Zehntes Kapitel

 

Brandner wusste, dass er observiert wurde, seitdem er am frühen Abend nach Hause gefahren war. Der Polizeibeamte stellte sich noch nicht einmal besonders dumm an, aber Brandner hatte einen siebten Sinn dafür entwickelt, ob ihm jemand folgte, noch dazu im Auto.

 

Er wartete eine gute halbe Stunde, bis er seine Villa in Dahlem durch den Hinterausgang wieder verließ. Der Trick war so wirkungsvoll wie einfach. Der Polizist war alleine und hatte sich entschieden, den Vordereingang im Auge zu behalten. Sehr wahrscheinlich ging er davon aus, dass sein Tun unbemerkt geblieben war. Brandner hatte in mehreren Zimmern das Licht eingeschaltet, außerdem lief der Fernseher. Bis der Beamte merkte, dass er genarrt worden war, hatte Brandner sich längst abgesetzt.

 

Er lief eine Nebenstraße herunter und hielt ein Taxi an, das ihn zum Potsdamer Platz fuhr, wo er sich aus seinem Autosalon einen unauffälligen Audi holte, um in die Nollendorfstraße zu fahren. Er war aufgeregt. In seinen Fingern juckte es. Er würde die Nutte fertig machen, soviel stand fest, und er würde sich Zeit lassen mit ihr. Er bekam einen vielversprechend harten Ständer.

 

Brandner parkte in einer Nebenstraße und griff nach seinem Handy. Sascha hatte ganze Arbeit geleistet, und es wurde Zeit, ihn abzulösen. Es klingelte dreimal, viermal, dann schaltete sich die Mobilbox ein. „Sascha hier. Nach dem Piep könnt ihr loslegen. Oder auch wieder auflegen. Egal.“

 

Brandner runzelte die Stirn. Dann verzog er den Mund. Wahrscheinlich war Sascha gerade mitten in einer Nummer und wollte sich nicht stören lassen. Verständlich. Das hatte er sich verdient. Fick sie ordentlich durch, mein Freund, dachte er, während er ausstieg und zur Hausnummer achtundvierzig ging. Gleich hört der Spaß auf.

 

Der Hausflur war dunkel, die Eingangstür stand einen schmalen Spalt auf. Es roch nach Urin. In einigen Wohnungen brannte Licht. Brandner schlüpfte nach kurzem Zögern in den Flur und blieb einen Moment stehen, um zu lauschen. Einige alltägliche Geräusche drangen an sein Ohr – Musikfetzen, ein pfeifender Wasserkessel, ein streitendes Paar, Kinderstimmen, Telefonklingeln. Brandner lief leise die Treppe hinauf. An jedem Absatz blieb er kurz stehen und horchte. Die Vorfreude verlieh ihm Flügel und ein flatterndes Herz. Nichts war so aufregend wie die Angst in den Augen einer Frau, die er sich gerade nahm.

 

Unterm Dach gab es nur eine Wohnung. Brandner schlich näher und hielt das Ohr behutsam an die Tür. Musik. Sascha mochte Musik, erinnerte er sich. Außerdem übertönte sie die Schreie der Nutte. Er legte die Hand auf die Klinke. Die Tür war nicht abgeschlossen … Einen Augenblick lang dachte er daran, sich umzudrehen und so schnell wie möglich davonzulaufen. Es war nicht Saschas Art, unvorsichtigerweise die Tür offen zu lassen. Andererseits – was sollte in der Zwischenzeit schon Besonderes passiert sein?

 

Drei Herzschläge später siegte die Neugier. Er trat in den Flur. Stille. Nein, ein leises Stöhnen oder Flüstern. Er ging auf Zehenspitzen weiter und schob die nächste Tür auf. Ein gequältes Knarzen ertönte. Er blickte in ein Wohnzimmer.

 

Die Frau saß auf dem Sofa, gefesselt, halbnackt und übel zugerichtet. Sie blickte ihm mit großen, ängstlichen Augen entgegen. Brandner atmete tief durch. Er lächelte erleichtert. Was für ein schöner Anblick. Endlich.

 

„Hallo Honey“, sagte er leise und trat näher. „So sieht man sich also wieder. Ich hoffe, du freust dich genauso wie ich.“

 

Sie starrte ihn schweigend an.

 

„Wo ist Sascha?“

 

„Auf dem Klo“, flüsterte sie.

