der literarischen Erscheinungen der Gegenwart die größte Nummernzahl aufweist, scheidet mit der juristischen aus. Für die eine besteht kein Interesse, für die andere keine Notwendigkeit mehr; die Erzeugnisse, die sich auf den Tageskampf über staatliche Institutionen beziehen, ebenfalls, weil die betreffenden Institutionen aufhörten zu sein. Die bezüglichen Studien werden kulturgeschichtliche werden. Die Menge seichter literarischer Produkte, als Zeichen verdorbenen Geschmacks, oft nur ermöglicht durch Opfer, welche die Eitelkeit des Autors bringt, fällt weg. Man kann sogar vom Standpunkt unserer heutigen Verhältnisse ohne Übertreibung sagen, daß vier Fünftel aller literarischen Erzeugnisse vom Markte verschwinden dürften, ohne daß ein einziges Kulturinteresse darunter litte. So groß ist die Masse oberflächlicher oder schädlicher Produkte und offenbaren Schundes auf dem Gebiet literarischer Produktion.

 

Die Belletristik und das Zeitungswesen werden in dem gleichen Maße getroffen. Etwas Geistloseres und Oberflächlicheres als der größte Teil unserer Zeitungsliteratur existiert nicht. Sollte nach dem Inhalt unserer Zeitungen der Stand unserer Kulturerrungenschaften und unserer wissenschaftlichen Gesichtspunkte gemessen werden, er käme tief zu stehen. Die Tätigkeit von Personen und der Zustand der Dinge wird von Standpunkten aus beurteilt, der vergangenen Jahrhunderten entspricht und durch unsere Wissenschaft längst als unhaltbar nachgewiesen ist. Ein erheblicher Teil unserer Journalisten sind Leute, die, wie einst Bismarck nicht unrichtig sagte, "ihren Beruf verfehlten", deren Bildungsstandpunkt und deren Lohnansprüche aber dem Bourgeoisinteresse für das Geschäft entsprechen. Daneben haben diese Zeitungen, wie die Mehrzahl der belletristischen Blätter, die Aufgabe, in ihrem Annoncenteil die schmutzigste Reklame zu begünstigen; ihr Börsenteil entspricht dem gleichen Interesse auf einem anderen Gebiet. Das materielle Interesse der Unternehmer bestimmt den Inhalt. Die belletristische Literatur ist, durchschnittlich genommen, nicht viel besser als die Zeitungsliteratur: hier wird namentlich das geschlechtliche Gebiet in seinen Auswüchsen kultiviert, bald wird dem seichtesten Aufkläricht, bald den abgeschmacktesten Vorurteilen und dem Aberglauben gehuldigt. Der Zweck ist, die bürgerliche Welt, ungeachtet aller Mängel, die man im kleinen zugibt, als die beste der Welten erscheinen zu lassen.

 

Auf diesem weiten und wichtigen Gebiet wird die Gesellschaft der Zukunft sehr gründlich aufräumen müssen. Die Wissenschaft, die Wahrheit, die Schönheit, der Meinungskampf um das Beste werden es allein beherrschen. Jedem, der Tüchtiges leistet, wird die Gelegenheit geboten, sich zu beteiligen. Er hängt nicht mehr von der Gunst des Buchhändlers, dem Geldinteresse, dem Vorurteil ab, sondern von der Beurteilung unparteiischer Sachverständiger, die er selbst mit bestimmt und gegen deren ihm nicht zusagende Entscheidung er jederzeit an die Gesamtheit appellieren kann, was heute ihm weder bei einer Zeitungsredaktion, noch bei einem Buchhändler, der nur seine Privatinteressen zu Rate zieht, möglich ist. Die naive Anschauung, als werde in einem sozialistischen Gemeinwesen der Meinungskampf unterdrückt, können nur die verfechten, welche die bürgerliche Welt als die vollkommenste Gesellschaft ansehen und aus Feindschaft den Sozialismus zu verleumden und zu verkleinern suchen. Eine auf vollkommener demokratischer Gleichheit beruhende Gesellschaft kennt und duldet keine Unterdrückung. Nur die vollste Meinungsfreiheit ermöglicht den ununterbrochenen Fortschritt, der das Lebensprinzip der Gesellschaft ist. Auch ist es eine grobe Täuschung, die bürgerliche Gesellschaft als Verfechterin wirklicher Meinungsfreiheit darzustellen. Parteien, die die Klasseninteressen der Herrschenden vertreten, werden nur das in der Presse veröffentlichen, was diesem Klasseninteresse nicht schadet, und wehe dem, der dagegen löckt. Sein sozialer Ruin ist besiegelt, wie jeder weiß, der die Verhältnisse kennt. Und wie Buchhändler mit ihnen nicht konvenierenden literarischen Arbeiten umspringen, davon wissen die Schriftsteller ein Liedlein zu singen. Endlich zeigt auch unsere Preß- und Strafgesetzgebung, welcher Geist die regierenden und leitenden Klassen beherrscht. Wirkliche Meinungsfreiheit erscheint ihnen als das gefährlichste aller Übel.

 

Siebenundzwanzigstes Kapitel - Freie Entwicklung der Persönlichkeit

 

1. Die Sorglosigkeit der Existenz

 

Der Mensch soll sich vollständig ausbilden können, das soll der Zweck menschlicher Vergesellschaftung sein, er darf also auch nicht an die Scholle gebunden bleiben, auf die ihn der Zufall der Geburt setzte. Menschen und Welt soll man nicht nur aus Büchern und Zeitungen kennenlernen, dazu gehört auch persönliche Anschauung und praktisches Studium. Die künftige Gesellschaft muß also allen ermöglichen, was bereits vielen in der heutigen möglich ist, wenn auch in den meisten Fällen der Zwang der Not den Antrieb verursacht. Das Bedürfnis nach Veränderung in allen Lebensbeziehungen ist der menschlichen Natur tief eingeprägt. Dieses entspringt dem Triebe zur Vervollkommnung, der jedem lebenden Wesen immanent ist. Die Pflanze, die im dunklen Raume steht, streckt und reckt sich, als habe sie Bewußtsein, nach dem Lichte, das durch irgendeine Luke fällt. So der Mensch. Ein Trieb, der dem Menschen eingeboren ist, muß in vernünftiger Weise befriedigt werden. Dem Triebe nach Veränderung steht der Zustand der neuen Gesellschaft nicht entgegen, sie macht vielmehr erst allen die Befriedigung dieses Triebes möglich. Ihre aufs höchste entwickelten Verkehrsbeziehungen erleichtern dieses, die internationalen Beziehungen fordern es heraus. Es werden künftig weit mehr Menschen für die verschiedensten Zwecke die Welt durchreisen, als dies bisher der Fall war.

 

Die Gesellschaft bedarf ferner reichlicher Vorräte an Lebensbedürfnissen aller Art, um allen Ansprüchen zu genügen. Die Gesellschaft reguliert dementsprechend ihre Arbeitszeit nach Bedürfnis; sie macht sie bald länger, bald kürzer, wie ihre Ansprüche und die Natur der Jahreszeit dies wünschenswert erscheinen lassen. Sie wird sich in der einen Jahreszeit hauptsächlich auf landwirtschaftliche, in der anderen mehr auf industrielle und kunstgewerbliche Produktion werfen; sie dirigiert die Arbeitskräfte, wie es das Bedürfnis erfordert: sie kann durch Kombinierung zahlreiche Arbeitskräfte mit den vollkommensten technischen Einrichtungen Unternehmungen spielend ausführen, die heute unmöglich scheinen.

 

Wie die Gesellschaft für ihre Jugend die Sorge übernimmt, so auch für ihre Alten, Kranken und Invaliden. Wer durch irgendeinen Umstand arbeitsunfähig geworden ist, für diesen tritt die Gesamtheit ein. Es handelt sich hierbei nicht um einen Akt der Wohltätigkeit, sondern der Pflicht, nicht um Gnadenbrocken, sondern um eine von jeder möglichen Rücksicht getragene Verpflegung und Hilfe, die demjenigen zuteil werden muß, der in den Jahren der Kraft und der Leistungsfähigkeit gegen die Gesamtheit seine Pflichten erfüllte. Der Lebensabend wird dem Alter mit allem verschönt, was die Gesellschaft ihm bieten kann. Trägt doch jeder sich mit der Hoffnung, einst selbst zu genießen, was er dem Alter gewährt. Jetzt stört nicht die Alten der Gedanke, daß andere ihren Tod erwarten, um zu erben. Auch die Befürchtung ist verschwunden, daß sie, wenn alt und hilflos geworden, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite geworfen werden. Sie sind weder auf die Mildtätigkeit und Unterstützung ihrer Kinder, noch auf die Bettelpfennige der Gemeinde angewiesen . In welcher Lage die meisten Eltern sich befinden, die auf die Unterstützung ihrer Kinder im Alter angewiesen sind, ist eine zu bekannte Tatsache. Und wie demoralisierend wirkt in der Regel auf die Kinder, und in noch höherem Grade auf die Verwandten, die Hoffnung, erben zu können. Welche niedrigen Leidenschaften werden geweckt und wie viel Verbrechen werden gerade hierdurch hervorgerufen. Mord, Unterschlagung, Erbschleicherei, Meineid, Erpressung.

 

Der moralische und physische Zustand der Gesellschaft, ihre Arbeits-, Wohn-, Nahrungs-, Kleidungsweise, ihr geselliges Leben, alles wird dazu beitragen, Unglücksfälle, Erkrankungen und Siechtum möglichst zu verhüten. Der natürliche Tod, das Absterben der Lebenskräfte, wird dann mehr und mehr zur Regel werden. Die Überzeugung, daß der Himmel auf Erden ist und gestorben sein zu Ende sein heißt, wird die Menschen veranlassen, vernünftig zu leben. Am meisten genießt, wer lang genießt. Langes Leben weiß gerade die Geistlichkeit, welche die Menschen auf das "Jenseits" vorbereitet, am besten zu schätzen. Die Sorglosigkeit ihrer Existenz ermöglicht ihr, das höchste Durchschnittslebensalter zu erreichen.

 

2. Umwandlung der Ernährung

 

Zum Leben gehört in erster Linie Essen und Trinken. Freunde der sogenannten "naturgemäßen Lebensweise" fragen öfter, warum sich die Sozialdemokratie dem Vegetarianismus gegenüber gleichgültig verhalte. Nun, jeder lebt wie er mag. Der Vegetarianismus, das heißt die Lehre, sich von Pflanzenkost zu nähren, fand zunächst in solchen Kreisen Boden, die in der angenehmen Lage sind, zwischen vegetabilischer und animalischer Kost wählen zu können. Für die sehr große Mehrheit der Menschheit existiert aber diese Wahl nicht, sie ist gezwungen, nach ihren Mitteln zu leben, deren Dürftigkeit sie fast ausschließlich auf vegetabilische Kost hinweist, oft auf die wenigst nahrhafteste. Für unsere Arbeiterbevölkerung in Schlesien, Sachsen, Thüringen usw. ist die Kartoffel die Hauptnahrung, sogar Brot kommt erst in zweiter Linie; Fleisch, und nur solches schlechtester Qualität, erscheint selten auf dem Tische. Auch hat der größte Teil der Landbevölkerung, obgleich sie das Vieh züchtet, selten Fleischnahrung, sie muß das Vieh verkaufen, um mit dem gewonnenen Gelde andere Bedürfnisse befriedigen zu können.

 

Für diese zahlreichen Menschen, die gezwungen als Vegetarianer leben, wäre zeitweilig ein solides Beefsteak, eine gute Hammelkeule entschieden eine Verbesserung ihrer Nahrung . Wendet der Vegetarianismus sich gegen die Überschätzung des Nährgehaltes der Fleischnahrung, so hat er recht; er hat unrecht, wenn er aus meist sehr sentimentalen Gründen dessen Genuß als verderblich und verhängnisvoll bekämpft. Zum Beispiel deshalb, weil das natürliche Gefühl verbiete, Tiere zu töten und von einer "Leiche" zu essen. Nun, der Wunsch, angenehm und ungestört zu leben, zwingt uns, einer großen Zahl von Lebewesen in Gestalt von Ungeziefer aller Art den Krieg zu erklären und sie zu vernichten, und um nicht selbst verzehrt zu werden, müssen wir die Tötung und Ausrottung wilder Bestien vornehmen. Das ungehinderte Lebenlassen der "guten Freunde der Menschen", der Haustiere, würde in einigen Jahrzehnten diese "guten Freunde" so vermehren, daß sie uns "auffräßen", indem sie uns der Nahrung beraubten. Auch ist die Behauptung, daß vegetabilische Kost milde Gesinnung gebe, falsch. Im sanftmütigen, pflanzenessenden Inder erwachte auch die "Bestie", als ihn die Härte des Engländers zur Empörung trieb.

 

Der Nährwert eines Nahrungsmittels in bezug auf Eiweiß ist nicht nur nach seinem Gehalt an demselben zu beurteilen. Man muß noch in Betracht ziehen, welch ein Anteil des mit dem betreffenden Nahrungsmittel aufgenommenen Eiweiß unverdaut bleibt. Vom diesem Gesichtspunkt aus stehen sich zum Beispiel Fleisch und Reis respektive Kartoffeln in bezug auf Eiweiß gegenüber wie 2,5 und 20 respektive 22, das heißt von 100 Gramm mit Fleisch aufgenommenem Eiweiß erscheinen 2,5 Gramm im Kote wieder, von 100 Gramm mit Reis respektive Kartoffeln aufgenommenem Eiweiß 20 respektive 22 Gramm. Der berühmte russische Physiologe Pawlow und seine Schule haben gezeigt, daß bei der Verdauung von Brot bedeutend mehr Ferment ausgeschieden wird als bei der Verdauung von Fleisch. Pawlow hat ferner gezeigt, daß die aus den Magendrüsen sich ergießenden Verdauungssäfte in quanitativer Beziehung aus zwei Größen bestehen: der Magensaft ergießt sich einesteils auf Reizung der Magenschleimhaut durch die betreffenden Nahrungsmittel und andererseits als "Appetitsaft" auf Reizung der Sinnesorgane durch die Nahrungsmittel. Die Menge des Appetitsaftes ist abhängig einmal von dem jeweiligen Zustand unserer Psyche, zum Beispiel Hunger, Kummer, Ärger, Freude usw., und dann von der Natur des betreffenden Nahrungsmittels. Aber die Bedeutung des Appetitsaftes für die Verdauung fällt bei den einzelnen Nahrungsmitteln verschieden schwer ins Gewicht. Manche Nahrungsmittel, wie zum Beispiel Brot, gekochtes Hühnereiweiß oder reine Stärke können, wie das Experiment unmittelbar gezeigt hat, überhaupt gar nicht verdaut werden, wenn ihre Verdauung nicht durch Appetitsaft eingeleitet wird: nur mit Appetit (oder mit anderen Nahrungsmitteln zugleich) genommen, können sie verdaut werden. Dagegen kann das Fleisch, wie Pawlow gezeigt hat, zum Teil schon ohne Appetitsaft verdaut werden, wenn auch mit Appetitsaft die Verdauung des Fleisches unvergleichlich (um fünfmal) schneller vor sich geht. "Wir müssen daher Umstände in Betracht ziehen, die geknüpft sind an die Psyche des Menschen. Hier ist die Brücke geschlagen zwischen den Tatsachen der Ernährungsphysiologie und sozialen Verhältnissen. Der moderne Städter, zumal die breite Masse der Arbeiterklasse, lebt in sozialen Verhältnissen, die jeden normalen Appetit in ihnen ertöten müssen. Die Arbeit in der dumpfen Fabrik, die beständige Sorge ums tägliche Brot, der Mangel an geistiger Muße und heiterem Gemüt, die totale körperliche Erschöpfung, das alles sind Momente, die den Appetit untergraben. In diesem psychischen Zustande sind wir nicht imstande, den Appetitsaft zu liefern, dessen es zur Inangriffnahme und Bewältigung der Verdauung von vegetabilischer Nahrung bedarf. Dagegen haben wir im Fleische ein Nahrungsmittel, das – wenn man sich so ausdrücken darf – selber für seine Verdauung sorgt: es wird nicht nur zu einem guten Teile auch ohne Appetit verdaut, sondern es ist zudem als Reiz- und Genußmittel auch ein mächtiger Erreger unseres Appetits. So begünstigt das Fleisch die Verdauung auch der gleichzeitig mit ihm genossenen Vegetabilien und sichert uns dadurch eine ergiebigere Ausnutzung der mit den letzteren aufgenommenen Stoffe. Darin scheint uns der große Vorteil der animalischen Nahrung für den modernen Menschen zu liegen."

