Zweites Kapitel

 

Tessy verstand nicht viel von Autos und interessierte sich auch nicht sonderlich für angesagten Marken, aber dass Brandners Firma nur die schönsten und teuersten Modelle im Angebot hatte, erkannte auch sie auf Anhieb. Hinzu kam die feine Adresse in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Platzes, wo der Autosalon sich perfekt in die Glitzerwelt der Hotels und großen Geschäfte, Theater, Restaurants, Bars und Kinos einfügte.

 

Sie war um elf Uhr mit Hugo Brandner in seinem Büro verabredet. Da sie bereits einige Minuten früher vor Ort war, nutzte sie die Gelegenheit zu einem kurzen Rundgang, bei dem sie das Gebäude, das hauptsächlich aus Stahl und Glas bestand, kritisch in Augenschein nahm, bevor sie es schließlich durch den Haupteingang betrat. Eine Empfangssekretärin mit Modelfigur, blonder Mähne und einer mindestens drei Zentimeter dicken Make-up-Schicht führte sie durch einen breiten Flur in den Bürotrakt. An den Wänden prangten Aufnahmen von protzigen Limousinen und edlen Flitzern, hinter deren Steuer breit grinsende Kerle und anmutig staunende Frauen saßen.

 

Tessy warf einen kurzen prüfenden Seitenblick auf den knackigen Hintern der Blondine, während sie sich erneut fragte, wieso Brandner sich überhaupt mit einer kleinen Detektivin abgab. Sie war ganz sicher nicht der Typ Frau, die ihr Licht unter den Scheffel stellte oder unter mangelndem Selbstbewusstsein litt, geschweige denn Scheu vor großen Tieren hatte, aber der Mann hatte genügend Geld und Einfluss, um eine große und erfahrene Detektei mit zig privaten Ermittlern zu beschäftigen … Nun, vielleicht war Konrad Bohls Hinweis entscheidend gewesen oder hier war mehr Schein als Sein. Das konnte man nicht ausschließen.

 

Die Sekretärin blieb vor einer Tür stehen, klopfte dezent, öffnete und ließ Tessy eintreten, bevor sie sich mit einem starren Lächeln abwandte, das kaum ihre Augen erreichte.

 

„Sie sind auf die Minute pünktlich!“, bemerkte ein großgewachsener Mann und erhob sich von seinem quer in den Raum gestellten gläsernen Schreibtisch, um ihr mit schwungvollen Schritten entgegen zu kommen. „Das schätze ich sehr.“

 

Hugo Brandner hatte raspelkurzes dunkelblondes Haar und ein schmales markantes Gesicht, in dem beeindruckend grüne Augen vorherrschten. Tessy wusste von Dirk, dass er Mitte Vierzig war, aber der Geschäftsmann wirkte jung und agil wie ein Dreißigjähriger, und seine Präsenz war beeindruckend. Er trug Anzug, aber keine Krawatte, und das Eau de Toilette unterstrich seine kraftvolle Ausstrahlung. Bruce Willis, und zwar zu seinen besten Zeiten, dachte Tessy und erwiderte den festen Händedruck und das Lächeln. Der Typ gefiel ihr.

 

„Kaffee? Espresso?“

 

„Espresso wäre toll.“

 

Brandner bestellte übers Telefon. Dann nahmen sie in einer dunkelgrünen Ledersitzecke im hinteren Bereich des Büros Platz. Der Geschäftsmann musterte sie einen Moment, und Tessy ließ seinen Blick gelassen und mit leisem Lächeln über sich ergehen. Sie war sportlich und zweckmäßig gekleidet wie immer und hätte eine Wette darauf abgeschlossen, dass Brandner nichts anderes erwartet hatte. Als die Blondmähne den Espresso serviert und die Tür hinter sich geschlossen hatte, kam Brandner ohne Umschweife zur Sache.

 

„Ich werde erpresst“, sagte er in ruhigem Ton, trank einen Schluck und stellte seine Tasse wieder ab.

