Leseprobe: Tessy und das Geheimnis des Sexclubs
Von Lara Wolf
Aus der Reihe
"Ermittlungen in der Hauptstadt der Liebe"
FS-Verlag Edition Störtebeker
eBook Originalveröffentlichung
ISBN 978-3-932733-23-9
Prolog
Er war allein. Er lächelte nicht. Sie wusste, dass sie keinen Fehler machen durfte. Ein Fehler wäre es, ihn anzustarren oder das Wort an ihn zu richten, bevor er sie dazu aufgefordert hatte. Wenn er schwieg, hatte sie auch zu schweigen; wenn er sie etwas fragte, sollte sie ehrlich und knapp antworten. Es war eine gute Idee, die Regeln nicht zu brechen. Sonst hatte man den Preis zu zahlen. Der Preis war hoch, zu hoch. Das hatte sie längst festgestellt. Vielleicht zu spät.
Er trat langsam näher. Sie roch, dass er frisch geduscht und rasiert war. Er trug ein schwarzes Hemd und weiße Shorts. Vor dem schmalen Bett blieb er stehen, um sie gleichmäßig und tief durchatmend zu mustern.
"Hast du gut geschlafen?", fragte er mit leiser und trügerisch sanfter Stimme.
"Ja."
"Möchtest du, dass ich dir die Fesseln abnehme?"
Sie nickte. Er ließ ein Lächeln aufblitzen. Das bedeutete nicht, dass er guter Dinge war. Sie spürte, wie sich ihre Lebensgeister zu regen begannen, während er die Handschellen aufschloss. Aber das musste er nicht unbedingt bemerken, besser noch: Er sollte es nicht bemerken. Sie setzte rasch eine gleichmütige Miene auf, als er sich nach kurzem Zögern den Fußfesseln zuwandte.
"Geh ins Bad, wasch dich und komm wieder", befahl er dann und half ihr mit festem Griff hoch. Er zweifelte nicht einen Moment daran, dass sie seinem Befehl Folge leisten würde. Sein Atem streifte sie wie eine Berührung.
Sie hatten ihr das Schlafmittel mit dem letzten Glas Champagner in der Nacht eingeflößt. Wie in der Nacht zuvor auch. Und davor. Sie konnte nicht sagen, wie viele Nächte es inzwischen waren. Der Schwindel, die Verwirrung und seltsame Trägheit würden nachlassen, sobald ihr Kreislauf erst einmal in Schwung gekommen war. Dann würde sie auch klarer und präziser denken können. Sie sehnte sich danach, endlich wieder Herrin ihrer Gedanken zu werden, und sei es auch nur für ein paar Stunden, obwohl sie ahnte, dass dann auch die Angst zurückkehren würde.
Als sie aus dem Bad kam, befahl er ihr, sich bäuchlings aufs Bett zu legen. Widerstand regte sich in ihr und warf für den Bruchteil einer Sekunde einen Schatten auf ihr Gesicht. Er würde ihn spüren wie einen kalten Windstoß. Rasch drehte sie den Kopf zur Seite und streckte sich widerspruchslos auf dem Bett aus. Er legte die Handschellen mit fast liebevoller Sorgfalt an und strich mit dem Daumen an ihrer Wirbelsäule entlang, umfasste ihre Pobacken und knetete sie mit gleichmäßigem Druck. Sein Atem beschleunigte sich, als er ihre Schenkel auseinander schob.
"Sieh mich an!"
Als sie ihm das Gesicht zuwandte, war sein Blick dunkel und unruhig. Mit der linken Hand öffnete er den Reißverschluss seiner Hose, mit der rechten holte er seinen Schwanz heraus. Er kniete sich aufs Bett zwischen ihre Beine. Als er ihre Hüften umfasste, ihr Becken anhob und von hinten mit einem kraftvollen Stoß in sie eindrang, schnappte sie nach Luft und blickte hoch – direkt in die tiefblauen Augen der Frau. Sie stand in der offenen Tür und beobachtete sie mit erhobenem Kinn und leicht geöffneten Lippen.