 

Sonderegger trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: "Es gibt keine Rangordnung der Notwendigkeit der Nahrungsmittel, aber ein unwandelbares Gesetz für die Mischung ihrer Nahrungsstoffe." Richtig ist, daß allein von Fleischnahrung sich niemand zu ernähren vermag, wohl aber von Pflanzenkost, vorausgesetzt, daß er sie entsprechend wählen kann. Andererseits wird niemand sich mit einer bestimmten Pflanzenkost, und sei sie die nahrhafteste, begnügen. So sind Bohnen, Erbsen, Linsen, mit einem Worte die Leguminosen, die nährendsten aller Nahrungsstoffe. Aber ausschließlich sich von ihnen nähren zu müssen – was möglich sein soll – wäre eine Tortur. So führt Karl Marx im ersten Band des "Kapital" an, daß die chilenischen Bergwerksbesitzer ihre Arbeiter zwingen, jahraus jahrein Bohnen zu essen, weil ihnen diese ein großes Maß von Kraft geben und sie in den Stand setzen, Lasten zu tragen wie bei keiner anderen Nahrung. Aber die Arbeiter weisen die Bohnen trotz ihrer Nahrhaftigkeit zurück, doch man zwingt sie, sich mit ihnen zu begnügen. Auf keinen Fall hängt das Glück und Wohlsein der Menschen von einer bestimmten Kostart ab, wie die Fanatiker unter den Vegetarianern behaupten. Klima, soziale Verhältnisse, Gewohnheit und persönlicher Geschmack sind maßgebend .

 

In dem Maße, wie die Kultur sich hebt, tritt allerdings an Stelle fast ausschließlicher Fleischkost, wie sie bei Jagd- und Hirtenvölkern vorhanden ist, mehr die Pflanzenkost. Die Vielgestaltigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur. Auch können auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden, als auf derselben Fläche Fleisch durch Viehzucht erzeugt werden kann. Diese Entwicklung verschafft der vegetabilischen Nahrung ein immer größeres Übergewicht. Die Fleischtransporte, die uns in der Gegenwart durch Raubwirtschaft aus fernen Ländern, insbesondere aus Südamerika und Australien zugehen, werden in wenigen Jahrzehnten ihr Ende erreichen. Andererseits wird Vieh nicht bloß des Fleisches wegen gezüchtet, sondern auch der Wolle, Haare, Borsten, Häute, Milch, Eier usw. wegen. Eine Menge Industrien und viele menschliche Bedürfnisse hängen davon ab. Auch werden eine Menge Abfälle aus der Industrie und Hauswirtschaft kaum nützlicher als durch Viehzucht verwendet. In Zukunft wird auch noch das Meer in höherem Maße als bisher seinen Reichtum an animalischen Nahrungsstoffen der Menschheit öffnen müssen. Es wird dann schwerlich noch vorkommen, daß wie heute bei reichlichem Fischfang ganze Ladungen als Dünger verwendet werden, weil die Transport- oder Konservierungseinrichtungen ihre Aufbewahrung nicht ermöglichen oder die hohen Transportkosten ihren Absatz verhindern. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß mit der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, wenn die Bevölkerung von den großen Städten auf das Land wandert, wenn die Arbeit in geschlossenen Fabrikräumen sich mit der landwirtschaftlichen verbindet, die Fleischkost wird wieder hinter der Pflanzenkost zurücktreten. Gewiß kann man den Mangel an Reizmitteln in der pflanzlichen Nahrung durch entsprechende und verständige Zubereitung unter Zuhilfenahme von Gewürzen wettmachen. Aber eine rein vegetarische Lebensweise ist für die künftige Gesellschaft weder wahrscheinlich noch notwendig.

 

3. Kommunistische Küche

 

Bei der Nahrung handelt es sich aber weit mehr um die Qualität als die Quantität, viel hilft nicht, wenn das Viele nicht gut ist. Die Qualität wird aber durch die Art und Weise der Zubereitung bedeutend verbessert. Nahrungszubereitung muß ebenso wissenschaftlich betrieben werden wie andere menschliche Tätigkeiten, soll sie möglichst vorteilhaft sein. Dazu gehört Wissen und Einrichtung. Daß unsere Frauen, welchen gegenwärtig die Nahrungszubereitung hauptsächlich zufällt, dieses Wissen oft nicht besitzen und nicht besitzen können, bedarf keines Beweises mehr. Die Technik der großen Küchen hat schon gegenwärtig eine Vollkommenheit erreicht, welche die aufs beste eingerichtete Familienküche nicht kennt. Insbesondere ist es die mit Elektrizität für Heizung und Beleuchtung eingerichtete Küche, die dem Ideal entspricht. Kein Rauch, keine Hitze, keine Dünste mehr; die Küche gleicht mehr einem Salon als einem Arbeitsraume, in dem alle möglichen technischen und maschinellen Einrichtungen vorhanden sind, welche die unangenehmsten und zeitraubendsten Arbeiten spielend erledigen. Da sind die elektrisch betriebenen Kartoffeln- und Obstschäler, die Entkernungsapparate, Würstestopfer, Speckpresser, Fleischhacker, Fleischröster, Bratapparate, Kaffee- und Gewürzmühlen, die Brotschneideapparate, Eiszerkleinerer, Korkzieher, Korkpresser und hundert andere Apparate und Maschinen, die einer verhältnismäßig kleinen Zahl Personen mit mäßiger Anstrengung ermöglichen, für Hunderte von Tischgästen die Speisen zu bereiten. Dasselbe ist mit den Spül- und Reinigungseinrichtungen der Fall.

 

Die Privatküche ist für Millionen Frauen eine der anstrengendsten, zeitraubendsten und verschwenderischsten Einrichtungen, bei der ihnen Gesundheit und gute Laune abhanden kommt und die ein Gegenstand der täglichen Sorge ist, namentlich wenn, wie bei den allermeisten Familien, die Mittel die knappsten sind. Die Beseitigung der Privatküche wird für ungezählte Frauen eine Erlösung sein. Die Privatküche ist eine ebenso rückständige und überwundene Einrichtung, wie die Werkstätte des Kleinmeisters, beide bedeuten die größte Unwirtschaftlichkeit, eine große Verschwendung an Zeit, Kraft, Heiz- und Beleuchtungsmaterial, Nahrungsstoffen usw.

 

Der Nährwert der Speisen wird durch ihre leichte Assimilierfähigkeit erhöht; diese ist entscheidend . Eine naturgemäße Nährweise aller kann also auch erst die neue Gesellschaft ermöglichen. Cato rühmt vom alten Rom, daß es bis zum sechsten Jahrhundert der Stadt (200 vor Christo) wohl Kenner der Heilkunde gab, aber es an Beschäftigung fehlte. Die Römer lebten so nüchtern und einfach, daß Krankheiten selten vorkamen und der Tod durch Altersschwäche die gewöhnliche Form des Todes war. Erst als Schlemmerei und Müßiggang, kurz, das Lotterleben auf der einen, Not und Überarbeit auf der anderen Seite um sich griffen, wurde es gründlich anders. Die Schlemmerei und das Lotterleben sollen künftig unmöglich sein, aber auch Not, Elend und Entbehrung. Es ist für alle genug vorhanden. Sang doch schon Heinrich Heine:

 

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

 

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen .

 

"Wer wenig ißt, lebt gut" (das heißt lange), sagte der Italiener Comaro im sechzehnten Jahrhundert, wie Niemeyer zitiert. Schließlich wird künftig auch die Chemie für die Herstellung neuer und verbesserter Nahrungsmittel in bisher ungekannter Weise tätig sein. Heute wird diese Wissenschaft sehr mißbraucht, um Fälschungen und Prellereien zu ermöglichen; es ist aber klar, daß ein chemisch zubereitetes Nahrungsmittel, das alle Eigenschaften eines Naturproduktes hat, denselben Zweck erfüllt. Die Form der Gewinnung ist nebensächlich, vorausgesetzt, daß im übrigen das Produkt allen Ansprüchen gerecht wird.

 

4. Umwandlung des häuslichen Lebens

 

Wie in der Küche, so wird die Revolution im gesamten häuslichen Leben sich vollziehen und zahllose Arbeiten erübrigen, die heute noch ausgeführt werden müssen. Wie künftig durch die Zentralnahrungsbereitungsanstalten in vollkommenster Weise die häusliche Küche überflüssig gemacht wird, so fallen durch die Zentralheizung, die elektrische Zentralbeleuchtung alle Arbeiten, die bisher die Instandhaltung der Feuerung in den Öfen, die Instandhaltung der Lampen und Beleuchtungsapparate erforderten, weg. Die Warmwasserleitung neben der Kaltwasserleitung ermöglicht einem jeden Waschungen und Bäder in beliebiger Weise, ohne Zuziehung einer Hilfsperson. Die Zentralwaschanstalten und Zentraltrockeneinrichtungen übernehmen die Reinigung und das Trocknen der Wäsche; die Zentralreinigungsanstalten die Reinigung der Kleider und Teppiche. In Chicago waren Teppichreinigungsmaschinen ausgestellt, die die Reinigung in kürzester Zeit, zum Staunen und zur Bewunderung der die Ausstellung besuchenden Damen vollzogen. Die elektrische Tür öffnet sich auf einen leisen Druck mit dem Finger und schließt sich selbständig. Elektrische Einrichtungen schaffen Briefe und Zeitungen in alle Etagen der Häuser; elektrische Aufzüge ersparen das Treppensteigen. Man wird die innere Ausstattung der Häuser, der Fußböden, der Wandbekleidungen, der Möbel daraufhin einrichten, daß alles sich auf die leichteste Weise reinigen läßt, und keine Staub- und Bakteriensammler sich bilden. Kehricht und Abfälle aller Art werden ähnlich wie das benützte Wasser durch Leitungen aus den Wohnungen befördert (Müllschlucker). In den Vereinigten Staaten, in manchen europäischen Städten, zum Beispiel in Zürich, Berlin und seinen Vororten, London, Wien, München, gibt es bereits solche mit allem Raffinement eingerichtete Häuser, in denen zahlreiche, wohlsituierte Familien – andere können die Kosten nicht tragen – wohnen und einen großen Teil der geschilderten Vorteile genießen .

 

Wir haben hier abermals den Beweis, wie die bürgerliche Gesellschaft auch der Revolutionierung der häuslichen Lebensweise die Wege bahnt, aber nur für ihre Auserwählten. Wird aber in der angedeuteten Weise das häusliche Leben von Grund aus umgestaltet, so ist der Dienstbote, dieser "Sklave für alle Launen der Herrin", verschwunden. Aber auch die Dame. "Ohne Dienstboten keine Kultur"; ruft Herr v. Treitschke mit komischem Pathos entsetzt aus. Er kann sich die Gesellschaft so wenig ohne Dienstboten vorstellen, wie Aristoteles sie sich ohne Sklaven vorstellen konnte. Überraschend ist, daß Herr v. Treitschke unsere Dienstboten "als Träger unserer Kultur" ansieht. Treitschke wie Eugen Richter machen auch das Stiefelwichsen und Kleiderreinigen Sorge, das doch unmöglich jeder sich selbst besorgen könne. Nun, in neun Zehntel der Fälle besorgt sich das allerdings heute jeder selbst, oder es besorgt es die Frau für den Mann, oder eine Tochter oder ein Sohn für die Familie, und man könnte antworten, was bisher die neun Zehntel taten, kann das letzte Zehntel auch tun. Es gäbe auch noch einen anderen Ausweg. Warum sollte künftig nicht die Jugend ohne Unterschied des Geschlechts zu solchen und ähnlichen notwendigen Verrichtungen herangezogen werden? Arbeit schändet nicht, auch wenn sie im Stiefelwichsen besteht, das hat schon mancher altadelige Offizier erfahren, der Schulden halber nach den Vereinigten Staaten durchbrannte und dort Hausknecht oder Stiefelputzer wurde. Herr Eugen Richter läßt sogar in einer seiner Broschüren an der Stiefelputzfrage den "sozialistischen Reichskanzler" stürzen und den "sozialistischen Zukunftsstaat" aus dem Leim gehen. Der "sozialistische Reichskanzler" weigert sich nämlich, die Stiefel sich selbst zu putzen und das ist sein Unglück. Die Gegner haben sich an dieser Schilderung weidlich ergötzt und damit nur Zeugnis abgelegt von der Bescheidenheit ihrer Ansprüche an eine Kritik des Sozialismus. Herr Eugen Richter mußte den Schmerz noch erleben, daß nicht nur einer seiner eigenen Parteigenossen in Nürnberg bald nach Herausgabe seiner Broschüre eine Stiefelwichsmaschine erfand, sondern daß auch 1893 auf der Chicagoer Weltausstellung eine elektrische Stiefelwichsmaschine ausgestellt war, die dieses Geschäft in der vollkommensten Weise besorgte. So ist der Haupteinwurf, den Richter und Treitschke gegen die sozialistische Gesellschaft erhoben, durch eine Erfindung, die sogar in der bürgerlichen Gesellschaft gemacht wurde, praktisch über den Haufen geworfen worden.