 

Tessy hatte Notizblock und Stift bereitgelegt. Sie nahm beides zur Hand und atmete hörbar ein. „Oh. Und warum gehen Sie nicht zur Polizei?“

 

Er lächelte, als hätte er keine andere Entgegnung erwartet. „Das kann ich mir nicht leisten, Frau Ritter.“ Er hob die Hände und machte eine raumgreifende Geste. „Ich habe einiges zu verlieren, wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte. Außerdem bin ich verheiratet, was bei der ganzen Sache keine unwesentliche Rolle spielt, wie Sie gleich verstehen werden.“

 

Tessy spitzte die Lippen und nickte. Ein amouröses Abenteuer, dachte sie. Was auch sonst? Damit dürfte er bei mir an genau der richtigen Adresse sein. „Erzählen Sie doch einfach mal.“

 

Hugo Brandner hatte in der Tat ein delikates Problem. Alle ein bis zwei Monate traf er sich mit einigen Freunden in einem abgelegenen Fabrikgebäude in Lichtenberg, das er preiswert erworben und in Kürze zu einer Kfz-Werkstatt und Lagerhalle umzubauen gedachte. Dort ließen es die Herren bei Wein, Weib und Gesang im eher rustikalen Ambiente so richtig krachen, wie er es nannte. Sein süffisantes Lächeln, obschon nur leise angedeutet, ließ keinen Zweifel am Orgiencharakter der nächtlichen Veranstaltung. Natürlich durften weder die Ehefrauen noch Geschäftspartner oder die Öffentlichkeit von den ausgelassenen Feiern mit den Damen des horizontalen Gewerbes etwas mitbekommen.

 

„Natürlich nicht“, stimmte Tessy in verständnisvollem Ton zu. Sie beugte sich vor. „Aber lassen Sie mich raten – es ist doch etwas davon durchgesickert.“

 

„Sie sagen es. Das Ganze begann vor gut zwei Wochen.“

 

Jemand hatte von den Partys erfahren, sich in die Fabrikhalle geschlichen und einige anschauliche Videos gedreht und Fotos gemacht, mit denen nun Brandner und seine Freunde erpresst wurden. Die Aufnahmen sprachen eine unmissverständliche Sprache, erklärte er, außerdem waren die Gesichter gut zu erkennen.

 

„Ich will wissen, wer mir auf die Schliche gekommen ist. Und ich will das Material“, erklärte Brandner abschließend. Sein Ton klang für einen Moment eisig. Er schob rasch ein beschwichtigendes Lächeln hinterher.

 

Tessy lehnte sich zurück. „Sie haben keine Vermutung?“

 

„Nein.“

 

„Ihre Mitstreiter…“

 

„Ich sagte doch: nein.“

 

„Wie hoch ist die Forderung?“

 

Brandner hob das Kinn. „Hunderttausend, und die habe ich bereits einmal gezahlt, Frau Ritter.“

 

„Oh.“

 

„So könnte man es auch nennen. Nun hat sich der Erpresser ein zweites Mal gemeldet, um einen kräftigen Nachschlag zu fordern. Das übliche Spiel von solchen Typen“, erläuterte Brandner. „Ich hätte es gleich wissen müssen, aber gut – aus Fehlern sollte man lernen. Aber ich habe nicht vor, das länger mitzumachen.“

 

„Ich verstehe Sie gut, aber …“ Sie ließ ihren Blick einen Moment durch das schnieke Büro schweifen, bevor sie sich wieder Brandner zuwandte. „Abgesehen von Konrad Bohls Tipp und dem pikanten Background des Falls – was veranlasst Sie, ausgerechnet mich mit der Aufgabe zu betrauen? Sie könnten ohne große Probleme eine ganze Mannschaft schwerer Jungs engagieren, die das für Sie erledigen – professionell und engagiert.“

 

Brandner reagierte mit einem Auflachen, bei dem er seine blitzweißen Zähne zeigte. „Zugegeben, auf die Idee bin ich auch schon gekommen, aber es ist schiefgegangen. Wer immer mich da erpresst, ist meiner Einschätzung nach zwar kein Profi, doch er geht nicht ungeschickt vor und ist darauf vorbereitet, dass ihm schwere Jungs, wie Sie es so nett beschreiben, folgen könnten...“