 

Er setzte sich in einen giftgrünen Sessel und betrachtete sie zufrieden. „Du hast dir eine Menge Ärger eingehandelt, Honey. Weißt du das?“

 

Sie nickte und sah dann mit einem flüchtigen Blick an ihm vorbei. Brandner wollte den Kopf drehen, um zu überprüfen, was genau ihre Aufmerksamkeit erregte, aber dazu kam er nicht mehr. Er hörte ein Klicken und bemerkte zugleich, wie ein Lächeln in Honeys Augen aufblitzte. Ein völlig unpassendes Lächeln. Dann spürte er den Lauf einer Pistole an seinem Hinterkopf.

 

„Keine Bewegung, Herr Brandner. Polizei. Sie sind vorläufig festgenommen.“

 

 

 

Der Hass durchflutete ihn mit zitternder Wucht. Er starrte der Kommissarin wutentbrannt an, als sie den Vernehmungsraum scheinbar entspannt betrat.

 

„Was bilden Sie sich ein?“, schnauzte er los, als sie einen Hefter auf den Tisch legte und sich seelenruhig zu ihm setzte. „Sie hetzen ein ganzes waffenstarrendes SEK auf mich – mit welcher Berechtigung?“

 

„Ein waffenstarrendes SEK ist etwas anderes, das können Sie mir glauben“, gab Hauptkommissarin Carola Stein ruhig zurück. „Wir waren drei Polizisten, die eine Wohnung zu überprüfen hatten und mit der notwendigen Umsicht zu Werke gegangen sind, nachdem wir uns einen Überblick über die Lage verschafft hatten – um die Geschehnisse mal ganz allgemein und oberflächlich zusammenzufassen.“

 

Sie gehörte zu der Sorte Frauen, die Brandner nicht ausstehen konnte: selbstsicher, gelassen, souverän und unabhängig. Außerdem strahlte sie Klugheit aus.

 

„Kommen Sie bloß runter von Ihrem hohen Ross! Sie vergessen wohl, dass Sie mir Rechenschaft schuldig sind – also, warum dieser ganze Zirkus?“, wollte er wissen. „Und wo bleibt mein Anwalt?“ Er hob das Kinn.

 

„Fangen wir mit Ihrer zweiten Frage an – bei Ihrem Anwalt erreichen wir um diese Zeit niemanden mehr, tut mir leid.“ Ein winziges Lächeln strafte diese Behauptung Lügen, und er hätte ihr zu gerne ins Gesicht geschlagen, nur um dieses Lächeln weg zu bekommen.

 

„Und der ganze Zirkus ist nötig geworden, weil wir einen begründeten Verdacht gegen Sie haben, Herr Brandner“, erläuterte sie geduldig und in fast gelangweiltem Tonfall weiter.

 

„Aha. Weil ich in die Wohnung dieser Nutte eingedrungen bin, die wer auch immer übel zugerichtet hat?“

 

„Aber nein, da verwechseln Sie etwas. Der Mann, der die junge Frau misshandelt und auf Ihr Eintreffen gewartet hat, damit Sie das Werk vollenden, wird auch gerade vernommen. Wir ermitteln wegen Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung und, warten Sie – ja: Mord, und zwar gegen Sie. Das Opfer heißt Lilly Monau. Wir haben Frau Monau kürzlich aus dem Papenfuhlbecken gefischt, und Sie sind Ihr Mörder.“

 

Brandner lachte auf. „Und wie kommen Sie darauf, dass ich etwas damit zu tun habe? Das Thema hatten wir doch schon! Sie waren auf meinem Grundstück und haben nichts, aber auch gar nichts gefunden. Außerdem …“

 

Carola Stein schüttelte den Kopf. „Das stimmt so nicht. Wir haben doch etwas gefunden, Herr Brandner – ohne es zum Zeitpunkt der Besichtigung an die große Glocke zu hängen. Einen auf den ersten Blick unauffälligen Stofffetzen. Doch eine DNA-Analyse hat inzwischen ergeben, dass er zu einem Kleidungsstück gehört, dass Lilly trug. Und Ihre Spuren werden wir darauf auch finden, darauf können Sie Gift nehmen.“ Sie sahen ihn aufreizend freundlich an. „Und das ist nicht alles. Wir haben noch mehr, Herr Brandner.“ Sie beugte sich vor.

 

„Lassen Sie mich raten – die Aussage einer Nutte? Wie aufregend.“

 

„Wir haben zufälligerweise im Zusammenhang mit einem anderen Gewaltdelikt einen Film sicherstellen können, der Ihr Tun eindrücklich beweist. Haben Sie noch mehr Fragen?“

 

Brandner erbleichte. „Ein Film …“

 

„Ein Film“, wiederholte Kommissarin Carola Stein. „Ich habe bereits Untersuchungshaft für Sie beantragt. Der Beschluss dürfte in Kürze eintreffen. Möchten Sie vielleicht in der Zwischenzeit ein Geständnis ablegen?“

 

 

 

Carola Stein blickte Brandner eine Weile nachdenklich hinterher, als der Polizist ihn abgeführt hatte. Soviel stand fest – einen neuen Freund hatte sie nicht gewonnen. Brandner hatte geglüht vor Hass. Aber immerhin hatten die heftigen Emotionen ihn dazu verleitet, ihren Behauptungen ohne großartige Gegenwehr Glauben zu schenken.