 

Die revolutionäre Umgestaltung, die alle Lebensbeziehungen der Menschen von Grund aus ändert und insbesondere auch die Stellung der Frau verändert, vollzieht sich also bereits vor unseren Augen. Es ist nur eine Frage der Zeit, daß die Gesellschaft diese Umgestaltung in größtem Maßstab in die Hand nimmt, und den Umwandlungsprozeß beschleunigt und verallgemeinert und damit alle ohne Ausnahme an seinen zahllosen vielgestaltigen Vorteilen teilnehmen läßt.

 

Achtundzwanzigstes Kapitel - Die Frau in der Zukunft

 

Dieses Kapitel kann sehr kurz sein. Es enthält nur die Konsequenzen, die aus dem bis jetzt Gesagten für die Stellung der Frau in der künftigen Gesellschaft sich ergeben, Konsequenzen, die nunmehr der Leser leicht selbst ziehen kann.

 

Die Frau der neuen Gesellschaft ist sozial und ökonomisch vollkommen unabhängig, sie ist keinem Schein von Herrschaft und Ausbeutung mehr unterworfen, sie steht dem Manne als Freie, Gleiche gegenüber und ist Herrin ihrer Geschicke. Ihre Erziehung ist der des Mannes gleich, mit Ausnahme der Abweichungen, welche die Verschiedenheit des Geschlechts und ihre geschlechtlichen Funktionen bedingen; unter naturgemäßen Lebensbedingungen lebend, kann sie ihre physischen und geistigen Kräfte und Fähigkeiten nach Bedürfnis entwickeln und betätigen; sie wählt für ihre Tätigkeit diejenigen Gebiete, die ihren Wünschen, Neigungen und Anlagen entsprechen und ist unter den gleichen Bedingungen wie der Mann tätig. Eben noch praktische Arbeiterin in irgendeinem Gewerbe ist sie in einem anderen Teil des Tages Erzieherin, Lehrerin, Pflegerin, übt sie in einem dritten Teil irgendeine Kunst aus oder pflegt eine Wissenschaft und versieht in einem vierter Teil irgendeine verwaltende Funktion. Sie treibt Studien, leistet Arbeiten, genießt Vergnügungen und Unterhaltungen mit ihresgleichen oder mit Männern, wie es ihr beliebt und wie sich ihr die Gelegenheit dazu bietet.

 

In der Liebeswahl ist sie gleich dem Manne frei und ungehindert. Sie freit oder läßt sich freien und schließt den Bund aus keiner anderen Rücksicht als auf ihre Neigung. Dieser Bund ist ein Privatvertrag ohne Dazwischentreten eines Funktionärs, wie die Ehe bis ins Mittelalter ein Privatvertrag war. Der Sozialismus schafft hier nichts Neues, er stellt auf höherer Kulturstufe und unter neuen gesellschaftlichen Formen nur wieder her, was, ehe das Privateigentum die Gesellschaft beherrschte, allgemein in Geltung war.

 

Der Mensch soll unter der Voraussetzung, daß die Befriedigung seiner Triebe keinem anderen Schaden oder Nachteil zufügt, über sich selbst befinden. Die Befriedigung des Geschlechtstriebs ist ebenso jedes einzelnen persönliche Sache wie die Befriedigung jedes anderen Naturtriebs. Niemand hat darüber einem anderen Rechenschaft zu geben und kein Unberufener hat sich einzumischen. Wie ich esse, wie ich trinke, wie ich schlafe und mich kleide, ist meine persönliche Angelegenheit, ebenso mein Verkehr mit der Person eines anderen Geschlechts. Einsicht und Bildung, volle Unabhängigkeit der Person, alles Eigenschaften, die durch die Erziehung und die Verhältnisse in der künftigen Gesellschaft naturgemäße sind, werden jeden davor bewahren, Handlungen zu begehen, die zu seinem Nachteil gereichen. Selbstzucht und Kenntnis des eigenen Wesens besitzen die Männer und Frauen der künftigen Gesellschaft in viel höherem Grade als die der heutigen. Die eine Tatsache, daß jene blöde Scheu und lächerliche Heimlichtuerei, über geschlechtliche Dinge zu sprechen, verschwindet, wird den Verkehr der Geschlechter weit natürlicher gestalten, als dies heute der Fall ist. Stellt sich zwischen zwei Menschen, die einen Bund schlossen, Unverträglichkeit, Enttäuschung oder Abneigung heraus, so gebietet die Moral, die unnatürlich und darum unsittlich gewordene Verbindung zu lösen. Und da alle die Verhältnisse verschwinden, die bisher eine große Zahl Frauen entweder zur Ehelosigkeit oder zum Verkauf ihres Körpers verurteilen, so kann die Männerwelt kein Übergewicht mehr geltend machen. Andererseits hat der gänzlich veränderte Sozialzustand die vielen Hemmungen und Störungen beseitigt, die heute das Eheleben beeinflussen und es so häufig zu seiner Entfaltung nicht gelangen lassen oder gänzlich unmöglich machen.

 

Die Hemmungen, Widersprüche und Widernatürlichkeiten in der heutigen Stellung der Frau kommen immer mehr zum Bewußtsein weiter Kreise und finden in der sozialen wie in der Romanliteratur lebhaften Ausdruck; oft in verfehlter Form. Daß die heutige Ehe immer weniger ihrem Zwecke entspricht, leugnet kein Denkender mehr, und so braucht man sich nicht zu wundern, daß selbst Personen die Freiheit der Liebeswahl und freie Lösung des eingegangenen Verhältnisses natürlich finden, die im übrigen nicht geneigt sind, daraus die Konsequenzen für eine Veränderung unseres jetzigen Sozialzustandes zu ziehen; sie glauben, nur den bevorrechteten Klassen die Freiheit im Geschlechtsverkehr vindizieren zu sollen. Mathilde Reichhardt-Stromberg äußert zum Beispiel in einer Polemik gegen die frauenemanzipatorischen Bestrebungen der Schriftstellerin Fanny Lewald folgendes:

 

"Wenn Sie (F. L.) die Forderung aufstellen der vollständigen Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne im sozialen und politischen Leben, so muß notwendig George Sand auch recht haben in ihren Emanzipationsbestrebungen, die auf nichts weiter hinausgehen als das, was der Mann seit längst unbestritten besaß. Denn es ist schlechterdings kein vernünftiger Grund aufzufinden, weshalb allein der Kopf und nicht auch das Herz der Frau an dieser Gleichberechtigung teilnehmen und frei sein soll, zu geben und zu nehmen wie der Mann. Im Gegenteil: Soll das Weib seiner Natur nach berechtigt und dann auch verpflichtet sein – denn wir sollen das uns gegebene Pfund nicht vergraben –, die Fasern des Hirns bis aufs äußerste anzuspannen zum Wettlauf mit den Geistestitanen des anderen Geschlechts, so muß es auch das Recht haben, ganz wie diese zur Erhaltung des Gleichgewichtes den Blutumlauf des Herzens zu beschleunigen, auf immer welche Weise es ihm angemessen scheint. Denn wir lesen alle doch ohne die geringste sittliche Entrüstung zum Beispiel von Goethe – um nur gleich den Größten als Beispiel zu wählen –, wie er oft und immer wieder seines Herzens Wärme und den Enthusiasmus seiner großen Seele an eine andere Frau verschwendete. Der Einsichtsvolle findet das nur natürlich, eben seiner großen schwer zu befriedigenden Seele wegen, und nur der beschränkte Moralist hält sich tadelnd dabei auf. Warum also wollen Sie spotten über die großen Seelen unter den Weibern!... Nehmen wir einmal an, das ganze weibliche Geschlecht bestände ohne Ausnahme aus George Sandschen großen Seelen; jede Frau sei eine Lukretia Floriani, deren Kinder alle Kinder der Liebe, die diese Kinder aber auch alle mit echt mütterlicher Liebe und Hingebung sowohl, als mit Einsicht und Verstand erzöge. Was würde aus der Welt dabei werden? Es unterliegt keinem Zweifel, die Welt könnte dabei fortbestehen und Fortschritte machen wie heute und könnte sich vielleicht ausnehmend wohl dabei befinden."

 

Aber warum sollen dieses nur die "großen Seelen" beanspruchen können und nicht auch die anderen, die keine "großen Seelen" sind? Konnten ein Goethe und eine George Sand, um diese zwei unter den vielen, die gleich ihnen handelten und handeln, herauszunehmen, den Neigungen ihres Herzens leben, veröffentlicht man namentlich über Goethes Liebesaffären halbe Bibliotheken, die von seinen Verehrern und Verehrerinnen mit einer Art andächtiger Verzückung verschlungen werden, warum bei anderen mißbilligen, was von einem Goethe oder einer George Sand getan, zum Gegenstand ekstatischer Verwunderung wird?

 

Freilich, die Freiheit der Liebeswahl in der bürgerlichen Welt zur Geltung zu bringen, ist unmöglich – darin gipfelt ja unsere Beweisführung –, aber man setze die Gesamtheit unter ähnliche soziale Bedingungen, wie sie heute nur den materiell und geistig Auserwählten zuteil werden, und die Gesamtheit hat die Möglichkeit gleicher Freiheiten. In "Jacques" schildert George Sand einen Ehemann, der das ehebrecherische Verhältnis seiner Frau zu einem anderen also beurteilt: "Kein menschliches Wesen kann über die Liebe gebieten, und niemand ist schuldig, wenn er sie fühlt oder entbehrt. Was die Frau erniedrigt, ist die Lüge; was den Ehebruch konstituiert, ist nicht die Stunde, welche sie dem Geliebten gewährt, sondern die Nacht, die sie danach mit ihrem Manne zubringt." Jacques fühlt sich verpflichtet, infolge dieser Auffassung seinem Nebenbuhler (Borel) den Platz zu räumen und philosophiert dabei: "Borel an meiner Stelle würde ruhig seine Frau geprügelt haben und nicht errötet sein, sie dann in seine Arme aufzunehmen, entwürdigt von seinen Schlägen und seinen Küssen. Es gibt Männer, die ohne weiteres nach orientalischer Manier ihre treulose Gattin totschlagen, weil sie dieselbe als gesetzliches Eigentum betrachten. Andere schlagen sich mit ihrem Nebenbuhler, töten oder entfernen ihn und bitten alsdann die Frau, welche sie zu lieben behaupten, um Küsse und Liebkosungen, während diese sich entweder voll Schrecken zurückzieht oder in Verzweiflung sich hingibt. Dies ist in der ehelichen Liebe gemeiniglich die Art zu handeln, und mir kommt es vor, als ob die Liebe der Schweine weniger niedrig und weniger grob sei als diejenige solcher Menschen" . Brandes bemerkt zu den hier zitierten Sätze: "Diese Wahrheiten, welche für unsere heutige gebildete Welt als elementare dastehen, waren vor fünfzig Jahren himmelschreiende Sophismen." Aber zu den George Sandschen Grundsätzen sich offen zu bekennen, wagt auch heute die "besitzende und gebildete Welt" nicht, obgleich sie tatsächlich danach lebt. Wie sie in der Moral und Religion heuchelt, so heuchelt sie in der Ehe.

 

Was Goethe und George Sand taten, tun heute tausend andere, die sich mit Goethe oder der Sand nicht vergleichen können, und ohne im mindesten an Ansehen in der Gesellschaft zu verlieren. Man muß nur eine angesehene Stellung inne haben und alles macht sich von selbst. Dessenungeachtet gelten die Freiheiten eines Goethe und einer George Sand vom Standpunkt der bürgerlichen Moral als unsittliche, denn sie verstoßen gegen die von der Gesellschaft gezogenen Moralgesetze und stehen mit der Natur unseres Sozialzustandes im Widerspruch. Die Zwangsehe ist für die bürgerliche Gesellschaft die Normalehe, die einzige "moralische" Verbindung der Geschlechter, jede andere geschlechtliche Verbindung ist unmoralisch. Die bürgerliche Ehe ist, das haben wir unwiderleglich nachgewiesen, die Folge der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse. In engster Verbindung mit dem Privateigentum und dem Erbrecht stehend, wird sie zur Erlangung "legitimer" Kinder als Erben geschlossen. Und unter dem Drucke der gesellschaftlichen Zustände wird sie auch denen aufgenötigt, die nichts zu vererben haben , sie wird gesellschaftliches Recht, dessen Verletzung der Staat bestraft, indem er Männer oder Frauen, die in Ehebruch leben und geschieden werden, auf einige Zeit ins Gefängnis setzt.

 

In der sozialistischen Gesellschaft gibt es aber nichts mehr zu vererben, es sei denn, man wolle das Hausgeräte und persönliche Inventar als Erbteil ansehen, demnach ist auch von diesem Gesichtspunkt aus die heutige Eheform hinfällig. Damit ist weiter die Frage nach dem Erbrecht erledigt, das der Sozialismus nicht nötig hat abzuschaffen. Besteht kein Privateigentum mehr, so kann auch kein Erbrecht bestehen. Die Frau ist also frei, und Kinder, die sie besitzt, verkürzen ihr diese Freiheit nicht, sie können ihr nur die Freude am Leben vermehren. Pflegerinnen, Erzieherinnen, befreundete Frauen, die heranwachsende weibliche Jugend stehen ihr in Fällen, in welchen sie Hilfe braucht, zur Seite.

 

Möglich, daß es auch in Zukunft Männer gibt, die gleich A. Humboldt sagen: "Ich bin nicht geschaffen, um Familienvater zu sein. Außerdem halte ich das Heiraten für eine Sünde, das Kindererzeugen für ein Verbrechen." Was liegt daran? Die Macht der Naturtriebe wird bei anderen für das Gegengewicht sorgen. Uns beunruhigt weder die Ehefeindlichkeit eines Humboldt, noch der philosophische Pessimismus eines Schopenhauer, Mainländer oder v. Hartmann, welche der Menschheit die Selbstvernichtung im "Idealstaat" in Aussicht stellen. Wir halten es hier mit Fr. Ratzel, der mit vollem Rechte schreibt:

 

"Der Mensch darf sich nicht länger als eine Ausnahme von den Naturgesetzen betrachten, sondern fange endlich an, das Gesetzmäßige in seinen eigenen Handlungen und Gedanken aufzusuchen und strebe, sein Leben den Naturgesetzen gemäß zu führen. Er wird dahin kommen, das Zusammenleben mit seinesgleichen, das heißt die Familie und den Staat, nicht nach den Satzungen ferner Jahrhunderte, sondern nach den vernünftigen Prinzipien einer naturgemäßen Erkenntnis einzurichten. Politik, Moral, Rechtsgrundsätze, welche jetzt noch aus allen möglichen Quellen gespeist werden, werden nur den Naturgesetzen entsprechend zu gestalten sein. Das menschenwürdige Dasein, von welchem seit Jahrtausenden gefabelt wird, wird endlich zur Wahrheit werden" .