 

Tessy runzelte die Stirn. „Aha. Könnten Sie konkreter werden? Was ist passiert?“

 

„Die Übergabe fand vor einem Burger King statt, und ich war ziemlich sicher, ihn mit Hilfe von zwei, drei sportlichen Typen schnappen zu können.“

 

„Hat aber nicht geklappt?“

 

„Nein. Er hat uns ausgetrickst und war schneller verschwunden, als wir gucken konnten.“

 

„Wie hat er Sie ausgetrickst?“

 

Brandner setzte eine säuerliche Miene auf. Ganz offensichtlich behagte es ihm nicht, detailliert über die Sache berichten zu müssen, die ihm so offensichtlich entglitten war, was wahrscheinlich kein angenehmes Gefühl für einen Machertypen wie Brandner war, dachte Tessy. Aber darauf mochte sie keine Rücksicht nehmen, mehr noch: Darauf durfte sie keine Rücksicht nehmen, wenn sie den Auftrag übernehmen wollte.

 

„Ich sollte das Geld in eine Burger-King-Tüte packen, in einen Abfalleimer auf dem Parkplatz werfen und dann umgehend wegfahren“, berichtete Brandner schließlich in sachlichem Ton. „Doch bevor ich den Abfalleimer erreichte, kreuzte hinter mir jemand auf einem Fahrrad auf, den ich zunächst gar nicht beachtet hatte. Sah aus wie ein Jugendlicher, der ein paar Runden drehen wollte: Kapuzen-Anorak, modernes Mountainbike, leises Pfeifen auf den Lippen und so weiter. Er entriss mir die Tüte und preschte davon – quer durch einen Park und verdammt schnell. Keine Chance. Auf so etwas waren wir nicht vorbereitet. Leider.“ Er räusperte sich.

 

Tessy verkniff sich ein Grinsen. Jede Wette, dass Brandner und seine Jungs ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt und mit so ziemlich allem gerechnet hatten, nur nicht mit einem fröhlich pfeifenden Fahrradfahrer, noch dazu mitten im Winter. Sie hielt es allerdings für keine gute Idee, eine diesbezügliche Bemerkung zu machen.

 

„Wie hat er eigentlich Kontakt aufgenommen?“, fragte sie.

 

„Per Handy – mit unterdrückter Nummer.“

 

Tessy schätzte, dass es sich um ein Prepaidhandy handelte. Auch für einen Nicht-Profi war es heutzutage überhaupt kein Problem, sich so ein Teil zu besorgen.

 

„Ein paar Minuten später traf eine Mail ein – er hatte sie an meine Firmenmailadresse geschickt, und angehängt war eine Datei mit den Aufnahmen“, fuhr Brandner fort.

 

Tessy warf ihm einen auffordernden Blick zu, den er einen Moment ungerührt zurückgab, bis er schließlich seufzte und aufstand. „Sie wollen sich vergewissern, stimmt’s?“

 

Tessy nickte wortlos. Er ging an einen Wandschrank hinter seinem Schreibtisch und kam kurz darauf mit einem Laptop zurück, der innerhalb weniger Sekunden mit leisem Zischen hochfuhr.

 

„Ich habe die Mail natürlich von meinem Firmen-PC gelöscht“, erläuterte er. „Sie existiert jetzt nur noch in einer versteckten Datei auf meinem privaten Laptop.“

 

„Warum?“

 

„Was genau meinen Sie?“

 

„Mich interessiert, aus welchem Grund Sie die Mail nicht gelöscht haben.“

 

Brandner runzelte die Stirn. „Um notfalls beweisen zu können, dass ich erpresst werde. Man weiß ja nie, was kommt. Vielleicht brauche ich irgendwann doch polizeiliche Unterstützung, und Sie wollen ja auch wissen, was es damit auf sich hat, oder?“

 

Das klang überzeugend. Davon abgesehen verfügten die Spezialisten der Kriminaltechnik über erstaunliche Möglichkeiten, etwas über den Ursprung der Aufnahmen und Dateien herauszubekommen, doch Brandner wollte die Sache zunächst auf seine Weise lösen.