Hier komme ich nie wieder raus, dachte die Gefangene, und der Gedanke war so machtvoll und stark, dass er ihr Innerstes vollständig ausfüllte.
Erstes Kapitel
Das Gewitter hatte in Berlin nur in einzelnen Stadtteilen gewütet – Marienfelde gehörte dazu. Wie sollte es auch anders sein? Tessy hatte nichts gegen ein reinigendes Sommergewitter, bei dem es ordentlich krachen und aus allen Kübeln gießen durfte. Aber das kleine Häuschen ihres Onkels machte alles andere als einen stabilen Eindruck – als die Katzen in der Nacht in ihrem Bett Schutz gesucht hatten, was für die beiden Streuner normalerweise absolut unter ihrer Würde war, wusste sie, dass die Unwetterzentrale Recht behalten hatte.
Reis könnte ich hier anbauen oder Karpfen züchten, dachte Tessy, als sie am frühen Morgen bei einem ersten Rundgang in kniehohen Gummistiefeln überschwemmte Beete sowie arg zerzauste Büsche und Bäume begutachtete. Doch davon abgesehen hatten Haus und Schuppen erstaunlicherweise den Naturkräften getrotzt, und sie konnte Edgar eine knappe Stunde später telefonisch mitteilen, dass er sich keine Sorgen zu machen bräuchte.
Tessys Onkel war gelernter und längst pensionierter Tierpfleger, außerdem ein chaotischer Kauz. Mittlerweile lebte er seit Monaten als Dauergast bei einem alten Freund in Bayern, wo die beiden sich mit Haut und Haaren einem Wildkatzen-Projekt verschrieben hatten, während seine Nichte in sein Häuschen im grünen Süden von Berlin umgesiedelt war.
Tessy genoss das Leben in Edgars skurrilem Zuhause. Die Entscheidung, ihre schicke und teure Wohnung in Kreuzberg aufzugeben sowie den Journalisten-Beruf gegen den der Privatdetektivin einzutauschen, hatte sie noch keine Minute bereut, auch wenn ihre ersten beiden Fälle nicht nur mit Aufregung verbunden gewesen waren, sondern durchaus ins Auge hätten gehen können, wie Dirk Hanter, Kriminalkommissar und Tessys Liebhaber in einer Person, nicht müde wurde zu betonen.
Das ganze Leben kann manchmal verdammt ins Auge gehen – oder auch knapp daneben –, pflegte Tessy daraufhin achselzuckend zu erwidern, und wenn Hanter gute Laune hatte, lächelte er und ließ seine Grübchen sehen. Falls er schlechter Stimmung war, verdüsterte sich sein Blick. Hanter gab immer dann gerne den Miesepeter, wenn Tessy ihn daran erinnerte, dass sie seine Qualitäten als Liebhaber und Freund zu schätzen wusste, aber auf ihre erotische Beziehung zu ihrer Geliebten Gertrud – oder wem auch immer – keinesfalls verzichten wollte. Tessy legte allergrößten Wert auf ihre Freiheit. Das hatte Hanter vorher gewusst.
Wahrscheinlich ist er davon überzeugt, mich irgendwann auf den rechten Weg bringen zu können, überlegte Tessy, während sie sich einen zweiten Kaffee und eine dicke Scheibe Brot mit Salami genehmigte und ihren Laptop hochfuhr. Und dieser Weg bedeutete: eine stinknormale Beziehung mit ihm zu führen, monogam, versteht sich. Wie langweilig. Sie hatte gerade eine Mail von Gertrud gelesen, die zurzeit mit ihren Motorradfreundinnen Ferien in Frankreich machte und auch nichts anbrennen ließ, wie Tessy ihren unmissverständlichen Schilderungen amüsiert entnahm, als ihr Handy klingelte. Dirks Name leuchtete auf dem Display auf.
"Willst du nachfragen, ob ich abgesoffen bin?", fragte sie statt einer Begrüßung und lachte vergnügt. "Sieht man einmal davon ab, dass der Garten geflutet ist, kann ich dir vorweg versichern, dass bei mir alles okay ist, ich heute Nacht mein Bett allerdings mit zwei ungewöhnlich verängstigten Katern teilen musste."