 

Diese Zeit kommt mit Riesenschritten heran. Die menschliche Gesellschaft hat in Jahrtausenden alle Entwicklungsphasen durchlaufen, um schließlich dahin zu gelangen, von wo sie ausgegangen ist, zum kommunistischen Eigentum und zur vollen Gleichheit und Brüderlichkeit, aber nicht mehr bloß der Gentilgenossen, sondern aller Menschen. Das ist der große Fortschritt, den sie macht. Was die bürgerliche Gesellschaft vergeblich erstrebte und woran sie scheitert und scheitern muß, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen herzustellen, wird der Sozialismus verwirklichen. Die bürgerliche Gesellschaft konnte nur die Theorie aufstellen, die Praxis widersprach, wie in so vielen anderen Dingen, auch hier ihren Theorien. Der Sozialismus wird Theorie und Praxis vereinigen.

 

Aber indem die Menschheit zum Ausgangspunkt ihrer Entwicklung zurückkehrt, geschieht dies auf unendlich höherer Kulturstufe als jene war, von der sie ausgegangen ist. Besaß die Urgesellschaft in der Gens, im Clan, das Gemeineigentum, so nur in rohester Form und auf unentwickelter Stufe. Der Entwicklungsgang, der sich seitdem vollzog, hat zwar das Gemeineigentum bis auf kleine unbedeutende Reste aufgelöst, die Gentes zertrümmert und schließlich die ganze Gesellschaft atomisiert, er hat aber auch in seinen verschiedenen Phasen die Produktivkräfte der Gesellschaft und die Vielseitigkeit der Bedürfnisse in gewaltigster Weise gesteigert, aus den Gentes und Stämmen die Nationen und großen Staaten geschaffen, aber damit wieder einen Zustand erzeugt, der mit den Bedürfnissen der Gesellschaft in den schreiendsten Widerspruch tritt. Die Aufgabe der Zukunft ist, diesen Widerspruch dadurch zu lösen, daß auf breitester Basis die Rückverwandlung des Eigentums und der Arbeitsmittel in gemeinsames Eigentum vorgenommen wird.

 

Die Gesellschaft nimmt zurück, was sie einst besessen und selbst geschaffen, sie ermöglicht aber allen, entsprechend den neugeschaffenen Lebensbedingungen, die Lebenshaltung auf höchster Kulturstufe, das heißt, sie gewährt allen, was unter primitiveren Verhältnissen nur das Privilegium einzelner oder einzelner Klassen sein konnte. Und jetzt erhält auch die Frau die aktive Rolle wieder, die sie einst in der Urgesellschaft innehatte, aber nicht als Herrin, sondern als Gleichberechtigte.

 

"Das Ende der staatlichen Entwicklung gleicht dem Beginn des menschlichen Daseins. Die ursprüngliche Gleichheit kehrt zuletzt wieder. Das mütterlich stoffliche Dasein eröffnet und schließt den Kreislauf der menschlichen Dinge", schreibt Bachofen in seinem Werke "Das Mutterrecht". Und Morgan äußert:

 

"Seit dem Eintritt der Zivilisation ist das Wachstum des Reichtums so ungeheuer geworden, seine Formen so verschiedenartig, seine Anwendung so umfassend und seine Verwaltung so geschickt im Interesse der Eigentümer, daß dieser Reichtum dem Volke gegenüber eine nicht zu bewältigende Macht geworden ist. Der Menschengeist steht ratlos und gebannt da vor seiner eigenen Schöpfung. Aber dennoch wird die Zeit kommen, wo die menschliche Vernunft erstarken wird zur Herrschaft über den Reichtum, wo sie feststellen wird sowohl das Verhältnis des Staates zu dem Eigentum, das er schützt, wie die Grenze der Rechte der Eigentümer. Die Interessen der Gesellschaft gehen den Einzelinteressen absolut vor, und beide müssen in ein gerechtes und harmonisches Verhältnis gebracht werden; die bloße Jagd nach Reichtum ist nicht die Endbestimmung der Menschheit, wenn anders der Fortschritt das Gesetz der Zukunft bleibt, wie er es war für die Vergangenheit. Die seit Anbruch der Zivilisation verflossene Zeit ist nur ein kleiner Bruchteil der verflossenen Lebenszeit der Menschheit, nur ein kleiner Bruchteil der ihr noch bevorstehenden. Die Auflösung der Gesellschaft steht drohend vor uns als Abschluß einer geschichtlichen Laufbahn, deren einziges Endziel der Reichtum ist; denn eine solche Laufbahn enthält die Elemente ihrer eigenen Vernichtung.

 

Demokratie in der Verwaltung, Brüderlichkeit in der Gesellschaft, Gleichheit der Rechte, allgemeine Erziehung werden die nächste, höhere Stufe der Gesellschaft einweihen, zu der Erfahrung, Vernunft und Wissenschaft stetig hinarbeiten.

 

Sie wird eine Wiederbelebung sein – aber in höherer Form – der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten Gentes" .

 

So kommen Männer der verschiedensten Standpunkte, auf Grund ihrer wissenschaftlichen Forschungen, zu gleichen Resultaten. Die volle Emanzipation der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann ist eines der Ziele unserer Kulturentwicklung, dessen Verwirklichung keine Macht der Erde zu verhindern vermag. Aber sie ist nur möglich auf Grund einer Umgestaltung, welche die Herrschaft des Menschen über den Menschen – also auch des Kapitalisten über den Arbeiter – aufhebt. Jetzt wird die Menschheit zu ihrer höchsten Entfaltung gelangen. Das "goldene Zeitalter", von dem die Menschen seit Jahrtausenden träumten und nach dem sie sich sehnten, wird endlich kommen. Die Klassenherrschaft hat für immer ihr Ende erreicht, aber mit ihr auch die Herrschaft des Mannes über die Frau.

 

Neunundzwanzigstes Kapitel - Die Internationalität

 

Das menschenwürdige Dasein für alle kann aber nicht die Daseinsweise eines einzigen bevorzugten Volkes sein, das, isoliert von allen übrigen Völkern, diesen Zustand weder zu begründen noch aufrechtzuerhalten vermöchte. Unsere ganze Entwicklung ist das Produkt des Zusammenwirkens nationaler und internationaler Kräfte und Beziehungen. Obgleich die nationale Idee noch vielfach die Köpfe beherrscht und als Mittel zur Aufrechterhaltung politischer und sozialer Herrschaft dient, denn diese ist nur innerhalb nationaler Schranken möglich, stecken wir bereits tief im Internationalismus.

 

Handels-, Zoll- und Schiffahrtsverträge, Weltpostverein, internationale Ausstellungen, Kongresse für Völkerrecht und internationale Gradmessungen, sonstige internationale wissenschaftliche Kongresse und Verbindungen, internationale Erforschungsexpeditionen, unser Handel und Verkehr, insbesondere die internationalen Kongresse der Arbeiter, welche die Träger der neuen Zeit sind und deren moralischen Einfluß es geschuldet ist, daß im Frühjahr 1890 auf Einladung des Deutschen Reiches die erste internationale Arbeiterschutzgesetzkonferenz in Berlin stattfand, alles das legt Zeugnis ab für den internationalen Charakter, den die Beziehungen der verschiedenen Kulturnationen, trotz ihrer nationalen Abgeschlossenheit, die immer mehr durchbrochen wird, angenommen haben. Wir sprechen, im Gegensatz zur Nationalwirtschaft von der Weltwirtschaft und legen letzterer die größere Bedeutung bei, weil von ihr wesentlich das Wohl und Gedeihen der einzelnen Nationen abhängt. Ein großer Teil unserer eigenen Produkte wird gegen die Produkte fremder Länder, ohne die wir nicht mehr existieren können, ausgetauscht. Und wie ein Industriezweig durch den anderen geschädigt wird, wenn einer erlahmt, so erlahmt die Nationalproduktion eines Landes sehr erheblich, wenn die der anderen ins Stocken gerät. Die Beziehungen der einzelnen Länder werden ungeachtet aller vorübergehenden Störungen, wie Kriege und nationale Verhetzungen, immer inniger, weil die materiellen Interessen, die stärksten von allen, sie beherrschen. Jeder neue Verkehrsweg, jede Verbesserung eines Verkehrsmittels, jede Erfindung oder Verbesserung im Produktionsprozeß, wodurch die Waren verbilligt werden, verstärkt diese Beziehungen. Die Leichtigkeit, mit der persönliche Beziehungen zwischen weit voneinander entfernten Ländern und Völkern hergestellt werden, ist ein neuer wesentlicher Faktor in der Kette der Verbindungen. Auswanderung und Kolonisation sind andere mächtige Hebel. Ein Volk lernt von dem anderen, eins sucht dem anderen im Wettstreit zuvorzukommen. Neben dem Austausch materieller Produkte der verschiedensten Art vollzieht sich der Austausch der Geisteserzeugnisse, sowohl in der Ursprache wie in Übersetzungen. Das Erlernen fremder lebender Sprachen wird für Millionen eine Notwendigkeit. Nichts aber trägt, neben materiellen Vorteilen, mehr dazu bei, Antipathien zu beseitigen und Sympathien zu erwecken, als das Eindringen in die Sprache und Geisteserzeugnisse eines fremden Volkes.

 

Die Wirkung dieses auf internationaler Stufenleiter sich vollziehenden Annäherungsprozesses ist, daß die verschiedenen Länder sich immer mehr und mehr in ihren sozialen Zuständen ähnlich sehen. Bei den vorgeschrittensten und darum maßgebenden Kulturnationen ist diese Ähnlichkeit bereits so groß, daß, wer die ökonomische Struktur eines Volkes kennengelernt hat, in der Hauptsache diejenige aller übrigen ebenfalls kennt. Ungefähr so, wie in der Natur bei Tieren derselben Gattung das Gerippe in Organisation und Bau dasselbe ist, und besitzt man einzelne Teile eines solchen, kann man theoretisch das ganze Tier konstruieren.

 

Die weitere Folge ist, daß, wo gleichgeartete soziale Grundlagen vorhanden sind, auch die Wirkungen daraus die gleichen sein müssen: Aufhäufung großen Reichtums und sein Gegensatz Lohnsklaverei, Knechtung der Massen unter die Maschinerie, Beherrschung der Massen durch die besitzende Minorität, mit allen daraus entspringenden Folgen.

 

In der Tat sehen wir, daß die Klassengegensätze und Klassenkämpfe, die Deutschland durchwühlen, ganz Europa, die Vereinigten Staaten, Australien usw. in Bewegung setzen. In Europa herrscht von Rußland bis nach Portugal, vom Balkan, Ungarn und Italien bis nach England und Irland derselbe Geist der Unzufriedenheit, machen sich die gleichen Symptome sozialer Gärung, allgemeinen Unbehagens und der Zersetzung bemerkbar. Äußerlich verschieden, je nach dem Grade der Entwicklung, dem Charakter der Bevölkerung und der Form ihres politischen Zustandes, sind im Wesen diese Bewegungen überall dieselben. Tiefe soziale Gegensätze sind ihre Ursache. Mit jedem Jahre verschärfen sich diese mehr, dringt die Gärung und Unzufriedenheit immer tiefer und weiter in den Gesellschaftskörper, bis schließlich ein Anlaß, vielleicht unbedeutender Art, die Explosion herbeiführt und diese sich blitzartig über die ganze Kulturwelt verbreitet und die Geister zur Parteinahme für und wider in die Schranken ruft.

 

Der Kampf der neuen Welt wider die alte ist entbrannt. Es treten Massen auf die Bühne, es wird mit einer Fülle von Intelligenz gekämpft, wie die Weit noch in keinem Kampfe gesehen hat, in einem ähnlichen Kampfe kein zweites Mal mehr sehen wird. Denn es ist der letzte soziale Kampf. Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stehend, sehen wir, wie dieser Kampf sich immer mehr der letzten seiner Phasen nähert, in dem die neuen Ideen siegen.

 

Die neue Gesellschaft wird sich dann auch auf internationaler Basis aufbauen. Die Völker werden sich verbrüdern, sie werden sich gegenseitig die Hände reichen und danach trachten, den neuen Zustand allmählich über alle Völker der Erde auszudehnen . Ein Volk kommt nicht mehr zu dem anderen als Feind, um auszubeuten und zu unterdrücken, nicht mehr als Vertreter eines fremden Glaubens, den es ihm aufnötigen will, sondern als Freund, der alle Menschen zu Kulturmenschen erziehen will. Die Kultur- und Kolonisationsarbeiten der neuen Gesellschaft werden sich in ihrem Wesen und in ihren Mitteln ebenso von den jetzigen unterscheiden, wie beide Gesellschaften ihrem Wesen nach grundverschieden sind. Weder wird man Pulver und Blei, noch Feuerwasser (Branntwein) und die Bibel anwenden; man unternimmt die Kulturmission nur mit friedlichen Mitteln, die die Zivilisatoren den Barbaren und Wilden nicht als Feinde, sondern als Wohltäter erscheinen lassen. Verständige Reisende und Forscher wissen längst, wie erfolgreich dieser Weg ist.

 

Sind einmal die Kulturvölker zu einer großen Föderation vereinigt, dann ist auch die Zeit gekommen, wo für immer "des Krieges Stürme schweigen". Der ewige Frieden ist dann kein Traum mehr, wie die heute in Uniformen einhergehenden Herren die Welt glauben machen wollen. Diese Zeit ist gekommen, sobald die Völker ihre wahren Interessen erkannt haben. Diese werden nicht gefördert durch Kampf und Streit, durch Länder und Völker zugrunde richtende Rüstungen, sondern durch friedliche Verständigung und gemeinsame Kulturarbeiten. Außerdem sorgen die herrschenden Klassen und ihre Regierungen dafür, wie das oben ausgeführt wurde, daß die militärischen Rüstungen und Kriege an ihrer eigenen Ungeheuerlichkeit ihr Ende erreichen. So werden die letzten Waffen gleich so vielen ihnen vorangegangenen in die Antiquitätensammlungen wandern, um zukünftigen Geschlechtern zu bezeugen, wie vergangene Generationen während Jahrtausenden sich oft wie wilde Tiere zerfleischten – bis endlich der Mensch über das Tier in ihm triumphierte.