 

Die Videodatei enthielt durchweg schlüpfrige Szenen, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließen und Tessys Puls auf durchaus angenehme Weise beschleunigten. Drei halb- oder vollständig nackte Frauen wurden aufs Feinste vernascht. Eine war mit dem Oberkörper über eine Werkbank gebeugt, ihre Hände waren gefesselt, und Brandner höchstpersönlich vögelte sie von hinten mit herzhaften Stößen und in peitschendem Rhythmus. Die Frau stieß spitze Schreie der Wollust aus, und Tessy hätte am liebsten anerkennend durch die Zähne gepfiffen. Soviel stand fest: Brandner war kein Mann des sanften, zärtlichen Vögelns, jedenfalls nicht, wenn er sich mit einer Hure vergnügte.

 

Eine zweite auf dem Rücken liegende Frau hatte es gleich mit zwei Männern zu tun – einer kniete über ihrem Kopf und ließ sich einen von ihr blasen, der zweite lag zwischen ihren weit gespreizten Beinen, fickte sie und sparte nicht mit lobenden Kommentaren bezüglich seines angeblich prachtvollen Schwanzes. Soweit Tessy es beurteilen konnte, neigte er zu Übertreibungen.

 

Im Hintergrund erkannte sie eine dritte Frau, die an ein Gitter gefesselt war und der es im Stehen von einem Mann besorgt wurde, der gut zwanzig Kilo Übergewicht mit sich herumschleppte und ihrer Einschätzung nach etwas Mühe hatte, in Schwung zu kommen. Aber die Frau verdrehte mit leicht geöffnetem Mund die Augen und erweckte den Anschein, den Jahrhundertfick zu erleben. Offenbar verstand sie etwas von ihrem Geschäft.

 

Das ungewöhnliche Ambiente war interessant, sofern man dem stählernen und kalten Charme einer Fabrikhalle etwas abgewinnen konnte. Warum nicht? Mal was anderes, dachte Tessy.

 

In einer zweiten Datei waren einzelne Aufnahmen der beteiligten Männer zusammengestellt. Der Filmemacher und Fotograf war gut. Die abgelichteten Personen waren hervorragend getroffen. Niemand würde sich herausreden können.

 

Brandner klappte den Laptop zu und packte ihn wieder in den Schrank. Dann kehrte er auf seinen Platz zurück und setzte eine betont gleichmütige Miene auf. Einen Augenblick herrschte Schweigen.

 

„Noch mal und auch wenn es Sie nervt: Sie haben nicht den geringsten Verdacht, wer dahinter stecken könnte?“, ergriff Tessy schließlich das Wort.

 

Brandner schüttelte den Kopf. „Nicht mal den Hauch eines Verdachts.“

 

„Ihre Sexgespielinnen sind…“

 

„Über jeden Zweifel erhaben. Sie stammen aus Bohls Club, und ich buche sie häufiger.“

 

„Verstehe. Okay, und wann hat der Erpresser sich zum zweiten Mal gemeldet?“

 

„Vor drei Tagen: Er will die gleiche Summe noch einmal. Die Übergabe soll in zwei Tagen stattfinden. Er meldet sich kurz vorher, um mir den Treffpunkt zu nennen, genau wie beim ersten Mal.“

 

„Und dann soll ich ins Spiel kommen“, riet Tessy.