Hanter räusperte sich. "Freut mich zu hören – ich meine, dass alles in Ordnung ist. Bist du zu Hause und hast einen Kaffee für mich?"
Tessys Herzschlag beschleunigte sich. "Willst du deine Frühstückspause versüßen? Ich hätte dazu durchaus einige Ideen …"
"Ich auch", gab Dirk rasch zurück. "Allerdings sind die eher beruflicher Natur. Hoffentlich enttäuscht dich das jetzt nicht allzu sehr."
"Nein, denn man kann das Schöne mit dem Nützlichen verbinden."
"Ich ahne, worauf du hinaus willst, aber …"
"Hanter, du zierst dich schon wieder wie eine Jungfrau!"
"Ich bin in zehn Minuten bei dir."
"Wunderbar. Ich hoffe, du kommst dann auch", schob sie anzüglich nach.
Als Dirk die Tür öffnete, stand Tessy am Herd und goss den Kaffee auf. Außer einem schwarzen Spitzenhemdchen, das so ziemlich genau an der Schamhaargrenze endete, trug sie – nichts. Ihr Haar war nass von der Dusche, und sie lächelte, als Hanter mit gerunzelten Brauen zögernd näher trat. Sie liebte es, wenn er den unberührbaren, ernsten Kommissar gab, der missbilligend auf ihre Avancen reagierte. So waren sie sich vor einigen Monaten näher gekommen, als sie in ihrem ersten Fall den angeblichen Selbstmord des Mannes ihrer Freundin Kerstin hinterfragt hatte. Letztlich hatte Dirk ihr nicht widerstehen können.
"Tessy, ich habe wirklich keine Zeit …"
"Glaub mir, dafür reicht es, Süßer", unterbrach sie ihn, ging ihm entgegen und schlang die Arme um seinen Hals. Sie hauchte ihm einen Kuss aufs Ohr, umspielte es mit ihrer Zungenspitze und drängte sich an ihn. "Soviel Zeit muss einfach sein, verstehst du?"
Er seufzte. "Ich finde …"
"Ich auch, Herr Kommissar." Tessy legte eine Hand auf seinen Hintern, mit der anderen griff sie ohne zu zögern in seinen Schritt und lächelte zufrieden. Hanters Erektion war deutlich zu spüren. "Wie hätten Sie es denn gern?"
"Manchmal bist du einfach nur … schamlos", knurrte er.
"Ich weiß, und um mit den Worten unseres Bürgermeisters zu sprechen: Das ist auch gut so." Sie versuchte, ihn zum Sofa zu drängen, aber er packte ihre Schultern, hielt sie einen Moment fest und steuerte dann plötzlich den Esstisch an.
Tessy spürte, wie ihr Atem sich beschleunigte, als er sie hochhob und auf der Tischkante absetzte. Sein Blick bohrte sich in ihren. Genau so möchte ich gleich deinen Schwanz in mir haben, dachte sie: hart, fest, fordernd. Er schob seine Hände unter ihr Hemd und begann, ihre Brustwarzen zu reiben. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe, als sich ihre Nippel unter seinen Händen härteten. Ihre Beine öffneten sich wie von selbst, und er starrte auf ihr Dreieck.
"Tu dir keinen Zwang an", flüsterte sie.
Er beugte sich herunter, drängte ihr Schenkel noch weiter auseinander, und dann spürte sie, wie er ihre Knospe mit seinen Lippen umschloss. Sie legte den Kopf in den Nacken, stützte die Unterarme auf dem Tisch ab, stemmte ihr Becken hoch und schob es ihm entgegen. Seine Zunge begann, ihre feuchte Möse mit langsamen, zärtlichen Bewegungen und in frechem Vordringen zu erkunden. Gut, dachte Tessy und stöhnte voller Wonne. Gegen Gertrud hättest du zwar keine Chance, aber gegen Gertrud hat kein Kerl eine Chance – jedenfalls nicht mit der Zunge –, und Dirk wurde immer besser. Sie genoss das zittrige Rein- und Rausgleiten und unterstützte es mit kreisenden Bewegungen ihres Unterleibs. Sie stöhnte noch lauter. Plötzlich hob Hanter den Kopf.