 

Daß nur die nationalen Besonderheiten und Interessengegensätze – die hüben und drüben durch die herrschenden Klassen künstlich genährt werden, um gegebenenfalls durch einen großen Krieg einen Abzugskanal für gefährliche Strömungen im Innern zu besitzen – es sind, welche die Kriege hervorrufen, bestätigt eine Äußerung des verstorbenen Generalfeldmarschalls Moltke. Im ersten Bande seines Nachlasses, der den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 behandelt, heißt es unter anderem in den einleitenden Bemerkungen:

 

"Solange die Nationen ein gesondertes Dasein führen, wird es Streitigkeiten geben, welche nur mit den Waffen geschlichtet werden können, aber im Interesse der Menschheit ist zu hoffen, daß die Kriege seltener werden, wie sie furchtbarer geworden sind."

 

Nun, dieses nationale Sonderdasein, das heißt die feindselige Absperrung der einen Nation gegen die andere, schwindet trotz aller gegenteiligen Bemühungen, sie aufrechtzuerhalten, immer mehr, und so werden künftige Generationen ohne Mühe auch Aufgaben verwirklichen, an die geniale Köpfe längst gedacht und Versuche zur Lösung machten, ohne zum Ziele gelangen zu können. So hatte schon Condorcet die Idee, eine allgemeine Weltsprache ins Leben zu rufen. Und der verstorbene ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Ulysses Grant äußerte in einer Ansprache: "Da Handel, Unterricht und die schnelle Beförderung von Gedanken und Materien durch Telegraphen und Dampf alles verändert haben, so glaube ich, daß Gott die Welt vorbereitet, eine Nation zu werden, eine Sprache zu sprechen, zu einem Zustand der Vollendung zu gelangen, in welchem Heere und Kriegsflotten nicht mehr nötig sind." Natürlich muß bei einem Vollblutyankee der liebe Gott die ausgleichende Rolle spielen, die einzig ein Produkt geschichtlicher Entwicklung ist. Man darf sich darüber nicht wundern. Heuchelei oder auch Borniertheit in Fragen der Religion ist nirgends größer als in den Vereinigten Staaten. Je weniger die Staatsgewalt durch ihre Organisation die Massen leitet, um so mehr muß es die Religion, die Kirche tun. Daher scheint überall die Bourgeoisie dort am frömmsten, wo die Staatsgewalt am laxesten ist. Neben den Vereinigten Staaten in England, Belgien, der Schweiz. Auch der Revolutionär Robespierre, der mit den Köpfen von Aristokraten und Geistlichen wie mit Kegelkugeln spielte, war bekanntlich sehr religiös, weshalb er feierlich das höchste Wesen wieder einsetzen ließ, das kurz zuvor – ebenso geschmacklos – der Konvent für abgesetzt erklärt hatte. Und da vor der großen Revolution die leichtfertigen und liederlichen Aristokraten Frankreichs sich vielfach mit ihrem Atheismus brüsteten, sah Robespierre denselben als aristokratisch an und denunzierte ihn vor dem Konvent in seiner Rede über das höchste Wesen mit den Worten: "Der Atheismus ist aristokratisch. Die Idee eines höchsten Wesens, das über der unterdrückten Unschuld wacht und das triumphierende Verbrechen straft, ist ganz volkstümlich. Wäre kein Gott, so müßte man einen solchen erfinden." Der tugendhafte Robespierre ahnte, daß seine tugendhafte bürgerliche Republik die sozialen Gegensätze nicht ausgleichen konnte, darum der Glaube an ein höchstes Wesen, das Vergeltung übt und auszugleichen trachtet, was in seiner Zeit die Menschen noch nicht ausgleichen konnten, daher war dieser Glaube für die erste Republik eine Notwendigkeit.

 

Diese Zeit geht vorüber. Ein Kulturfortschritt wird den anderen hervorrufen, die Menschheit wird sich immer neue Aufgaben stellen und wird sie zu einer Kulturentwicklung führen, die Nationalitätenhaß, Kriege, Religionsstreit und ähnliche Rückständigkeiten nicht mehr kennt.

 

Dreißigstes Kapitel - Bevölkerungsfrage und Sozialismus

 

1. Furcht vor Übervölkerung

 

Es gibt Leute, welche die Bevölkerungsfrage als die wichtigste und brennendste aller Fragen ansehen, weil eine "Übervölkerung" drohe, ja tatsächlich schon vorhanden sei. Diese Frage muß ganz speziell vom internationalen Standpunkt aus behandelt werden, denn Volksernährung und Volksverteilung sind immer mehr eine internationale Angelegenheit geworden. Über das Bevölkerungsgesetz ist seit Malthus viel gestritten worden. In seiner berühmt und berüchtigt gewordenen Schrift "Versuch über das Bevölkerungsprinzip", die Karl Marx "als ein schülerhaft oberflächliches und pfäffisch vordeklamiertes Plagiat aus Sir James Stewart, Townsend, Franklin, Wallace usw." bezeichnet, das "nicht einen einzigen selbstgedachten Satz enthält", stellt Malthus die Ansicht auf, daß die Menschheit das Bestreben habe, sich in geometrischer Progression zu vermehren (1, 2, 4, 8, 16, 32 usw.), wohingegen die Nahrung nur in arithmetischer Progression (1, 2, 3, 4, 5 usw.) vermehrt werden könne. Die notwendige Folge sei, daß zwischen der Menschenzahl und dem Nahrungsvorrat rasch ein Mißverhältnis entstehe, das zu Massennot und schließlich zu Massentod führen müsse. Es sei darum geboten, sich in der Kinderzeugung "Enthaltsamkeit" aufzuerlegen. Derjenige dürfe nicht heiraten, der nicht genügend Mittel zur Ernährung einer Familie besitze, weil sonst am "Tische der Natur" kein Platz für die Nachkommen vorhanden sei.

 

Die Furcht vor Übervölkerung ist sehr alt. Sie war bereits, wie die Erörterungen in der vorliegenden Schrift zeigten, bei Griechen und Römern und wieder am Ausgang des Mittelalters vorhanden. Plato und Aristoteles, die Römer, der Kleinbürger des Mittelalters wurden von ihr beherrscht, und sie beherrschte Voltaire, der darüber im ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts eine Abhandlung veröffentlichte. Andere Schriftsteller folgten ihm, bis endlich in Malthus derjenige erstand, der diese Befürchtungen am prägnantesten zum Ausdruck brachte.

 

Die Furcht vor Übervölkerung tritt stets in Perioden auf, in denen der bestehende Sozialzustand im Zerfall begriffen ist. Die allgemeine Unzufriedenheit, die dann entsteht, glaubt man in erster Linie dem Überfluß an Menschen und dem Mangel an Lebensmitteln und nicht der Art, wie sie gewonnen und verteilt werden, zuschreiben zu müssen.

 

Alle Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht auf Klassenherrschaft. Das erste und vornehmste Mittel der Klassenherrschaft aber ist die Besitznahme von Grund und Boden. Aus dem Gemeinbesitz gelangt derselbe allmählich in Privatbesitz. Die Masse wird eigentumslos und ist genötigt, sich im Dienste der Besitzenden ihre Portion an Lebensmitteln zu erwerben. Unter solchen Umständen wird jeder Zuwachs zur Familie oder ein neuer Konkurrent als eine Last empfunden. Das Gespenst der Übervölkerung erscheint, das in dem Maße Schrecken verbreitet, wie der Grund und Boden immer mehr Monopolbesitz wird und an Produktivität verliert, sei es, weil er nicht genügend bewirtschaftet wird, oder weil man den besten Boden in Schafweiden verwandelt, oder ihn dem Vergnügen seiner Herren als Jagdgründe reserviert und ihn so dem Anbau für menschliche Nahrung entzieht. Rom und Italien hatten am meisten Mangel an Nahrungsmitteln, als der Grund und Boden sich in den Händen von ungefähr dreitausend Latifundienbesitzern befand. Daher der Schreckensruf: Die Latifundien richten Rom zugrunde. Der Grund und Boden Italiens wurde in ungeheure Jagdreviere oder Lustgärten zum Vergnügen seiner adligen Besitzer verwandelt, häufig auch unbebaut liegen gelassen, weil seine Bebauung durch Sklaven sich teurer stellte als der Preis des aus Afrika und Sizilien bezogenen Getreides, ein Zustand, der Tür und Tor dem Kornwucher öffnete, an dem in erster Linie wieder der reiche Adel Roms beteiligt war. Das wurde sogar ein Hauptgrund, die Bebauung des heimischen Grund und Bodens zu unterlassen. Der Adel gewann am Getreidewucher mehr als am Getreidebau im eigenen Lande.

 

Unter solchen Verhältnissen zog der römische Bürger oder der verarmte Adel es vor, auf Ehe und Kinderzeugung zu verzichten, was durch alle Prämien, die auf Eheschließung und Kinder gesetzt wurden, um die Verminderung der herrschenden Klasse zu verhindern, nicht verhindert werden konnte.

 

Eine ähnliche Erscheinung trat gegen Ende des Mittelalters ein, nachdem während Jahrhunderten Adel und Geistlichkeit durch alle Mittel der List und Gewalt zahlreiche Bauern ihres Eigentums beraubt und das Gemeindeland an sich gerissen hatten. Als dann infolge all der erlittenen Mißhandlungen die Bauern sich empörten, aber niedergeschlagen wurden, und nun erst recht das Raubhandwerk des Adels nur auf höherer Stufenleiter fortgesetzt und von den reformierten Fürsten auch am Kirchengut praktiziert wurde, wuchs die Zahl der Räuber, Bettler und Vagabunden wie nie zuvor. Ihre Zahl war am größten nach der Reformation. Die expropriierte Landbevölkerung strömte nach den Städten. Hier waren aber auch bereits aus früher geschilderten Ursachen die Lebensverhältnisse immer üblere geworden, und so war "Übervölkerung" überall vorhanden.

 

Das Auftreten von Malthus fällt nun in jene Periode der englischen Industrie, wo infolge der neuen Erfindungen von Hargreaves, Arkwright und Watt gewaltige Umgestaltungen in der Mechanik und Technik eintraten, die hauptsächlich in der Baumwollen- und Leinenindustrie zur Geltung gelangten und die Arbeiter in den betroffenen Hausindustrien zu Zehntausenden brotlos machten. Die Konzentration des Bodeneigentums und die Entwicklung der großen Industrie nahm um jene Zeit in England große Dimensionen an. Mit dem rasch steigenden Reichtum auf der einen Seite wuchs das Massenelend auf der anderen. In einer solchen Zeit mußten die herrschenden Klassen, welche die bestehende Welt für die beste anzusehen alle Ursache haben, für eine so widersprechende Erscheinung wie die Pauperisierung der Massen inmitten des steigenden Reichtums und der höchsten Industrieblüte eine plausible, sie entlastende Erklärung suchen. Nichts war bequemer, als der allzu raschen Vermehrung der Arbeiter durch Kinderzeugung und nicht ihrer Überflüssigmachung durch den kapitalistischen Produktionsprozeß und die Akkumulierung des Grund und Bodens in den Händen der Landlords die Schuld zu geben. Unter solchen Verhältnissen enthielt das "schülerhaft oberflächliche, pfäffisch vordeklamierte Plagiat", das Malthus veröffentlichte, eine Begründung der vorhandenen Übel, die den geheimsten Gedanken und Wünschen der herrschenden Klasse Ausdruck gab und sie vor der Welt rechtfertigte. Daher erklärt sich der ungeheure Beifall, den es auf der einen Seite, und die heftigste Befehdung, die es auf der anderen fand. Malthus hatte für die englische Bourgeoisie im rechten Augenblick das rechte Wort gesprochen, und so wurde er, trotzdem seine Schrift "keinen einzigen selbstgedachten Satz" enthielt, ein großer und berühmter Mann und sein Name zum Stichwort für die ganze Lehre .

 

2. Produktion der Übervölkerung

 

Die Zustände, die Malthus zu seinem Notschrei und seinen brutalen Lehren veranlaßten – er richtete sie an die arbeitende Klasse und fügte so zum Schaden auch noch den Hohn –, haben seitdem sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verbreitert. Nicht bloß im Vaterland des Malthus, in Großbritannien, sondern in allen Ländern der Welt mit kapitalistischer Produktionsweise, die das Raubsystem an Grund und Boden und die Unterjochung der Massen durch die Maschinerie und die Fabrik zur Folge hat. Dieses System besteht, wie nachgewiesen, in der Trennung des Arbeiters von seinem Arbeitsmittel, sei dieses Grund und Boden oder Werkzeug, und in dem Übergang der Arbeitsmittel in die Hände der Kapitalisten. Das System schafft immer neue Industriezweige, entwickelt und konzentriert dieselben, wirft aber auch immer neue Volksmassen auf die Straße, es macht sie "überzählig". Vielfach befördert es, wie im alten Rom, den Latifundienbesitz mit allen seinen Folgen. Irland ist das klassische Land in Europa, das vom englischen Raubsystem am schlimmsten heimgesucht wurde. Es besaß schon 1874 12.378.244 Acres Wiesen und Weideland, aber nur 3.373.508 Acres Ackerland, und jedes Jahr schreitet die Abnahme der Bevölkerung und Hand in Hand damit die Verwandlung von Ackerland in Wiesen und Weideland für Schaf- und Rinderherden und in Jagdreviere für die Landlords vor . (Im Jahre 1908 14.805.046 Acres Wiesen und Weideland und 2.328.906 Acres Ackerland.) Das irische Ackerland befindet sich außerdem vielfach als Pachtland in den Händen einer großen Zahl kleiner und kleinster Pächter, die nicht imstande sind, die Ausnutzung des Bodens in höherem Maßstab zu betreiben. So zeigt Irland den Anblick eines Landes, das sich aus einem ackerbautreibenden Lande in ein Hirtenland zurückverwandelt. Dabei ist die Bevölkerung, die im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts über 8 Millionen Köpfe zählte, gegenwärtig auf 4,3 Millionen gesunken, und noch immer sind einige Millionen "überzählig". Die Rebellion der Irländer gegen England erklärt sich hiernach sehr einfach. Schottland zeigt ein ganz ähnliches Bild wie Irland in seinen Bodenbesitz- und Bodenbebauungsverhältnissen . Ähnliches wiederholt sich in dem erst in den letzten Jahrzehnten in die moderne Entwicklung eingetretenen Ungarn. Ein Land, so reich an fruchtbarem Boden wie wenige in Europa, ist überschuldet, seine Bevölkerung verarmt und befindet sich in den Händen von Wucherern. Aus Verzweiflung wandert sie in Massen aus. Aber der Grund und Boden ist in den Händen moderner Kapitalmagnaten konzentriert, die mit Wald und Ackerland die schlimmste Raubwirtschaft treiben, so daß Ungarn in nicht ferner Zeit aufhört, ein Getreide ausführendes Land zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Italien. In Italien hat die politische Einheit der Nation, ähnlich wie in Deutschland, der kapitalistischen Entwicklung Vorschub geleistet, aber die fleißigen Bauern von Piemont und der Lombardei, von Toskana, der Romagna und Sizilien verarmen immer mehr und gehen zugrunde. Bereits beginnen Sümpfe und Moore sich von neuem zu bilden, wo noch vor wenigen Jahrzehnten gut gepflegte Gärten und Äcker kleiner Bauern standen. Vor den Toren Roms, in der sogenannten Campagna, liegen Hunderttausende Hektar Bodens brach, in einem Landstrich, der einst zu den blühendsten des alten Roms gehörte. Sümpfe bedecken den Boden und hauchen ihre giftigen Miasmen aus. Wenn unter Aufwendung entsprechender Mittel eine gründliche Entsumpfung und eine zweckmäßige Bewässerung eingerichtet würde, erhielte die Bevölkerung Roms eine reichliche Nahrungs- und Genußquelle. Aber Italien leidet an der Großmachtssucht, es ruiniert die Bevölkerung durch schlechte Verwaltung, durch militärische und maritime Rüstungen und in "Kolonisationen", und so hat es für Kulturaufgaben, wie die Fruchtbarmachung der Campagna, keine Mittel. Ähnlich wie in der Campagna ist es in Süditalien und Sizilien. Dieses, einst die Kornkammer Roms, verfällt immer mehr der Verarmung; eine ausgesogenere, ärmlicher lebende, mißhandeltere Bevölkerung gibt es in ganz Europa nicht mehr. Die bedürfnislosen Söhne des schönsten Landes Europas überschwemmen halb Europa und Amerika als Lohndrücker oder sie wandern in Scharen für immer aus, weil sie auf dem heimatlichen Boden, der nicht ihr Eigentum ist, nicht verhungern wollen. Die Malaria, jenes schreckliche Fieber, nahm in ganz Italien Dimensionen an, daß die Regierung schon 1882 darüber erschreckt, eine Untersuchung vornehmen ließ, die das traurige Resultat ergab, daß von den 69 Provinzen des Landes 32 in hohem Grade von der Krankheit heimgesucht, 32 bereits davon ergriffen und nur 5 noch davon verschont geblieben waren. Die Krankheit, die früher nur auf dem Lande bekannt war, drang in die Städte, weil das dort aufgehäufte Proletariat, durch die proletarisierte Landbevölkerung vermehrt, die Infektionsherde der Krankheit bildete.