 

„Richtig.“ Brandner nickte. „Sie sind unauffällig. Er wird nicht auf Sie achten, weil er nicht mit einer Frau rechnet – so wie wir nicht darauf gefasst waren, dass uns ein Biker überraschen würde. Ihre einzige Aufgabe wird es sein, den Mann zu verfolgen, ohne dass er es bemerkt. Das müssten Sie als Privatdetektivin hinkriegen. Ich will nur seine Adresse und…“

 

„Sind Sie eigentlich sicher, dass es ein Mann ist? Und dass es nur einer ist?“

 

Brandner stutzte und überlegte einen Moment. „Doch, ich bin sicher, dass es ein Mann ist“, meinte er schließlich. „Aber ob da noch jemand im Hintergrund mitmischt, kann ich natürlich nicht sagen.“

 

Tessy lehnte sich zurück. Auf dem Fahrrad war sie auch nicht schlecht, soviel stand fest. Aber sie bezweifelte, dass der Erpresser dieselbe Masche ein zweites Mal durchziehen würde, wenn sie es auch nicht gänzlich ausschließen durfte. Das bedeutete, dass sie auf alles vorbereitet sein und in Sekundenbruchteilen handeln musste, und zwar möglichst klug.

 

„Was machen Sie eigentlich, wenn Sie wissen, wo er wohnt oder untergeschlüpft ist?“, hob Tessy nach kurzem Überlegen erneut an.

 

Brandner lächelte. „Ich hole mir das Material. Dann kriegen Sie Ihr Honorar – damit verbunden ist Ihr absolutes Stillschweigen über die Angelegenheit. Ende der Durchsage. Mehr müssen Sie nicht wissen, oder?“

 

Tessy war sicher, dass Brandner dem Typen eine gehörige Abreibung verpassen würde, aber bei näherer Betrachtung war Erpressung auch kein feiner Zug, und ihr Mitgefühl hielt sich in Grenzen.

 

„Sie kriegen zehntausend, wenn Sie an ihm dranbleiben und mir seinen Aufenthaltsort mitteilen“, fügte er nach kurzer Pause hinzu. „Falls es nicht klappt, können Sie mir zwei Tagessätze berechnen. Außerdem zahle ich Ihnen jetzt sofort einen Vorschuss von fünfhundert.“

 

Das war ziemlich großzügig, denn abgesehen davon, dass sie sich übermorgen bereithalten musste, hatte sie in der weiteren Vorbereitung nicht viel zu tun. Tessy nahm das Angebot nach kurzem Grübeln an. Es war verlockend, darüber hinaus, keine Frage, nicht ganz ungefährlich, und sie durfte nicht mit Hanter darüber sprechen, soviel war klar. Doch das ganze Leben war gefährlich, und Dirk war in Gedanken ohnehin schon ganz woanders.

 

Wenige Minuten später stand sie wieder auf der Straße und war um fünfhundert Euro reicher. Das fühlte sich gut an. Trotz der ungemütlichen Kälte waren ganze Touristenschwärme unterwegs. Tessy entschloss sich, einen Abstecher bei Gertrud zu machen.

 

 

 

* * *

 

 

 

Hauptkommissarin Carola Stein war nicht zimperlich. Nicht, wenn es um Kälte ging und auch nicht, wenn sie eine Leiche in Augenschein nehmen musste. Aber diesmal hatte sie Mühe, Haltung zu bewahren. Die Kollegen von der 5. Direktion, der eigentlich zuständigen Polizeidienststelle, hatten sie gebeten, den Fall zu übernehmen. Sie war der Bitte nachgekommen und hatte den Fall zumindest fürs Erste übernommen. Mist, dachte Carola Stein, das kommt davon, wenn man sich hilfsbereit zeigt und als neue Hauptkommissarin Punkte sammeln will.

 

Eine junge Frau war tot aus dem Papenfuhlbecken geborgen worden. Das Papenfuhlbecken war ein kleiner Badesee, der an der Landsberger Allee zwischen Lichtenberg und Marzahn lag. Der See war aufgrund des strengen Frosts der letzten Zeit zugefroren. Nicht mal auf den ersten Blick hatte es so ausgesehen, als sei die junge Frau unglücklich ins Eis eingebrochen und unter die Eisfläche gerutscht, wo sie am Morgen von einem Spaziergänger, der die hungrigen Enten hatte füttern wollen, entdeckt worden war. Das Gesicht der Toten hatte direkt unterm Eis gelegen und ihn angestarrt. Der Mann, ein achtzigjähriger Rentner, war fast umgefallen vor Schreck und würde die Szene garantiert für den Rest seines Lebens nicht vergessen. Da er rüstig und fit wirkte, konnte das noch einige Jahre bedeuten.