"Schade", flüsterte Tessy.
Er richtete sich auf und öffnete seine Hose mit geübtem Griff.
"Oder auch nicht", fügte sie mit lauerndem Blick hinzu. "Du willst mich also tatsächlich auf dem Tisch durchficken? Ich bin begeistert."
Dirk erwiderte nichts. Er packte ihre Schultern und drückte ihren Oberkörper auf den Tisch. Sein steil aufgerichteter Schwanz hatte keine Mühe, in ihre feuchte Höhle einzudringen, und sie gierte nach seinen kraftvollen Stößen. Dirk umfasste ihre Hüften, während sie ihre Beine über seine Schultern legte. Sein zunächst trügerisch sanfter und behutsamer Rhythmus zog innerhalb weniger Augenblicke deutlich an. Tessys Möse weitete sich, und als sie ihm gerade zuflüstern wollte, dass er ruhig noch etwas mehr Gas geben könne, sie sei schon ein großes und sehr, sehr geiles Mädchen, der man es ordentlich besorgen könne, begann Dirk, sie hart und in deutlich schnellerem Tempo zu vögeln. Der Tisch begann zu quietschen. Sie schrie auf und hörte, wie er lachte – mit rauer zittriger Stimme.
"Ist es das, was du willst?"
"Und ob!"
Er stieß noch kräftiger zu, und sie kamen fast gleichzeitig, wobei Tessy unanständig laut wurde. Bei geöffneten Fenstern hätte die Nachbarschaft sicherlich einiges mitbekommen.
Fünf Minuten später saßen sie mit ihren Kaffeetassen auf dem Sofa. Mit erhitzten Gesichtern und zutiefst entspannt. Jedenfalls fühlte Tessy sich so. Sex war für sie ein Lebenselixier, auf das sie ungern länger als einige Tage verzichtete, und auch das nur wenn es unbedingt sein musste.
Hanter schlug ein Bein über das andere und sah sie plötzlich mit ernstem Blick an. "Wie sehen eigentlich deine Pläne für die nächste Zeit aus? Fährst du in den Urlaub?"
Tessy trank einen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf. "Nein, Edgar schafft es in den nächsten zwei Monaten nicht nach Berlin, wie er mir letztens versichert hat, und ich glaube, es wäre ihm gar nicht recht, wenn ich mit der Betreuung der Katzen und der Gartenpflege irgend jemanden beauftragen würde …"
Dirk wandte kurz den Blick zur Decke.
Tessy seufzte. "Ja, ich weiß, er ist diesbezüglich schon ziemlich speziell, aber was soll’s? Ich hab ihm versprochen, mich hier um alles zu kümmern, und dafür zahle ich keine Miete. Außerdem …" Sie zuckte mit den Achseln. "Mich zieht es im Moment nicht in die Ferne, obwohl ich das nötige Kleingeld inzwischen erfreulicherweise durchaus aufbringen könnte." Sie sah ihm tief in die Augen und lächelte. "Oder wolltest du mich auf die Malediven einladen?"
Dirk lächelte zurück. "Ein andermal vielleicht. Nein, meine Frage hat einen anderen Hintergrund. Ich bearbeite gerade einen Fall, den ich in Kürze zu den Akten legen muss –, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen …"
"… dass noch private Recherchen nötig sind?", vervollständigte Tessy den Satz.
Seit der Aufklärung der Drogengeschäfte des Antiquitätenhändlers Philipp Sommer waren erst wenige Wochen vergangen, und der Auftrag hatte ihr zugesetzt, so sehr, dass sie sich eine längere Pause verdient hatte. Andererseits flogen ihr als Branchenneuling die Fälle auch nicht unbedingt von alleine zu. Außerdem mochte sie ihren Job, mehr noch: Ihrer eigenen Überzeugung nach war sie die geborene Schnüfflerin, und zwar im besten Sinne – die Erforschung der Hintergründe eines Falls und die Fährtensuche hatten sie schon immer fasziniert, und wenn sie dabei noch gutes Geld verdienen und interessante Leute kennen lernen konnte, fühlte sie sich ganz und gar in ihrem Element.