 

3. Armut und Fruchtbarkeit

 

Von welcher Seite wir immer das kapitalistische Wirtschaftssystem betrachten, wir werden belehrt, daß Not und Elend der Massen nicht die Folgen des Mangels an Nahrungs- und Lebensmitteln, sondern die Folgen der ungleichen Verteilung derselben und der verkehrten Wirtschaftsweise sind, die dem einen Überfluß schafft und die andern zum Darben zwingt. Die Malthusschen Behauptungen haben nur vom Standpunkt der kapitalistischen Produktionsweise Sinn. Auf der anderen Seite drängt die kapitalistische Produktionsweise selbst zur Produktion von Kindern; sie braucht billige "Hände" in Gestalt von Kindern für ihre Werkstätten und Fabriken. Bei dem Proletarier wird das Kinderzeugen eine Art Berechnung, sie müssen die Kosten ihres Lebensunterhalts selbst erwerben. Der Proletarier in der Hausindustrie wird sogar genötigt, viele Kinder zu besitzen, denn darin liegt eine Gewähr für seine Konkurrenzfähigkeit. Das ist sicher ein scheußliches System; es verstärkt die Pauperisierung des Arbeiters und seine Abhängigkeit vom Unternehmer. Der Proletarier wird gezwungen, für immer elenderen Lohn zu arbeiten. Und jede Arbeiterschutzbestimmung, jede Mehrausgabe für diese oder andere soziale Pflichten, die dem Unternehmer nicht auch für die von ihm beschäftigten Hausindustriellen auferlegt wird, veranlaßt ihn, den Kreis der Hausindustriellen zu erweitern, sie bietet ihm Vorteile, wie nicht leicht eine andere Betriebsform, vorausgesetzt, daß sie nach der Natur des Produktionsprozesses durchführbar ist.

 

Das kapitalistische Produktionssystem erzeugt aber nicht nur Überproduktion an Waren und Arbeitern, sondern auch an Intelligenzen. Auch die Intelligenz findet schließlich immer schwerer Unterkommen, das Angebot übersteigt permanent die Nachfrage. Nur eins ist in dieser kapitalistischen Welt nicht überflüssig, das ist das Kapital und sein Besitzer, der Kapitalist.

 

Sind die bürgerlichen Ökonomen Malthusianer, so sind sie, was sie aus bürgerlichem Interesse sein müssen, nur sollen sie ihre bürgerlichen Schrullen nicht auf die sozialistische Gesellschaft übertragen wollen. John Stuart Mill sagt: "Der Kommunismus ist gerade derjenige Zustand der Dinge, bei dem man erwarten darf, daß die öffentliche Meinung sich mit der allergrößten Intensität gegen diese Art selbstsüchtiger Unmäßigkeit erklären wird. Jede Volksvermehrung, welche die annehmliche Lage der Bevölkerung verringern oder deren Mühen steigern würde, mußte dann für jedes einzelne Individuum der Assoziation unmittelbare und unverkennbare Inkonvenienz zur Folge haben, und diese könnte dann nicht der Habsucht der Arbeitgeber oder den ungerechten Privilegien der Reichen zur Last gelegt werden. Unter so veränderten Umständen könnte es nicht ausbleiben, daß die öffentliche Meinung ihre Mißbilligung zu erkennen gäbe, und wenn diese nicht ausreichte, daß man durch Strafen irgend welcher Art diese oder andere gemeinschädliche Unenthaltsamkeit unterdrücken würde. Die kommunistische Theorie trifft also keineswegs in besonderer Weise der Vorwurf, welcher von der Gefahr der Übervölkerung hergenommen ist; vielmehr empfiehlt sich dieselbe dadurch, daß sie in hohem Grade diesem Übelstande vorzubeugen die Tendenz haben wurde." Und Professor Ad. Wagner äußert auf Seite 376 von Raus "Lehrbuch der politischen Ökonomie": "Am wenigsten wurde in einem sozialistischen Gemeinwesen prinzipiell Ehefreiheit oder Freiheit der Kinderzeugung gewährt werden können." Die Genannten gehen also von der Ansicht aus, daß das Streben nach Übervölkerung ein allen Gesellschaftszuständen gemeinsames sei, aber beide vindizieren dem Sozialismus die Eigenschaft, das Verhältnis von Bevölkerung und Nahrung besser als jede andere Gesellschaftsform ins Gleichgewicht bringen zu können. Das letztere ist richtig, das erstere nicht.

 

Es gab allerdings vereinzelte Sozialisten, die, von den Malthusschen Ideen bestochen, fürchteten, die Gefahr einer Übervölkerung "stehe nahe bevor". Aber diese sozialistischen Malthusianer sind verschwunden. Das tiefere Eindringen in die Natur und das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft belehrt sie eines Besseren. Auch belehren uns die Klagelieder unserer Agrarier, daß wir zu viel Nahrungsmittel – vom Standpunkt des Weltmarktes betrachtet – produzieren, so daß die daraus entstandenen niedrigeren Preise die Produktion derselben unrentabel machten.

 

Unsere Malthusianer bilden sich ein, und der Chorus der bürgerlichen Wortführer schwatzt es ihnen gedankenlos nach, eine sozialistische Gesellschaft, in der freie Liebeswahl bestehe und für alle eine menschenwürdige Existenz vorhanden sei, werde zu einem "Kaninchenstall" werden; sie würde dem ausschweifendsten Geschlechtsgenuß und massenhafter Kinderzeugung verfallen. Das Gegenteil dürfte eintreten. Bisher haben durchschnittlich nicht die bessersituierten Schichten die größte Zahl der Kinder, sondern umgekehrt die schlechtestsituierten. Man darf sogar, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, sagen: je ärmlicher die Lage einer Proletarierschicht, um so zahlreicher ist durchschnittlich der Kindersegen; hüben und drüben Ausnahmen zugegeben. Das bestätigt auch Virchow, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb: "Wie der englische Arbeiter in seiner tiefsten Versunkenheit, in der äußersten Entblößung des Geistes endlich nur noch zwei Quellen des Genusses kennt, den Rausch und den Beischlaf, so hatte auch die oberschlesische Bevölkerung bis vor wenig Jahren alle Wünsche, alles Streben auf diese beiden Dinge konzentriert. Der Branntweingenuß und die Befriedigung des Geschlechtstriebs waren bei ihr vollkommen souverän geworden, und so erklärt es sich leicht, daß die Bevölkerung ebenso rapid an Zahl wuchs, als sie an physischer Kraft und an moralischem Halt verlor."

 

Karl Marx spricht sich im "Kapital" ähnlich aus, indem er schreibt: "In der Tat steht nicht nur die Masse der Geburten und Todesfälle, sondern die absolute Größe der Familien im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Arbeitslohnes, also zur Masse der Lebensmittel, worüber die verschiedenen Arbeiterkategorien verfügen. Dies Gesetz der kapitalistischen Gesellschaft klänge unsinnig unter Wilden oder selbst zivilisierten Kolonisten. Es erinnert an die massenhafte Rohproduktion individuell schwacher und vielgehetzter Tierarten." Des weiteren zitiert Marx Laing, der äußert: "Befände sich alle Welt in bequemen Umständen, so wäre die Welt bald entvölkert." Laing ist also entgegengesetzter Anschauung wie Malthus, gute Lebenshaltung trage nicht zur Vermehrung, sondern zur Verminderung der Geburten bei. Ähnlich äußert sich Herbert Spencer, der sagt: "Immer und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungsfähigkeit einander entgegengesetzt. Daraus folgt, daß die fernere Entwicklung, welcher die Menschheit entgegensieht, wahrscheinlich eine Abnahme ihrer Fortpflanzung zur Folge haben wird." Es ist hier also eine Übereinstimmung von Männern vorhanden, die sonst auf ganz verschiedenen Standpunkten stehen, und ihrer Auffassung schließen auch wir uns an.

 

4. Mangel an Menschen und Überfluß an Nahrungsmitteln

 

Man könnte die ganze Bevölkerungsfrage kurzer Hand damit abtun, daß man sagt, auf absehbare Zeit hat eine Befürchtung wegen Übervölkerung überhaupt keinen Sinn, denn wir befinden uns einem Überfluß von Nahrungsmitteln gegenüber, der sogar mit jedem Jahre größer zu werden droht, daß die Sorge: wohin mit diesem Reichtum, weit mehr am Platze ist als die Sorge, ob er langt. Den Lebensmittelproduzenten wurde sogar eine raschere Vermehrung der Konsumenten das Erwünschteste sein. Aber unsere Malthusianer sind im Erheben von Einwürfen unermüdlich und so muß man diesen Einwürfen begegnen, um ihnen nicht die Ausrede zu lassen, man könne ihnen nicht antworten.

 

Sie behaupten, die Gefahr der Übervölkerung in nicht ferner Zeit liege in dem Gesetz des "abnehmenden Bodenertrags". Unser Kulturboden werde "ertragsmüde", steigende Ernten seien nicht mehr zu erwarten und, da kulturfähiger Boden, der noch bebaut werden könne, immer seltener werde, sei die Gefahr des Nahrungsmangels bei weiterer Vermehrung der Bevölkerung eine unmittelbare. Es ist zwar schon in dieser Schrift in den Kapiteln über die landwirtschaftliche Bodenausnutzung wie wir glauben unwiderlegbar nachgewiesen, welche enormen Fortschritte noch die Menschheit selbst vom Standpunkt der gegenwärtigen Bodenbewirtschaftungslehre in bezug auf Gewinnung neuer Nahrungsmengen zu machen vermag, aber wir wollen weitere Beispiele dafür anführen. Ein sehr tüchtiger Großgrundbesitzer und ein anerkannter Nationalökonom, also ein Mann, der in beiden Richtungen Malthus weit überragt, äußerte schon 1850, also zu einer Zeit, als die Agrikulturchemie noch in den Windeln lag: "Die Produktivität der Rohproduktion, namentlich von Nahrungsstoff, wird künftig nicht mehr hinter der Produktivität in der Fabrikation und der Transportation zurückbleiben.... In unseren Tagen beginnt erst die Agrikulturchemie der Landwirtschaft Aussichten zu eröffnen, die ohne Zweifel noch zu manchem Irrweg verleiten werden, die aber schließlich die Schöpfung des Nahrungsstoffes ebenso in die Gewalt der Gesellschaft legen dürften, als es heute in ihrer Macht liegt, beliebige Tuchquantitäten zu liefern, wenn nur die nötigen Wollvorräte vorhanden sind" .

 

Justus v. Liebig, der Schöpfer der Agrikulturchemie, ist der Ansicht, "daß, wenn menschliche Arbeit und Dungmittel in genügender Menge vorhanden sind, der Boden unerschöpflich ist und ununterbrochen die reichsten Ernten gibt". Das Gesetz des abnehmenden Bodenertrags ist eine Malthussche Schrulle, das zu seiner Zeit bei sehr unentwickeltem landwirtschaftlichen Kulturstand angenommen werden konnte, aber längst durch Wissenschaft und Erfahrung widerlegt ist. Gesetz ist vielmehr: Der Ertrag eines Feldes steht in direktem Verhältnis zu der auf dasselbe verwandten menschlichen Arbeit (Wissenschaft und Technik einbegriffen) und den auf dasselbe zweckentsprechend verwendeten Dungstoffen. War es dem kleinbäuerlichen Frankreich möglich, in den letzten neunzig Jahren seinen Bodenertrag mehr als zu vervierfachen, während die Bevölkerung sich nicht einmal verdoppelte, so sind ganz andere Resultate von einer sozialistisch wirtschaftenden Gesellschaft zu erwarten. Unsere Malthusianer übersehen ferner, daß bei den heutigen Verhältnissen nicht nur unser Grund und Boden in Betracht kommt, sondern der Boden der ganzen Welt, das heißt zu einem großen Teil Länder, deren Fruchtbarkeit das Zwanzig-, Dreißig- und Mehrfache ergibt als unser Boden von gleichem Umfang. Die Erde ist zwar schon ziemlich stark von Menschen in Besitz genommen, aber sie ist, mit Ausnahme eines kleinen Bruchteils, nirgends so angebaut und ausgenutzt, wie sie angebaut und ausgenutzt werden könnte. Nicht allein könnte Großbritannien eine große Menge von Nahrungsmitteln mehr erzeugen als heute, auch Frankreich, Deutschland, Österreich und in noch weit höherem Grade die übrigen Länder Europas. In dem kleinen Württemberg mit seinen 879.970 Hektaren Getreideboden ließe sich allein durch Anwendung des Dampfpfluges die durchschnittliche Erntemenge von 6.140.000 Zentner auf 9.000.000 Zentner Getreide erhöhen.