 

„Niemand geht freiwillig nackt aufs Eis, oder?“, wandte sich der junge Rechtsmediziner an die Kommissarin, während er die Leiche untersuchte. Einige Beamte von der Kriminaltechnischen Untersuchung (KTU) waren ausgeschwärmt und suchten die Umgebung ab.

 

Carola Stein schwieg. Der Körper der Toten war von Schlagspuren übersät. Carola Stein starrte in das blau-bleiche Antlitz der Toten.

 

„Sie ist geschlagen worden“, erklärte der Arzt unnötigerweise. „Vielleicht sogar gefoltert. Viel mehr kann ich im Moment nicht sagen.“

 

„Wie lange …“

 

„Keine Ahnung. Die Leiche ist aufgrund der Kälte ziemlich gut erhalten. Wahrscheinlich etliche Tage, unter Umständen zwei Wochen oder länger. Aber nageln Sie mich nicht darauf fest. Ich melde mich, sobald ich Näheres weiß.“

 

Carola nickte nachdenklich und blickte hoch. „Können Sie sich erklären, warum man sie erst jetzt entdeckt hat?“, fragte sie schließlich. „Hier sind doch häufiger mal Leute unterwegs, auch im Winter.“

 

Der Rechtsmediziner wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen. „Vielleicht ist sie abgetrieben worden. Wie gesagt, ich melde mich, sobald ich Fakten habe. Dann können wir uns das Spekulieren sparen.“

 

Die Kommissarin machte sich auf den Rückweg in ihre Polizeidienststelle. Da es keinerlei Hinweise auf die Identität der Toten gab, musste sie die Vermisstenanzeigen durchgehen – oder durchgehen lassen, denn das war eigentlich keine angemessene Aufgabe für eine Hauptkommissarin.

 

Irgendwas ließ sie nicht los an dem Gesichtsausdruck des Opfers, und das hing nicht damit zusammen, dass der Anblick einer Wasserleiche meistens gruselig war. Der Frau war noch viele Tage nach ihrem Tod die Grausamkeit anzusehen, die sie hatte erleiden müssen.

 

 

 

In der Vermisstendatei fand sich zumindest im Berlin-Brandenburger Raum keine Übereinstimmung mit der Frauenleiche, und Carola Stein gab die Daten ans BKA weiter. Der erste mündliche Kurzbericht des Rechtsmediziners erfolgte noch am späten Nachmittag. Die junge Frau war Opfer eines brutalen Sexualdelikts geworden. Darüber hinaus war es nach Einschätzung des Mediziners möglich, dass der (oder die) Täter die Leiche nach den ersten frostigen Tagen vor zirka zwei Wochen an einer unübersichtlichen Stelle durch ein Loch unter die noch dünne Eisfläche geschoben hatte und das Opfer durch Strömungen in der Tiefe abgetrieben worden war.

 

Carola Stein bat um Weiterleitung eines gut aufbereiteten Fotos an die Medien. Sie hoffte, dass sich jemand melden würde. Viel Hoffnung hegte sie allerdings nicht. Die Frau war seit ungefähr zwei Wochen verschwunden, und niemand hatte sie bislang vermisst. Unter Umständen war sie eine Hure gewesen, und die Bereitschaft von Freiern und Kolleginnen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, war nicht gerade ausgeprägt.

 

Carola Stein beendete das Gespräch mit dem rechtsmedizinischen Institut. Nebenan saß Dirk Hanter hinter seinem Schreibtisch und räumte seine Schubladen aus. Sie schüttelte immer noch den Kopf über seine offensichtliche Affinität zu privaten Ermittlern. Allein die Frage, ob sie die Zusammenarbeit mit Detektiven nicht auch schon mal zu schätzen gewusst habe und ob sie nicht auf seine diesbezügliche Erfahrung zurückgreifen wolle, war eine Zumutung gewesen.