 

Bis zur Eröffnung der Hauptverhandlung musste sie sich allerdings genauer überlegen, woher der Film stammte oder stammen könnte, um das Gericht zu überzeugen, zumal die Geschichte mit dem Stofffetzen völlig aus der Luft gegriffen war. Die nun folgenden gründlichen Untersuchungen in der Fabrikhalle würden aber hoffentlich entsprechende Spuren zutage fördern, die ihrer dreisten Behauptung im Nachhinein Gewicht und Wahrhaftigkeit verleihen könnten. Apropos dreist.

 

Sie runzelte die Stirn, als ihr Tessy in den Sinn kam. Sie wüsste zu gerne, wie die Detektivin an das Material gekommen war. Vielleicht musste sie etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten, um sie zum Reden zu bewegen.

 

Carola spürte eine wohl bekannte Unruhe in sich aufsteigen. Ein Kribbeln, eine zart-wilde Lust, die ihren Schoß zu erwärmen begann. Ausgerechnet eine Privatdetektivin. Sie schüttelte den Kopf. Ein Blick auf die Uhr ließ sie seufzen. Es war mitten in der Nacht. Sie war erschöpft und aufgedreht zugleich – eine Mischung, die ihr eine schlaflose Nacht bereiten würde, das wusste sie jetzt schon. Sie griff sich die Zeitung vom Vortag. Damit würde sie sich in die Badewanne ausstrecken…

 

Keine halbe Stunde später war sie bis zur Nasenspitze in wohlige Wärme und nach Beeren duftenden Schaum gehüllt. Carola begann sich zu entspannen und schlug die Zeitung auf. Eine Meldung über einen Toten am Bahnhof Zoo ließ sie stutzen. Merkwürdig. Davon war ihr auf der Dienststelle nichts zu Ohren gekommen. Nun hatte sie ja genug zu tun gehabt, aber eine Schlägerei, bei der jemand umkam, würde durchaus thematisiert werden, und sei es mit einer nebensächlichen Bemerkung am Kaffeeautomat. Scheint völlig an mir vorbeigegangen zu sein, dachte sie und wusste im gleichen Augenblick, dass ihr die Sache keine Ruhe lassen würde.

 

Eine Viertelstunde später schlurfte sie einen Schluck Tee und griff zum Telefon, um in der Dienststelle anzurufen. Sie bat den diensthabenden Polizisten auf der Wache, mal nachzusehen, wer den Fall übernommen hatte. Falls der Mann sich wunderte, dass Frau Hauptkommissarin mitten in der Nacht nichts Besseres zu tun hatte, als einer Zeitungsmeldung nachzugehen, ließ er es sich wenigstens nicht anmerken, sondern versicherte ihr freundlich, dass er sich kümmern und so schnell wie möglich zurückrufen werde. Zehn Minuten später war der Beamte wieder in der Leitung.

 

„Das ist ziemlich merkwürdig“, meinte er. „Niemand bearbeitet den Fall, und es gab auch keine Pressemeldung dazu.“

 

„Wie bitte? Was soll das denn heißen?“

 

„Das soll heißen, dass niemand etwas von dem Toten weiß oder auch nur von der Schlägerei.“

 

Carola stellte ihre Tasse beiseite. „Die Rechtsmedizin…“

 

„Dort haben sie niemanden, der mit dieser Geschichte zu tun haben könnte. Und auch im Polizeicomputer findet sich kein Protokoll zum Tathergang.“

 

„Das verstehe ich nicht.“

 

„Ich auch nicht.“

 

Carola Stein bedankte sich und beendete das Gespräch. Der Tagesanzeiger bekam derartige Meldungen normalerweise von der Pressestelle der Polizei. Carola Stein gähnte herzhaft und spürte ihre Erschöpfung in jeder Zelle ihres Körpers, besonders im Gehirn. Morgen, dachte sie. Morgen ist auch noch ein Tag, um einer Leiche nachzugehen, die es gar nicht gibt. Was für ein verrückter Gedanke! Sie gähnte erneut und ging ins Schlafzimmer. Sie schlief ein, bevor ihr Kopf auf dem Kissen lag.