 

Das europäische Rußland, an dem Bevölkerungsstand Deutschlands als Maßstab gemessen, würde statt der zirka 100 Millionen, die es gegenwärtig zählt, 475 Millionen ernähren können. Heute zählt das europäische Rußland ungefähr 19,4 Einwohner auf den Quadratkilometer, Sachsen über 300.

 

Der Einwand, daß Rußland weite Strecken Landes habe, die durch ihr Klima eine höhere Befruchtung unmöglich machten, trifft zwar zu, dagegen hat es namentlich im Süden ein Klima und eine Bodenfruchtbarkeit, die Deutschland nicht entfernt kennt. Weiter werden durch die Dichtigkeit der Bevölkerung und die damit steigende Kultur des Bodens Veränderungen im Klima herbeigeführt, die sich gegenwärtig gar nicht ermessen lassen. Überall, wo in dichten Mengen der Mensch sich ansammelt, gehen auch klimatische Veränderungen vor. Wir legen diesen Erscheinungen zu wenig Gewicht bei, auch vermögen wir sie in ihrem ganzen Umfang nicht zu ermessen, weil wir keine Veranlassung und, wie die Dinge noch gegenwärtig liegen, auch nicht die Möglichkeit haben, Experimente im großen anzustellen. So würde das heute so spärlich bevölkerte Schweden und Norwegen mit seinen ungeheuren Wäldern und seinem unerschöpflich zu nennenden Metallreichtum, seiner Menge Flüsse, seinen Meeresküsten eine reiche Quelle der Ernährung für eine dichte Bevölkerung abgeben. Die passenden Mittel und Einrichtungen sind unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu beschaffen, die den Reichtum dieser Länder erschließen, und so wandert sogar ein Teil der spärlichen Bevölkerung aus.

 

Was vom Norden gesagt werden kann, gewinnt eine ungleich größere Bedeutung für den Süden Europas: für Portugal, Spanien, Italien, Griechenland, die Donauländer, Ungarn, die Türkei usw. Ein Klima von der größten Vortrefflichkeit, ein Boden, so üppig und fruchtbar, wie er kaum in den besten Gegenden der Vereinigten Staaten vorhanden ist, gibt einst ungezählten Bevölkerungsscharen die reichlichste Nahrung. Die faulen politischen und sozialen Zustände jener Länder veranlassen, daß Hunderttausende aus Europa über den Ozean ziehen, statt in der Heimat zu bleiben oder sich in jenen viel näher und bequemer gelegenen Länder niederzulassen. Sobald hier vernünftige soziale und politische Einrichtungen vorhanden sind, werden neue Millionen Menschen nötig sein, um jene weiten und fruchtbaren Länder auf eine höhere Kulturstufe zu heben.

 

Wir haben auf lange Zeit hinaus in Europa, um wesentlich höhere Kulturzwecke erreichen zu können, nicht Überfluß an Menschen, sondern eher Mangel daran, und es ist unter solchen Umständen absurd, sich wegen Übervölkerung irgendeiner Befürchtung hinzugeben . Dabei muß immer im Auge behalten werden, daß die Ausnutzung der vorhandenen Nahrungsquellen, durch die Anwendung von Wissenschaft und Arbeit, gar keine Grenzen kennt und jeder Tag uns neue Entdeckungen und Erfindungen bringt, welche die Quellen für die Nahrungsgewinnung vermehren.

 

Gehen wir von Europa nach den anderen Erdteilen, so stellt sich noch in viel höherem Grade Menschenmangel und Bodenüberfluß heraus. Die üppigsten und fruchtbarsten Länder der Erde liegen noch vollständig oder fast vollständig unbenutzt, weil ihre Urbarmachung und Ausbeutung nicht mit einigen tausend Menschen in Angriff genommen werden kann, sondern Massenkolonisationen von vielen Millionen erfordert, um der überüppigen Natur nur einigermaßen Herr werden zu können. Dazu gehören unter anderen Zentral- und Südamerika, ein Terrain von Hunderttausenden von Quadratmeilen. Argentinien hatte zum Beispiel 1892 erst rund 5 Millionen Hektar kultiviert, das Land hat aber 96 Millionen Hektar fruchtbaren Boden zur Verfügung. Der für Weizenbau geeignete Boden Südamerikas, der noch brach hegt, wird auf mindestens 200 Millionen Hektar geschätzt, die Vereinigten Staaten, Österreich-Ungarn, Großbritannien und Irland, Deutschland und Frankreich zusammengenommen, haben aber für Halmfrüchte nur ungefähr 105 Millionen Hektar in Anbau. Carey behauptete vor vier Jahrzehnten, daß allein das 360 Meilen lange Orinokotal Nahrungsmittel in solcher Menge zu liefern vermöge, daß die ganze Menschheit davon erhalten werden könnte. Nehmen wir nur die Hälfte an, so ist das überreichlich. Jedenfalls könnte allein Südamerika das Mehrfache der Menschenzahl, die gegenwärtig auf der Erde wohnt, ernähren. Der Nährwert eines mit Bananenbäumen bepflanzten Terrains und eines gleich großen, auf dem Weizen gebaut wird, stellt sich wie 133 zu 1. Während unser Weizen in günstigem Boden zwölf- bis zwanzigfältige Frucht trägt, gibt der Reis in seiner Heimat das 80- bis 100fache, der Mais das 250- bis 300fache seiner Saat, und von manchen Gegenden, wie zum Beispiel von den Philippinen, wird die Ertragsfähigkeit des Reises auf das 400fache geschätzt. Es handelte sich auch bei all diesen Nahrungsmitteln darum, sie durch die Zubereitung möglichst nahrhaft zu machen. In den Ernährungsfragen hat die Chemie ein unerschöpfliches Feld der Entwicklung vor sich.

 

Zentral- und Südamerika, insbesondere Brasilien, das allein nahezu so groß wie ganz Europa ist – Brasilien hat 8.524.000 Quadratkilometer mit etwa 22 Millionen Einwohnern gegen Europa mit 9.897.010 Quadratkilometer mit ungefähr 430 Millionen Einwohnern –, strotzen von einer Üppigkeit und Fruchtbarkeit, die das Staunen und die Bewunderung aller Reisenden erregt, auch sind diese Länder an Erzen und Metallen unerschöpflich reich. Aber für die Welt sind sie fast noch unerschlossen, weil ihre Bevölkerung indolent ist und an Zahl zu gering und an Kultur zu niedrig steht, um der gewaltigen Natur Herr zu werden. Wie es in Afrika aussieht, darüber haben uns die Entdeckungen der letzten Jahrzehnte belehrt. Wird auch ein großer Teil Innerafrikas für europäische Bodenkultur nie verwendbar sein, so sind andere Territorien von großem Umfang in sehr hohem Grade ausnutzbar, sobald nur vernünftige Kolonisationsprinzipien zur Anwendung kommen. Andererseits gibt es in Asien noch weite, fruchtbare Länder, die ungezählte Millionen ernähren können. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, wie dort in gegenwärtig unfruchtbaren, fast wüsten Gegenden das milde Klima reichste Nahrung dem Boden entlockt, wenn der Mensch es versteht, ihm das segenspendende Wasser zuzuführen. Mit der Vernichtung der großartigen Wasserleitungen und Bewässerungsanlagen in Vorderasien, den Ländern des Tigris und Euphrat usw., in wüsten Eroberungskriegen und durch wahnsinnige Bedrückung der Bevölkerung verwandelten sich Länder von Tausenden von Quadratmeilen in wüsten Sandboden . So wie in Asien auch in Nordafrika, Mexiko, Peru. Schafft zivilisierte Menschen millionenweise herbei und unerschöpfliche Nahrungsquellen werden erschlossen. Die Dattelpalme gedeiht in Asien und Afrika in kaum glaublicher Fülle und braucht dabei so wenig Platz, daß 200 Dattelbäume einen Morgen Landes bedecken. Die Durrha trägt in Ägypten mehr als 3.000fältige Frucht, und doch ist das Land arm. Nicht infolge des Überflusses an Menschen, sondern infolge eines Raubsystems, das es fertig brachte, daß von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Wüste immer weiter sich ausdehnte. Welche großartigen Resultate mitteleuropäischer Acker- und Gartenbau in allen diesen Ländern erzielte, entzieht sich jeder Berechnung.

 

Die Vereinigten Staaten Nordamerikas können, nach dem heutigen Stande der Ackerbauproduktion gemessen, bequem das Fünfzehn- bis Zwanzigfache ihrer gegenwärtigen Bevölkerung (85 Millionen), also 1.250 bis 1.700 Millionen, ernähren; Kanada könnte in demselben Verhältnis statt 6 Millionen mehreren hundert Millionen Nahrung geben. Ferner haben wir Australien, die zahlreichen, zum Teil großen und außerordentlich fruchtbaren Inseln des Großen und Indischen Ozeans usw. Die Menschen vermehren, aber nicht sie vermindern, ist der Ruf, der im Namen der Kultur an die Menschheit ergeht.

 

Überall sind es die sozialen Einrichtungen – die bestehende Erzeugungs- und Verteilungsweise der Produkte –, die Mangel und Elend hervorrufen, und nicht die Überzahl der Menschen. Einige reichliche Ernten hintereinander drücken so die Preise der Nahrungsmittel, daß mancher Bodenbebauer daran zugrunde geht. Statt die Erzeuger in bessere Lage zu setzen, kommen sie in eine schlechtere. Ein großer Teil der Landwirte sieht eine gute Ernte heute als ein Unglück an, weil sie die Preise drückt. Und das sollen vernünftige Zustände sein? Um den Erntereichtum anderer Länder uns fernzuhalten, werden hohe Getreidezölle eingeführt, damit die Einfuhr des ausländischen Getreides erschwert wird und das inländische im Preise steigt. Wir haben nicht Mangel, sondern Überfluß an Nahrungsmitteln, wie wir Überfluß an Industrieprodukten haben. Wie Millionen Menschen Bedürfnisse für Industrieerzeugnisse aller Art besitzen, aber sie unter den bestehenden Eigentums- und Erwerbsverhältnissen nicht befriedigen können, so haben Millionen an den notwendigsten Lebensmittel Mangel, weil sie dafür die Preise nicht bezahlen können, obgleich die Lebensmittel im Überfluß vorhanden sind. Der Wahnsinn solcher Zustände liegt auf der Hand. Bei einer reichlichen Ernte lassen unsere Kornspekulanten oft absichtlich die Frucht zugrunde gehen, weil sie wissen, daß der Preis sich progressiv steigert, wie die Frucht mangelt, und da sollen wir Übervölkerung fürchten. In Rußland, Südeuropa und vielen anderen Ländern der Welt verfallen jährlich Hunderttausende Zentner von Getreide der Vernichtung, weil es an passenden Lagerräumen und geeigneten Transportmitteln fehlt. Viele Millionen Zentner von Nahrungsmitteln werden jährlich verschleudert, weil die Erntevorrichtungen unvollkommen sind oder es im entscheidenden Augenblick an Händen für die Ernte fehlt. Gar mancher Kornfeim, manche gefällte Scheune und ganze Wirtschaften werden niedergebrannt, weil die Versicherungsprämie den Gewinn erhöht; man vernichtet aus demselben Grunde Lebensmittel, aus dem man Schiffe mit Mann und Maus ins Meer versinken läßt . Bei unseren militärischen Übungen werden jährlich bedeutende Ernteerträge ruiniert – die Kosten eines nur wenige Tage dauernden Manövers belaufen sich auf Hunderttausende, und die Abschätzung fällt bekanntlich sehr mäßig aus –, und solche Manöver gibt es jedes Jahr eine größere Zahl. Für die gleichen Zwecke sind ganze Dörfer rasiert worden und werden große Flächen aller Kultur entzogen.

 

Man vergesse auch nicht, daß zu all den erwähnten Hilfsquellen das Meer kommt, dessen Wasserfläche sich zur Erdfläche wie 18 zu 7 verhält, also zweiundeinhalbmal so groß ist, und rationeller Ausbeutung seines enormen Nahrungsreichtums noch harrt. Es eröffnet sich uns also für die Zukunft ein Bild, das sehr verschieden ist von dem düsteren Gemälde, das unsere Malthusianer uns malen.

 

Wer kann überhaupt sagen, wo für unsere chemischen, physikalischen, physiologischen Kenntnisse die Grenze zu ziehen ist? Wer will wagen, vorauszusagen, welche Riesenunternehmungen die Menschheit späterer Jahrhunderte ausführen wird, um wesentliche Veränderungen in den klimatischen Verhältnissen der Länder und ihrer Bodenausnutzung zu erzielen?

 

Wir sehen bereits heute in der kapitalistischen Form der Gesellschaft Unternehmungen ausführen, die vor einem Jahrhundert als unmöglich und wahnsinnig galten. Breite Landengen werden durchstochen und Meere verbunden. Meilenlange Tunnels, in die Eingeweide der Erde gewühlt, verbinden durch die höchsten Berge getrennte Länder; andere werden unter dem Meeresboden gebrochen, um Entfernungen abzukürzen, Störungen und Gefahren zu vermeiden, welche für die durch das Meer getrennten Länder sich ergeben. Wo gibt es also einen Punkt, bei dem jemand sagen könnte: "Bis hierher und nicht weiter!" Nicht allein ist auf Grund unserer heutigen Erfahrung das "Gesetz des abnehmenden Bodenertrags" zu verneinen, es gibt außerdem kulturfähigen Boden im Überfluß, um von Tausenden Millionen Menschen erst angebaut zu werden.

 

Sollten alle diese Kulturaufgaben zugleich angegriffen werden, so hätten wir nicht zu viel, sondern zu wenig Menschen. Die Menschheit muß sich noch stark vermehren, um all den Aufgaben, die ihrer harren, gerecht zu werden. Weder ist der bebaute Boden ausgenutzt, wie er ausgenutzt werden könnte, noch sind für fast drei Viertel der Erdoberfläche die Menschen vorhanden, um sie bebauen zu können. Die relative Übervölkerung, die heute fortgesetzt das kapitalistische System zum Schaden des Arbeiters und der Gesellschaft erzeugt, wird sich auf höherer Kulturstufe als eine Wohltat erweisen. Eine möglichst zahlreiche Bevölkerung ist nicht ein Hindernis, sondern ein Mittel des Kulturfortschrittes, und zwar genau so, wie die vorhandene Überproduktion an Waren und Lebensmitteln, die Zerstörung der Ehe durch Verwendung der Frauen und Kinder in der modernen Industrie, die Expropriation der Mittelschichten durch das Großkapital die Vorbedingungen für eine höhere Kulturstufe sind.