"Könnte man so sagen", stimmte Dirk zu und blickte einen Moment an ihr vorbei zum Fenster hinaus. "Es geht um eine junge Frau, die vermisst gemeldet wurde", fuhr er schließlich fort und sah Tessy wieder an. "Sie hat Eltern und Freund per SMS mitgeteilt, dass sie eine Auszeit braucht und ist seitdem verschwunden. Das war vor anderthalb Wochen. Der Familie und auch dem Freund kommt das allerdings mehr als eigentümlich vor. Sie sind davon überzeugt sind, dass etwas passiert ist."
"Was befürchten sie denn?", hakte Tessy nach.
"Es gibt keinen konkreten Verdacht, aber ein solches Verhalten passt, wie alle betonen, mit denen wir gesprochen haben, nicht zu der Frau. Wir haben also eine grundsätzliche Überprüfung vorgenommen, uns die Wohnung angesehen, ein paar Erkundigungen eingezogen … na, das Übliche", erläuterte Dirk. "Aber es fanden sich keine Anhaltspunkte, die uns stutzig machen müssten. Die Frau ist fünfundzwanzig Jahre alt und mag sich auf ungewöhnliche Weise verabschiedet haben – nur das allein ist wahrlich kein Hinweis auf ein Verbrechen. Wir hätten noch viel mehr zu tun, wenn wir bei derlei Geschichten den gesamten Behördenapparat in Gang setzen würden."
"Verstehe. Der Polizei sind die Hände gebunden, was weitergehende Ermittlungen angeht", resümierte Tessy. "Aber so ganz wohl ist dir bei der Sache nicht, oder?"
Dirk nickte. "Du hast es erfasst. Heute früh hat mich der Vater noch einmal angerufen", fuhr Hanter fort. "Er war ziemlich entsetzt, als ich ihm sagte, dass wir nichts mehr machen können. Ich habe ihm dann geraten, einen Privatermittler einzuschalten."
Tessy griente. "Was hielt er von der Idee?"
"Er fragte mich sofort, ob ich ihm jemanden empfehlen könnte."
"Aha. Und?"
Dirk lächelte und zog eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche. "Ruf doch mal an und verabrede dich mit ihnen zu einem Gespräch."
"Na klar." Tessy nahm die Karte an sich.
"Er ist übrigens Lehrer, die Mutter führt einen Kosmetiksalon am Ku’damm. Die können sich also ein anständiges Honorar leisten."
"Gut zu wissen. Kannst du mir davon abgesehen schon ein paar Einzelheiten …"
"Du weißt, dass ich das nicht darf."
"Wenn es danach ginge, was man deiner Ansicht nach alles nicht darf …" Sie lächelte anzüglich. "Du sollst mir ja nicht deine komplette Akte überlassen, könntest mir aber vorweg beispielsweise schon mal verraten, ob die Handyortung etwas ergeben hat."
Dirk runzelte die Stirn. "Nein – negativ", erwiderte er. "Und man erreicht nur die Mobilbox."
"Zwielichtige Freunde?"
Er hob die Hände. "So weit waren wir noch gar nicht. Das wäre dann dein Job – solltest du den Auftrag bekommen."
"Alles klar."
"Und nur so nebenbei: Falls du Merkwürdigkeiten feststellst oder auf Hinweise stößt, die dich skeptisch machen, wirst du selbstverständlich …"
"… die Polizei einschalten: deinen Freund und Helfer", warf Tessy eilig ein. "Selbstverständlich, Herr Kommissar."
Das plötzliche Verschwinden oder auch Abtauchen ihrer fünfundzwanzigjährigen Tochter Rhea hatte die Eltern schwer mitgenommen. Als Tessy kaum zwei Stunden nach Dirks Aufbruch Annegret und Stefan Kossner in deren stilvoller Altbauwohnung in Wilmersdorf aufsuchte und ihnen in einem mit hellen Massivholzmöbeln und einer beeindruckenden Stuckdecke ausgestatteten Wohnzimmer gegenübersaß, zweifelte sie nicht einen Augenblick daran, dass das Ehepaar zutiefst verzweifelt war.