 

5. Soziale Verhältnisse und Vermehrungsfähigkeit

 

Die andere Seite der Frage lautet: Vermehren sich die Menschen in beliebiger Zahl, und haben sie das Bedürfnis dazu?

 

Um die große Vermehrungsfähigkeit der Menschen zu beweisen, lieben es die Malthusianer, sich auf abnorme Fälle einzelner Familien und Völkerschaften zu stützen. Damit ist aber nichts bewiesen. Diesen Fällen gegenüber gibt es andere, in denen trotz günstiger Lebensbedingungen sich nach kurzer Zeit vollkommene Sterilität oder nur sehr geringe Vermehrungsfähigkeit herausstellte. Es ist überraschend, wie schnell oft gutsituierte Familien aussterben. Obgleich die Vereinigten Staaten wie kein anderes Land günstige Bedingungen für die Bevölkerungsvermehrung enthalten und alljährlich Hunderttausende im kräftigsten Lebensalter einwandere, verdoppelt sich ihre Bevölkerung erst in dreißig Jahren. Von der behaupteten zwölf- oder zwanzigjährigen Verdoppelungsperiode sind nirgends Beweise in größerem Maßstab vorhanden.

 

Wie schon durch die Zitate von Virchow und Marx angedeutet wurde, vermehrt sich die Bevölkerung dort am raschesten, wo sie am ärmsten ist, weil, wie Virchow mit Recht ausführt, neben dem Trunke der Geschlechtsgenuß ihr einziges Vergnügen ist. Als Gregor VII. der Geistlichkeit das Zölibat aufzwang, klagten, wie wir anführten, die niederen Geistlichen der Diözese Mainz, sie hätten nicht, wie die Prälaten, alle möglichen Genüsse, ihre einzige Freude sei das Weib. Mangel an vielseitigerer Beschäftigung ist vielleicht auch die Ursache, daß durchschnittlich die Ehen der Landgeistlichen mit Kindern so gesegnete sind. Unbestreitbar ist ferner, daß unsere ärmsten Distrikte in Deutschland, das schlesische Eulengebirge, die Lausitz, das Erz- und Fichtelgebirge, der Thüringer Wald, der Harz usw. die Sitze der dichtesten Bevölkerung sind, deren Hauptnahrung die Kartoffel bildet. Weiter steht fest, daß bei Schwindsüchtigen der Geschlechtstrieb besonders stark entwickelt ist und diese oft noch in einem Stadium der Kräfteabnahme Kinder zeugen, in welchem man es nicht mehr für möglich halten sollte.

 

Es ist ein Gesetz der Natur, das auch in den von Herbert Spencer und Laing zitierten Aussprüchen sich ausgedrückt findet, an Quantität zu ersetzen, was an Qualität verloren geht. Die höchststehenden und stärksten Tiere: Löwe, Elefant, Kamel usw., unsere Haustiere, wie Pferd, Esel, Kuh, bringen sehr wenige Junge zur Welt, wohingegen die niedriger organisierten Tiere im umgekehrten Verhältnis sich vermehren, zum Beispiel alle Insektenarten, die meisten Fische usw., die kleineren Säugetiere, wie Hasen, Ratten, Mäuse usw. Andererseits stellte Darwin fest, daß gewisse Tiere, sobald sie aus der Wildnis unter die Zucht des Menschen kommen und gezähmt werden, ihre Fruchtbarkeit einbüßen, zum Beispiel der Elefant. Damit ist erwiesen, daß veränderte Lebensbedingungen und daraus folgende veränderte Lebensweise das Entscheidende für die mehr oder weniger große Vermehrungsfähigkeit ist.

 

Nun sind es aber gerade die Darwinianer, welche die Übervölkerungsfurcht teilen, auf die sich unsere modernen Malthusianer als Autoritäten stützen. Unsere Darwinianer haben überall eine unglückliche Hand, sobald sie ihre Theorien auf den Menschen anwenden, weil sie hierbei roh empirisch verfahren und nicht berücksichtigen, daß zwar der Mensch das höchst organisierte Tier ist, aber im Gegensatz zu den Tieren die Naturgesetze erkennt und sie zweckbewußt zu lenken und zu benützen vermag.

 

Die Theorie vom Kampfe ums Dasein, die Lehre, daß die Keime für neue Existenzen in weit höherem Grade vorhanden sind, als auf Grund der vorhandenen Existenzmittel lebensfähig erhalten werden können, wäre auch für die Menschen zutreffend, wenn diese, statt ihr Gehirn anzustrengen und die Technik zu Hilfe zu nehmen, um Luft, Grund und Boden und Wasser zweckbewußt auszunutzen, wie Viehherden grasten oder wie Affen ungezügelt der Befriedigung ihres Geschlechtstriebs oblägen, also selbst zu Affen würden. Beiläufig bemerkt, liegt in der Tatsache, daß außer bei den Menschen nur noch bei den Affen der Geschlechtstrieb nicht an gewisse Zeiten gebunden ist, ein schlagender Beweis für die Verwandtschaft der beiden. Aber wenn sie nahe verwandt sind, so sind sie nicht gleich; man kann sie nicht auf eine Stufe stellen und mit gleichem Maße messen.

 

Daß unter den bisherigen Eigentums- und Produktionsverhältnissen der Kampf ums Dasein auch für den einzelnen Menschen bestand und besteht und viele die notwendigen Lebensbedingungen nicht finden, ist richtig. Aber nicht weil sie mangelten, fanden sie die Existenzmittel nicht, sondern weil sie durch die sozialen Verhältnisse, mitten im größten Überfluß, ihnen vorenthalten wurden. Und falsch ist ferner, daraus abzuleiten, daß, weil dies bisher so war, dieses unabänderlich sei und ewig so bleiben müsse. Hier ist der Punkt, wo die Darwinianer auf die schiefe Ebene geraten, sie studieren wohl Naturgeschichte und Anthropologie, aber keine Soziologie, sondern leisten gedankenlos unseren bürgerlichen Ideologen Heeresfolge. So kommen sie zu ihren Trugschlüssen.

 

Der Geschlechtstrieb ist bei dem Menschen perennierend, er ist sein stärkster Trieb, der Befriedigung verlangt, soll seine Gesundheit nicht leiden. Auch ist dieser Trieb in der Regel um so stärker, je gesunder und normaler entwickelt der Mensch ist, gleichwie ein guter Appetit und eine gute Verdauung einen gesunden Magen anzeigen und die Grundbedingungen für einen gesunden Körper sind. Aber Befriedigung des Geschlechtstriebs und Empfängnis sind nicht dasselbe. Über die Fruchtbarkeit des Menschengeschlechts sind die verschiedensten Theorien aufgestellt worden. Im ganzen tappen wir in diesen hochwichtigen Fragen noch im dunklen, und zwar hauptsächlich, weil viele Jahrhunderte lang die unsinnigste Scheu bestand, sich mit den Gesetzen der Entstehung und Entwicklung des Menschen zu beschäftigen, die Gesetze der Zeugung und Entwicklung gründlich zu studieren. Das wird erst allmählich anders und muß noch viel anders werden.

 

Von der einen Seite wird die Theorie aufgestellt, daß höhere geistige Entwicklung und starke geistige Beschäftigung, überhaupt höhere Nerventätigkeit, auf den Geschlechtstrieb reprimierend einwirke und die Zeugungsfähigkeit abschwäche. Von der anderen wird das bestritten. Man weist auf die Tatsache hin, daß die besser situierten Klassen durchschnittlich weniger Kinder besäßen und dies nicht bloß Präventivmaßregeln zuzuschreiben sei. Sicher wirkt stark anstrengende geistige Beschäftigung auf den Geschlechtstrieb reprimierend, aber daß diese Beschäftigung von der Mehrheit unserer besitzenden Klasse geübt wird, darf man bestreiten. Andererseits wirkt ein Übermaß physischer Anstrengung ebenfalls reprimierend. Aber jedes Übermaß von Anstrengung ist schädlich und aus diesem Grunde zu verwerfen.

 

Andere behaupten, die Lebensweise, insbesondere die Nahrung, bestimme, neben gewissen physischen Zuständen auf seiten der Frau, die Zeugungsfähigkeit und Empfänglichkeit. Entsprechende Nahrung beeinflusse, wie auch bei Tieren sich zeige, mehr als alles andere die Wirkung des Zeugungsaktes. Hier dürfte in der Tat die Entscheidung liegen. Welchen Einfluß die Art der Ernährung auf den Organismus gewisser Tiere ausübt, ist in überraschender Weise bei den Bienen konstatiert worden, die durch Darreichung einer besonderen Nahrung sich beliebig eine Königin züchten. Die Bienen sind also in der Kenntnis ihrer Geschlechtsentwicklung weiter als die Menschen. Vermutlich hat man ihnen nicht ein paar tausend Jahre lang gepredigt, daß es "unanständig" und "unsittlich" sei, sich um geschlechtliche Dinge zu bekümmern.

 

Bekannt ist ferner, daß Pflanzen, in gutem Boden und fett gedüngt, wohl üppig gedeihen, aber keinen Samen ergeben. Daß auch beim Menschen die Art der Nahrung auf die Zusammensetzung des männlichen Samens wie auf die Befruchtungsfähigkeit des weiblichen Eies einwirkt, kann kaum einem Zweifel unterliegen, und so dürfte wohl in hohem Grade von der Art der Ernährung die Vermehrungsfähigkeit der Bevölkerung abhängen. Andere Faktoren, die in ihrer Natur noch wenig bekannt sind; spielen ebenfalls eine Rolle.

 

In der Bevölkerungsfrage ist in Zukunft eins von ausschlaggebender Bedeutung. Das ist die höhere, freiere Stellung, die alsdann unsere Frauen ohne Ausnahme einnehmen. Intelligente und energische Frauen haben – von Ausnahmen abgesehen – in der Regel keine Neigung, einer größeren Anzahl Kinder, als einer "Schickung Gottes", das Leben zu geben und die besten Lebensjahre im Schwangerschaftszustande oder mit dem Kinde an der Brust zu verbringen. Diese Abneigung gegen zahlreiche Kinder, welche sogar schon gegenwärtig die meisten Frauen hegen, durfte sich ungeachtet aller Vorsorge, die eine sozialistische Gesellschaft den Schwangeren und Müttern widmet, eher verstärken als vermindern und liegt hierin unseres Erachtens die große Wahrscheinlichkeit, daß in der sozialistischen Gesellschaft die Bevölkerungsvermehrung langsamer als in der bürgerlichen vor sich gehen wird.

 

Unsere Malthusianer haben wahrlich keinen Grund, sich wegen der Vermehrung der Menschheit in Zukunft die Köpfe zu zerbrechen. Bis jetzt sind Völker wohl durch Rückgang ihrer Kopfzahl zugrunde gegangen, aber niemals durch ihre Überzahl. Schließlich vollzieht sich die Regulierung der Volkszahl in einer naturgemäß lebenden Gesellschaft ohne schädliche Enthaltsamkeit und ohne widernatürlichen Präventivverkehr. Karl Marx wird auch hier für die Zukunft recht behalten; seine Auffassung, jede ökonomische Entwicklungsperiode habe ihr besonderes Bevölkerungsgesetz, wird sich auch unter der Herrschaft des Sozialismus bewahrheiten.

 

In einer Schrift "Die künstliche Beschränkung der Kinderzahl" vertritt H. Ferdy die Auffassung: Die Sozialdemokratie bezwecke durch ihre Opposition gegen den Malthusianismus ein Schelmenstück. Die rasche Volksvermehrung begünstige die Massenproletarisierung und diese fördere die Unzufriedenheit. Gelänge es, der Übervölkerung Herr zu werden, dann sei es mit der Ausbreitung der Sozialdemokratie zu Ende und ihr sozialdemokratischer Staat sei mit all seiner Herrlichkeit für immer begraben. Hier haben wir zu den vielen anderen ein neues Mittel, mit dem man die Sozialdemokratie tötet, den Malthusianismus .

 

Unter denjenigen, die an der Furcht vor Übervölkerung leiden, und deshalb Einschränkung der Eheschließungs- und der Niederlassungsfreiheit namentlich für die Arbeiter fordern, befindet sich auch Professor Dr. Adolf Wagner. Er klagt, die Arbeiter heirateten im Vergleich zur Mittelklasse zu früh. Er wie andere mit den gleichen Ansichten übersehen nur, daß die männlichen Angehörigen der Mittelklasse erst im höheren Alter zu einer Lebensstellung gelangen, die ihnen eine standesgemäße Ehe zu schließen ermöglicht. Für diese Entsagung halten sie sich aber bei der Prostitution schadlos. Erschwert man auch den Arbeitern die Ehe, so verweist man sie auf denselben Weg. Man klage dann aber auch nicht über die Konsequenzen und schreie nicht über "den Verfall von Sitte und Moral". Auch empöre man sich nicht, wenn Männer und Frauen, da letztere die gleichen Triebe haben wie die Männer, in illegitimen Verbindungen leben, um ihren Naturtrieb zu befriedigen und Scharen unehelicher Kinder "als Gesäte" Stadt und Land bevölkern. Die Ansichten der Wagner und Genossen widersprechen aber auch den Interessen der Bourgeoisie und unserer wirtschaftlichen Entwicklung, die möglichst zahlreiche Hände nötig hat, um Arbeitskräfte zu besitzen, die sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig machen. Mit kleinlichen, der kurzsichtigsten Philisterei und Rückwärtserei entsprungenen Vorschlägen heilt man nicht die Übel der Zeit. Keine Klasse, keine Staatsgewalt ist am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mehr stark genug, die natürliche Entwicklung der Gesellschaft zurückhalten oder eindämmen zu können. Jeder Versuch endet mit einem Mißerfolg. Der Strom der Entwicklung ist so stark, daß er jedes Hindernis überrennt. Nicht rückwärts, sondern vorwärts heißt die Losung und ein Geprellter ist, wer noch an Hemmung glaubt.

 

Die Menschheit wird in der sozialistischen Gesellschaft, in der sie erst wirklich frei und auf ihre natürliche Basis gestellt ist, ihre Entwicklung mit Bewußtsein lenken. In allen bisherigen Epochen handelte sie in bezug auf Produktion und Verteilung wie auf Bevölkerungsvermehrung ohne Kenntnis ihrer Gesetze, also unbewußt; in der neuen Gesellschaft wird sie mit Kenntnis der Gesetze ihrer eigenen Entwicklung bewußt und planmäßig handeln.

 

Der Sozialismus ist die auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit angewandte Wissenschaft.