"Wir sind fassungslos", hob Stefan Kossner an, kaum dass sie sich gesetzt hatten. "Rhea hat so was noch nie getan – mit einem schlichten Handygruß einfach spurlos verschwinden und für niemanden erreichbar sein. Wir sind davon überzeugt, dass etwas geschehen ist, aber wir können es nicht beweisen."
Der Mittfünfziger hatte volles graumeliertes Haar und war sportlich schlank. Unter normalen Umständen kommt der Mann garantiert dynamisch, attraktiv und sympathisch rüber, dachte Tessy. Aber jetzt wirkte Kossner nervös und zermürbt. Tiefe Furchen hatten sich unter seinen Augen eingegraben. Er blickte von der Detektivin hinüber zu seiner Gattin, einer kleinen, ein wenig fülligen, aber auffällig gut geschminkten und modisch gekleideten Frau mit großen dunklen Augen und kastanienrotem Haar, die Tessy einige Jahre jünger einschätzte.
Annegret Kossner bemühte sich um Haltung. Sie nickte ihrem Mann zu und schlug ein Bein über das andere. "Nein, das ist einfach nicht ihre Art."
Tessy lehnte sich in den Sessel zurück. "Wie lautet denn dieser schlichte Gruß?"
Stefan Kossner war gut vorbereitet. Er öffnete einen auf dem Tisch bereitliegenden Hefter und zog einen Zettel heraus, um ihn Tessy zu reichen.
"Sie hat uns und ihrem Freund Paul, mit dem sie einige Tage zuvor einen Streit hatte, diese SMS geschickt – mit absolut identischem Wortlaut", erklärte er.
Tessy beugte sich über das Blatt. ‚Ich brauche eine Auszeit’, las sie stumm. ‚Muss über Paul und mich nachdenken und über das, was wichtig in meinem Leben ist. Lasst mir bitte Zeit. Rhea.’
Tessy las den Text mehrmals und blickte schließlich wieder hoch. "Sie hat genau diese Worte auch ihrem Freund Paul geschickt?"
"Ja", antwortete Annegret Kossner. "Die Nachrichten wurden auch zum gleichen Zeitpunkt abgeschickt."
Tessy runzelte die Stirn. "Sie hat sich also noch nicht mal die Mühe gemacht, ihren Freund persönlich anzusprechen?"
Stefan Kossner nickte eifrig. "Ja, merkwürdig, nicht wahr? So viel Zeit würde man sich doch nehmen, die Mitteilung entsprechend umzuformulieren."
Allerdings, dachte Tessy. Es sei denn, die beiden hätten sich richtig derbe in der Wolle gehabt und Rhea wäre es schnurzegal gewesen, wie Paul ihre SMS auffasste.
"Worum ging es denn bei diesem Streit?", hakte sie nach.
"Rhea hat uns keine Einzelheiten erzählt", erwiderte die Mutter. "In der Beziehung hat es hin und wieder mal gekracht – wie in fast jeder anderen auch. Das ist wohl nicht ungewöhnlich." Sie zog kurz die Schultern hoch. "Wir vermuten, dass die Auseinandersetzung mit Pauls Wunsch zusammenhing, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen."
"Haben die beiden schon immer getrennt gewohnt?"
Stefan nickte. "Ja. Rhea wollte zunächst ihr Studium beenden – sie studiert Mediendesign an der Hochschule der populären Künste – und so lange alleine wohnen. Paul hat inzwischen einen guten Job als Chemiker und ist der Meinung, dass man nach zwei Jahren Beziehung ruhig anfangen könnte, Nägel mit Köpfen zu machen: zusammenziehen, heiraten, später dann Kinder."
Tessy stöhnte innerlich auf. Dass Rhea ganz offensichtlich eigene Vorstellungen von der Lebensplanung hatte, konnte Tessy gut nachvollziehen, und es machte ihr die junge Frau auf Anhieb sympathisch.
"Ich entnehme Ihren Worten, dass dieses Thema ein grundsätzlicher Konflikt zwischen den beiden war."
"Ja, seit ungefähr einem halben Jahr diskutieren sie häufig darüber", stimmte Stefan zu.
"Diskutieren oder streiten?"
"Gute Frage. Ich schätze – beides. Paul ist enttäuscht, dass Rhea sich Zeit lassen will."
"Hm. Und sonst? Haben Sie den Eindruck, dass die beiden ein harmonisches Paar sind?"
"Unbedingt", erwiderte Annegret sofort. "Bei ihnen stimmt eigentlich alles. Sie haben gemeinsame Interessen und Freunde, lassen sich aber auch Freiräume …"
Vielleicht definieren sie den Begriff ‚Freiräume’ inzwischen unterschiedlich, dachte Tessy. Sie war ziemlich gespannt, wie Paul die Situation beschreiben würde.
"Was schätzen Sie – wird Paul bereit sein, mit mir zu reden?", wandte sie sich an Stefan Kossner.
"Und ob!", meinte der prompt. "Auch er ist unbedingt dafür, private Ermittlungen aufzunehmen, und ich habe ihn bereits darüber informiert, dass wir mit Ihnen sprechen. Wenn er Zeit gehabt hätte, wäre er gleich dazu gekommen. Aber er musste in den Job."
"Kann ich ihn dort erreichen?"
"Natürlich."
"Gut, dann lassen Sie uns zunächst das Vertragliche regeln, damit ich sofort loslegen kann."
Die Kossners unterzeichneten ohne jegliches Zögern den Recherche-Auftrag, den Tessy ihnen vorlegte. Anschließend notierte sie sich die Firmen- und Handynummer von Paul Mihl sowie die Kontaktdaten von Rheas älterem Bruder Jakob und der besten Freundin Larissa. Sie brach auf, nachdem die Kossners ihr ein Foto der Tochter zur Verfügung gestellt hatten.
Sie ist eine echte Schönheit, stellte Tessy beeindruckt fest: lange dunkle Haare, große braune Augen, schlank, aber mit überaus weiblichen Rundungen gesegnet. Der würde ich auch hinterher gucken, dachte sie. Und vielleicht sogar laut pfeifen.
Rheas Vater wollte gerade die Wohnungstür schließen, als Tessy noch etwas einfiel. "Eine Frage noch, Herr Kossner. Unter Umständen und insbesondere falls ich bei meinen Befragungen keine neuen Anhaltspunkte finde, wäre es aufschlussreich, wenn ich mich in der Wohnung Ihrer Tochter umsehen könnte. Wären Sie damit einverstanden?"
Stefan Kossner zögerte nur kurz. "Wir waren zwar auch schon dort und haben nichts gefunden, genau wie die Polizei, aber … Ach, ja, klar. Wenn es hilft. Vielleicht haben Sie den besseren Blick. Ihre Freundin Larissa bewahrt den Ersatzschlüssel auf."
"Paul nicht?", fragte Tessy erstaunt.
"Soweit ich weiß, nicht. Wissen Sie, Larissa wohnt nur zwei Straßen von Rhea entfernt, und die beiden haben sich bereits vor Jahren gegenseitig die Schlüssel hinterlegt – für den Notfall und um in der Urlaubszeit nach dem Rechten zu sehen."
"Ach so. Gut, danke."
Tessy verließ das Haus und ließ sich auf der Straße einen Moment das Gesicht von der Sonne wärmen, bevor sie sich in ihren Wagen setzte und Termine mit Paul, Larissa und Jakob vereinbarte, die alle noch heute Zeit hatten oder bereit waren, sie sich zu nehmen. Sie hätte eine Wette darauf abgeschlossen, dass die Beziehung von Rhea und Paul alles andere als durchweg harmonisch war. Voreilige Rückschlüsse zu ziehen, kann aber fatal sein, weil es den Fokus unnötig verengt, mahnte sie sich fast im gleichen Augenblick und startete den Motor.
Paul hatte ihr ein Bistro in der Nähe seines Arbeitgebers in der Kantstraße vorgeschlagen, wo er häufig einen Mittagsimbiss zu sich nahm. Gute Idee, dachte Tessy, deren Magen vernehmlich knurrte.
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ISBN 978-3-932733-23-9